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Donnerstag, 23. Januar 2014

verhexter Winterzauber



Es war nicht der Winter, es war der Frühling der ihr Kummer bereitete. Aber noch war ja Dezember, bestand die Hoffnung auf Schnee und Winterspaß in ihren Bergen zusammen mit Thomas, ihrem diesjährigen Favoriten auf ein Leben zu zweit bis das der Tod sie scheidet, der Tod und nur der Tod.
Im Winter hatte sie sich noch nie getrennt. Im Winter war stets die Zukunft voller Geigen, schon als Kind. Trennungen folgten im Frühjahr, pünktlich mit der Schneeschmelze, obwohl das eine nie etwas mit dem anderen zu tun hatte. Zu tun hatte es mit dem Beisammensein in der alten Hütte der Familie hoch oben in den Bergen.
Und es hatte damit zu tun, dass sie es nicht glauben mochte, sich nicht vorstellen konnte und wollte, dass alle so waren, alle es tun würden. Aber dieses Jahr war etwas anders. Alle waren an der Reihe gewesen, hatten sich bedient. Nun blieb keiner mehr für den beschissenen Frühling.
Rita kaufte also Geschenke ein, für ihn viel, groß, teuer, dann noch ein paar kleine, preiswert nicht billig, darauf achtete sie stets. Letztere waren für die Eltern, den Bruder und die drei Schwestern. Alle vier Geschwister und die Mutter sollten dieses Jahr etwas anderes, ganz besonderes bekommen und dazu noch äußerst preiswert. Preiswert für die Schenkende und wirkungsvoll für Beschenkten.
Um 9 Uhr holte sie Thomas von seiner Wohnung in München ab und fuhr mit ihm froh plaudernd bis zur Abfahrt nach Kufstein / Oberaudorf. Dort bog sie von der Autobahn ab und erzählte ihm, während sie mit dem Wagen durch die Dörfer und Hügel auf und niedertauchte, was sich in den Jahren zuvor auf der Hütte zugetragen hatte.
Thomas, ein, wie er sich selbst gern nannte, Selfmademan der Event-Emotion-Scene, hörte ihr überwiegend stumm zu, nickte oder schüttelte den Kopf, mal hin und her zu beiden Seiten, dann wieder von oben nach unten und zurück.
Er trug nicht wenig eitel die Bräune des Sonnenstudios um die Ecke in seinem Gesicht spazieren und genoss die Vorstellung der munter plaudernden Fahrerin schon in der Heiligen Nacht den Rest der monatlichen Bräunungserfolge auf seinem Fitness-Studio-Körper präsentieren zu können. Seine mittlerweile 43 Jahre Leben wären so kaum zu entdecken, dachte er, allenfalls deren 30 Jahre.
Für die Fahrt zu ihrer Hütte hatte er sich für ein Edel-T-Shirt und einen Designeranzug in modern-schwarz entschieden. Falls es kälter werden sollte, lagen entsprechend passende Pullover in seinem Koffer hinten im Kofferraum ihres Wagens für ihn bereit. Insofern konnte nichts schief gehen bei diesem Ausflug, hatte er doch auch noch ein angenehm funkelndes Schmuckstück für sie als Geschenk in einen kleinen Karton, den wiederum in allerlei weitere, jeweils größere Kartons verpackt, dazu einen Flugschein für die Dominikanische Republik.
Was sie mit ihrer für ihn äußerst angenehmen Sing-Sang-Stimme erzählte klang traurig, schien ihm aber zu ihr zu passen.
Sie war in seinen Augen ein äußerst attraktives Karriereweib, schlank, fit, goldbraun belockt auf den Kopf mit kräftigen und genau richtig matt glänzenden Haaren. Ihre Proportionen schienen ihm wie von einem Künstler modelliert und ihre Art zu gehen, das Steuer zu bedienen, den Kopf zu halten, erinnerte ihn an faszinierende Hollywoodszenen.
Sie war jedes Mal im Frühling verlassen worden. Umso besser. Der Frühling war noch weit und er hätte ohne dieses für ihn nicht nachvollziehbare Fehlverhalten seiner Vorgänger heute nicht ihr Lover sein können. Also gut für ihn.
Es hätte immer bereits in der Hütte angefangen. Nun ja. Was interessierte ihn das. Warum auch immer. Er konnte darin keinen Sinn erkennen. War sie doch nur mit ihrer Familie dort gewesen. Was konnte diese Idioten vor ihm da schon auf fremdgängerische Gedanken gebracht haben können.
Viel mehr Sorgen bereitete ihm ihr Fahrstil. Sie schien weder Geschwindigkeitsbeschränkungen noch zu enge Straßenschluchten zu kennen oder zu fürchten.
Sie fuhr so rasant, so aggressiv, dass er sich nicht traute seine Hand auf ihren Arm zu legen oder sie mündlich zu vorsichtigerem Fahren zu ermutigen. Letzteres schien ihm auch wenig geeignet seiner Rolle hier Pluspunkte zu verschaffen.
Umso erleichterter war er, als sie hinter Oberaudorf endlich oben auf einer Alm das Fahrzeug unbeschädigt anhielt und leise, fast flüsternd sagte:
„Wir sind da, Liebling.“
Er sah vor sich eine Bilderbuchhütte und ihn freundlich anlächelnd eine Horrorgruppe in schrillfarbenen Klamotten, zum Teil auf Gehhilfen gestützt, zum Teil mit rotleuchtenden Narben in den Gesichtern unter wilden Haarfrisuren.
„Na, wen bringst Du uns dieses Mal?“ Das fragte der dem äußeren nach älteste der Gruppe, wohl der Vater.
Der Gebrachte sah zu seiner rasanten Fahrererin. Die grinste nur und stellte ihn mit knappen Worten vor.
Der ältere Mann, als einziger ohne sichtbare Blessuren, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Herzlich willkommen bei den Raunachts.“
Man begab sich, einander munter vorstellend, zusammen mit dem Gepäck in die Hütte.
Bald schon wurde es jahreszeitgemäß dunkel auf der Alm und den Bergen und ein scharfer Wind begann an den Holzschindeln auf dem Dach zu zerren. Die ersten Schneeflocken wirbelten umher und verklebten die Fenster.
Im Kamin verwandelte sich der Wind in ein seufzendes Orchester mit immer wieder überaschenden Tönen.
Trotzdem überredete die Familie ihn, mit nach draußen zu kommen, sich dort das Schauspiel an zu sehen. Sie hakten ihn unter und zeigten ihm die Kaiser, den wilden und den zahmen. Das eigentliche Ziel seiner Fahrt hierher blieb in der Hütte um sich frisch zu machen. Sie hatte keine Angst um ihn. Noch nicht. Noch war es ja nur der Abend, nicht die Nacht.
Schritt für Schritt wurde er von der Hütte fortgezogen zum Waldrand. Dort versammelten sie sich um ihn und wollten wissen, was ihre Tochter erzählt hätte über ihre Familie. Er wurde verlegen, dann aber einer Antwort enthoben indem sie ihm genau das sagten, was er auch schon auf der Fahrt zu hören bekommen hatte. Nur mit einem Unterschied: sie bestanden darauf, dass kein Wort davon wahr wäre, im Gegenteil das Ungeheuerliche stets von ihr, der Tochter und Schwester ausgegangen wäre.
Ihm wurde trotz seiner High-Teck-Ummantelung kalt, aber nicht mehr nur von Wind und Schneetreiben.
Der Reihe nach schilderten ihm alle, wie sie zu ihren Blessuren gekommen waren. Jedes Jahr Weihnachten hätte ihre Schwester und Tochter rasend vor Eifersucht einen von ihnen überfallen, angegriffen oder anders verletzt. Dabei wären ihre Typen alle von alleine davon geeilt, als sie erfahren hatten, dass sie mit der Tatzelwurmin zusammen gekommen waren. Keiner aber wäre ihr entkommen, alle habe sie im Wald verschlungen.
Als moderner, nüchterner und geldgieriger Mann kam ihm das alles dann doch absurd vor. Auch, dass diese Truppe hier ihm glauben zu machen versuchte, ihr Familienmitglied wolle diesmal alle vergiften, um für immer vor ihnen ihre Ruhe zu haben und ungestört Männer hierher zu bringen.
„Tatzelwurmin! Was soll das sein?“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da kam seine Fahrerin und erotische Sehnsucht für die Nacht den Hang hochgeschossen und erhob sich über ihm in die Lüfte, nicht ohne ihre plötzlich erscheinenden Klauen in ihn hinein zu krallen und ihn so vom Waldboden zu entfernen.
Im gleichen Moment knallte es und er landete wieder auf dem Boden, bedeckt nun mit einem Vogeldrachen, einem fliegenden Dinosauerier nicht unähnlich.
„Die Tatzelwurmin!“
Man befreite ihn, untersuchte ihn auf eventuelle Schäden und führte ihn zurück zur Hütte.
Der Vater fragte ihn: „Raunächte, kennen sie wohl nicht?“
„Ja, jetzt, sie, sie sind die Raunachts.“
„Nein, die Raunächte. Wer sich da draußen rum treibt kommt selten ohne Schock oder auch gar nicht zurück.“
Nach ein paar stark alkoholischen Getränken war er froh, sich endlich schlafen legen zu können.
Am nächsten Morgen weckten ihn die durch den Neuschnee verstärkten Sonnenstrahlen. Vor ihm saß seine Begleiterin und reichte ihm einen Espresso.
„Was war los mit Dir gestern? Du bist plötzlich umgefallen und warst nicht mehr wach zu kriegen.“
„Umgefallen? Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, wie Deine komische Familie, entschuldige bitte, mich zum Wald entführt hat und allerlei Abstruses von sich gab bis Du gekommen bist, Dich in einen Flugsaurier verwandelt hast oder so etwas ähnliches und abgeschossen wurdest.“
„Träumst Du öfter so wild, davon habe ich ja noch gar nichts bemerkt.“
„Geträumt? Umso besser. Und wo ist Deine Sippe heute Morgen?“
„Weg! Endgültig. Wir haben die Hütte nur für uns.“
„Wieso weg?“
„Sie haben ihr Geschenk schon erhalten und das reichte ihnen.“
„Und wo sind sie hin?“
„Weg. Kann Dir doch egal sein.“
Sie lächelte ihn an und verließ den Raum. Die Gelegenheit nutzte er, um seinen Körper auf eventuelle Spuren zu untersuchen. Tatsächlich fand er kleine Verletzungen an den Stellen, an denen ihre Krallen ihn gepackt hatten.
Sofort verfiel er in Panik, suchte seine Sachen und rannte aus der Hütte. Irgendwo da unten war das Tal mit seinem Dorf. Dorthin müsste er es doch schaffen können. Im Wald hörte er über sich ein verdächtiges Rauschen. Vor sich hörte er einen alten Traktor und rannte auf ihn zu. Der Landwirt nahm ihn tatsächlich mit und das Rauschen über ihm verstummte. In Oberaudorf suchte er gleich die Polizei auf, um ihnen zu berichten. Die zeigten sich nicht verwundert. Korrigierten nur, „es heißt der Tatzelwurm, ein er, keine sie!“. Fragten ein wenig hin und her und meinten dann:
„Typisch Raunächte. Da geschieht das schon mal. Immerhin sind sie heil runter gekommen. In den letzten Jahren sind viele junge Männer dort oben geblieben.“
„Dort oben geblieben?“
„Ja, verschwunden halt. Auf nimmer Wiedersehen.“
Ob die Polizei ihn begleiten könne, seine Sachen dort zu holen und nach zu sehen, was mit der Familie geschehen sei?
Sie nahmen ihn im Fahrzeug mit, fuhren hinauf, suchten lange, aber fanden die Hütte nicht. Gegen Abend gaben sie auf. Er nahm den nächsten Zug nach Hause und beschloss nie wieder in die Berge zu fahren, schon gar nicht zu Zeiten der Raunächte.
Erleichtert betrat er nach vielen Stunden Fahrt seine Wohnung, sah dann aber mit Entsetzen einen großen, schwarzen Vogel, der tot auf seinem Balkon lag. Er sah in etwa so aus wie die Tatzelwurmin in der Nacht bei der Hütte. Er beschloss dieses Tier auf keinen Fall an zu rühren sondern am nächsten Morgen einen Studenten beim Arbeitsamt zu bestellen, für den Abtransport.
Dieser Sorge wurde er jedoch enthoben, denn am nächsten Morgen war der Vogel fort bis auf eine weiß ein gesprenkelte Feder. Als er diese aufhob ertönte über ihm ein fürchterliches Krächzen. Er warf sie hastig über die Brüstung des Balkons, von wo sie langsam nach oben davon segelte im Morgenwind. Da hörte das Gekrächze auf.
Er packte seine Tasche aus, froh ihre Geschenke nicht mit eingepackt zu haben. Aber sie waren in der Tasche. Er konnte es nicht fassen. Alles war da. Und ein Bild von ihr. Das sah aus, als wäre eine dicke Träne darauf gefallen.


*Tatzelwurm, Sagengestalt in Oberaudorf, sucht junge Mädchen und Raunächte werden die Nächte zwischen Heiligabend und Heilige-Drei-Könige genannt. In diesen Nächten sollen die Geisterreiche offen sein, die „Wilde Jagd“ über die Berge ziehen und die Seelen Verstorbener Ausgang haben. 

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Donnerstag, 29. August 2013

Alles für den Tatzelwurm



Von der Bank aus ließ sich wunderbar in das Tal mit seiner weiß leuchtenden Kirche und alten Bauerngehöften heruntersehen, bisweilen blinzelte sogar der ruhige Wellenschlag des Inns zu ihm hinauf. Der alte Mann saß jeden Tag auf ihr und genoss zumeist auf diese Weise sein langes Leben und das Glück, das seine Eltern ihn gerade hier, zwischen diesen Bergen in die Welt gebracht hatten. In der Ferne konnte er von hier bequem die Kaisergebirge sehen, je nach Licht und Witterung, mal näher, mal kaum bis gar nicht. Über diesen Wechselanblick freute er sich am meisten und er war jeden Morgen neugierig und freudig erregt, wie er sie heute wohl sehen würde. Vor allem der "Wilde Kaiser" hatte es ihm angetan, wirkte der doch an manchen Tagen wirklich schroff und wild und anderen, besonders wenn er näher gekommen schien, sanft und altersmild.
Nie hatte er diese Welt verlassen, nicht einen Tag, alles hier gefunden: Freunde, Arbeit, Frau, schließlich das Rentnerdasein.
Und so saß er da, rauchte in stündlichen Abständen, aß mitgebrachtes Brot, Käse und Wurst der Region, saß bis zur Abenddämmerung, ging und kam gleich mit der Morgenröte wieder. Ab und zu begleitete ihn eines seiner Kinder und verbrachte mit ihm hier den Tag. Sogar seine Geburtstage feierte er hier und an Heiligabend brachte er einen kleinen, geschmückten Tannenbaum mit, zündete Kerzen an, grummelte Weihnachtslieder.
Er hatte für jede Jahreszeit die richtige Kleidung, fror nie, schwitzte nie, bewegte sich, wenn es kalt war etwas öfter, wenn es heiß war wenig bis gar nicht. Die Bäume über ihm spendeten wohltuenden Schatten und meist kühlte ein leichter Wind. Bei Regen spannte er einen großen, alten Schirm auf und nur ein Sturm oder Gewitter vertrieb ihn gelegentlich oder hinderte ihn am Aufstieg.
Im Dorf war er genügend bekannt, so dass keiner sich über diese Einseitigkeit seiner Lebensgestaltung wundern mochte. So war er eben. Punkt.
Es gab sogar Überlegungen im Gemeinderat, nach seinem Tode ein Schild bei der Bank, seiner Bank, auf zu stellen mit einem schönen Bild von ihm, dass seine Kinder bereits heimlich ausgesucht hatten, eines, wie er auf der Bank saß, beschienen von der Abendsonne. Dazu sollten seine Lebensdaten geschrieben werden und so Besuchern das alles die besondere Heimatliebe der Talbewohner beweisen.
Allein,. dazu kam es nicht. Denn es trafen eines Tages durch einen besonders hartnäckigen Kommissar aus der Kreisstadt Sachen zusammen, die sich keiner je hätte vorstellen können, jedenfalls nicht so und auf keinem Fall mit diesem alten Mann.
Seit einigen Jahren, tatsächlich seit Beginn des Rentenstatusses des alten Mannes, verschwanden einzelne Touristen spurlos in den Bergen. Natürlich hatte nie jemand auch nur einen Gedanken über eine solche Parallelität verschwendet. Nur der Kommissar, erfahren, aus langjähriger Gewohnheit besonders hartnäckig, mochte nicht an Abstürze in irgendwelche tiefen Felsspalten glauben, schon gar nicht, da einige dieser Touristen sich in einem Alter oder gesundheitlichem Zustand befunden hatten, die größere Bergtouren für ihn jedenfalls völlig ausschlossen.
Sie mussten in der Nähe des Dorfes verschwunden sein. Und da oben saß jeden Tag ein alter Mann und sah hinunter. Er könnte, ja er müsste etwas gesehen haben, auch wenn er dem Gesehenen vielleicht selber keine Bedeutung beimessen mochte.
Aus diesem Grund begab sich der Kommissar mehrere Tage hintereinander hinauf zu dem Alten, der ihn von der ersten Sekunde an grimmig angeschaut und nur spärlich geantwortet hatte.
„Sie möchten lieber alleine hier sitzen?“
„Ja!“
„Ich brauche aber Auskünfte von Ihnen.“
„Ja.“
„Sie haben von den Vermissten gehört, diesen Touristen?“
„Nein.“
„Wieso nicht. Das ganze Dorf spricht doch darüber. Schließlich schädigt es den Ruf als Erholungsort, wenn jedes Jahr zwei bis drei Besucher auf unerklärliche Weise verschwinden.“
„Der Tatzelwurm!“
„Wie bitte?“
„Der Tatzelwurm. Den gab es schon früher hier. Nahm erst Vieh, dann kleine Mädchen. War dann wieder weg. Nun ist er wohl wieder da.“
„Der Tatzelwurm?“
„Ja.“
Der Kommissar kannte natürlich das Märchen vom bösen Drachen, dem Tatzelwurm, der hier und da aufgetaucht sein soll, Vieh und Mädchen zu rauben und zu fressen. Er hatte immer den Verdacht gehabt, diese Geschichte hätten sich Eltern in grauer Vorzeit ausgedacht, um ihre Kinder davon ab zu halten, alleine in den Wald zu gehen, denn von dort pflegte dieser Wurm stets zu kommen. Er hoffte nur, dass es ihm besser gelingen würde seinen Täter zu fassen als den Leuten im Märchen, die den Tatzelwurm nie fangen konnten, wie das tapfere Schneiderlein das Einhorn oder gar töten, wie einst Siegfried, der Drachentöter.
„Und sie interessiert das alles nicht?“
„Nein.“
„Auch nicht dieser Tatzelwurm?“
„Nein, solange er sich an die Touristen hält. Meine Kinder kriegt er nicht.“
„Ach so, bei ihren Kindern hört auch bei Ihnen der Spaß auf?“
„Ja!“
„Und die Touristen sind ihnen egal?“
„Nein.“
„Also tun sie Ihnen doch leid.“
„Nein.“
„Sie mögen keine Touristen?“
„Ja. War schließlich selber auch nie Tourist und bin anderen auf den Geist gegangen. Jeder dahin wohin er gehört.“
„So?“
„Ja, so!“
So und ähnlich lief das Gespräch, soweit man es als solches bezeichnen mag, stets und der Kommissar kam trotzdem wieder und wieder. Er hatte einfach das Gefühl, der Alte hätte etwas gesehen und gäbe nur aus seiner Abneigung gegen Touristen nichts preis.
Nach vier Wochen erwartete der Alte ihn stehend vor der Bank.
„Sie geben ja doch keine Ruhe.“
„Das geht auch nicht. Mein Beruf ist es nun mal solche Fälle auf zu klären.“
„Verstehe ich nicht. Egal. Kommen sie!“
Der Alte ging einfach vor ihm in den Wald hinter der Bank. Der Kommissar folgte ihm bis der Alte mit einem Ruck stehenblieb und mit seinem Stock nach vorne zeigte.
„Da!“
„Was ist da?“
„Was suchen sie denn?“
Kopfschüttelnd umrundete der Kommissar den Alten und ging in die Richtung, die der Stock so gebieterisch ihm wies.
Nach ein paar Schritten gab die Erde plötzlich unter ihm nach. Er befand sich gerade zwischen zwei kleinen Birken, die sich zwischen die Kiefern und Eichen hier geschmuggelt hatten. Vergeblich streckte er seine Hände nach ihnen aus und fiel, wie es ihm vorkam, ein paar Meter bis er auf etwas fiel, was weich war und unter dem etwas knackte.
Gut durchtrainiert und Kampfsport erfahren hatte er sich noch im Aufprallen abgerollt und so die Wucht aufgefangen. Trotzdem taten ihm sofort mehrere Körperpartien äußerst unangenehm weh. Er konnte aber alles weiter bewegen.
„Wo sind sie?“
„Hier, aber ich gehe jetzt. Sie haben was sie suchten. Viel Spaß damit!“
„Wie bitte?!“
Er bekam trotz mehrerer Rufe keine Antwort mehr, stattdessen wurde es dunkler über ihm. Offensichtlich baute der Alte die Falle wieder zu. Der Kommissar verhielt sich ruhig, sagte nichts mehr, musste erstmal verdauen, was hier geschah und die Erkenntnis, was der Alte offensichtlich war.
Ein Mörder. Ein Massenmörder würden die Zeitungen schreiben. Ein Touristenhasser.
Aber erstmal musste er hier raus. Er sah erst gar nicht nach, worauf er stand, wusste es auch so: wahrscheinlich 23 tote Touristen, vor allem Alte, Kinder, Gehbehinderte. Er zog das Handy hervor, rief die Wache im Dorf an, beschrieb ihnen wo er war und in welcher Lage, aber noch nicht, wie er dorthin gelangt war. Wer weiß, wahrscheinlich hätten die das ganze sonst für einen üblen Scherz seinerseits aufgefasst oder steckten vielleicht sogar mit dem Alten unter einer Decke. Nach diesem Erlebnis hier konnte er nichts mehr ausschließen.
Nach seiner Befreiung verhafteten sie den Alten, bestellten die Spurensicherung und transportierten ihren Gefangenen in das Kommissariat in der Kreisstadt.
Dort begann der Kommissar sofort, zusammen mit einer Kollegin, die Befragung. In deren Verlauf trafen erste Nachrichten aus dem Wald bei ihnen ein. Die ersten Toten konnten identifiziert werden.
Der Kollegin begann ,wie vorher zwischen ihnen abgesprochen, mit der Frage: „Warum?“
„Wieso lässt man mich nicht allein auf der Bank? Habe ich mir das nicht verdient?“
„Und deswegen haben sie all die Leute getötet?“
„Ich? Ich habe niemanden getötet. Sind doch selbst dahin gegangen, genau wie Sie. Neugierige Leute, nervige Leute, stören, machen sich breit, ohne jeden Respekt!„
„Aber sie haben doch das Loch jedes Mal danach wieder versteckt, damit eine neue Falle aufgebaut?!“
„Von einer Falle weiß ich nichts. Das Loch konnte doch nicht so bleiben, sieht nicht schön aus im Wald, so ein Loch.“
„Und wieso sind die Leute dann gestorben?“
„War der Tatzelwurm, sagte ich Ihnen doch schon. Der ist nie satt. Besser er holt die Touristen als unsere Kinder, so wie früher.“
„Wollen Sie damit sagen, das Loch war so etwas wie ein Futtertrog für ihren Tatzelwurm?“
„Ist nicht mein Tatzelwurm!“
Der Alte wurde gegen seinen ab da nie mehr endenden Protest in die Psychiatrie eingewiesen, das ganze Dorf war entsprechend entsetzt, zu einem Schild an der Bank ist es aber kurz darauf trotzdem gekommen, nur dass die nun über einen Mörder erzählt, der im ganzen Land für Aufregung und Schauder gesorgt hatte und mit dieser zweifelhaften Berühmtheit warb man nun und das sehr erfolgreich. Tausende von Touristen kamen zu der Bank des Alten, ließen sich dort und an der zum Gedächtnisort umgestalteten Lochstelle fotografieren. Hätte er es gesehen, hätte der Alte vielleicht laut aufgeschrien und sich vor Wut, wie einst das Rumpelstilzchen, ein Bein ausgerissen.
Von da an, wenn einer das alte Alpenmärchen vom Tatzelwurm irgendwo zum Besten gab, folgte gleich darauf und stets die Geschichte vom Alten auf seiner Bank hoch über dem Tal und dem tiefen, tödlichen Loch zwischen zwei jungen Birken.

(c) Text und Bild: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013