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Dienstag, 17. September 2013

Eine öffentliche Erklärung und Empörung



Hiermit erkläre ich öffentlich dass auch ich damals
die Forderung, dass „freiwillige“ sexuelle Handlungen von Kindern
nicht weiter unter Strafe gestellt werden dürften
durchgewinkt hätte und nie und nimmer
mir und uns in den Sinn gekommen wäre
damit unfreiwillige sexuelle Handlungen
Gewalt und Ausnutzen von Machtrollen
straffrei zu stellen.

Und ich erkläre hiermit öffentlich dass ich sicher bin
dass Jürgen Trittin genauso und wie viele andere
auch in anderen Parteien es so und nicht anders
verstanden haben und verstanden haben wollten

außerdem erkläre ich hier öffentlich
dass ich die Aussagen dazu aus
den Reihen der Regierungspartei
beschämend und skandalös finde
und für einen mehr als
schäbigen Versuch halte
auf Kosten der Opfer von Pädophilen
im Wahlkampf daraus
Kapital zu schlagen

das halte ich für wirklich
gravierend und die Frage zulässig
inwieweit sich das denn
mit einem verantwortungsvollen Umgang
mit Regierungsmacht und Präsentation der
Bundesrepublik Deutschland im Ausland
in Einklang bringen lässt
im Gegensatz zu dem von gleicher Seite
verurteilten Zeigefinger
des Kandidaten der Opposition

hiermit erkläre ich öffentlich auch
dass ich maßlos von unseren Medien
enttäuscht bin, mich missbraucht fühle
von ihrer „Berichterstattung“ in diesem „Fall“, der keiner ist
wie sie einen Kandidaten zum „Vertreter der Pädophilen“
erklären und so tun
als hätte er den Text nicht nur
im presserechtlichen Sinne,
von ihm längst zugeben aus der Zeit heraus
und aus opportunistischen Wahltaktikgründen,
weil damals alle Forderungen von Initiativen
und damit er und die Grünen noch mehr, im
nachhinein gesehen, dummes Zeugs verantwortet hätten,
ja, er sprach ausdrücklich von Fehlern,

darstellen als hätte er es ausdrücklich gebilligt
und erkämpft, und ich bin enttäuscht und sauer, wie er
und seine Belege verfälscht und aus dem Zusammenhang
gerissen geliefert werden, als hätten diese Medien
nur einen Auftrag: der alten Regierung
wieder an die Macht zu verhelfen
wie auch eine Partei, die in Echtzahlen
(Nichtwähler mitgerechnet) nicht mal mehr
3 bis 4 Prozent unseres Volkes sehen wollen an der Regierung und
im Parlament, mehr „Berichterstattung“ erhält, heißt, die Möglichkeit
ohne von ihnen bezahlte Werbespotts sich pausenlos
auf allen Kanälen darzustellen, ohne dass ihre wahren Ziele und Taten
als gut bezahlte Lobbyisten der Versicherungskonzerne und anderer
den gleichen Medien kritische Nachfragen Wert wären, als die Grünen
oder auch die SPD, geschweige denn die „Linke“ oder „Piraten“.

Für wen geschieht dies alles, woher kommen die Scheren,
woher die Giftpfeile, wer reicht die Köcher an, wer sind die Schergen
geht es um Posten, Anzeigen, um das Land oder um Rache, um Hass
um die Rechnungsbegleichung mit den 68ern, Willy Brandts „mehr Demokratie“?
Um was geht es einigen hier, die nichts, aber auch gar nichts
verstanden haben von der Entwicklung dieses Landes, von den Verdiensten derer
die sie stets sofort und in gleicher Manier bekämpft haben und ohne die
trotzdem das Land heute nicht so erfolgreich wäre, so kulturell und
voller Leben, Meinungen und Innovationen?

Hiermit erkläre ich hier öffentlich, dass ich mit diesen Medien
so lange nichts mehr zu tun haben will, bis diese sich entschuldigen
und bis auch sie ihren Anteil an der Verharmlosung
angeblicher Sexualität von Kindern so frei untersuchen lassen
wie es die Grünen und Trittin hinsichtlich ihres alten Programmes
öffentlich und ausführlich, wie nachvollziehbar getan haben

und ich erwarte auch von anderen Parteien und Institutionen
diesen Umgang mit ihrer Geschichte, nicht vergessen habe ich
im Gegensatz zu den Medien, wie die katholische Kirche mit ihrem
Forschungsteam von Christian Pfeiffer umging, die durften nicht,
was die Grünen ihrem Professor Walter gestatteten und das
ohne Rücksicht auf den Wahlkampf, das verdient Respekt
und nicht die Verdrehungen und Rücktrittsforderungen und
was sonst noch so jetzt aus den Medien quillt.

Auch erkläre ich hier abschließend öffentlich, dass ich für Jürgen Trittin
den ich auf vielen Fahrten von Göttingen nach Hannover
und zurück vor langer Zeit kennen lernen konnte, diesbezüglich
und auch bei vielen anderen seiner Worte
öffentlich gerne und jederzeit die Hand ins Feuer lege
auch wenn das einige sofort wieder als Parteinahme und fehlende
Objektivität und Sachlichkeit auslegen möchten.
Er hat es verdient, durch seine Taten belegt
in vielen gerade auch für ihn schwierigen Zeiten!
Und das alles schreibe ich und bin doch nie Wähler der Grünen oder gar
ihr Mitglied gewesen, was mich nicht hindert ihren Beitrag
an der Regierung zu genießen und zurück zu sehnen!

V.i.S.d.P.:
Jörn Laue-Weltring, weil ich das hier
alles so wirklich unterschreibe
und nicht nur durchwinke, was mir
auch schon mehr als mir lieb,
geschehen ist.

Mittwoch, 31. Juli 2013










Peter Silie

grummelnd:





Was sind wir doch verraten,
von jeder Wahrheit fern,
als hätten wir von allen Taten
die Lügen besonders gern.

wir hören, lesen, fragen
vergeblich in den Sturm
erleben wie sie „alles“ sagen
steuern von ihrem hohen Turm

kommt, lasst uns dagegen
schweigen … … … …
… … … … … … …
… … … … … …!

Der Kandidat

Er ist mein nicht zu verdrängender, von mir aus gesehen, unfreiwilliger Favorit, mein Kandidat wie eine Pille vom Arzt verordnet. Ich kann nichts dafür. Er schon.
Meine Partei hat ihn dafür gewählt und in das Rennen geschickt. Und so rennt er nun, mal so, mal  anders, wird hier fotografiert, dort gefilmt, mal darf er einfach so redend erscheinen vor uns, mal soll er dem Reporter antworten, dann darf er mal die Hände schütteln, die Menschen anlachen, auf Podien mit Mikrophon auf seine Einsätze warten und was halt so getrieben wird in einem Wahlkampf in dem es um alles geht, wie es ja jedes Mal um alles geht, das Land, die Welt, die Wirtschaft, das Wetter.
Er tut mir leid, vor allem hätte ich ihn nicht ausgewählt. Das taten andere, Medienmenschen, wie auf Knopfdruck präsentierten sie ihn, der eigentlich schon weg vom Fenster war, jedenfalls von erstrebenswerten Ämtern, der rumreisen durfte und in Hotels übernachten auf Kosten anderer, Reden halten vor Gutbetuchten, die ihn nicht nur gut bezahlten sondern auch herzlich applaudierten zu seinen Worten und an den von ihm so erhofften, richtigen Stellen auch lachten.
Mächtige Männer und ein paar wenige mächtige Frauen, Banker, Industriekapitäne (mit und ohne Patent für die hohe See). Und er glaubte ihnen ihre Sympathie und Achtung für ihn, glaubte den Geldflüssen auf seinem Konto, fühlte sich als ehemaliger Minister des reichen, kleinen Landes ihnen fast ebenbürtig, aufgenommen im Kreis der klug und richtig Handelnden, der Erfolgreichen und Schönen. Glaubte er.
So ließen es die Medienmenschen die Menschen des Landes ebenso glauben und so stieg er auf einer Sympathiewelle plötzlich höher und höher, bis seine, also auch meine Partei, nicht mehr anders konnte, als ihn zu ihrem, meinem Kandidaten zu küren.
Er hat das Pech gehabt, dass irgendwann in grauer Vorzeit ihm mal Menschen zugehört haben und gelacht und dafür Stimmen gegeben haben. Seitdem redet er so, dass er immer auf Punkte kommt, egal bei welchem Thema. Lachen muss bei seinen Vorträgen sein. Er ist dabei nie wirklich witzig, eher hämisch, sarkastisch, versucht den Lacher dort zu setzen, wo sich alle in einem, seinem Boot fühlen, schlauer, gewitzter und mehr auf dem Punkt als die anderen Redner, Politiker, dekorierten oder selbst ernannten Schlauköpfe im Lande. Neben dem Gelächter überbrachten ihm die Köpfe der Zuhörer daher jedes Mal auch ein kräftiges Nicken der Köpfe ein. Und so zieht er nun durch die Lande und versucht zu punkten, zielt auf Gelächter und Kopfnicken und plötzlich, nun wo er der Kandidat ist, der laut Medienmenschen der einzige, beste und denkbare Kandidat sei für die große alte Partei, erntet er selber Häme und statt Kopfnicken Kopfschütteln, wird wie ein Runnig Gag durch die Medien gescheucht, karikiert, verlacht, nach unten getreten.
Vielleicht hatte er vergessen die schönen Geschichten und Märchen seiner Kinderzeit, oder sie sind ihm nie vorgelesen worden, er wirkt auch nicht wie einer, der Märchen mag. gibt sich anti märchenhaft, obwohl er dabei doch nur wie ein Märchenonkel alter Schule rüber kommt. Ja, die Märchen in denen die Mächtigen, die Könige sich Hofnarren hielten, ahnungslos wohl war er selber einer geworden, von Einladung zu Einladung mehr, war begeisterter Besserwisser geworden mit originellen Ausdrücken und Satzwendungen, hatte sich an den Höfen gesonnt und wäre besser dabei geblieben, als sich als Narr auf den Weg zu machen Kalif zu werden anstelle der Kalifin.
Bei alledem ist er nicht dumm und hat durchaus Substanz in seinem Denken und Handeln. Aber es nützt ihm nichts, da er es nicht dabei belässt, Sache und Inhalte wirken zu lassen. Er wirkt getrieben, zu sehr nach den Big Points schielend, als dass man ihm seine Kompetenz und Fähigkeit zum Kalifen noch abnehmen mag oder kann.
Vor allem da die Medienmenschen nur auf Ausrutscher, Gags und Zoten bei ihm warten und alles andere von ihm mit Missachtung und Schweigen strafen. Sie geben ihm keine Chance, da der Unterhaltungswert seiner Show-Einlagen angeblich die Leser mehr interessiert, andere meinen zu interessieren hat, als seine ernsthaften Bemühungen, seine Sicht auf unser Land, die Erde, die Wirtschaft und das Wetter, seine Pläne damit, seine Lösungen.
Und so zieht der Wahlkampf über das Land wie ein Gewitter mit Wetterleuchten in der Ferne, gelegentlichen Wolkenbrüchen, aber ohne Blitz und Donner wie es sich für ein richtiges Sommergewitter gehört und im Herbst soll gewählt werden, wenn die Blätter fallen und die Gewitter seltener sind.
Und die, die vorher schrieben, sprachen, kommentierten „nur der kann es!“, die werden schreiben, sprechen, kommentieren: „Der konnte es nicht, war der falsche Mann“. Und er wird wieder zu Hause sein, sich die Wunden lecken und auf die Einladungen warten. Vielleicht geht er noch selber als Gewitter in die Medien, beschimpft diese und seine Partei, klagt über Dolchstöße, Unfairness gegen und Hängenlassen des Kandidaten. Vielleicht werden sie es noch schreiben, in Filmchen zeigen, kommentieren, vielleicht mit ein wenig schlechtem Gewissen aber dann steht schon wieder Weihnachten vor der Tür und es warten andere Geschenke auf sie.
Nein, mein Kandidat ist mein Kandidat nicht, weil ich genau das vorher gesehen habe, mir gar nichts anderes vorstellen konnte, wenn ich ihm auch gewünscht hätte, und mir und meiner Partei, er möge es schaffen, sich anders zeigen, umkrempeln sich selber, bevor er es mit dem Land versucht, ja gehofft hatte ich. Blieb mir ja auch nichts anderes übrig.
Ich bin jetzt auch nicht enttäuscht von ihm. Er kann ja nicht wirklich was dafür. Er ist wie er ist, mein Kandidat und die Medienmenschen sind wie sie sind und die Mächtigen, die das Schauspiel mit bezahlen und arrangieren und vielleicht auch mal dirigieren sind auch wie sie sind und nichts ist überraschend oder sonderlich ausgefallen. Eben nur dumm gelaufen und der Zufall lacht sich kaputt über unsere Naivität an ihn zu glauben.

Samstag, 6. Juli 2013

Ungenaue Erinnerungen und ihre Folgen



„Nicht bewegen. Und: Goschn halten, einmal die Goschn halten! Jetzt red i! Ihr habts lang genug geredet. Daran erinnere i mi!
I soll mich nich erinnern, das weiss i, aber ich tus, und zwar an alles. Auch wenn i net weiß, welche Erinnerung wirklich di meine is, welche von mein Mutter und was von die Bilder kommt.
Euer Alois, der hat scho recht, dass man sich nicht an alles erinnern möcht und sich selbst nur die allerbesten Erinnerungen behält.
An Euch beide aber erinnere i mi immer. Jeden Tog. Von früh bis spat. Jeden Tog.
Wie mei Mutter hat schuften müssen für Euch, Gott hab sie selig, immer, all die Tog und kei Zeit hat für mie. Nimmer. Und ich auch hab springen müssen, das erinner i mi und zwar recht fad.
De Alois hat recht, Euer Sohn, ihr seids a Greuel, Leuteschinder seids.
I erinner mich an wenig schöne Tog, ans Schuften allweil aber schon, mehr als gnug. I wüßt gern, was noch war, was i nit erinnern tu.“
„Was redest fürn Schmarrn!“
Der große Mann auf dem Teppich vor dem Sofa sah richtig wütend aus und ungeduldig. Die Frau neben ihm legte ihm ihre Hand auf den Arm, versuchte ihn zu beruhigen.
„Goschn. Halts Goschn! Kruzifix! Jetzt red i und zwar von meinen Erinnerungen, meinen, verstehts mi? Die, die ich selber hab und nicht die, die haben sollt, wie ihr es wollt. Mei Leben!
Nix das mit Dankbarkeit, das i hab bei Euch fressen dürfen und schlofen, wie mei Mutter, Gott hab sie selig. Jo freili, die Geschenke zweimal im Johr, an Christkindl und Namenstag, dass de Arzt immer kommen is, wenn’s muß. Schöne Gchichten, Eure nicht meine. Alles fad.
Aber immer mußt i schön Danke machen und Bitte, Bitte. Geschlagen habs mi nit, aber gequält, bös anschauen, wenn was war. Ja Du, mit Deinem dicken Bart, Du besonders, seitdem mog i kei Leut wie die Bart.
Euer Bub meint auch, dass man sich erinnern tut durch Wiederholung, sagt er, was immer und immer wieder passiert, das wird einem das Leben nachher, und was nit wieder auftaucht, is dann weg. Und da zeigts noch Fotografien daher, dass man am End ein anderes Leben glauben tut, aber nimmer mit mi!“
„Ich halte es nicht mehr aus! Wer hat Dir diesen Quatsch eingeblasen? Redest doch sonst nicht so gescheit daher? Ist es wegen der Mutter ihren Tod, Jung?“
„Loß mei Mutter weg, loß sie weg! Goschn!!!“
„Aber er hat doch recht, was redest Du?“
„Du a! Hochnäsig Zieg, allweil kalts Weib. Ni durft i mi normal fühlen, immer Deine Augen, dass i deppert bin und geduldet, wenn die Mann nicht gwesen wär, hättst mich doch allweil schon fortgejagt!“
„Aber Hans-Hermann!“
„Nix Hans-Hermann! Für euch nimmer.“
Der Mann wirkte jetzt entspannter, ruhiger, richtete sich halb auf.
„Was willst? Was sollen wir tun?“
„Nix, nix halt! Goschn! Will mei eigene Bilder zrück, mei Erinnerung! Mei Kindheit und nicht Euren Schmarrn!“
„Und die Ausflüge, der Urlaub damals in der Türkei?“
„Schmarrn! Nur wegen Eurem Bub, dem Alois, weil der nicht allein sein sollt und de Mutter als Euer Magd! Nix Urlaub, Ausflüge, i erinner mi an nix.“
„Und die schönen Dias, Hans-Hermann, weißt Du noch wie wir alle gelacht haben hinterher, an dem schönen Abend?“
„Nix gelacht! Schmarrn! Lustig gmacht habt ihr Euch. Sonst nix. Sagt der Alois auch.“
„Das soll unser Sohn gesagt haben?“
„Goschn! Jo! Kruzifix!“
Der Knall war leiser als Hans-Hermann erwartet hatte, der Rückschlag des Gewehres dafür heftig. Der große Mann zuckte nur einmal kurz und blieb dann bewegungslos liegen. Die Frau schrie auf und warf sich auf den Mann.
„Goschn! Du kommst auch noch dran. Wenn i fertig bin. Noch bin i net fertig.“
Die Frau sah ihn nicht an, weinte und begann das Gesicht des Toten zu küssen.
„Jetzt heulst! Gut! Heul i net, sondern endlich mal Du! Aber i geb di net son Tempo für die Tränen. Ja, das hast mir schnell gegeben, immer, damit i aufhör zu plärren, weils Dich nerven tut.“
Die Frau drehte ihren Kopf, sah Hans-Hermann direkt in die Augen.
„Was, was haben wir Dir je Böses getan? Sag mir was?“
Sie schrie es, laut, kreischend, dass sich ihre Stimme unangenehm überschlug.
„Du bist fad.“
Auch der zweite Schuss traf und die Frau starb sofort, brach über dem Leichnam ihres Mannes zusammen und rührte sich auch nicht mehr.
„Na endlich!“
Der junge Mann betrat die Stube und schritt um die beiden Toten herum.
„Alois!“
„Ja, das war sauber!“
Der mit Alois angesprochene brachte seine rechte Hand nach vorne, in der er eine Pistole hielt. Er drückte ohne eine Gesichtsregung sofort ab. Hans-Hermann ließ das Gewehr fallen und fiel auf die beiden Toten.
Der junge Mann nahm sein Handy heraus und rief die Gendarmerie an, die kurz darauf vor dem Wohnhaus eintraf. Ihre Wagen füllten rasch den großen Platz zwischen Hof und Sägerei.
Der junge Mann empfing sie weinend vor der Tür sitzend.
Drinnen fiel den Polizisten sofort der aufgebrochene Waffenschrank auf.
„Und sie haben nichts gehört vorher, keinen Knall, nicht den Krach von dem Aufbruch?“
Nein, er habe nichts gehört, habe geschlafen, erst als er müssen habe müssen und auf dem Weg zur Toilette, da habe er den Hans-Hermann gehört und vorsichtig durch den Türspalt geschaut und gleich angerufen. Als es aber geknallt habe, habe er die Pistole vom Vater geholt und sei in die Stube gekommen, aber leider zu spät. Viel zu spät.
Der Kommissar aus der Kreisstadt nickte. „Und, haben sie eine Erklärung, warum der das getan hat? Rache? Und wenn ja, wofür?“
„I glaub der war ganz wirr im Kopf wegen dem Tod seiner Mutter.“
„Die ist in die Maschine gekommen vom Sägewerk, sah fürchterlich aus, alles voller Blut und nichts mehr zu machen. Ihr Sohn hat sie gefunden.“
Der Wachtmeister Franz sagte es und sah misstrauisch zu dem Alois dabei.
„Gab es eine Untersuchung?“
„Ja, aber sie muss wohl irgendwie gestolpert sein beim Putzen der Maschine und versehentlich an den falschen Knopf gekommen. Es kam nicht mehr Gescheites raus bei der Untersuchung“.
Der alte Franz sah den Kommissar an und wartete. Ein Jahr noch, dann ging er in Pension. Und hatte nichts mehr mit diesen unerfreulichen Geschichten zu tun.
„So? Na ist ja auch egal. Hier ist die Sache wohl ziemlich eindeutig Notwehr.“
Der Wachtmeister Franz sah ihn kommentarlos an, dann zu dem jungen Neuerben. Er erinnerte sich mehr als genau an so manchen üblen Streich des Jungen, Streiche für die meist der Hans-Hermann oder andere Buben aus dem Dorf die Schuld bekamen. Was aber so nur geflüstert wurde. Dessen Eltern mochten dagegen alle hier im Dorf, um die tat es ihnen leid wegen dem missratenen Bengel. Konnten nichts dafür. „Ist halt böses Blut in ihm. Wer weiß, wo das herkommen mochte“. Und jetzt waren die tot.
Am nächsten Tag war der Mord natürlich Dorfgespräch, alle bemitleideten den Alois, fanden den nun nett und „das hätten der und seine lieben Eltern nun wirklich nicht verdient. Wo die alle drei doch stets so nett zu Hans-Hermann und seiner Mutter gewesen waren.“
Es sprach keiner mehr von den Gerüchten, dass die wahrscheinlich nur auf dem Hof sein durften, weil der Großvater der Erzeuger vom Hans-Hermann gewesen wäre und man einen Skandal hätte vermeiden wollen. Niemand erinnerte sich plötzlich an die tollen Streiche und Eskapaden des Alois, an seine Faulheit und Hinterhältigkeit. Nun war er nur noch der „leeve Bub“ und neue Sägewerksbesitzer samt großem Bauernhof.
Nur der alte Franz guckte scheel und machte sich seine Gedanken. Er fuhr in die große Stadt und erfuhr dort, dass der Alois schon länger nicht mehr in der Universität eingeschrieben sei, von der Zimmerwirtin, dass der „junge Kerl allweil Weiber ghabt hätt und Radau gmacht in die Nacht, weswegen sie ihn gekündigt hätt, aber der sich nicht gerühret hätt. Na, ja, jetzt sei er ja von allein gangen.„
Da schaute der alte Wachtmeister wieder zufriedener. Er fuhr in die Kreisstadt und erzählte dem Kommissar von seinen Gedanken. Der wollte erst nicht, musste dann aber zugeben, dass es nicht aus zu schließen war.
„Setzt aber ein gehöriges Maß an krimineller Energie voraus!“
Das gab der Franz zu.
„Erst die Mutter, nur um deren Bub …?!“
„Wahrscheinlich. Vielleicht hat er sie aber auch und wollts vertuschen!“
„Können sie sich das denn vorstellen?“
„Naja, fesch war die noch, ist ja erst 14 gewesen, als der Hans-Hermann kam.“
„14?!“
„Jo.“
„Aber, das wäre ja wirklich ein Skandal, wenn der Großvater das war.“
„Jo!“
„Und sie meinen …?“
„Jo!“
Daraufhin wurden alle Akten neu durchgesehen und alles überprüft. Es nützte nichts. Sie konnten weder beweisen, dass Alois selber den Waffenschrank aufgebrochen, noch dass er das Gewehr geladen und für Hans-Hermann parat gelegt hatte, noch war zu beweisen, dass er so lange gewartet hatte mit seinem Eingreifen, bis seine Eltern tod waren, und auch nicht den Mord an der Mutter.
Der Kommissar und der Franz resignierten schließlich, nicht zuletzt weil der Franz seine Pension antrat.
An einem Sonntag, zwei Stunden vor Kirchgang, betrat der alte Franz das Sägewerk. Er hatte keine Mühe gehabt hinein zu kommen.. Die Behälter, die er den Berg mit etwas mehr Mühe als ihm lieb, den Berg hochgetragen hatte, stellte er daneben ab und legte Schläuche von ihnen zur Maschine, danach stellte er die große Maschine an.
Binnen Minuten kam Alois in das Gebäude gerannt, mit vom Alkohol geröteten Augen und wütend.
„Wer ist da! Was soll das?“
„Erinnerst di net?“
Der alte Franz hatte sich vor dem Eintreffen vom Alois bereits hinter dem Gebäude versteckt und sprach nun durch ein Megaphon.
„Hast sie hier gevögelt oder im Haus? Hat sie geschrien Alois? Kannst di erinnern?“
„Komm raus, Du Hund! Ich geb Dir’s aufs Maul!“
Franz aber war bereits zum großen Tor geschlichen, schob es schnell zu, drehte den Schlüssel und ging kichernd vom Hof den Berg hinunter, ohne dass ihn jemand sah, schließlich bereite sich das Dorf auf den Kirchgang vor und dabei sieht man kaum mal zum Fenster raus.
Im Sägewerk explodierte es derweil dreimal kurz hintereinander und daraufhin schossen schon die ersten Flammen durch das Dach.
Der Kommissar stellte hinterher öffentlich fest, dass es wohl Selbstmord war und somit ein spätes Schuldeingeständnis.
Da kamen die alten, echten Erinnerungen wieder zurück ins Dorf. Wie der Alois so wirklich war, und jeder es hatte kommen sähen, dass das kein gutes Ende gäben würde mit dem.
Wochen danach, als schon kaum jemand mehr darüber sprach und die Gemeinde bereits einen neuen Eigentümer und Betreiber für Sägewerk und Hof gefunden hatte, besuchte der Kommissar aus der Kreisstadt noch einmal den alten Franz auf dessen kleinen Hof, wo der alleine wohnte, weil ihm die Frau schon lange verstorben war.
„Des geht nit, das weißt schon!“ sagte der Kommissar nach dem ersten Begrüßungsschnaps.
„Jo!“
„Muss ein End haben, Franz!“
„Jo!“
„Das darf mer nett! Ist kein Recht sowas!“
„Jo!“
Beim Abschied an der Tür hielt Franz den Kommissar am Ärmel fest.
„Ist der Krebs! Drei Monat noch, oder zwoa, oder viere! Dann wars!“
„Sowas in der Art dachte ich mir.“
„I wollt a bessere Erinnerung ham auf dem Sterbebette, woast. Damit i hinterher besser schlof.“
„Ist schon recht. Zwei oder drei Monate. Tut mir leid.“
„A Schmarrn is.“

P.S.:Mit Dank an Günter Landsberger, durch dessen Erinnerungsgedanken ich auf die Idee kam

Freitag, 28. Juni 2013

ein nicht stattfindender Bundestagswahlkampf 2013

stellt 
erschrocken
fest und 
fragt sich:

mit guten Positionen
und angenehm
gescheitem Auftreten
kann man im Wahlkampf
in diesem Lande
nicht mehr punkten

jedenfalls nicht
in unseren Medien
da finden nur Kuriositäten
Versprecher statt Versprechen
ansonsten Langeweile statt

wer hat da die Macht
bestimmt die Themen, den Ton
hilft so denen über die Hürde
denen genau diese Berichterstattung
zu Stimmen und Wiederwahl verhilft
wer dirigiert da
im Hintergrund dieses
Auf und Nieder von Kandidaten
die Meldungen für den Mülleimer
und die für die Veröffentlichung

wie kann das sein, dass es so
im Gleichklang geschieht, quer
durch alle, wirklich alle Medien
beraubt uns so der Demokratie
auf leisen Sohlen mit der
bösartigen Fachbehauptung:
nur „bad news seien good news“?

(c) Bild: Philipp Weltring, Text: Jörn Laue-Weltring Lingen 2013