Posts mit dem Label Poetry werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Poetry werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 18. April 2014

Osterbotschaft



wo Licht
und Schatten
sich begegnen
wurde erneut geprüft
die Schöpfung

und für gut befunden
der Hölle zu entrinnen
so denn
der Mensch
es will

(c) bild +text jörn laue-weltring lingen 2014

Mittwoch, 16. April 2014

Tönernes Leben



drei Blätter sanft raschelnd
im Fallen
ein asmathisches Pfeifen
mit verzögertem Ton
ein Garagentorgequietsche
im Bruchteil von Sekunden laut
der Plonk eines Balls
hüpfend leiser werdend
Klirr eines Fensters
kaum mehr als für einen kurzen Moment

Wort- und Klangfetzen
auf und abschwellend
bisweilen grölend
anderes eher piepsig
sich wehrend
dumpf die Spülungen
ohne die hier
tagsüber und des nachts gar nichts geht

quirlige Geräusche
fortwährendes Alltagsgezirpe
aufdringliche Umgebung
nicht ab zu schüttelnde Begleitung
meiner Ohren
immer in Beschlag
mal mehr von diesem
mal mehr von jenem
wenig dagegen
für die träumenden Sinne

bisweilen
hält mich da
mehr die Stille
in Atem und
wach
bis ich beunruhigt
nach draußen
die Ohrfühler aufspanne
auf neue Geräusche
und alt vertraute
zu meiner Beruhigung
und Sicherheit
lausche und lausche

bis mir der Schlaf
die Ohren einbestellt
mit mir klärt
was zählt
was nicht
von dieser Klangwelt
in betäubender Stille

(c) bild (figur) + text jörn laue-weltring lingen 2014

Düngerfolgen


es fault und stirbt der Thymian
weil zu ihm falscher Dünger kam

da lacht sich schlapp Basilikum
bracht ihn danach der Dünger um

da seufzte die Zitronenmelisse tief
was ist das hier bloß für’n Mief?

können die nicht sterben wie wir auch
angenehm für die Nase und den Bauch

doch kaum geseufzt sank auch sie dahin
oh mein Himmel, wo ist da noch ein Sinn

Schwebebahnen



schweb ich mit Dir in Himmelsräumen
heraus, herein auf der Wiesen Grund
das Liebesbäumchen ab zu zäumen
genießen wir so das Du der Stund

vergessen das Erschrecken schon
als mir da wuchs was nach Dir streckte
des Himmel Blutstropfen als Lohn
so die Liebe uns das Wir erweckte

und schweben weiter in uns rein
zum Blütenkelch vom Rosenstamm
da wird uns  dieses Spiel auf ewig fein
selig wir wie an Ostern ein Lamm

genießen wir so das Du der Stund
das Liebesbäumchen ab zu zäumen
heraus, herein auf der Wiesen Grund
schweb ich mit Dir in Himmelsräumen

(c) bild +text jörn laue-weltring lingen 2014

Reim Dich oder ich fress Dich























manche gut gebauten lockeren Reime
sind gefährlicher als andere Keime
des Lasters leichtsinniger Anfang
bisweilen auch ein Leben lang

da schüttelt es die Worte
wenn sie sich reimen soll‘n auf Torte
oder auf den nächsten Quark
als wäre der im Geiste stark

denn manche Reime
sind eigentlich keine
nur meines Triebes toller Beginn
vermiss im Reim ich nur den Sinn

find nur meines Lasters Anfang
meines ganzen kurzen Lebens lang
drum kriegst Du hier jetzt zum Schluss
meinen fix gereimten Stolperkuss

von des Reimens müden Reimedichter
der nicht werden mag sein eigen Richter
über seine blass verreimten Tage
in denen er sich festgereimt, was‘ne Plage

kaum noch Worte findet er ohne Reim
blind vorwärts paddelt er in dem Schleim
ach, könnt ich Dich mehr als das vermissen
ohne schlechten Reim Dich küssen

ich wäre ein geheilter Mann
der außer Reimen auch was anderes kann

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Dienstag, 15. April 2014

Morgennektar



ein früher Morgen
ein Päckchen Hoffnung
mein Zwillingspärchen

nach den Träumen
vor den Tränen
der Nacht

dazwischen
erscheinen sie
still
unnahbar
Pfänder ohne Siegel

streifen im Vorübergang
einen Hauch Blütennektar
ihrer Kraft
auf meiner Seele ab

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Nach den Wölfen


nein, die Wölfe
heulen uns nicht

einsam geworden
streichen sie
die letzten Wälder ab
geheime Gebirgswege entlang

Automaten
schüren an ihrer statt
unsere Angst
halten die Höllenfeuer wach

während wir Fenster schließen
und Türen
winderprobt
sturmerfahren

Gesichter
Töne
im 3-D-Format
Dolby Digital
die neue Eiszeit
zu uns spricht
in überhöhten Hitzegraden

unser Zähneklappern
hilflos gegen das eiskalte Schweigen
die weiße Fahne über dem Haus
grau und schlapp

wir ergeben uns heute
anders
schwingen blitzblanke Tabletts
festgefroren die Ohrstöpsel
fremde Rythmen
in MP-3 und digital

app-en wir
unsere Hoffnung hinab

gesichelt



auf meiner Mondsichel
schicke ich
Sterne in das Universum

spiegel ich mich
im Alpenglühen
unserer Achterbahnfahrt

reite ich
auf den Wolken
hinunter in das Tal

helfe dir
unsere Wiesen
zu mähen

mit meiner
Mondsichel
bricht der Frühling auf
aus unserem Eispalast

Montag, 14. April 2014

Fahrt durchs Waldecker Land



rissiges Fachwerk
„Marburger“ Kratzputz
über frischem
Flüsterasphalt

Waldecker Grafen
ihre Herzbuben
grimmsche Figuren

schnell wachsende
Nutzhölzer

graue Schindeln
Schieferplatten
wettergefrustet

Biogasanlagen
klappernde Hochsitze
am Rande der Maisfelder

alte Jäger
finden ihr Wild
zu allen Zeiten

Samstag, 12. April 2014

Alters Müdanwandlung























müde nun von den Kriegen
in die ich gezogen
den Schlachten
denen ich gefolgt
gewonnen wie verloren
hinunter, warten
auf uns
breit das Tal
die Form einer Schlange
unsere Schlafstätten

auf die Wiesen und Weiden
hinter die Zäune
schwarz-weiß-gefleckter Wiederkäuer
am stürmischen Fluss
auf der Suche
nach verlorenen Steinen
Glaube, Liebe, Geduld
Hoffnung

den Buben wieder zu finden, der
in geliebter Lederhose
sie einst über die Wellen springen ließ
der, der ich war
bevor im Übermut
von hier und anderem
ich geflohen
vier der Steine im Gepäck

Glaube, Liebe, Geduld
Hoffnung
eins nach dem anderen
hochgeworfen
für ein kurzes Glück
stehe ich nun sehend
der Wellen kraftvollen Fluss
unter strahlend weißen Gefieder
der Schwäne
die hier immer noch
bergwärts ziehen

auf ruhigem Wellengang
Lohengrin
grüßend vom großen Schwan
Abschied nehmend
für immer
winke ich, endlich verstehend,
dem Beschützer meiner Träume
lange hinterher
müde nun
aber nicht zu spät

 (c) bild + text jöern laue-weltring bad wildungen 2014


Freitag, 11. April 2014

Feurareio













Brandschutzhauben
im Diskretionsabstand
Feuerlöschgerätetag
sprühwarm
der dunkle Rauchvorhang
Feurariotanz

wer zuerst kommt
fackelt nicht lange
die Letzten beißen
die Wunden
die Krüge
brunnennah
unheilbar nah
gesprungen

Feurario
die Sprengleranlage
tausend Düsen
und mehr
Wasser, am
Sammelplatz
alarmerprobt
Brandschutzhauben

Feurario

(c) zeichnung + text  jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Feuer und Wind



als das Feuer
meinen Wind
verschluckte

warf ich ihm
meine Tränen
auf’s Grab

bis leise er
neu aufblühte
im Blättertanz



(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Glas blutrot























Kleine Blutstropfen
Glas im Kerzenlicht

wie lange
warte ich

bis mein Herz
die Brust durchbricht

auf Lungenflügeln
grabsteinfest ins Gräberparadies

Blutstropfen der Liebe
auf weißem Porzellan serviert

Du siehst es nicht
nur das Schimmern

letztes Aufflackern
vorm Kerzenlicht

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Donnerstag, 10. April 2014

Fragment der Vergangenheit



Hätten wir wohl weniger gestritten zwischen den Generationen, nach diesem Krieg, nach diesen Teufelsjahren, hätten wir die Bilder geahnt, die Worte gefunden, wie sie so tief in uns lagen, dank ihrer unbewussten Übertragungs- und Verdrängungskünste, die uns quälten bei Nacht, uns quälten bei Tag, die qualvoll uns antrieben in der Nähe der anderen?
Hätten wir verstanden, wie Leid verbinden und Schuld teilbar sein kann oder wären wir uns erst recht an die Gurgeln gefahren, hätten wir gar zugedrückt?
Was trieb uns an und in dieser Weise?
Die Sehnsucht nach Schweigen im lauten Wortgeschacher, die Sehnsucht nach Sprache im Bunker des Schweigens?
Was trieb uns? Und was auseinander? Wie viel und was wäre uns und anderen erspart geblieben ohne diesen unbewussten Kampf?
Und was wäre auf der Strecke geblieben, könnte heute leuchten ohne diesen Widerstand, diesen Protest, diese Überschwemmung, die mehr hinweg spülte, als wir uns je hätten vorstellen oder vornehmen können?
Hätten wir einen Weg finden können, über all die Verbrechen und das Schweigen hinweg?
Und wer hätte das uns zumuten dürfen? Auf welchem Tablett wäre das gelandet, von wem serviert worden?
Wir waren wie wir geworden, gebracht worden sind, in auswegloser Lage schreiend, ohne äußeren Anlass wütend, Gefährten des Sturms, wenig zu packen mit Säuseleien und Schäfchenwolken als Erklärung für des Himmels blutrotem Schrei.

Wir, die angeblich glasklaren „68er“, als solche benennbar und einfassbare Generation, hätten wir weniger um uns geschlagen, zerbrochen, davon geblasen, hätten wir unseren Eigenanteil, das tiefe schwarze Loch in uns, das heimlich, unbewusst ererbte Loch der Vorfahren, das unserer lieben Verwandten und Bekannten, Eltern und Großeltern besser gekannt, erkannt, zerpflückt und ausgewertet?
Oder war es tatsächlich an uns, unausweichlich, ein Höllen- wie Himmelsdienst, den großen Schrei zu starten, das große Zerwürfnis, das ewige Generationsgemetzel mit Worten wie Gemeinheiten, so ungerecht wie möglich, so zynisch wie nötig, ein munteres, geistig anspruchsvolles Spiel vor der Schlacht, vor den Friedhöfen draußen, vor der Unabwendigkeit gewählter, genutzter Zeiten?
Waren wir getrieben oder trieb man uns? Welche Worte waren außen vor und warum wir? Die Erben, die Kinder, die Nutznießer, Frage: wovon?
Was für Zeiten, das steht fest mittlerweile fest, in denen Füße unter Tischen gleichbedeutend mit Gefangenschaft und Meinungsabgabe waren, mit Inzucht und Inzest, mit grabbelnden und drückenden, sich abreibenden Körperbehauptungen, mit Einvernahme und Drohungen, diesen Zeiten in denen Tische überhaupt hochgeschwungen wurden über Leben, diverse Schweinigeleien sowie Tod und Freiheit. Wie viele haben geschwiegen. Wie vielen hängt nach ihr Leid nach der Kapitulation, die auch Befreiung hätte heißen können?
Was für Zeiten? Was für Menschen? Was für eine versemmelte Kommunikation!
Und dies so viele Jahrzehnte lang!

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Mittwoch, 9. April 2014

Verweigerung



ich soll
Dir hier
Trost
zu sprechen
Halt geben
Dich bei
Deinem Namen nennen

Dir die Hand aufbrechen
die das Messer hält
aus ihren Linien
Dir die Zukunft
zum Singen bringen

das alles aber
tue ich hier nicht

nicht für Dich
nicht für mich

vielleicht dass Du
erkennen magst
wie sehr Du
auf meinen Weg
geraten bist

ein Spiegelbild
meiner Qualen
gleich den Klimmzügen
meines Selbst

wir sind nicht
Münchhausen

uns trägt
die Kanonenkugel nicht
an unserem eigenen Schopfe ziehend
retten wir nicht mal unsere Nasenhaare
aus dem Sumpf

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

im Vogelflug























zwei Meisen grün und blau
auf den Schultern

auf dem Kopf
ein Rotkehlchen

Vögel
die mit mir reisen

dorthin
wo es uns gefällt

zwitschern wir uns
durch die Dunkelheit

über die Meere
höchste Bergspitzen

umkreisen wir
vor unserem Fall

seht ihr uns liegen
lasst uns die Federn


Ihr habt eigene Kleider

(c) bild (acryl) + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Barsicht



Mir gegenüber sitzt ein Mann, an der anderen Seite der Theke. Der schreibt wie ich, irgendetwas, so etwas vielleicht wie diese Worte hier oder etwas ganz anderes.
Er lehnt sich wie ich zurück. Er raucht wie ich von Zeit zu Zeit eine Zigarette, denn das darf man hier noch in dieser Hotelbar des Maritim im Waldecker Land.
Er trägt ein dunkel gestreiftes Hemd, darüber einen schwarzen Pullunder, der so heißt obwohl auch der Mann ihn wie ich über dem Hemd trägt.
Er hat graue Haare im Übergang zum Weiß der letzten Jahre so wie ich. Scheint, zumindest im Sitzen, ungefähr gleicher Körpergröße zu sein, vielleicht auch fünf Zentimeter kleiner.
Er knabbert zwischendurch wie ich die Nüsse, aus dem Glas in die linke Hand gekippt, nimmt sie mit rechts einzeln heraus und steckt sie sich in den Mund, Kopf und Rücken dabei leicht zurückgelehnt, die Augen auf dem Geschriebenen.
Er trägt wie ich eine Brille aus dünnem schwarzen Material, so dass es von mir aus aussieht, als hätte jemand mit dünnem Bleistift ihm diese in das Gesicht gezeichnet.
Aber er ist nicht ich. Es gibt keinen Spiegel vor mir, auch wenn es für mich so wirkt, als mache er meine Bewegungen nach. Er schreibt auch noch mit rechts, wie ich, und ich ihn lieber mit links schreiben sehen würde.
Er schweigt wie ich, blickt aber immer öfter zu dem Barmädchen auf und umher, als erwarte er etwas oder suche jemanden. Ich will nicht, dass er mich sucht. Ich will nicht mit ihm reden, nur wissen, was er schreibt. Im Zweifel aber verzichte ich lieber auf seine Schreibe für den Genuss hier weiter schweigend sitzen zu können und zu schreiben.
Er blickt jedes Mal nur kurz, als wolle er diese Blicke verbergen, mit ihnen nicht entdeckt werden.
Weil er weniger schreibt und mehr Nüsse knabbert, raucht er auch weniger als ich. Er wirkt jetzt sprungbereit. Aber wozu oder zu wem?
Ich sehe nur noch kurz auf, so wie er, hoffe er entdeckt meine Augen nicht, übersieht meine Gegenwart.
Ich esse keine Nüsse im Moment, während er knabbert und Kurzblicke verschießt, rauche auch nicht, da ich parallel schreibe zu ihm und seinen Blicken.
Er trinkt Bier, ich Wein. Es ist ein guter Tropfen. Den hat mir der Junge, nicht das Mädchen ausgesucht und vorgeschlagen. Der ist der Profi, sie die Azubine.
Das Bier des Gegenüber verschafft mir die Sicherheit, dass ich nicht vor meinem Spiegelbild sitze, es sei denn der Spiegel zeigt mich lieber mit Bier statt mit Wein. Aber warum sollte ein Spiegel das tun, selbst dann, wenn er in einer Hotelbar hängt?
Also, er ist nicht ich. Zweifelsfrei. Zumindest heute nicht. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn mein Haarweiß so weit fortgeschritten ist wie bei ihm, mein Gesicht wie seins in müden Falten hängt.
Ja, er ist älter, nicht weil ich das unbedingt will, auf die Erdnüsse und Zigarette verzichte, damit ich schreiben kann, während er zur Abwechslung wieder Nüsse einzeln seiner linken Hand entnimmt und im Mund verschwinden lässt, um sie dort langsam zu zerkauen. Nein, er ist älter weil er es ist, so wie er nicht ich ist.
Er ist zumindest älter als ich mich fühle oder sehe hier im Barlicht und dem Spiegel zu meiner rechten, der mich von der Seite zeigt, wie ich schreibe, während der drüben weiter Nüsse isst.
Dann ist plötzlich alles anders. Er bricht alle Spielregeln, spricht mit der Azubine, dem blonden Barmädchen, während ihr Kollege mein Glas betrachtet. Ich nicke und er bringt ein neues Glas, gefüllt, nimmt das leere Glas mir weg, leert den Aschenbecher, dies alles wortlos. Wir lächeln uns nur kurz an, wissen von einander was wir wissen müssen, was wir wissen wollen, quatschen nicht.
Der Mann mir gegenüber dagegen quatscht, schreibt nicht mehr, hat den Stift dafür verschwinden lassen, vielleicht sogar sein Geschriebenes, zumindest kann ich es nicht mehr sehen.
Nein, der ist nicht wie ich. Ich quatsche keine Barmädels an, schon gar nicht wenn sie so jung und noch Azubinen sind.
Ich schreibe. Bin wütend, irgendwie, obwohl der mir ja eigentlich egal sein könnte, wenn er nicht ich ist und mir auch gar nicht mehr ähnlich, jetzt.
Die spricht natürlich auch mit ihm, wieso auch nicht, wenn er sie anspricht. Ist er doch ein Kunde und der darf sie ansprechen.
Sie steht dabei steif mit ihrem Rücken an den Kassentisch gelehnt und wirft ihren blonden Zopf beim Sprechen ab und zu zur Seite, mal nach links, mal nach rechts.
Hübsch sieht sie aus, jung, hat spürbar ein Leben vor sich, ein Leben dass er und ich so ziemlich hinter uns gebracht haben, wie auch immer.
Die unterhalten sich und ich beende mein Schreiben. Werde zahlen und gehen. Bis der Barmann soweit ist sehe ich im Spiegel, was da sich zum Verlassen der Bar vorbereitet, sehe meine müden Anziehversuche, den Ansatz von Buckel, silbern schimmerndes Bürstenhaar vom Gläsergefunkel über mir.
Ich erkenne mich nicht.
Der da drüben quatscht und ich suche mich und erkenne mich nicht. Weiß nicht, wer sich da hölzern anzieht und vom Barhocker schiebt.
Der Preis ist genannt. Ich zahle, könnte jetzt eigentlich gehen. Aber ich bestelle noch einen „Absacker“, einen Grappa und sehe zu dem da drüben hin, der zu mir hinsieht, wieder nur kurz, weiter mit ihr quatscht, dann lachen sie.
Ich kippe meinen Grappa und verziehe mich. Vielleicht lachen sie über mich oder ich bin doch er und lache mit ihr über mich selber, dieses trottelige Spiegelbild eines alten Mannes, der sich am Schreiben festhält statt zu quatschen, dafür sogar sein Rauchen und die Erdnüsse verschmäht und flieht, wenn man lacht. Vielleicht. Genaueres weiß auch der kalte Februarwind nicht, der mich draußen in Empfang nimmt. Vielleicht sollte ich demnächst über den schreiben. Im Alter spürt man ihn mehr, den Wind.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Dienstag, 8. April 2014

Wörter wir


lang ist
die Reise
in’s Schweigen
schwer nur
legen die Sätze
ihre Wörter
ab

kurz
liege ich
neben Dir
spüre endlich
was wir
noch nie
in Worte
gefasst

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Am Ende der Fraßzeit



der Sisyphus
war ich gerne
für euch
und mich
Stein rauf
Stein runter
den Berg hoch
immer wieder
den Stein
jahraus
jahrein

sah dabei
die Adler nicht
die von mir fraßen
Stück um Stück
und nichts wuchs nach
nichts

träumte ich im Stillen
von
Herkules
Befreiungstat
der den Berg abträgt
für mich

als er nicht kam
mein Haar schon grau
die Arme schlapp
wollt mit den Adlern ich
neu durchstarten
für all die Speis und Trank
die mein Leib
ihnen gab

sie aber zogen
nur über mir her
pickten weiter
Hohn wurd’ mir
ihr wilder Schrei
bis der Stein
mich
unter sich
begraben

da wacht ich auf
ich armer Sisyphus
von Herkules verraten
wilden Adlern verspeist
nun auf der Brust
den eigenen Stein
als Grabmahl zu tragen
bis ans Ende der Zeit

Montag, 7. April 2014

Reha-listische Impressionen, unvollständige Gedanken



An-fahrt Februar 2014

Rheine bis Hannover

Kein gleichmäßiges Rattern des Zuges mehr auf den Schienen, dafür schleifende Singstimmen durchbrochen von Stößen ohne Gefühl für Rhythmus und Jamben.

Umsteigen. Hannover:

Natürlich war der Fahrstuhl auf dem Bahnsteig defekt.  Natürlich fuhr die Rolltreppe nur rauf, nicht runter, auf beiden Seiten.  Natürlich ist mein Koffer viel zu schwer für die Treppe, natürlich ist sie zu hoch mit viel zu vielen Stufen. . Natürlich schleppe ich mich mit ihm hinunter, statt mich vergeblich auf die Suche nach einer uniformierten Hilfe des Bahnpersonals zu begeben.  Natürlich beschweren sich Beine, Gelenke und Rücken. 

Auf dem Bahnhofsvorplatz einer der letzten Asylplätze für Raucher vor hohen Türen aus der Glastürenzeit, die geduldig auf und zu gleiten.  Ob Eingang oder Ausgang entscheiden hier die, die kommen und die, die gehen.  Auf jeden Fall für mich ein lohnenswertes Zwischenziel. Zwei Zigaretten schaffe ich.


Auf dem Vorplatz im Angesicht des Pferdearsches unter dem Abbild des einstigen Königs von Hannover und England eine Schulklasse, plötzlich Kurzgebell: „Auf geht’s! Alles folgt mir! Zusammenbleiben!“
So ein Tonfall hätten den König da oben und seine Offiziere und Schulmeister wohl erfreut.

Wild gestikulierend oder die Handys eifrig weiter mit Lauten und Zeichen bestückend und wie das Kurzschwert eines Römers vor sich hinhaltend zerteilt der Klassenverband ohne auf unseren Protest und Unwillen zu achten uns Raucher vor der Tür.

Ihr Lehrer läuft nicht einfach vor ihnen her, mir scheint eher, er läuft vor ihnen weg, als hätten seine markigen Kommandos ihn seine letzte Kraft gekostet im Kampf gegen ihre Handys, permanente Unlust einerseits, und Lust auf Chaos andererseits.


Natürlich bin ich pünktlich, dieses Mal mildtätig beglückt vom Bahnhof und einer mich und meinen Koffer nach oben fahrenden Rolltreppe.  Natürlich ist der Zug laut Anzeige „5 Minuten später“, was eine weibliche Stimme über Lautsprecher bestätigt.

Etwas aufgebrachter bin ich dann schon, als die gleiche Stimme plötzlich verkündet, der Zug fahre heute auf einem anderen Gleis ein. Und schon schimpfen wir alle über die deutsche Bundesbahn, als hätten wir nur darauf gewartet. Ungelogen, bei mir und den anderen Klang Befriedigung mit und endlich befreites Knurren, Murren und Gejammere. So waren wir uns doch sicher uns in Deutschland zu befinden, seinen unpünktlichen Zügen und unmöglichen Bahnsteigen, nur gebaut und so geplant, damit der Wind uns dort mal so richtig durchblasen kann und dem Gefrierpunkt näher bringen. So genossen wir es uns als Deutsche aufzuführen.
Natürlich kommen wir alle rechtzeitig, wenn auch knapp, am anderen Bahnsteig an, erschöpft vom Schimpfen und Hasten.


Aber der Sitzplatz, den ich danach im Abteil für mich einfordere, erbost auf meine Sitzplatzkarte zeigend, der steht mir wirklich nicht zu. Da hatte ich mich vertan bei den Karten und aus Versehen die für die Rückreise gezückt.


Bis ich mich wieder beruhigt hatte, erreichten wir schon das Leinetal, das behäbig in seiner Breite und seinen Hügeln neben uns her glitt, als traue es sich nicht Ecken und Kanten zu zeigen, als wäre ihm die Erde sicherer als der Himmel, das karge Leben näher als irgendein Paradies, Mut oder Phantasie.


Wie das Tal so die Menschen? Ich weiß es nicht. Aber es heißt so, man sagt es. Es hätten die frühen Reisekaiser, die Ottonen und Heinrichs,  sie zu sehr zu Diensten gezwungen und die Köpfe geduckt, als dass sich die nächsten Jahrtausende noch viel hätte erheben könnten. Und so hätten sie vergessen, dass sie Mensch geworden waren, als sie die Köpfe über die hohen Gräser gehoben und mutig hierhin vorgestoßen waren mit ihrem Feuersteinutensilien für Jagd, Feuer und Fischzubereitung.

Das näher kommende Göttingen sei keine Ausnahme, es ducke sich mit seinen Überresten  aus Mittelalter und Nachkriegsbaracken dicht in das Leinetal, ärgerlich über die Kirchturmspitzen die die Frömmlichen hier hochgezogen hatten, duckt es sich nah an das Plätscherchen von Flüsschen, das weder hier, noch vor- oder nachher sich selbst als Wässerchen darüber zu trüben scheint.


Dann sehe ich es, an den Hängen über Göttingen, das uralte Geismar, erkenne es an seinen verzweifelten in Beton gegossenen Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen, mit seinen Bettenburgen noch immer bitter klagend, dass dieses Fachwerkgerümpel im Tal zum Namen geworden war, obwohl viel jünger und unreifer, und nicht die Siedlung, in die sich die Bewohner einst aus dem Tal geflüchtet hatten vor den Raubrittern und Vagabunden, vorchristlich, aber nicht unchristlich, keineswegs das Geismar mit der gefällten Eiche des Iren Boni, nicht Irren, anderswie zum Kreuz gekommen und doch darunter geraten, eingevogtet vom fernen Kaiser und in Knechtschaft eines Vasallen, der als Fürst alle so drangsalierte, dass selbst die Göttinger die Nase voll bekamen und seine Burg schleiften. Ein unzuverlässiges Gesindel in den Augen der Geismararaner, zwar später Mitglied der Hanse und doch nur auf Händel und Streit aus mit allen, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machten. Und dies bis heute, betonen einige Altgeismaraner. Heinrich Heine und die Märchenbrüder wussten bereits ihr jeweiliges Lied davon zu singen.


Mich verbindet mit Geismar das Endgültige, der so rasch mögliche Wechsel vom Spiel in den Ernst des Lebens in seiner härtesten, klarsten Form: dem Tod.
Es war in unserem ersten Semester, in dem wir noch alle kulturellen und politischen Ereignisse in unsere Biographien reinzwängen wollten.
Der Tod kam auf die Bühne in Geismar, in ein Antikriegsstück des Trotztheaters. Er kam mit schnellerem Atem mitten im Kriegsgetöse vom Tonband hinter der Bühne. Dann atmete er schwer. Wir sahen im Fastdunkel nur noch schemenhafte Schatten hin und herlaufen, fallen, sich krümmen, darunter der Schauspieler Uwe Voth.  Sahen wenig, hörten trotz des Lärms ihre Bewegungen und diesen Atem, der immer heftiger kam, kaum noch durch die Brust zu kommen schien, ja, fast gar nicht mehr. Dann rief eine Stimme um Hilfe, um einen Arzt.
Wir saßen fasziniert ob der Echtheit der Szene stocksteif, betroffen einerseits und erwartungsfroh auf den Fortgang andererseits, dachten alle nur: „Ja, so ist Krieg!“ Und waren mit dem Theater mehr als zufrieden, schließlich versprachen wir uns von ihnen ja etwas Packendes, Gelungenes gegen den Krieg, für den Frieden, für den wir damals besonders waren unter der Bedrohung von Pershings, Cruise Missiles und weit von uns entfernter Präsidenten Stare-Wars-Phrasen-tasien.
Alles war gut, alles prima und anschließend bräuchten wir nur noch eine Pizzeria mit Preisen für Baföghaushaltskassen finden und der Abend würde mehr als gelungen für uns sein.
Aber das Licht ging an, Uwe Voth atmete wirklich nicht mehr, es wurde wirklich ein Arzt gebraucht, weniger um ihn zu retten als die Todesursache festzustellen.
Schweigend saßen wir noch eine Weile da, erschüttert, einige weinten, andere starrten nur ungläubig auf die Bühne. Das am nächsten Tag der Schauspieler Uwe Voth auf der ersten Seite der Bildzeitung landete, machte die Sache für ihn und uns auch nicht besser.
An Pizza, schönen Vino oder kühles Bier war auch nicht mehr zu denken.
Wie wir aus dem kleinen Theater herausgingen, Geismar verließen um in unsere Studentenbuzzen zu gelangen, wusste wohl keiner von uns hinterher.
Uns blieben für den Rest unseres Lebens Uwe Voths letzte verzweifelte Atemzüge auf dem Weg in seinen Tod auf einer Theaterbühne in Geismar.


Auf meinem Weg in die Reha-Klinik, in der auch Traumata-Patienten behandelt werden, frage ich mich nun, hier im Zug, während Geismar langsam hinter mir verschwindet, ob dies eines meiner Traumata sein könnte, eines dieser Ereignisse, die mir die schwarze Seele füllten, dieses schwarze Loch ohne fassbare Ecken und Kanten, ohne Gesichter und mögliche Verortungen, ohne genaue Erinnerung?
Haben wir es verarbeitet? Wie lange war sein Tod, unser Dabei-Sein noch Bestandteil unserer Gespräche, unseres Denkens?
Ach, wir waren so jung und so herrlich vergesslich, so wahnsinnig nach vorne orientiert. Wie sollten wir uns damit lange aufhalten, was hätte es ändern können? Ja, was? Vielleicht uns?


In Göttingen wurde uns der Sohn geboren, ungeplant, fast nicht mehr auf unserer Lebensplanliste, Nicht für das Kreuz, für das Leben haben wir ihn dort die ersten Jahre unterstützt beim Wachsen und Erwachen. Das Kreuz hatte seinen Sohn. Wir brauchen von unserem keine Vergebung, nur die für uns so spannende Teilhabe an einem Leben, dass zwar durch uns in Gang gebracht wurde, aber doch nicht das unsere ist.


Während Friedland mit seiner Glocke vorbeifliegt, ebenso die längst abgeklungene Euphorie über die dort Ankommenden, frage ich mich, warum auch immer, was es bewirkt haben mag im Leinetal, dass weder Geismar noch Göttingen je Kaiserpfalz waren, stattdessen dieses zum verrandeten Dorf mit neuzeitlichem Pendersiedlungscharakter Grone, Pfalz Grona, und schon gar nicht dieses Grone zwischen Autobahn und Bahnstrecke, nein, es war dieses bisschen Ge-Steine oben auf dem Kamm des Hügels entlang der Leine, längst geschliffen, abgetragen, woanders verbaut, was einst des Kaisers war.
Ja, was? Was Grona war, wurde verschart, was Nichts war weltberühmt, zumindest die hier begonnenen Grimmsmärchen, geräucherten Würste und wissenschaftlichen Ergebnisse (ja, siehe Heine, noch immer unschlagbar, nicht nur in Bezug auf Göttingen).


Das Große wird klein nur, was Klein ist zu groß, oder wie?


Rosdorf ist vorbei. Dort war unsere Bronzezeit, unsere Steinzeit. Dort fingen unsere Urahnen Fische, entwickelten die Angeln und vor allem die Netze. Und ich rutsche mehr, denn dass dieser Zug mich rollend fährt, an ihren Wirkstätten vorbei, nur ihre Faustkeile im Kopf und ihren Muschelschmuck.


Soll ich ihn verraten? Ja, ich verrate ihn, wenn auch nicht mit Namen, den kenne ich auch gar nicht. Auch nicht seine Herkunft. Sein Alter aber kann ich schätzen. Seine in die Jahre gekommene Bürgerlichkeit zwischen gut versorgt und Altersarmut im Pflegefall. Zur Zeit noch in der Auslaufzone, gerade um die 60 geworden.
Er sitzt zwischen mir und dem Gang des ICEs, das rechte Bein über das Linke geschlagen. Seine Kleidung habe ich schon vor 50 Jahren an Männern seines Alters und Standes gesehen: dicke Cordhose, dicke Tweedjacke, Typ englisches Fabrikat, Rolli, dunkelbraunes Schuhleder in Frachtkähneformat, auf keinen Fall italienisch, dafür mit dicken Sohlen und Streifensocken, wahrscheinlich an der Ferse frisch gestopft.
Ich liebe meine Vorurteile, je älter ich werde umso mehr und da er in ein paar von diesen Vorurteilen passt, liebe ich auch ihn, in diesen leider mit ICE-Trasse viel zu stark verkürzten und vertunnelten Minuten zwischen Hannover und Kassel.
Er wirkt müde, aber bemüht konzentriert. In seiner rechten Hand führt er einen noch länger tauglichen Bleistift, in der linken Hand eine Kladde, wie ich sie, ebenfalls in meinen Kinderjahren, oft bei Lehrern sah, aufgeschlagen bei einem wohl mit diesem Bleistift geschriebenen Gedicht in erkennbaren Strophen und wahrscheinlich Reimen.
Er dreht den Bleistift ständig um, da dieser am Ende ein Radiergummi festhält.
Er beginnt damit ein Wort auszuradieren, dreht den Bleistift, schreibt ein neues Wort. Findet ein anderes Wort, radiert es aus, schreibt ein neues. So radiert und schreibt er, schreibt er und radiert bis wir kurz vor Kassel sind. 
Natürlich bin ich neugierig, was für einen Text er so umgräbt und umgräbt wie der Maulwurf letztes Jahr unseren Garten.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er den Text, vielleicht ein Gedicht, vor allem genießt und braucht für das Wegradieren und neu Einsetzen von Worten, denke, dass er enttäuscht sein wird, wenn ihm kein Wort mehr radierfähig erscheint und Platz machen kann für ein neues.
Er liest seinen Text nicht. Er sucht darin. Tut dies so ruhig und entspannt wie die Frau zwei Sitze weiter vor uns ihren Schal weiter strickt.

….

Paco Lucia ist tot. Leider keine CD von ihm zur Hand. Nur auf Youtube. Aber das stottert hier und das will ich ihm zu Ehren und mir zum Genuss nicht antun. Bleibt die Erinnerung seines Spiels in meinem Kopf und damit nicke ich kurz ein.

 

Was würde Heine heute schreiben? Zum Beispiel über diese Landschaft mit ihren Asphaltbändern, Betonklecksen und fassadengrauen Flecken mal gewürfelt, mal vereinzelt, die nicht nur hier das Land „bestücken“?
Haben sie deswegen so viele Tunnel in die Kasseler Berge gegraben für die Züge, damit wir das gesprenkelte Elend draußen nicht mehr sehen?
Vielleicht schießen sie uns ja morgen nur noch durch solche Röhren? Konzepte dafür gibt es bereits. Als Alternative zum Autofahren!
Vorher gibt es dann beim Fahrkartenkauf „Happy-Trial-Pillen“, mit denen wir uns während der Schussfahrt fortträumen in die Züge der Vergangenheit, ihr Rattern zu hören, am Fenster vorbeiziehen, nicht fliegen, eine Landschaft wie sie nur noch die Kinderbuchillustratoren zeichnen, damit die Kinder nicht schon am Anfang nur noch bebaute Ungeheuerlichkeiten als Natur ansehen. Und dann träumen wir auch Kühe auf Weiden, goldgelbes Getreide statt grünen Mais, träumen Schweine und Hühner im Freigehege, träumen Weidenhügel und Eichen-, Birken- und Buchenwälder, träumen Weiden an Bächen die wie schlangen sich durch die Täler winden, richtige Weiden träumen wir, die noch Himmel anbieten für die Verliebten. Aber es ist zu befürchten, dass es diese Kapseln nur als Sonderzuschlag mit entsprechendem Zuschlagspreis gibt und der Rest, dem das zu teuer ist, darf sich während seines Schussfluges in „Flugmeditation“ üben.


Natürlich gibt es ab Kassel keinen Zug mehr für mich. Umsteigen in einen Bus oder zwei Stunden warten, heißt es. Der Bus sei aber mit der Fahrkarte nutzbar.

Also Bus. Der erste, der uns bis Fritzlar mitnimmt, sieht die Sache so wie die Bahn. Der zweite, der uns nach Bad Wildungen bringen soll, natürlich nicht. Sein Bus gehöre nicht zur Bahn und darum müssten wir zahlen. Ihn interessiere nicht was die Bahn sage und seine Firma rufe er deswegen auch nicht an. Wir müssten  ja nicht mit ihm fahren, könnten doch auch zum Bahnhof gehen und dort den nächsten zug abwarten. Alle meckern, schimpfen, protestieren. Es hilft nichts. Wir müssen abdrücken. Eine ältere Türkin neben mir lächelt und sagt: „Ist doch auch schön, so merken wir dass wir in Deutschland sind.“ Daraufhin wäre ich am liebsten sofort der Deutsch-Türkischen Freundschaft beigetreten. Genau dieser Gedanke war mir heute doch schon mal begegnet. In diesem Sinne: es lebe die deutsche Engstirnigkeit und Bürokratie.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014