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Donnerstag, 6. Februar 2014

Kneipenabend mit Handycap



Eine altehrwürdige Kneipe in einer lang schon bekannten Stadt. Mitten in einem ihrer Wohnviertel gediegenerer Tage.
5 Männer, 2 Frauen an drei Tischen. Ein Wirt, der seine Gläser putzt und putzt. Die Gäste schweigen bis sie gehen. Der Wirt kommt schweigend, kassiert nach Deckeln, räumt die Gläser fort. Zieht sich schweigend ebenfalls seine Jacke an.
Sie verlassen alle zusammen die Gaststätte, ihre neuesten Smart-Phones mit SMS-Flatrate immer noch in der Hand.
Die Nacht versteckt ihre Sterne hinter dicken Wolken. Der Mond, im halbvollen Zustand, scheint matt zu grinsen.
Wäre nicht plötzlich in der Ferne ein Krankenwagen zu hören, bliebe es eine Geisterstadt. Geister, die sie riefen und nicht loswurden. Nicht diese Nacht.


(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Mittwoch, 5. Februar 2014

Vom Glauben der Anderen


Die Nacht, die uns draußen nach der Lesung entgegenschlug, war eiskalt und so funkelte uns die verlassene zeittypische Fußgängerzone an, als hätte sie einen Belag, gewebt aus millionen kleinster Diamanten oder Eiskristalle.
Mein Begleiter und Gastgeber, ein Buchhändler meines Alters, wie ich in dem Jahrzehnt, in dem die spannende Frage war, ob man das 7te Jahrzehnt noch lebend erreicht, lud mich zu einem Bier ein.
„Nach solchen Veranstaltungen habe ich immer so einen trockenen Hals“, meinte er.
Es gab keinen Grund für mich, nicht einzuwilligen, da ich noch nicht erschöpft genug war, die kleine Pension, die man mir gebucht hatte, zum Schlafen zu nutzen und trotzdem schon zu müde für andere Sachen, wie zum Beispiel Schreiben oder in dem kleinen, silbergrauen Fernseher, auf den Übernachtungsanbieter in ganz Europa wohl Rabatt bekamen, nach einem genießbaren Beitrag zu suchen.
Also antwortete ich ihm mit „Ja, gerne.“
Wir landeten nicht weit entfernt, also angenehm schnell raus aus dieser doch arg lästigen Kälte, in einer Kneipe, die den Namen tatsächlich noch verdient hatte. Dunkel, Luft stickig obwohl auch hier wie neuerdings im ganzen Land nicht mehr geraucht werden durfte. Licht entsprechend trüb, wie von früher und meinen allerersten Kneipen gewohnt. Fast nur Männer. Breite Rücken, dicke Jacken und Pullover, alle in dunklen Farben. Hier war „Jack Wolfskin“ noch nicht ausgebrochen.
Es roch nach Bier und Schweiß und altem, übriggebliebenen Rauch. Wir fanden Platz am Ende der gewaltigen Eichentheke, die ihre Jahrzehnte durch matte Kratzer und speckigem Glanz uns gerne entgegen prahlte.
Ich sagte spontan, dass ich nicht damit gerechnet hätte in einer deutschen Innenstadt noch so ein Prachtexemplar von Originalkneipe erleben zu dürfen.
Er nickte und meinte nur, „ist für mich auch ein Wunder.“
Kaum stand ein dunkles, vor Ort gebrautes Bier vor uns, kam dann eine der Fragen, die wohl bis zum Ende aller Schreiberlinge kommen muss.
„Warum schreiben Sie?“
Weil die Kneipe mir gefiel und auch der Mann, dachte ich ausnahmsweise darüber ein wenig nach, bevor ich ihm eine Antwort servierte.
„Eigentlich nur, um etwas über mich selber zu erfahren, was mir beim normalen Nachdenken nicht gelingt. Ich entdecke immer wieder etwas über mich in den texten, mal mehr, mal weniger, aber immer noch viel zu wenig. Daher schreibe ich und schreibe, vielleicht, dass ich es nie zu Ende bringe. Nein, wahrscheinlich. Verstehen Sie?“
Zu meiner Überraschung nickte er.
„Ja, das geht mir beim Lesen und Hören ja auch so. Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Keine Angst, sie ist nicht von mir und kein literarisierender Versuch Ihres Gastgebers.“
Auch das war normal, dass mir Manuskripte in die Hand gedrückt und eigene literarische Bemühungen der Gäste oder Gastgeber zugemutet wurden. Nun denn, wenn es in diesem Fall anders war, soll er erzählen.
Er wartete nicht auf meine Antwort, sondern legte gleich los.
„Ich bekam diese Geschichte von einer alten, wirklich alten Frau geschenkt, die ich während meines Zivildienstes in einem seniorenstift zu betreuen hatte. Es war eine schlichte Frau, vom Land. Wenig gebildet, sehr arm. Die Kirche zahlte ihren Aufenthalt.
Sie erzählte gerne von früher, von ihrem Dorf und ihrem Leben. Sie tat das für mich erstaunlich ruhig, voller Lust und Kraft, oft sogar schelmisch, obwohl sie fast nur düstere, mich erschreckende Ereignisse zu berichten hatte.
Bis heute aber verfolgt mich ihre eigene Geschichte, die ihres Lebens. Auf eine mir nicht wirklich begreifbare Art hat sie wohl etwas mit mir, meinem eigenen Werden und Suchen zu tun. Und ich rätsel noch heute herum, um was es darin genau geht.
Aber hören sie selber.
Sie hieß Thusnelda, wurde von allen Tussi genannt, von ihrem Ehemann Tusschen. Keine Ahnung wie Eltern auf solch einen Namen verfallen konnten. Sie lachte oft darüber. Ja, ihr Lehrer hätte ihr erzählt wer Thusnelda gewesen war. Die entführte Gemahlin vom angeblich deutschen Helden, dem Cheruskerfürsten Arminius, dem Sieger gegen die Römer in der Varusschlacht. Aber sie war sich sicher, dass ihre Eltern das nicht gewusst hätten als kaum des Lesens kundige arme Häusler im Moorland.
Geboren wurde sie als Letztes von 17 Kindern, überlebte mit 11 anderen recht mühsam in der kleinen Kate auf dem Grundstück des Bauern, für den sie alle in erster Linie arbeiten und springen mussten. Für die eigene Landwirtschaft blieb da wenig Zeit und so mussten sie wohl oft hungern.
Sie meinte, dass wäre gut für sie gewesen, denn es habe sie stark gemacht für ihr restliches Leben. Eine gute Freundin sei ihr in der Kindheit die Jungfrau Maria geworden, deren hölzernes Abbild an der Kreuzung der Wege zu ihrer Kate und dem Bauern gestanden hätte. Heute stände dort ein ALDI-Markt mit großem Parkplatz. Für ihre Maria hätten die keinen Platz mehr gefunden.
Das mit ihrer Hingabe zu Maria bereitete mir nicht nur damals Kopfschmerzen. Ich bin protestantisch aufgewachsen, wenn auch nicht mit Beten am Tisch oder gar zu vielen Kirchgängen. Die katholische Kirche jedenfalls war mir schon früh zuwider. Und besonders deren Marienkult konnte und wollte ich nicht verstehen. Als ich später meinen Glauben verlor, warum? Einfach so, mit der Zeit und ihren mich davon entfernenden Angeboten. Jedenfalls konnte ich da zwar noch halbwegs die Verehrung von Jesus Christus nachvollziehen und teile ja auch heute noch vieler seiner Werte, die von seinen Kirchen oft mit Füßen getreten und aufs übelste verraten wurden. Aber Maria! Dreifaltigkeit! Nichts für mich. Dumpfer Aberglaube in meinen Augen. Ebenso dieser Heiligenzirkus und Reliquienzauber.
Sie aber liebte Maria, grad so, als wäre sie deren kleine Schwester.
Sie betete nicht zu Gott, oder selten, meist zu Maria, besprach mit ihr alles und behauptete steif und fest, mich dabei mitleidig schelmisch ansehend, auch Antworten bekommen zu haben.
Nun ja, Gründe dafür bescherte ihr das Leben genug.
Als sie 14 war wurde sie zwar nicht entführt wie ihre Namenspatronin, aber ungefragt verheiratet zu werden in dem Alter scheint mir auch nicht besser zu sein. Ihr Mann war ebenfalls ein kleiner Häusler von ihrem Bauern und so änderte sich nicht wirklich viel für sie. „Ich hatte Glück, zwei Schwestern bekamen keinen ab. Die mussten als Magd ran bis sie umfielen. Naja, gelacht haben die auch mal und beim Feiern waren die immer die ersten.“ So sah sie das.
Ihr Mann war doppelt so alt und hatte bereits zwei Frauen im Kindsbett verloren und so hatte sie gleich zwei Kinder um die sie sich als 14jährige zu kümmern hatte. In meinen Augen war sie dabei doch selbst noch ein Kind.
„Och, nee, dat war nich immer so, damals schon gar nicht. War schon in Ordnung so mit de Lütten.“
Ihr Mann war verwundet worden im deutsch-französischen Krieg, mit dem Bismark sein deutsches Reich begründet hatte. „Ja, und da musste der immer mit’m Stock. Weil, Krücken gabs keine bei uns. Hat er sich selbst geschnitzt. Und am Kopp hatte ers och. Hattn Säbel abbekommen, so quer rüber, blieb ihm die Narbe von und Kopp-Pien.“ Ich kann ihre Stimme noch heute in mir hören, als hätte sie es gestern erst zu mir gesagt.
Naja und darum wäre der nicht immer fröhlich gewesen, ja, auch laut und heftig. Wär halt im Krieg gewesen.
Aber Kinder hätte sie ihm geschenkt, 12 an der Zahl, 8 hätten überlebt bis sie später anders unter die Räder kamen. In den großen Krieg habe der Mann nicht mehr gemusst, so wär sein Leiden auch ein Glück für sie geworden. „Wer weiß, ob der Döskopp zurückgekommen wär, ist nie der fixesten einer gewesen. Außer beim Kindermoken.“
Ansonsten, ja, 4 Brüder und der Vater wären gefallen und 2 Söhne vom Bauern. Nach dem 1. Weltkrieg wären ihr noch die Mutter und 3 Schwestern und 4 Brüder geblieben. Eine Schwester hätte schon lange vor ihrer Geburt die Kirche der Familie abgenommen und so sei die Nonne geworden. Ein Bruder durfte sogar lernen und Pfarrer werden. Der wär aber nach Afrika gekommen und dort verschollen. Einen Bruder hätten sie nach dem Krieg bei einem Einbruch erwischt und eingesperrt. Danach hätten sie nie wieder von ihm gehört. „War schon immer unser Bruder lustig, nun ja, is ihm nich bekommen.“
Auf jeden Fall hätte sie der Maria immer viel zu erzählen gehabt, nein, leicht wär das nicht immer gewesen. „Aber für wen is dat leicht? Wir sin da, wir sin wech, nich wahr. Dat is nun mol immer son Schietkrom hier.“
Die Nonne hätte die Schwindsucht bekommen, obwohl „di immer ganz hielig wor. Hätt nix nütz. Hat der Herr se hochnohmen. Vielleicht brukt he die da oben mehr.“
Man wüßte ja auch nicht, was sich da oben alles so rumtriebe. Angeblich könnten ja auch viele Sünder dort hinkommen. Ihr Bauer, „dat olle Oos“, wär zum Beispiel sicher gewesen dem lieben Herrgott Tach sagen zu können. Weil er ja die Maria bezahlt hat. „Und da brükt he‘n poor Hielige sin Loden in Schwung zu holten.“
Unabhängig von Kriegen, Sozialistengesetzen, Kaiserflucht und Republik lebte sie ihr Leben als Häuslerin, versorgte Mann und Kinder, soweit der Bauer ihr dafür Zeit ließ und später auch noch die letzten Geschwister und die Mutter.
„Ik war ja dat jüngste Blaach. Da mußt dat so kohmen, dass ich die all upn Doch hab pflegen müssen, so wie Sie junger Mann jetzt mit mi dat Kreuz haben.“ Das ging durch ihre ganzen Jahrzehnte hindurch. Das viele sterben, Erkranken oder anders „unter de Räder kohmen“ verwirrte mich bisweilen, zu viele Namen, zuviele Schicksale, an denen sie teilgenommen hatte.
Sie hat ihren Mann bis zum Tod versorgt, manche ihrer Kinder, hat alle überlebt und lächelte mich jeden tag an, als habe das Leben ihr nur Rosen auf den Weg gestreut.
Im zweiten weltkrieg „heb wie dem Kriech, dem Dübel, dree unserer Kind  mitgeven. Eener mehr, weil de unterm Nohmen vom Burn seen Hinnerk mitmusst. „ Das heißt der Bauer rettete seinen eigenen Sohn auf Kosten ihres Sohnes. Aber der trieb es noch schlimmer. Als genau der Sohn eine Tochter von ihr vergewaltigte und dabei gleich schwängerte, verjagte der Bauer ihre Tochter vom Land. „De worn Dübel, nu he war de Buur. So war dat.“ Sie hatte die Tochter ziehen lassen müssen und nie wioeder von der gehört. Zwei Töchter wurden von ihren Männern oft  „halvdoout slon“ und starben in der Folge recht früh an Entkräftung.
Die arme Maria hätte sich viel anhören müssen, nein, nicht geschimpft, das habe sie nie, nur gedankt und gebetet, dass es nicht schlimmer käme.
Thusnelda ging wohl am Sonntag oft in die Kirche, nicht selten aber auch am Samstagabend, da sie den Sonntag zum Arbeiten für ihre Familie gebraucht hatte. An der Kirche fand sie eine andere Marienfigur, umgeben von einer grotte wie in Lourdes. Ja, da wäre sie zu gern mal hin gewallfahrt, „de Buur mit sein Schrappnelle sin hin, bruukt dat for sien Seelenheil, mient he.“ Ja der Bauer und sie, die wahre Freundin Marias nicht.
Als es mit den Nazis zu Ende ging musste ihr Mann trotz seiner Behinderung und seines Alters noch zum Volkssturm. Der war begeistert und überzeugter Nazi gewesen obwohl er auch oft sang „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben“.
„Naja und do is he mit den Oberlamettas zum Buurn, wollt twee Jungs von dem.“
Der Bauer trommelte seine Leute zusammen, ließ die „bruunen Lamettas“ an seiner Allee aufhängen und ihren Mann „tüchtig tosohmen kloppen“, qwovon der sich nie mehr erholt habe. „Nee, so war dat.“ Meinte sie immer und grinste mich an. „Yu leev anners. Aber wi hätt dat zusammen bringen moßt.“
Ihre Sprache aus Platt, Hochdeutsch und eigenen Kürzungen und Windungen war wie ein endloser Singsang, fast konzertant, als hätte sie von ihrer Maria eine eigene Melodie geschenkt bekommen, das Leben damit zu meistern.
„Mit de Maria ging dat jo. Meist. Nee, geflemmt hab ik ok, tuhus, for mi alleen. Dat wollt ich nich to ehr hindohn.“
Der Bauer, der trotz seiner nie strafverfolgten „Hängepartie“ schon früh Parteimitglied bei den Nazis gewesen war, bekam von seinen Häuslern, Mägden und Knechten nach dem Krieg seinen „Persilschein“. „Wat willst moken. Wi bruuk den doch. Is unser Buur.“
Für mich kaum vorstellbar lebte sie offensichtlich von Geschichte und Zivilgesellschaft völlig abgetrennt. Nur die, die fort mussten bekamen etwas mit. Der Bauer lebte nicht mehr lange und sein Ältester übernahm den Hof, entließ alle Mägde und Knechte und schaffte früh Traktoren und andere Maschinen an. Zwei seiner Brüder machten eine Tankstelle mit KFZ-Werkstatt und einen Landhandel an der Dorfstraße auf.
„Jo, und denn sind se all wech von mien Familie, was noch do wor. Inne Stadt, to de Fabriken. Ging ja gut damals, was ol wech an Wachsen und Geld lag da so rum. Soveel hev wi nie tvor hat.“ Sie selber durfte in ihrer Hütte bleiben mit einem Sohn. Der baute aus und um und gründete seine eigene Familie. Schließlich mußte sie ausziehen, weil er Platz brauchte. Häusler war da schon lange keiner mehr. Er war jetzt selber Bauer und arbeitete im Straßenbau.
„Bis ihn son fien Pinkel mit sein Jaguar tod forn hätt. Is friesprochn worn, dat Oos! He hätt mien Dschung nich sehn könn, wär selber schuld wärn. Naja, wat son Pinkel is, der kricht sien Recht.“
„Mi is dat Himmelreich, dat glov man, Jung. Do schludert mi kein rum. Do bin ik to huus. Un nich de anders mit jem Swienkrom un Dulltüch.“ Das sagte sie immer wieder zufrieden lächelnd und mir den Arm tätscheln.
Auf ihrem Nachtisch stand natürlich, was sonst, neben dem gusseisernen Billigkreuz eine kleine Madonna aus Rosenholz. „Von mien Moder, de hät de wohl von ihr Moder un so wieter.“ Ja, sie spräche mit der, immer wieder, jeden Tag. Der alte Pastor hier wär schon neidisch gewesen darauf. Der wollte lieber, dass sie zum Herrgott mehr Kontakt hätte.
„Jo, de kann reden. Is de nichn Mann, de hielige Gott? Un sein Sohn ok. Nee, ich blev bi di Maria. De Himmel bruukt de as Fruu. Is doch so, oder nich?“
Und als sie spürte, dass es mit ihr zu Ende ging, wirkte sie noch mehr zufrieden auf mich. Als freue sie sich auf den Himmel und ihre Maria dort.
Sie können sagen, dass diese Frau halt sehr naiv und tiefgläubig war. Ich würde und müsste Ihnen Recht geben. Aber sie hatte etwas, was mich heute noch berührt und was uns heute oftmals fehlt trotz unserer geschulten Klugheit und angestrengter Suche. Sie hat mir etwas über mich gesagt, ohne dass ich es so richtig in Worte kleiden kann. Sicher, dass ich es besser habe und andererseits aus ihrer Sicht auch nicht. Ein wenig habe ich mich ihr gegenüber stets schuldig und unehrlich gefühlt. Da ist etwas, was ich mir nicht eingestehen mochte, vielleicht die Sehnsucht nach so etwas wie ihre Maria oder ihre Haltung bei all den Schicksalsschlägen und Gemeinheiten in ihrer Umgebung. Hassen wir zu schnell, klagen wir zu früh, beanspruchen wir etwas, was uns nicht gehören kann? Was ist es? Oder suchen wir einfach falsch, gibt es etwas, was wir ständig übersehen aus Eitelkeit, Anspruchsdenken oder Egoismus? Sie sehen, wirklich weit bin ich mit meinen Fragen nicht gekommen, obwohl die Begegnung mit ihr schon so lange zurück liegt.
Manchmal rührt mich ihre Geschichte derart an, dass ich das Gefühle habe, in ihr läge unsere wahre Bestimmung und Erfüllung, dann wieder überkommt mich Zorn über das, was sie erleben musste und ihre geringe Gegenwehr und ich bin froh, dass wir solche Zeiten hinter uns haben. Dann wieder glaube ich, dass ich ihre Geschichte nicht vergessen dürfte, wollte ich bei mir selber bleiben und meine Lebensziele hier erreichen.“
Ich nickte nur, während er das sehr anschaulich erzählte, dass ich mir den jungen Zivi, die Madonna und seine Thusnelda sehr gut vorstellen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass sie ab jetzt auch Teil meines Lebens sein würden. Meine Stimmung hatte sich völlig verwandelt, die Lesung war vergessen. Ich dankte ihm für seine Bereitschaft mir das zu erzählen und bestätigte ihm, ähnlich zu erleben und zu fühlen beim Schreiben.
„Verrückt, aber es ist wahrscheinlich wirklich so. Die tiefsten Wahrheiten in Worten und Sätzen sind nicht mit unserer Sprache zu fischen. Aber sie sind es, die uns anziehen, lesen und mich schreiben lassen. Ich glaube auch nicht mehr, bin wie Sie lange schon aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem berührt und fasziniert mich ihre Geschichte und wie sie, kann ich nicht sagen, warum. Vielleicht ja auch aus Ehrfurcht ihrem Leid und ihrer Haltung gegenüber. Vielleicht aus Neid, weil sie glauben konnte und wir nicht.“
Der Abend wurde Nacht. Wir sprachen nicht mehr viel. Saßen stumm, tranken, nickten, er ergänzte bisweilen die Geschichte, ich kommentierte kurz, meist zustimmend. Als ich schlafen ging, wusste ich ein kleines Stückchen weiter gekommen zu sein und dankte im Stillen der alten Dame dafür.

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Die Konferenz


Für die Korrespondenten ergab sich das für sie gewohnte Bild einer Konferenz in Afrika. Angeleiert von der UNO mit Vertretern der Weltwirtschaft, der Regierungen und Hilfsorganisationen, die einzeln mit dicken, schwarzen Limousinen vorfuhren, mal mit, mal ohne Frau, in die Kameras lächelten und rasch von den nachrückenden Fahrzeugen aus dem Bild gedrängt wurden.
Das Thema war das Thema wie seit Urzeiten aller Korrespondententätigkeiten über solche Konferenzen. Arm und Reich, Abgeben und Nehmen. Schwarz und Weiß. Inzwischen Weiß mit Gelb gemischt, da sich die Asiaten zu den reichen Weißen gesellt hatten.
„Hauptsache gutes Essen und Trinken,“ meinten die Korrespondenten.
Zwei Tage, das würde leicht zu überstehen sein.
Der Saal war zu ihrer Überraschung leer. Kein Tisch. Kein Stuhl. Und so standen alle mehr oder minder Würdenträger ratlos herum und erwarteten ein Signal, sich in einen anderen, vorbereiteten Raum zu begeben. Das geschah nicht.
Stattdessen kamen kaum bekleidete Afrikaner herein, abgemagert und mit Hungerbäuchen. Sie trugen alte Benzinfässer und große Tierknochen herein. Erschrocken wich man vor ihnen aus und sah fassungslos zu, wie diese ihre Mitbringe im Kreis aufstellten als Tisch- und Sitzgelegenheiten.
Als die ersten Gäste laut wurden und ihre Chargen zu sich riefen, den Sachverhalt auf zu klären, kamen weitere Leute, darunter diesmal auch Kinder in ähnlich erbärmlicher Verfassung mit offensichtlichen Speiseresten aus Hühnern, Schweinen und undefinierbaren anderen Ursprüngen.
Noch immer traute sich niemand, sich an dieser Art gedeckte „Tafel“ zu setzen.
Inzwischen raunte es unter ihnen, dass es sich wohl um ein Theaterstück handeln müsse, bestimmt wie meist aus ihren Spenden und Zuschüssen finanziert, weil der Kontinent ja neben Food auch Kultur dringend nötig hätte.
Schließlich kamen die vermeintlichen Schauspieler wieder, dieses Mal mit stark vom Tragen gezeichneter Kleidung, legten diese einzeln sorgfältig zusammen und verschnürten das Ergebnis mit Geschenkbändern. Auch Schuhe waren darunter, Mützen und Schals. An jedem Platz lag so am Ende ein Geschenk.
Während der ganzen Aktion gab es nur das noch das Raunen, verschämtes Flüstern. Die Afrikaner selber sagten kein Wort. Als sie sich endgültig entfernt hatten, herrschte eine Weile Schweigen. Alle waren gespannt, was nun folgen mochte.
Erst jetzt fiel ihnen auf, dass der offizielle Gastgeber, ein hochrangiger und allseits hoch gepriesener Staatschef eines der kleinen Länder hier noch nicht erschienen war. Er sollte den Vorsitz übernehmen auf der Konferenz im Auftrag der UNO.
Er betrat den Raum, als die Spannung kaum noch aus zu halten war und leichte Verärgerung spürbar wurde.
Er begrüßte alle Anwesenden in üblicher Manier und lud an die Tische, damit sie die Konferenz beginnen könnten.
„Ich denke, wir konnten Sie erfreuen und positiv überraschen. Wir haben uns erlaubt Sie mit dem willkommen zu heißen, was wir Ihnen wert sind und was Sie bereit waren bisher an uns ab zu geben aus Ihrem Reichtum. Und da es Ihnen das Beste scheint für uns, dachten wir, wäre es jetzt an uns, es ihnen mit gleichem Respekt wieder zu schenken. Ich hoffe, Sie sehen es als Zeichen unserer Dankbarkeit.“ Und dann setzte er sich.
Die Korrespondenten mussten stehen bleiben und sich nach der Eröffnung entfernen, worüber sie mehr als froh waren. Keiner kam auf die Idee, diesen ungewöhnlichen Beginn in die Heimat zu berichten. Stattdessen schrieben sie: „Ein weiteres Treffen, dessen Ausgang vorhersehbar war. Die Afrikaner fordern, die reiche Welt mauert. Im Ergebnis überflüssig.“


Dienstag, 4. Februar 2014

Der Fürsorgliche



Zum Tag des Krebses 

Es lebte in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt ein Mann mittleren Alters. Den hatte seine Frau über alle Maßen lieb, denn er verwöhnte sie sehr. So machte er ihr vom ersten Tag ihrer Ehe an das Frühstück. Mittags sorgte er dafür, dass sie etwas Warmes zu Essen bekam. Deckte natürlich auch den Abendbrottisch und sorgte dafür, dass immer genug zum Knabbern für sie da war. 
Fuhren sie in den Urlaub, nahm er stets eine breite Palette an Süßigkeiten für sie mit. Und so überlebten sie manches Jahr.
Sie wurde dicker und dicker, er hingegen blieb schlank wie am ersten Tag. Sie quälte sich im Fitness-Studio während er mit seinen Kollegen in der Kneipe Bier zu sich nahm.
Als sie ihm immer öfter vorschlug, doch weniger fettes Fleisch, Wurst und Kalorienbomben auf zu decken, nickte er nur. „Natürlich gerne, mein Schatz.“
In der Regel hielt er sich eine Weile daran, schmuggelte aber immer wieder „Leckeres“ dazwischen, bis sie es aufgab anderes zu verlangen.
Auch küsste er sie stets überall und betonte immer wieder, dass er jedes Stück Körper an ihr liebe, egal wie viel es wäre.
Dann bekam sie Krebs und musste zur Chemotherapie.
Der Arzt fragte nach ihren Essgewohnheiten und gab ihr einen ganz anderen Essensplan. Da standen lauter ihr wenig vertraute Sachen drauf wie viel Obst und Gemüse, Nüsse, frisch gepresste Säfte, kein Fleisch, keine Wurst, wenig Käse, viel Fisch und so weiter, dass ihr allein bei dem Gedanken daran schlecht wurde.
Die Chemotherapie vertrug sie auch nicht gut und umso mehr sehnte sie sich nach den essbaren Verlockungen aus der Küche ihres Mannes.
Ende vom Nahrungslied: sie verstarb.
Am Tag ihrer Beerdigung ging ihr Mann nach Hause, kochte sich eine Broccolisuppe und studierte aufmerksam ihren Essensplan, der unbesehen über dem Küchenschrank hing.
„Jetzt fange ich von vorne an“, sagte er laut zu sich oder den Küchenmöbeln. „Die nächste Frau bringe ich anders um. Schneller vor allem, es ging doch arg lang.“ 

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Dienstag, 28. Januar 2014

Spiegelgedanken



„Du musst loslassen! Einfach loslassen!“ Mein Spiegel aber lässt mich nicht los, nicht dieses Wintergesicht mit den Augenringen über dünnen Bartstoppeln auf fahler Haut.
„Loslassen!“ Was denn, wie denn?
Draußen fährt der Nachbar von gegenüber mit seinem Wagen fort. Hoffe für die Frau, dass er wiederkommt.
Am Sonntag standen vor unseren Häusern zwei Krankenwagen. Der Junge von nebenan. Blinddarmdurchbruch.
Über unseren Bäumen bilden Gänse ihre Formation. Mitten im Januar. Wo fliegen sie hin und woher kommen sie? Auf unserer Straße versickert der erste Schnee bereits wieder in den Gullis.
Vom Badezimmer aus lässt sich alles gut beobachten. Eigentlich müsste ich jetzt in den Tag hinein gehen.
„Frischluft tut Dir gut“, sagte Hilde zum Abschied. „Geh ein wenig spazieren. Du siehst blass aus.“ So fühle ich mich auch.
Wann kommt der Müllwagen, die Bio-Tonne zu leeren? Danach hätte ich einen Grund hinaus zu gehen, die Tonne zurück zu rollen.
Der Nachbar rechts hat wohl wieder Notdienst. Sein ADAC-Wagen steht einsatzbereit vor der Tür.
Ich könnte mehr erfahren, wenn ich durch die Siedlung ginge. Aber was und will ich das überhaupt?
Die Sonne lächelt den Himmel smaragdblau. Da strahlen die Dächer und funkeln die Zäune.
„Loslassen, raus, gehen.“ Ich sehe in den Spiegel das vertraut unvertraute Gesicht. Meide die Furchen. Zähle die Stoppeln heute nicht. Rasieren. Wozu?
Hier ist es warm und ich sehe mir zu, wie ich mich anstarre und mein Umfeld dazu.
Die schlecht geschlafene Nacht drückt mir die Knochen, zwickt mir ins Muskelfleisch.
Könnte ich loslassen, stände ich hier nicht. Wäre wie Hilde am Arbeitsplatz. Hätte nicht den Arzttermin.
Im Spiegel finde ich mich angekommen, dort wo ich meinen Vater wieder fand, im Alter, müder aber auch toleranter mit sich und mir.
Habe schon losgelassen die wilde Jagd etwas zu werden, was mehr ist als ich gestern war. Das ja. Aber was noch und wohin damit?
„Nichtstun, fallen lassen“, rät mein Arzt. Lassen, lassen, lassen. Ein Wort wie abgelaufener Quark.
Die Frau von gegenüber kommt mit ihrem Sohn heraus. Er hat wohl den Hund zu Weihnachten geschenkt bekommen und ein Fahrrad. Mit beiden machen sie sich auf den Weg. Sie sind frisch hierher gezogen.
So langsam beginnen hier neue Geschichten ihre Wege glatt zu harken. Und wir, wir warten, was noch mit uns geschieht. Auf Krankenwagen und wer von hier ins Altersheim geht.
Die Häuser werden umgestaltet. Alles, was uns lieb und teuer war scheint reif für den Sperrmüll geworden. Immer öfter sehe ich das Inventar der letzten Jahre auf der Straße stehen. Haus nach Haus wird frisch bezogen.
Ich könnte meinen Kreislauf starten, unter die Dusche fliehen. Aber dann hielte mich nichts mehr hier fest, nicht mal mein Gesicht.
„Du musst loslassen! Einfach loslassen.“ Du musst, und das noch einfach. Nichts will ich noch müssen und schwer fiel mir immer leicht. Vorbei.
Das Los lassen? Mein Los? Unser Los? Gelassen sein lassen, los lassen das Los?
Da gehe ich lieber erstmal duschen, auf die Plätze, fertig, los.
Mein Gesicht habe ich mir eingepackt. Könnte sein, ich brauche ich es noch am Abend, wenn Hilde erschöpft wieder kommt. Dann können wir zusammen darin ermüden.
Vielleicht hat der Junge es ja überlebt. Wir haben uns nicht getraut nebenan zu klingeln und nach zu fragen. Hoffentlich war es nicht zu spät.
Uns bleibt dies, zu hoffen, zu sehen, wie es anderen geht.
In der Werbezeitung gestern diese Überschrift gelesen: „Mit dem Rollator die Welt besteigen.“ Ob das auch mit mir und meinem Rollator funktioniert? 


Donnerstag, 23. Januar 2014

verhexter Winterzauber



Es war nicht der Winter, es war der Frühling der ihr Kummer bereitete. Aber noch war ja Dezember, bestand die Hoffnung auf Schnee und Winterspaß in ihren Bergen zusammen mit Thomas, ihrem diesjährigen Favoriten auf ein Leben zu zweit bis das der Tod sie scheidet, der Tod und nur der Tod.
Im Winter hatte sie sich noch nie getrennt. Im Winter war stets die Zukunft voller Geigen, schon als Kind. Trennungen folgten im Frühjahr, pünktlich mit der Schneeschmelze, obwohl das eine nie etwas mit dem anderen zu tun hatte. Zu tun hatte es mit dem Beisammensein in der alten Hütte der Familie hoch oben in den Bergen.
Und es hatte damit zu tun, dass sie es nicht glauben mochte, sich nicht vorstellen konnte und wollte, dass alle so waren, alle es tun würden. Aber dieses Jahr war etwas anders. Alle waren an der Reihe gewesen, hatten sich bedient. Nun blieb keiner mehr für den beschissenen Frühling.
Rita kaufte also Geschenke ein, für ihn viel, groß, teuer, dann noch ein paar kleine, preiswert nicht billig, darauf achtete sie stets. Letztere waren für die Eltern, den Bruder und die drei Schwestern. Alle vier Geschwister und die Mutter sollten dieses Jahr etwas anderes, ganz besonderes bekommen und dazu noch äußerst preiswert. Preiswert für die Schenkende und wirkungsvoll für Beschenkten.
Um 9 Uhr holte sie Thomas von seiner Wohnung in München ab und fuhr mit ihm froh plaudernd bis zur Abfahrt nach Kufstein / Oberaudorf. Dort bog sie von der Autobahn ab und erzählte ihm, während sie mit dem Wagen durch die Dörfer und Hügel auf und niedertauchte, was sich in den Jahren zuvor auf der Hütte zugetragen hatte.
Thomas, ein, wie er sich selbst gern nannte, Selfmademan der Event-Emotion-Scene, hörte ihr überwiegend stumm zu, nickte oder schüttelte den Kopf, mal hin und her zu beiden Seiten, dann wieder von oben nach unten und zurück.
Er trug nicht wenig eitel die Bräune des Sonnenstudios um die Ecke in seinem Gesicht spazieren und genoss die Vorstellung der munter plaudernden Fahrerin schon in der Heiligen Nacht den Rest der monatlichen Bräunungserfolge auf seinem Fitness-Studio-Körper präsentieren zu können. Seine mittlerweile 43 Jahre Leben wären so kaum zu entdecken, dachte er, allenfalls deren 30 Jahre.
Für die Fahrt zu ihrer Hütte hatte er sich für ein Edel-T-Shirt und einen Designeranzug in modern-schwarz entschieden. Falls es kälter werden sollte, lagen entsprechend passende Pullover in seinem Koffer hinten im Kofferraum ihres Wagens für ihn bereit. Insofern konnte nichts schief gehen bei diesem Ausflug, hatte er doch auch noch ein angenehm funkelndes Schmuckstück für sie als Geschenk in einen kleinen Karton, den wiederum in allerlei weitere, jeweils größere Kartons verpackt, dazu einen Flugschein für die Dominikanische Republik.
Was sie mit ihrer für ihn äußerst angenehmen Sing-Sang-Stimme erzählte klang traurig, schien ihm aber zu ihr zu passen.
Sie war in seinen Augen ein äußerst attraktives Karriereweib, schlank, fit, goldbraun belockt auf den Kopf mit kräftigen und genau richtig matt glänzenden Haaren. Ihre Proportionen schienen ihm wie von einem Künstler modelliert und ihre Art zu gehen, das Steuer zu bedienen, den Kopf zu halten, erinnerte ihn an faszinierende Hollywoodszenen.
Sie war jedes Mal im Frühling verlassen worden. Umso besser. Der Frühling war noch weit und er hätte ohne dieses für ihn nicht nachvollziehbare Fehlverhalten seiner Vorgänger heute nicht ihr Lover sein können. Also gut für ihn.
Es hätte immer bereits in der Hütte angefangen. Nun ja. Was interessierte ihn das. Warum auch immer. Er konnte darin keinen Sinn erkennen. War sie doch nur mit ihrer Familie dort gewesen. Was konnte diese Idioten vor ihm da schon auf fremdgängerische Gedanken gebracht haben können.
Viel mehr Sorgen bereitete ihm ihr Fahrstil. Sie schien weder Geschwindigkeitsbeschränkungen noch zu enge Straßenschluchten zu kennen oder zu fürchten.
Sie fuhr so rasant, so aggressiv, dass er sich nicht traute seine Hand auf ihren Arm zu legen oder sie mündlich zu vorsichtigerem Fahren zu ermutigen. Letzteres schien ihm auch wenig geeignet seiner Rolle hier Pluspunkte zu verschaffen.
Umso erleichterter war er, als sie hinter Oberaudorf endlich oben auf einer Alm das Fahrzeug unbeschädigt anhielt und leise, fast flüsternd sagte:
„Wir sind da, Liebling.“
Er sah vor sich eine Bilderbuchhütte und ihn freundlich anlächelnd eine Horrorgruppe in schrillfarbenen Klamotten, zum Teil auf Gehhilfen gestützt, zum Teil mit rotleuchtenden Narben in den Gesichtern unter wilden Haarfrisuren.
„Na, wen bringst Du uns dieses Mal?“ Das fragte der dem äußeren nach älteste der Gruppe, wohl der Vater.
Der Gebrachte sah zu seiner rasanten Fahrererin. Die grinste nur und stellte ihn mit knappen Worten vor.
Der ältere Mann, als einziger ohne sichtbare Blessuren, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Herzlich willkommen bei den Raunachts.“
Man begab sich, einander munter vorstellend, zusammen mit dem Gepäck in die Hütte.
Bald schon wurde es jahreszeitgemäß dunkel auf der Alm und den Bergen und ein scharfer Wind begann an den Holzschindeln auf dem Dach zu zerren. Die ersten Schneeflocken wirbelten umher und verklebten die Fenster.
Im Kamin verwandelte sich der Wind in ein seufzendes Orchester mit immer wieder überaschenden Tönen.
Trotzdem überredete die Familie ihn, mit nach draußen zu kommen, sich dort das Schauspiel an zu sehen. Sie hakten ihn unter und zeigten ihm die Kaiser, den wilden und den zahmen. Das eigentliche Ziel seiner Fahrt hierher blieb in der Hütte um sich frisch zu machen. Sie hatte keine Angst um ihn. Noch nicht. Noch war es ja nur der Abend, nicht die Nacht.
Schritt für Schritt wurde er von der Hütte fortgezogen zum Waldrand. Dort versammelten sie sich um ihn und wollten wissen, was ihre Tochter erzählt hätte über ihre Familie. Er wurde verlegen, dann aber einer Antwort enthoben indem sie ihm genau das sagten, was er auch schon auf der Fahrt zu hören bekommen hatte. Nur mit einem Unterschied: sie bestanden darauf, dass kein Wort davon wahr wäre, im Gegenteil das Ungeheuerliche stets von ihr, der Tochter und Schwester ausgegangen wäre.
Ihm wurde trotz seiner High-Teck-Ummantelung kalt, aber nicht mehr nur von Wind und Schneetreiben.
Der Reihe nach schilderten ihm alle, wie sie zu ihren Blessuren gekommen waren. Jedes Jahr Weihnachten hätte ihre Schwester und Tochter rasend vor Eifersucht einen von ihnen überfallen, angegriffen oder anders verletzt. Dabei wären ihre Typen alle von alleine davon geeilt, als sie erfahren hatten, dass sie mit der Tatzelwurmin zusammen gekommen waren. Keiner aber wäre ihr entkommen, alle habe sie im Wald verschlungen.
Als moderner, nüchterner und geldgieriger Mann kam ihm das alles dann doch absurd vor. Auch, dass diese Truppe hier ihm glauben zu machen versuchte, ihr Familienmitglied wolle diesmal alle vergiften, um für immer vor ihnen ihre Ruhe zu haben und ungestört Männer hierher zu bringen.
„Tatzelwurmin! Was soll das sein?“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da kam seine Fahrerin und erotische Sehnsucht für die Nacht den Hang hochgeschossen und erhob sich über ihm in die Lüfte, nicht ohne ihre plötzlich erscheinenden Klauen in ihn hinein zu krallen und ihn so vom Waldboden zu entfernen.
Im gleichen Moment knallte es und er landete wieder auf dem Boden, bedeckt nun mit einem Vogeldrachen, einem fliegenden Dinosauerier nicht unähnlich.
„Die Tatzelwurmin!“
Man befreite ihn, untersuchte ihn auf eventuelle Schäden und führte ihn zurück zur Hütte.
Der Vater fragte ihn: „Raunächte, kennen sie wohl nicht?“
„Ja, jetzt, sie, sie sind die Raunachts.“
„Nein, die Raunächte. Wer sich da draußen rum treibt kommt selten ohne Schock oder auch gar nicht zurück.“
Nach ein paar stark alkoholischen Getränken war er froh, sich endlich schlafen legen zu können.
Am nächsten Morgen weckten ihn die durch den Neuschnee verstärkten Sonnenstrahlen. Vor ihm saß seine Begleiterin und reichte ihm einen Espresso.
„Was war los mit Dir gestern? Du bist plötzlich umgefallen und warst nicht mehr wach zu kriegen.“
„Umgefallen? Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, wie Deine komische Familie, entschuldige bitte, mich zum Wald entführt hat und allerlei Abstruses von sich gab bis Du gekommen bist, Dich in einen Flugsaurier verwandelt hast oder so etwas ähnliches und abgeschossen wurdest.“
„Träumst Du öfter so wild, davon habe ich ja noch gar nichts bemerkt.“
„Geträumt? Umso besser. Und wo ist Deine Sippe heute Morgen?“
„Weg! Endgültig. Wir haben die Hütte nur für uns.“
„Wieso weg?“
„Sie haben ihr Geschenk schon erhalten und das reichte ihnen.“
„Und wo sind sie hin?“
„Weg. Kann Dir doch egal sein.“
Sie lächelte ihn an und verließ den Raum. Die Gelegenheit nutzte er, um seinen Körper auf eventuelle Spuren zu untersuchen. Tatsächlich fand er kleine Verletzungen an den Stellen, an denen ihre Krallen ihn gepackt hatten.
Sofort verfiel er in Panik, suchte seine Sachen und rannte aus der Hütte. Irgendwo da unten war das Tal mit seinem Dorf. Dorthin müsste er es doch schaffen können. Im Wald hörte er über sich ein verdächtiges Rauschen. Vor sich hörte er einen alten Traktor und rannte auf ihn zu. Der Landwirt nahm ihn tatsächlich mit und das Rauschen über ihm verstummte. In Oberaudorf suchte er gleich die Polizei auf, um ihnen zu berichten. Die zeigten sich nicht verwundert. Korrigierten nur, „es heißt der Tatzelwurm, ein er, keine sie!“. Fragten ein wenig hin und her und meinten dann:
„Typisch Raunächte. Da geschieht das schon mal. Immerhin sind sie heil runter gekommen. In den letzten Jahren sind viele junge Männer dort oben geblieben.“
„Dort oben geblieben?“
„Ja, verschwunden halt. Auf nimmer Wiedersehen.“
Ob die Polizei ihn begleiten könne, seine Sachen dort zu holen und nach zu sehen, was mit der Familie geschehen sei?
Sie nahmen ihn im Fahrzeug mit, fuhren hinauf, suchten lange, aber fanden die Hütte nicht. Gegen Abend gaben sie auf. Er nahm den nächsten Zug nach Hause und beschloss nie wieder in die Berge zu fahren, schon gar nicht zu Zeiten der Raunächte.
Erleichtert betrat er nach vielen Stunden Fahrt seine Wohnung, sah dann aber mit Entsetzen einen großen, schwarzen Vogel, der tot auf seinem Balkon lag. Er sah in etwa so aus wie die Tatzelwurmin in der Nacht bei der Hütte. Er beschloss dieses Tier auf keinen Fall an zu rühren sondern am nächsten Morgen einen Studenten beim Arbeitsamt zu bestellen, für den Abtransport.
Dieser Sorge wurde er jedoch enthoben, denn am nächsten Morgen war der Vogel fort bis auf eine weiß ein gesprenkelte Feder. Als er diese aufhob ertönte über ihm ein fürchterliches Krächzen. Er warf sie hastig über die Brüstung des Balkons, von wo sie langsam nach oben davon segelte im Morgenwind. Da hörte das Gekrächze auf.
Er packte seine Tasche aus, froh ihre Geschenke nicht mit eingepackt zu haben. Aber sie waren in der Tasche. Er konnte es nicht fassen. Alles war da. Und ein Bild von ihr. Das sah aus, als wäre eine dicke Träne darauf gefallen.


*Tatzelwurm, Sagengestalt in Oberaudorf, sucht junge Mädchen und Raunächte werden die Nächte zwischen Heiligabend und Heilige-Drei-Könige genannt. In diesen Nächten sollen die Geisterreiche offen sein, die „Wilde Jagd“ über die Berge ziehen und die Seelen Verstorbener Ausgang haben. 

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Samstag, 21. Dezember 2013

Überfall am Heiligen Abend im Auge des Weltalls



Am Heiligen Abend in einer kleinen und alten Hansestadt schmückte ein Greis alleine in seiner von Eichenmöbeln beherrschten Wohnstube einen Tannenbaum mit Kugeln, Lametta und elektrischer Lichterkette.
Der Baum reichte vom Boden bis zur Decke, gerade dass der golden funkelnde Stern oben als Spitze noch Platz fand.
Der Baumschmücker war gekleidet, als würde er anschließend ein Restaurant besuchen wollen, weißes Hemd unter der Krawatte, dunkelgrau melierter Anzug mit scharfen Bügelfalten in der Hose.
Schlank war er, vielleicht geblieben, vielleicht geworden. Sein Gesicht wirkte ledern aber freundlich durch die tiefen Lachfalten seiner vielen Jahrzehnte. Sein Haar leuchtete weiß und hell mit den Kugeln im Schein der kleinen Lichter.
Aus der Ecke, von unterhalb des großen, schwarz umrandeten Flachbildschirms, kam leise Adventsmusik von Chören und Orchestern, klassisch gespielt und gesungen.
Neben der Tür hing an einem großen, gusseisernen Ständer ein mächtiger Adventskranz, dessen Kerzen gemäß der Adventszeit unterschiedlich herunter gebrannt waren.
Auch an anderen Stellen fanden sich adventliche Dekorationen, kleine Tannenzweige mit ein wenig Goldglitter und Tannenzapfen, Nüssen oder getrockneten Apfelsinenschalen dekoriert, im Bücheregal drei sehr unterschiedliche Räuchermänner, auf der langen Kommode eine hohe Pyramide aus dem Erzgebirge mit drei Ebenen, sogar ein Adventskalender mit dem Motiv eines alten Weihnachtsmarktes hing an der Wand, alle Fenster ordentlich geöffnet und die Klappen säuberlich abgetrennt.
Der Mann summte die Lieder leise mit und sah kaum, was er tat. Er brauchte es auch nicht, hatte all die vielen Jahre hindurch am Heiligen Abend so den Baum geschmückt. Zu Beginn etwas wilder, billiger die Kugeln, mehr vom Lametta und noch jede Menge essbare Zuckerkringel, später dezenter, mit kostbareren Kugeln, die sie jedes Jahr Stück für Stück ergänzt hatten, erst noch mit den Kindern, später alleine.
Er tat seine Arbeit bedächtig, fast im Schneckentempo, als wäre dies ein heiliger Akt, den er da am Baum vornahm. Und genau das war es auch für ihn. Er liebte dieses Schmücken, die Tradition von Advent und Weihnacht. Das war schon immer der Jahreshöhepunkt für ihn gewesen. Ebenso der Kirchenbesuch am Abend, obwohl er lang schon nicht mehr an einen Gott zu glauben vermochte. Aber der Besuch war ihm notwendiger Teil des Abends, so auch den Kindern und seiner Frau. Es war eine Tradition, die das Jahr vollendete, den Sinn bewies, den das Leben trotz aller Sorgen und Bedrückungen, Schicksalsschläge und Anfeindungen für sie bereit hielt.
Und sie gingen in die Kirche um sich dort der Gemeinde anzuschließen, Teil zu werden ihres Viertels und all der Generationen, die vor ihnen hier hin gegangen waren, den Heiligen Abend zu würdigen.
Die Kirche entstammte der Zeit der norddeutschen Backsteingotik und war von den Bilderstürmern der Reformationszeit halbwegs verschont geblieben, so dass er jedes Mal während des Gottesdienstes sich in die vom damaligen Bürgertum gestifteten Bilder fast meditativ verlieren konnte.
Der alte Mann hier war immer ein kritischer Kopf gewesen, sehr zum Verdruss seiner Frau, die oft fürchtete, er könne durch seine Äußerungen und Handlungen seine Arbeit verlieren. Eine gute Arbeit, als Betriebsschlosser, später sogar als Meister der Betriebsschlosserei, sehr gut bezahlt und trotz Schichtdienst und Überstunden am Samstag relativ stressfrei. Es gab anderthalb Monatsgehälter Weihnachtsgeld, im Sommer kam auch noch ein halbes Gehalt Urlaubsgeld dazu.
Davon konnten die Kollegen heute nur noch träumen, das wusste er. Seine Firma war längst an einen amerikanischen Großkonzern verkauft, hatte die Tore schließen müssen und war schon länger umgebaut um ein Museum, ein Theater und Ateliers für junge Künstler auf zu nehmen. Seine Welt war das da nicht mehr.
Einmal im Jahr traf er sich mit den alten Kollegen, die naturgemäß immer weniger wurden. Dann saßen sie zusammen beim Bier und schwelgten in Anekdötchen und hatten doch ein wenig schlechtes Gewissen, wenn sie an die dachten, die heute in den Fabriken arbeiten mussten.
„Da haben wir es noch gut gehabt“, so ein Satz fiel oft in diesen Runden. Oder: „Die werden nicht unsere Rente haben, die nicht mehr.“ Das machte sie traurig.
Waren sie doch fast alle in der Gewerkschaft gewesen, hatten sich für ihre Kollegen eingesetzt. Er selber hatte jahrelang als Betriebsrat und Vertrauensmann an vorderster Front gestanden wenn es um die Abstellung von Übeln, wie Staub, Lärm oder schlechte Behandlung ging.
Zweimal hatten sie sogar gestreikt, eine tolle Zeit, wie er heute noch fand. Da war Solidarität und Kollegialität großgeschrieben gewesen, nicht wie heute mit diesem Mobbing und Bossing und Burn out oder wie das noch alles heißen mochte. Und dann diese Fremdfirmen, die die Tarife zerstörten, dieses Damoklesschwert Hartz IV, dass den Beschäftigten den Mut nahm, sich zu wehren.
Bei allem hatte er sich aber auch ganz allgemein für sowas wie Geschichte interessiert und die alten Gemäuer der Romanik und Gotik und die Bilder in ihnen waren ihm in ihren jährlichen Urlauben, meist in Italien, Frankreich oder Bayern, stets die liebsten gewesen. Dort konnte er sich entspannen, fand zu sich selbst, war sich mehr als nur der Prolet im Blaumann.
Vieles Alte war seit den Zerstörungen durch Krieg und Wiederaufbau endlich rekonstruiert, verschönert und restauriert worden. Auch seine Stadt prahlte mit ihrer „steingewordenen“ Vergangenheit, ein Adjektiv aus einem Zitat, das er sehr mochte.
Schon immer war ihm die Vergangenheit beim Schmücken am Heilig Abend so wie jetzt in den Sinn gekommen und hatte ihn begleitet bis die letzte Kugel oder früher der letzte Kringel am Baume hing.
Und er hatte die Atmosphäre genossen, sich darüber gefreut, dass sie es all die Jahre geschafft hatten diese Tradition nicht nur aufrecht zu halten, vor allem mit den Kindern, noch mehr aber sie auch zu genießen, sich nicht beirren oder anstecken zu lassen von der nach seiner Meinung fürchterlichen Amerikanisierung der Festtage und Verkitschung durch Billigprodukte, die er oft auf dem Sperrmüll gefunden hatte, auch den Opfern dieser Konsumschwemme offensichtlich nicht des Aufhebens oder der Pflege wert. Er fand das schade und sehr bedauerlich, hatte Mitleid mit den Käufern, die so nichts besaßen, als den schnöden, glanz- und erinnerungslosen Augenblick.
Nein, so hatten sie es nie gehalten. Sie hatten nur angeschafft, was bleiben konnte und wert war, auf Dauer ihnen Freude bereitete.
„Vielleicht stirbt das alles hier mit mir und ähnlich Gestrickten aus“, dachte er traurig. „Vielleicht geht das, ja wahrscheinlich sogar, so unter wie einst die Kultur der Inkas oder Ägypter. Und dann braucht es wieder Jahrhunderte der Barbarei, bis vielleicht irgendwo neu Kultur entsteht und aufblüht und sich pflegt. Oder diesmal geht alles den Bach runter, für immer. Wer versteht schon, dass wir das Auge des Weltalls sind, mit denen es sich selbst betrachten kann und will, seine Schönheit spüren und das Wunder alles Werdens in seiner unendlichen Zahl an Sonnen, Materie und Geburten von Planeten. Ohne uns verlöre sich doch auch für das Weltall der Sinn seiner Existenz. Es wäre wirklich tod und sich selber fremd.“
Der Mann hatte sich im Alter offensichtlich nicht nur für Geschichte interessiert.
Er hatte bereits früher, auch schon zu seiner Erwerbstätigenzeit, so „schnurrige“ Gedanken, wie seine Frau diese zu benennen pflegte, halb ironisch, halb ehrfurchtsvoll, gepflegt, gedacht und ausgesprochen.
Seine Frau würde heute Abend nicht da sein. So wenig wie seine Tochter oder sein Sohn, auch nicht deren Ehepartner. Alle gestorben, Krebs, Autounfall, Herzinfarkt, alle zu früh, vor allem die Jungen, viel zu früh. Aber auch das war jetzt eine Weile her, die Wunden waren Narben geworden, hart zwar, aber biegsam, in den Bewegungen kaum zu spüren. Enkel gab es keine. Warum auch immer. Pech. Ausgerechnet er, der älteste von ihnen allen, war am Leben geblieben, so wie er auch 5 Brüder und zwei Schwestern überlebt hatte. Warum auch immer. Er wusste es nicht.
„Vielleicht bin ich mit meinen Gedanken ja für dieses All da draußen wichtig“.
Er hatte den Baum fertig und er holte aus der Küche die Silberkanne mit dem Tee, Dresdner Stollen auf einem Schneideholzbrett, das lange Brotmesser, letztes Weihnachtsgeschenk der Frau, zwei Tassen und Kuchenteller, deckte dies auf am Wohnzimmertisch, als wäre seine Frau noch da und würde gleich neben ihm Platz nehmen.
Bedächtig wie er den Baum geschmückt hatte, schnitt er den Stollen für sich auf. Legte ihr und sich jeweils ein dickes Stück hin. Nahm das seine und aß es genüsslich.
Dabei betrachtete er den Baum und lauschte ruhig der Musik, während er sehr langsam kaute und nur ungern das Verschwinden des Stollens in seinem Gaumen zuließ. Am liebsten hätte er jetzt die Zeit angehalten.
Natürlich lagen unter dem Baum Geschenke, so wie früher. Die meisten, auch dies wie früher, in dem schon immer besonders schönen Weihnachtspapier der alten Buchhandlung am Eck. Die anderen Geschenke wurden verhüllt vom dem Glanzpapier einer Drogeriekette, die einen Einpackservice bereit hielt. Natürlich kannte er den Inhalt der Geschenke, hatte er doch alle ohne Ausnahme selber gekauft zu Beginn des Dezembers, auch dies wie schon früher.
Er wollte sich zeit lassen mit dem Auspacken, freute sich aber bereits auf das Lesen und Stöbern in den Büchern, den Duft des Rasierwassers und natürlich hatte er auch ihr wieder ein Parfümfläschen gekauft.
„Vielleicht sollte ich doch mal wieder Tabak besorgen und meine Pfeifen wieder schmauchen,“ überlegte er, denn irgendwie kam es ihm doch so vor, als würde etwas fehlen. Nicht die Familie, die war ja nicht mehr. Das war geklärt und nicht anders zu erwarten gewesen. An Wunder glaubte er schon seit seinen Kindertagen in diesem verfluchten Krieg, den seine eigenen hirnverbrannten Landsleute angezettelt hatten, nicht mehr. Nein, etwas anderes hatte er wohl vergessen, etwas, was ihm möglich gewesen wäre zu beschaffen und jetzt hier bei sich zu haben. Aber ob die Pfeifen ihn da retten könnten?
Nein, das war es sicher nicht.
Während er sich so dem Grübeln hingab und den letzten Bissen Stollen genoss, klingelte es an seiner Haustüre. Ganz entgegen seiner Gewohnheit zuerst aus dem Schlafzimmerfenster nach unten zu sehen, wer da Einlass begehren könnte, ging er direkt nach unten, durchschritt den kleinen Windfang und öffnete die Haustür.
Bis zu dieser Sekunde hatte er sich nicht einmal gefragt, wer da vor der Tür stehen könnte noch war er neugierig darauf gewesen. Das langsame Tempo seiner Handlungen an diesem Abend schienen auch auf sein Gehirn und dessen Geschwindigkeit von Wahrnehmung und Denken beeinflusst zu haben. So kam es, das sein Körper handelte, bevor er darüber nachdenken konnte. Vielleicht geschah es aber auch, weil Klingeln, folgendes sich Erheben und die Treppe hinuntergehen ihn von der Fragerei befreite, was er vergessen haben könnte, was ihm fehlen würde.
Mehr zu seiner Überraschung, denn zum Erschrecken, kam er nicht mehr dazu, die Tür weit zu öffnen und wie gewohnt den Besucher in Augenschein zu nehmen, noch weniger ihn nach seinem Begehren zu fragen. Die Tür wurde sofort nach vorne gedrückt, er mit der Tür gegen den Rahmen der anderen Tür des Windfanges, die in den kleinen Flur mit der Treppe führte, und noch bevor er dieses realisieren konnte, drängten zwei Männer mit Nikolausmasken ihn weiter, die Treppe hinauf, stießen ihn auf das Sofa neben dem Christbaum, bedrohte ihn der eine mit einer Pistole, während der andere sehr hastig alle Schubladen im Raum aufriss, die Vitrinen durchstöberte und schließlich so fortfahrend das ganze Haus durchsuchte, in einen Sack warf, was ihm werthaltig schien, bis er schließlich wieder vor dem alten Mann stand, fragte: “Geld, Scheckkarten?!“
Der alte Mann nickte, zeigte in den Flur, wo sein Wintermantel hing.
„In der rechten Innentasche, in der Brieftasche.“
Als der anscheinend mit dem Rauben Beauftragte zufrieden wieder kam, wollte der nur noch wissen:
„Irgendwo noch Bargeld, Schmuck, Aktien?“
Der Alte schüttelte Kopf.
„Rentner, nix mehr. Schon lange nicht mehr.“
„Sieht man. Ganz schön vertaubt hier. Auf wen wartest Du denn?“
„Warten? Ich? Auf niemand.“
„Verarsch uns nicht. Die zweite Tasse, das Stück Kuchen, na …! Wer ist es und wo!“
„Aber, das ist doch nur für meine Frau.“ Der Alte war verlegen, als wäre es ihm peinlich, dass diese Räuber ihn der Lüge bezichtigten.
„Ja und? Wo ist sie hin, die alte Dame? Oder hast Du alter Bock noch ne Junge?“
Beide lachten und grienten ihn an.
Er schüttelte den Kopf, was immer er damit sagen wollte, ob: „Nein, keine Junge“ oder, „Sie verstehen mich nicht.“
„Alter, los, wo ist die Tante, mach hinne! Wir haben nicht den ganzen abend Zeit!“
„Auf dem Friedhof.“
„Blumengießen am Heilig Abend? Ich fass es nicht. Alter, Du sollst uns nicht anlügen! Der da oben sieht alles und wir erst recht.“
Wieder lachten seine Räuber.
Der alte Mann, und fast ein Wunder war es wohl, dass es den beiden ungebetenen Besuchern gar nicht auffiel, blieb weiter völlig ruhig, fast unberührt, sagte nur leise:
„Nein, sie liegt dort begraben. Sie ist tod. Seit zwanzig Jahren.“
„Und da stellste ihr noch’n Keks hin?“
„Seit zwanzig Jahren, ja.“
Die Männer schüttelten den Kopf, sahen ihn abfällig, wahrscheinlich wie einen an, der ihrer Meinung nach nicht alle Schräubchen grade sitzen hatte, der eine von ihnen suchte dann noch hier und da weiter, schließlich schlug der Bewacher dem Überfallenen und nunmehr Ausgeraubten kurz und heftig auf den Hinterkopf und dann verzogen sie sich. Das alles hatte nicht viel mehr als 5 bis 10 Minuten gedauert.
Der alte Mann lag wohl das Mehrfache an Zeit bewusstlos auf seinem Sofa. Schließlich aber erwachte er, befühlte seinen Kopf, schlurfte langsam und vorsichtig in sein Badezimmer und besah sich im Spiegel. Er fand sein Gesicht blass und die Augen wässrig. Aber so sah es schon länger aus. Der Schlag hatte zwar eine Beule hervorgebracht aber keine blutende Wunde. Damit gab sich der Alte zufrieden und ging in die Küche, entnahm dem Kühlschrank etwas Eis, ging zurück in das Badezimmer, packte das Eis in einen frischen Waschlappen, den er bequem aus der Schublade fischen konnte, da der Räuber sie offen stehen lassen hatte. Mit dem Waschlappen am Hinterkopf ging er zurück in seine Weihnachtsstube und sah auf die Uhr. Eine Stunde noch, dann würde er sich auf den weg machen zur Kirche. Der Gottesdienst begann zwar erst eine Stunde danach, aber wenn er einen Sitzplatz ergattern wollte, musste er früher da sein. In diesem Moment, bei dem Blick auf seine Uhr und das Bild von der Kirche, das sie in ihm auslöste, begriff er, worüber er den Abend über gerätselt hatte. Ja, etwas fehlte, etwas sehr wichtiges hatte er vergessen und dies schon seit geraumer Zeit.
Die Menschen hatte er vergessen, vergessen sie zu besuchen, vergessen sie in seine Rituale ein zu beziehen. Da in der Kirche, da waren sie, die Menschen, aber nicht für ihn. So wie er ja auch nicht wegen ihnen dorthin ging.
Er war einsam geworden, hatte durch Tod und Bequemlichkeit seit Monaten mehr mit anderen Menschen gesprochen, im Höchstfalle mal gegrüßt, an der Kasse „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ gewünscht.
Und er sah sich selber, sah sich wie das All, einsam, ohne Gefährten, ohne Austausch, nur sich selbst erlebend, im blinden Flug der Geschichte, die ein Kreis sein mochte oder eine unendliche Bahn ohne Anfang, ohne Ende, ohne oder mit Gott. Egal, wenn man alleine ist und mit niemanden sprechen kann.
„Wir sind nicht nur das Auge des Weltalls, nein, wir sind auch seine Freunde, Gefährten, Geliebten, ja, das alles sind wir. Ohne uns ist es einsam, leer, vertane, verlorene Zeit im Irgendnirgendwo. Und so bin auch ich heute verloren in der Einsamkeit trotz meiner geheiligten Rituale, meiner Erinnerungen, weil es niemanden gibt, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich muss wieder mehr unter Menschen und dort meine Bahnen ziehen.“
Als alter Facharbeiter und Meister war er es gewohnt nach dem Denken nicht lange zu zögern, sondern gleich an die Tat zu gehen. So zog er sich jetzt schon an, ging auf die Straße, beobachtete, ob da ein Mensch sei, den er ansprechen könnte und wenn es um Feuer für die Pfeife sei. An die Räuber dachte er nicht mehr. Sie waren ihm egal. Er hatte eine leichte Beule, an sein Geld auf dem Konto und seine Rente kamen sie nicht ran, anderes Wichtiges hatte er im Schließfach. Was die mitgenommen hatten ließe sich ersetzen. Auch hätte er ja vorher wie sonst auch aus dem Fenster gucken können. Nein, die interessierten ihn nicht, taten ihm, wenn er überhaupt etwas ihnen gegenüber zu fühlen vermochte, eher leid. Arme Gesellen, Idioten, durch die er sich seinen Heilig Abend bestimmt nicht kaputt machen ließ.
In der Kirche angekommen, war er sogar guter Laune und grüßte wie seit Jahren nicht mehr gut gelaunt und mit neugierigen Augen alle Menschen um sich herum. Und als es zum Friedensgruß kam, da lächelte er jedem dem er die Hand gab an und es geschah tatsächlich, dass zwei seiner Banknachbarn mit ihm vor der Kirchentür stehen blieben und sich mit ihm eine Weile unterhielten. Es stellte sich heraus, dass sie seit kurzem erst schräg gegenüber von ihm wohnten und so war der gemeinsame Rückweg eine schnell beschlossene Angelegenheit.
Wieder alleine in seinem Haus war es der Alte zufrieden, räumte auf und beseitigte die Spuren des Überfalls. „Immerhin ein Anfang,“ dachte er, „vier Menschen heute schon, erst die Diebe, na ja, dann die neuen Nachbarn. Mal sehen, was für Menschen mit dies Fest morgen in mein Leben bringt.“
Und so ging er, müde vom Tag, später doch leicht genervt von der Beule beim Einschlafversuch, in sein Bett, froh und erwartungsvoll wie wohl einst die Hirten auf dem Feld, als gemäß uralter Überlieferung der Engel zu ihnen kam und seine Botschaft verkündete.
„Ja, klein ist es das Weltall, für manchen bisweilen zu klein und dann doch wieder auch viel zu groß. Es ist ein, das, unser Weltall halt, einsam und auch nicht, vor allem dann nicht einsam, wenn es durch uns Menschen zu sich selber spricht.“ Mit solchen Gedanken, die sicherlich nicht jedem Menschen, dem er am nächsten Tag begegnen könnte, sofort und leicht einsichtig oder verständlich sein dürften, fand er auf das Gleis eines tiefen Schlafes.
Die Räuber? Die Diebe? Ob er sie nicht wenigstens am nächsten Tag angezeigt hat? Wozu? Es war für ihn so schnell gegangen, dass es ihm nächsten Tag schon so gut wie nicht mehr präsent, ja wie ungeschehen war. Und das der Kopf ihm wehtat? Nun, das geschieht schon mal im Alter. „Schmerzen sind die verlässlichsten Begleiter des Alters“, sagte er immer.
Aber das Geld und was sonst noch geraubt wurde? Das war ihm gleichgültig. Geld kam. Geld ging. Wie so vieles. Die Adventdekoration war ihm geblieben und alles andere war ihm nicht so wichtig. „Was hindert es die Erde an ihren Schönheiten zu wirken und zu gestalten, dass der Mond unbewohnbar und hässlich ist“, pflegte er auch dann und wann zu sagen. Und er war nicht ein Mal beleidigt gewesen, wenn die Gesellen nach so einem Satz leicht genervt nur noch laut „Meisteeeer!“ geschrien hatten.
Gedanken eines alten Mannes am Ende eines sehr langen Weges. Mögen sie ihm und uns gegönnt sein.