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Samstag, 12. April 2014

Alters Müdanwandlung























müde nun von den Kriegen
in die ich gezogen
den Schlachten
denen ich gefolgt
gewonnen wie verloren
hinunter, warten
auf uns
breit das Tal
die Form einer Schlange
unsere Schlafstätten

auf die Wiesen und Weiden
hinter die Zäune
schwarz-weiß-gefleckter Wiederkäuer
am stürmischen Fluss
auf der Suche
nach verlorenen Steinen
Glaube, Liebe, Geduld
Hoffnung

den Buben wieder zu finden, der
in geliebter Lederhose
sie einst über die Wellen springen ließ
der, der ich war
bevor im Übermut
von hier und anderem
ich geflohen
vier der Steine im Gepäck

Glaube, Liebe, Geduld
Hoffnung
eins nach dem anderen
hochgeworfen
für ein kurzes Glück
stehe ich nun sehend
der Wellen kraftvollen Fluss
unter strahlend weißen Gefieder
der Schwäne
die hier immer noch
bergwärts ziehen

auf ruhigem Wellengang
Lohengrin
grüßend vom großen Schwan
Abschied nehmend
für immer
winke ich, endlich verstehend,
dem Beschützer meiner Träume
lange hinterher
müde nun
aber nicht zu spät

 (c) bild + text jöern laue-weltring bad wildungen 2014


Freitag, 4. April 2014

Familienbanden Anno Kautabak























ich hatte auch mal ne Tante
die jeden Tag mit mir rannte
und einen Onkel hatte ich mal
der machte aus allem ein Skandal
ein Opa wusch mir stets die Ohren
der andere schickte mich zu den Toren
eine der Cousinen zwickte mich
eine andere kam mir liederlich

ein Cousin wollte mit mir verreisen
ein anderer flog mit mir und den Meisen
ein Bruder schlug mich fürchterlich
ein anderer stets vergaß er mich
ein Vater hat mir alles nachgemessen
ein anderer 10 Jahre ohne mich gesessen
eine Mutter gab mir Brot mit Marmelade
einer anderen war ich für alles zu schade

so zog ich hin und zog daher
fiel vieles mir im Leben schwer
und vieles leicht wie Schaumgebäck
erfüllte alles bei mir seinen Zweck
ein Kuckuckskind im Rabennest
ein Flatterkind fürs bunte Lebensfest
ein Runnig Gag in illustren Runden
hat ein jeder was an mir gefunden

ja, auch hatte ich diese Schwester
bei der war ich ihr Bester
und auch ein junger Kaplan
hatte mit mir manch guten Plan
ein Lehrer schenkte mir seine guten Noten
schlug mir niemals nicht die Pfoten
ich durfte auch mal inne Kirche rein
da sollte ich sogar Vorsänger sein

egal, was solls, ihr hört es schon
mal gibt’s was, mal auch keinen Lohn
es lebt sich leicht mit Fremdgefieder
drum sing ich bass so munter Lieder
über Familienbanden Anno Kautabak
ist auch ab ihr Lack, ja, ab der Lack

(c) zeichnung + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Donnerstag, 23. Januar 2014

Im Koffer nach Berlin


 
Es war eines Tages, das weiß ich noch genau. Da hockte ich im Garten der Großeltern zwischen Linoleum Verschnitt und baute mir daraus ein Boot. Der Garten befand sich in einer alten Handelsstadt, deren reiche Bürger einst Schiffe auf dem Meer fahren ließen. Mehr noch aber gefielen mir die Piraten, wie der Störtebecker einer gewesen.
Also baute ich mir ein Boot um damit zur See zu fahren. Es war die Zeit, in der Freddy Quinn im Radio vom Seemann sang und der See, obwohl er wie der Adolf doch aus Österreich war und dort gab es nur große Berge, sagte Großvater, aber kein Meer und Matrosen brauchte man da auch nicht. „Dafür macht er keinen Krieg wie der andere,“ sagte Großmutter, was ich nicht verstand und wohl auch nicht verstehen sollte. Denn damals hieß es oft: „Dafür bist Du noch zu klein!“ Aber ein Boot würde ich mir schon bauen und damit hinaus auf die große See fahren. Sie würden es schon sehen.
Wegen dem Freddy und anderen Sängern, deren Namen ich vergessen habe, schrieb ich später in der Schule immer Seensucht, weil ich dachte, das käme von der See wie Seefahrt und so. Wie konnte ich ahnen, dass See und Sehnsucht nichts miteinander zu tun haben. Das ganze Radio war damals voll mit Sehnsucht und meist ging es dabei um See und Meer, mal in Piräus, mal in Tahiti oder um Kap Horn.
Das ist wegen dem Krieg, behauptete Großvater. Die Leute denken an die Soldatenzeit zurück, als die Männer an der Front waren und Sehnsucht gehabt hätten nach Hause und ihre Frauen umgekehrt nach ihren Männern. In Wirklichkeit wäre die See der Krieg. Was Großmutter auf den Plan brachte. „Musst Du dem Jungen immer son Zeugs erzählen. Das versteht der doch noch nicht.“ Dann grinsten Großvater und ich uns immer an, wie es sich für alte Verschwörer gehört.
Ich hockte also zwischen den Stücken aus grauem Linoleum, dass so grau und gesprenkelt war wie die Steinplatten unter dem Balkon, wo die leeren Kartons standen. In denen hatte ich zuerst Boot gespielt. Aber ich war ja nicht doof. Pappe weicht auf im Wasser. Mit denen würde ich nie auf dem Meer fahren können.
Also rollte ich das Linoleum zusammen, dass es aussah wie ein U-Boot. Diese Schiffe kannte ich, weil Großvater sie mir im Hafen gezeigt hatte. Dort arbeitete Großvater und sagte, dass die vom letzten Krieg her übrig geblieben wären, aber kaputt, dafür hätte der Tommy in einer Nacht damals gesorgt, als er die U-Bootbunker bombardiert hätte. Meine Mama hätte zuerst einen U-Boot-Matrosen geliebt, bis der mit dem Boot im Mittelmeer versenkt worden war. Da wäre sie sehr traurig gewesen, bis sie meinen Papa kennengelernt habe und ich zur Welt gekommen sei.
Großvater erzählte öfter so Sachen, meist vom Krieg und jedes Mal taten ihm die Leute in seinen Geschichten leid. Ich habe damals wenig verstanden, von dem was er sagte. Für seine Geschichten war ich wohl tatsächlich noch zu klein. Großmutter sagte das ja auch öfter, wenn er beim Abendbrot wieder damit anfing.
„Der Krieg ist vorbei, Gott sei Dank,“ so sagte sie meist. Also konnte ich in Ruhe mein Boot bauen und zur See damit fahren.
Auch wollte ich einen Abstecher zur Reeperbahn machen, denn dort musste es um halb eins phantastisch zu gehen, jedenfalls sang das Großmutters Lieblingssänger der Hans Albers so. Der wollte auch, dass eine Luise auf die Schaukel käme, so eine wie der Wolfgang neben an von seinem Papa gebaut bekommen hatte. Dessen Papa war Kapitän und den sah man fast nie. Denn, natürlich, der war auf hoher See. Großvater wollte mir auch so eine Schaukel bauen, sobald das Linoleum verlegt war im Haus. Und eine große Windmühle hier im Garten. Größer als die bei den anderen in den Vorgärten.
Bis es soweit war, wollte ich erstmal zur See und baute mir mein Boot. Es hielt. Ich konnte mich damit auf dem Rasen kullern und es hielt. Blieb die Frage zu lösen, wie ich es zum Wasser hinbekam. Der Hafen war nicht weit. Über den Dächern konnte ich die Helligen der großen Werft leuchten sehen. Vielleicht würde mir Wolfgang, der Nachbarsjunge mit der Schaukel, dabei helfen, es dorthin zu tragen. Und dann könnte ich am kaputten U-Boothafen vorbei den Fluss bis zum Meer hochfahren.
Dafür würde ich ein Paddel brauchen. Das nächste Problem. Bevor ich es lösen konnte, rief Großmutter, ich solle reinkommen, es wäre Abendbrotzeit.
Aber ich wollte doch zur See und musste ein Paddel finden. Also blieb ich unten im Garten. Die Sonne schien noch hell, kein Hauch von Abend. Wozu also schon das Brot. Hunger hatte ich auch nicht. Überhaupt die Sonne. Die hatte es schwer bei uns in der Stadt in jenen Tagen. Sie kam kaum durch den ständigen Nebel, der grau um uns herum hing, noch vor den Wolken. Die Strahlen waren so schwach, die bei mir im Garten ankamen, dass sie die Blätter der Apfel- und Birnenbäume, Großmutters ganzer Stolz, kaum zum Leuchten brachten, auch nicht die Äpfel und Birnen, wenn sie im Herbst auf Großmutters Pflücken warteten. Den Blumen hier ging es nicht besser. Ihre Farben blieben dunkel und matt. Nichts hier konnte strahlen oder leuchten in den Sonnenstrahlen. Aber auf See, da funkelten die Sonnenstrahlen auf dem Wasser und auf den Inseln leuchteten alle Blumen und Bäume pausenlos. Das wusste ich durch Siegesmund Rüstig und Robinson Crusoe, von denen Großvater mir erzählt hatte.
Also überlegte ich weiter, wo ich ein Paddel herbekommen könnte und ignorierte Großmutters lauter und strenger werdendes Rufen, wo ich denn bliebe, rasch sollte ich kommen, auf der Stelle. Aber ich brauchte jetzt kein Abendbrot sondern ein Paddel, damit ab zur See, mit einem Brot ist schlecht paddeln. Brot brauchte ich für die Möwen. Damals fütterte man Möwen noch. Sonntags, wenn wir in den Hafen gingen, nach zu sehen, ob neue Schiffe aus Übersee angelegt hatten. Deswegen hieß der Hafen auch Überseehafen. Übersee hieß von ganz weit weg, Uusaa zum Beispiel oder Kap Horn, Timbuktu und Shanghai. Da wollte ich jetzt auch hin, brauchte aber ein Paddel.
Ich stellte mir vor wie am Heiligabend Papa, Mama, Großvater und Großmutter vor dem Radio im Wohnzimmer sitzen würden und lauschen, wie ihre Grüße mir gesendet würden und ich zurück grüßte über mein Funkgerät.
Funkgerät hatte ich noch nicht, ließe sich aber bestimmt in Amsterdam oder New York im Hafen auftreiben. Das würde schön. Ich war ganz gerührt bei dem Gedanken. Jeden Heiligabend saßen wir nämlich vor dem Radio und hörten den Sender Norddeich und wie die Seeleute gegrüßt wurden und zurück grüßten. Einmal haben wir sogar den Kapitän gehört, den Papa vom Wolfgang nebenan mit der Schaukel. Von diesen Seeleuten wollte ich jetzt einer von sein.
Also Paddel suchen. Ging aber nicht, weil Großvater kam, mich packte und nach oben in die Stube trug, wo Großmutter bereits am Abendbrottisch saß. Sie schimpfte, wo ich denn geblieben sei, warum ich nicht gehorcht hätte, das sähe mir doch gar nicht ähnlich. Ich erzählte ihnen von meinem Boot, der See und dass ich noch kein Paddel hätte, dringend aber eines bräuchte. Das überzeugte sie nicht. Im Gegenteil. Sie schimpfte weiter, bis ich es nicht mehr aushielt und laut schrie: „Ich pack Dich in einen Koffer und schick Dich nach Berlin!“
Wieso ich das rief? Damals packten wir dauernd Pakete für Berlin. Bei fast jedem Einkauf wurde etwas für diese Kartons mit eingekauft. Auch Süßigkeiten. Wenn ich von denen etwas haben wollte, hieß es: „Nicht, die sind für die Armen in der Zone.“ Was das genau war, die Zone, verstand ich nicht. Auf jeden Fall nichts auf hoher See, dafür in Berlin.
Das Großmutter zu groß war für eines dieser Pakete, war mir klar. Irgendwie gab es da auch so ein Lied, wo jemand noch einen Koffer in Berlin hatte und vielleicht kam ich darum auf diese Idee mit dem Koffer.
Es war tatsächlich nach meinem Ausbruch plötzlich still im Wohnzimmer. Bis Großmutter leise anfing zu weinen und Großvater mich vorwurfsvoll ansah. Ich schämte mich, wenn ich auch nicht ganz begriff warum, drückte mich schnell an Großmutter ran und versuchte sie zu trösten.
Zu meiner Seefahrt kam ich an dem Tag nicht mehr, da sie mich zu Bett brachten und ich mich nicht traute wieder von meinem Boot und dem Paddel anzufangen.
Am nächsten Tag kam Jochen vorbei, der wohnte in den dunkelroten Zollhäusern am Anfang der Kreuzung. Er wollte mit mir zum Schrottplatz, Schwerter besorgen. Das fand ich gut, denn Ritter zu sein, das war uns Jungs damals das höchste und größte. Cowboys waren wir lange genug gewesen und die Ballerei mit den Platzpatronen war teuer und auf Dauer öde. Aber mit Schwertern so richtig auf einander einschlagen, das war besser. Und so zogen wir los und als ich wieder kam, war das Linoleum verschwunden, meine Handflächen von den Eisenstangen vom Schrottplatz eingeschnitten und so erstmal der Traum von See und Boot und Timbuktu ausgeträumt. Dafür hatte ich mich als Ritter prächtig geschlagen. Jochens Hände bluteten noch mehr als meine.
Auch später ist es mir nicht gelungen ein Boot herzustellen und damit auf die hohe See zu gelangen. Fand es auch besser so, als ich das erste Mal am Meer war mit Papa und Mama. Das war im Jahr vor ihrer Scheidung. Da hatten sie das erste Mal in ihrem Leben Urlaub gemacht. In Holland, an der Küste und ich bin fast ertrunken, als ich durch die hohen Wellen mich nicht mehr an meiner Luftmatratze festhalten konnte und hätte ich Papa nicht in den Bauch getreten, dann hätte er mich da unter Wasser gar nicht gefunden und am Fuß greifen können und der See entreißen. Danach war ich wirklich froh, dass Großmutter mich an jenem Tag zum Abendbrot gerufen hatte, denn was wäre gewesen, gleiches wäre mir mit dem Boot passiert und mein Papa wäre nicht dagewesen, dass ich ihn in den Bauch treten kann und er mich rausziehen.
Meine Großmutter ist 99 Jahre alt geworden und hat mir in jedem ihrer Jahre seitdem immer wieder vom Koffer erzählt, in den ich sie hätte packen wollen und nach Berlin schicken und wie sehr sie enttäuscht gewesen wäre von mir an jenem Tage, wo sie doch gedacht hätte, ich hätte sie sehr lieb, wo sie mich doch aus dem Heim geholt hatte, als Papa und Mama noch nicht verheiratet waren.
Ja, das sind die jetzt auch schon lange nicht mehr, verheiratet. Ins Heim musste ich trotzdem nie zurück und Großmutter hatte ich bis zu ihrem Tod unheimlich lieb. Nicht nur wegen dem Heim, was mir als Kind in jenen Tagen gar nicht so schrecklich klang. Wollten die, die im Radio rumsangen nicht alle gerne heim? Nachdem sie erstmal auf See waren und dann hatten sie im Heim wieder diese Sehnsucht, die ich immer noch lieber als Seensucht schreiben würde.

Wie oft habe ich Großmutter wegen diesem Koffer nach Berlin noch trösten dürfen und meine Liebe zeigen und beteuern, dass ich auch nicht wüsste, was mir damals in den Kopf gefahren sei. Sie war mir wohl auch nicht wirklich böse, genoss einfach gerne meine Liebesbeteuerungen. Und war mit mir froh, dass weder sie im Koffer nach Berlin noch ich zur See gekommen bin. Nach Berlin allerdings kam ich eines Tages, weder mit dem Koffer noch mit dem Boot, mit der Bahn war es. Und es war dort durchaus schön und ich dachte, dass es ihr ja vielleicht dort gefallen hätte, in Berlin. Von dem Koffer mal abgesehen.

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Ein Missgeschick am Heiligen Abend


Es war in meinem vorletzten Jahr im Tal auf dem Weg zum Rhein zwischen den sanften Bergen an der Grenze zur Schweiz.
Ich war am Morgen des Heiligen Abends aufgestanden aus meinem Bett und wollte, schlaftrunken wie ich noch war, wohl nach dem Stubenofen sehen, dessen Bestückung mit Kohlen und Briketts aus dem Keller in mein tägliches Aufgabengebiet fiel. Jedenfalls an normalen Wochentagen, wenn Vater und Mutter fort zu ihrer Arbeit waren.
Ich öffnete also die Tür zum Wohnzimmer, war fast schon drinnen, als ich den Tannenbaum und darunter die Geschenke wahrnahm. Fast zeitgleich hörte ich meine Mutter nach mir schreien.
Das Grün des Baumes wirkte matt und stumpf im Tageslicht und war ohne das Leuchten der weißen Wachskerzen bar jeder Festlichkeit. Schnell schloss ich die Tür wieder und wendete mich in Richtung Küche. Meine Mutter stand bereits im Flur, hatte vor Zorn ein rotes Gesicht und schrie mich an.
Was ihre genauen Worte waren, weiß ich nicht mehr. Nur dass die Stimmung den ganzen Tag über verdorben war. Dass sie mir in ihrer Art wohl laut und immer wieder vorwarf, ihr die Stimmung verdorben zu haben und ich kein guter Junge sei, sondern verlogen und verschlagen und womit sie das denn verdient habe. Und dass ich mich gegen den Vorwurf zu verteidigen versuchte, absichtlich und neugierig die an diesem Tag verbotene Tür geöffnet zu haben. Ich wollte wirklich nicht schnüffeln. Es war ein Versehen, es war, weil ich noch nicht ganz wach war und daher nicht daran gedacht hatte, welcher Tag war.
Es war nicht möglich den Eltern das begreifbar zu machen und irgendwann dachte ich, dass es besser gewesen wäre, ihrer Sicht meines Missgeschicks, denn das war es für mich, nachzugeben und den Reumütigen zu spielen.
Bis zu diesem Tag, ich muss in der zweiten Klasse gewesen sein, glaubte ich noch irgendwie an den Weihnachtsmann, wollte an ihn glauben, trotz allerlei verschwörerische Hinweise seitens meiner Schulkameraden- und Freunde. Spielkameraden waren wir noch nicht, die gab es erst in späteren Zeiten. Spielten wir nicht? Damals, in unseren kurzen Lederhosen? Wahrscheinlich nicht. Wir stromerten herum, beobachteten die Erwachsenen und wir lasen, beziehungsweise betrachteten Filmplakate und Comics. Auch hingen wir wohl öfter vor Schaufenstern und wünschten uns etwas von den ausgestellten Waren. Auf jeden Fall nannten wir  uns Freunde, ohne Spiel davor.
Seit der morgendlichen Begegnung mit dem Tannenbaum geriet meine Weihnachtsmannvorstellung gefährlich ins Wanken. Waren es doch die Eltern, die das Zimmer für Heiligabend bestückten?
Auf jeden Fall kam der Abend und ich ging mit noch mehr Angst und klopfendem Herzen nach dem leisen Läuten der Glöckchen an der Hand meiner Mutter in die Stube. Mein Vater schaffte es mit seinem Frohsinn und dem von ihm angestimmten „Oh Tannenbaum“ rasch, die Laune in unserer kleiner gewordenen Familie zu heben. Es war das erste Weihnachten ohne die jüngeren Geschwister, die bereits beide bewegungslos und stumm in einem Krankenhaus lagen, und dann begann, als fast alles wieder gut schien, wie seitdem an jedem Heiligen Abend meine Mutter laut zu weinen und ließ sich nur schwer trösten vom Vater, während ich beruhigt und begeistert meine Geschenke auspackte.
Welche es in dem Jahr waren, weiß ich nicht mehr, nur meine Freude darüber, dass sie mir unter dem Tannenbaum geblieben waren und sich nicht verflüchtigt hatten wegen meines Missgeschickes, was die Mutter mir tagsüber angedroht hatte, daran kann ich mich noch heute gut erinnern. Und des Gefühls meinen Eltern gegenüber, die auf dem Sofa hockten, Mutter in Vaters Arm, weinend, von meinen Geschwistern redend, und nur schwer dazu zu bewegen, sich doch ihr Geschenk einmal an zu sehen, diese beiden, die mir nun ganz sicher die Schenkenden waren, meine Weihnachtsmänner und ich weiß noch, wie mir warm wurde bei diesem Gedanken. Das tröstete mich an dem Abend auch über die von mir so gefühlte Ungerechtigkeit der Vorwürfe hinweg.
So verlor ich zwar den Glauben an den Weihnachtsmann, gewann dafür aber den Glauben an meine so lieb schenkenden Eltern und ich begann sie kindgemäß noch mehr zu lieben.
Selbst heute noch, nach allerlei Streit und neuen „Ungerechtigkeiten“, den späteren Jahren des zornigen Schweigens und immer selteneren Begegnungen, vereint mehr in Verbitterung als in Verständnis und Liebe, lässt mich dieser Abend sie in einem milderen, versöhnlicherem Lichte erscheinen und mich in Gedanken manch Abbitte leisten.
Längst musste ich beide begraben, weit auseinander in zwei verschiedenen Städten und fern den Gräbern ihrer Kinder.

In der Erinnerung dieses Abends aber sind wir auf immer vereint, weinend meine Mutter, tröstend mein Vater, erleichtert ich und in Dankbarkeit ihnen zugewandt.

Freitag, 1. November 2013

Strafen


sein Vater
hatte ihn nur einmal geschlagen
danach bekam er Mumms
zwei Schneiderbücher
„Burg Schreckenstein“
und jede Menge Süßigkeiten

seine Mutter tat ihm mehr weh
sie drohte stets
mit Liebesentzug

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Kinderzimmer schwarzer Himmel



in der Adenauerzeit
auf dem Weg
zur Dachkammer
am Plumpsklo vorbei
eine Treppe dreimal hoch
für meine Träume
ein eisernes Bettgestell
mit Schrauben
schenkten Ruhe beim Lutschen
herrlich kühl im Geschmack
das klappbare Fenster
zu hoch
die Nacht zu dunkel
der Morgen viel zu weit
Vater und Mutter schlafen
irgendwo vielleicht

wer da laut schreit
hat noch nie unter nacktem Dach
geweint
Tapetenkleister gekratzt
sich selbst
warm geschaukelt
in den Geräuschen der Finsternis

jeden Abend
diese Treppe
in den Armen des Vaters
vergebliches Hoffen
auf ein anderes Nest
so wie es die Vögel haben
in den mächtigen Kronen
der Kastanien im Hof
aber
nie ein Wort
keine Klage
Kinder
machen es den Eltern
tagsüber schon schwer genug

© bild engelbert laue + text jörn laue-weltring lingen 2013

Samstag, 12. Oktober 2013

In Lörrach Fasenacht



Lörrach, Heuss ein Bundespräsident
später Hitzfeld ein Fußballtrainer
dazwischen kurz hinter Heuss
per 3. Klasse Waggon der Bundesbahn eingetrudelt ich
mit fünf Jahren
mit neun Jahren wieder ausgeflogen per Autobahn

hing noch
die siebenschwänzige Peitsche griffbereit
am Eingang nicht zu übersehen
aus den Betten tagsüber
sich übel riechend verflüchtigte die Angst der Nacht

liefen wir uns
zusammen die Wege frei
zog erst ich fort
dann sie
Hans-Peter und Heinz

auf jeden Namen gehorcht
für mehr nicht vorbereitet
als buchstabengetreu
die Straßenseiten zu wechseln

sprachen wir mit rollendem Rrrr
auch des nachts

der Väter Schnappschüsse in Agfa Color
zeigen mir heute die Berghänge und Wiesen
die alemannische Fasenacht
wie sie durch unsere Straßen kroch
unsere Verkleidungen

auch aufgehoben unsere Namen
ein Comicheft, ein Magnet, Cowboyfiguren
Indianer, Ritter
alles in Schubladen

und etwas ist geblieben
das können wir noch immer
fühlen im Genick und
an unseren Händen riechen

© bild engelbert laue + text jörn laue-weltring lingen 2013

Kindheit wie wir darin gewohnt






















im Tal
am Fluss
haben wir uns getroffen
uns an zu sehen
den Pillermann und die Schnecke

Autoreifen angezündet
in den Schrebergärten oft fündig geworden
vieles erstöbert manches geklaut
in das Wasser gepinkelt
im Blick die Berge
gewellt auf dahin eilendem Strom

Kindheit eben
lauter Huckleberry Finns und Pippi Langstrumpfs
wenn wir sie denn
schon gekannt hätten

so aber Wild Bill Hickok
und Heidi von der Spyri
auf der Suche nach Lassie und Fury
am Fuß der blauen Berge war unser Lied

haben wir lärmend
den Tagen die Zähne einzeln gezogen
jedes Abendbrot danach
eine Henkersmahlzeit für unsere Träume

Kindheit
wie wir darin gewohnt

Montag, 7. Oktober 2013

Drachenflug



was meiner Kindheit
der Drachen
Flug
später vergebens
über den Wolken
gesucht
lasse ich
die Drachen
wieder steigen
heute
mit kräftigen
Armen
an langer
Leine


Samstag, 5. Oktober 2013

Retter der Dachböden



Seit ein paar Wochen steht er nun schon jeden Tag auf dem Kirchplatz, wenn wir aus dem Gottesdienst heraus kommen. Er steht da mit seinem hochgereckten und selbst bemalten Pappschild. Sieht uns ernst und stumm an. Sagt nie ein Wort, auch wenn, was selten vorkommt, ihn einer darauf anspricht. Steht da, sieht uns in die Augen, hat selber klare blaue Augen und einen starken Blick, den man kaum aushalten kann und so sehen wir meistens nicht mit, wenden den Blick ab, fühlen unsere ganze Schwäche in diesem Augenblick. Sind doch nur Augen und ein Pappschild mit den Worten: „Rettet die Dachböden!“
Als Pastor der Gemeinde musste ich ihn ansprechen. Natürlich bedrängten mich Mitglieder aus dem Kirchenvorstand, etwas zu tun. Politische Propaganda habe vor der Kirche nichts zu suchen, sei doch verboten und wir, die Gemeinde, hätten hier schließlich Hausrecht, eigentlich sei das doch Hausfriedensbruch und so weiter.
Sie wissen ja, wie wenig christlich gerade engagierte ehrenamtliche Christen bisweilen sind.
Wir Pastoren haben auch nicht mehr die Zeit wie früher, uns um alles zu kümmern. Drei Gemeinden habe ich zurzeit zu betreuen. Es fehlt das Geld. Das Land ist zwar reich geworden in den Jahrzehnten nach dem letzten großen Krieg aber ärmer an gläubigen Christen und Kirchensteuern.
Diese Gemeinde hier lag mir besonders am Herzen. In den Straßen und Häusern des Viertels bin ich geboren worden und herangewachsen, bis ich wegen des Studiums in eine andere Stadt ziehen musste.
Es ist ein gutes Stadtviertel. Alle Häuser sehen frisch und renoviert aus. Die kleinen Vorgärten der ehemaligen Arbeiter- und Bürgerhäuser funkeln im Frühling von der Blumenpracht und glänzen im Herbst von den Blättern der Ziersträucher und Bäume.
Der Wohlstand hat uns Ruhe und täglichen Frieden hereingebracht. Wer hier wohnt, hat sein Auskommen, seine zum Gymnasium und Studium strebenden Kinder, verfügt in der Freizeit über einen gut ausgeklügelten Menüplan für allerlei Aktivitäten wie Theaterbesuch, Joggen, Fitnessgeräte im Center an der Hauptstraße und Restaurants mit Speisekarten aus allen Himmelsrichtungen dieses Planeten.
Aber natürlich gibt es auch hier mal Not oder Wirrnis, Menschen, die durch das Raster fallen. Für die haben wir eine Teestube mit „Tafel“ eingerichtet, für die Supermärkte, Bäcker und Schlachter ihre abgelaufene oder am Tag nicht frisch verkaufte Waren spenden und natürlich haben wir auch eine Kleiderkammer zu der auch ein kleines Möbelkaufhaus gehört, auch alles mit Waren aus Spenden. Das macht nicht nur sehr viel Arbeit, sondern auch viel Freude, auf jeden Fall ist der ganze Kirchenvorstand damit gut beschäftigt. Besonders stolz sind wir auch auf unsere kleine Hospiz-Gruppe, die Sterbende und ihre Angehörigen betreut, schließlich müssen wir alle trotz unseres Glückes hier ja einmal vor das Angesicht des Herrn treten. Und wem die Religion fehlt, dem fällt das nicht gerade leicht.
Was also, bitte, kann da ein Typ groß stören mit einem Pappschild?
Und worüber soll ich mit ihm reden? Über Dachböden?
Neulich noch musste ich eine verwirrte Frau in die Psychiatrie bringen. Mitten im Gottesdienst war die aufgesprungen und hatte geschrien: „Ihr seid alle Mörder, Mörder, Mörder!“
Sie war nicht zu beruhigen und so brachten zwei Männer des Kirchenvorstandes sie zu mir in die Pfarrwohnung, wo meine Haushälterin sich um sie kümmerte.
Nach dem Gottesdienst fand ich die beiden in der Küche, die Frau kräftig am weinen und meine Haushälterin mehr als ratlos daneben.
„Reden Sie doch mal mit ihr. Ich schaffe es nicht, sie zu beruhigen.“
Ich nickte, ließ sie weiter an unserem Mittagsessen werkeln und setzte mich zu der Frau. Als ich ihre Hand nehmen wollte, zog sie die schnell und heftig zurück, schüttelte den Kopf.
„Nicht! Sie haben ja keine Ahnung. Sie sind blind, wissen Sie! Blind! Taub! Das sind sie, sonst würden Sie bei all den Mördern hier nicht so fröhlich grinsen.“
Ich dachte nicht, dass ich grinste, meinte eher begütigend zu lächeln. Aber wahrscheinlich hatte die Frau unter ihren Tränen mich gar nicht richtig gesehen.
Sie ließ mich nichts fragen. Sprach redete, schrie, bis wir sie unterstützt von Rettungssanitätern aus der Wohnung in den Krankenwagen bringen konnten.
Was sie redete? Nun, dass alle Völker im Wohlstand zu Mördern würden, sich selbst und ihren Kindern das Leben und die Zeit töten würden mit Fernsehen, Drogen, Alkohol, Computerspielen und blödsinnigen Massen-Events in riesigen Sportarenen, ansonsten aber durch Hektik, Druck und Erpressung gute Arbeit töten, jede Regung von Mitmenschlichkeit und sinnvoller Beschäftigung. Das ging bei ihr alles ineinander, übereinander, durcheinander. Von den Begriffen her, die sie gebrauchte, musste sie sehr gut gebildet und auf dem Laufenden gewesen sein. So kam es mir jedenfalls vor. Aber total durch geknallt, wenn ich als Pastor das auch nicht so nennen sollte. Natürlich kam auch die Umweltverschmutzung dran, die ausgerotteten Tiere, die Erderwärmung mit den schmelzenden Gletschern und dem steigenden Meerwasser. Nicht zu vergessen die hungernden Menschen überall auf den Kontinenten, denen die Lebensgrundlagen ermordet worden wären. Ja sie nannte alles Mord, morden, Mörder. Solche Leute gibt es halt. Denen kann auch die Bibel und ein Pastor nicht mehr helfen. Aber wir haben eine gute Psychiatrie am Stadtrand, in einer ehemaligen Kaufmannsvilla, mit sehr gutem Ruf auch in der Umgebung. Da brachte ich sie hin mit dem Rettungswagen, wartete noch bis die Spritze der Sanitäter ihre Wirkung tat und verabschiedete mich von ihr. Ich wusste sie von da in guten Händen.
Und nun dieser Mann mit dem Schild. Ein älterer Herr eher, vielleicht 60 oder 70, auf jeden Fall grau- und langhaarig, gekleidet in Jeansjacke und Jeanshose wie wohl schon zu seinen Jugendzeiten. Fehlte nur die Gitarre auf dem Rücken.
„Ich soll mit Ihnen reden.“
Der Mann sah mich, so zumindest mein Eindruck, neugierig an.
Und sprach, sehr zu meinem Erstaunen, sofort.
„Warum? Wer sagt Ihnen das?“
„Der Kirchenvorstand!“
„Nicht Ihr Herr, der Gott da oben? Ich dachte, dessen befehle müssten Sie nur befolgen?“
Man wird verstehen, dass ich keine rechte Lust auf so eine plumpe Gottesdiskussion hatte.
„Wegen Ihrem Schild. Was meinen Sie damit überhaupt?“
„Haben Sie ausnahmsweise ein wenig Zeit. Dann erkläre ich es Ihnen. Aber nicht hier. Mir ist kalt und ich kann nicht mehr lange stehen.“
Ich ging auf seine Selbsteinladung gerne ein, denn es war wirklich schon kühl in der Jahreszeit und so gingen wir zusammen zum Pfarrhaus. Er schwieg wieder und so hielt ich auch meinen Mund.
Er war mit einem Kaffee einverstanden, lehnte aber Kekse oder etwas anderes dazu ab.
Meine Haushälterin schüttelte leicht und missbilligend den Kopf als wir eintraten und verzog sich.
Er schwieg erstmal weiter, trank einen Schluck Kaffee und sah mich mit seinen Augen an. Interessante Augen, die hatte er wirklich. Er wirkte weder bedrückt noch hysterisch wie die Mörder-Frau neulich, eher klar und mit sich selbst im Reinen.
Wie immer es auch geschah, ich wurde plötzlich und ziemlich unsicher in seiner Gegenwart. Fühlte mich unbehaglich. Bekam auch so etwas wie ein schlechtes Gewissen, ohne zu wissen warum.
Als er endlich zu sprechen anfing, war ich erleichtert.
„Haben Sie die Dachböden der Häuser hier mal gesehen. Jetzt, meine ich. Was sie aus denen gemacht haben? Nein? Ich sage es ihnen: Kinderfallen. Da hocken ihre Kinder jetzt bis spät in der Nacht an ihren Computern und nichts dort, gar nichts erinnert noch an die alten Dachböden, an diese Märchenräume, Räuberhöhlen und Fundorte, die sie einst waren.“
Berufsmäßig gut durchtrainiert nickte ich zu seinen Worten, schlürfte Schlückchen nach Schlückchen den Kaffee und hörte einfach nur zu.
„Von den verschwundenen Trümmergrundstücken will ich ja gar nicht reden. Unsere Abenteuerinseln und Entdeckungsräume. Ja, wir hatten dort eine gute Kindheit. Die Kinder heute können noch von Vorgarten zu Vorgarten hüpfen. Aber was gibt es da schon zu entdecken? Oder den Gärten dahinter? Erfüllte Konsumwünsche, ja die haben sie dort. Trampolin, Basketballkorb, kleine Fußballtore, eigenen Sandkästen um dort ihre Langeweile zu verbuddeln. Aber nichts mehr zu entdecken, keine echte Herausforderung und schon gar nichts für Träume und Phantasien. „
Er hatte seinen Kaffee ausgetrunken und ich schenkte ihm nach. Ich fragte mich woher diese Wohlstandskritik kommen mochte in diesen Tagen, diese Nostalgie, als wenn früher alles besser gewesen wäre. Ja, die Trümmergrundstücke hatte ich auch noch erlebt. Die letzten Paar. Aber wir waren dorthin geflüchtet, hatten ja keine eigenen Kinderzimmer in denen wir uns aufhalten konnten, nur Schlafstuben. Heute mussten Kinder nicht nach draußen flüchten, hatten ihr eigenes reich. Was sollte daran verkehrt sein. Zuviel Computer ja! Auch das die ihren eigenen Fernseher dort hatten und nicht mal mehr gemeinsam mit den Eltern fern sahen, ja! Das ist nicht gut. Aber eine Tragödie?
Die Kinder entwickelten sich doch gut hier, kamen fast alle auf die Uni, wurden Ärzte, Lehrer, Ingenieure. Was also sollte schlecht gelaufen sein mit denen?
Als hätte er meine Gedanken erraten, fuhr er fort:
„Auf der Strecke bleibt das Soziale, die Phantasie, der Mut zur Kreativität, zu außergewöhnlichen Lösungen, verstehen sie, und eine Kindheitswelt, eine echte Kinderwelt, nicht das was sie jetzt haben, in dem sie wie kleine Erwachsene handeln, als Babys schon Knöpfe drücken und auf Computern sich bewegen, statt auf der Erde. Wissen Sie noch, was Sie auf den Dachböden erlebt haben, mit wem sie dort waren und wie oft?“
Ich schüttelte den Kopf. Wollte mich gar nicht daran erinnern, an den Staub, den Geruch und die Unordnung dort. Ich war immer froh gewesen, nicht dort hinauf zu müssen.
„Ich jedenfalls kann es und weiß noch, was ich dem Dachboden meiner Großeltern zu verdanken habe. Dort habe ich meine ersten Reisen mit Sigesmund Rüstig in die Südsee angetreten, ein altes, leicht riechendes Buch, wie alle die ich dort damals fand in den Kisten. Mit dem tapferen Nettelbeck habe ich königsberg verteidigt und geheult beim „Kampf um Rom“. Ich bin mit den Vifelanten gegen Viehdiebe geritten und habe in den Mädchenbüchern meiner Mutter das „Rosenresli“ bezaubern gefunden und hätte sie und ihre Mutter gerne aus ihrer Armut befreit. Ja, es waren nicht alles sogenannte gute Bücher, manche stammten aus der Nazizeit und waren deshalb dort oben gelandet. Es waren weder Goerthe, noch Schiller, noch Heine dabei und auch nicht die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Aber Bücher waren es trotzdem, mit Weiten und Bildern, wie ich sie bis dahin nicht erlebt hatte. Und dank ihnen bin ich zum Lesen gekommen, zu meiner Phantasie vorgestoßen und habe mich zu träumen getraut, ganz andere und wilde Geschichten als vorher. Nicht nur das, der Dachboden war mein erstes Jagdrevier, meine Schatzinsel, das erste reich, dass ich mir selbst erobern konnte. Und später haben wir Freunde dort gehockt, gequatscht, geträumt, uns Höhlen gebaut dort, wenn der Sommer vorbei war und das Schmuddelwetter uns in die Häuser sperrte.“
Er machte eine Pause und ich sah ihn weiter ruhig an. Irgendetwas kam mir in die Erinnerung, noch sehr verschwommen aber doch in der Art, wie er sie hier vor mir ausbreitete. Es war der Keller. Dort hatte ich meines Vaters Krimis in Kartons gefunden und sogar Comics hatte er dort gelagert. War ihm sichtlich peinlich gewesen, als ich eines Tages damit nach oben kam. Ich habe sie nicht im Keller und auch nicht auf dem Boden gelesen sondern auf dem Klo. Denn da war ich am ungestörtesten Dran in meiner Kindheit. Und ich hatte seine Bibel gefunden und die nahm ich sogar mit unter das Bett, um sie abends beim Licht einer Taschenlampe durch zu lesen. Sie kam mir vor wie ein einziger großer Abenteuerroman mit vielen tollen aber auch zum Teil verrückten gestalten. Als ich seine Karl May-Bücher fand musste ich immer wieder an die Geschichten in der Bibel denken, weil ich dessen Geschichten als sehr ähnlich empfand. Vielleicht bin ich so zum Pastor geworden und der Bibel als regelmäßige Lektüre treu geworden und geblieben bis zum heutigen Tag.
Ich erzählte ihm davon und meinen Bruchstücken an Erinnerung, die er in mir ausgelöst hatte.
Das erfreute ihn sichtlich.
„Ja, genau das meine ich. Ob Dachboden, Keller, Kabuff, ist doch egal. Heute fehlen diese versteckten schätze, alles weg auf dem Sperrmüll oder den Flohmärkten verscherbelt. Ja und die Keller sind Partykeller geworden oder Hobbyraum. Wie sollen unsere Kinder so Reisen entdecken und sich selber?“
„Das machen sie heute am Computer.“
„Aber wie denn, ohne Geruch, ohne Kratzer, ohne das Holz spüren, die Spinnenfäden, ohne das schummrige Licht mit den Augen zu durchsuchen. Geht doch alles am Computer nicht. Der mag ihren Grips herausfordern, aber mehr geht da nicht. Bestimmt nicht. Es fehlt alles was das Leben ausmacht, riechen, hören, schmecken ohne dass wir es einstellen, einfach so, ohne unser Zutun, das Leben wie es uns umgibt, fordert, streichelt und auch zwickt. Unvorhergesehen, einfach so. Erleben! Wissen Sie! Erleben! Das fehlt ihnen. Und darum stehe ich mit dem Schild da. Darum versuche ich die letzten Dachböden für sie zu retten. Darum sitze ich hier mit Ihnen. Wir brauchen wieder echte Erlebniswelten und nicht pädagogisch verdröselten Naturerlebnispfade oder sogenannte Abenteuerspielplätze, die die Kinder in 5 Minuten durchschaut haben, um sich dann zu entscheiden, was ihre Bedürfnisbefriedigung noch am ehesten erreicht.“
Zu meiner eigenen Überraschung bot ich ihm an, mit mir auf den Dachboden des Pfarrheims zu kommen, auf dem ich bestimmt Jahre nicht mehr war.
Wir verbrachten zwei Stunden dort zusammen, durchstöberten Kisten, fanden tatsächlich alte Bücher, die die Gemeindebücherei wohl aussortiert hatte und allerlei Krimskrams.
Zum Schluss bat ich ihn seine Gedanken für das Gemeindeblättchen zu formulieren. Bereits nach einer Woche hatte ich seinen Text. Es gab tatsächlich eine heftige Debatte im Kirchenvorstand über diesen „Schwachsinn“, wie einige erbost meinten, und ich bin seitdem mit dem Mann befreundet, überhaupt habe ich angefangen mich für andere Dinge zu interessieren und zusammen haben wir manchen Dachboden durchstöbert und vor dem Umbau gerettet. Als nächstes planen wir ein Museum für Dachböden. Die ersten Spenden haben wir schon.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Die Mürrische




Es war zu der Zeit, als die letzten Bauern ihre Ackergäule gegen Traktoren tauschten und im Dorf die Witwen und Witwer an ihren dunklen Gewändern leicht erkennbar waren. Allerdings gab es mehr Witwen als Witwer. „Der Krieg“, sagten die Leute noch, „der Krieg ist schuld.“
Samstag war noch Waschtag und „Vati“ gehörte an dem Tag noch nicht uns, wie es auf den Plakaten der Gewerkschaften stand, sondern dem Betrieb und wir Kinder in die Schule. Klosettspülungen gab es für die in der Stadt und von da kam auch das Fremdwort „Urlaub“ in unsere Dörfer.
Damals lebte noch die Mürrische am Dorfende, in dem kleinen Häusleranwesen neben dem ehemaligen Großbauern Tünken. Der hatte keinen Sohn aus dem Krieg zurückbekommen, nur er selber hatte „hinter der Front“ überlebt. Die Uppschulte, wie sie richtig hieß, und ihr Mann, Uppschultes Adolf, mussten nicht mehr für Tünken Dienste leisten, nannten ihr Haus ihr eigen und zogen darin 7 Kinder auf, hatten drei auf dem Friedhof liegen und malochten von früh am Morgen bis spät in die Nacht. Uppschultes Adolf hatte sein Auskommen an der Bahn gefunden, als Rangierer, die nahmen damals auch die Bauernsöhne ohne Ausbildung. Die Frauen blieben bei uns noch zu Hause und versorgten das Vieh.
Nun hatten es alle im Dorf noch schwer in jenen Tagen, was man Händen und Gestalten jederzeit ansah und in ihren Stimmen hören konnte. Wir Kinder trugen die Kleider der Geschwister auf und hatten Festtage, wenn für uns etwas Neues daraus geschneidert wurde. Meine Mutter war die Schneiderin im Dorf und mein Vater hatte die erste Tankstellenkonzession in der Gegend erhalten. Selbstverständlich hielten wir trotzdem weiter unsere Schweine und Kühe im Stall und draußen auf dem Hof gackerten die Hühner und schnatterten die Gänse. Luftballons bekamen wir an den Schlachttagen im Herbst, das waren Schweinsblasen, die uns der Schlachter gerne überließ.
Trotzdem, es war eine gute Zeit, der Krieg endlich vorbei und die scheußlichen Naziklamotten vergammelten bereits auf den Dachböden. Wir lachten viel, vor allem wir Kinder, genossen den Frieden und was auf die Teller kam. Die große Hungerzeit war vorbei und wir alle waren es mehr als zufrieden.
War die Arbeit auch schwer und viel, das Sitzen auf den Schulbänken hart und der Lehrer streng, es gab genug Freiheiten und wir fühlten uns stark genug für alle Zeiten.
Höhepunkte waren in unserem Leben die Namenstage, üblicher als die Geburtstage in unserer streng katholischen Gegend. Dazu kamen Weihnachten, Ostern und zweimal im Jahr Kirmes, einmal mit Schützenfest.
An sonnigen Tagen, wenn auf den Feldern und Äckern nichts für uns zu tun war, strolchten wir die Dorfstraße rauf und runter, runter und rauf. Wir Kinder mussten nur aufpassen, den Erwachsenen nicht im Wege zu stehen bei deren Arbeit.
Und dabei fiel sie uns auf: die Mürrische. Wir wussten, dass auch unsere Eltern sie so nannten, wenn auch nicht vor uns. Wir sollten noch nicht alles wissen und getreu der Bibel alle Eltern achten, ehren und lieben.
Trotzdem hieß sie für alle nur die Mürrische, nie Fehrens Maria, wie sie vor ihrer Hochzeit wirklich hieß und wie alle Frauen bei uns nach ihren Eltern genannt wurden. Die Mürrische war keine Witwe, ihr Adolf lebte und schuftete ja noch sichtbar auf seinem Hof und an der Bahnstrecke, wo wir ihn manchmal sehen konnten in seiner dunklen Montur. Trotzdem hatte die Mürrische nur dunkle Klamotten an, hatte diese angezogen nach dem Tode ihrer Eltern und nie wieder ausgezogen. Sogar unser Pastor soll ihr einmal gesagt haben: „Liebe Frau Uppschulte, Ihre Elternliebe geht zu weit. Und denken Sie denn gar nicht an Ihren Mann? Der Herrgott gibt uns Grund zum Trauern, ja, aber er gibt uns auch Grund zur Freude. Also, versündigen Sie sich nicht weiter am Herrn.“
Das soll der Mürrischen aber ziemlich egal gewesen sein, blieb auch ein paar Wochen danach am Sonntag zu Hause und ließ ihren Adolf alleine zum Sonntagsgottesdienst gehen.
Nun war es nicht so, dass wir anderen im Dorf dauernd lächelnd oder gar fröhlich durch das Dorf liefen. Eher im Gegenteil. Man guckte meist gleichgültig „aus der Wäsche“, lächelte aber bei Begrüßungen oder wenn man jemanden ansah. Nicht über das ganze Gesicht, eher flüchtig. Aber das reichte ja auch. Wir sahen es. Wir wussten es. Es war unsere Form von Nettigkeit und die Art, wie wir Gefühle zeigten. Die Alten natürlich weitaus mehr als wir Kinder, die wir unsere Gesichter noch nicht so unter Kontrolle hatten, was besonders beim Lügen ärgerlich war.
Die Mürrische aber war anders, mehr verschlossen, mehr mürrisch, abweisend, bisweilen finster blickend, egal ob sie jemanden sah, ob fremd oder bekannt und verwandt.
Wir Kinder haben sie nie lachen gesehen und die Alten im Dorf behaupteten, sie ebenfalls nicht. Schon da nicht, als die Eltern von der Mürrischen noch am Leben gewesen wären.
Andererseits haben wir sie nie schimpfen gehört oder keifen, wie wir sagten. Die Mürrische machte einfach nur jeden Tag ein Gesicht, als wäre ihnen ein Ferkel verreckt oder der Hagel in die Getreideernte geschlagen. Und das immer und überall, auch auf der Kirmes und dem Schützenfest. Es gibt sogar ein Foto von ihr, da war ihr Adolf Schützenkönig geworden und sie steht neben dem freundlich lächelnden Adolf, hat ihre Mundwinkel herunter gezogen, die Augen zusammen gekniffen und steht, als hätte ihr der Adolf den Besen hinten als Stütze fest getackert.
Ansonsten war nichts Böses über sie zu sagen und auch ihre Kinder beklagten sich nie über ihre Mutter. Wahrscheinlich fiel es ihnen auch nicht auf, weil sie die Mutter ja nie anders kennen gelernt hatten.
Eines Tages aber waren sie und der Adolf sehr traurig. Die Mürrische war von einem Idioten aus der Stadt mit dem Auto überfahren worden, als sie gerade mit ihrem Fahrrad vom Feldweg in die Landstraße einbiegen wollte. Sie starb wohl noch dort, vor dem Auto auf den Schottersteinen.
Zur Beerdigung kam natürlich das ganze Dorf und der Pastor wusste viel Gutes über sie zu sagen. Jetzt war sie plötzlich doch die Fehrens Maria und keiner von uns wird wohl vergessen wie Uppschultes Adolf weinte und weinte, während des Trauergottesdienstes und den ganzen Weg hinter dem Sarg zur Grabstelle auf dem Waldfriedhof, dort weiter schluchzte und zuckte, bis ihm die Knie nachgaben und er nur deshalb nicht zu ihr in das Grab fiel, weil seine Brüder ihn sofort festhielten und stützten.
Das geschah zu der Zeit, da wir Kinder am Tisch uns schon trauen konnten etwas zu fragen und darum fragte ich meinen Vater, warum Uppschultes Adolf denn so fürchterlich geweint habe, obwohl die Frau doch so entsetzlich mürrisch gewesen sei und hässlich obendrein, denn das war sie, zumindest in unseren Kinderaugen, auch noch gewesen: dürr, knochig, mit großer Nase und Buckel.
Vater antwortete nicht gleich, sah uns nur traurig lächelnd an, versprach dann, am Abend zu antworten, sah dabei die Mutter an, als brauche er dafür ihre Genehmigung und die nickte.
Am Abend trafen wir uns in der Küche, diesmal nicht um 66 zu spielen sondern mehr zu erfahren über die Mürrische. Was aber der Vater dann erzählte, war etwas ganz anderes, als wir erwartet hatten. Dachten wir doch, ein schlimmes Erlebnis habe die Frau so geschaffen, oder der Adolf hätte ihr vielleicht viel Kummer bereitet so wie Klassens Bernd Trackens Johanna mit seiner Sauferei.
Der Vater wusste von einem Gespräch zu berichten mit dem Adolf am Abend genau des Schützenfestes, an dem Adolf Schützenkönig geworden war. Die Männer hätten wie immer viel getrunken und im Suff plötzlich über die Mürrische geredet und Adolf deswegen aufgezogen bis der Adolf zugeschlagen habe und es zu einer der üblichen Kloppereien gekommen war, wie es bei den Schützenfesten auf allen unseren Dörfern immer wieder vorkam.
Vater hatte Adolf danach zu dem nach Hause gebracht, wo die Mürrische schon geschlafen hätte. Und da hätten sie noch ein wenig in der Küche gesessen und zwei oder drei Gläser Schnaps getrunken und geredet. "Na, wenn das nich'n paar mehr wesen!" warf Mutter grinsend ein.
Wir horchten still und gespannt, kannten es nicht anders, als das die Geschichten weit vorher begannen und das, um das es eigentlich ging, erst ganz spät am Ende kam und das das so war, damit jeder genau alles vor sich sah, jeden Nachbarn, jedes Gehöft und die Zeiger der Zeit in den großen Pendeluhren der Wohnstuben.
Vater nannte selbstverständlich alle Beteiligten der Klopperei und auch die, die nur rumstanden und Mutter ergänzte ihn. Dabei durften verwandtschaftliche Hinweise und Nebengeschichten nicht fehlen, wie die vom Schützenfestaugust, der immer besonders auffiel, aber nur bei den Festen und dort gerne den Kasper und Hanswurst gab oder von unserer Tante Elfriede, „die ja von da wohl ihren Bengel hat, von hinterm Schützenfestzelt, Hinzackers Friedhelm war da wohl bei der dran“.
Uns Kindern war es so recht, hatten wir außerdem doch die Hoffnung so etwas länger aufbleiben zu können, denn vor dem Ende einer Geschichte wurden wir nie ins Bett geschickt.
Vater und Adolf hatte also in der Küche zusammen gehockt, vor ihnen das damals unvermeidliche Fliegengebammel, dass nur zu Festtagen ausgewechselt wurde oder wenn wirklich keine Fliege mehr daran festkleben und verrecken konnte. Sie hatten die Holzläden geschlossen, denn unser Schützenfest fand immer an feuchtkalten Herbsttagen statt, an denen aber noch keiner den Ofen mit den teuren Briketts fütterte. Und da hat der Adolf dem Vater erzählt. Stockend, schluchzend und sich erinnernd.
„Die Maria, ich weiß, ihr nennt sie die Mürrische, alle tun das, und sie weiß das, die Maria. Sie ist nicht so. Es ist halt ihr Gesicht, aber, und das kannste mir glauben, wenn die Maria mal lacht oder sich freut, wenn wir uns mal drücken und so, da hat sie ein Gesicht, Du, das hat keine andere Frau. Wirklich nicht, wenn ihre Augen strahlen geht der Himmel auf, wirklich, und es wird einem warm ums Herz, die Brust, Du weißt schon, und das hat die Maria nur für uns, für mich und die Kinder, denn sie liebt uns. Die Maria hat ein Herz, sag ich Dir, das ist wirklich aus Gold. Für sie ist keine Arbeit zu viel, wenn es nur man für uns ist. Um jeden sorgt und kümmert sie sich. Und wenn sie dann mal fröhlich ist, lächelt, dann ist immer alles gut hier und mögen auch Tage und Wochen, ja Monate bis zum nächsten Mal vergehen, dann ist das egal, weil es ja kommen wird, wiederkommen, ihr Strahlen, ihr leises Lachen, ihre Fröhlichkeit, denn die kommt bei ihr, weißt Du, wirklich von hier, ganz tief aus ihrem Herzen. Nein, sie ist keine Mürrische, guckt halt wie sie guckt, ohne böse Gedanken, ist halt schwer unser Leben, diese ganze Plackerei, da kannste nicht den ganzen Tag lächeln und Leute anstrahlen. Das kannste nicht, sie schon gar nicht. Bei ihr ist immer alles echt. Es gab bisher nie ein böses Wort zwischen uns. Nie. Und ich liebe sie so!“ Und dann hatte der geweint und Vater mit seinen Händen um das Schnapsglas daneben gesessen und ihn heulen lassen. Schließlich habe er dem Adolf die Hand auf die Schulter geklopft und sich davon gemacht in den Regen, der in der Nacht besonders heftig gewesen sei. Und der Adolf habe eine Weile einen Bogen um den Vater gemacht, weil dem das wohl dann arg peinlich gewesen wäre, die Nacht, seine vielen Worte und das Geheule danach.
Tja, da schämten wir Kinder uns plötzlich ein bisschen, denn uns war klar, dass der Adolf geweint hatte, weil wir zu seiner Maria alle nur die Mürrische sagten und er sie doch so sehr lieb hatte.
Unsere Mutter hat unseren Vater danach lange ernst angesehen und dann gesagt: „Ich hoffe, dass Du Schietkerl über mich auch mal so nette Worte verlierst. Muss ja nicht jetzt sein. Aber wenigstens vor meinem Sarg.“
Vater war verlegen und wir haben zusammen mit Mutter über ihn gelacht. Jedenfalls, so war das mit der Mürrischen in unserem Dorf damals.
Ich suche noch heute in den Augen meiner Frau, denn natürlich bin ich längst verheiratet und Silberhochzeit war auch schon, nach diesem Lächeln, dieser Fröhlichkeit die der Adolf bei seiner Maria erlebt hatte, die den Himmel bringt und das Herz ganz warm macht. Und wenn es dann geschieht, verstehe ich ihn und habe das Gefühl zu schweben. Als ich meiner Frau das mal erzählt habe, schüttelte die nur den Kopf und meinte: „Was bist Du‘n für‘n Döskopp!“ Aber das meinte sie nicht so, wie die Mürrische damals ihren Gesichtsausdruck ja auch nicht so gemeint hat.
Der älteste Uppschulte, der Heinz, der jetzt mit der Fehrens Gritta, der hat später auch noch mal ne Klopperei angefangen, als mal wieder das Wort "die Mürrische" fiel, aber danach hat sie nie wieder jemand im Dorf so öffentlich genannt und der Adolf ruht ja auch schon lang neben ihr auf dem Waldfriedhof.