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Dienstag, 29. Oktober 2013

Video: Ein Bankenbesuch mit Folgen



(c) all rights reserved by jörn laue-weltring lingen 2013

Ein Bankenbesuch mit Folgen


Meine Frau und ich waren zeitlebens sehr vorsichtig, nicht ängstlich, aber vorsichtig. Auch waren wir nicht geizig, wenn auch sparsam, stets auf das Wohl unserer Familie bedacht und ihr Spielraum zu ermöglichen und zu erhalten.
Wir haben stets gegeben, was zu geben war und uns eingebracht in der Gemeinde und für das Land. Als es zum Beispiel hieß, unser Volk sterbe aus, haben wir uns das dritte Kind zugelegt, so dass nun, wenn wir mal nicht mehr sein sollten, immerhin ein Mensch mehr da ist wo wir zu zweit gewesen sind.
Unsere Rente haben wir privat zusätzlich abgesichert, als es hieß das wir das müssten, wollten wir im Alter nicht dem Staat zur Last fallen oder unseren drei Kindern.
Und jetzt war es soweit, dass wir in Rente gehen konnten, mit Abzügen zwar, aber unsere Firmen drängten schon länger auf unser Ausscheiden und schließlich brauchen auch die Jungen vernünftige Arbeitsplätze.
Also stimmten wir dem frühzeitigen Rentenbeginn inklusive der Abschläge auf den Rentenbetrag zu und gingen zur Bank. Der Angestellte dort hatte uns einst beraten bei der Geldanlage und so begrüßten wir uns wie nette alte Bekannte. Er bot uns Kaffee an. „Frisch gemahlen, wir haben jetzt auch eine Maschine für Kaffee mit Creme.“
Er tippte ein paar Mal auf seiner schwarzen Tastatur herum und sah etwas, was wir nicht sehen konnten, da wir auf die Rückseite seines Bildschirms blicken mussten. Das was er sah, schien ihm nicht zu gefallen. Er sah uns mit betrübten Augen an.
„Wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt etwas für Ihre Rente dazu haben wollen, ja, dann, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, sollten Sie noch einmal die gleiche Summe investieren.“
Wir sahen ihn etwas irritiert, aber noch nicht sehr beunruhigt an. Der Mann war schließlich sportlich aber nicht übertrieben bänkerisch gekleidet, so in unseren Augen sehr vertrauenswürdig, war ja außerdem im gleichen Schützen- und Sportverein wie wir und unsere Kinder.
„Das heißt?“
„Ja, ich sagte schon, es tut mir wirklich leid, aber von Ihrer Einlage ist nur noch ein Zehntel da. Sie wissen schon, der Börsencrash, die Finanzkrise, dazu die niedrigen Zinsen zurzeit.“
„Ein Zehntel?“
„Ja, und da haben sie noch Glück gehabt, dass durch unsere konservative Anlageform überhaupt noch etwas da ist.“
„Aber sie haben uns doch gesagt, wir bekämen 15% Rendite jedes Jahr?!“
„Das stimmt, bei Vertragsabschluss war es ja auch so. Aber die Zeiten! Wer hätte all das vorsehen wollen?“
„Das heißt, wir haben keinen nennenswerten Betrag, der unsere Rente ergänzt?“
„So sieht es aus, ja. Aber wenn Sie die gleiche Summe, ich meine, wir, das heißt die Bank, würden Ihnen auch entgegenkommen mit einem sehr zinsgünstigem Kredit.“
„Kredit?“
„Ja, ich meine, falls Sie diese Summe nicht zur Verfügung haben sollten.“
„Damit das Geld auch verschwindet? Halten Sie uns für verrückt?“
„Nein, natürlich nicht, ich meine, so habe ich das nicht gemeint. Haben Sie denn noch Reserven, die Sie uns zur Verfügung stellen könnten.“
Meine Frau und ich sahen uns an und verstanden nur Bahnhof.
„Ja, etwas haben wir noch, weil wir lieber zweigleisig fahren wollten. Auf unserem Sparbuch.“
„Oh, ja, ich sehe es. Aber das ist nicht klug gewesen von Ihnen, da hat sich Ihr Geld ja kaum vermehrt bei dem kleinen Zinsbetrag.“
„Wie bitte? Es ist immerhin noch da!“
„Ja, aber bedenken sie, was sich bei den Konditionen von unseren Fonds an Gewinn ergeben hätte.“
„Gewinn? Verlust meinen Sie wohl.“
„Oh, ich sehe gerade, Ihre Hypothek, die ist nicht mehr bei uns.“
Jetzt hatte er uns. Wir begriffen gar nichts mehr.
„Unsere Hypothek, die ist doch fast getilgt.“
„Ja, das schon, deswegen gilt sie ja auch als gute Hypothek und ein paar davon müssen wir mit rein geben, wenn wir unsere schlechten Kredite loswerden wollen.“
Wir baten ihn mit leiser Stimme uns das, bitte, zu erklären, was mit unserer Hypothek sei.
„Die haben wir verkauft im Paket mit anderen. Da müsste eigentlich schon Post gekommen sein. Wenn nicht, keine Sorge, die melden sich schon.“
„Warum sollten die sich melden bei uns?“
„Na wegen der Tilgung. Das Geld geht ja nun an die, nicht mehr an uns und, na ja, wegen den Konditionen, die wollen natürlich einen neuen Vertrag mit Ihnen machen, soll sich ja lohnen, der Kauf Ihrer Hypothek.“
Das Ende vom Lied: er gab sich wirklich Mühe uns begreiflich zu machen, dass wir die Restsumme auf einen Schlag zahlen müssten und die Zinsen höher seien und wir im Irrtum wären hinsichtlich der Summe, schließlich hätten wir den Hypothekbetrag nicht korrigieren lassen und so wäre der alte Betrag fällig, schließlich stände uns das ja als Hypothek zu. Wir könnten das Geld dann ja anlegen und kräftig Zinsen kassieren, immerhin 2%, was im Moment sehr hoch sei.
„Das ist ja weniger als die Inflation! Da verlieren wir ja die Zinsen für die Hypothek und mindestens 1,5% durch die Inflation, wenn sich das Geld nicht wieder verdünnisiert wie unsere Anlage.“
Von Inflation wollte er nichts hören. Er sei Betriebswirt und Inflation, das wäre Volkswirtschaft.
Wir verabschiedeten uns reichlich aufgewühlt und verwirrt von ihm, vergaßen, zugegeben, ihm zu danken und fuhren nach Hause, um dort in Ruhe in unseren sicheren vier Wänden uns das alles durch den Kopf gehen zu lassen.
Tatsächlich fanden wir im Briefkasten das angekündigte Schreiben von einem Inkassounternehmen. Uns wurde im barschen Ton mitgeteilt, dass wir den vollen Betrag innerhalb von 14 Tagen zu zahlen hätten, ansonsten würden sie unser Haus versteigern.
Der Tag war noch nicht zu Ende und so kam per Fahrradkurier auch noch Post von der Ortsverwaltung, die uns umständlich darauf hinwies, dass unsere Straße neu gebaut und die Kanalisation erneuert werden müsse, daher ergäbe sich für uns ein Betrag in Höhe von, der anteilig sei und zu berücksichtigen, dass die Hälfte der Anlieger nicht herangezogen werden könnten, da diese ja städtisch seien und so weiter.
Am Abend dieses Tages waren wir pleite, tendenziell obdachlos und auch unsere erste Idee mittels Selbstmord das alles zu einem guten Ende zu bringen, zumindest für unsere Kinder, stellte sich rasch als Trugschluss heraus, da unsere Kinder dann das Erbe ablehnen müssten, also gar nichts bekämen und davor schreckten wir dann doch zurück. Schließlich stirbt bekanntlich die Hoffnung zuletzt.
Ob wir nicht sofort einen Anwalt eingeschaltet hätten? Natürlich. Für 550 Euro hat der uns bestätigt, dass alles rechtens sei. Wir haben dann doch eine Lösung selber gefunden. Ich habe den Bankangestellten erschossen, meine Frau hat die Inkassofirma in die Luft gesprengt. Seitdem haben wir die wohltuende Sicherheit von Verpflegung und Kost bis zum Ende unserer Tage. Leider wohnen wir seitdem nicht mehr zusammen. Aber wir schreiben uns SMS und skypen jeden Tag. Unsere Rente verrechnet die Justiz mit unserem Daueraufenthalt. Es scheint, dass sich dadurch keine weiteren Schulden anhäufen. Unsere Kinder leben jetzt von Hartz IV, da sich durch unsere Schulden Arbeiten für sie nicht mehr so gut rechnet, genießen dafür das Leben in unserem Haus, vor dem schon dreimal der Gerichtsvollzieher stand um sie zu vertreiben. Bis jetzt aber ist es nicht gelungen, weil sie viele Kinder haben und die Kommune in Sorge ist, für die eine Unterkunft bezahlen zu müssen. Wir sind jedenfalls sehr gespannt, wie es weiter geht.

Dienstag, 24. September 2013

Alles in GFD



Sie wollen wissen, wovon ich meinen nicht gerade bescheidenen Lebensaufwand bestreite? Nun, gerne erzähle ich es ja nicht, nein, nichts was verboten wäre, aber es ist, nun ja, etwas geschmäcklerisch.
Am besten ich fange ganz von vorne an, damit sie mich besser verstehen.
Es war Anno 2014, ja genau, damals als wir ein halbes Jahrhundert zu spät Orwells “1984” endlich umgesetzt hatten, aber noch dabei waren Huxleys “Schöne neue Welt” zu verwirklichen, da war ich auf der Suche nach einer festen Existenzgrundlage.
Unser zweites Kind war unterwegs und wir hatten gefallen daran gefunden, an Kindern meine ich, und wenn wir mehr Kinder wollten und für die ein schönes großes Haus zum Spielen, dann mußte ich mir schon etwas sehr gescheites einfallen lassen.
Die Idee kam mir nach dem Besuch der neuesten Disney-3D-HD-Produktion im Kino. Von dem Film selber weiß ich nicht mehr viel, allerlei Geräusche, fliegende, rasende Objekte halt. Die Handlungen, nun, die waren schon länger verpönt. Viel zu streßig denen zu folgen. Aber in dem Film spielte ein großer Brand eine Rolle, die ganze Stadt brannte, war damals so üblich. Und ich hatte ein Gefühl in meiner Nase, als wenn ich den Rauch mit allen seinen chemikalischen Zutaten und Vorgängen riechen könnte. Und das war es.
Ich war mir hundertprozentig sicher, dass GFD kommen würde und die Filme wie die Kinos, nicht zu vergessen das Fernsehen, revolutionieren würde. Und ich würde in dieser Revolution meinen Platz finden. Blieb nur die Frage wie.
Irgendwelche sonderlich ausgeprägten Fähigkeiten, geschweige Qualifikationen für die dafür kommende Branche besaß ich eigentlich nicht und es fiel mir auch rein gar nichts ein, was ich dort gewinnträchtig einbringen könnte. Aber mein Urgroßvater fiel mir ein, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts nach dem großen Krieg sein Geld mit Schrott gemacht hatte. Und sein Sohn, mein Großvater, der das wieder aufnahm, nur anders, als das Recycling und die Mülltrennung Furore machten. Und ich, wer war ich?
Deren Enkel, beziehungsweise Urenkel! Also!
Ich machte mich sofort an die Arbeit, suchte mir über das Internet ein paar schlaue aber finanziell und rechtlich unbedarfte Jungs, versprach ihnen das Blaue vom Himmel und da ich ihm den Namen “das neue Silicon Valley” gab, folgten sie mir brav. Was taten wir?
Nun, wenn sie heute in ihr Kino gehen und aufgrund der starken Gerüche durch das Super-GFD plötzlich kotzen müssen, ihnen das aber eher gefällt, weil es dazu gehört, dann verdanken sie das mir und meinen damaligen Jungs. Die habe ich natürlich längst gefeuert. Wollen alle immer nur “Beteiligung”, weiß gar nicht was das sein soll und warum.
Und wenn sie auch zu Hause im Kreise ihrer Lieben ihre Lieblingsfilme in GFD genießen trotz Kotze und Spucken, dann profitiere ich und längst schon unsere 12 Kinder. Leider nicht meine Frau, die ist zusammen mit dem 13ten bei der Geburt auf der Strecke geblieben. Vielleicht hatten wir uns da doch zu viel vorgenommen.
GFD? Geruchs-Fernsehen-Deutschland! Toll, nicht? Wer hätte das nach 3-D und HD noch für möglich gehalten damals. Ja GFD. Diesmal fand das “Silicon Valley” in Deutschland statt, denn mit Gerüchen kennen wir uns hier spätestens seit dem Mittelalter bestens aus. Denken Sie nur an die Hexenverbrennungen, die Pest, der Kot in den Straßen, die Pisspötte unter den Betten, den Rauch über dem Ruhrgebiet oder die lange verseuchten Flüsse.
Wir hatten den Big-Point gefunden und nicht mehr aus der Hand gegeben. Und ich war mitten drin.
Was soll ich Ihnen sagen: sobald es richtig losging, hatte ich den ersten “Kotz-Dir-die-Seele-aus-dem-Leib-Filter” mit automatischer, geruchsloser Entsorgung serienreif auf den Markt gebracht. Unschlagbar. Vor allem, da ich bereits mitbekommen hatte, dass die Leute nach dem Genuss dieser Filme von allen Gerüchen die Nase voll hatten, was, wie Sie sicherlich noch wissen, zum völligen Kollaps der Parfüm- und Aromaindustrie geführt hat. Und meine Geräte vertrieben den Geruch seitdem erfolgreich aus den Häusern, den Autos, den Straßen, ja sogar den Schulen und Fabriken. Sie eleminierten sie sofort bei ihrem Entstehen, wirklich alle Gerüche in der Umgebung. Aber natürlich nicht die im Kino. Dann wäre der Spaß am GFD ja vorbei gewesen. Da sorge ich nur dafür, dass Sie nach dem Verlassen des Kinos keinen Geruch davon an sich wahrnehmen können.
Was mit den Gerüchen geschieht? Psst, aber nur wenn Sie es niemanden verraten: Die sammele ich alle ein, denn irgendwann wird niemand mehr wissen wie etwas wirklich gerochen hat und dann verkaufe ich sie, in kleinen Portionen. Ein Riesengeschäft wird das, glauben sie mir. Aber psst: Noch gibt es in dieser Welt zu viele Gerüche, die mir entkommen sind und zu viele Quertreiber, ja die zum Beispiel von der Bewegung “Wir riechen selbst!”. Aber um dieses nächste Geschäft wird sich einer meiner Enkel kümmern dürfen. So, jetzt wissen sie es.
Wie man die Branche nennt? “Entsorger”, ja, so wie bei meinem Urgroßvater und meinem Großvater. Leider ist unsere Branche immer noch nicht gut angesehen. Deswegen weiß auch niemand außerhalb meiner Familie und der Firma, wer und was ich bin. Sie verstehen schon, wegen den Gerüchen und auch ich habe doch wohl das Recht, mit Respekt behandelt und gemocht zu werden.

Ein Mann im Raum


Meine Mutter mochte Männer, besonders wenn sie gut rochen. Und der roch gut. Zumindest meinte sie das. Ich fand der stank, nach Rasierwasser oder Eau de Cologne oder wie das Zeug hieß. Ich brauchte so etwas damals noch nicht. Der Bartwuchs hatte noch nicht eingesetzt bei mir.
Aber der Mann blieb. Er zog ins Souterrain, in das Zimmer zur Straße in dem vor der Scheidung meiner Eltern unsere hässlich graue Küche war. Hier kam kaum Licht durch das nur halbhohe Fenster, gestört noch durch die Blätter der Blumen im Vorgarten und den Lattenzaun.
War ich schon vorher nur ungern nach dort unten gegangen, war doch auch der Flur mit einer merkwürdig grau porösen Farbe gestrichen und alles stets feucht, muffig und mit dem schwächsten Licht, das eine dicke Butzenscheibe der Tür zum Garten hin zu geben vermag.
Leider war da noch unser Bad mit Wanne und Waschbecken, dazu der große Wasserbeuler, dessen Emaille wirklich schon bessere Tage gesehen hatte, das alles ganz ohne Fenster, so dass meine Mutter die Tür aufließ für den Dampf, wenn sie mich dort in der Wanne wusch. Habe ich das gehasst.
Und jetzt auch noch dieser Mann. Mit der Zeit roch es immer stärker aus seinem Zimmer, auch zog er nie mehr den guten Anzug vom Tag seiner Vorstellung in unserem Wohnzimmer an. Meiner Mutter fiel das erst nicht weiter auf, da sie sich zwar für Männer jedes Mal beim Kennenlernen sehr interessierte, aber rasch selbiges Interesse verlor, wenn bei dem für sie nichts zu holen war, menschlich und finanziell.
Mit der Zeit aber stank es regelrecht im Souterrain und man hörte den Mann auch am Tag laut schnarchen, ab und zu fluchen, etwas umstoßen, oder er stolperte über etwas.
Schließlich rümpfte auch meine Mutter die Nase und stellte kurz und böse fest: „Der säuft!“
Aber er zahlte Miete und das konnten wir nach der Scheidung gut gebrauchen, zahlten wir mit dem Unterhaltsgeld von meinem Vater doch noch einen Kredit aus der Ehe und deren Träumen ab.
Dann aber zahlte der Mann nicht mehr. Es blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als bei ihm zu klopfen. Ich musste mit ihr gehen. Sie bräuchte dabei einen Mann. Was mich natürlich stolz machte, andererseits hatte ich dadurch noch mehr Angst. Was mochte der Kerl mit uns anstellen?
Der Kerl machte gar nichts. Er war schon auf und davon. Meine Mutter bat mich vorsichtig beim Bahnhof nach ihm Ausschau zu halten, da wüsste sie, dass die Schluckspechte, so nannte sie die Alkoholiker, sich häufig aufhielten auch fänden sie Platz zum Schlafen in dem unterirdischen Kriegsbunker davor.
Also fuhr ich mit der Linie Drei durch die Stadt über die Brücke zum Bahnhof. Natürlich sah und roch ich zwar jede Menge Gestalten wie ihn, aber ihn selber nicht, worüber ich, ehrlich gesagt, eher beruhigt war als unzufrieden, wenn ich auch gerne als Held zu meiner Mutter zurückgekommen wäre, zusammen mit dem Mann.
Da der sich nach vier Wochen immer noch nicht wieder blicken ließ, rief sie ihren damaligen Freund an, einen junger Elektriker, Sohn einer entfernten Cousine, damit der mit uns die Wohnung aufbrach. Da war ich ihr als Held allein nicht gut genug, was mich etwas wurmte. Hätte ich den Kerl doch bloß doch am Bahnhof aufgegabelt und zurück gebracht. Dabei war mir schon klar, dass mir dafür noch sämtliche Kräfte und Fähigkeiten fehlten.
Ihr Freund brach die Tür auf und aus brach der Gestank. Der Mann lag unterhalb seines Waschbeckens, zwischen seinem fettigen dunklen Kopfhaar sahen wir trockenes Blut und Fliegen dran kleben.
Mir wurde schlecht und ich durfte auch sofort erst das Badezimmer aufsuchen und dann ins Wohnzimmer, sogar den Fernseher anstellen obwohl es noch nicht Abend war.
Später kamen Freund und Mutter hoch, beide mit wenig Farbe im Gesicht und sehr leise sich unterhaltend. Kurz darauf erschien die Polizei mit Leichenwagen.
Ich bekam von dem Rest der Vorgänge nicht mehr viel mit, da ich längst gefangen war von „Cartouche der Bandit“, den zeigten sie jeden Nachmittag an diesen Samstagen als Test für die Einführung des Farbfernsehens. Ich sah ihn in schwarz-weiß, was mir aber ziemlich egal war. Belmondo war mein Mann, mein Held!
Eine Woche danach aber musste ich doch wieder mit runter. Sie wollte, dass ich ihr beim Ausräumen und Saubermachen helfe. Es war, kurz gesagt, widerlich  Alles klebte vom Schmutz und stank. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so geekelt. Und es dauerte mir schier eine Ewigkeit bis wir endlich seine Habe in seiner dreckigen Bettwäsche verstaut hatten und diese nach draußen auf die Treppe dort stellen konnten. Hinweise auf Verwandte oder Freunde fanden wir nicht, suchten aber auch nicht wirklich danach. So brauchten wir niemanden informieren. "Wer weiß, was uns da noch ins Haus geschneit gekommen wäre," hatte meine Mutter dazu bemerkt. Das Wort Einsamkeit kannte ich noch nicht wirklich. Ich hätte es aber riechen können damals.
Dann bestellte meine Mutter einen Maler, aber trotz der chemisch kräftigen Ausdünstungen der frischen Farbe meinte ich den Gestank von Tod, Alkohol und Dreck weiter riechen zu müssen.
Mitleid mit dem Toten? Auf die Idee kamen wir beide nicht. Im Gegenteil.
Was aber viel schlimmer noch war, seit dem Tag wusste ich, das das Leben gewaltig schief gehen kann und so verlor ich mit diesem Mann das Gefühl von Sicherheit für mein Leben, oft noch träumte ich von ihm, dem Geruch, dem Aussehen seines Zimmers. Etwas krallte sich in meine Brust und ließ mich lange nicht los.
So lebte er in mir weiter auf mehr als unangenehme Art.
Gesprochen haben meine Mutter und ich so gut wie gar nicht darüber, nur einmal kurz nach dem Polizei und Leiche aus dem Haus waren.
Sie sagte nur: „Dass Ihr Männer solche Schweine werden könnt, das verstehe ich nicht!“
Und da war es, dass dieser kleine giftige Schmerz mich packte und nicht mehr losließ. Auf keinen Fall wollte ich so ein Schwein werden, auch wenn ich ein Mann war, beziehungsweise wurde.
Jedenfalls, das Zimmer war nicht mehr zu vermieten. Mutter räumte an dessen Stelle den Raum mit Blick zum Garten, worin bis dahin unsere Gerätschaften standen.
Dort zog dann eine Köchin ein, dick, freundlich, immer zu Scherzen aufgelegt, obwohl alle ihre Kinder im Heim waren und sie von allen deren Vätern längst getrennt.
Ihr Zimmer geriet freundlich und bekam auch Licht, es hat wenn überhaupt dann mal nach Frau gerochen und einmal, da war die älteste Tochter zu Besuch, lag ich mit der im Bett der Köchin, uns nackt an zu schauen und zu streicheln. Das versöhnte mich mit „da unten“, ist aber schon eine ganz andere Geschichte, wenn auch genau so kurz.
Heute denke ich: „Möge er in Frieden ruhen.“
Wer weiß was ihn zerbrochen hat und ob wir ihm nicht hätten helfen können. Wahrscheinlich nicht und trotzdem bleibt mir ein kleines schlechtes Gewissen wenn ich an den entsetzlichen Raum heute denke, den wir ihm zugemutet haben. Seit seinem Tod weiß ich, seit damals, dass ich in solch einem Raum auch nicht überlebt hätte oder es heute überleben könnte.
Nie wieder bekam ich solch große Einsamkeit in meine Nase.

Dessen Griesgrämigkeit























Da war ein Nachbar, der hatte jedes Jahr das aktuellste Modell der in dem Jahr am höchsten gelobten Automarke vor seinem Carport stehen.
Zu dem kam eines Tages im Frühling eine sehr hübsche und sehr junge Frau. Die hat ihm den Garten neu bepflanzt, die Büsche geschnitten, frischen Rasen gesät, das Herz rasiert und die Betten frisch bezogen.
Sie blieb auch bei ihm im Sommer, den Rasen zu mähen, die Blumen zu pflücken, die Gardinen frisch gewaschen auf zu hängen, ihm das Herz sorgfältig zu zerschneiden und die Betten frisch zu beziehen.
Im Herbst blieb sie ebenfalls, die Äpfel zu ernten, die Pflaumen, die Beeren, ihm die Stücke vom Herzen einzeln zu zertrampeln und, wir ahnen es schon, die Betten frisch zu beziehen.
Bevor sie nach dem folgenden Winter ihn verließ lackierte sie noch einen Rodelschlitten neu, schmückte den Tannenbaum, fror  Obst und Gemüse aus dem Herbst und seine Herzstücke ein und, nein nicht was wir denken, überließ die Betten Frau Holle.
Seitdem kam zu ihm eine Putzfrau, für den Garten ein „alles-ums-Haus-Dienst“, sein Herz reparierte ein Facharzt und in die Betten nahm er nun jahraus jahrein eine Frau mit, nicht so hübsch, nicht so jung aber stets im gebührendem Abstand zu seinem Herzen.
„Er wechselte weiter seine Autos wie wir unsere Hemden“, sagte Mutter. Und wunderte sich laut über dessen Griesgrämigkeit. „Wenn es uns so gut ginge wie dem, sähen wir aber anders aus“, meinte sie und wir nickten brav, aßen ihr Essen.

Und da er noch nicht gestorben ist, trotz geflicktem Herzen, wechselt er immer noch jedes Jahr sein Auto aus und schaut griesgrämig über den Gartenzaun oder in den Himmel nach den Sternen oder den Wolken. Bei Sonnenschein aber kommt er seit der jungen Frau nicht mehr aus seinem Haus.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Strandumtriebe



Sie gehen zu zweit. Kein Mensch außer ihnen da am Strand. Nur jede Menge Fußabdrücke. Sie gehen langsam, fast behutsam, als könne der Sand unter ihnen Schaden nehmen von ihren Schritten. Ein Mann. Eine Frau. Nur das Meer vor ihnen kann ihre Augen sehen. Ein großes Meer, der Ozean.
Sie bleiben vor der Gischt der Wellen stehen. Er legt seinen Arm um ihre Schulter, sie ihren Arm um seine Hüfte. Ihre Köpfe ruhen an ihren Schultern.
Je länger sie so dastehen, umso mehr schwanken sie hin und her, als treibe der Wind mit ihnen sein Spiel.
Ihre Köpfe schauen dabei unbewegt auf das Meer in Richtung Horizont, wo nur der Mond noch auf dem Wasser sein silbernes Lächeln verstreicht.
Dann beginnen sie sich zu drehen, heben mehr und schneller die Beine, tanzen in die Gischt hinein, in das Wasser, tanzen bis nur noch ihre Oberschenkel frei vom Wasser sind.
Schließlich drehen sie sich mit einem heftigen Ruck um, rennen zum Strand, die Dünen hinauf, verschwinden im fahlen Dämmerschein beginnender Nacht.
Unten kommen die Wellen näher und näher, erste schlagen an den Dünen an. Der Wind wird stärker und stärker. Es ist, als wolle das Meer zu dem Paar, wolle nicht ohne sie sein.
Hinter einer Düne packt ein Mann im dunklen Mantel sein Fernrohr ein.
Er geht mit gesenkten Schultern zu einem hinter Bäumen verborgenen Wagen, steigt ein.
Da erheben sich weit von ihm entfernt lautlos zwei Schatten und folgen ihm mit einigem Abstand, stark nach vorne gebeugt, noch in den Knien geduckte Schatten, verharren dann bis er wegfährt, sein Wagen leicht hustend hinter einer Kurve verschwindet,
in gekrümmter Haltung, richten sich langsam auf, der Rechte führt einen Arm zu seinem auftauchenden Kopf, eine Hand bildet sich, ein rechteckiger kleiner Schatten verschwindet mit der Hand hinter dem Kopf, eine Stimme flattert bruchstückhaft Vokale über die Dünen. Dann geschieht nichts mehr.
Die Schatten wirken aufgerichtet wie zwei Schießbudenständer, bewegungslos. Plötzlich ertönen in der Ferne Geräusche wie quietschende Reifen und das Knallen von heftig zugeschlagenen Autotüren. Danach ist es wieder still. Die Schatten bewegen sich in entgegengesetzter Richtung bis auch sie eins werden mit der Dunkelheit.
Dem Mond bleibt nur, den Rest zu beleuchten, wie das Wasser langsam ermattet, für Momente zu ruhen scheint auf dem Strand und dann allmählich in kleinen Prielen sich zum Ozean zurück begibt.
Kurz darauf, als hätte das Wasser sie angezogen und zurückgeholt, taucht erst der Mann, dann die Frau wieder zwischen den Dünen auf. Nicht mehr Hand in Hand oder Kopf an Kopf, jetzt weit voneinander entfernt, gehen sie rasch zu der Stelle, wo der Mann mit dem Fernglas gelegen hatte. Die Frau bückt sich, geht in die Hocke, zeigt auf etwas. Der Mann scheint mit ihr zu reden, jedenfalls kommen Sätze über die Dünen.
„Auf dieser Welt ist man wohl nirgendwo mehr wirklich allein. Was ist noch das, was es scheint und wer weiß noch wirklich was geschieht?“
„Mit uns?“
„Mit uns allen!“


Ein Krimidesaster



Kennen Sie Simenon? Kennen Sie Maigret? Bevor ich sie kennen lernte, so richtig kennen lernte, war ich eine ganz normal scheiternde literarische Existenz inmitten ganz normal gescheiterter und halbwegs erfolgreicher Schreiber von allem, was sich formal absondern lässt, lebte spätpupertierend genusssüchtig in dem dazu passenden Viertel halbwegs genährt und finanziell auf wenn auch niedrigem Niveau mit dem Nötigsten versorgt, soweit ganz glücklich von Tag zu Tag, hockte mit den anderen im eigenen Künstlerhaus zusammen mit denen von der bildenden Kunst die Tage schwatzend, kochend, trinkend angenehm weg und las alles unbesorgt möglicher Folgen.
Bis ich auf sie traf: auf Simenon und seinen Maigret.
Hatte ich bis dahin immerhin fast jeden dritten Tag einen Einfall und nach einer Woche mindestens ein Textchen mir abgequält oder im Rausch runter gerotzt, so sollte sich das und noch mehr jetzt ändern, nicht sofort ganz, langsamer, aber von Tag zu Tag mehr.
Dabei kannte ich zumindest Maigret schon länger, als beleibten Pfeifenraucher in schwarz-weiß, an Samstagen kam er, glaube ich, im Fernsehen als Krimiserie mit Rubert Davies als Darsteller. Jean Gabin und Heinz Rühmann haben mir in der Rolle nie so gefallen. Auf jeden Fall ein spießiger, alles sofort und besser wissender autoritärer Mann, immerhin dabei ruhig aber auch alle einschüchternd durch Blicke und Gesten.
Die Bücher kamen zu meinem späteren Unglück in einer neuen Übersetzung ausgerechnet bei meinem damals frisch gefundenen, neuen Lieblingsverlag aus der Schweiz, dem Diogenes Verlag, heraus. Ja Diogenes, der Name war hier glatte Schizophrenie, zumindest ein Widerspruch. Hatte der nicht gesagt: „Störe meine Kreise nicht.“ Das war Archimedes, na gut. Und das hätte ich tun sollen oder sagen wie Diogenes, das hat er gesagt, da bin ich mir sicher, zu Simenon und Maigret: „Geht mir ein wenig aus der Sonne.“ Hätte mir viel Leid erspart.
Stattdessen las ich, jeden Tag mehr, kaufte ein Buch nach dem anderen, gab ja genügend, ging nicht mehr vor die Tür, las und las. Kroch mit Maigret in die Atmosphäre von Opfer und Täter, roch bald alles so wie er und begann wie er jeweils ein passendes Getränk beim Lesen mir ein zu flößen. Ich stieg in die Gefühle und Gedanken mit ein, machte mich so sehend und hörend wie er, ohne einen einzigen Fall lösen zu können vor ihm.
Zu Beginn war es noch die große Freude, gelungene Geschichten lesen zu können, wo kein Wort zu viel oder falsch gesetzt war, hautnah an der Wirklichkeit und doch pure Fiction, literarische Magie. Auch waren wir damals alle noch mehr frankophil als „Toskana-Fraktion“, hörten Chansons und sahen Filme von Godard, Truffaut, Ophüls, Malle oder Chabrol.
Ich merkte bald, dass mir selber keine Freude mehr kam bei meinen eigenen Sätzen und Zeilen. Nichts genügte mir mehr bei dem Vergleich. Ließ ich es also und dachte, pausiere ich halt. Aber es kam noch schlimmer.
Simenon und Maigret saugten mich gerade zu in diese bürgerlich miefige Welt Maigrets, in das Paris der Heuchler, Versager, Bürokraten und Diener, ein Paris ohne Charme, Chic oder gar fröhlicher Erotik. Es war ein Paris und auch Frankreich auf dem Lande voller alter Mauern, geschlossener Fenster und Misstrauen mit verbitterten Existenzen, verkrampfter Glückssuche im Kleinen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung, echtes freies Glück und wer es doch mal bekam, verlor es meist binnen Stunden samt Leben.
Es ist zu erahnen: ich wurde schwermütig, regelrecht depressiv, träumte nur noch schlecht, bekam den großen Druck auf Hals und Brust und mein Herz schien nur noch mit Mühe zu schlagen. Nichts schmeckte mir noch und jede Bewegung erschien mir überflüssig und zu qualvoll. Bis ich eines Tages davon und von mir selbst genug hatte, alle Bücher von Simenon mit Maigret in einen großen Karton warf und drei Straßen weiter zu einem gescheiten Kollegen brachte, der gerade dabei war die Literaturbühne zu betreten.
Ich schenkte ihm die Bücher, lobte Simenon, lobte Maigret, aber nicht ohne ihn zu warnen, nicht zu viel auf einmal davon zu lesen. Gefahr der Depression.
Danach gelang es mir trotzdem lange nicht wieder zu schreiben. Jedes Mal standen mir die Texte von Simenon dagegen. So ließ ich das und wendete mich anderen und ertragreicheren Beschäftigungen zu, sehr zur Freude meiner Familie.
Ab und zu erkundigte ich mich nach dem Befinden des Kollegen, traute mich nach ein paar Monaten und beruhigenden Nachrichten auch mal wieder hin zu ihm, wo ich ihn unverändert und auch noch dankbar antraf. Ja, wären wirklich hervorragend, Simenon und sein Maigret.

Ich selber las danach die Krimis von Chandler und Hammet, dies mit viel Vergnügen an ihrer Sprache und Erzählkunst, ebenfalls von so hervorragender literarischer Qualität, dass ich weiterhin nicht mehr selber schreiben mochte, las dankbar alles von ihnen, vor allem, weil ich durch sie nicht depressiv wurde, nur sanft melancholisch und damit lässt sich gut am Leben bleiben.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Neue Messer



Sein Fahrrad surrt, während er bedächtig in die Pedale tritt, mit ihm an den neuen, jedes für sich stehenden, Einfamilienhäusern in rot und weiß vorbeifährt bis zu der Abzweigung in die Sackgasse mit den blassrot verklinkerten Doppelhaushälften einer etwas älteren Generation. 
Dort steigt er ab, wie jedes Mal, schiebt die letzten Meter, macht es seit damals, weiß warum und auch wieder nicht, denkt schon lange nicht mehr darüber nach.
Das fünfte Haus lässt ihn stoppen, das Rad zwischen den Stauden für den Frühling zur Garagentür schieben, nimmt den kleinen Drücker aus der Tasche, lässt das Garagentor langsam mittels der Elektronik aufgleiten, schiebt sein Rad hinein, stellt es neben dem Rasenmäher ab. Bleibt einen Moment lang stehen. Sieht zu dem rot-grünen Gartenschlauch, der sich quer über den grauen Garagenboden schlängelt, bückt sich, wickelt ihn über seinem rechten Arm auf und hängt ihn zurück an die Schlauchhalterung neben dem Waschbecken. Bleibt wieder stehen, lauscht, atmet etwas kräftiger und langsamer, genießt den Moment, schließt sogar die Augen dafür, öffnet sie wieder und dreht sich um, zurück zum Tor. 
Er verlässt die Garage mit langsamen Schritten, nutzt wieder die Elektronik für das Schließen und geht zur Haustür. Dort, unter dem kleinen, weiß gestrichenen Holzvordach, sucht er den Schlüssel in seiner Jackentasche, der hier zur Zeit üblichen Jacke eines bekannten Herstellers von Outdoorbekleidung für Camper, Wanderer und Bergsteiger, findet den Schlüssel, steckt ihn ins Schloss, dreht ihn um, wird am Öffnen der Tür aber durch die Frau gehindert, die bereits die Tür aufreißt.
„Warum klingelst Du nicht einfach. Du weißt doch, dass ich zu Hause bin.“
„Warum, ich kann doch selber die Tür öffnen und wollte Dich nicht hochjagen.“
„Wieso hochjagen? Meinst Du ich liege faul auf der Couch, während Du an Deinem Schreibtisch sitzt?“
Er sagt nichts weiter, wartet bis sie ihm eine Lücke zum Vorbeigehen lässt, schließt hinter sich die Tür zu und zieht seine Jacke aus, hängt sie auf den Kleiderbügel neben die Jacke seiner Frau, vom gleichen Hersteller mit dem gleichen Logo am Kragen wie die seine.
„Kannst Du die Teller eindecken und was zu Trinken aus dem Vorratsraum holen!“
Er nickt obwohl sie es gar nicht sehen kann, denn sie ist bereits in der Küche, wendet sich vor der Garderobe zur Vorratskammer, holt eine Flasche Mineralwasser und eine kleine Flasche Vitaminsaft, geht damit zur Küche.
„Vitaminsaft steht hier noch. Mach nicht schon wieder eine auf. Ich hasse abgestandenen Vitaminsaft!“
Er nickt wieder, stellt beide Flaschen ab und bückt sich zu den Schranktüren unterhalb ihrer Arbeitsplatte, wie sie die Fläche stolz nennt.
„Ich brauche neue Messer! Die sind schon wieder alle stumpf!“
„Warum, die hast Du doch erst vor ein paar Wochen gekauft!“
„Trotzdem. Taugen nichts mehr. Alles billig, billig!“
„Warum nimmst Du dann nicht unsere Alten, lässt die schärfen? Nur fünf Häuser weiter wohnt doch Lohmann, der macht das für alle hier.“
„Wir sind nicht alle!“
Er öffnet den Unterschrank, nimmt zwei Teller heraus, schließt die Türen und stellt die Teller zu den Flaschen.
„Hast Du das Garagentor wieder geschlossen?“
„Ja!“
„Neulich hast Du es aber vergessen! Willst Du nicht lieber nochmal nachsehen!“
„Ja, neulich. Heute aber nicht.“
„Oder soll ich eben nachsehen?“
„Nein, mache ich schon.“
Er dreht sich zur Tür herum, geht durch den Flur zurück zur Haustür, öffnet sie, geht hinaus.
„Mach die Tür zu, es zieht, Herrgott!“
Er hört es nicht mehr, nicht genau genug jedenfalls, geht weiter, überprüft das Tor, geht zurück, durch die Haustür, schließt sie, kehrt zurück in die Küche.
„Hast Du die Haustür auch zu gemacht?“
„Ja, habe ich.“
Er tritt neben sie, die dort Tomaten mit einem kleinen weißstieligen Messer zu schneiden versucht, während er an den Besteckkasten will.
„Siehst Du, wie unscharf es ist?“
Sie hält es ihm vor das Gesicht. Er kann auf dem Plastikgriff die Spuren von den Reinigungsangriffen der Spülmaschine sehen und die fast hauchdünne Klinge, die sich bei kleinster Berührung biegen lässt.
„Billig“, sagt er und zieht den Besteckkasten auf. „Hier, “ sagt er, „hier sind doch noch jede Menge andere.“
„Ja, aber gleich stumpf.“
„Warum wirfst Du dann diese billigen Dinger nicht einfach weg? Schafft doch auch Platz!“
„Du willst doch nicht, dass wir dauernd alles wegwerfen! Deine Worte! Da traue ich mich schon gar nicht.“
„Ich will nicht, dass wir billigen Schrott kaufen und wegwerfen müssen.“
„Deine angeblich so guten Messer zu Weihnachten vor fünf Jahren sind aber genau so stumpf wie hier die Billigen.“
„Dafür kann man sie schärfen lassen. Bei Lohmann. Dann halten die Jahrzehnte.“
„Hauptsache, Du hast recht und das letzte Wort!“
Er holt langsam alle Schälmesser heraus, legt sie nebeneinander auf die Platte vor den Senseo-Automat.
„Zwölf Stück und alle stumpf?“
„Ja!“
Sie hat die Tomaten fertig geschnitten und stellt sie neben die Teller auf den Küchentisch.
„Ich dachte, Du würdest den Wohnzimmertisch eindecken!“
„Ich bin dabei, wie Du siehst.“
„Was hast Du mit den Messern vor?“
„Ich hänge sie zu den anderen Utensilien an das Gerippe im Garten.“
„Du mit Deinem angeblichen Kunstwerk. Man muss sich ja schon schämen, wenn Besuch kommt.“
„Kommt ja keiner.“
„Nein, Gott sei Dank!“
„Du lädst ja lieber immer in eine Gaststätte ein und ich muss es auch tun.“
„Wundert Dich das wirklich? Außerdem, Mal wird man sich doch noch was leisten können! Ich habe auch nicht ewig Lust hier in der Küche die Gastgeberin zu spielen mit Kochen, Putzen, hinterher abwaschen und euren Dreck wegräumen.“
„Wieso Euren Dreck?“
„Ja, Ihr macht doch immer Dreck, tretet vom Garten alles ins Haus, krümelt rum, kleckert mit dem Bier. Richtig unappetitlich sowas!“
„Manchmal denke ich, wir hätten nach ihrem Tod doch noch mal mit Kindern starten sollen, neu anfangen, ja, ich denke, das wäre gut für uns gewesen.“
„Wieso das jetzt wieder? Wir wollten beide nicht, damals, hörst Du, beide … wollten … wir … das nicht!“
„Ja.“
Er nimmt die Teller, die Flasche mit dem Mineralwasser und trägt alles in die Wohnstube.
„Du hast wieder das Besteck vergessen!“
„Hole ich gleich!“
Er stellt alles auf die Kommode, zieht eine Schublade auf, holt vier Tischsets heraus und legt sie auf den Tisch. Nimmt die Fernbedienung, die dort einsam liegt, in die Hand, drückt den Fernseher an, sucht ein Programm.
„Aber keinen Krimi!“
Er nickt und hält den Sendersuchlauf bei einer Dokumentation über die NS-Zeit an, „Hitlers Henker“, sieht amerikanische Aufnahmen nach der Befreiung von Auschwitz, holt die Teller und setzt sie behutsam auf die Sets, stellt die Mineralwasserflasche auf das dritte Set neben die Tomaten, geht zur Glasvitrine, holt zwei Gläser heraus und stellt sie neben die Teller.
„Du hast wieder die Untersetzer vergessen.“
Er will sich zur Kommode zurück drehen.
„Nein, ich mach schon. Hol Du den Rest aus der Küche.“
Er nickt und geht zur Küche, holt das Brotkörbchen, stellt die Joghurts zwischen die Brotscheiben, trägt es so und zwei Teller mit Auflage in das Wohnzimmer zum Esstisch.
Sie steht dort noch immer und sieht zum Fernseher.
„Gut, dass uns das wenigstens erspart geblieben ist.“
„Ja.“
„Wir haben nur unser Baby verloren.“
„Ja.“
Er deckt zu Ende und setzt sich auf seine Seite. Sie setzt sich ihm gegenüber.
„Eigentlich geht es uns doch richtig gut dagegen.“
„Wogegen?“
„Na gegen die damals, unsere Eltern und Großeltern.“
„Ja. Dagegen geht es uns gut.“
„Was Du immer gleich hast? Natürlich geht es uns gut. Und Kinder, das sage ich Dir, sind auch nicht immer nur Spaß!“
Er blickt nach unten, runter zu seinen Füßen, sagt leise, kaum hörbar:„Vielleicht gut, dass unser Kind gestorben ist.“
„Was hast Du gesagt?!“
„Nichts, nichts habe ich gesagt. Kam aus dem Fernseher.“
Skeptisch blickt sie zu dem Flachbildschirm mit dem Aufkleber „HD“.
„Du kannst jedenfalls sagen was Du willst, uns geht es gut!“
Er nickt und nimmt sich eine Scheibe Brot.
„Und: Morgen kaufe ich neue Messer.“
„Ja. Meinetwegen.“

Samstag, 22. Juni 2013

Als der Sommer endlos

Ich wusste nichts und doch alles, was ich zum Leben brauchte, wie ich andererseits noch keinen Menschen brauchte und sie mich auch nicht. Wann er begann, weiß ich eben so wenig wie von seinem Ende, ob langsam im Übergang zu etwas anderem oder schnell, plötzlich, von einem Tag zum anderen: keine Ahnung.
Auf jeden Fall war es so, dass ich und er noch keinen Frühling hatten, nur Winter, nur die Zeit ohne ihn, den Sommer, die wahre Lebenszeit, die große Freiheit, mein großes warmes Meer an Tagen und Stunden, an Zeit für mich, für mich ganz allein.

„Ein Schlüsselkind also,“ sagte mein Psychologe. Mag sein. Das Wort hörte ich auch, aber später, als diese Sommer für mich längst in fortgesetzter Schulkindzeit verschwunden waren. Ich hörte es zuerst, als ich es noch nicht hören sollte, als Getuschel älterer Erwachsener hinter meinem Rücken, später mit mitleidigem Ton, so eine Art Trösterwort, als könnte dies irgendetwas erklären, entschuldigen und zugleich war es stets gegen meine für dieses Schlüsseldasein verantwortlichen Eltern, eigentlich eher unverantwortlichen Eltern gerichtet, als hätte es mir an etwas wichtigem gefehlt.



Nein, mir fehlte nichts. Im Gegenteil, hatte ich doch die ganze Welt für mich, riesig, wunderschön, abwechslungsreich, abenteuerlich und eben wunderschön, für mich damals ohne Worte, aber die brauchte ich dafür ja auch noch nicht, da ich noch niemanden etwas mit zu teilen hatte und auch keiner da war, der gefragt hätte, mehr gefragt hätte als „Na, was hast Du heute so gemacht?“, ohne dass wirklich begierig oder juristisch ernsthaft eine Antwort erwartet worden wäre, die irgendwie eine Bedeutung hätte erreichen können, eine Wichtigkeit wie später. Auch spielten Wahrhaftigkeit oder Wahrheit des Geschehens um mich noch keine Rolle. Ich hätte ruhig ohne schlechtes Gewissen antworten können mit etwas, was ich vor drei Tagen oder vor fünf Wochen gemacht hatte und es wäre genau so gewesen, als hätte ich von dem Tag erzählt, an dem ich abends, meistens beim Abendbrot, wenn der Fernseher noch nicht lief, gefragt worden war.

Zeit existierte nur abends, morgens löste sie sich mit dem Weggang der Eltern zu ihren Arbeitsstätten sofort wieder auf, verschwand mit den Sonnenstrahlen, die ihre bunten Farbtupfer durch die Butzenscheiben im Treppenhaus auf die Bodendielen warfen, zittrig, sprunghaft, so wie ich, der über sie hinweg sprang, die Treppe hinunter, zur Tür hinaus.



Ganz anders der Winter. Da blickten die Butzenscheiben, im Übrigen das einzig Schöne in dem Haus, düsterfarben, der graue Hof, zu denen sie hinuntersahen, noch grauer und weniger einladend als sonst, wo den Katzen ein Sandkasten der mit dunkel gepunkteter Grauerde gefüllt war, das Klo gab und mir die Spielfläche nahm, also mehr Grau als sonst was, auch die Häuserwände, an denen blasse Farbstreifen der Fensterrahmen nur wenig dagegen aus zu richten vermochten.

Winter war öffentliche Reinigungsanstalt mit dem Vater, lauter heiße Gestänge mit Duschköpfen, denn man traute sich wieder unter Duschen, dachte fast schon nicht mehr an die andere Zeit, wusste es schon nicht mehr oder noch nie, was diese Vorrichtungen nur ein paar Jahre vorher für Millionen von Menschen gewesen waren, bedeuteten jetzt stattdessen harmlose Reinigung oder auch Erfrischung, denn viele Männer duschten kalt, wegen der Abhärtung und ihrem Mann sein, bedeuteten für mich beißende Seife, viel zu schwülheißer Dampf und Körperschweiß der nackten Männer um mich herum. Immerhin hatte es mein Vater nicht so mit dem Kaltduschen und so wurde ich ganz natürlich ein Warmduscher, bin es auch heute noch, stehe oft minutenlang nichts tuend oder denkend unter dem warmen , leicht schon heißen Strahl und mein Körper erinnert sich plötzlich an die Wärme der Sommer damals, nicht an die Winter und vielleicht gingen die Warmduscher unter den Männern ja auch gerne deshalb dorthin, ihre Erinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes auf zu wärmen. Da liebte ich aber doch eher das Abschruppen in der alten Zinkwanne in unserer großen Küche, die deswegen noch groß war, weil man sich zu Feierabend noch in der Küche aufhielt, nicht in der „guten Stube“, die bei uns schon Wohnzimmer hieß und sehr zum Stolz meines Vaters mit einem Fernseher ausgestattet war, so dass wir bereits unser Abendessen dort und nicht in der Küche einnahmen, in der Küche, deren Luft klar war und sich ohne große Probleme einatmen ließ.

Im Winter war ich Stubenhocker, behauptete auch mein Vater und der meinte das nicht nett, sondern wollte, dass ich aus der Stube raus ginge, an die Luft, in das Leben, was in der Stube offensichtlich nicht stattfand, obwohl wir gar keine Stube hatten, nur Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, Klo auf dem Flur, hocken brauchte ich dort auch nicht, konnte auf dem Sofa liegen und auf Sessel und Stühlen sitzen, kurz, das Gesagte des Vaters ergab für mich keinen Sinn, nur eine Aufforderung, der ich nur im Winter ungerne nachgab, konnte ich doch im Fernsehen da besser „Fury“, „Lassie“, „Fuzzy“ und „Texas Rangers“ bei ihrem Leben zu sehen oder mich mittels Klaus Havensteins sanfter, schöner Bassstimme durch seine Sendung „Sport, Spiel, Spannung“ führen lassen. Gut kann ich mich auch erinnern an den Brunnen des Südwestfunks, ein mehrstöckiger Brunnen dessen Wasser dampfend überquoll in stetem Rauschen, und danach kam zum Beispiel „Der kleine Muck“, dessen Leben ich aber traurig fand, wenn auch passend zum Winter.

Der Winter war also nichts für mich, schon gar kein Sommer. Frühling und Herbst nahm ich als eigene Jahreszeiten erst sehr viel später wahr, da waren wir längst von den Bergen fort in die große Stadt gezogen und freuten uns über jedes Blümchen im Vorgarten oder stöhnten über das Laub auf dem Gehweg, dass weggefegt werden musste.

Dafür aber kannte ich ihn, meinen Sommer. Da brauchte ich nie zu überlegen, was ich mit dem Tag anfange ohne Eltern und feste Mahlzeiten mit Stillsitzen, „Gerade sitzen“, ohne Putzgeräusche oder Spielanweisungen. Ich ging stets einfach drauf los, entschied erst auf der Straße, wohin mich meine Füße tragen sollten.
Wobei es mir auch noch völlig egal war, ob es wirklich mein Sommer oder der vom Friseur nebenan war, spielten Mein und Dein, Haben und Nichthaben sowieso keine Rolle, meinetwegen mochte der Sommer allen oder niemanden gehören. Ich genoss ihn einfach, wanderte den Fluss entlang oder zur einen Seite durch die kleinen, ängstlich an die Hänge gedrückten Bergdörfer zur Burgruine oder zur anderen Seite über die Rinderweiden hinauf, wo ich ab und zu kleine Wildblumensträuße für meine Mutter pflückte.

Für mich heute auffallend, damals in keinster Weise, dass sie nie besorgt reagierten, wenn sie doch mal von mir erfuhren, wo ich die Woche über herum strich.  Immerhin waren es einige Kilometer, die ich bisweilen so am Tag zurücklegte.

Sommer war entschieden die Zeit ohne Worte, nur mit Bildern und Tönen gefüllt. Die Worte dafür musste ich mir daher erst später und dann mein Leben lang mühsam suchen. Ich brauchte sie in den Sommern dort einfach nicht. Ich brauchte einen Schlüssel für die Heimkehr, meine blank gescheuerte Lederhose, Sandalen an den Füßen und das war es.



Meine Sommer waren übrigens nie zu heiß, nur warm. Wenn sie doch mal heiß wurden und man mich am Wochenende auch noch in das Schwimmbad schleppte, war mein Sommer gestorben, auf Eis gelegt, soweit sich das über einen Sommer behaupten lässt. Nein, diese Hitze war eklig, stank nach Sonnencreme und führte zu verbrannter Haut und mehreren Tagen in der abgedunkelten Wohnung, trennte mich von meinen Ausflügen, beraubte mich so meiner Freiheit, also wenig sommerlich.

Mein Sommer gestatte mir kurzärmelig oder ganz ohne Hemd auf die Berge zu wandern, klettern ergab sich nicht, an den Brunnen und Bächen Wasser aus der hohlen Hand zu trinken, startete damals spätestens Fronleichnam, wenn im Stadtpark ein paar Ecken mit Blumenblüten und Blättern zu Bildern geschmückt wurden, vor denen die Prozession der Katholiken betete und sang, wenn danach die ersten Handwerksgesellen auftauchten in ihren derben, schwarzen Cordkluften, auf dem Rand des Springbrunnens balancierten, betrunken Lieder grölten und gelegentlich auch in sein Wasser plumpsten.

Sommer war auch, wenn die Pfaue im Kurpark herumstolzierten und die Enten gefüttert werden konnten, dafür, und nur dafür, nahm ich auch mal Brot mit von zu Hause.

Es gab in mir noch nicht diese Gier nach Süßigkeiten, rauchen taten noch nur meine Eltern, allerhöchstens erstand ich mir mal ein Laugenbrötchen, dessen weichen Inhalt ich stets als erstes mit dem Finger raus puhlte und langsam auf der Zunge weich werden ließ, bis ich ihn genüsslich runterschluckte in der frohen Erwartung der leckeren röschen Außenkruste mit ihrem Gemisch von Salz und Hefe im Geschmack, die ich langsam, Stück für Stück abbiss. Ja, Laugenbrötchen waren auch Sommer.

Und meine erste Freundin war natürlich Sommer, wie wir Hand in Hand im Park umher stolzierten oder gemeinsam hoch zu den Weiden. Leider hatten ihre Eltern nur ein Gastspiel in der Stadt und so war sie ein kurzer Sommer.

Verwandte gehörten nicht zum Sommer, denn die hockten alle im finsteren Norden mit seinen Sturmfluten, dem „blanken Hans“ und den vielen Fabriken, deren Schornsteine jeden Sommer verdunkelten. Wir, das heißt meine Eltern und ich auch, hatten hier nur Freunde und die lachten im Sommer viel und so waren auch wir, fröhlich, jung, ja auch meine Eltern waren im Sommer noch jung, ohne Fragen an die Zukunft und ohne Vergangenheit.



Aber, so wie es meine Eltern im Sommer in dieses unselige Schwimmbad trieb, jagte es mich hinauf in die Berge. Wir hatten ja mehr als genug für mich um uns herum. Später zur Auffrischung der Erinnerung zurückgekehrt für ein paar Tage fand ich heraus, dass meine Berge eher Hügel waren, keine Mountains, nicht schroff und kahl knapp unter dem Himmel endend, eher sanft, noch in der höchsten Höhe grün durch Bäume und Gräser, angenehm für Wanderer, nichts für Bergsteiger.

Sommer war im Gras liegen und den Wolken bei ihren Wanderungen über unser langgestrecktes Flusstal zu zu sehen, in ihnen Gesichter zu finden und Gestalten, bisweilen Geschichten, die schneller als beim Fernsehen ihre Szenen wechselten.
Sommer war aber auch Regen, warmer Regen, der so herrlich einerseits erfrischend, andererseits nicht wirklich kalt die Haut liebkoste, Gefühle gab, Lust auf mehr. Im Regen wandern war nicht weniger schön als ohne Regen. Für Gewitter gab es unterwegs genügend Unterstände und so erlebte ich manches Spektakel draußen, wild, gefährlich, vor allem wenn Kugelblitze dabei sein sollten, denn vor denen hatte mich irgendwer mal besonders gewarnt, herrlich wenn der Sturm einen schüttelte und die großen Tropfen platschend den Schweiß von der Haut wuschen.

Ich hatte keine Angst, damals noch nicht, Sterben war weder Wort noch Tat noch Gegenstand. Vor allem nicht im Sommer. Auch Großvater sagte später bei einem Besuch aus irgendeinem Anlass heraus „im Sommer stirbt man nicht.“. Damals war das für mich ohne Frage. Sommer ist Leben, Winter ist Tod.

Unterwegs traf ich nur auf wenig Menschen und die, die ich traf, hatten zu tun, hielten Kunden die Ladentüren auf, fuhren Lieferwagen mit Ladungen von irgendwoher irgendwo hin, weiter oben sichelten sie die Hänge ab, säuberten die Höfe, kippten Mist auf die vor jedem Haus in den Dörfern auf sie wartenden großen gelbgrünen Haufen, aus denen sich langsam verabschiedend Halme heraus sahen, sich ein letztes Mal gen Sonne zu strecken schienen.

Die Menschen die ich sah, grüßte ich und sie grüßten knapp aber freundlich zurück. Wir fingen nichts weiter miteinander an, weder ein Gespräch noch sonst irgendwas, gehörten aber für mich trotzdem irgendwie zusammen hierhin. So wie die ersten Trecker, fast alle noch dunkelgrün, die ihre Stimmen in das Tal knatterten, meistens aber zogen noch stämmige Pferde das landwirtschaftliche Gerät, wieherten selten, kein Vergleich mit Fury und seiner Herde, wenn die zu Beginn der Filme mit donnernden Hufen durch eine Senke in die kleine Tallichtung galoppierten.

Zum Sommer gehörten auch die Gerüche aus den Ställen, das Quieken der Schweine, das Schnattern der Gänse und natürlich die herrische Kräherei der Hähne. Das alles bereicherte die Musik des Tals, zu der das ferne Summen der Autobahn hinzu kam, ein schwaches, fast stotterndes Summen, kein Vergleich mit heute, wo sie fast Stoßstange an Stoßstange über die Talbrücke brummen.
Tischler sägten dazu, in den Autowerkstätten hämmerte es und bisweilen vernahm  ich auch schlecht geölte Maschinen und das Hüpfen der Kisten auf den Lkws wenn die über das Kopfsteinpflaster röhrten.

Sommer war nie leise, aber auch nicht laut. Es war eine besondere Symphonie, die ich verstand und der ich stets zu lauschen mochte, komponiert von Geisterhand, ausgeführt von mir bekannten Räumen und ihren Geräten, Gestalten und Gesellen und als I-Tüpfelchen sang auch mal ein Mensch oder pfiff sich eine Melodie.
Auch höher hinauf wurde es nie still. Dann überwogen die Vögel mit ihren so unterschiedlichen Stimmen, das Rauschen der Zweige, das Knacken und Ächzen vom verspielten Wind in den Ästen, das Plätschern der Bäche.

Bei alledem lernte ich nie etwas, jedenfalls nicht in Worten, was mir später vielleicht sehr geholfen hätte. Niemand klärte mich auf über die Vögel, die Bäume und Blumen, niemand gab mir ihre Namen preis, und da ich nicht lesen konnte, erfuhr ich auch nicht die Namen der Dörfer. Ich lernte nicht, sammelte einfach nur Gerüche, Klänge und Bilder, sammelte sie wenn möglich täglich ohne Übersättigung, ohne Langeweile, fand sie immer neu und aufregend und wäre nicht auf die Idee gekommen, sie verlieren zu können, ihre Namen wissen zu müssen und dann auch noch zu schreiben.

Liegen im Gras, zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, durch die Gräser blinzeln, den Himmel betrachten, dann wieder weiter wandern, immer weiter, durch die Bäume, den Windungen der schmalen, noch nicht für die späteren Fahrzeugkolonnen ausgebauten Straßen, immer weiter folgend, bis ich auf der anderen Seite des Berges den Hang des nächsten Berges erblicken und bewundern konnte, meine Freiheit so genießen, mit der Luft zusammen, die hier oben mir immer etwas klarer und sauberer erschien, einatmen, frei verweilen oder gleich weiter ziehen, den nächsten Hang hinauf, zwischen Straßen, Wald und Weideflächen wechselnd wie ich gerade Lust bekam.

Sommer hatte kein Wetter, war eben warm, kalt, nass wie es so kam. Und ich war nur aus meiner heutigen Sicht reich, damals aber weder arm noch reich, noch sonst irgendetwas, einfach nur ich und alles war gut, so wie es war.

Schön war im Sommer auch die kleine Stadt, in der schon nichts mehr von dem schrecklichen Krieg verriet, von dem meine Mutter, nur die, noch manchmal sprach, eher weinte, schluchzte, sehr zum Verdruss meines Vaters, der davon nichts mehr hören wollte, auch nichts mehr von dem jungen U-Boot-Kadetten, der nun irgendwo auf dem Grunde eines weit entfernten Meeres lag, schließlich habe sie ja nun ihn, und er sei ja auch was. Solche Gespräche waren nie für mich, hörte ich nur, weiß auch nicht, warum was davon in mir hängen blieb. Vielleicht machte es die Wiederholung über die Jahre hinweg.

Die kleine Stadt jedenfalls, die sich auf der einen Seite des Flusses bemühte Arbeit und Leben zu sein, Gestalt und Bühne, blitzte und leuchtete in den Sommer, strahlte mich aus jedem ihrer frischen Schaufenster an, leuchtete mir von den Blumenkübeln farbenfroh entgegen, gab mir lächelnde Fußgänger, niemand, der mit Hektik hier vorwärts trieb, alles eher wie im Spiel, die Erwachsenen wie wir Kinder, alle ohne Auftrag, ohne Zwang, einfach nur Bummelanten, spielende Menschen zwischen Türen und Fenstern.

Autos gab es noch wenig und so gehörten die Straßen des Städtchens noch uns Menschen, wo die Kinderwagen in der Überzahl waren gegenüber den motorisierten Fahrexemplaren.

Natürlich trieb ich mich auch mit Freunden rum, Jungs aus der Straße, aber ebenso gerne war ich auch alleine unterwegs. Waren wir zusammen, balgten wir uns meist und die Wiesen wurden zu unseren Kampfplätzen. Oder wir durchwühlten Papierkörbe in der Hoffnung auf Flaschenpfand, dass wir dann in Brötchen verwandelten, wenn Wochenmarkt war sogar in Brezeln, die wir auseinander rissen und für das höchste Glück auf Erden hielten, neben einer Flasche Bluna, die es für uns nur gab bei Ausflügen mit den Eltern.

Zu Geld hatten wir noch gar keine Beziehung. Einmal wollte ich mit fünf Pfennig ein rotes Rad mit Stützrädern aus dem Schaufenster kaufen und war arg verwundert, dass das nicht möglich sei. Ich verkraftete es ohne große Blessuren und zog mit meinem Tretroller weiter durch die Gassen.



Es geschah nie wirklich etwas und doch alles, was mir genug aufregend für mich erschien, nichts aber, was sich hier spannend und als flüssige Geschichte erzählen ließe, überhaupt hatte der Sommer nur sich, wie ein Rad, ein Kreisel, nichts begann, nichts endete, alles geschah nur einfach so hinter einander weg. Alles geschah in der Endlosschleife. Und verschwand, wie meine Kindheit, meine Jugend, diese unglaublich ausreichende Kraft für alles verschwand, die Wärme im Meer der Sommerstunden und –tage verschwand, ich selbst mir verschwand über lange Jahre, warum mein Psychologe nun meint, es wäre an der Zeit mich wieder zu finden und auf zu suchen, leise zu befragen, wer das einst war, dieser kleine Steppke mit seiner heißgeliebten Lederhose in den warmen Sommern in den Bergen.

Und wieder merke ich das Verschwinden der Worte, je näher ich an diese, seine, meine Sommer gerate, und dass ich morgen meinem Psychologen wahrscheinlich wie schon meinen Eltern früher nichts von alledem erzählen kann.

Wäre ich Maler geworden, könnte ich ihm wahrscheinlich unzählige Bilder liefern oder Musiker, dann hätte ich für ihn viele Töne von damals. So aber stehe ich dank ihm und seinem Auftrag nur am Ende aller meiner Worte vor den Sommern, jener, die endlos waren.


Und vermisse die Lederhose, die Sandalen, die Füße und Beine, die mich damals so beschwerdefrei überall hin gebracht haben.