Posts mit dem Label Glück werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Glück werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 4. Februar 2014

Glück dank Unglück


aus
Peter Silies
Morgenlade

dankbar dem Unglück
bin ich glücklich
dank ihm
hoch zu schätzen
meines Glückes Wert 


Montag, 20. Januar 2014

Fahrt über Land


heute
mit dem Wagen
auf Landstraßen
durch Dörfer
matt schimmernde
Grünweiden
Ruhe gesucht
Frieden
Entspannung
neue Kraft
was hier so
am Feldrain liegt
bisweilen
um die Ecken biegt
Landschaftsglück
Heimatstücke
Wurzeln

Traktorentuckern
Juchzen meines Spiegelbildes
des Knaben
mit den kurzen Hosen
sein Treiben im Hühnerstall
Schweinsblasen zum Himmel fliegen
das Blut gehört der Wurst
die Schwarte knusprig gebraten
der Hintern versohlt
nach Missetaten
frage ich mich
immer noch
wie er das ohne Angst
getragen

der Kuss hinter der Scheune
neugieriges Tasten bei Besuch
in feuchtklammen Betten
Bilder deren Worte
nicht gesprochen wurden
Tabus ohne Hinweise
durch die Muttermilch
leibhaftig
in uns geworden
Scham kannten wir nicht

wer sich schämte
gehörte verdroschen
unsere Art Frieden
Ruhe und Glückseligkeit
als Messdiener
ungebrochen
der Herrgott verzeiht

gleitet mein Wagen
durch die Erinnerung
vorbei an den Kirchen
Gehöften
verloren der Frieden
Ruhe
Entspannung
zu viel erreicht
zu wenig
von dem
was die immer
schmurtzigen Hände
damals suchten
hemmungslos
ausprobierten
als wäre jeder Tag
nur für uns erfunden

endet die Fahrt
in der Dämmerung
Auto in der Garage
an der Fernbedienung
müde
entspannt
zufrieden
das was ich jetzt sehe
reicht
muss reichen
für den Rest
meines Lebens

unseren Kindern wächst
ein anderes Land
entgegen

(c) text + bild jörn laue-weltring lingen 2013

Donnerstag, 28. November 2013

der Liebe genüssliche Zufrieden- und Bescheidenheit


während der Wind uns streichelt
unsere Augen uns ansehen
im warmen Sommerlicht
fehlt uns nichts
schweigen uns die Worte
sätzelang ein Gedicht
der Stille

umarmen wir uns
wie der Tag
vom Himmel uns spricht
reisen wir vom Morgenrot
in des Abends gewaltiges
Dämmerlicht
in sein flammendes Rot
unserer Liebe Glück

bis die Nacht uns bettet
in den Zauber seiner Sterne
unter des Mondes
stolze Sichel
sind wir bei uns angekommen
der Schöpfung großem Gesang
des Lebens Symphonie
tiefer Klang

singt uns das Erwachen
ein Klabautermann
mit seinem Leierkasten
als ein Lied der Farben
schmückt uns so
ein leichtes Zukunftskleid
ein Hauch gewebter Glitzerseide
für unseren wilden Tanz bereit
mit der Liebe
genüssliche Zufrieden-
und Bescheidenheit

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Liebesgöttin


was konnte ich dir schon sein
außer die
von unserer Zeit ramponierten
Scherben
zu Deinem Glück
ein stets arg wackeliges
Klettergerüst

nimmst Du
mich dessen
ungeachtet in den Arm
als wäre ich doch
nun nach den vielen Jahren
immer noch erst recht
Dein Märchenprinz

Küsse ich Dir
drum freudig bewegt die
hoheitliche Hand
meine Liebesgöttin

Montag, 14. Oktober 2013

Tod und Krankheit in Manila



Manila. In einer kleinen Bar aus Abfallbrettern mit einem lang schon modernden dunklem Bambusdach  trafen sich Tod und Krankheit. Sie sahen eine kurze Weile zusammen zu, wie junge Männer ihre Pfeile auf eine Dartscheibe warfen. Ein junges Mädchen sang zur Musik der Karaokeanlage, während ihre Freundinnen sich dazu im Rhythmus bewegten.
„Er ist noch nicht da“, sagte der Tod.
„Nein, aber ich glaube, ich sehe ihn“, sagte die Krankheit
Tatsächlich kam auf der vom Regen durchwühlten Straße ein junger Mann hoch und zu ihnen in die Bar. Er begrüßte kurz die Dartspieler und sah dabei zu dem Mädchen hin.
„Willst Du gleich? Wir haben wenig Zeit in dieser Stadt“, sagte der Tod.
Die Krankheit sah zu dem wie ihm schien bildhübschen jungen Mann, dessen Augen ehrlich und freundlich in die Barwelt sahen.
„Er freut sich so. Ein netter Kerl. Warum soll ich ihn mit mir schlagen? Kannst Du ihn nicht einfach zeichnen und patsch ist es vorbei. Ich sehe ihn ungerne leiden. Es wird hier doch schon genug gelitten, meinst Du nicht?“
„Vielleicht“, sagte der Tod.
„Du bist ihnen eine Erlösung, ich bin ihnen nur ein böses Übel, oder“, sagte die Krankheit.
„Ist wohl so. Jeder hat halt seinen Job“, sagte der Tod und nickte verständnisvoll und sah zu dem Jungen hin. Das Mädchen hatte mit dem Singen aufgehört und sah ebenfalls zu dem Jungen. Sie ging auf ihn zu, strahlte ihn an und umarmte ihn.
 „Oh weia, auch noch frisch verliebt“, sagte die Krankheit.
„Es wird ihr nicht gefallen, wenn er ihr jetzt gleich leblos in den Armen liegt“, knurrte der Tod.
„Nein“, sagte die Krankheit leise.
„Wir kommen immer ungelegen und die hier werden dann alle diesen schrecklichen Moment mit in ihr Leben nehmen müssen“, fuhr der Tod fort.
„Die kennen Dich hier doch, mehr als es ihnen lieb sein kann. Das weißt Du, warst schon kräftig tätig bei allen Familien, bist ja fast wie ein Rasenmäher hier. Ich glaube, sie werden es verkraften. Aber der Junge, der sollte nicht leiden. Wenigstens er nicht.“
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte der Tod.
„Nein, in Manila haben wir nie viel Zeit. Viel Arbeit bei den Soldaten, bei den Rebellen und in den Slums“, stöhnte die Krankheit.
„Ja“, sagte der Tod.
Das Paar drehte sich um und ging zu den Dartspielern. Der Junge zog kleine Briefumschläge aus der Hosentasche und gab jedem eine, den Rest gab er dem Mädchen, die diesen an ihre Freundinnen verteilte.
„Ihr kommt doch zu unserer Hochzeit“, fragten sie die Empfänger und alle nickten, einige umarmten die beiden.
„So eine Scheiße! Die wollen heiraten,“ sagte die Krankheit.
Der Tod sagte nichts, sah nur nachdenklich zu den jungen Leuten hin. Schließlich sah er die Krankheit traurig an.
„Also, was machen wir? Erst Du, dann ich oder nur ich?“
„Wie viel Zeit gibst Du mir?“
„Ein paar Monate. Es wird nicht leicht für ihn, bis ich ihn erlöse.“
„Und für sie?“
„Für sie auch nicht. Sie wird ihn pflegen müssen.“
„Aber er könnte heiraten und sogar Vater werden?“
„Werden ja, lange erleben nein.“
„Und sie?“
„Steht ganz weit unten auf der Liste.“
„Das Kind würde also keine Waise werden?“
„Nein, jedenfalls soweit ich die Liste überblicken kann!“
Die Krankheit nickte, ging zu dem Jungen, schlug ihn und dann trat der Tod von hinten heran und zeichnete ihn. Der Junge spürte kaum etwas davon, lächelte seine Braut verliebt an und freute sich seines Lebens.
Tod und Krankheit aber sahen zu, dass sie zu ihren nächsten Kunden kamen. Richtig wohl fühlten sie sich nicht mit ihrer Entscheidung. Aber letztlich hatten sie ja wie meist nur gemäß ihrem Auftrag gehandelt. Ihr Spielraum ist eben nur klein.

© bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Die Mürrische




Es war zu der Zeit, als die letzten Bauern ihre Ackergäule gegen Traktoren tauschten und im Dorf die Witwen und Witwer an ihren dunklen Gewändern leicht erkennbar waren. Allerdings gab es mehr Witwen als Witwer. „Der Krieg“, sagten die Leute noch, „der Krieg ist schuld.“
Samstag war noch Waschtag und „Vati“ gehörte an dem Tag noch nicht uns, wie es auf den Plakaten der Gewerkschaften stand, sondern dem Betrieb und wir Kinder in die Schule. Klosettspülungen gab es für die in der Stadt und von da kam auch das Fremdwort „Urlaub“ in unsere Dörfer.
Damals lebte noch die Mürrische am Dorfende, in dem kleinen Häusleranwesen neben dem ehemaligen Großbauern Tünken. Der hatte keinen Sohn aus dem Krieg zurückbekommen, nur er selber hatte „hinter der Front“ überlebt. Die Uppschulte, wie sie richtig hieß, und ihr Mann, Uppschultes Adolf, mussten nicht mehr für Tünken Dienste leisten, nannten ihr Haus ihr eigen und zogen darin 7 Kinder auf, hatten drei auf dem Friedhof liegen und malochten von früh am Morgen bis spät in die Nacht. Uppschultes Adolf hatte sein Auskommen an der Bahn gefunden, als Rangierer, die nahmen damals auch die Bauernsöhne ohne Ausbildung. Die Frauen blieben bei uns noch zu Hause und versorgten das Vieh.
Nun hatten es alle im Dorf noch schwer in jenen Tagen, was man Händen und Gestalten jederzeit ansah und in ihren Stimmen hören konnte. Wir Kinder trugen die Kleider der Geschwister auf und hatten Festtage, wenn für uns etwas Neues daraus geschneidert wurde. Meine Mutter war die Schneiderin im Dorf und mein Vater hatte die erste Tankstellenkonzession in der Gegend erhalten. Selbstverständlich hielten wir trotzdem weiter unsere Schweine und Kühe im Stall und draußen auf dem Hof gackerten die Hühner und schnatterten die Gänse. Luftballons bekamen wir an den Schlachttagen im Herbst, das waren Schweinsblasen, die uns der Schlachter gerne überließ.
Trotzdem, es war eine gute Zeit, der Krieg endlich vorbei und die scheußlichen Naziklamotten vergammelten bereits auf den Dachböden. Wir lachten viel, vor allem wir Kinder, genossen den Frieden und was auf die Teller kam. Die große Hungerzeit war vorbei und wir alle waren es mehr als zufrieden.
War die Arbeit auch schwer und viel, das Sitzen auf den Schulbänken hart und der Lehrer streng, es gab genug Freiheiten und wir fühlten uns stark genug für alle Zeiten.
Höhepunkte waren in unserem Leben die Namenstage, üblicher als die Geburtstage in unserer streng katholischen Gegend. Dazu kamen Weihnachten, Ostern und zweimal im Jahr Kirmes, einmal mit Schützenfest.
An sonnigen Tagen, wenn auf den Feldern und Äckern nichts für uns zu tun war, strolchten wir die Dorfstraße rauf und runter, runter und rauf. Wir Kinder mussten nur aufpassen, den Erwachsenen nicht im Wege zu stehen bei deren Arbeit.
Und dabei fiel sie uns auf: die Mürrische. Wir wussten, dass auch unsere Eltern sie so nannten, wenn auch nicht vor uns. Wir sollten noch nicht alles wissen und getreu der Bibel alle Eltern achten, ehren und lieben.
Trotzdem hieß sie für alle nur die Mürrische, nie Fehrens Maria, wie sie vor ihrer Hochzeit wirklich hieß und wie alle Frauen bei uns nach ihren Eltern genannt wurden. Die Mürrische war keine Witwe, ihr Adolf lebte und schuftete ja noch sichtbar auf seinem Hof und an der Bahnstrecke, wo wir ihn manchmal sehen konnten in seiner dunklen Montur. Trotzdem hatte die Mürrische nur dunkle Klamotten an, hatte diese angezogen nach dem Tode ihrer Eltern und nie wieder ausgezogen. Sogar unser Pastor soll ihr einmal gesagt haben: „Liebe Frau Uppschulte, Ihre Elternliebe geht zu weit. Und denken Sie denn gar nicht an Ihren Mann? Der Herrgott gibt uns Grund zum Trauern, ja, aber er gibt uns auch Grund zur Freude. Also, versündigen Sie sich nicht weiter am Herrn.“
Das soll der Mürrischen aber ziemlich egal gewesen sein, blieb auch ein paar Wochen danach am Sonntag zu Hause und ließ ihren Adolf alleine zum Sonntagsgottesdienst gehen.
Nun war es nicht so, dass wir anderen im Dorf dauernd lächelnd oder gar fröhlich durch das Dorf liefen. Eher im Gegenteil. Man guckte meist gleichgültig „aus der Wäsche“, lächelte aber bei Begrüßungen oder wenn man jemanden ansah. Nicht über das ganze Gesicht, eher flüchtig. Aber das reichte ja auch. Wir sahen es. Wir wussten es. Es war unsere Form von Nettigkeit und die Art, wie wir Gefühle zeigten. Die Alten natürlich weitaus mehr als wir Kinder, die wir unsere Gesichter noch nicht so unter Kontrolle hatten, was besonders beim Lügen ärgerlich war.
Die Mürrische aber war anders, mehr verschlossen, mehr mürrisch, abweisend, bisweilen finster blickend, egal ob sie jemanden sah, ob fremd oder bekannt und verwandt.
Wir Kinder haben sie nie lachen gesehen und die Alten im Dorf behaupteten, sie ebenfalls nicht. Schon da nicht, als die Eltern von der Mürrischen noch am Leben gewesen wären.
Andererseits haben wir sie nie schimpfen gehört oder keifen, wie wir sagten. Die Mürrische machte einfach nur jeden Tag ein Gesicht, als wäre ihnen ein Ferkel verreckt oder der Hagel in die Getreideernte geschlagen. Und das immer und überall, auch auf der Kirmes und dem Schützenfest. Es gibt sogar ein Foto von ihr, da war ihr Adolf Schützenkönig geworden und sie steht neben dem freundlich lächelnden Adolf, hat ihre Mundwinkel herunter gezogen, die Augen zusammen gekniffen und steht, als hätte ihr der Adolf den Besen hinten als Stütze fest getackert.
Ansonsten war nichts Böses über sie zu sagen und auch ihre Kinder beklagten sich nie über ihre Mutter. Wahrscheinlich fiel es ihnen auch nicht auf, weil sie die Mutter ja nie anders kennen gelernt hatten.
Eines Tages aber waren sie und der Adolf sehr traurig. Die Mürrische war von einem Idioten aus der Stadt mit dem Auto überfahren worden, als sie gerade mit ihrem Fahrrad vom Feldweg in die Landstraße einbiegen wollte. Sie starb wohl noch dort, vor dem Auto auf den Schottersteinen.
Zur Beerdigung kam natürlich das ganze Dorf und der Pastor wusste viel Gutes über sie zu sagen. Jetzt war sie plötzlich doch die Fehrens Maria und keiner von uns wird wohl vergessen wie Uppschultes Adolf weinte und weinte, während des Trauergottesdienstes und den ganzen Weg hinter dem Sarg zur Grabstelle auf dem Waldfriedhof, dort weiter schluchzte und zuckte, bis ihm die Knie nachgaben und er nur deshalb nicht zu ihr in das Grab fiel, weil seine Brüder ihn sofort festhielten und stützten.
Das geschah zu der Zeit, da wir Kinder am Tisch uns schon trauen konnten etwas zu fragen und darum fragte ich meinen Vater, warum Uppschultes Adolf denn so fürchterlich geweint habe, obwohl die Frau doch so entsetzlich mürrisch gewesen sei und hässlich obendrein, denn das war sie, zumindest in unseren Kinderaugen, auch noch gewesen: dürr, knochig, mit großer Nase und Buckel.
Vater antwortete nicht gleich, sah uns nur traurig lächelnd an, versprach dann, am Abend zu antworten, sah dabei die Mutter an, als brauche er dafür ihre Genehmigung und die nickte.
Am Abend trafen wir uns in der Küche, diesmal nicht um 66 zu spielen sondern mehr zu erfahren über die Mürrische. Was aber der Vater dann erzählte, war etwas ganz anderes, als wir erwartet hatten. Dachten wir doch, ein schlimmes Erlebnis habe die Frau so geschaffen, oder der Adolf hätte ihr vielleicht viel Kummer bereitet so wie Klassens Bernd Trackens Johanna mit seiner Sauferei.
Der Vater wusste von einem Gespräch zu berichten mit dem Adolf am Abend genau des Schützenfestes, an dem Adolf Schützenkönig geworden war. Die Männer hätten wie immer viel getrunken und im Suff plötzlich über die Mürrische geredet und Adolf deswegen aufgezogen bis der Adolf zugeschlagen habe und es zu einer der üblichen Kloppereien gekommen war, wie es bei den Schützenfesten auf allen unseren Dörfern immer wieder vorkam.
Vater hatte Adolf danach zu dem nach Hause gebracht, wo die Mürrische schon geschlafen hätte. Und da hätten sie noch ein wenig in der Küche gesessen und zwei oder drei Gläser Schnaps getrunken und geredet. "Na, wenn das nich'n paar mehr wesen!" warf Mutter grinsend ein.
Wir horchten still und gespannt, kannten es nicht anders, als das die Geschichten weit vorher begannen und das, um das es eigentlich ging, erst ganz spät am Ende kam und das das so war, damit jeder genau alles vor sich sah, jeden Nachbarn, jedes Gehöft und die Zeiger der Zeit in den großen Pendeluhren der Wohnstuben.
Vater nannte selbstverständlich alle Beteiligten der Klopperei und auch die, die nur rumstanden und Mutter ergänzte ihn. Dabei durften verwandtschaftliche Hinweise und Nebengeschichten nicht fehlen, wie die vom Schützenfestaugust, der immer besonders auffiel, aber nur bei den Festen und dort gerne den Kasper und Hanswurst gab oder von unserer Tante Elfriede, „die ja von da wohl ihren Bengel hat, von hinterm Schützenfestzelt, Hinzackers Friedhelm war da wohl bei der dran“.
Uns Kindern war es so recht, hatten wir außerdem doch die Hoffnung so etwas länger aufbleiben zu können, denn vor dem Ende einer Geschichte wurden wir nie ins Bett geschickt.
Vater und Adolf hatte also in der Küche zusammen gehockt, vor ihnen das damals unvermeidliche Fliegengebammel, dass nur zu Festtagen ausgewechselt wurde oder wenn wirklich keine Fliege mehr daran festkleben und verrecken konnte. Sie hatten die Holzläden geschlossen, denn unser Schützenfest fand immer an feuchtkalten Herbsttagen statt, an denen aber noch keiner den Ofen mit den teuren Briketts fütterte. Und da hat der Adolf dem Vater erzählt. Stockend, schluchzend und sich erinnernd.
„Die Maria, ich weiß, ihr nennt sie die Mürrische, alle tun das, und sie weiß das, die Maria. Sie ist nicht so. Es ist halt ihr Gesicht, aber, und das kannste mir glauben, wenn die Maria mal lacht oder sich freut, wenn wir uns mal drücken und so, da hat sie ein Gesicht, Du, das hat keine andere Frau. Wirklich nicht, wenn ihre Augen strahlen geht der Himmel auf, wirklich, und es wird einem warm ums Herz, die Brust, Du weißt schon, und das hat die Maria nur für uns, für mich und die Kinder, denn sie liebt uns. Die Maria hat ein Herz, sag ich Dir, das ist wirklich aus Gold. Für sie ist keine Arbeit zu viel, wenn es nur man für uns ist. Um jeden sorgt und kümmert sie sich. Und wenn sie dann mal fröhlich ist, lächelt, dann ist immer alles gut hier und mögen auch Tage und Wochen, ja Monate bis zum nächsten Mal vergehen, dann ist das egal, weil es ja kommen wird, wiederkommen, ihr Strahlen, ihr leises Lachen, ihre Fröhlichkeit, denn die kommt bei ihr, weißt Du, wirklich von hier, ganz tief aus ihrem Herzen. Nein, sie ist keine Mürrische, guckt halt wie sie guckt, ohne böse Gedanken, ist halt schwer unser Leben, diese ganze Plackerei, da kannste nicht den ganzen Tag lächeln und Leute anstrahlen. Das kannste nicht, sie schon gar nicht. Bei ihr ist immer alles echt. Es gab bisher nie ein böses Wort zwischen uns. Nie. Und ich liebe sie so!“ Und dann hatte der geweint und Vater mit seinen Händen um das Schnapsglas daneben gesessen und ihn heulen lassen. Schließlich habe er dem Adolf die Hand auf die Schulter geklopft und sich davon gemacht in den Regen, der in der Nacht besonders heftig gewesen sei. Und der Adolf habe eine Weile einen Bogen um den Vater gemacht, weil dem das wohl dann arg peinlich gewesen wäre, die Nacht, seine vielen Worte und das Geheule danach.
Tja, da schämten wir Kinder uns plötzlich ein bisschen, denn uns war klar, dass der Adolf geweint hatte, weil wir zu seiner Maria alle nur die Mürrische sagten und er sie doch so sehr lieb hatte.
Unsere Mutter hat unseren Vater danach lange ernst angesehen und dann gesagt: „Ich hoffe, dass Du Schietkerl über mich auch mal so nette Worte verlierst. Muss ja nicht jetzt sein. Aber wenigstens vor meinem Sarg.“
Vater war verlegen und wir haben zusammen mit Mutter über ihn gelacht. Jedenfalls, so war das mit der Mürrischen in unserem Dorf damals.
Ich suche noch heute in den Augen meiner Frau, denn natürlich bin ich längst verheiratet und Silberhochzeit war auch schon, nach diesem Lächeln, dieser Fröhlichkeit die der Adolf bei seiner Maria erlebt hatte, die den Himmel bringt und das Herz ganz warm macht. Und wenn es dann geschieht, verstehe ich ihn und habe das Gefühl zu schweben. Als ich meiner Frau das mal erzählt habe, schüttelte die nur den Kopf und meinte: „Was bist Du‘n für‘n Döskopp!“ Aber das meinte sie nicht so, wie die Mürrische damals ihren Gesichtsausdruck ja auch nicht so gemeint hat.
Der älteste Uppschulte, der Heinz, der jetzt mit der Fehrens Gritta, der hat später auch noch mal ne Klopperei angefangen, als mal wieder das Wort "die Mürrische" fiel, aber danach hat sie nie wieder jemand im Dorf so öffentlich genannt und der Adolf ruht ja auch schon lang neben ihr auf dem Waldfriedhof.

Sonntag, 29. September 2013

Eine ungeahnte Nebenwirkung






















Es geschah seit Jahren. Seit wann genau, wusste sie nicht. Es hatte einfach irgendwann angefangen, als sie beide die vierzig überschritten hatten.
Und es geschah jede Nacht. Sie meinte, sogar den Wecker danach stellen zu können.
Erst knarrte es kaum hörbar neben ihr und sie spürte seine Bewegung, wie er sich neben ihr vorsichtig und leise, um sie nicht auf zu wecken, erst aufsetzte, dann aufstand und ebenso leise aus dem Schlafzimmer schlich.
Sie wurde trotz dieser Behutsamkeit seitens seiner Bemühungen schon bei dem ersten Geräusch wach, schlief aber wieder leicht ein, nicht tief, denn sie wurde sofort wieder wach, wenn er leise zurück in ihr Schlafzimmer und um das Bett zu seiner Schlafseite schlich.
Sie bewegte sich nie, gab nicht zu erkennen, dass sie ihn hörte, durch ihn wach geworden war, dachte auch nicht wirklich darüber nach, warum eigentlich.
Vielleicht wollte sie ihn nicht verletzen, vielleicht aber auch nur nicht in Gänze erwachen, weil es ihr danach schwer gefallen wäre sofort wieder in ihren Tiefschlaf zu gelangen.
Er legte sich mit den kleinen, nur für sie hörbaren Geräusch ins Bett zurück in das Bett, flüsterte:“Ich liebe Dich!“, berührte dabei ganz leicht, kaum aber doch als warmer Hauch spürbar, ihren bloß liegenden Arm und schlief weiter. Auch sie schlief sofort nach dem „Dich“ wieder ein, tief und fest.
Trotzdem tat ihr Mann ihr leid, dass er jede Nacht zur Toilette musste, auch wenn er sich nie darüber beschwerte, aber das taten Männer ja sowieso nicht so gerne, machten lieber auf starke Kerle, es sei denn sie bekamen Schnupfen, Husten oder Bauchschmerzen.
Also ging sie zu ihrem Hausarzt und ließ sich ein Pulver gegen Harndrang verschreiben. Das gab sie ihm noch am gleichen Abend zu trinken. Es sei gesund, sagte sie und trank selber mit, hatte in ihrem Glas aber etwas ganz anderes.
In dieser Nacht schlief sie schlecht. Noch vor der Zeit, in der gewöhnlich das Bett neben ihr leicht zu knarren pflegte, lag sie wach und dies über eine Stunde lang.
Als sie endlich wieder einschlief, geschah dies unruhig und mit verwirrenden Träumen.
Das wiederholte sich nun Nacht für Nacht und sie wurde immer unausgeschlafener, bis es auch ihm auffiel und er sich besorgt erkundigte, was denn los sei. Bei der Gelegenheit berichtete er ihr, dass er jahrelang nachts habe Pinkeln müssen, dies wundersamer Weise seit ein paar Tagen aber nicht mehr. Er habe ihr nie davon erzählt, da es ihn nicht wirklich gestört habe. Im Gegenteil. Er habe sich jedes Mal gefreut, sie neben sich spüren zu können und sei deshalb wohl immer wieder sofort eingeschlafen.
Während dieser kurzen Wachphase aber habe sie immer gut und tief schlafend da gelegen. Ob sie vielleicht statt seiner nun jede Nacht?
Sie musste weinen bei diesen Worten von ihm, erklärte aber nichts, ließ an diesem Abend nur das Getränk gegen Harndrang weg und siehe, es wurde wie all die Nächte in den jahren davor. Sie wachte erst auf, als er sich bewegte und schlief wieder ein nach dem er „Ich liebe Dich!“ geflüstert hatte.

Mittwoch, 25. September 2013

wahres Glück wahres Leid

aus
Peter Silies
Morgenlade:

zum wahren Glück
bedarf es
auch des wahren
Leids

bedarf es
eines Menschen
der beides
empfinden kann
ohne daran
zu zerbrechen
oder völlig
ab zu heben

Donnerstag, 1. August 2013

Anfang und Ende



Anfang kommt und
Ende, Jahr für Jahr
mehr Pflichten
beim Fischen

im Boot
die Flügel gebrochen
Leck geschlagen
verreckt der Motor

breiten sich heute
nur noch meine müden Arme
aus für Dich, mein alter Glückskäfer
im Blindflug über den Wellen

Freitag, 26. April 2013

Abschied




dein Lächeln bleibt, wie du ja weißt
wie Rosen aufrecht in der Vase stehen
wird mit mir es durch manch Tage gehen
bliebe da nicht eine Sehnsucht, die beißt

 


verzweifeln lässt, als wär ich aufgewacht
in einem anderen Leben als böser Traum
schwimmend in giftigem Abwässerschaum
ist‘s Dein Abschied, der mich so traurig macht


wo nun Geister aus Beton entsteigen
vermisse Blume ich, Blatt und Baum
was Du mir bist nicht nur im Traum
unser Wunder uns im Arm beim Reigen

wartet ein Dorfplatz dicht bei unserem Glück
gewohnt geschmückt und aufgefahren
was von Deinen Wünschen wir erfahren
sehnt so meine Liebe Dich alsbald zurück