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Sonntag, 2. Februar 2014

Tag und Nacht



kein Tag beendet die Nacht
aber er bereitet sie täglich vor

wie die Nacht dem Tag entsteigt
erschafft auch sie Tag auf Tag

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Samstag, 11. Januar 2014

Abschied: Heiko Bauriedl zum Gedächtnis

Ein ganz besonderer Mensch hat von uns gehen müssen: 
Heiko Bauriedl!



Darum hier jetzt nur für ihn zu Ehren noch einmal ein paar Zeilen, die ich ihm schrieb zu seinem letzten Geburtstag, entsprechend abgewandelt:

Für Heiko, nun leider in Memoriam

Es haben uns die Jahre, Heiko
in die Füße gepickt, in das Genick
geschlagen, gewürgt den Hals
mit Freude ertränkt, in Liebe verstrickt
mit Sehnsucht gefüttert, den Ball uns
weggeschlagen vorbei am Tor

und doch haben wir
oft gut geschlafen, lächelnd begrüßt
so manchen Morgen, die Kraft verspürt
für schöne Taten, Menschen gespürt, auch
hautnah, zu Tränen gerührt, im Glück geprüft
wie all das Leben ist und wunderbar

… Du Freund im wahrsten
besten Sinne für uns und unser Leben Mangelware
mit großem Dank dafür, dass es Dich für uns so
gegeben hat, Du so bei uns warst
in unseren Herzen weiter wohnen wirst

als einer der friedlich war, ein Menschenfreund

Freitag, 1. November 2013

Unbekannter Herkunft























Auch wenn er keine Uhr mehr trug, weil er die Uhrzeit ja im Handy finden konnte, und hier keine hing, war er sich sicher, dass es auf seinen Feierabend zuging, eine Stunde vielleicht noch, draußen dürfte es bereits dämmrig sein, vielleicht sogar dunkel. Bald schon würde es ausreichen, dass nur zwei Kolleginnen den Laden betreuten, da nur noch einzelne Kunden vorbei kamen. Jetzt würde in der fast noch neuen, weil erst ein halbes Jahr alten Passage, dem Stolz der Ratsherren, das Geschäft mit Getränken und Speisen noch einmal kurz aufblühen, die Tageskasse retten und die Angestellten, zumeist 400-Euro-Jobber über die zwischenzeitliche Langeweile hinweg trösten.
Die Frau erschien ihm älter zu sein, wahrscheinlich bereits Großmutter, gediegen gekleidet, nicht teuer aber geschmackvoll im Stil der Alten. Gedämpfte Töne, dichte Farben und Stoffe, perfekt verhüllt. So dachte der Buchhändler gegenüber der Eisdiele als er sie zwischen den Bücherstapeln ziellos herumlaufen sah. Da der Eingangsbereich sehr breit und offen war um die Kunden förmlich in den Bookstore, so hieß das in diesen Tagen, hinein zu ziehen, hatten alle Angestellten die strikte Weisung jeden Kunden dort genau zu beobachten und auf diese Weise die Ladendiebstähle so gering wie möglich zu halten.
Diese Frau sah ihm nicht nach einer Buchdiebin aus, aber wer sah schon danach aus. Ihm kam es so vor, als wenn sie sich eher zu ihnen hin verirrt hatte, als das sie wirklich nach einem Buch suchte. Obwohl er mehrere Kunden zu bedienen hatte, vor allem Frauen, nur einen Mann, um diese Zeit eher normal, auch die kleinen Kinder und Kinderwagen mit denen diese Frauen die schmalen Wege zwischen den Büchertischen versperrten, ließ er die ältere Dame, ja so war die Beschreibung wohl korrekt, nicht aus den Augen. Er war sich sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben, was aber auf viele Kunden zu traf, besuchten doch vor allem Auswärtige die Passage. Gelegenheitskunden, mal Schmetterling, mal Vampir, oft nur wie die kleinen Wölkchen an dem windgestressten Himmel über dieser norddeutschen Stadt. Kaum wahrgenommen schon vergessen. Nicht so diese Dame. Obwohl ihm völlig unbekannt, kam sie ihm doch mehr als vertraut vor, ihre Kleidung, ihr vom Friseur mit Lockenwicklern aufgepepptes Haar, ihr zeitloses Brillengestell. Vielleicht hatte sie ja den Optiker zwei Läden weiter aufgesucht, sich diese mit neuen Gläsern fertig machen lassen, ja, solche Brillen zum Niedrigpreis führte der. Preiswert, nicht billig, wie seine Werbung versprach. So wie sie sahen die Frauen ihres Alters auch in seiner Familie aus Buchhändlern, Lehrern und Ingenieuren aus. Früher bekamen die Frauen jenseits der Vierzig diese Kleidung bei dem großen Textilkaufhaus mit holländischen Vorfahren. Wo heute, war ihm nicht bekannt. Diese Qualität von früher führten die nicht mehr, wurde geklagt. Klagte auch diese Frau darüber? Hier in der Passage dürfte sie jedenfalls nicht fündig werden. Wusste sie das nicht, hatte sie tatsächlich gehofft für ihr Alter und ihre Figur etwas Schickes zu finden, vielleicht für eine Hochzeit oder den Urlaub?
Oder hatte sie sich mit ihren Töchtern verabredet, oder einer Tochter mit Enkelkind und diese hatten sich verspätet. Wahrscheinlich war es so, denn plötzlich ging die in seinen Augen fast perfekte ältere Dame zielstrebig aus dem Laden heraus ohne links und rechts, geschweige denn zu ihm hin zu sehen. Er konnte von der Kasse aus noch sehen, wie sie das Geländer um die Rolltreppen herum schritt und die Eisdiele betrat. Von da an ließ er sie in Ruhe, war sie doch keine mögliche Kundin oder, was ihm aber jetzt noch mehr unmöglich schien, keine Ladendiebin mehr. Nur eine von den vielen, die hier zwischen den Büchertischen sich die Zeit vertrieben und ganz selten einmal sich verführen ließen ein Buch zu erwerben, meistens dann als Geschenk, wahrscheinlich als Vorrat für Geburts- und Festtage. Seine Mutter und ihre Schwestern hatten es jedenfalls so gehalten und damit eine zwar allen bekannte, aber nicht und niemals zu berührende Kiste bestückt mit günstigen Gelegenheitsfundstücken, die dann bei entsprechenden Anlässen im Familienkreis ihren Auftritt bekamen.
Die Dame wurde jetzt von Norbert, dem Kellner der Eisdiele, registriert und taxiert. Der hieß Norbert, obwohl viele meinten , er müsse Luigi heißen, denn so sah er aus, schwarz- und kraushaarig, gebräuntes schmales Gesicht mit sehr lebendigen und fröhlichen Augen, so aussehend wie viele hier sich einen italienischen Kellner vorstellten und auf keinen Fall einen Norbert.
Dieser Norbert dachte sofort ähnlich über sie wie der Buchhändler von gegenüber, ein ihm mittlerweile vertrautes Wesen, von ihm aus gesehen aber nur mit Kopf und Schultern ausgestattet. Kassentresen und Kunden verdeckten den meist. Sie hatten noch nie miteinander gesprochen, da der Buchhändler wohl kein Eis mochte und auch kein Getränk von der Getränkekarte oder vielleicht einfach nur alles hier als Arbeit ansah und darum lieber schnell in den Feierabend verschwand. Noch nie, von ihm durchaus gleichgültig zugegeben, hatte seinerseits Norbert den Buchladen betreten, schon gar nicht ein Buch dort gekauft. Die paar Bücher zu Hause hatten ihm Eltern und Freundinnen geschenkt, nein, zwei waren von Freunden. Gelesen hatte er die Bücher, aber trotzdem nie dadurch den Wunsch bekommen, sich selber Bücher zu kaufen.
Auch er meinte die Frau noch nie gesehen zu haben und auch ihm war ihr Erscheinungsbild zugleich sehr vertraut. Von ihrer Sorte kamen oft welche in seine Eisdiele, zumeist mit Frauen im gleichen Alter, sich Zeit nehmend, plaudernd, wahrscheinlich beim Austausch von Tratsch und Klatsch. Diese hier aber kam allein, setzte sich nicht, lief quer durch die Eisdiele und kam genau so unsicher wirkend zurück. Suchte sie jemanden? Hatte sie sich verabredet?
Im Gegensatz zum Buchhändler sprach Norbert nach den mehrmaligen hin und her Wanderungen die Dame an.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Kenne ich Sie junger Mann?“
„Nein, ich glaube nicht. Alle sagen Norbert zu mir.“
„Norbert, sind sie da ganz sicher?“
„Ja, warum?“
„Nein, Norbert sind sie nicht. Sie sehen nicht wie er aus. Norbert war blond, dick und schwitzte. Schwitzen Sie?“
Norbert schüttelte den Kopf und sah sie genauer an, versuchte in ihre Augen hinter den Gläsern zu blicken.
„Wollen Sie sich nicht einen Moment setzen. Sie können hier warten.“
„Ich warte nicht junger Mann. Sehe ich so aus als wenn ich warte?“
Wieder wollte er spontan den Kopf schütteln, fast gehorsam ihr zugewandt, nickte dann aber doch.
„Ja, ich dachte, sie suchen jemanden.“
„Junger Mann, das hier, wo ist das, wo kommt das alles her?“
Sie zeigte sichtlich erbost um sich herum.
Norbert verstand. Das kam öfter vor, dass die alten Leute in der Passage plötzlich das Gefühl hatten, nicht mehr zu wissen wo sie sich befanden, da es so etwas wie dieser Einkaufstempel zuvor in der kleinen Stadt am großen Kanal nicht gegeben hatte. Diese Frau hier kannte bestimmt nur die alten Baracken, in denen zuletzt Flüchtlinge auf ihre Aufenthaltserlaubnis oder Abschiebung warten mussten, davor die Flüchtlinge, da war er selber noch nicht geboren, und vor denen im Adolf-Reich die KZ-Häftlinge, keine Juden, die hatten sie wohl schon alle wegtransportiert, nur die Politischen und die Kriegsgefangenen. Und jetzt bestimmt bei ihr der Schock über das neue Wahnsinnsgebäude, dass fast ein Fünftel der Stadt einnahm und an nichts mehr erinnerte, was unter ihrem kellerlosen Boden für Geschichte lag. Er selber dachte nie daran, im Geschichtsunterricht hatte es ihn schon angeödet. Heute ist heute, Vergangenheit tot, schlimm genug wie unsicher die Zukunft heute war.
„Sie sind in der neuen Passage. Sehen Sie, da geht es weiter zum Ausgang Richtung Bahnhof und in der anderen Richtung kommen sie zum Ausgang Richtung Rathaus.“
„Aha, zum Bahnhof, das ist gut.“
Sie ließ Norbert, der eigentlich Luigi heißen müsste, wenn es nach den Besuchern der Eisdiele ginge, einfach stehen und ging, ja stolzierte mit hochgezogenen Schultern in die Richtung, die er ihr als die zum Bahnhof gezeigt hatte.
„Danke“, sagte er leise zu sich selbst, schüttelte den Kopf und vergaß sie angesichts dreier hübscher Stadtmädels, die oft zu ihm kamen und immer mit ihm flirteten.
Eine, die frechste, rief bereits „Luigi, pronto!“ und lachte ihn herzlich an.
Die Dame schaffte es bis zum Ausgang, betrat die Straße, registrierte kaum die Dunkelheit, die grellen Lichter, die sie durchstießen, die meisten in dem Versuch auf eine Dekoration aufmerksam zu machen. Dies hier kam ihr immerhin bekannt vor und sie erkannte auch sofort rechts das warme Rot der Backsteinfassade des Bahnhofs. Ohne sich um zu sehen ging sie entschlossen auf das Gebäude zu, überquerte zügig den Zebrastreifen, was den Fahrer eines silbermetallic Cabrios dazu zwang in die Bremse zu treten und ging die Stufen hoch, betrat die Wartehalle und blieb erst nach dem Verlassen derselben am Bahnsteig stehen. Hier sah sie sich wieder um, nach beiden Seiten, das erste Mal nach dem Verlassen der Eisdiele hatte sie wieder das Gefühl sich hier nicht aus zu kennen. Alles hier war verändert worden, nicht unschön, im Gegenteil, es gefiel ihr, aber trotzdem war es fremd.
Ratlos drehte sie sich um und ging zurück durch das Gebäude zum Bahnhofvorplatz. Erst jetzt sah sie, dass auch hier nichts mehr war, wie in ihrer Erinnerung. Doch, das Hotel gegenüber, der Kasten war so gräulich wie immer. Daher ging sie wieder über den Zebrastreifen und betrat den Eingang, der sie aber nicht zum Hotel, sondern in die Gaststätte führte. Irritiert blieb sie daher stehen und sah sich verzweifelt um. Eine junge Kellnerin entdeckte sie und kam sofort auf sie zu.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Heißen Sie angeblich auch Norbert?“
Die Dame sah die Kellnerin streng an. Diese lächelte
„Nein, wieso?“
„Dann ist gut. Ich suche den Bahnhof. Ich glaube, ich muss zum Zug.“
„Der ist da drüben.“ Die Kellnerin zeigte in die Richtung, sah dabei die Dame misstrauisch geworden an. Sie hatte Erfahrung mit Demenz, ihr Vater litt seit einiger Zeit unter dieser in ihren Augen fürchterlichste aller fürchterlichen Krankheiten.
„Da war ich. Aber es kam kein Zug.“
„Wohin müssen Sie denn?“
Die Dame schilderte ihr den Ort, kurz und knapp. Die Kellnerin nickte.
„Das ist ganz einfach. Wenn Sie in den Tunnel gehen, finden sie rechts eine Treppe. Die führt zum Bahnsteig.“ Sie sah zur Uhr über dem Eingang. Die hing dort für die Gäste, die hier nur auf den Zug warteten und sich dabei ein wenig stärken wollten.
„Der nächste kommt in zehn Minuten. Das schaffen sie bequem.“
Die Dame nickte, drehte sich um und verließ das Haus mit ihren energischen Schritten. Diesmal kam kein Auto, so dass keiner für sie bremsen musste beim Überqueren des Zebrastreifens.
Sie wandte sich nach links zu der Unterführung und ging die breit und sanft sich absenkende und verengende Fläche hinunter bis sie, schon fast vor der Treppe, plötzlich abrupt stehen blieb.
Sie blieb wirklich stehen. Ganz steif, wirklich regungslos, so empfand es jedenfalls der große und stark beleibte Mann in der dunkelblauen Uniform einer Securityfirma, der vor dem Bahnsteigfahrstuhl für die Rollstuhlfahrer stand und hoffte, dass nichts geschehen möge, was ihn dazu zwingen könnte, seine in der viel zu kurzen Ausbildung erworbenen Fähigkeiten, von denen er ganz und gar nicht überzeugt war, sie auch nur im Ansatz so nennen zu können, anzuwenden, wahrscheinlich vergeblich und mit schlechten Ausgang für ihn.
Diese ältere Dame, „bestimmt eine Großmutter, vielleicht schon Witwe, „die Frauen leben ja einfach länger als wir Männer“, dachte er, „die steht komisch da. Was hat sie nur? Warum geht sie nicht weiter?“
Er rührte sich aber nicht, sah nur besorgt zu ihr hin, die rechte Hand vorsichtshalber am Handy, bereit sofort den Notdienst an zu rufen, möglicherweise fiel sie ja gleich um.
Genau das tat die Dame nicht. Stattdessen schrie sie plötzlich laut um Hilfe, ein Arm samt Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigte dabei auf ihn, den Securitymann.
Sie sah ihn, sah den Tunnel ängstlich an, trotz seinem eher fröhlich in Grün-Rot changierendem Licht einladend, jedenfalls wenn es nach dem Willen des für diesen Tunnel preisgekrönten Architekten ging, wirkenden Durchganges von der Innenstadt hinüber in die eingemeindeten Exdörfer, nun Stadtteile im vergeblichen Bemühen, ihre alte Identität zu bewahren.
Sie schüttelte sehr kräftig und schnell den Kopf, schrie, zeigte mit dem Finger, schrie.
Da war er wieder. Der Kollege des Vaters, groß und schwer, stinkend, gierig, brutal, über ihr, überall, in ihr, diese Schmerzen, Schmerzen, danach die Scham, die Angst, die Tage voller Trauer, voller Angst, die Zeit, bis sie es endlich verpackt hatte, ganz weit weg, nie wieder hervor gezogen, nie wieder betrachtet oder abgewogen. Nie wieder, bis jetzt, bis hier der Tunnel wieder da war, der Kollege, alles.
Sie wusste nicht, dass dieses das bösartigste Geschenk der Krankheit war, die sich in ihr ausbreitete ohne Schmerzen, ohne sichtbare Verformungen oder Bruchstellen. Eine Krankheit im Kopf und in der Seele. Es war das Endstadium, dass sie zu kosten bekam, die Zeit, in der ihr nur noch die Bilder ihrer Kindheit blieben, die grausamen, die schlechten und alles sich in Angst auflösen würde, bis nur noch die Angst blieb, Schemen sie jagen würden, Dunkelheiten, mächtige Feuer, Gewitter, das Fegefeuer konnte nicht schlimmer sein.
Noch aber sah sie Gesichter, Gegenstände, ihre Umgebung, den Tunnel, den Securitymann, nur dass der jetzt dieser Kollege von ihrem Vater war. Es war alles wieder genauso und doch war etwas anders. Sie konnte weglaufen, vielleicht kam er dieses Mal nicht hinter ihr her, fiel nicht über sie her, drang nicht in sie ein. Vielleicht. Wenn sie nur schnell genug lief. Noch schneller. So schnell wie nie zuvor.
Sie drehte sich um, rannte los, der Securitymann hinter ihr her. Er ahnte, dass da etwas fürchterlich schief zu laufen begann. Er wollte die Frau stoppen, bevor sie auf die Bahnhofstrasse kam. Um diese Zeit war hier viel Verkehr und die Frau wirkte nicht so, als wenn sie darauf achten könnte. Er rannte, so schnell er es mit seiner Beleibtheit und den durch seine Selbstgedrehten bereits beschädigten Bronchen und Lungenflügel vermochte. Es war ihm, als renne er hinter seiner eigenen Großmutter hinterher. Und er verspürte Angst.
Er holte sie nicht ein. Sie war einfach schneller, trotz ihrer Kraft, die sie zugleich für ihre Schreie aufbrachte. Inzwischen hatten sich alle, die sich in Sichtweise zu ihr auf dem Bahnhofsgelände befanden in ihre Richtung gewandt. Aber niemand rannte los wie der Securitymann, niemand stand nahe genug sie auf zu halten.
Die Kellnerin im Hotelrestaurant hatte zufällig bei der Bedienung eines frisch verliebten Paares aus dem Fenster und die Frau gesehen, aber sich nur über deren Aussehen und Verhalten gewundert, musste dann den Blick aber schnell abwenden und die Teller abstellen. In dem Moment, in dem sie den glücklich lächelnden jungen Leuten „Guten Appetit“ wünschen wollte, quietschten Reifen auf der Straße, gab es ein nur schwach von ihr hörbares, dumpf klingendes Geräusch von dem Aufprall der Dame an dem alten Opel, der in der Hoffnung seines Besitzers noch lange seine Technik zu seinen Gunsten leisten sollte, was ihm nach dem Aufprall, dem Anblick des Gesichtes der Frau vor seiner Frontscheibe ab diesem Moment für immer egal sein würde.
Auch der Securitymann wäre fast gegen den Opel geprallt, kam er doch fast, aber nur fast gleichzeitig mit ihr auf der Straße an und schaffte es nur mit Mühe im Abbremsen sein Gleichgewicht zu halten, zugleich entsetzt womöglich auf die arme Frau zu fallen mit seinem Gewicht.
Erst jetzt bewegten sich auch einige von den Zusehenden in ihre Richtung, zutiefst erschrocken und zugleich neugierig, unsicher ob da Hilfe an zu bringen oder noch sinnvoll sein könnte.
Der Fahrer blieb erst einmal sitzen, sah auf seine zitternden Hände, spürte den Schweiß auf der Stirn und ein sehr unangenehmes Gefühl im Magen. Er schloss seine Augen, da ihm schwarz wurde und öffnete sie gleich wieder, da er das Karussell seines Kreislaufes fürchtete und hoffte mit offenen Augen dieses besser zu überstehen. Der Securitymann öffnete die Fahrertür und zog ihn vorsichtig hinter dem Lenkrad hervor nach draußen. Der Fahrer ließ es gefallen, war erleichtert, dass sich jemand um ihn kümmerte, versuchte zu stehen, schaffte es in dem er sich mit dem Rücken an den Wagen lehnte. Von dort sah er zu den Schuhen hin, in denen wohl die Füße der Dame steckten, deren Körper regungslos vor seinem Wagen lag.
Jemand musste schnell geschaltet und einen Notruf über Handy oder I-Phone losgelassen haben, denn schon war die Sirene eines Krankenwagens und kurz danach eines Polizeifahrzeuges zu hören, die in kurzem Abstand hinter dem Unglücksfahrzeug hielten. Die Ärztin, sichtbar müde und nervös, drängte sich an den Leuten vorbei, sah nur kurz zu dem mittlerweile sehr bleichen Fahrers hin und untersuchte das nun schon nur noch Unfallopfer genannte menschliche Wesen, immer führerscheinlos, weil die ältere Dame, die sie kurz davor noch in den Augen einiger gewesen war, immer schon etwas gegen Technik gehabt hatte und lieber mit dem Fahrrad oder Zug fuhr. Jetzt war sie nichts mehr von alledem, nur noch Unfallopfer und tot, somit Bestandteil der seit Jahrzehnten überall im Land penibel geführten Unfallstatistik und schwächte in diesem Jahr die Chance, auf bessere Ergebnisse, weil weniger tödliche Unfälle. Das war den Teilnehmern dieser Szene völlig egal, es dachte auch niemand daran, eher an das Glück, nicht selber dort zu liegen, vielleicht an die Angehörigen und ein klein wenig auch an die Frau, wer sie wohl gewesen sein mochte, ob sie glücklich gewesen war oder nicht und wie schmerzlich die Trauer sein würde an ihrem Grab.
Als der Buchhändler seinen Heimweg anradelte, dafür zum Bahnhof und durch den Tunnel glitt, sah er den Krankenwagen, den Auflauf, dachte aber nicht mehr an die umher irrende ältere Dame und schon gar nicht, dass sie womöglich der Anlass war, für das was er mit raschen Tritten in die Pedale hinter sich ließ in der Vorfreude auf einen neuen Krimi der beiden der Ironie so wunderbar verhafteten Autoren aus dem Allgäu, wo er mit seiner Frau seit Jahren schon den Sommerurlaub mit Wanderungen und einheimischen Speisen und dunklen Bieren verbrachte.
Norbert, der eigentlich Luigi heißen müsste bekam von alledem erst gar nichts mit, genoss die scherzhafte Zuwendung der drei Mädels und hörte erst bei der feierabendlichen Kassenabrechnung, dass vor dem Bahnhof eine Oma vor ein Auto gelaufen sei und sofort verstorben. Aber Norbert kam ebenfalls nicht auf die Idee, dass es sich um die Dame handeln könnte, die dagegen gewesen war, dass er Norbert war und sein wollte.
Nach der Feststellung der Todesursache „Genickbruch in Folge des Aufpralls“ untersuchte die Ärztin den Fahrer, diagnostizierte „Schock und aufgrund starker Bremseinwirkung ein Schleudertrauma“, letzteres bescherte dem Fahrer ein paar Wochen lang eine ihn sehr nervende Halskrause, und bei dem Securitymann, der völlig verunsichert da geblieben war, nicht weiter den Tunnel mit seiner körpergewaltigen Anwesenheit beschützt hatte, hielt sie ebenfalls „Schock“ fest und mit dieser Diagnose und der schlecht geschlafenen Nacht danach ging er zu seinem Arzt, der ihn sofort für eine Woche von seinem Dienst befreite.
Der Unglücksfahrer ließ sich von seiner Frau abholen, die den Wagen nach Abschluss der polizeilichen Untersuchungen zurück fuhr, damit ein letztes Mal, denn schon drei Wochen später gelang es ihnen den Opel für 500 Euro los zu werden.
Die beiden Streifenpolizisten waren noch lange nach dem Unfall mit der Frau beschäftigt, da sie keine Papiere bei ihr gefunden hatten und niemand sich meldete, der über ihr Verbleiben besorgt war.
In einer weit entfernten Stadt stapelte sich in einer kleinen Seniorenwohnung die papierne Werbung der Supermärkte, Glücksspielanbieter und Fachmärkte auf dem Flur. Beim Vermieter hingegen stapelte sich auf dessen Konto nichts, zumindest nicht mehr die Mieteinnahmen von diesem Objekt, wie es in seiner Sprache hieß, und so ließ er die Wohnung eines Tages aufbrechen. Aber auch er fand keinerlei Hinweise auf ihre Herkunft, somit auch keine Verwandten an die er sich wegen der mittlerweile nicht unerheblichen Mietrückstände hätte halten können. Sie hatte schon länger in der Wohnung gelebt und darum fiel es dem Vermieter schwer, sich an ihr Aussehen zu erinnern. Er hatte sie ja nur kurz bei dem Abschließen des Mietvertrages gesehen. Auch der Hausmeister hatte nur eine vage Erinnerung, irgendwie gut gepflegt, unauffällig, eher grau, ja, graue Maus. Alt eben.
Zwar informierte der Vermieter die Polizei, vielleicht dass diese jemanden auftrieben, da er aber keine brauchbaren Hinweise geben konnte, wusste man auf der Wache nicht, wie sie nach der Dame suchen sollten.
Ein Abgleich der in der Wohnung gefundenen Fingerabdrücke hatte den ermittelnden Beamten auch nichts erbracht. Und so geriet der Vorgang schneller in Vergessenheit als er entstanden war. Nur der Vermieter dachte aufgrund der ihm abhanden gekommenen Summe noch öfter daran, wenn auch ohne das Gesicht einer Person für seinen Ärger zu haben.
Die Polizisten in der Stadt ihres so brutalen, heftigen Ablebens hatten ebenfalls Fingerabdrücke genommen. Aber auch sie fanden keine anderen, mit den ihren Übereinstimmenden. Die Kellnerin hätte ihnen zumindest die Stadt nennen können, falls sie sich die gemerkt hatte, aber da sie als Zeugin sich nicht gemeldet und auch keine Ahnung von den Problemen der Polizei hatte, durch nichts mit der Frau in Verbindung gebracht werden konnte und sie auch keine Zeitung las, lieber auf Facebook sich informierte, wo die Polizei keine Informationen hinterlassen hatte, gab es für sie keinen Grund, auf der Wache vorstellig zu werden und zur Aufklärung der Herkunft bei zu tragen.
Schließlich übernahm das Sozialamt der Stadt die Beerdigung, zu der weder Norbert, noch immer kein Luigi, noch der Buchhändler, der Unglücksfahrer oder der Securitymann erschienen, da die Stadt zwar eine Todesanzeige geschaltet hatte, als letzten Versuch einem Angehörigen die Möglichkeit zu geben, den Tod der alten Dame zu registrieren und vielleicht traurig aber in Verbundenheit mit der Toten die Beerdigungskosten zu übernehmen, die Männer aber, die ihr als letzte begegnet waren, nicht ahnen konnten, dass sie die Unbekannte sein könnte, denn danach hatte sie nun wirklich nicht ausgesehen, dass sie völlig allein durch dieses Leben surfte, so jedenfalls hätte es die drei scherzenden Mädels in Norberts Eisdiele ausgedrückt. Es war, als hätte das Leben selbst, zumindest in ihrem Fall, der bald darauf geschlossenen Akte „unbekanntes Unfallopfer Bahnhof“, selber jene Krankheit bekommen, deren Aufflammen im Tunnel sie umkommen ließ, bevor sie das ganze Ausmaß erleiden musste. Wie sich diese Krankheit in der Gesellschaft entwickelt, bleibt ab zu warten, vorläufig jedenfalls schmunzelt der Buchhändler weiter bei seinen Allgäukrimis neben seiner Frau im ehelichen Bett und Norbert freut sich weiter jeden Tag auf die Flirtmädels mit ihren Scherzen, so lange zumindest, bis alles sich wieder zu größerer Veränderung hin bewegt. Der Kellnerin ist vier Wochen danach die Diagnose „Brustkrebs“ eröffnet worden, was sie dazu brachte das erste Mal in ihrem Leben wirklich für das Leben sich zu entscheiden und zu kämpfen. Sie begann damit, ihren Verlobten davon zu treiben und schaffte es tatsächlich die Krankheit mit Unterstützung von Ärzten und Therapeuten zu überwinden. Daher ist sie in dem Hotelrestaurant nicht mehr zu finden. Sie hat sich selbst weiter bilden lassen zur „Heilerin“, hatte sie doch Kräfte während des Kampfes gegen den Krebs in sich entdeckt, die sie nun auch anderen Menschen zu Gute kommen lassen will.

© bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Montag, 14. Oktober 2013

Tod und Krankheit in Manila



Manila. In einer kleinen Bar aus Abfallbrettern mit einem lang schon modernden dunklem Bambusdach  trafen sich Tod und Krankheit. Sie sahen eine kurze Weile zusammen zu, wie junge Männer ihre Pfeile auf eine Dartscheibe warfen. Ein junges Mädchen sang zur Musik der Karaokeanlage, während ihre Freundinnen sich dazu im Rhythmus bewegten.
„Er ist noch nicht da“, sagte der Tod.
„Nein, aber ich glaube, ich sehe ihn“, sagte die Krankheit
Tatsächlich kam auf der vom Regen durchwühlten Straße ein junger Mann hoch und zu ihnen in die Bar. Er begrüßte kurz die Dartspieler und sah dabei zu dem Mädchen hin.
„Willst Du gleich? Wir haben wenig Zeit in dieser Stadt“, sagte der Tod.
Die Krankheit sah zu dem wie ihm schien bildhübschen jungen Mann, dessen Augen ehrlich und freundlich in die Barwelt sahen.
„Er freut sich so. Ein netter Kerl. Warum soll ich ihn mit mir schlagen? Kannst Du ihn nicht einfach zeichnen und patsch ist es vorbei. Ich sehe ihn ungerne leiden. Es wird hier doch schon genug gelitten, meinst Du nicht?“
„Vielleicht“, sagte der Tod.
„Du bist ihnen eine Erlösung, ich bin ihnen nur ein böses Übel, oder“, sagte die Krankheit.
„Ist wohl so. Jeder hat halt seinen Job“, sagte der Tod und nickte verständnisvoll und sah zu dem Jungen hin. Das Mädchen hatte mit dem Singen aufgehört und sah ebenfalls zu dem Jungen. Sie ging auf ihn zu, strahlte ihn an und umarmte ihn.
 „Oh weia, auch noch frisch verliebt“, sagte die Krankheit.
„Es wird ihr nicht gefallen, wenn er ihr jetzt gleich leblos in den Armen liegt“, knurrte der Tod.
„Nein“, sagte die Krankheit leise.
„Wir kommen immer ungelegen und die hier werden dann alle diesen schrecklichen Moment mit in ihr Leben nehmen müssen“, fuhr der Tod fort.
„Die kennen Dich hier doch, mehr als es ihnen lieb sein kann. Das weißt Du, warst schon kräftig tätig bei allen Familien, bist ja fast wie ein Rasenmäher hier. Ich glaube, sie werden es verkraften. Aber der Junge, der sollte nicht leiden. Wenigstens er nicht.“
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte der Tod.
„Nein, in Manila haben wir nie viel Zeit. Viel Arbeit bei den Soldaten, bei den Rebellen und in den Slums“, stöhnte die Krankheit.
„Ja“, sagte der Tod.
Das Paar drehte sich um und ging zu den Dartspielern. Der Junge zog kleine Briefumschläge aus der Hosentasche und gab jedem eine, den Rest gab er dem Mädchen, die diesen an ihre Freundinnen verteilte.
„Ihr kommt doch zu unserer Hochzeit“, fragten sie die Empfänger und alle nickten, einige umarmten die beiden.
„So eine Scheiße! Die wollen heiraten,“ sagte die Krankheit.
Der Tod sagte nichts, sah nur nachdenklich zu den jungen Leuten hin. Schließlich sah er die Krankheit traurig an.
„Also, was machen wir? Erst Du, dann ich oder nur ich?“
„Wie viel Zeit gibst Du mir?“
„Ein paar Monate. Es wird nicht leicht für ihn, bis ich ihn erlöse.“
„Und für sie?“
„Für sie auch nicht. Sie wird ihn pflegen müssen.“
„Aber er könnte heiraten und sogar Vater werden?“
„Werden ja, lange erleben nein.“
„Und sie?“
„Steht ganz weit unten auf der Liste.“
„Das Kind würde also keine Waise werden?“
„Nein, jedenfalls soweit ich die Liste überblicken kann!“
Die Krankheit nickte, ging zu dem Jungen, schlug ihn und dann trat der Tod von hinten heran und zeichnete ihn. Der Junge spürte kaum etwas davon, lächelte seine Braut verliebt an und freute sich seines Lebens.
Tod und Krankheit aber sahen zu, dass sie zu ihren nächsten Kunden kamen. Richtig wohl fühlten sie sich nicht mit ihrer Entscheidung. Aber letztlich hatten sie ja wie meist nur gemäß ihrem Auftrag gehandelt. Ihr Spielraum ist eben nur klein.

© bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Freitag, 11. Oktober 2013

Verloren im Fluss


Der Regierungschef lag schon fünf Tage in seinem Zimmer, ohne sich ein Mal aus dem Zimmer heraus zu bewegen. Auch kam niemand außerhalb der Essenszeiten zu ihm, da er sie darum gebeten hatte.
Dafür hörte er sie trotz ihrer Versuche in seiner Nähe keine Geräusche zu verursachen. Seine Frau mehr als die beiden Buben. Jetzt hörte er Krawinkel, seinen Bürochef mit der Frau sprechen. Verstehen konnte er sie nicht, aber sich denken, was der wollte. Vorgelassen werden wegen der Unterschriften.
Es dürfte weder aufgefallen sein noch Gerede geben. Schließlich trat er auch sonst nicht jeden Tag vor die Medien und krank wurde jeder Mal. Das betraf auch seine Gegner. So wussten nur sein Arzt, seine Familie und seine engsten Mitarbeiter was wirklich mit ihm los war. Sie nannten es Depressionen, er seine „Auszeit“, die er immer öfter brauchte, weil er sich nicht gut fühlte, schlapp, ja vielleicht auch depressiv.
Es kam meist verstärkt am Morgen, wenn er am Tag zuvor zu viel Whisky getrunken hatte. Das war ihm ärgerlich, hatte er sich an den Tagen zuvor immer gut gefühlt, hoch oben, wo er ja auch faktisch angekommen war.
Für ihn gab es keine Gipfel mehr. Präsident vielleicht, aber das war Marionettentheater, eine Clownsnummer. Oberster Repräsentant. Ein Schmarrn war das.
International, da war auch nichts zu holen, oberster UN-Boss, auch nur eine Clownsnummer. Zu sagen hatten da die Regierungschefs, so wie er und die immer noch vorhandenen Diktatoren. Aber bestimmt nicht der UN-Heini.
Nein, er war angekommen. Gut sogar. Man hatte ihm wegen seiner Versöhnungserfolge sogar einen internationalen Preis verliehen. Die Gespenster seiner Kindheit und Jugend lebten schon lange nicht mehr. Gut, bis auf ein paar wenige Ausnahmen und deren rüpelhafter Nachwuchs. Aber sie spielten keine Rolle im Land. Zurzeit jedenfalls nicht.
Es war alles ruhiger geworden. Sogar seine Gegner hatten zähneknirschend angefangen, seine Maßnahmen und Erfolge zu akzeptieren. Eigentlich der richtige Zeitpunkt mit der Politik Schluss zu machen.
Er schrak hoch aus seinen Gedanken, weil Krawinkel vorsichtig zu ihm reinkam und an sein Bett trat.
„Nicht jetzt!“
„Carl, wir müssen. Du bist Regierungschef.“
„Ich weiß, trotzdem. Ich brauche noch Zeit.“
„Wie lange noch?“
„Keine Ahnung. Ich brauche einfach Zeit. Ich komme wieder hoch. Bin ich doch bisher immer. Aber nicht jetzt. Jetzt noch nicht. Bitte!“
„Dann wenigstens ein paar Unterschriften.“
Er gab sie ihm und war froh, wie der danach sofort das Zimmer verließ.
Mochte er mit seiner Frau die Sorgen teilen.
Die Dunkelheit tat ihm gut. Und das Denken, das Aufflammen der Bilder von damals, als er zum Onkel kam, die Eltern irgendwohin auf der Flucht. Und der hatte ihm die Stadt gezeigt, das Land, viel erklärt, immer geduldig. Ja, das war die gute Zeit. Wie lange? 3 Jahre oder 5? Alles nur verschwommen, zu lange her diese Vergangenheit.
Sein Eintritt in diese linke Jugendorganisation, seine ersten Funktionen, dagegen die Außenseiterrolle in der Schule, die Einsamkeit in den Nächten, das kahle Zimmer, immer klamm und weit weg vom Onkel seiner Schlafstube.
Er war mit dem Onkel allein, keine weiteren Verwandten. Wieso nicht? Wieso keine Verwandten? Wer hatte ihn und die Eltern und den Onkel hierher gebracht, in diese Stadt, dieses Land auf diesem Planeten zu der scheußlichen Zeit? Fügung, Bestimmung? Er glaubte nicht daran und auch sonst nicht an ein höheres Wesen, dass sich für ihre Schicksale hier auf Erden interessieren könnte. Nein, der Mensch war allein in diesem Teil von seinem Kosmos.
Was ihm allerdings und seinem Leben noch mehr Einsamkeit einbrachte. Aber er wusste damit zu leben. Hatte es immer geschafft, auf der Flucht über das Meer, zu der ihn der Onkel eines Tages plötzlich gedrängt hatte, zu Leuten, deren Namen auf den Briefen des Onkels standen. „Genossen“, ja, das Wort war wichtig damals und besonders für ihn, dem Flüchtling, dem „Landesverräter“ als solcher er schon bald darauf in seinem Land gesucht und beschimpft wurde und als solches noch bis vor kurzem beschimpft von seinen Gegnern, durch die Medien und journalistischen Sümpfe gezogen.
Es dauerte zu lange, geschah zu viel damals, als dass sich die Organisationen halten konnten. Und so war er bald mal in dieser mal in jener, floh weiter durch die Länder, landete in Bürgerkriegen mal zwischen den Fronten, mal auf der einen oder anderen Seite, war und blieb dabei allein, entschied für sich, handelte für sich, wurde immer klüger und analytischer, fand nie zur Ruhe, auch nicht die für eine Ausbildung oder ein Studium, kam schließlich endlich zurück in sein Land, zum Grab des Onkels, nachdem der Diktator und seine Leute gestürzt waren, blieb dieses Mal, blieb bis heute. Und war sogar hier Regierungschef geworden. Er, der Landesverräter. Die Frau hatte er aus dem letzten Zufluchtsland hierhin mitgebracht. Eine kluge und warmherzige Frau. Und dann die zwei Buben. Prächtige Kerle. Aber er fand keinen weg zu den Dreien.
Da war nicht wirklich was. Gut, nett war er zu ihnen, es kam kaum mal zum Streit. Auch war er ja meist nicht hier. Nur im Urlaub, da hatten sie Zeit füreinander. Da gab es schon mal Gelegenheiten sich näher zu kommen. Aber wenn es ihm zu nah wurde, verkroch er sich oder floh zu seinen Geschäften, die es auch im Urlaub genügend gab.
Er dachte an seine Einsamkeit wie an eine große Macht, die ihn gefangen hielt, die in ihm saß, die nicht wollte, dass er jemanden an sie ranließ. Die ließ ihn immer wieder spüren, dass es sie gab, mitten auf einem offiziellen Ball mit seiner Frau beim Tanzen, auf einer Wahlveranstaltung, ja sogar in der Nacht, als sie genügend Stimmen bekamen für die regierungsmacht und damit eine wahrhaft historische Stunde war im Land, da meldete sich die Einsamkeit mit ihrem scharfen Messer und tat ihm weh in der Brust, ließ ihn die Verbindung zu den Menschen um ihn herum verlieren und alleine da stehen, wie er einst als junger Bub dagestanden hatte vor dem Onkel.
Es war ein großer Schmerz, den er nicht ab zu schütteln wusste und doch hatte er keine Lust auf dieses Psychozeugs, wie er es nannte. Ja, Freud und Co waren schon tolle Kerle, auch in seinen Augen. Aber für sich wollte er sie nicht, deren Methoden. Er meinte durch sie nur all seine Kraft zu verlieren, die ihn immerhin bis nach ganz oben gebracht hatte, diese Kraft die auch von den Schmerzen ausging, ihn vor der Einsamkeit immer phantastischer, immer stärker fliehen ließ, ihn intellektuell immer weiter verbesserte, alles für ihn ohne den großen schmerz nicht vorstellbar.
Das spürte er ja jetzt, wo die Einsamkeit neben ihm ganz ruhig blieb, der Schmerz nur leise pochte, während er sich im Bett den Bildern seines Lebens hingab. Er hatte keine Kraft zum Leben. Nicht ohne Schmerz, nicht ohne diesen Antrieb.
Er konnte seine Glieder bewegen, mehr aber auch nicht. Auch wusste er nicht mehr, ob er wirklich richtig handelte und entschied als Regierungschef. Das wusste er eigentlich nie, konnte es aber immer gut in den Argumenten verstecken.
Hier im Bett half ihm das nicht. Was im Leben war ihm wirklich geglückt, wo hatte er wirklich richtig gelegen? Und dann waren da die vielen kleinen und großen Lügen, die Stunden des Verrats, denn auch ihm war es nicht möglich gewesen ohne Verrat zu überleben. Und bisweilen war es gut gewesen dass es keine Zeugen gab für sein Tun, weder in Liebesdingen noch in finanziellen Angelegenheiten, kurz, er hatte gestohlen, mit anderen zusammen betrogen und Frauen betrunken abgeschleppt und sich an ihnen im Prinzip vergangen. Nicht schön das alles im Nachhinein hier im Bett, im Dunkeln, mit der Frau nebenan.
Ja, es war Flucht, es waren die Zeiten, er war wie viele andere. Aber was konnte ihm das jetzt und hier helfen. Der Schmerz davon saß fest. Hatte einfach Stück für Stück, Tat für Tat zugenommen. Und mit wem hätte er mal darüber reden sollen, das wo er ohne Familie nur mit dem Onkel und der Organisation aufgewachsen war vor der Flucht und auf der war er gerade mal am Ende der Pubertät gewesen und konnte nie jemanden wirklich vertrauen, schon gar nicht sich mit solchen Geschichten öffnen.
Und dabei hielten ihn alle für einen großen Redner, weil er sich emotional dabei zeigte, Zwischentöne von sich gab wie andere nicht. Ja, aber lag am Schmerz, der sich eben nie ganz bändigen ließ und dass er manchmal so bescheiden, wie sie meinten und nachdenklich auf dem Podium oder unter ihnen stand, das lag an der Einsamkeit, die ihn so da stehen ließ, wenn sie ihn überfiel.
Er konnte sich selber wirklich kein gutes Bild abgewinnen, schon gar nicht diesen entsetzlichen Fotografien, die ständig und überall von ihm erschienen. Er wollte sich nicht so sehen, fand den Kerl darauf hässlich, verlebt, verkrampft. Das war nicht, nicht sein Gesicht wie er es am Abend im Spiegel vorfand.
Oder war er es doch, nur sah das niemand außer ihm. Denn seine Leute hielten sein Konterfei für werbewirksam und über alle Maßen interessant und sympathisch. Mochten sie. Ihm gefiel es jedenfalls nicht.
Ihm gefielen die emotional oberflächlichen Kontakte, die und die anderen Freundschaft zu nennen pflegte und er genoss durchaus auch die ihm zugetragene Liebe und Verehrung seiner Umgebung, die Künstler und Intellektuellen vor allem. Die wollten auch keine wirkliche Nähe, nur seine Anerkennung durch die von ihm geduldete Nähe im Rampenlicht.
„Whisky-Carl“ nannten sie ihn gelegentlich, nicht ganz zu Unrecht, trank er das Zeug ja wirklich oft und nicht selten auch mal zu viel. Das führte mit der Zeit zu dieser langsam betonenden Sprechweise, wenn er die Gläser des Tages zuvor noch als Restpolster im Gehirn kleben hatte. Das war ihm egal, Hauptsache der Schmerz und die Einsamkeit funkten ihm in diesen Momenten nicht dazwischen. Ja, der Whisky half gegen die beiden. Leider nur während des Trinkens. Danach bekam er sie immer stärker an den Hals. So wie vor vier Tagen, als er in das Zimmer kam und wusste, er würde es den nächsten Tag nicht verlassen können.
Wann war es ihm wirklich gut gegangen in seinem Leben? Er wusste es nicht, da hinter jedem schönen Bild sofort negative Gefühle auftauchten. Aber es gab ein Bild, dass stand hielt und dass er deshalb immer wieder hervorholte. Es war die Szene, in der er als Junge, wahrscheinlich noch bei seinen Eltern, also als er nicht älter war als fünf, am großen Fluss saß und ein Papierschiffchen schwimmen ließ, dass wohl die Mutter mit ihm gefaltet hatte.
Er saß im Gras der Böschung und sah zu wie das Schiffchen auf den unruhigen Wellen davon trieb, Wellen die von den Lastkähnen kamen, die ununterbrochen den Fluss an ihm vorbei rauf und runter fuhren.
Und daneben jetzt sein kleines Schiff, weiß leuchtend, tanzend und es dauerte lange, bevor er es aus dem Auge verlor. Er war nicht aufgesprungen, einfach hocken geblieben, hatte dem Verschwinden still und zufrieden zugesehen. Dahinten  war die weite Welt, das wusste er, und dahin würde sein Schiffchen treiben.
Und er hatte keinerlei Angst verspürt, nur die warme Sonne im Nacken und auf den nackten Beinen und Armen. Nur das Wasser vor ihm war in Bewegung, nur die Wellen kamen vorbei, ihr silbernes Blitzen wie ein Gruß für ihn und das Schiffchen. Alles war gut. Alles war gesichert. Alles stand fest an seinem Platz und er fühlte sich geborgen und nicht allein, obwohl er alleine dort gesessen haben musste, denn er sah nur sich, den kleinen Knirps dort hocken, meinte sogar ein Gras zwischen den Lippen des Jungen zu sehen.
Wie sollte er je zu diesem Jungen und dieser Stunde zurückfinden? Unmöglich, bei der Zeit und den Ereignissen, die dazwischen lagen. Trotzdem reizte es ihn jetzt doch auf zu stehen, aber nur um zum Fluss hinunter zu gehen, denn der Regierungspavillon lag genau hinter einer Biegung mit großem Garten bis zum Wasser. Es war also möglich. Er zog sich leise an, in der Sorge sie könnten ihn hören und das wollte er nicht. Er wollte allein sein wie damals dieser Jnunge, wie er am Ufer hocken, auf das Wasser sehen und ein Schiffchen treiben lassen.
Das war schnell hergestellt. Er nahm als Papier ein Schreiben von einem seiner Minister, der konnte ja nochmal schreiben, wenn es denn wichtig ist, und faltete es, wie er es gelernt hatte. Von wem? Von seiner Mutter oder doch vom Vater oder vom Onkel? Nein, nicht vom Onkel. Der hatte nie mit ihm gebastelt.
Es gelang ihm unbemerkt aus einer Seitentür des Bungalows zu kommen und schlich gebückt hinunter. Jetzt hätten sie ihn bemerken können durch die riesige Panoramascheibe des Wohnzimmers. Auch die Wachleute könnten ihn jetzt entdecken. Aber er hatte Glück, alle befanden sich gerade in der Küche um sich von der Frau etwas zu trinken einschenken zu lassen.
Die Buben spielten wahrscheinlich auf ihren Zimmern und dann hörten und sahen die nichts anderes.
Er schaffte es bis zur Böschung und rutschte vorsichtig hinunter bis zum Wellenschlag. Als er sich vorsichtig umdrehte sah er den Bungalow oben stehen, platt modern, breit wie lang und mit viel Fenster. Er mochte ihn nicht. Die alten Villen aus der Zeit der ersten Industriealisierung hatten ihm immer besser gefallen. Egal. Ging ja vorbei. Seinen Altersruhesitz würde jedenfalls ein anderes Haus darstellen.
Er streckte den Arm mit dem Schiffchen weit von sich über das Wasser, so weit er konnte, um es schließlich fallen zu lassen. Im gleichen Moment verlor er das Gleichgewicht und stürzte dem Schiffchen hinterher.
An diesem tag führte der Fluss Hochwasser vom schmelzenden Schnee oben in den Bergen und verfügte über eine stärkere Strömung als sonst an den meisten Tagen.
Was aber viel unangenehmer für den Regierungschef war: er konnte nicht schwimmen. Das zu lernen hatte er keine Gelegenheit gefunden während der Flucht und später wäre es ihm zu peinlich gewesen. Auch einen Führerschein besaß er nicht, aus ähnlichen Gründen, wobei der ihm jetzt und hier im Wasser auch nicht geholfen hätte, im Gegensatz zum Schwimmen, dass er nun zu imitieren versuchte, so wie er es gelegentlich hatte beobachten können, aber es gelang ihm dadurch nicht länger über Wasser zu bleiben. Trotz seiner aufkommenden Panik schrie er nicht sofort um Hilfe, da zuerst noch die Scham überwog hier so gefunden zu werden, dann aber schrie er doch, meinte zu schreien, dabei geplanten nur gegurgelte Töne über die Wasseroberfläche und dies auch kaum bis zum Ufer, geschweige denn darüber, und nur einzelne seiner geschrienen Vokale hingen wie Seevögel über ihm in der Luft, während er immer länger und tiefer versank, kaum noch nach oben kam mit seiner Strampelei, mit er schon bald begonnen hatte, als er merkte wie wenig hilfreich seine abgeguckten Schwimmbewegungen für ihn waren.
Er versank. Unwiederbringlich. Sah noch die Wasseroberfläche über sich, ein letztes schimmerndes Sonnenlicht, versank wie in seinem Schmerz und seiner Einsamkeit, die bei ihm waren, auch jetzt, oder gerade jetzt, auf jeden Fall in seinen Gedanken bevor er noch kurz an Frau Kinder dachte, mit ihrem Bild vor Augen langsam erstickte, in einem Strudel von Blitzen und Farben, fern aller seiner Bilder und Worte.
Sie fanden ihn erst einen Tag später ein paar Kilometer weiter den Fluss hoch.
Bis dahin hatte es große Aufregung, bei seiner Familie und seinem engsten Kreis große Bestürzung und Verzweiflung gegeben, all das mit Macht unter großer Verschwiegenheit, sollte doch noch keiner erfahren, dass der Regierungschef und ausgerechnet dieser große, international so hoch geachtete Mann einfach aus dem Haus verschwinden konnte, vielleicht entführt worden war, ohne dass es jemand mitbekommen hatte. Und so mischte sich bei dem Anblick der Wasserleiche in die Trauer auch Erleichterung bei manchem. Vor alledem nach die sofort herbei gerufenen Ärzte keinerlei Fremdeinwirkung feststellen konnten. Man einigten sich für die Veröffentlichung des Ereignisses auf tragischem Unfall, was der Wahrheit ja auch entsprach, was aber keiner von den Betroffenen wirklich sicher wissen konnte.
Eine Ära war vorbei. Hieß es. Vielleicht war es auch gut so, damit sich die letzten Wunden aus der Vergangenheit endgültig schließen können, schrieben einige Intellektuelle. Schon bald wurden Schulen, Straßen und Plätze nach ihm benannt, es kam zu einer Sonderedition hochwertiger Münzen und etlichen Magister- und Doktorarbeiten über ihn. Überhaupt brach eine Flut aus von Veröffentlichungen über die jüngste Geschichte des Landes als wäre sein Tod die Tür zur Geschichte gewesen, die nun geöffnet werden konnte.
Trotzdem halten sich bis heute hartnäckig die Gerüchte, dass es Mord gewesen sei, die alten Geister ihm nie verziehen hätten und sich so an ihm gerächt. Aber damit stand er zu dieser Zeit nicht alleine im Medienauftrieb.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Eines Leben langer Tod



Und da war da noch das Mädchen, das auf einer hohen Klippe stand und laut rief:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie, wie sie meinte in den schnelleren Tod. Aber die Strömung trug sie zurück und die tanzenden Wellen warfen sie auf den warmen Strand.
Da marschierte sie los bis sie zu einer hohen Eisenbahnbrücke kam, kletterte auf das Geländer und rief wieder:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie, erneut in dem Glauben, gleich alles hinter sich zu haben. Aber in diesem Moment fuhr gerade ein Waggon mit Matratzen unter der Brücke hindurch und fing sie mit seiner Ladung weich auf.
Da weinte das Mädchen und ging traurig zurück in seine Stadt, kam dort an eine stark befahrene Kreuzung. Sie sah eine Weile zu, lächelte wieder, ja lachte und rief begeistert:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie mitten zwischen die Wagen und erwartete den Bumms mit einem Auto, dass ihr das Genick brechen und sie so ins Jenseits befördern würde.
Nun sahen aber alle Fahrer das Mädchen, versuchten sie zu retten und fuhren so alle ineinander, aufeinander, wobei auch mancher von ihnen sein Leben ließ. Das Mädchen aber musste aufstehen und weiter ziehen.
Das wollten aber einige der Fahrer nicht, die hinter ihr herliefen und es festhielten, bis die Polizei kam.
Am Ende des Tages fand sie sich statt im Sarg im Gefängnis wieder und musste dort lange auf ihren Prozess warten, denn es war gerade ein Umsturz und die neuen Machthaber brauchten Zeit, alles wieder zum Laufen zu bringen. Schließlich kam sie aber doch vor Gericht und das Mädchen sagte nur einen Satz bis zum Ende der Verhandlung:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Auf diese Weise hoffte sie, das in ihrem Land noch praktizierte Todesurteil zu erhalten.
Die Richter sprachen es ihr auch zu, wegen der vielen Toten und der darüber und ihrem Spruch sehr aufgebrachten Angehörigen.
Das Mädchen dachte, dauert es halt ein wenig länger aber nicht so lang wie ein ganzes Leben.
Zu ihrem Pech führten die neuen Machthaber die Demokratie ein und schon kam es zu dem ersten Volksbegehren, in dem die Abschaffung der Todesstrafe gefordert wurde. In der Zwischenzeit durften ab sofort keine Todesurteile vollstreckt werden. War also wieder nichts mit dem Sterben für sie.
Weil die Menschen in dem Land das erste Mal Demokratie erlebten und daher erst noch am Üben waren, wurde das Ergebnis der Volksbefragung im neuen Parlament gleich hinterfragt und wurden außerdem neue Gesetze verlangt. Das aber zog sich und zog sich.
Kurz, dem Mädchen wurde die Zeit im Gefängnis sehr lang.
Schließlich hatte das Militär mal wieder keine Geduld mehr mit der Demokratie und putschte sie wieder weg.
Sie beließen es bei der Todesstrafe, weil sie die nun bei den überhand nehmenden Demokraten reichlich brauchten. Auch interessierte sie nicht das Mädchen sondern ihre eigenen erbitterten Gegner sehr viel mehr und so starben die in Scharen und das Mädchen war wieder nicht dran.
Und wieder änderte sich die Lage im Land, zu viele im Volk, ja fast alle, hatten dieses Militär mit seinen Morden satt und wollten ihre Demokratie zurück.
Da befahl das Militär alle verbliebenen Todeskandidaten sofort zu töten.
So kam nun, wenn auch erst nach vielen Jahren, für das Mädchen ihre lang ersehnte Stunde.
Sie ging tapfer zu dem Galgen hoch, sah die Soldaten, die Richter, den Pastor, die Mitdelinquenten und dachte zum ersten Mal:
„Vielleicht hätte ich mir doch besser ein anderes Sterben ausgesucht oder noch besser, ein anderes Leben. In diesem ist mir das Sterben jedenfalls arg lang und sauer geworden.“
Als hätte das jemand ganz oben vernommen, wurde die Hinrichtung abgebrochen, das Militär zurück in die Kasernen verbannt und die Demokratie abermals eingesetzt.
Nicht genug damit, verwirrt sehen wir das Mädchen hinaus in das Leben schleichen, heraus komplementiert aus dem Gefängnis von einer Generalamnestie.
Das Mädchen brauchte danach wirklich sehr lange, bis es einen Weg zum Leben hin für sich fand, denn viel hatte es gelernt über das Sterben, nur über das Leben wusste es immer noch nicht viel.
Und wenn sie heute noch lebt, hat sie wohl das eine oder andere gefunden, vielleicht sogar mit Vergnügen daran und ist wohl noch immer nicht gestorben.

Dienstag, 24. September 2013

Ein Mann im Raum


Meine Mutter mochte Männer, besonders wenn sie gut rochen. Und der roch gut. Zumindest meinte sie das. Ich fand der stank, nach Rasierwasser oder Eau de Cologne oder wie das Zeug hieß. Ich brauchte so etwas damals noch nicht. Der Bartwuchs hatte noch nicht eingesetzt bei mir.
Aber der Mann blieb. Er zog ins Souterrain, in das Zimmer zur Straße in dem vor der Scheidung meiner Eltern unsere hässlich graue Küche war. Hier kam kaum Licht durch das nur halbhohe Fenster, gestört noch durch die Blätter der Blumen im Vorgarten und den Lattenzaun.
War ich schon vorher nur ungern nach dort unten gegangen, war doch auch der Flur mit einer merkwürdig grau porösen Farbe gestrichen und alles stets feucht, muffig und mit dem schwächsten Licht, das eine dicke Butzenscheibe der Tür zum Garten hin zu geben vermag.
Leider war da noch unser Bad mit Wanne und Waschbecken, dazu der große Wasserbeuler, dessen Emaille wirklich schon bessere Tage gesehen hatte, das alles ganz ohne Fenster, so dass meine Mutter die Tür aufließ für den Dampf, wenn sie mich dort in der Wanne wusch. Habe ich das gehasst.
Und jetzt auch noch dieser Mann. Mit der Zeit roch es immer stärker aus seinem Zimmer, auch zog er nie mehr den guten Anzug vom Tag seiner Vorstellung in unserem Wohnzimmer an. Meiner Mutter fiel das erst nicht weiter auf, da sie sich zwar für Männer jedes Mal beim Kennenlernen sehr interessierte, aber rasch selbiges Interesse verlor, wenn bei dem für sie nichts zu holen war, menschlich und finanziell.
Mit der Zeit aber stank es regelrecht im Souterrain und man hörte den Mann auch am Tag laut schnarchen, ab und zu fluchen, etwas umstoßen, oder er stolperte über etwas.
Schließlich rümpfte auch meine Mutter die Nase und stellte kurz und böse fest: „Der säuft!“
Aber er zahlte Miete und das konnten wir nach der Scheidung gut gebrauchen, zahlten wir mit dem Unterhaltsgeld von meinem Vater doch noch einen Kredit aus der Ehe und deren Träumen ab.
Dann aber zahlte der Mann nicht mehr. Es blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als bei ihm zu klopfen. Ich musste mit ihr gehen. Sie bräuchte dabei einen Mann. Was mich natürlich stolz machte, andererseits hatte ich dadurch noch mehr Angst. Was mochte der Kerl mit uns anstellen?
Der Kerl machte gar nichts. Er war schon auf und davon. Meine Mutter bat mich vorsichtig beim Bahnhof nach ihm Ausschau zu halten, da wüsste sie, dass die Schluckspechte, so nannte sie die Alkoholiker, sich häufig aufhielten auch fänden sie Platz zum Schlafen in dem unterirdischen Kriegsbunker davor.
Also fuhr ich mit der Linie Drei durch die Stadt über die Brücke zum Bahnhof. Natürlich sah und roch ich zwar jede Menge Gestalten wie ihn, aber ihn selber nicht, worüber ich, ehrlich gesagt, eher beruhigt war als unzufrieden, wenn ich auch gerne als Held zu meiner Mutter zurückgekommen wäre, zusammen mit dem Mann.
Da der sich nach vier Wochen immer noch nicht wieder blicken ließ, rief sie ihren damaligen Freund an, einen junger Elektriker, Sohn einer entfernten Cousine, damit der mit uns die Wohnung aufbrach. Da war ich ihr als Held allein nicht gut genug, was mich etwas wurmte. Hätte ich den Kerl doch bloß doch am Bahnhof aufgegabelt und zurück gebracht. Dabei war mir schon klar, dass mir dafür noch sämtliche Kräfte und Fähigkeiten fehlten.
Ihr Freund brach die Tür auf und aus brach der Gestank. Der Mann lag unterhalb seines Waschbeckens, zwischen seinem fettigen dunklen Kopfhaar sahen wir trockenes Blut und Fliegen dran kleben.
Mir wurde schlecht und ich durfte auch sofort erst das Badezimmer aufsuchen und dann ins Wohnzimmer, sogar den Fernseher anstellen obwohl es noch nicht Abend war.
Später kamen Freund und Mutter hoch, beide mit wenig Farbe im Gesicht und sehr leise sich unterhaltend. Kurz darauf erschien die Polizei mit Leichenwagen.
Ich bekam von dem Rest der Vorgänge nicht mehr viel mit, da ich längst gefangen war von „Cartouche der Bandit“, den zeigten sie jeden Nachmittag an diesen Samstagen als Test für die Einführung des Farbfernsehens. Ich sah ihn in schwarz-weiß, was mir aber ziemlich egal war. Belmondo war mein Mann, mein Held!
Eine Woche danach aber musste ich doch wieder mit runter. Sie wollte, dass ich ihr beim Ausräumen und Saubermachen helfe. Es war, kurz gesagt, widerlich  Alles klebte vom Schmutz und stank. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so geekelt. Und es dauerte mir schier eine Ewigkeit bis wir endlich seine Habe in seiner dreckigen Bettwäsche verstaut hatten und diese nach draußen auf die Treppe dort stellen konnten. Hinweise auf Verwandte oder Freunde fanden wir nicht, suchten aber auch nicht wirklich danach. So brauchten wir niemanden informieren. "Wer weiß, was uns da noch ins Haus geschneit gekommen wäre," hatte meine Mutter dazu bemerkt. Das Wort Einsamkeit kannte ich noch nicht wirklich. Ich hätte es aber riechen können damals.
Dann bestellte meine Mutter einen Maler, aber trotz der chemisch kräftigen Ausdünstungen der frischen Farbe meinte ich den Gestank von Tod, Alkohol und Dreck weiter riechen zu müssen.
Mitleid mit dem Toten? Auf die Idee kamen wir beide nicht. Im Gegenteil.
Was aber viel schlimmer noch war, seit dem Tag wusste ich, das das Leben gewaltig schief gehen kann und so verlor ich mit diesem Mann das Gefühl von Sicherheit für mein Leben, oft noch träumte ich von ihm, dem Geruch, dem Aussehen seines Zimmers. Etwas krallte sich in meine Brust und ließ mich lange nicht los.
So lebte er in mir weiter auf mehr als unangenehme Art.
Gesprochen haben meine Mutter und ich so gut wie gar nicht darüber, nur einmal kurz nach dem Polizei und Leiche aus dem Haus waren.
Sie sagte nur: „Dass Ihr Männer solche Schweine werden könnt, das verstehe ich nicht!“
Und da war es, dass dieser kleine giftige Schmerz mich packte und nicht mehr losließ. Auf keinen Fall wollte ich so ein Schwein werden, auch wenn ich ein Mann war, beziehungsweise wurde.
Jedenfalls, das Zimmer war nicht mehr zu vermieten. Mutter räumte an dessen Stelle den Raum mit Blick zum Garten, worin bis dahin unsere Gerätschaften standen.
Dort zog dann eine Köchin ein, dick, freundlich, immer zu Scherzen aufgelegt, obwohl alle ihre Kinder im Heim waren und sie von allen deren Vätern längst getrennt.
Ihr Zimmer geriet freundlich und bekam auch Licht, es hat wenn überhaupt dann mal nach Frau gerochen und einmal, da war die älteste Tochter zu Besuch, lag ich mit der im Bett der Köchin, uns nackt an zu schauen und zu streicheln. Das versöhnte mich mit „da unten“, ist aber schon eine ganz andere Geschichte, wenn auch genau so kurz.
Heute denke ich: „Möge er in Frieden ruhen.“
Wer weiß was ihn zerbrochen hat und ob wir ihm nicht hätten helfen können. Wahrscheinlich nicht und trotzdem bleibt mir ein kleines schlechtes Gewissen wenn ich an den entsetzlichen Raum heute denke, den wir ihm zugemutet haben. Seit seinem Tod weiß ich, seit damals, dass ich in solch einem Raum auch nicht überlebt hätte oder es heute überleben könnte.
Nie wieder bekam ich solch große Einsamkeit in meine Nase.