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Donnerstag, 23. Januar 2014

verhexter Winterzauber



Es war nicht der Winter, es war der Frühling der ihr Kummer bereitete. Aber noch war ja Dezember, bestand die Hoffnung auf Schnee und Winterspaß in ihren Bergen zusammen mit Thomas, ihrem diesjährigen Favoriten auf ein Leben zu zweit bis das der Tod sie scheidet, der Tod und nur der Tod.
Im Winter hatte sie sich noch nie getrennt. Im Winter war stets die Zukunft voller Geigen, schon als Kind. Trennungen folgten im Frühjahr, pünktlich mit der Schneeschmelze, obwohl das eine nie etwas mit dem anderen zu tun hatte. Zu tun hatte es mit dem Beisammensein in der alten Hütte der Familie hoch oben in den Bergen.
Und es hatte damit zu tun, dass sie es nicht glauben mochte, sich nicht vorstellen konnte und wollte, dass alle so waren, alle es tun würden. Aber dieses Jahr war etwas anders. Alle waren an der Reihe gewesen, hatten sich bedient. Nun blieb keiner mehr für den beschissenen Frühling.
Rita kaufte also Geschenke ein, für ihn viel, groß, teuer, dann noch ein paar kleine, preiswert nicht billig, darauf achtete sie stets. Letztere waren für die Eltern, den Bruder und die drei Schwestern. Alle vier Geschwister und die Mutter sollten dieses Jahr etwas anderes, ganz besonderes bekommen und dazu noch äußerst preiswert. Preiswert für die Schenkende und wirkungsvoll für Beschenkten.
Um 9 Uhr holte sie Thomas von seiner Wohnung in München ab und fuhr mit ihm froh plaudernd bis zur Abfahrt nach Kufstein / Oberaudorf. Dort bog sie von der Autobahn ab und erzählte ihm, während sie mit dem Wagen durch die Dörfer und Hügel auf und niedertauchte, was sich in den Jahren zuvor auf der Hütte zugetragen hatte.
Thomas, ein, wie er sich selbst gern nannte, Selfmademan der Event-Emotion-Scene, hörte ihr überwiegend stumm zu, nickte oder schüttelte den Kopf, mal hin und her zu beiden Seiten, dann wieder von oben nach unten und zurück.
Er trug nicht wenig eitel die Bräune des Sonnenstudios um die Ecke in seinem Gesicht spazieren und genoss die Vorstellung der munter plaudernden Fahrerin schon in der Heiligen Nacht den Rest der monatlichen Bräunungserfolge auf seinem Fitness-Studio-Körper präsentieren zu können. Seine mittlerweile 43 Jahre Leben wären so kaum zu entdecken, dachte er, allenfalls deren 30 Jahre.
Für die Fahrt zu ihrer Hütte hatte er sich für ein Edel-T-Shirt und einen Designeranzug in modern-schwarz entschieden. Falls es kälter werden sollte, lagen entsprechend passende Pullover in seinem Koffer hinten im Kofferraum ihres Wagens für ihn bereit. Insofern konnte nichts schief gehen bei diesem Ausflug, hatte er doch auch noch ein angenehm funkelndes Schmuckstück für sie als Geschenk in einen kleinen Karton, den wiederum in allerlei weitere, jeweils größere Kartons verpackt, dazu einen Flugschein für die Dominikanische Republik.
Was sie mit ihrer für ihn äußerst angenehmen Sing-Sang-Stimme erzählte klang traurig, schien ihm aber zu ihr zu passen.
Sie war in seinen Augen ein äußerst attraktives Karriereweib, schlank, fit, goldbraun belockt auf den Kopf mit kräftigen und genau richtig matt glänzenden Haaren. Ihre Proportionen schienen ihm wie von einem Künstler modelliert und ihre Art zu gehen, das Steuer zu bedienen, den Kopf zu halten, erinnerte ihn an faszinierende Hollywoodszenen.
Sie war jedes Mal im Frühling verlassen worden. Umso besser. Der Frühling war noch weit und er hätte ohne dieses für ihn nicht nachvollziehbare Fehlverhalten seiner Vorgänger heute nicht ihr Lover sein können. Also gut für ihn.
Es hätte immer bereits in der Hütte angefangen. Nun ja. Was interessierte ihn das. Warum auch immer. Er konnte darin keinen Sinn erkennen. War sie doch nur mit ihrer Familie dort gewesen. Was konnte diese Idioten vor ihm da schon auf fremdgängerische Gedanken gebracht haben können.
Viel mehr Sorgen bereitete ihm ihr Fahrstil. Sie schien weder Geschwindigkeitsbeschränkungen noch zu enge Straßenschluchten zu kennen oder zu fürchten.
Sie fuhr so rasant, so aggressiv, dass er sich nicht traute seine Hand auf ihren Arm zu legen oder sie mündlich zu vorsichtigerem Fahren zu ermutigen. Letzteres schien ihm auch wenig geeignet seiner Rolle hier Pluspunkte zu verschaffen.
Umso erleichterter war er, als sie hinter Oberaudorf endlich oben auf einer Alm das Fahrzeug unbeschädigt anhielt und leise, fast flüsternd sagte:
„Wir sind da, Liebling.“
Er sah vor sich eine Bilderbuchhütte und ihn freundlich anlächelnd eine Horrorgruppe in schrillfarbenen Klamotten, zum Teil auf Gehhilfen gestützt, zum Teil mit rotleuchtenden Narben in den Gesichtern unter wilden Haarfrisuren.
„Na, wen bringst Du uns dieses Mal?“ Das fragte der dem äußeren nach älteste der Gruppe, wohl der Vater.
Der Gebrachte sah zu seiner rasanten Fahrererin. Die grinste nur und stellte ihn mit knappen Worten vor.
Der ältere Mann, als einziger ohne sichtbare Blessuren, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Herzlich willkommen bei den Raunachts.“
Man begab sich, einander munter vorstellend, zusammen mit dem Gepäck in die Hütte.
Bald schon wurde es jahreszeitgemäß dunkel auf der Alm und den Bergen und ein scharfer Wind begann an den Holzschindeln auf dem Dach zu zerren. Die ersten Schneeflocken wirbelten umher und verklebten die Fenster.
Im Kamin verwandelte sich der Wind in ein seufzendes Orchester mit immer wieder überaschenden Tönen.
Trotzdem überredete die Familie ihn, mit nach draußen zu kommen, sich dort das Schauspiel an zu sehen. Sie hakten ihn unter und zeigten ihm die Kaiser, den wilden und den zahmen. Das eigentliche Ziel seiner Fahrt hierher blieb in der Hütte um sich frisch zu machen. Sie hatte keine Angst um ihn. Noch nicht. Noch war es ja nur der Abend, nicht die Nacht.
Schritt für Schritt wurde er von der Hütte fortgezogen zum Waldrand. Dort versammelten sie sich um ihn und wollten wissen, was ihre Tochter erzählt hätte über ihre Familie. Er wurde verlegen, dann aber einer Antwort enthoben indem sie ihm genau das sagten, was er auch schon auf der Fahrt zu hören bekommen hatte. Nur mit einem Unterschied: sie bestanden darauf, dass kein Wort davon wahr wäre, im Gegenteil das Ungeheuerliche stets von ihr, der Tochter und Schwester ausgegangen wäre.
Ihm wurde trotz seiner High-Teck-Ummantelung kalt, aber nicht mehr nur von Wind und Schneetreiben.
Der Reihe nach schilderten ihm alle, wie sie zu ihren Blessuren gekommen waren. Jedes Jahr Weihnachten hätte ihre Schwester und Tochter rasend vor Eifersucht einen von ihnen überfallen, angegriffen oder anders verletzt. Dabei wären ihre Typen alle von alleine davon geeilt, als sie erfahren hatten, dass sie mit der Tatzelwurmin zusammen gekommen waren. Keiner aber wäre ihr entkommen, alle habe sie im Wald verschlungen.
Als moderner, nüchterner und geldgieriger Mann kam ihm das alles dann doch absurd vor. Auch, dass diese Truppe hier ihm glauben zu machen versuchte, ihr Familienmitglied wolle diesmal alle vergiften, um für immer vor ihnen ihre Ruhe zu haben und ungestört Männer hierher zu bringen.
„Tatzelwurmin! Was soll das sein?“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da kam seine Fahrerin und erotische Sehnsucht für die Nacht den Hang hochgeschossen und erhob sich über ihm in die Lüfte, nicht ohne ihre plötzlich erscheinenden Klauen in ihn hinein zu krallen und ihn so vom Waldboden zu entfernen.
Im gleichen Moment knallte es und er landete wieder auf dem Boden, bedeckt nun mit einem Vogeldrachen, einem fliegenden Dinosauerier nicht unähnlich.
„Die Tatzelwurmin!“
Man befreite ihn, untersuchte ihn auf eventuelle Schäden und führte ihn zurück zur Hütte.
Der Vater fragte ihn: „Raunächte, kennen sie wohl nicht?“
„Ja, jetzt, sie, sie sind die Raunachts.“
„Nein, die Raunächte. Wer sich da draußen rum treibt kommt selten ohne Schock oder auch gar nicht zurück.“
Nach ein paar stark alkoholischen Getränken war er froh, sich endlich schlafen legen zu können.
Am nächsten Morgen weckten ihn die durch den Neuschnee verstärkten Sonnenstrahlen. Vor ihm saß seine Begleiterin und reichte ihm einen Espresso.
„Was war los mit Dir gestern? Du bist plötzlich umgefallen und warst nicht mehr wach zu kriegen.“
„Umgefallen? Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, wie Deine komische Familie, entschuldige bitte, mich zum Wald entführt hat und allerlei Abstruses von sich gab bis Du gekommen bist, Dich in einen Flugsaurier verwandelt hast oder so etwas ähnliches und abgeschossen wurdest.“
„Träumst Du öfter so wild, davon habe ich ja noch gar nichts bemerkt.“
„Geträumt? Umso besser. Und wo ist Deine Sippe heute Morgen?“
„Weg! Endgültig. Wir haben die Hütte nur für uns.“
„Wieso weg?“
„Sie haben ihr Geschenk schon erhalten und das reichte ihnen.“
„Und wo sind sie hin?“
„Weg. Kann Dir doch egal sein.“
Sie lächelte ihn an und verließ den Raum. Die Gelegenheit nutzte er, um seinen Körper auf eventuelle Spuren zu untersuchen. Tatsächlich fand er kleine Verletzungen an den Stellen, an denen ihre Krallen ihn gepackt hatten.
Sofort verfiel er in Panik, suchte seine Sachen und rannte aus der Hütte. Irgendwo da unten war das Tal mit seinem Dorf. Dorthin müsste er es doch schaffen können. Im Wald hörte er über sich ein verdächtiges Rauschen. Vor sich hörte er einen alten Traktor und rannte auf ihn zu. Der Landwirt nahm ihn tatsächlich mit und das Rauschen über ihm verstummte. In Oberaudorf suchte er gleich die Polizei auf, um ihnen zu berichten. Die zeigten sich nicht verwundert. Korrigierten nur, „es heißt der Tatzelwurm, ein er, keine sie!“. Fragten ein wenig hin und her und meinten dann:
„Typisch Raunächte. Da geschieht das schon mal. Immerhin sind sie heil runter gekommen. In den letzten Jahren sind viele junge Männer dort oben geblieben.“
„Dort oben geblieben?“
„Ja, verschwunden halt. Auf nimmer Wiedersehen.“
Ob die Polizei ihn begleiten könne, seine Sachen dort zu holen und nach zu sehen, was mit der Familie geschehen sei?
Sie nahmen ihn im Fahrzeug mit, fuhren hinauf, suchten lange, aber fanden die Hütte nicht. Gegen Abend gaben sie auf. Er nahm den nächsten Zug nach Hause und beschloss nie wieder in die Berge zu fahren, schon gar nicht zu Zeiten der Raunächte.
Erleichtert betrat er nach vielen Stunden Fahrt seine Wohnung, sah dann aber mit Entsetzen einen großen, schwarzen Vogel, der tot auf seinem Balkon lag. Er sah in etwa so aus wie die Tatzelwurmin in der Nacht bei der Hütte. Er beschloss dieses Tier auf keinen Fall an zu rühren sondern am nächsten Morgen einen Studenten beim Arbeitsamt zu bestellen, für den Abtransport.
Dieser Sorge wurde er jedoch enthoben, denn am nächsten Morgen war der Vogel fort bis auf eine weiß ein gesprenkelte Feder. Als er diese aufhob ertönte über ihm ein fürchterliches Krächzen. Er warf sie hastig über die Brüstung des Balkons, von wo sie langsam nach oben davon segelte im Morgenwind. Da hörte das Gekrächze auf.
Er packte seine Tasche aus, froh ihre Geschenke nicht mit eingepackt zu haben. Aber sie waren in der Tasche. Er konnte es nicht fassen. Alles war da. Und ein Bild von ihr. Das sah aus, als wäre eine dicke Träne darauf gefallen.


*Tatzelwurm, Sagengestalt in Oberaudorf, sucht junge Mädchen und Raunächte werden die Nächte zwischen Heiligabend und Heilige-Drei-Könige genannt. In diesen Nächten sollen die Geisterreiche offen sein, die „Wilde Jagd“ über die Berge ziehen und die Seelen Verstorbener Ausgang haben. 

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Dienstag, 3. Dezember 2013

Das Märchen von der Alm


Es war einmal in einem Land des kalten Nordens ein sehr armer Mann und eine ebenso arme Frau. Sie hatten im Krieg ihre Kindheit verbraucht und im Frieden ihre Kraft.
Die Frau war fünf Tage in der Woche, bisweilen auch sechs, in die Fabrik gegangen an ein Fließband und hatte dort schlechte von guten Corn Flakes getrennt.
Der Mann stand jeden Arbeitstag 10 Plätze weiter und klebte die Cartons mit den Corn-Flakes-Schachteln zu und fuhr Palette um Palette in das Lager.
So taten sie es jeden Tag, zu Beginn 10 bis 12 Stunden am Tag, später 8 bis 10 Stunden und von einem Tag zum anderen gar nicht mehr.
Der Fabrikbesitzer hatte eine neue Fabrik bauen lassen in einem anderen Land und seitdem gingen sie jeden Sonntag zu ihrer alten Fabrik. so wie andere Leute, zum Beispiel ihre Nachbarn, auf den Friedhof.
Verlassen stand die Fabrik vor sich hin, von Unkraut bewachsen und kam ihnen mehr und mehr vor wie ein Dornröschenschloss.
Diese beiden nun hatten 3 Jungen aber nur ein Mädchen. Die liebten sie über alles und opferten ihr ganzes Geld und ihre ganze Kraft, damit die es einmal besser haben können.
Es war die Zeit, in der solche Wünsche noch in Erfüllung gingen und so zogen die vier aus, ihr Glück in anderen Städten zu suchen.
Der erste Sohn machte eine Lehre in einer Bank, studierte danach BWL, was immer das heißen mochte, und bekam einen  besser bezahlten Job bei seiner Bank.
Er stieg rasch auf und wurde fast zu einem Kronprinzen unter einem Kronprinzen der fast ein Kronprinz unter einem Kronprinz geworden war, also eigentlich alle schon richtige Prinzen.
Der zweite Sohn machte eine KFZ-Lehre, fand einen Arbeitsplatz bei einer Fabrik die Autos baute, machte abends noch seinen Meister, dann den Ingenieur und stieg auf zu einem Kronprinzen unter einem Kronprinzen, na den Rest kennen Sie ja schon. Also auch fast schon prinzenmäßig, seine Kariere.
Das Mädchen aber konnte sich lange nicht recht entscheiden. Schließlich war ihr Geld alle und da sie nicht so naiv wie das Mädchen im Sterntalermärchen war, stellte sie sich an die Straße und verkaufte vorbeifahrenden Männern ihre Liebe. Das tat sie so gut und so oft, dass sie von dem damit verdienten Geld ein großes Haus kaufen konnte. Dann suchte sie andere Mädchen, die ihre Liebe an Männer verkaufen wollten und brauchte nicht mehr selber das zu tun. Sie behielt ihre Liebe von da an für sich selbst und wurde trotzdem reicher und reicher und konnte sogar da ihre teuren Kleider einkaufen, wo sonst nur echte Prinzessinnen einkaufen gehen. Nur für ihre Liebe fand sie niemanden, der sie umsonst, ja geschenkt genommen hätte, oder sie fand niemanden, dem sie ihrerseits ihre Liebe gerne geschenkt hätte.
Insoweit hängt dieses Märchen noch ein wenig dürr in der Luft.
Aber da fehlt ja auch noch ein Junge! Genau. Der Dritte! Der wanderte nicht weit in die weite Welt hinaus, trampte lieber, wenn es ihm zu Fuß zu weit war, und lernte so eher ausversehen fast die halbe Welt kennen. Mit der Zeit ging auch ihm das Geld aus. Er verkaufte nichts, nicht mal seine Liebe, sondern begann auf einem Bauernhof zu arbeiten als Knecht.
Eines Tages befahl ihn die Bäuerin in die gute Stube, die eigentlich nur an Festtagen und nach Beerdigungen genutzt wurde.
Ihr Knecht war daher sehr verwundert und etwas aufgeregt, als er die gute Stube betrat.
Die Bäuerin saß im großen Ohrensessel und ließ ihn auf einem Stuhl am Tisch Platz nehmen. Sie hatte sogar die Plastikdecken entfernen lassen, die ansonsten das Mobiliar vor zu viel Licht bewahren sollten.
„Hugo,“ begann sie. „Du hast vielleicht schon von meinem Bruder gehört, der einen Almhof in den Bergen besitzt?“
Er verneinte. Er hörte nie viel, arbeitete lieber vor sich hin ohne auf seine Umgebung zu achten.
„Macht nix. Der arme Kerl jedenfalls fühlt sich alt und sucht nun einen tatkräftigen Schwiegersohn. Ich habe ihm mitgeteilt, dass Du der Richtige dafür bist.“
Hugo, der dritte Sohn eines armes Mannes und nun Knecht war sprachlos.
„Und wenn ich lieber hierbleibe?“
„Das, lieber Hugo, wäre Unsinn. In diesem Märchen geht es gesittet zu und da macht der dritte Sohn stets sein Glück für ein gelungenes Happy End“
Und damit wies sie ihn aus der guten Stube, seine Sachen zu packen und fort zu ziehen.
Was sie ihm nicht gesagt hatte war, dass er ihr Angst gemacht hatte mit seiner bescheidenen Art. Nie hatte dieser Hugo es versucht Fast-Prinz bei ihr als Fast-Königin eines großen Hofes zu werden, was doch alle Kerle hier auf dem Hof ständig versuchten. Immer hatte der arme Hugo nur stumm seine Arbeit verrichtet, nicht schnell und nicht langsam, nicht besonders fröhlich und nie verärgert oder übellaunig. So jemand musste ihr unheimlich sein.
Hugo fand schnell heraus, dass es unmöglich ist zu einem Almhof hoch zu trampen und so machte er sich auf den längsten Fußmarsch seines Lebens.
Schließlich kam er zu einer jungen Frau, die trotz der heißen Sonne emsig Kräuter am Wegrand herausriss.
„Warum tust Du das, liebe Maid?“
„Bin keine Maid, lieb schon gar nicht. Siehst Du nicht, dass das Unkraut ist. Das muss weg, muss weg! Dummkopf, mach besser, dass Du weiter kommst.“
Hugo schüttelte den Kopf, verabschiedete sich höflich und ging weiter bis er zu einem groß gewachsenem Mann kam, der mit einer Säge Bäume fällte am Straßenrand.
„Warum tust Du das, hochverehrter Herr?“
„Bin kein Herr, hochverehrt schon gar nicht. Siehst Du nicht, wie gefährlich die Bäume für die Autos sind? Dummkopf, mach besser, dass Du weiter kommst.“
Etwas weiter oben traf Hugo eine alte Frau, die pflanzte kleine Bäumchen am Straßenrand.
„Warum liebe Frau, tut Ihr das?“
„Wegen der Schönheit, netter Knabe. Wegen der Schönheit der Natur.“
Bei der Frau blieb Hugo, half ihr eine Weile und durfte dafür bei ihr sein Nachtlager nehmen. Am nächsten Morgen trug sie einen schweren Sack mit Kräutersamen auf die Wiese. Er nahm ihn ihr sofort ab und half ihr beim Aussäen.
Er fragte sie erst gar nicht, warum sie das tat, dachte sich gleich, dass sie es für die Kühe tat, die um sie herum auf den Weiden ihr Futter suchten.
Aber als wenn sie seine Gedanken erraten hätte, nickte sie und sagte: „Richtig, lieber Knabe. Aber nun mache Dich auf zu dem alten Bauern. Er lebt wohl nicht mehr lange. Zum Dank für Deine Hilfe will ich Dir aber noch einen Rat mit auf den Weg geben:
„Seine böse Schwester hat Dir nicht gesagt, dass der Bauer jemanden für seine ungehorsame Tochter als Bräutigam sucht, eine sehr hübsche und kluge Tochter, wenn Du mich fragst. Bisher hat sie jeden Knecht wieder vom Hof verjagt, denn keiner konnte es ihr Recht machen. Der Alte hat nämlich jedem die Aufgabe gestellt den Hof größer und reicher zu machen, damit er sicher sein kann, dass seine Tochter auch künftig gut leben kann. Nun mein Rat für Dich, und höre gut zu und vergiss ihn nicht:
Nicht alles was mehr ist, ist auch mehr.
Nicht alles was größer ist, ist auch größer.
Nicht alles, was mehr Gewinn verspricht, ist auch mehr Gewinn!
Kannst Du Dir das merken.“
Hugo nickte, wenn er den Sinn auch nicht recht verstehen konnte. Trotzdem bedankte er sich artig und zog weiter seines Weges bis hinauf zu dem Almhof. Da rannte ihm laut fluchend ein kräftiger Kerl entgegen. Hugo hielt ihn an und fragte, warum der so wütend sei.
„Was soll ich nicht wütend sein, Du Narr, “ schrie der. „Habe ich doch seine Milchproduktion um das Doppelte gesteigert. Und was macht dessen verblödete Tochter. Sagt: „Nicht genug. Längst nicht genug!“ Die hat sie doch nicht mehr alle, die blöde Kuh. Und dann haben sie mich ohne einen Euro von ihrem Hof gejagt.“
Kurze Zeit später fand er einen jungen Mann heulend im Gras sitzen und der hatte Mastställe für tausende von Hühnern angelegt und war trotzdem davon gejagt worden. Er traf noch einen, der hatte eine Schweinemast aufgebaut, ein anderer wiederum eine Biogas-Anlage auf- und jede Menge Mais dafür angebaut und der letzte den er traf, der hatte Windanlagen auf die höchsten Erhebungen gebaut.
Hugo merkte sich all diese Versuche und sagte sich, dass die Tochter vielleicht etwas ganz anderes sich wünschen könnte, wenn die Alte Recht behalten sollte mit ihrem Spruch.
Auf dem Almhof angekommen fand er alle möglichen Ställe und Maschinen vor, nichts aber was ihn an einen Almhof erinnerte.
Er ging in das Bauernhaus und traf die Tochter in der Küche sitzen beim Schnippeln von Bohnen.
Sie begrüßten sich und er trug die Grüße und den Vorschlag seiner Bäuerin vor.
„Ach die! Die hat es bestimmt nicht gut mit Dir gemeint. Und mit uns sowieso nicht. Sie besucht uns nie und hält uns für arme Schlucker und Hinterwäldler.“
„Und, seid ihr das?“ fragte Hugo, ohne groß nach zu denken.
„Du gefällst mir. Mut hast Du anscheinend. Ja, lieber Herr Knecht, sind wir und das sogar gerne.“
Damit führte sie ihn zu den Stallungen zu ihrem Vater. Der begrüßte den neuen Kandidaten unwirsch und befahl ihm keine weitere Zeit zu verschwenden und los zu legen.
Das ließ sich Hugo nicht zweimal sagen. Er begann mit dem Abriss der Schweinestallungen seiner Vorgänger, die Tiere aber ließ er hinaus ins Freie, sich dort unbeschwert zu suhlen. Danach baute er den Schweinen größere Ställe, in denen sie Platz hatten und sich bewegen konnten.
Damit war er so beschäftigt, dass er Tochter und Vater ganz vergaß. Schließlich hielt es die Tochter nicht länger aus und kam zu ihm, zu fragen ob er fertig und dies sein Plan sei für ihre gemeinsame Zukunft. Mit großer Verwunderung sah sie dabei seine Arbeit an.
„Sag an, wie soll das jetzt mehr bringen?“
„Weniger ist mehr,“ antwortete ihr Hugo ruhig, ohne von seiner Arbeit auf zu blicken.
„Außerdem bin ich noch längst nicht fertig!“
Da er sich nicht weiter um sie kümmerte ging sie zurück zu ihrem Vater, dem zu berichten. Der hörte nur verwundert zu und nickte.
Hugo dagegen tat alles weiter genau so mit den Ställen für die Kühe und die Hühner. Auch von den Windanlagen ließ er nur drei stehen. Er verfütterte die großen Haufen an gekauftem Futter, allerdings jeden Tag etwas weniger, bis kein Körnchen mehr auf der Erde lag. Er begann wie die Alte Kräuter zu säen, an den Enden der Weiden neue Büsche und Bäume zu pflanzen, führte die Tiere jeden Tag dorthin, wo sie auf den Weiden genug Futter fanden. Die Biogas-Anlage fütterte er nur mit Abfällen und ließ aus den Maisflächen wieder wunderschöne Bergwiesen werden.
Mit der Zeit kamen immer mehr Wanderer, lobten alles und baten um Nahrung und Getränke. Diese brachte ihnen die Tochter gerne, froh auch etwas tun zu können. Die Besucher zahlten ihr gern auch die Preise, die sie auf einer alten Schiefertafel geschrieben hatte, ist doch umsonst nur der Tod.
Nach jeder seiner Aktionen aber kam die immer ungeduldiger werdende Tochter zu Hugo und stellte stets die gleiche Frage und erhielt von ihm stets die gleiche Antwort. Ganz zum Schluss baute er auch noch den alten Bauernhof zurück, entfernte alle Betonanbauten und gab den alten Balken und Dielen neuen Glanz.
Als danach die Tochter wieder kam, sagte er ihr:
„Hört, was eine alte Frau mir mitgab auf meinen Weg zu Euch:
Nicht alles was mehr ist, ist auch mehr.
Nicht alles was größer ist, ist auch größer.
Nicht alles was mehr Gewinn verspricht, ist auch mehr Gewinn!“
Da lachte die Tochter laut auf und rief: „So eine kleine, gemeine Verräterin, diese Alte! Ach, ich danke ihr dafür! Willst Du, lieber Hugo, mein Mann werden?“
„Nichts lieber als das“, antwortete Hugo und hob sie hoch und trug sie zu ihrem Vater in das Haus. Auch der gab erleichtert und mehr als froh seinen Segen dazu. Fühlte er sich doch endlich wieder wie zu Hause und jeden Tag lachten ihm die Tiere mehr zu, die so glücklich über Hugos Veränderungen schienen wie er.
Nur wenig später machten sie sich auf den Weg zu Hugos Vater, dem die schöne Nachricht und die Einladung zur Hochzeit zu überbringen.
Es hatte sich aber in der Zeit zugetragen, dass der älteste Bruder sich an der Börse verspekuliert hatte, einen Schlaganfall bekommen und nun verarmt in der kleinen Hochhauswohnung seiner immer noch armen Eltern hauste.
Auch der zweite war zurückgekommen. Der hatte zu viel und zu lange gearbeitet, bis er keinen Finger mehr rühren konnte und nachts nicht mehr schlafen. Man nannte seine Krankheit burn-out und er galt nicht länger als belastungs- und fast-prinzenfähig.
Ihre Schwester aber hatte ihr Haus an eine Räuberbande verloren, die nun ihre Mädchen Liebe verkaufen ließen, gegen noch mehr Geld als sie. Die Schwester hatte vor Zorn einen Herzinfarkt nach dem anderen bekommen und lag seitdem regungslos auf dem Sofa ihrer Eltern.
Diese Truppe trafen Hugo und seine Liebste bei ihrem Besuch an. Was gab es da für ein Staunen, das er als einziges Kind noch gesund und munter und offensichtlich auch bestens versorgt war. Sie herzten sich lange und konnten noch länger nicht aufhören einander zu erzählen, was ein jeder von ihnen erlebt hatte.
Am nächsten Morgen aber nahm Hugo seinen Vater zur Seite.
„Ich sehe nur eine Lösung, Vater. Ihr kommt alle mit auf unseren Hof, vielleicht, dass meine Geschwister dort wieder gesund werden.“
Und so geschah es ohne viel Protest von Seiten der anderen. Über dem Eingang des Almhofes aber ließ Hugo ein großes Schild anbringen mit dem Spruch der Alten.
Kaum hing es dort kam diese den Berg hoch und gratulierte dem Brautpaar.
„Na ja, Dank haste wohl genug, lieber Knabe, aber hier habe ich doch ein Brautgeschenk für Euch. Es sind die besten Kräuter, die ich finden konnte. Sie halten und machen Euch gesund, solange es nur im Leben möglich.“ Und verschwand am Morgen nach der von allen freudig und fröhlich gefeierten Hochzeit für alle Zeit.
Auf dem Almhof aber ging bald ein ganz anderes und fröhlicheres Leben los, so gut, dass der Vater der Braut auch länger leben wollte und auch alle Geschwister, nicht zuletzt dank der Kräuter, gesund wurden und munter.

Und weil Märchen so enden müssen, freuen sie sich und pflegen die Kräuter noch heute, wenn sie nicht doch längst gestorben sind, wie so manche Hoffnung, die in ihrem Märchen mitschwingt. Aber das wäre ja nicht märchenhaft. Und wem das nicht schmeckt, der sei verhext, wer dagegen etwas unternimmt, dem sein Leben nicht märchenlos verrinnt. Nun gebt ruh, dieses Märchenbuch ist jetzt zu.

Donnerstag, 7. November 2013

Das Dichtertreffen im Spiegelsaal


Ein König, der sehr stolz darauf war, dass sein Reich das Land der Dichter genannt wurde, hatte eines Tages eine Idee, wie er die Dichtkunst noch mehr steigern könnte.
Er lud alle Autoren seines Landes zu sich auf das Schloss ein und wenn es zu Hofe geht, das kannte er bereits, traute sich keiner zu fehlen. Nicht mal die Aufmüpfigen, die Spötter und Untergangspropheten. Alle kamen sie, die einen zu Fuß, die anderen in Fahrzeugen, wenige konnten es sich leisten, sich vorfahren zu lassen.
Das Volk sah staunend dem Aufzug der Dichter zu und erhoffte sich ein großes Spektakel.
Der König begrüßte jeden und jede der Autoren mit Handschlag, bat sie dann alle in den großen Spiegelsaal zu kommen. Als alle eingetroffen und begrüßt waren, ließ er die Türen des Saales fest verschließen und postierte vor den großen Fenstern seine Soldaten.
Auf dem lang gestreckten Tisch in der Mitte des Saales aber hatte er einen Brief gut sichtbar positioniert. In dem stand, dass sie nun alle ein Textchen verfassen mögen und unter sich auf dieser schöpferischen Grundlage den besten Poeten oder die beste Poetin des Landes wählen. Diese dürften dann den Saal verlassen. So sollten sie es so lange weiter tun bis nur noch einer oder eine von ihnen übrig bliebe, die selbstverständlich dann auch frei käme. Dies alles solle geschehen zu Ehren der Literatur und dem Ruhme des Landes der Dichter.
Nachdem die Erregung sich bei fast allen wieder gelegt hatte, nicht unwesentlich unterstützt durch die Aussicht diesen Saal mit Spiegeln und ohne jedes Getränk oder gar Speise schnell wieder verlassen zu können, begannen sie zu texten, zu reimen, gegen zu reimen und zu monologisieren oder dialogisieren, vertieften sich in bildhafte Beschreibungen und bald schon war kein Laut mehr von ihnen zu hören als das hundertfache Kratzen der Stifte auf den großzügig überall verteilten  edlen Pergamenten.
Sie kannten alle den König als großzügigen Herrscher, zumindest seinen Dichtern gegenüber und so träumten sie beim Schreiben von herrlichen Weinen und erlesenen Gerichten, was sie nicht daran hindern konnte immer wieder sich selbst in den großen Spiegeln zu betrachten und sich selber wohlgefällig zu zunicken..
Bei der ersten Abstimmung gewann mit Abstand der älteste unter ihnen, ein längst schon preisgekrönter und mit Ehrungen überhäufter Dichter, von dem die wenigsten im Lande wussten, dass er noch am Leben war.
Der König sah ihn, umarmte den Alten und ging mit ihm zu Tische, wo der Alte traurig zu sah, wie der König zu sich nahm, was ihm dem Alten vom Arzt verboten worden war. Der König tröstete ihn mit einem weiteren Ehrentitel und als dessen Zugabe ein schönes Stück Land in den Bergen, was der Alte mit Freuden annahm.
Bei der zweiten Abstimmung dauerte es schon länger, bis die „First Lady“ unter ihnen gewann, eine Autorin vieler sprachgewaltiger Theaterstücke und wie der Alte schon lange berühmt und zur Verwunderung mancher noch immer lebend unter ihnen weilend.
Auch diese führte der König zufrieden mit seiner Idee zu Tische und die Dichterin aß und trank, wie er meinte, noch nie in seinem Leben eine Frau oder Künstlerin gegessen und getrunken gesehen zu haben. Nach dem Mahl überreichte er ihr ebenfalls einen Titel und ein großes  Gut, auf dem Schweine und Rinder gemästet wurden, dazu ein kleines Weingut in den Bergen. Sie bedankte sich artig und ließ sich davon tragen auf einer Sänfte, so hatte sie bei Tische zugelangt, dass sie nicht mehr selber zu gehen imstande sich sah.
Aber die dritte Wahl, die sollte dem König arg lang werden. Schließlich verlor er die Geduld und ließ einen weiteren Brief hinein bringen. Darin stand für die Dichterrunde in großen scharf geschnittenen Buchstaben zu lesen, dass ihr König sich außerstande sehe ihnen Getränke und Nahrung zu bringen, bevor nicht alle dichterischen Werke vollendet seien, da Speis und Trank bekanntlich keine gute Dichtung hervor brächten, nur sattes Gerülpste. Vor allem die letzten Worte erstaunte die Runde sehr, waren sie solch Töne von ihrem König bisher eher nicht gewöhnt. Und nach einigen hitzigen Wortgefechten einigten sie sich dann doch auf den Jüngsten unter ihnen, einem wild um sich blickenden Kerl mit krausen schwarzen Haaren. Der war bereits bekannt für seine sittenlosen Texte und heftig bösen Attacken gegen den König.
Als der König diesen nun heraus treten sah, war ihm der so recht wie die Anderen, lud ihn zur Tafel und siehe da, der junge Mann hatte Appetit und sagte auch bei dem Wein nicht nein.  Diesem Dichter schenkte er nach dem Mahl ein Gefängnis, in dem der fortan wohnen aber jederzeit raus und rein konnte, im Gegensatz zu den anderen Gefangenen. Der Dichter war begeistert und lobte fortan den König nur noch als mehr als weisen Mann.
Der König aber, wieder alleine und lange wartend, wusste sich ob seiner Dichter keinen Reim. Wieso wählten die nicht einfach einen nach dem anderen raus? Wo konnte da ein Problem für sie sein, was für ein Hindernis?
Er kannte seine Dichter eben doch nicht gut genug. Die Restlichen wählten alle nur sich selbst und wollten keinem anderen den Vortritt lassen. Sie wählten und wählten und jedes Mal bekam jeder und jede nur eine Stimme.
Wir normalen, nicht der Dichtkunst so fähigen Leute, hätten daraufhin, alleine des Hungers und des Durstes wegen, wohl unsere Strategie gewechselt. Nicht so aber diese Poeten.  Die wählten und wählten, schrieben, diskutierten, stritten und wählten.
Der König wurde darüber sehr zornig und rief in seiner Wut:  „Dann sollen sie eben alle verdursten und verhungern!“ Auch diese Botschaft ließ er auf Pergament groß und gestochen geschrieben zu ihnen bringen.
Nun kannte auch deren Empörung und Wut keine Grenzen mehr, sie schrien und schimpften, schrieben grimmige, böse, verletzende Theaterstücke, Gedichte und Romane gegen ihn.  Vergaßen darüber das Wählen und den Hunger, bis der Mangel an nahrhafter Stärkung sie erschöpft vor den Spiegeln niedergleiten ließ. Da konnten sie sich in Ruhe mit müden, sterbenden Augen betrachten. Ein jeder und eine jede versuchte noch ein stolzes Lächeln auf das bereits bleiche und bis auf die Knochen abgemagerte Gesicht zu zaubern und verschied.
Das Malheur für den König war dann doch sehr anders, als er es gewollt hatte. Traurig ließ er die Dichterrunde in ein gemeinsames Großgrab legen und schenkte ihnen ein riesiges Denkmal mit der Aufschrift „Hier ruht des Landes ganzer Stolz und Dichtung, möge sie in Frieden ruhen und nie vergessen sein.“
Kurz darauf verschieden auch der alte Dichter und die Dichterin. Nur der junge Dichter lebte noch eine Weile fröhlich in seinem Gefängnis vor sich hin, bis er eines Tages auf die verrückte Idee kam, einen Tag lang mit einem der Gefangenen des Königs tauschen zu dürfen. Der Gefangene war begeistert und verließ unverzüglich das Gefängnis, suchte keineswegs die Dichtung, nur das Weite. Als der König davon erfuhr und davon, dass die Wächter ohne Ersatzgefangenen den Dichter nicht freilassen mochte, war es zu spät. Der junge Dichter hatte sich mit einer Scherbe bereits die Kehle durchtrennt und mit seinem Blut mit letzter poetisch bereits stark geschwächter Kraft an die Wand geschrieben:
„Für Dich mein weiser König
opfere ich gern mein junges Leben
der Du hast dem Land und
uns Dichtern so viel gegeben“
Der König war daraufhin sehr traurig und sehnte sich seine Dichter zurück, mochte nicht länger nur in ihren alten Werken lesen.  Noch schlimmer aber erging es seinem Volk, dass nun an von niemandem mehr das Volk der Dichter geheißen. Man las wie anderswo nur noch in Briefen, das auch selten, Nachrichten in den Anzeigenblättern und schwer verständliche Fachbücher und Magazine, was einer halt so muss und braucht, der nicht dichtend ernähren kann sein Leben.
Eines Tages aber, nach mehr als vielen hundert Jahren, begann eine junge Bauerstochter auf ihrem Trecker Gedichte zu verfassen, die reinste Poesie, voll mit Blumen, Bäumen, Herz und Schmerz. Als das ihr Vater mitbekam, schlug er ihr den Apple-Ipod aus der Hand und verbat ihr, damit je zum König oder sonst wo hin zu gehen.
„Du weißt doch, wie der König damals seine ach so geliebten Dichter verhungern und verdursten ließ!“
„Aber unser Volk, das sehnt sich doch nach Literatur und Dichtern zurück.“
„Wie kommst Du auf diesen Schmarrn. Hier seht sich keiner nach Dichtung. Die füllt nur den Geist mit Schwachsinn und nicht den Magen. Achte lieber auf die Furchen, die Dein Trecker fährt.“
„Aber Vater, der König ist seit Jahrhunderten tot und außerdem haben wir längst die Demokratie hier im Land!“
„Umso schlimmer, weißt Du wie die Politiker sind, die jetzt die Macht haben? Also, vergiss es besser und vor allem schnell mein Kind!“
Und so kam es, dass in diesem Märchen keine junge Maid das Königreich oder die Dichtung dem Land rettete. Schade drum. Obwohl, das Volk ja, aber der König und die Politiker tun mir weniger leid. Hoffe inständig und sehr, dass sie diese Zeilen hier nicht als Zeugnis meines heimlichen Dichterseins auffassen und nach mir rufen lassen.

Ilses Barbarossamärchen



Es war da in der Deutschen seit einiger Zeit wieder vereinigtem Lande eine junge Frau, die sehr strebsam war und hübsch aussah. Sie hatte es bis zur Juristin in einer großen Wirtschaftsrechtkanzlei in der Bankenstadt Frankfurt gebracht obwohl ihre Eltern nur arme Eifelbauern waren.
Diese junge Frau lebte aber alleine in einem Penthouse, von dem aus sie über viele Dächer der Stadt gucken konnte, wenn sie es denn gewollt hätte. Sie saß aber lieber vor ihrem Kamin, ließ Holzscheite knistern und las die Romantiker und auch deren Märchen. Das war ihr liebstes Hobby schon seit Kindertagen. Da man in der Kanzlei wohl darüber gelächelt hätte, sprach sie mit niemandem darüber. Ihr Lieblingsautor aber war Heinrich Heine. Und wie es so im Märchen bisweilen geschieht, fand sie sich eines Tages bei einem Betriebsausflug der Kanzlei im Kyffhäuser vor dem steinernen Barbarossa in seiner Höhle wieder. Dort hielt sie Heines „Wintermärchen“ aufgeschlagen in den Händen und las in dem schummrigen Licht seine Verse still vor sich. Sie hatte sich dafür etwas von den Kollegen. alles Männer bis auf die Reno-Gehilfinnen, abgesondert,.
Als diese sich aus der Höhle mit dem Führer der Höhle entfernten, bekam sie es nicht mit und so geschah es, dass sie plötzlich mutter- und kollegenallein in der Höhle saß mit ihrem Buch und las, nicht ohne hin und wieder einen Blick auf den Barbarossa zu werfen. Und als sie zu den Zeilen kam, in denen Heine den alten Kaiser besungen, fing sie laut zu lesen an:

Mit stockendem Atem horchte ich hin,
Wenn die Alte ernster und leiser
Zu sprechen begann und vom Rotbart sprach,
Von unserem heimlichen Kaiser.

Sie hat mir versichert, er sei nicht tot,
Wie da glauben die Gelehrten,
Er hause versteckt in einem Berg
Mit seinen Waffengefährten.

Kyffhäuser ist der Berg genannt,
Und drinnen ist eine Höhle;
Die Ampeln erhellen so geisterhaft
Die hochgewölbten Säle.
Der Kaiser bewohnt den vierten Saal.
Schon seit Jahrhunderten sitzt er
Auf steinernem Stuhl, am steinernen Tisch,
Das Haupt auf den Armen stützt er.

Sein Bart, der bis zur Erde wuchs,
Ist rot wie Feuerflammen,
Zuweilen zwinkert er mit dem Aug',
Zieht manchmal die Braunen zusammen.

Schläft er oder denkt er nach?
Man kann's nicht genau ermitteln;
Doch wenn die rechte Stunde kommt,
Wird er gewaltig sich rütteln.

Die gute Fahne ergreift er dann
Und ruft: »Zu Pferd! zu Pferde!«
Sein reisiges Volk erwacht und springt
Lautrasselnd empor von der Erde.

Ein jeder schwingt sich auf sein Roß,
Das wiehert und stampft mit den Hufen!
Sie reiten hinaus in die klirrende Welt,
Und die Trompeten rufen.

Sie reiten gut, sie schlagen gut,
Sie haben ausgeschlafen.
Der Kaiser hält ein strenges Gericht,
Er will die Mörder bestrafen -

Die Mörder, die gemeuchelt einst
Die teure, wundersame,
Goldlockichte Jungfrau Germania -
»Sonne, du klagende Flamme!«

Wohl mancher, der sich geborgen geglaubt,
Und lachend auf seinem Schloß saß,
Er wird nicht entgehen dem rächenden Strang,
Dem Zorne Barbarossas! ---

Sie hatte die letzte Silbe noch nicht ganz ausgesprochen, da begann sich der Koloss vor ihr zu bewegen und auf zu stehen. Erschrocken und ungläubig sah sie dass, erkannte rasch, dass es sich nicht um ein Versehen ihrer Augen im Schattenspiel handelte und begann zu schreien.
Da drehte sich der Koloss zu ihr um, schrumpfte dabei auf normales Menschenmaß und begann sich von dem Stein zu befreien, bis er fast aussah so wie Du und ich, nur stank er fürchterlich. Kein Wunder nach den vielen Jahrhunderten in dieser Gruft.
„Wie soll ich Dich ansprechen, merkwürdige Maid und wo kamst Du her, dass Du mich befreiet?“
Brav stotterte die junge Frau ihren Namen „Ilse“ und den Namen des Dorfes ihrer Eltern und ihrer Arbeitsstätte Frankfurt.
Barbarossa, denn der war er wieder, der stolze Kaiser, rotbärtig, wenn auch ein wenig zerzaust und silbersträhnig, vor allem aber noch ganz ohne Ross, reichte ihr seine grobe rechte Hand zum Gruß.
Die nahm sie, spürte erstaunt die Wärme darin und fasste sich ein Herz, sah ihm in die Augen unter seinen buschigen und vom Staub verklebten Wimpern.
„Du, ich meine, Sie leben?!“
„Dank Dir Maid, ist der alte Fluch gebrochen. Nun auf, das Land zu retten, die Einheit. Es wird Zeit, dass der Kaiser sorget für Ordnung all hier.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher“, rutschte es ihr über ihre dezent geschminkten Lippen, bevor sie noch nach zu denken vermochte, ob man so mit einem Barbarossa reden könnte.
„So, will die Eselin schlauer sein als der Büttel? Sei froh, dass Du mich erwecket hast, sonst müsst ich …“ Zu ihrer Beruhigung sprach er die möglichen Folgen nicht aus.
In den nächsten Minuten gelang es ihr, ihn davon zu überzeugen, keine überstürzten Handlungen vor zu nehmen, auch stände kein Heer ihm hier zur Verfügung, denn das hatte sie offensichtlich nicht mit erweckt. Zumindest hörte sie kein Schnauben von Rössern oder Klirren der Waffen.
Unwillig zwar aber nicht uneinsichtig hörte er ihr zu. Fand zwar, dass sie seltsam spreche, auch ihre Kleidung gefiel ihm nicht so recht, sehr wohl aber ihr Gesicht und ihre Haare, mehr von ihr sah er bei ihrem Kostüm nicht.
Nach einer Weile des Hin- und Herredens gelüstete es Barbarossa endlich den Berg zu verlassen und das Land draußen in Augenschein zu nehmen. Sie gingen zum Ausgang, wo märchentypisch plötzlich die Türe offen stand und sie entließ. Draußen fand sie rasch ihren Wagen und schaffte es nur mit großer Anstrengung Barbarossa dort hinein zu bekommen.
Der sah die Kutsche ohne Pferde missbilligend an und fand es gewaltig unter seiner Würde in so eine merkwürdige Kiste zu steigen. Auf der Fahrt zurück nach Frankfurt blieb Barbarossa still und sah nur verwundert die Landschaft wie in einem Film vorüber fliegen, wobei er Filme ja auch noch nicht kannte und so noch mehr verwundert war über das Geschehen.
Die junge Dame Ilse aber grübelte die ganze Fahrt über, was sie nur mit dem stinkenden Opa anfangen sollte, der ihr so ungewünscht und ungeplant in ihr gut durchorganisiertes Wirtschaftsjuristinnenleben gestolpert war. Sie nahm ihn mit in ihr Penthouse, wo Barbarossa ängstlich und grimmig unter die Dusche ging, da er meinte mit Stadtwasser täte man sich nur vergiften, ob denn nicht ein Fluss unterwegs besser gewesen wäre.
Da sie über keine Kleidung für Männer verfügte, bisher auch noch nie ein Mann in ihrem Heim Platz genommen hatte, fühlte sie sich einerseits sehr unwohl, kleidete ihn andererseits in ihren Morgenmantel, der ihm zu klein war und wusste nicht so recht weiter.
Zwar hatte sie viele Märchen gelesen, sehr viele sogar, wenn nicht fast alle, die in ihrer Landessprache gedruckt erhältlich waren, aber in keinem Märchen ging es so zu wie in diesem, sie völlig überfordernden hier und jetzt.
Barbarossa war einverstanden auf dem Sofa zu schlafen und so konnte sie sich in ihr Schlafgemach begeben, nicht ohne die Tür zwischen sich und ihm ab zu schließen, als wenn die wirklich ein Hindernis hätte darstellen können für seine Kräfte.
Am nächsten Tag blieb sie zu Hause nach dem ein Arzt sie für eine Woche krankgeschrieben hatte und nutzte diese Zeit, ihm die Welt und die Geschichte zu berichten, was sich wie geändert hatte seit seinem Verschwinden und was das für ihn bedeuten könnte.
Zu ihrer Überraschung zeigte sich Barbarossa als sehr lernwillig und schnell im Denken. Offensichtlich hatte ihm der lange Schlaf im Kyffhäuser gut getan. Auch war sie nun sehr froh, dass sie nicht ausversehen einen jungen Prinzen erlöst hatte, denn der wäre ihr wahrscheinlich sofort an die Wäsche gegangen ohne Verständnis dafür, dass sie nur Frauen erotisch fand.
Barbarossa hingegen fand schnell Gefallen an der neuen Welt und konnte schon bald Lesen und Schreiben, ihren Laptop benutzen und surfte begeistert im Internet. Seine Bedürfnisse zeigten sich als sehr bescheiden und mit passender Kleidung, ausgiebigen einfachen Gerichten verbrachte er vergnügt seine Tage und schien schon bald nicht mehr vor zu haben, das Land zu retten.
Ihr gefiel es jemanden zu haben, der sie abends empfing, sie wenig störte und einfach nur da war.
Mit der Zeit war er es der ihr von der Welt erzählte und seinen Gedanken dazu. Vieles gefiel ihm nicht, auch nicht was seine Nachfolger und deren Kollegen so angestellt hatten in der Geschichte. Gandhi gefiel ihm und er trauerte Saladin nach. Mit dem würde er gerne hier sitzen. Er verlangte nie nach einem Schwert, wollte auch nichts mehr wissen über Pistolen, Pershings oder Drohnen. Kriegsgerät war ihm zuwider geworden. Traurig machte ihn auch, wie der Islam durch die Terroristen und Selbstmordattentäter in Verruf geraten war. Er hätte einen anderen Islam kennengelernt, human, tolerant und weise, sehr der Kunst und Literatur zugetan. Der Heinrich Heine gefiel ihm auch und er las ihr sogar „Deutschland ein Wintermärchen“ ganz vor.
So lebten sie munter und zufrieden die Tage dahin und wenn sie sich nicht verliebt haben sollte oder er sich eine altersgemäße Krankheit eingefangen, hätte das so weiter gehen können bis ans Ende ihrer Tage.
Nun begab es sich aber, dass auch im fernen Orient ein alter und weiser Mann nach Jahrhunderten wieder zum Leben erweckt worden war, nicht durch eine junge Frau sondern durch ein Kamel, was aber für den Mann kein Schaden war, da er sich sogleich auf dieses Kamel setzen konnte und zur nächste Oase reiten. Dort geschah ihm wie Barbarossa im fernen Frankfurt.
Die Leute dort nahmen ihn freundlich auf und er musste viel, sehr viel lernen über die Zeit und wie es zu ihr gekommen war. Der Mann hieß Ephraim Azzurri und galt zu seiner ersten Lebenszeit als der Wesir der Wesire, der weiseste unter den Weisen und war so im Gedächtnis seiner Landsleute geblieben als der, der wieder kommen würde, wenn es der Prophet denn erlaube, der Welt die Augen und alle Sinne zu öffnen und den Weg in das irdische Paradies zu weisen.
Da sich das nicht in der abgelegen Oase bewerkstelligen ließ, die Zeit nach Ephraims frisch gewonnenen Erkenntnissen auch nicht gerade begierig auf sein Erscheinen zu sein schien, surfte er ziellos durch das Internet in der Hoffnung irgendwann dort auf eine Lösung für sein weiteres Leben zu stoßen. Dabei fanden sich Barbarossa und er eines schönen Tages, chatteten sehr bald offen und angeregt miteinander und zu Barbarossas großer Freude stellte sich Ephraim als ein entfernter zwar nur aber immerhin Bekannter Saladins heraus.
Ilse verliebte sich zu der Zeit gerade in eine Renogehilfin ihrer Kanzlei, bekam diese Liebe erwidert und traf sich mit ihr in deren Wohnung, da sie sich nicht traute, Barbarossas Existenz preis zu geben.
Barbarossa seinerseits bekam von Ephraim ein Flugticket und Ausweispapiere zugeschickt, alles von Ephraim über seine arabischen Kontakte zu der Zeit problemlos möglich, und so kam es, dass Barbarossa Ilse einen Brief schrieb, sich darin bei Ihr bedankte und sich für immer von ihr verabschiedete.
Er nahm den Flug von Frankfurt über Dubai zu dem Flughafen, auf dem ihn Ephraim Azzurri bereits sehnsüchtig erwartete.
Zusammen fuhren sie mit einem Jeep zu der Oase von Ephraim und diskutierten dort und surften zusammen im Internet, bis zur gleichen Stunde jeweils jeder von ihnen von seinem großen Herrn des Himmels endgültig und für immer von unserer Erden genommen wurde. Das aber geschah so, dass der Präsident der USA eine Drohne auf die Oase schießen ließ, weil ihm seine Geheimdienstleute berichteten von einem Europäer mit zweifelhafter Herkunft und einem eben solch zweifelhaften wie ein Scheich gekleideten Großvatertyp, dem bereits getöteten Bin Laden nicht unähnlich, sich dort konspirativ und sicherlich Terror planend aufhaltend und daher besser zur Vermeidung schlimmerer Geschehnisse zu töten. Der Erfolg schien ihnen recht zu geben denn am Tag nach deren Ableben geschah nirgendwo auf der Welt ein Attentat.
Im Himmel angekommen fragten die als erstes, was denn nun der Sinn ihrer Wiedererweckung gewesen sei, da sie nichts hätten unternehmen können zum Heil der Menschen und ihrer Welt.
Sie erhielten zur Antwort, dass es wohl mehr ein Versehen und ein launiger Einfall gewesen wäre, dieses Experiment auch nicht wiederholt würde, den Menschen sei nämlich nicht zu helfen, so jedenfalls schon gar nicht und so weiter.
Immerhin erhielten zusammen eine Wolke der Barbarossa und der Ephraim. So hatte es denn doch sein Gutes gehabt, ihre Wiederkehr.
Ilse trauerte ein paar Tage, zog danach mit ihrer Renogehilfin zusammen und half erfolgreich den Unternehmen des Landes Steuern gar nicht oder nur sehr wenig zu bezahlen. Heine aber las sie nie wieder. Er war ihr nicht mehr geheuer. Sie stieg auf Krimis um, was ihrer Zeit wohl auch mehr entsprach.
Und so endete ihr Märchen wie die meisten in Liebe, einem erfolgreichen Leben im Reichtum auf Kosten anderer und wer das nicht mag, sollte besser keine Märchen lesen.

Samstag, 30. März 2013

Der Streik der Hühner



 
Seit Jahren hatten sie es ihrem göttlichen Hahn im Himmel beklagt, mal traurig, mal zornig, jetzt, die letzten Jahre immer unwilliger.
Die Hasen machten auf große Show, ließen sich feiern und niemand sprach von den Hühnern, ihrer mit ein paar Körnern abgespeisten Arbeit.

Es ging natürlich um die Eier zu Ostern. Die hatten sich die Hasen unter ihr Fell gerissen. Dabei wurden sie selber in den uralten finsteren Jahren zum Fest geopfert und gegessen. Stattdessen schoben sie die Eier der Hühner den Göttern unter, verwiesen darauf, wie viel schmackhafter, nahrhafter und überhaupt von Menge die seien. Jeden Tag legten die Hühner schließlich brav ihre kostbare Fracht in die Nester. Und so gab es natürlich mehr Eier als Hasen auf der Welt, hätte es gegeben, wenn die Eier nicht immer sofort verzehrt worden wären.

Es wehrten sich natürlich nur die freien Hühner, die noch Auslauf hatten und ihren Hahn in der Nähe. Die Millionen anderen, die dicht an dicht, eng an eng, in den langgesteckten Hütten wie kleine Roboter gehalten wurden, waren für solche Gefühle und Regungen viel zu schlapp.

Mit der Zeit, als wieder mehr nach Hasen als Opfergabe verlangt wurde, gingen die einen Deal mit den Konditoren ein, die Hasen aus Schokolade auf den Markt warfen und seitdem konnten sie unbehelligt über die letzten, verbliebenen Felder hoppeln. Ihr Ruf wuchs dabei ins Unermessliche und jedes Jahr zu Ostern waren sie die Superstars.

Kurz: die freien Hühner hatten die Nase von dem Hasencircus voll, bestanden auf Anerkennung ihrer Rolle beim Osterfest, darauf, dass sie den blöden Hasen, die ja nur zu kleinen ungenießbaren Kügelchen in der Lage waren, einst massenhaft das Leben gerettet hatten, ließen ihre Hähne nicht mehr an sich ran und zürnten mit dem göttlichen Hahn.

Der hatte endlich im seligen Jahr 2013, warum auch immer ausgerechnet in diesem Jahr, ein Einsehen mit den Hühner und ließ es zu Ostern kräftig schneien.

Das freute die Hühner in ihren warmen Ställen, sogar die in den Eierfabriken,  und ärgerte die Hasen.

So war der Frieden wieder etwas hergestellt, die Hühner ließen vor Freude die Hähne wieder an sich ran, lieferten fröhlich gackernd ihre Eier und merkten erst später, dass sich ja eigentlich nichts für sie geändert hatte, außer den Osterhasen im Schnee und ihre Eier mit grünen Nestern auf Schlitten.

Von ihnen sprach immer noch kein Schwein.