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Mittwoch, 2. April 2014

Danach



nun, da meine Melancholie
kein grober Fels mehr in der Brandung

genieße ich
ihr sanftes Segelflattern

meine leichten Flügelschläge
über dem lauten Taubenhaus

gleite ich so mit ihr zurück
zu Dir ins Leben

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Dienstag, 3. September 2013

Eine Melancholia




schließe meine Tür
nicht mehr ab
lasse das Handy
offen liegen auf dem Tisch
draußen klopft
nur der Herbstwind
leise weinend
bei mir an

habe ich mich längst
in einem Roman
verkrochen
alt vertraute Zeilen
Kaleidoskop
der Sinne

in süßer Melancholie
was sonst in diesen Tagen

Donnerstag, 27. Juni 2013

Ein Krimidesaster



Kennen Sie Simenon? Kennen Sie Maigret? Bevor ich sie kennen lernte, so richtig kennen lernte, war ich eine ganz normal scheiternde literarische Existenz inmitten ganz normal gescheiterter und halbwegs erfolgreicher Schreiber von allem, was sich formal absondern lässt, lebte spätpupertierend genusssüchtig in dem dazu passenden Viertel halbwegs genährt und finanziell auf wenn auch niedrigem Niveau mit dem Nötigsten versorgt, soweit ganz glücklich von Tag zu Tag, hockte mit den anderen im eigenen Künstlerhaus zusammen mit denen von der bildenden Kunst die Tage schwatzend, kochend, trinkend angenehm weg und las alles unbesorgt möglicher Folgen.
Bis ich auf sie traf: auf Simenon und seinen Maigret.
Hatte ich bis dahin immerhin fast jeden dritten Tag einen Einfall und nach einer Woche mindestens ein Textchen mir abgequält oder im Rausch runter gerotzt, so sollte sich das und noch mehr jetzt ändern, nicht sofort ganz, langsamer, aber von Tag zu Tag mehr.
Dabei kannte ich zumindest Maigret schon länger, als beleibten Pfeifenraucher in schwarz-weiß, an Samstagen kam er, glaube ich, im Fernsehen als Krimiserie mit Rubert Davies als Darsteller. Jean Gabin und Heinz Rühmann haben mir in der Rolle nie so gefallen. Auf jeden Fall ein spießiger, alles sofort und besser wissender autoritärer Mann, immerhin dabei ruhig aber auch alle einschüchternd durch Blicke und Gesten.
Die Bücher kamen zu meinem späteren Unglück in einer neuen Übersetzung ausgerechnet bei meinem damals frisch gefundenen, neuen Lieblingsverlag aus der Schweiz, dem Diogenes Verlag, heraus. Ja Diogenes, der Name war hier glatte Schizophrenie, zumindest ein Widerspruch. Hatte der nicht gesagt: „Störe meine Kreise nicht.“ Das war Archimedes, na gut. Und das hätte ich tun sollen oder sagen wie Diogenes, das hat er gesagt, da bin ich mir sicher, zu Simenon und Maigret: „Geht mir ein wenig aus der Sonne.“ Hätte mir viel Leid erspart.
Stattdessen las ich, jeden Tag mehr, kaufte ein Buch nach dem anderen, gab ja genügend, ging nicht mehr vor die Tür, las und las. Kroch mit Maigret in die Atmosphäre von Opfer und Täter, roch bald alles so wie er und begann wie er jeweils ein passendes Getränk beim Lesen mir ein zu flößen. Ich stieg in die Gefühle und Gedanken mit ein, machte mich so sehend und hörend wie er, ohne einen einzigen Fall lösen zu können vor ihm.
Zu Beginn war es noch die große Freude, gelungene Geschichten lesen zu können, wo kein Wort zu viel oder falsch gesetzt war, hautnah an der Wirklichkeit und doch pure Fiction, literarische Magie. Auch waren wir damals alle noch mehr frankophil als „Toskana-Fraktion“, hörten Chansons und sahen Filme von Godard, Truffaut, Ophüls, Malle oder Chabrol.
Ich merkte bald, dass mir selber keine Freude mehr kam bei meinen eigenen Sätzen und Zeilen. Nichts genügte mir mehr bei dem Vergleich. Ließ ich es also und dachte, pausiere ich halt. Aber es kam noch schlimmer.
Simenon und Maigret saugten mich gerade zu in diese bürgerlich miefige Welt Maigrets, in das Paris der Heuchler, Versager, Bürokraten und Diener, ein Paris ohne Charme, Chic oder gar fröhlicher Erotik. Es war ein Paris und auch Frankreich auf dem Lande voller alter Mauern, geschlossener Fenster und Misstrauen mit verbitterten Existenzen, verkrampfter Glückssuche im Kleinen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung, echtes freies Glück und wer es doch mal bekam, verlor es meist binnen Stunden samt Leben.
Es ist zu erahnen: ich wurde schwermütig, regelrecht depressiv, träumte nur noch schlecht, bekam den großen Druck auf Hals und Brust und mein Herz schien nur noch mit Mühe zu schlagen. Nichts schmeckte mir noch und jede Bewegung erschien mir überflüssig und zu qualvoll. Bis ich eines Tages davon und von mir selbst genug hatte, alle Bücher von Simenon mit Maigret in einen großen Karton warf und drei Straßen weiter zu einem gescheiten Kollegen brachte, der gerade dabei war die Literaturbühne zu betreten.
Ich schenkte ihm die Bücher, lobte Simenon, lobte Maigret, aber nicht ohne ihn zu warnen, nicht zu viel auf einmal davon zu lesen. Gefahr der Depression.
Danach gelang es mir trotzdem lange nicht wieder zu schreiben. Jedes Mal standen mir die Texte von Simenon dagegen. So ließ ich das und wendete mich anderen und ertragreicheren Beschäftigungen zu, sehr zur Freude meiner Familie.
Ab und zu erkundigte ich mich nach dem Befinden des Kollegen, traute mich nach ein paar Monaten und beruhigenden Nachrichten auch mal wieder hin zu ihm, wo ich ihn unverändert und auch noch dankbar antraf. Ja, wären wirklich hervorragend, Simenon und sein Maigret.

Ich selber las danach die Krimis von Chandler und Hammet, dies mit viel Vergnügen an ihrer Sprache und Erzählkunst, ebenfalls von so hervorragender literarischer Qualität, dass ich weiterhin nicht mehr selber schreiben mochte, las dankbar alles von ihnen, vor allem, weil ich durch sie nicht depressiv wurde, nur sanft melancholisch und damit lässt sich gut am Leben bleiben.

Dienstag, 26. Februar 2013

"A journey throw the middle of nowhere" sentimental Blues















Wir treffen uns zur emsländischen "blues-night" in der alten Scheune der kleinen Siedlung Twist mitten im Moor. Die Scheune nennt sich Heimathaus, ist für uns Blues-Freaks hier im Lande auch so etwas geworden. Heute ist Anne Haigis angesagt.



Einigen von uns bekommt die Rente inzwischen ganz gut. Die Häuser fast alle abbezahlt, die Kinder aus dem Haus, die einen geschieden, Singleclowns auf der Suche nach Leben, wir anderen gesättigt von Reisen und Touren. Aber hier ist für uns die Zeit stehen geblieben, sind wir wieder jung, frech, knackig unsterblich, wie unsere Musik. So begrüßen wir uns, gelöst, irgendwie angekommen, nur noch von Ärzten gequält.



Ja, auch Anne Haigis ist rundlicher geworden und wie die meisten von uns ganz in schwarz gekleidet. Imposant wie früher füllt sie die Bühne und den Raum aus.
„Hello again“ hätte Howard Carpendale gesungen.
















Hier sind wir wieder einmal da, wo wir immer bleiben wollten, die Nächte hindurch bis zum frühen Morgen. Heute treffen wir hier unsere alten Helden, die wir uns damals meist nicht leisten konnten. Aber die stets mühsam dem jugendlichen Geldbeutel abgeknöpften LPs stehen noch in unseren Ikea-Regalen. Wie liebgewordene alter Pullover, kaum benutzt aber ja nicht entsorgen.

Sogar der Bierpreis ist hier nur doppelt so hoch wie damals. Wie schön. Es ist dunkel und eng in dem Oldie-Schuppen und viele der Gäste haben seit damals wohl keine neue Kleidung gefunden.  Rauchen aber ist jetzt draußen, irgendwie fehlt dadurch was in der Luft, zu klar ist der Durchblick. Lässt sich mit ein paar Bieren aber schnell beheben.

Die Sängerin lächelt während sie uns begrüßt: „Willkommen in the middle of nowhere!“ Dann singt sie ein Lied der verstorbenen Kölnerin Trude Herr, wunderbar depressiv. Unser Applaus ist ihr gewiss.

Draußen im barschen Winterwind warten die Rollatoren.


Montag, 25. Februar 2013

Bilder unsortiert



da liegen
sie auf dem
Boden

die vielen
Tage glücklichen
Stunden

zu
Schnappschüssen
degradiert

In Kästen
verschoben
unsortiert

mein Leben

Mittwoch, 20. Februar 2013

Der junge Flößer

aufgewacht auf
glitschigen Stämmen
von krachenden Stromschnellen
munter in die Gebirge hinein

getrieben zur Nacht
festgehalten nur
vom hellen Mond

Saugte ich mich
am Tag
voll mit Bildern
erbrach
so manches
wieder im Schlaf

ein Knirps
mit wackligem Gemüt
holte ich mir stets
das Wasser
aus frischen Quellen

wuchs so auf
bei den Riesen
die um mich herum alles
in Schutt und Asche
legten

trage ich
frisch gepflückte Blumen
in vernarbten Händen
zu der Liebsten

die mich
herunter riss
von den Stämmen
hinweg von den stürzenden Fluten
in das feuchtwarme Gras

zwischen ihren Hügeln
zittert das Tal grenzenlos