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Dienstag, 21. Januar 2014

Claudio Abbado sei Dank


So sanft wie sein Name
Mann und Musik
Meister der Stille
gab er den großen Schöpfern
ihre Werke
ihre Schönheit zurück
auf der ganzen Welt, vor allem aber
in der Stadt mit der Mauer
im tumben Schatten braungefleckter Taktstöcke
die teutonisch schwarzgewandet
nach Ruhm verrückt sich hier aufschwangen

Stand er ganz ruhig vor uns
in vielen Sälen uns ab-
dem Orchester zugewandt
und doch im Gespräch mit uns
wie den Klängen seiner Musiker
wie wir ganz versunken
in dem was im Orchester geschieht
wie die Töne weinen, lieben, in den Himmel fliegen
brummen, surren, trommeln aus den Noten
als ständen Mozart, Brahms und Beethoven
leibhaftig vor uns
ließ er uns ihre Musik neu verstehen
lieben was auch uns geschieht
in der gesuchten Stille nach dem letzten Ton

sitzen wir und sehen
sein Platz ist leer, für immer
zu früh, fällt uns jetzt die Stille schwer
bis seine Schüler uns in ihre Konzerte
ziehen und trösten als wäre er wieder unter uns
gleich ihm durch der Instrumente wahrhaftes Spiel

Danke, Claudio Abbado

Donnerstag, 14. November 2013

Wir füllen das Stadion mit Musik

Wir füllen das Stadion mit Musik



Die Bedeutung dieses Projekts:

Dieses europaweit einmalige Projekt hat eine enorm große Bedeutung für die deutsche Musikszene. Kein anderes Event vereint in dieser Dimension Musiker aus den Bereichen der Sinfonieorchester, Blasorchester, Big Bands, Posaunenchöre, Musikvereine u.a. zu einem Orchester, dem größten Orchester der Welt. Viele Vereine „kochen ihr eigenes Süppchen“ und es interessiert wenig, was die Musikkollegen in anderen Orchestern machen. Mit diesem Projekt möchten wir Musiker und Orchester aus den verschiedensten Sparten motivieren, sich am kulturellen Leben in Deutschland zu beteiligen und aktiv in die Musikwelt einzusteigen. Die Motivation und die Faszination Teil dieses Weltrekords zu sein mobilisiert tausende von Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet und zeigt, welch große Wirkungsmacht und Anziehungskraft Musik immer noch hat. In Zeiten, in denen immer mehr Orchester mit sinkenden Teilnehmerzahlen zu kämpfen haben und Musik in vielen Gesellschaftsteilen nur noch aus dem Radio oder dem MP3-Player eine Rolle spielt, vereint dieses Projekt Musiker aus ganz Deutschland zum größten Orchester der Welt und sendet so ein Zeichen an die Gesellschaft, an die Wirtschaft und vor allem auch an die Politik; Musik ist ein großer und besonders wichtiger Teil der deutschen Kultur. Musik vereint und verbindet tausende von Menschen im gesamten Bundesgebiet und ist in der Lage, Berge zu versetzen. Dieses Projekt hat das Potential, einen Ruck durch die Musikwelt gehen zu lassen.

Dienstag, 8. Oktober 2013

Eines Künstlers Fragen an seine Nutznießer



müssen ein Text, ein Bild, ein Lied
wirklich in bestimmten Formen
gestaltet daher geschwungen kommen
oder wäre es nicht besser vielleicht
sie löten anders rum gegen den Stachel
verwirren uns lassen den Rhythmus
mal aus den Takt geraten oder
mischen neu ganz andere Farben
aus Asphalt Stacheldraht Tablettengrau
brechen den Reim bringen so uns beim Lesen
völlig aus dem Takt uns stottern wie Greise
der Sprache völlig ungeübt auf neue Weise
angestoßen lesend betrachtend lauschend
statt in gewohnten Bahnen altbekanntes
abzufeiern nur zu schwelgen in dem
was jeder von uns schon viel zu lange
zu besitzen glaubt und wohin führe uns das
was davon ließe sich wirklich genießen?

müssen ein Text, ein Bild, ein Lied
wirklich eindeutig daher kommen
oder wäre es nicht besser vielleicht
sie kämen deutlich zu uns rüber
ausdrücklich und wahrhaftig
mit des Herzens
listigem Wimpernschlag
uns lustvoll einschenkend
die Freiheit des Entdeckens
Staunens Fragens Wunderns
auch Entsetzen einfach spüren lassen
uns auf zu schrecken ohne Antwort
uns überlassen den großen Strömen
des Nachdenkens und Nachfassens
statt eindeutig auf die eisglatten
knallharten Pisten verwiesen zu werden
was davon ließe sich wirklich verwenden
und wo würden wir damit enden?

Freitag, 27. September 2013

Wesen der Kunst


aus
Peter Silies
Grübellade:

in der Kunst
in ihrem Wesen
so scheint mir
geht es weniger
um Professionalität
als um Authentizität

um einen Kern
unbeschreibbar
in Worten
in der Kunst nur
auszuleben
egal ob in Bild
oder Ton

Sonntag, 8. September 2013

Die Meister des Herbstes



der große Dirigent begann leise
seine Musik des Wassers an den Seen
ließ dann die Flüsse schneller werden
aus kleinen Glitzerhügeln ein wogendes Gebirge
langsam sich hoch wühlen das Meer
erst nur die Blätter rascheln dann
gewaltiger schlagen die Äste der Bäume
die Seen an ihre Uferpromenaden trommeln
die Flüsse ihre Wellen über die Brücken
das Meer mit Schaum über die Dünen
streichen, immer mehr, bis die Dächer der Häuser
wie Beckenklang auf die Straßen prallten
Stämme knackten, barsten, brachen, Mauerecken
erst priffen, dann heulten, Ziegel irrwitzig im Takt dazu
hüpften, Glas knirschte, dann klirrte im Parallelklang
zum Scheppern der Bleche und zerschellendem Porzellan
die Symphonie endlich alle Geräusche einsammelte und
zusammenband, die ihr Komponist zu Wasser und zu Lande
finden konnte und mit sich gerissen hatte, die Zuhörer
erschrecken und vor Angst erstarren ließen
da sogar die Sonne mit dem Mond
zu tanzen schien, eine schwerblütige Dunkelheit
über alles herfiel

bis er dann aber
kleinere Töne, mehr Dur als Moll
hinein zauberte mitten in das größte Getöse
Stampfen und Krachen, wie das Flüstern
der Mäuse auf den Dachböden und ihre
Trippelschritte im Heu, dazu langsam erste
ganz feine Sonnenstrahlen wie Seidenfäden
in der nachtgleichen Schwärze wie Edelsteine
funkelnd, das neues Licht erschien
die Fäden stärker wurden, goldenen Armbändern gleich
auch die Wellen sich streckten, sanfter anschlugen
Äste sich nur noch leicht berührten, Dächer
langsam sich zur Ruhe schaukelten, auf den Seen
ein sanftes Kräuseln nur noch ihre silbernen Tücher
humorvoll glucksend das Meer, so es
das Land kaum noch hörbar verließ, sich verbarg
im Teppich mit tanzenden Kronen aus Schaum
während die Besucher dieses Konzertes
tief durchatmeten, sich ansahen
froh, noch einmal lebend
davon gekommen zu sein
sich in warme Kleidung hüllten
draußen den Rest des Tages zu besehen

später meinten sie nur: „Die Aufräumarbeiten
haben länger gedauert als das ganze Konzert.“
So ist es eben hier seit Urzeiten, der Kunst
fällt es schwer, Gefallen bei den Leuten zu finden
aber vielleicht nimmt sie einfach
auch zu wenig Rücksicht

Sonntag, 24. März 2013

Atonales Früherlebnis



 
Tapfer gegen den abermaligen völligen Verlust meines Taschengeldes ankämpfend schlich ich mit 12 Jahren eines Tages zwar zitternd vom schlechten Gewissen, aber wie immer trotzdem in den Kiosk in der wahnsinnigen Hoffnung, irgendetwas dort drin könnte mich doch noch vor den Kauf und Verzehr der Gummibärchen retten.

Und tatsächlich hatte Margitta, die Kioskinhaberin,  diesmal etwas, was noch nie zuvor hier war. Ein großer Stapel Langspielplatten, wenn auch diese Woche noch, wie sie betonte, nur von einem Musiker: Tschaikowski und dessen tolles  Klavierkonzert. Noch besser aber war der Preis, der mir gleich fünfmal von gedruckten Schildchen entgegensprang. Zwei Mark und fünfzig. Das war es! Ich musste diese Platte kaufen und schon würde sich mein Leben zum Besseren wenden. Ich hätte sogar noch zwei Mark übrig, um Dorchen meine Schulden zu bezahlen. 

Die Krönung war: es sollte eine Einführung in die Musik sein. Zu der Platte gab es ein Din-A-Heft mit großen Bildern, Noten und kleinen Texten. Ohne weiter nach zu denken, erstand ich das ganze, fühlte wohlige Schauer statt Zittern und Angstschmiere auf der Gänsehaut. Ich würde ab sofort zum besseren Menschen werden, eintreten in die wohlgeformte Welt von Tante Mathilda und Opa Augustin, vielleicht selber eines Tages wie sie am Klavier sitzen und zum vornehm leisen Applaus Melodien durch den Raum schweben lassen. 

Zu Hause legte ich die Platte auf und vertiefte mich in das Heft. Nach dem ich es durch gelesen hatte, fühlte ich mich bereit. Ich war sicher, jetzt etwas zu wissen, was die anderen nicht einmal erahnten. Einen ganz neuen Kosmos sah ich vor mir auftauchen und vor allem viel, viel Ruhe in meinem Herzen.

Dann hörte ich mir Tschaikowski an und wartete auf die Hauptmelodie, die sich kämpfend entwickeln sollte, wartete auf die Erfüllung der kleinen Texte, rätselte herum, ob das jetzt das Adagio oder Premissimo oder ähnliches war.

Während des Wartens nickte ich ab und zu ein und verzappelte mich in den Geräuschen der Instrumente.

Nur der Rhythmus des Orchesters blieb bei mir am nächsten Tag und so etwas Ähnliches wie Pauken und Trompeten. Darüber berichtete ich weder Heinz, noch Kalle oder gar Dorchen, der vielleicht dank seines theaterlichen Vaters am ehesten Verständnis gehabt hätte, verschloss sich ihm doch die Bretterwelt trotzdem genauso wie mir die der klassischen Musik.

Trotzig wiederholte ich in den nächsten Tagen den Versuch, kaufte wieder bei Margitta statt Gummibärchen die nächste Lern-Klassik, wobei Margitta mich etwas befremdet ansah. Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung von Klassik und hätte mich lieber bei den Gummis und Lackritzen behalten. Vielleicht hatte sie auch nur Furcht, den kleinen Gummibär-Süchtigen als Kunden zu verlieren, denn was sonst sollte passieren, wenn diese komische Plattengeschichte zu Ende ginge und sie für mich nichts mehr der Art zu bieten hätte?

Diesmal jedenfalls hieß der Komponist Brahms und nach dessen Anhörung war mir ungefähr so übel wie nach den Gummibärchen und so beschloss ich, es ab jetzt bei Tschaikowski  und Negerküssen zu belassen. Schlecht wurde mir zwar weiterhin bisweilen, dafür findet man in dieser Welt ja viele Möglichkeiten, aber musikalisch habe ich mich nie wieder erholt.

Daher gibt es bei mir weder Schallplatten noch ähnliche, spätere Tonträger und im Radio verfolge ich nur samstags die Bundesliga. Demzufolge entwickelte sich bei mir auch kein Hang zum Tanzen, worüber ich sehr, meine Frau am wenigsten froh war. Dass sie nur heimlich und wenn ich außer Haus war, Musik hören durfte, ginge ja noch, da fände sie ja Mittel und Wege genug, aber dass ich nicht einmal zu Familienfeierlichkeiten bereit war mit ihr wenigstens ein bisschen zu „Schwofen“, das erschiene ihr unerträglich und halte sie für besonders hartherzig, egoistisch und dämlich! Wie das ausging nach ein paar Jahren, lässt sich ja denken.
Merkwürdigerweise habe ich trotz aller meiner Abneigung beide Lern-Schallplatten behalten und eines Tages kam mein Bruder, um bei dem alten Junggesellen mal nach dem Rechten zu sehen, so drückt der Stiesel sich immer aus, nur weil er angeblich glücklich verheiratet fünf Kinder großzieht. Der nun fand die Platten und zog sie ohne auf meinen Protest sonderlich Rücksicht zu nehmen hervor und nahm ausgerechnet die Scheibe von Brahms aus der Hülle. Gut, dass ich keinen Schallplattenspieler mehr besessen habe seit jeden Einkäufen bei Margitta.
„Du, die haben Dich beschissen!“ sagte er plötzlich.
„Wer, warum, ist doch nur ‚ne Platte, Brahms heißt der Kerl.“
„Eben, auf der Hülle steht Brahms.“
„Ja und, was ist daran Betrug?“
„Na, daran nicht, vielleicht ist es ja auch nur ein Versehen, jedenfalls ist das hier nicht die Musik von Brahms.“
„Kannst du die etwa schon beim Anfassen und Hinsehen hören?“
Der Besser-Wisser-Bruder ging mir bereits wieder auf den Nerv.
„Nein, grummel doch nicht immer gleich so! Es steht auf der Platte: Arnold Schönberg heißt der Komponist! Wusste gar nicht, dass Du dich für atonale Musik interessierst?“
„Wovon redest Du? Was für Musik?“
Ich habe beide Platten sofort nach dem Weggang meines Bruders zerbrochen und in den Mülleimer geworfen. Laut seiner Erklärung wäre Schönberg auf keinen Fall etwas für den Einstieg in die klassische Musik gewesen, schon gar nicht für einen so von Musik ahnungslos gebliebenen Jungspund wie mich damals.

Da saß ich nun mit meinem Leben ohne Musik, ohne Tanz, ohne Frau, und das alles wegen einem atonalen Schönberg in einer Hülle von Brahms. Ich konnte es nicht fassen.

Dienstag, 26. Februar 2013

"A journey throw the middle of nowhere" sentimental Blues















Wir treffen uns zur emsländischen "blues-night" in der alten Scheune der kleinen Siedlung Twist mitten im Moor. Die Scheune nennt sich Heimathaus, ist für uns Blues-Freaks hier im Lande auch so etwas geworden. Heute ist Anne Haigis angesagt.



Einigen von uns bekommt die Rente inzwischen ganz gut. Die Häuser fast alle abbezahlt, die Kinder aus dem Haus, die einen geschieden, Singleclowns auf der Suche nach Leben, wir anderen gesättigt von Reisen und Touren. Aber hier ist für uns die Zeit stehen geblieben, sind wir wieder jung, frech, knackig unsterblich, wie unsere Musik. So begrüßen wir uns, gelöst, irgendwie angekommen, nur noch von Ärzten gequält.



Ja, auch Anne Haigis ist rundlicher geworden und wie die meisten von uns ganz in schwarz gekleidet. Imposant wie früher füllt sie die Bühne und den Raum aus.
„Hello again“ hätte Howard Carpendale gesungen.
















Hier sind wir wieder einmal da, wo wir immer bleiben wollten, die Nächte hindurch bis zum frühen Morgen. Heute treffen wir hier unsere alten Helden, die wir uns damals meist nicht leisten konnten. Aber die stets mühsam dem jugendlichen Geldbeutel abgeknöpften LPs stehen noch in unseren Ikea-Regalen. Wie liebgewordene alter Pullover, kaum benutzt aber ja nicht entsorgen.

Sogar der Bierpreis ist hier nur doppelt so hoch wie damals. Wie schön. Es ist dunkel und eng in dem Oldie-Schuppen und viele der Gäste haben seit damals wohl keine neue Kleidung gefunden.  Rauchen aber ist jetzt draußen, irgendwie fehlt dadurch was in der Luft, zu klar ist der Durchblick. Lässt sich mit ein paar Bieren aber schnell beheben.

Die Sängerin lächelt während sie uns begrüßt: „Willkommen in the middle of nowhere!“ Dann singt sie ein Lied der verstorbenen Kölnerin Trude Herr, wunderbar depressiv. Unser Applaus ist ihr gewiss.

Draußen im barschen Winterwind warten die Rollatoren.