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Samstag, 25. Januar 2014

Lyrischer Schmerz


Ach, klagt der Lyriker mal wieder
womit noch stimm ich meine Lieder
als mit der Klage Weh und Ach
läge sonst mein Weltschmerz brach

pure Freude zu verkünden, Lust
wurde mir meist arg verdrusst
wollen sie doch stets nur schwelgen
in meinen abgefahrenen Felgen

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Montag, 4. November 2013

Steinige Suche



wo ich den Stein nicht fand
unter meinen Füßen
blieb mir doch
der Schmerz von ihm
viel ausdauernder
als
von den Steinen
die ich fand
unter meinen Füßen
nicht nur
weil ich sie
kaum gefunden
entfernen konnte
eher weil
er mich tiefer quälte
als die so leicht
Auffindbaren
und ich nur schwer
mich durchringen kann
ihn so tief
auf zu spüren
wer weiß
was noch da unten
lauert
den Schmerz
in mir reibt
und ob es
damit getan ist
nur den Stein zu entfernen

welche Mauer fällt dann
was bleibt intakt
was bleibt
von mir
danach noch stehen

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Freitag, 11. Oktober 2013

Verloren im Fluss


Der Regierungschef lag schon fünf Tage in seinem Zimmer, ohne sich ein Mal aus dem Zimmer heraus zu bewegen. Auch kam niemand außerhalb der Essenszeiten zu ihm, da er sie darum gebeten hatte.
Dafür hörte er sie trotz ihrer Versuche in seiner Nähe keine Geräusche zu verursachen. Seine Frau mehr als die beiden Buben. Jetzt hörte er Krawinkel, seinen Bürochef mit der Frau sprechen. Verstehen konnte er sie nicht, aber sich denken, was der wollte. Vorgelassen werden wegen der Unterschriften.
Es dürfte weder aufgefallen sein noch Gerede geben. Schließlich trat er auch sonst nicht jeden Tag vor die Medien und krank wurde jeder Mal. Das betraf auch seine Gegner. So wussten nur sein Arzt, seine Familie und seine engsten Mitarbeiter was wirklich mit ihm los war. Sie nannten es Depressionen, er seine „Auszeit“, die er immer öfter brauchte, weil er sich nicht gut fühlte, schlapp, ja vielleicht auch depressiv.
Es kam meist verstärkt am Morgen, wenn er am Tag zuvor zu viel Whisky getrunken hatte. Das war ihm ärgerlich, hatte er sich an den Tagen zuvor immer gut gefühlt, hoch oben, wo er ja auch faktisch angekommen war.
Für ihn gab es keine Gipfel mehr. Präsident vielleicht, aber das war Marionettentheater, eine Clownsnummer. Oberster Repräsentant. Ein Schmarrn war das.
International, da war auch nichts zu holen, oberster UN-Boss, auch nur eine Clownsnummer. Zu sagen hatten da die Regierungschefs, so wie er und die immer noch vorhandenen Diktatoren. Aber bestimmt nicht der UN-Heini.
Nein, er war angekommen. Gut sogar. Man hatte ihm wegen seiner Versöhnungserfolge sogar einen internationalen Preis verliehen. Die Gespenster seiner Kindheit und Jugend lebten schon lange nicht mehr. Gut, bis auf ein paar wenige Ausnahmen und deren rüpelhafter Nachwuchs. Aber sie spielten keine Rolle im Land. Zurzeit jedenfalls nicht.
Es war alles ruhiger geworden. Sogar seine Gegner hatten zähneknirschend angefangen, seine Maßnahmen und Erfolge zu akzeptieren. Eigentlich der richtige Zeitpunkt mit der Politik Schluss zu machen.
Er schrak hoch aus seinen Gedanken, weil Krawinkel vorsichtig zu ihm reinkam und an sein Bett trat.
„Nicht jetzt!“
„Carl, wir müssen. Du bist Regierungschef.“
„Ich weiß, trotzdem. Ich brauche noch Zeit.“
„Wie lange noch?“
„Keine Ahnung. Ich brauche einfach Zeit. Ich komme wieder hoch. Bin ich doch bisher immer. Aber nicht jetzt. Jetzt noch nicht. Bitte!“
„Dann wenigstens ein paar Unterschriften.“
Er gab sie ihm und war froh, wie der danach sofort das Zimmer verließ.
Mochte er mit seiner Frau die Sorgen teilen.
Die Dunkelheit tat ihm gut. Und das Denken, das Aufflammen der Bilder von damals, als er zum Onkel kam, die Eltern irgendwohin auf der Flucht. Und der hatte ihm die Stadt gezeigt, das Land, viel erklärt, immer geduldig. Ja, das war die gute Zeit. Wie lange? 3 Jahre oder 5? Alles nur verschwommen, zu lange her diese Vergangenheit.
Sein Eintritt in diese linke Jugendorganisation, seine ersten Funktionen, dagegen die Außenseiterrolle in der Schule, die Einsamkeit in den Nächten, das kahle Zimmer, immer klamm und weit weg vom Onkel seiner Schlafstube.
Er war mit dem Onkel allein, keine weiteren Verwandten. Wieso nicht? Wieso keine Verwandten? Wer hatte ihn und die Eltern und den Onkel hierher gebracht, in diese Stadt, dieses Land auf diesem Planeten zu der scheußlichen Zeit? Fügung, Bestimmung? Er glaubte nicht daran und auch sonst nicht an ein höheres Wesen, dass sich für ihre Schicksale hier auf Erden interessieren könnte. Nein, der Mensch war allein in diesem Teil von seinem Kosmos.
Was ihm allerdings und seinem Leben noch mehr Einsamkeit einbrachte. Aber er wusste damit zu leben. Hatte es immer geschafft, auf der Flucht über das Meer, zu der ihn der Onkel eines Tages plötzlich gedrängt hatte, zu Leuten, deren Namen auf den Briefen des Onkels standen. „Genossen“, ja, das Wort war wichtig damals und besonders für ihn, dem Flüchtling, dem „Landesverräter“ als solcher er schon bald darauf in seinem Land gesucht und beschimpft wurde und als solches noch bis vor kurzem beschimpft von seinen Gegnern, durch die Medien und journalistischen Sümpfe gezogen.
Es dauerte zu lange, geschah zu viel damals, als dass sich die Organisationen halten konnten. Und so war er bald mal in dieser mal in jener, floh weiter durch die Länder, landete in Bürgerkriegen mal zwischen den Fronten, mal auf der einen oder anderen Seite, war und blieb dabei allein, entschied für sich, handelte für sich, wurde immer klüger und analytischer, fand nie zur Ruhe, auch nicht die für eine Ausbildung oder ein Studium, kam schließlich endlich zurück in sein Land, zum Grab des Onkels, nachdem der Diktator und seine Leute gestürzt waren, blieb dieses Mal, blieb bis heute. Und war sogar hier Regierungschef geworden. Er, der Landesverräter. Die Frau hatte er aus dem letzten Zufluchtsland hierhin mitgebracht. Eine kluge und warmherzige Frau. Und dann die zwei Buben. Prächtige Kerle. Aber er fand keinen weg zu den Dreien.
Da war nicht wirklich was. Gut, nett war er zu ihnen, es kam kaum mal zum Streit. Auch war er ja meist nicht hier. Nur im Urlaub, da hatten sie Zeit füreinander. Da gab es schon mal Gelegenheiten sich näher zu kommen. Aber wenn es ihm zu nah wurde, verkroch er sich oder floh zu seinen Geschäften, die es auch im Urlaub genügend gab.
Er dachte an seine Einsamkeit wie an eine große Macht, die ihn gefangen hielt, die in ihm saß, die nicht wollte, dass er jemanden an sie ranließ. Die ließ ihn immer wieder spüren, dass es sie gab, mitten auf einem offiziellen Ball mit seiner Frau beim Tanzen, auf einer Wahlveranstaltung, ja sogar in der Nacht, als sie genügend Stimmen bekamen für die regierungsmacht und damit eine wahrhaft historische Stunde war im Land, da meldete sich die Einsamkeit mit ihrem scharfen Messer und tat ihm weh in der Brust, ließ ihn die Verbindung zu den Menschen um ihn herum verlieren und alleine da stehen, wie er einst als junger Bub dagestanden hatte vor dem Onkel.
Es war ein großer Schmerz, den er nicht ab zu schütteln wusste und doch hatte er keine Lust auf dieses Psychozeugs, wie er es nannte. Ja, Freud und Co waren schon tolle Kerle, auch in seinen Augen. Aber für sich wollte er sie nicht, deren Methoden. Er meinte durch sie nur all seine Kraft zu verlieren, die ihn immerhin bis nach ganz oben gebracht hatte, diese Kraft die auch von den Schmerzen ausging, ihn vor der Einsamkeit immer phantastischer, immer stärker fliehen ließ, ihn intellektuell immer weiter verbesserte, alles für ihn ohne den großen schmerz nicht vorstellbar.
Das spürte er ja jetzt, wo die Einsamkeit neben ihm ganz ruhig blieb, der Schmerz nur leise pochte, während er sich im Bett den Bildern seines Lebens hingab. Er hatte keine Kraft zum Leben. Nicht ohne Schmerz, nicht ohne diesen Antrieb.
Er konnte seine Glieder bewegen, mehr aber auch nicht. Auch wusste er nicht mehr, ob er wirklich richtig handelte und entschied als Regierungschef. Das wusste er eigentlich nie, konnte es aber immer gut in den Argumenten verstecken.
Hier im Bett half ihm das nicht. Was im Leben war ihm wirklich geglückt, wo hatte er wirklich richtig gelegen? Und dann waren da die vielen kleinen und großen Lügen, die Stunden des Verrats, denn auch ihm war es nicht möglich gewesen ohne Verrat zu überleben. Und bisweilen war es gut gewesen dass es keine Zeugen gab für sein Tun, weder in Liebesdingen noch in finanziellen Angelegenheiten, kurz, er hatte gestohlen, mit anderen zusammen betrogen und Frauen betrunken abgeschleppt und sich an ihnen im Prinzip vergangen. Nicht schön das alles im Nachhinein hier im Bett, im Dunkeln, mit der Frau nebenan.
Ja, es war Flucht, es waren die Zeiten, er war wie viele andere. Aber was konnte ihm das jetzt und hier helfen. Der Schmerz davon saß fest. Hatte einfach Stück für Stück, Tat für Tat zugenommen. Und mit wem hätte er mal darüber reden sollen, das wo er ohne Familie nur mit dem Onkel und der Organisation aufgewachsen war vor der Flucht und auf der war er gerade mal am Ende der Pubertät gewesen und konnte nie jemanden wirklich vertrauen, schon gar nicht sich mit solchen Geschichten öffnen.
Und dabei hielten ihn alle für einen großen Redner, weil er sich emotional dabei zeigte, Zwischentöne von sich gab wie andere nicht. Ja, aber lag am Schmerz, der sich eben nie ganz bändigen ließ und dass er manchmal so bescheiden, wie sie meinten und nachdenklich auf dem Podium oder unter ihnen stand, das lag an der Einsamkeit, die ihn so da stehen ließ, wenn sie ihn überfiel.
Er konnte sich selber wirklich kein gutes Bild abgewinnen, schon gar nicht diesen entsetzlichen Fotografien, die ständig und überall von ihm erschienen. Er wollte sich nicht so sehen, fand den Kerl darauf hässlich, verlebt, verkrampft. Das war nicht, nicht sein Gesicht wie er es am Abend im Spiegel vorfand.
Oder war er es doch, nur sah das niemand außer ihm. Denn seine Leute hielten sein Konterfei für werbewirksam und über alle Maßen interessant und sympathisch. Mochten sie. Ihm gefiel es jedenfalls nicht.
Ihm gefielen die emotional oberflächlichen Kontakte, die und die anderen Freundschaft zu nennen pflegte und er genoss durchaus auch die ihm zugetragene Liebe und Verehrung seiner Umgebung, die Künstler und Intellektuellen vor allem. Die wollten auch keine wirkliche Nähe, nur seine Anerkennung durch die von ihm geduldete Nähe im Rampenlicht.
„Whisky-Carl“ nannten sie ihn gelegentlich, nicht ganz zu Unrecht, trank er das Zeug ja wirklich oft und nicht selten auch mal zu viel. Das führte mit der Zeit zu dieser langsam betonenden Sprechweise, wenn er die Gläser des Tages zuvor noch als Restpolster im Gehirn kleben hatte. Das war ihm egal, Hauptsache der Schmerz und die Einsamkeit funkten ihm in diesen Momenten nicht dazwischen. Ja, der Whisky half gegen die beiden. Leider nur während des Trinkens. Danach bekam er sie immer stärker an den Hals. So wie vor vier Tagen, als er in das Zimmer kam und wusste, er würde es den nächsten Tag nicht verlassen können.
Wann war es ihm wirklich gut gegangen in seinem Leben? Er wusste es nicht, da hinter jedem schönen Bild sofort negative Gefühle auftauchten. Aber es gab ein Bild, dass stand hielt und dass er deshalb immer wieder hervorholte. Es war die Szene, in der er als Junge, wahrscheinlich noch bei seinen Eltern, also als er nicht älter war als fünf, am großen Fluss saß und ein Papierschiffchen schwimmen ließ, dass wohl die Mutter mit ihm gefaltet hatte.
Er saß im Gras der Böschung und sah zu wie das Schiffchen auf den unruhigen Wellen davon trieb, Wellen die von den Lastkähnen kamen, die ununterbrochen den Fluss an ihm vorbei rauf und runter fuhren.
Und daneben jetzt sein kleines Schiff, weiß leuchtend, tanzend und es dauerte lange, bevor er es aus dem Auge verlor. Er war nicht aufgesprungen, einfach hocken geblieben, hatte dem Verschwinden still und zufrieden zugesehen. Dahinten  war die weite Welt, das wusste er, und dahin würde sein Schiffchen treiben.
Und er hatte keinerlei Angst verspürt, nur die warme Sonne im Nacken und auf den nackten Beinen und Armen. Nur das Wasser vor ihm war in Bewegung, nur die Wellen kamen vorbei, ihr silbernes Blitzen wie ein Gruß für ihn und das Schiffchen. Alles war gut. Alles war gesichert. Alles stand fest an seinem Platz und er fühlte sich geborgen und nicht allein, obwohl er alleine dort gesessen haben musste, denn er sah nur sich, den kleinen Knirps dort hocken, meinte sogar ein Gras zwischen den Lippen des Jungen zu sehen.
Wie sollte er je zu diesem Jungen und dieser Stunde zurückfinden? Unmöglich, bei der Zeit und den Ereignissen, die dazwischen lagen. Trotzdem reizte es ihn jetzt doch auf zu stehen, aber nur um zum Fluss hinunter zu gehen, denn der Regierungspavillon lag genau hinter einer Biegung mit großem Garten bis zum Wasser. Es war also möglich. Er zog sich leise an, in der Sorge sie könnten ihn hören und das wollte er nicht. Er wollte allein sein wie damals dieser Jnunge, wie er am Ufer hocken, auf das Wasser sehen und ein Schiffchen treiben lassen.
Das war schnell hergestellt. Er nahm als Papier ein Schreiben von einem seiner Minister, der konnte ja nochmal schreiben, wenn es denn wichtig ist, und faltete es, wie er es gelernt hatte. Von wem? Von seiner Mutter oder doch vom Vater oder vom Onkel? Nein, nicht vom Onkel. Der hatte nie mit ihm gebastelt.
Es gelang ihm unbemerkt aus einer Seitentür des Bungalows zu kommen und schlich gebückt hinunter. Jetzt hätten sie ihn bemerken können durch die riesige Panoramascheibe des Wohnzimmers. Auch die Wachleute könnten ihn jetzt entdecken. Aber er hatte Glück, alle befanden sich gerade in der Küche um sich von der Frau etwas zu trinken einschenken zu lassen.
Die Buben spielten wahrscheinlich auf ihren Zimmern und dann hörten und sahen die nichts anderes.
Er schaffte es bis zur Böschung und rutschte vorsichtig hinunter bis zum Wellenschlag. Als er sich vorsichtig umdrehte sah er den Bungalow oben stehen, platt modern, breit wie lang und mit viel Fenster. Er mochte ihn nicht. Die alten Villen aus der Zeit der ersten Industriealisierung hatten ihm immer besser gefallen. Egal. Ging ja vorbei. Seinen Altersruhesitz würde jedenfalls ein anderes Haus darstellen.
Er streckte den Arm mit dem Schiffchen weit von sich über das Wasser, so weit er konnte, um es schließlich fallen zu lassen. Im gleichen Moment verlor er das Gleichgewicht und stürzte dem Schiffchen hinterher.
An diesem tag führte der Fluss Hochwasser vom schmelzenden Schnee oben in den Bergen und verfügte über eine stärkere Strömung als sonst an den meisten Tagen.
Was aber viel unangenehmer für den Regierungschef war: er konnte nicht schwimmen. Das zu lernen hatte er keine Gelegenheit gefunden während der Flucht und später wäre es ihm zu peinlich gewesen. Auch einen Führerschein besaß er nicht, aus ähnlichen Gründen, wobei der ihm jetzt und hier im Wasser auch nicht geholfen hätte, im Gegensatz zum Schwimmen, dass er nun zu imitieren versuchte, so wie er es gelegentlich hatte beobachten können, aber es gelang ihm dadurch nicht länger über Wasser zu bleiben. Trotz seiner aufkommenden Panik schrie er nicht sofort um Hilfe, da zuerst noch die Scham überwog hier so gefunden zu werden, dann aber schrie er doch, meinte zu schreien, dabei geplanten nur gegurgelte Töne über die Wasseroberfläche und dies auch kaum bis zum Ufer, geschweige denn darüber, und nur einzelne seiner geschrienen Vokale hingen wie Seevögel über ihm in der Luft, während er immer länger und tiefer versank, kaum noch nach oben kam mit seiner Strampelei, mit er schon bald begonnen hatte, als er merkte wie wenig hilfreich seine abgeguckten Schwimmbewegungen für ihn waren.
Er versank. Unwiederbringlich. Sah noch die Wasseroberfläche über sich, ein letztes schimmerndes Sonnenlicht, versank wie in seinem Schmerz und seiner Einsamkeit, die bei ihm waren, auch jetzt, oder gerade jetzt, auf jeden Fall in seinen Gedanken bevor er noch kurz an Frau Kinder dachte, mit ihrem Bild vor Augen langsam erstickte, in einem Strudel von Blitzen und Farben, fern aller seiner Bilder und Worte.
Sie fanden ihn erst einen Tag später ein paar Kilometer weiter den Fluss hoch.
Bis dahin hatte es große Aufregung, bei seiner Familie und seinem engsten Kreis große Bestürzung und Verzweiflung gegeben, all das mit Macht unter großer Verschwiegenheit, sollte doch noch keiner erfahren, dass der Regierungschef und ausgerechnet dieser große, international so hoch geachtete Mann einfach aus dem Haus verschwinden konnte, vielleicht entführt worden war, ohne dass es jemand mitbekommen hatte. Und so mischte sich bei dem Anblick der Wasserleiche in die Trauer auch Erleichterung bei manchem. Vor alledem nach die sofort herbei gerufenen Ärzte keinerlei Fremdeinwirkung feststellen konnten. Man einigten sich für die Veröffentlichung des Ereignisses auf tragischem Unfall, was der Wahrheit ja auch entsprach, was aber keiner von den Betroffenen wirklich sicher wissen konnte.
Eine Ära war vorbei. Hieß es. Vielleicht war es auch gut so, damit sich die letzten Wunden aus der Vergangenheit endgültig schließen können, schrieben einige Intellektuelle. Schon bald wurden Schulen, Straßen und Plätze nach ihm benannt, es kam zu einer Sonderedition hochwertiger Münzen und etlichen Magister- und Doktorarbeiten über ihn. Überhaupt brach eine Flut aus von Veröffentlichungen über die jüngste Geschichte des Landes als wäre sein Tod die Tür zur Geschichte gewesen, die nun geöffnet werden konnte.
Trotzdem halten sich bis heute hartnäckig die Gerüchte, dass es Mord gewesen sei, die alten Geister ihm nie verziehen hätten und sich so an ihm gerächt. Aber damit stand er zu dieser Zeit nicht alleine im Medienauftrieb.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Wut und Trauer


aus
Peter Silies
Grübellade

baue mir einen Song
aus Wut und Trauer

läßt der Schmerz nach
kribbelt mich ein Schauer

Sonntag, 1. September 2013

Sofatag



Schmerzen halten mich fest
alle Kissen helfen nicht
den Tag zu überblicken

das Buch wird mir zu schwer
in meinen Händen
will mein Kopf einnicken

manch Sonnenstrahl sticht da
unangenehm auf der Netzhaut
der Tag will mich nicht aufgeben

ja, da wälze, stöhne und schreie ich
in schlaffen Gedanken
wünsche einfache, bessere Wörter mir

größere Flüchtigkeit der Schmerzen

Schmerz, Trauer, Wut



Ja, es hat sich etwas geändert über die Generationen hin, von unseren Eltern und Großeltern zu den Urenkeln, unseren Kindern. Etwas hat sich geändert.
Als mein Lieblingsonkel tödlich verunglückte, mit seinem Motorrad auf den Wagen eines alten Bauern prallte, der einfach von einem Feldweg auf die Straße gebogen war, an einem wunderbaren Frühlingstag mit strahlender Sonne und erster Wärme, Vorboten eines heißen Sommers, der in dem Jahr auch tatsächlich folgte, da hatte ich nur leise geweint, immerhin schon geweint, und das als Mann, mein kleiner Sohn aber, der hatte geschrien, hatte es nicht ausgehalten in der Wohnung und war auf den Balkon hinausgestürzt und hatte geschrien, die ganze Nachbarschaft zusammen geschrien, so sehr, dass allen, die es hörten, plötzlich ein wahnsinniger Schmerz in die Brust kam, als hätte sein Schrei Pfeile losgeschickt und sie damit tief getroffen.
Als ich in seinem Alter war und  meine Geschwister starben habe ich nicht geschrien und nur wenig Tränen für sie übrig gehabt und die Erwachsenen um mich herum hatten nur düster geguckt, die Frauen leise geschluchzt, und beim Butterkuchen in der Gaststätte danach war es schon wieder normal, man redete, lachte, prahlte. Niemand veränderte sich durch den Tod eines anderen. Nur die Frauen, die trugen nach dem Ableben ihrer Männer bis zu ihrem eigenen Tod schwarz. Die Männer hingegen hielten sich selten an das Trauerjahr, was aber kaum auffiel, da die vorherrschende Farbe zu jener Zeit in ihren Anzügen und Hosen sowieso dunkel- oder schmutziggrau war und schwarz. Nur die Hemden stachen hervor, bei denen, die ins Büro gingen mit waschmittelweiß und bei denen, die von ihrer Hände Arbeit lebten, matt bunt, kariert und gestreift, meist dumpfes Blau, bräunliches Orange oder gelbliches Rot.
Auf jeden Fall wurde nicht geweint, schon gar nicht vor uns Kindern. Zum Weinen ging man ins Kino, vor allem die Frauen, was den Männern einerseits peinlich war, andererseits ihnen das Gefühl gab, überlegen zu sein ihren Frauen, zumindest beim Filmgucken.
Mit der Zeit kam es mir so vor, als trauerten die Witwen nicht wirklich mit ihren schwarzen Klamotten, es sei denn, sie hatten ein Kind verloren, dann bekamen sie sich nicht wieder ein, schauten über Jahre hinweg traurig aus bei den Familienfeiern, schluchzten plötzlich einfach so vor sich hin, schluchzten vor allem jeden Heiligabend, dass es allen anderen peinlich war und niemand Bock auf das Fest mehr hatte.
So ging es auch meiner Mutter. Sie trug zwar nicht lange schwarz, heulte aber jeden Heiligabend, so dass ich irgendwann es aufgab mit ihr zu feiern.
War ein Traueranlass über uns hereingebrochen, begann vor allem das Schweigen sich bei uns stärker noch als sonst breit zu machen. Man schwieg, lachte weniger, erzählte nur langsam, fast stockend und wir Kinder mühten uns auf Zehenspitzen zu gehen.
Nur selten brach einmal hervor, dass sie ja schon zu viele beerdigt hatten, verloren geben oder auf dem Schlachtfeld lassen mussten, der Tod also wohl ein häufiger Gast gewesen war, bevor ich dazu kam in ihre Beerdigungen.
Und so taten sie alles für das Leben und nichts für den Tod, die Trauer und den Schmerz. Sie liebten, in meinen Augen jedenfalls, die Steine, denn die ließen sich gut übereinander stapeln, verfugen, zu dicken Wänden hochziehen, hinter denen sie dann ihr Schweigen leben konnten, was uns Kindern schwer fiel, ewig dies ruhig sein sollen, ruhig sitzen, nicht krakeelen, erst reden wenn man gefragt wird, schweigen, wenn Erwachsene reden, und statt die Gelegenheit zu nutzen, ihnen zu zuhören, hörten wir bald weg, wenig zu, versanken in unseren Gedanken und Tagträumen, wo wir reden konnten und schreien, bis sie uns herausrissen mit:“Träumst Du schon wieder, iss!“
Denn das Essen war ihnen wichtig und das Trinken, alles musste leer werden, die Teller, die Gläser, nichts durfte übrig bleiben, sonst „scheint morgen die Sonne nicht!“ Und wenn es regnete oder stürmte fragte ich mich zu Beginn wirklich, ob ich schuld sei, weil ich mal wieder das Brot nicht hatte schlucken können und der Braten mir quer hing im Hals.
Auf jeden Fall trauerten die Witwen bestimmt nicht wirklich, im Gegenteil, sie schienen mir froh zu sein, das Kapitel Mann hinter sich zu haben und oft hörte ich den Satz: „Mir kommt kein Kerl mehr ins Haus.“ Überhaupt schienen wir Männer unangenehm zu sein, zumindest für Frauen. Sie wurden selten berührt oder umarmt. Das taten die Männer eher mit ihren Frauen, während die Frauen uns Kinder immer mal wieder, bisweilen fast heimlich berührten und umarmten, manchmal leise seufzend und viel zu fest und wir wussten meist nicht warum eigentlich und ob sie wirklich uns und nicht sich selbst umarmten und drückten.
Schmerz war nie ein Thema, war tabu und hatten wir uns einmal weh getan, dann galt es schnell mit dem Heulen auf zu hören, denn das war irgendwie nicht gut, ja gefährlich für unsere Entwicklung, gehörte sich außerdem nicht.
Kurz ja, lang nein.
Die Männer schienen die Schmerzen im Gegensatz zu uns Kindern geradezu zu suchen, den Schmerz kalten Frostes auf der Jagd oder beim Bau ihrer Häuser, den Schmerz der Hitze auf der Haut im Sommer auf den Feldern, den Schmerz bei der Arbeit, beim Sport durch hartes zu packen, alles wurde getan, damit Muskeln und Rücken schmerzten und je weher es tat umso mehr wurden wir Mann, taugten wir was, bekamen Hoffnung für unser Leben, dass aus uns was werden könnte.
Es war ein fremder Schmerz, der von außen kam und den Schmerz in uns weg schob  zermalmte, irgendwohin schoss, wo wir ihn manchmal auch nie mehr wieder fanden, nur spüren taten wir ihn, in der Stille, dem Schweigen und so waren wir froh, dass der Fernseher erfunden worden war, in unsere Wohnzimmer kam und wir alle zusammen schweigen konnten ohne, dass es weh tat, wir uns und die anderen noch spürten und nur bei Liebesfilmen und solchen aus dem Krieg heulten mal wieder die Frauen und die Männer tranken ihr Bier, sahen resigniert zu ihnen hin und zwinkerten uns zu, die wir gierig von den Chips naschten.
Nicht geschwiegen wurde bei Kameradschaftsabenden oder im Verein. Da ging es stattdessen laut zu, wurde sich berührt, heftig, durch Schulterklopfen und Anrempeln.
Gerne gingen die Männer zur Jagd und zum Militär. Die noch auf Übung durften, waren die Helden und Beneideten. Das Wort Kameradschaft hing sehr hoch über allen Dächern der Zeit, vor allem in den Eckkneipen und Bierzelten. Da schwappte sie hoch, über und nur der Alkohol konnte sie zerstäuben. Dann prügelten sich die Männer, die Frauen mühten sich zu schlichten und am nächsten Morgen trugen die Männer stolz ihre Pflaster durch die Gegend.
Als meine Frau und ich heirateten, weinte eine Nachbarin plötzlich los, wir waren gerade beim Schleiertanz angekommen und alle waren fröhlich, alkoholisiert und genossen das Fest. Nur sie saß da und weinte. Und als wir sie fragten, was denn wäre, da antwortete sie schluchzend, dass das Fest so schön sei, wie sie es noch nie erlebt hätte, keiner würde sich streiten, keiner sich prügeln, das hätte sie noch bei keinem Fest so erlebt und das mit ihren 80 Jahren.
Wir sahen sie verwundert an und manch einer konnte sich das gar nicht vorstellen. Aber ich wusste, sie hatte Recht, es gab genügend Feiern die auch in meinem Leben so ausgegangen waren. Ich fand es außerdem toll, dass sie den Mut gehabt hatte so etwas uns hier zu erzählen.
Ein anderes Wort gehörte auch zu der Zeit: die Selbstbeherrschung. Selbstbeherrschung war ihnen wichtig. Für sich selbst und uns. Auch bei Wut, denn die überkam uns oft. Es reichten Kleinigkeiten und wir wären am liebsten ausgeflippt. Aber wer das tat, dem ging es schlecht, bisweilen setzte es dann Hiebe oder man musste in die Ecke oder ins Bett. Und das, wo die Erwachsenen ständig über irgendwelchen Mist wütend waren, sofort losbrüllten oder schlugen. Wobei es noch schlimmer uns traf, wenn nichts davon geschah bei den Frauen, die einen nur traurig ansahen, seufzten, uns nicht umarmten, sich abwandten und auch mal zu weinen begannen, dann hatten wir das Gefühl Verbrecher geworden zu sein, unser ganzes Leben zerstört zu haben und ihres gleich mit. Wir waren zu nichts nütze, wie es auch oft hieß und sollten froh sein, dass wir heute lebten und nicht damals.
Bis dann wieder das laute Schweigen begann, das Treiben des Tages, die Beschaffung von Wohlstand, das, was uns helfen sollte „es einmal besser zu haben“ wofür wir gefälligst dankbar beitragen sollten und vor allem schweigen, die Wut verschweigen, die Trauer und auch die Freude. Denn die zeigte man auch nur sehr verhalten. Zu laute Freude brächte Unglück hieß es.
Mein Sohn kümmert sich um so etwas nicht, lacht, weint, freut sich, trauert und wir können daran teilhaben. Das hat sich geändert von uns zu ihm. Er zeichnet und malt gerne, nicht selten sind seine Themen auch Schmerz, Trauer oder Wut. Wir wissen inzwischen, dass wir uns deswegen keine Sorgen um ihn machen müssen, denn er lässt ja nur raus was auch in uns sitzt und gelegentlich mal frei sein möchte. Die Freude fällt ihm schwerer. Auch ihm gerät sie eher zu einem Witz, einem Gag als zu echter dargestellter Freude.
Vielleicht schaffen das die nächsten Generationen, sich einfach frei und losgelöst zu freuen, nicht schadenfroh oder glücklich über Siege, nein einfach so Freude, weil das Leben bisweilen schön ist und ein Wunder, dass wir in der meist toten Unendlichkeit des Universums auf unserem Planeten erleben dürfen. Vielleicht.
Bis dahin bleiben uns Schmerz, Trauer, Wut. Ein Leben lang. Davon zu schweigen ist Betrug am Leben, an uns, bringt uns auf die Dauer um, streicht uns aus den Möglichkeiten des Lebens und der Liebe. Das Schweigen zerstörte uns damals die Nähe, denn das Schweigen ließ Nähe nicht zu, machte sie schmerzhaft, war eine Kraft, die uns von einander abstieß.
Warum machten wir das mit, wie schafften sie es und sich? Ich glaube es war der Gehorsam, den sie von den Schlachtfeldern und aus den Fabriken in ihre Wohnungen mitbrachten und dem sie sich verpflichtet fühlten wie der Kameradschaft und ihrem Bild vom Leben, von Mann und Frau, Gehorsam war stets die Basis.
Der Gehorsam war es, wenn die Frauen nachts die Männer an sich ran und hinein ließen, Gehorsam waren so auch wir Kinder, als Schüler, als Lehrlinge, bei der Arbeit und bei Tisch, selbst bei den Vergnügungen wie den seltenen Ausflügen, ersten Urlaubsfahrten oder im Schwimmbad. Immer war genügend Raum für den Gehorsam und wenig Raum für uns, unsere Bedürfnisse, für Schmerz, Trauer und Wut, ja auch die Freude hatte zu gehorchen, war ein fest zu schnürendes Paket und kein echtes Lebenszeichen.
Weniger typisch schien mir mein Großvater für das alles zu sein, anders und altersmilder, hatte ja auch nur kurz gedient, war nicht in den Kriegen an den unzähligen Fronten dabei gewesen.
Er trank zwar gerne, passte aber auf, dass er nicht dem Alkohol zu sehr auf den Leim ging. Und so ging er nach dem Tod seiner Frau nicht in die Kneipe sondern regelmäßig in den Puff. Das war wohl seine Art, den Schmerz und die Einsamkeit zu überstehen. Er war kein lauter aber sehr wohl auch ein Schweiger und kam meist nur richtig aus sich heraus nach ein paar Gläschen Schnaps. Dennoch gelang bei ihm Nähe und es entstand auch Geborgenheit. Ihm gehorchten wir ohne großes Tamtam seinerseits. Dennoch, auch er gehorchte und gab stumm weiter, was wir nicht ahnten, wie so viele, was nie besprochen wurde, dass sie nämlich Fremde waren, „Pollacken“ wie sie geschimpft wurden, arme Leute die auf der Suche nach Lohn, Brot und Dach über dem Kopf in unser Land gezogen waren, mein Großvater und seine Geschwister noch als Kinder. Aber als ich sie kennenlernte waren sie alle Deutsche geworden, ohne Spuren ihrer wahren Herkunft.
Es wurde wie so vieles verschwiegen und mit dem Schweigen übergaben sie uns schweigend und stumm all die Gräuel, die sie erfahren hatten und von denen sie wussten und manchmal des Nachts in ihren Träumen heimgesucht wurden.
Und wir liefen damit los, ahnten es nicht, wussten nichts damit an zu fangen, begannen, als wir es später in uns zu spüren bekamen, Gründe zu suchen, begannen davon angetrieben zu schreien, zu demonstrieren, brachen jede Menge Streit vom Zaun mit ihnen und füllten Bücher und Filme damit, trafen selten den wahren Kern, begriffen die wirkliche Ursache nicht.
Der Schrei meines Sohnes an jenem Frühlingstag ließ mich hoffen, dass vielleicht die Zeit langsam kommt, dass die Gefühle zu ihren wahren Ursachen zurückkehren und sich endlich frei bewegen können. Und darum verschwiegen wir ihm nichts.
Er kennt unser Gepäck und malt und zeichnet es, ohne daran zu ersticken oder über den Moment hinaus daran zu leiden: Schmerz, Trauer, Wut. Die Begleiter jeden erfüllten Lebens. Es bewegt sich in diesem Land.

Der Gehorsam verschwand aus den Räumen und liegt nicht mehr über den Dächern. Leider kam in letzter Zeit die Resignation an und nistete sich, wohl für längere Zeit, in vielen Hütten ein. Aber das ist ein anderes Thema, eine andere Zeit.

Samstag, 31. August 2013

Vom Verlust der Ruinen



20 Jahre nach dem letzten großen Krieg im letzten Jahrhundert gab es noch Polizisten, die nachts nach dem Rechten sahen und die Leute sagten „Wachtmeister“ und niemand „Bulle“ zu ihnen.
Eine besonders schöne Tour, so meinte der alte Wachtmeister Gerhard, hatte er in seinem Dorf, nachdem er seinen Rundgang um Kirche, Rathaus, Tankstelle und dem Laden der alten Müllerin beendet hatte, denn nun ging es zur kleinen Burgruine derer von Schlechtern, die hier im Mittelalter ihren ersten Stammsitz hatten, ihn aber schon in der zweiten Generation aufgaben, da sie es durch Heirat geschafft hatten, noblere Beherbergungen zu beziehen. Seitdem verfiel die Burg.
In diesen Tagen kamen schon wieder Touristen nur wegen der romantischen Gemäuer, ließen ihre Kinder zwischen den Wänden herumtoben und machten Picknick, wo einst der Burghof war. Da die Mauern immer noch gefährlich waren, weil einsturzgefährdet, patrouillierte er hier regelmäßig. Vor allem erwischte er schon mal Pärchen, die hier die Nacht fern ihrer Erziehungsberechtigten im Liebesspiel zu verbringen suchten.
Da die Burg auf einer leichten Anhöhe lag, hatte er von hier einen guten Blick über das Dorf, konnte sehen, wo die Kamine rauchten, die Öfen also schon oder noch an waren und wo nicht, wer schon Geld für neue Dachziegel hatte und wer nicht, konnte den Stolz der Männer im Wirtschaftswunderland als Farbtupfer zwischen den Häuserreihen ausmachen und an den Bäumen, in welcher Jahreszeit er sich befand.
Er war mit dem Anblick zufrieden, alle Spuren dieses Unseligen mit seinem 3. Reich waren getilgt und ihm kam es so vor, als wäre das Dorf heute schöner als in den Jahren vor dem Kerl und seiner Meute.
Seine beiden Söhne konnten darin nicht mehr mitwirken und sich erfreuen, sie waren beide in Russland gefallen. Auch seine Frau konnte er nicht mehr nach hier oben mitnehmen, sie lag seit Kriegsende auf dem Friedhof, hatte den Frieden nicht mehr lebend erreicht. Der Verlust der Söhne hatte ihre angeschlagene Gesundheit zu sehr gequält. Er und auch die Medizin in Persona des guten alten Doktor Markward waren dagegen machtlos gewesen.
Und jetzt befand sich Wachtmeister Gerhard in so etwas, was sie nach dem Krieg „Bratkartoffelverhältnis“ nannten, bei einer Kriegerwitwe, wovon es immer noch genug hier gab. Er war zufrieden, sie war es und sie freuten sich auf seine Pension. Ihr Garten war groß genug, ihn für den Rest seines Lebens zu beschäftigen.
In dieser Nacht schien der Vollmond über die Kanten und Zacken des Gemäuers und verwandelte die Ruine in eine bizarre Landschaft, was ihn jedes Mal wieder zum Staunen und Rätseln brachte. Wo kam der Schatten her, woher der?
Vor dem Wehrturm, der als einziges noch völlig erhalten war, machte er kurz halt, bevor er vorsichtig hineintrat. Er wollte so einem möglichen Pärchen Gelegenheit geben, sich schnell etwas an zu ziehen. Aber als er hineinsah, lag dort kein Pärchen sondern ein kleiner Steppke. Er erschrak, war er doch Kinder in der Nacht an einem solchen Platz nicht gewohnt und musste daher erst überlegen, wie er richtig reagieren könnte.
Er trat vorsichtig näher, sah eine Milchflasche, einen Schulranzen und eine Pfeife neben dem Jungen liegen, der sich wohl eine Wolldecke von zu Hause mitgebracht, und die bis zum Kinn hochgezogen hatte. Er lag auf Gras, dass er sich dafür vom Vorplatz genommen haben musste und hier zu einer Lagerstatt zusammengebaut hatte. Dorfwachtmeister Gerhard hatte die Stellen gesehen bei seinem Rundgang, sich aber nichts weiter dabei gedacht.
Erst dachte er, der Junge schliefe, bis er sah, dass der ihn mit halboffenen Augen ängstlich ansah.
„Na Du, was machst Du denn hier in der Nacht?“
Er bekam keine Antwort, nur dass die Augen des Jungen, wohl vor Schreck, erst ganz zu gingen, dann aber weit geöffnet wurden und ihn anstarrten.
Wachtmeister Gerhard ging im gebührenden Abstand vorsichtig vor dem Jungen in die Hocke.
„Keine Angst, ich muss hier nur nachgucken und aufpassen, dass nichts passiert. Ich tue Dir nichts, ist ja auch nicht verboten, dass Du hier liegst.“
Das sagte er, obwohl er sich da nicht sicher war, denn Wildcampen war verboten, andererseits hatte der Junge ja kein Zelt mit und so war es doch auch kein Campen.
Der Junge schien, zumindest dem Gesicht nach, gut genährt und genügend an der frischen Luft zu sein. Auf die Haare allerdings wartete bestimmt schon der Friseur.  Die Decke sah eher nach einem gut bürgerlichem Elternhaus und nicht nach Bauern oder Arbeiter aus.
Er musste etwas tun, nur was? Minderjährige gehörten nach Hause, zu ihren Eltern, das war klar. Irgendwie musste er den Jungen dazu bringen, sich zu öffnen und zu erzählen, bis er bereit war mit ihm zu gehen.
Gerhard befürchtete, dass der Junge vielleicht einen schlimmen Grund hatte, von zu Hause weg zu laufen. Oder kam er aus einem Heim? Wenn ja, musste er von weit her hierhin gekommen sein, aus der Kreisstadt, die hatten ein Heim. Andererseits sahen er und Decke nicht danach aus.
Der Krieg hatte vieles durcheinander gebracht in den Familien und das war noch immer spürbar und sichtbar in den Straßen und Stuben. Von ihren verbitterten Vätern geschlagene Kinder, Kriegswaisen, Schlüsselkinder, die niemanden zu Hause hatten, Streuner, für die noch immer Schwarzmarktzeit war, Frauen, verzweifelt auf der Suche nach einem Ernährer oder  Spaß und Wärme in der Nacht, Männer die gleiches suchten oder gar nichts mehr, ihren Kummer jeden Tag im Alkohol ertränkten. Was draußen gelungen war, äußerlich an Straßen, Häusern und Gärten, war innen drin noch längst nicht repariert und ausgebessert.
Vielleicht verlieren wir den Schmerz nie, vielleicht haben wir ihn auch schon weiter gereicht an die Kinder? Dieser große, bohrende Schmerz, der auf jeden Fall nachts zu ihnen kam, immer wieder, diese Alpträume schuf und so manchen schreiend aufwachen ließ.
Es dauert lang, bis sich die Wunden wieder schließen im Land, dachte Gerhard und wartete stumm auf eine Reaktion des Jungen.
Der richtete sich langsam auf, wobei die Decke etwas nach unten rutschte und Gerhard sah, dass der Junge einen dicken Pullover an hatte, so einen, wie ihn  die Frauen am Abend vor dem Radio die wenigsten hier hatten schon Fernseher, aus den Mustervorlagen der Modeillustrierten abschauten.
Reden wollte der Bub schein‘s immer noch nicht. Sah nur weiter zu Wachtmeister Gerhard und wartete, dass der wieder zu ihm sprach.
Gerhard tat ihm den Gefallen.
„Ich sehe, Du hast eine Pfeife mit. Hast Du denn auch Tabak?“
Der Junge reagierte endlich, nickte immerhin.
„Wollen wir zusammen eine smöken?“
Wieder nickte der Junge. Gerhard griff sich dessen Pfeife, holte aus seiner Uniformhose den Lederbeutel mit Kurzschnitttabak aus Virginia. Er stopfte damit die Pfeife und reichte sie dem Jungen.
„Probier mal, das ist mein Lieblingstabak. Kommt aus Amerika, Virginia. Da würde ich gerne mal hin. Du auch? Ich meine, würdest Du auch gerne mal nach Amerika gehen?“
Der Junge schüttelte den Kopf und sah zu wie Gerhard sich selbst eine Pfeife stopfte, den Tabakbeutel wieder einsteckte, ein Sturmfeuerzeug, blank geputzt, so dass sich der Mond mit seinen blauen Strahlen darauf spielen konnte, aus der Hosentasche zog.
„Ich dachte, weil, Deine Pfeife erinnert mich an Huck Finn, dem Freund von Tom Sawyer. Von denen hast Du doch gelesen?“
Der Junge nickte und Gerhard hielt ihm das Feuerzeug hin. Der Junge klappte den Deckel auf und zog gierig und hastig an der Pfeife, so dass die Flamme rauf und runter tanzte, zwischendurch fast ganz im Tabak verschwand.
„Langsam Junge, mit Genuss, sonst werden Tabak und Pfeife zu heiß und das brennt Dir dann auf der Zunge. Langsam und kräftig musst Du ziehen.“
Er machte es ihm vor und tatsächlich wurde der Junge ruhiger und tat ihm nach. Dann reichte er ihm das Feuerzeug, noch brennend, zurück. Gerhard setzte seine Pfeife ebenfalls in Gang und klappte den Deckel zu, sah das Feuerzeug einen Moment an, legte es dann zu den Utensilien des Jungen.
„Kannst Du haben, wenn Du willst.“
Der Junge sah es einen Moment an. Mehr nicht. Kein Nicken. Kein Dank.
„Magst Du mir denn Deinen Namen verraten? Ich bin der Anton Gerhard, ja, Du hörst richtig. Ich bin aus zwei Vornamen geschnitzt.“
„Willi,“ kam es ganz leise von dem Jungen.
„Habe ich richtig gehört: Willi heißt Du?“
Der Junge nickte, griff immerhin nun doch zu dem Feuerzeug, nahm es in beide Hände, betrachte das Spiel der Mondlichter darauf, drehte es und schwieg.
„Kannst Du nicht nach Hause?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Bist Du weggelaufen?“
Da nickte er und Gerhard sah, wie dem Jungen kleine Tränen auf die Wangen liefen.
„Haben sie Dich geschlagen?“
Wieder schüttelte der Junge den Kopf, besann sich aber nach ein paar Sekunden und beschloss zu reden:
„Nein, es ist, weil, nun ist auch mein Bruder tot, und davor der Opa, die Oma, und ja, der Jürgen, der mein Freund war und die Mama und keiner weint, alle halten den Mund, sitzen da, schweigen und das geht doch nicht, und Onkel Paul hat einen Witz erzählt, da haben die gelacht und Papa hat nur gefragt, wer was zu trinken will. Und da bin ich weg, und draußen hat die Sonne geschienen, und alles war so bunt und mir war doch zum Heulen zu Mut, und ich konnte doch mit niemanden reden, weil ich doch dann geweint hätte und geheult wie ein Schoßhund, wie Papa immer schimpft und da bin ich hierher getürmt und hab‘ die Ruinen gefunden und das ist gut, dass das hier kaputt ist, denn im Dorf ist doch auch alles kaputt und Du siehst es nicht, alles so heil und in Ordnung, darf ich nichts schmutzig machen und hier ist es wie es ist, kaputt und dreckig und ich dachte, da wohnt der Tod, der sie alle geholt hat, und vielleicht holt der mich hier auch und ich bin nicht mehr allein und kann endlich reden und weinen und dann bin ich eingeschlafen und als Sie kamen, Onkel, da dachte ich erst Sie wären der Tod, aber der Tod hat doch bestimmt keine Uniform und der raucht auch nicht Pfeife.“
Gerhard war baff, staunte den Jungen an, hörte andächtig zu, verstand höchstens die Hälfte und hatte doch das Gefühl, dass der Bub etwas ganz wichtiges gesagt haben musste. Etwas darüber, was möglicherweise schief lief, nicht nur in ihrem Dorf.
„Und jetzt? Was machen wir jetzt?“ fragte er ihn nach einer weiteren Weile des Schweigens.
„Weiß nicht.“
Gerhard hörte sich antworten: „na, das ist doch schon immerhin etwas.“, verstand selber nicht, was er damit sagen wollte, denn natürlich war das noch nichts und irgendwie wusste er selber nicht, was tun, dabei war ihm schon klar, dass er den Knaben zurück zu seinen Eltern zu bringen hatte. Aber er tat es nicht, dachte nicht daran, dachte kaum etwas, wartete, saß und sah dem Jungen bei seinem Spiel mit dem Feuerzeug zu. Und dann geschah es ihm, kam von ganz tief unten, der Schmerz schuf Wasser in ihm, Unmengen an Wasser und das wollte aus ihm raus und er glitt von der Hocke in den Schneidersitz, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, wusste, er brauchte jetzt viel und starken Halt wenn das Wasser kam und schon begannen die Krämpfe, traten die Tränen aus den Augen heraus, strömten ihm über das Gesicht und er sah nichts mehr, wehrte sich nicht, ließ es geschehen, genoss es sogar, hatte ein Gefühl, als wenn das Wasser ihm eine große Last von Brust und Schultern spülte und das Zucken seines Körpers kam ihm fast vor wie ein Tanz, ein Tanz der Befreiung von all seinem Kummer und all den Sorgen, all der Trauer, die er wie so viele hier ganz tief mit sich trug und nie besprach, nie mit Worten umgab, alles das schwemmte jetzt aus ihm fort und als es weniger wurde, blinzelte er durch den Wassernebel auf seinen Augen zu dem Jungen hin und sah, dass auch der zuckte und laut weinte, von eben solchen Krämpfen geschüttelt.
So ging es eine Weile und nur langsam ließen Zucken und Wasser nach. Der Junge war es, der zuerst sprach.
„Trümmer alle weg, nur hier noch, geht doch nicht, wo Leben ist, muss auch der Tod sein, sonst ist alles tod“.
Gerhard fragte sich, woher der Junge nur solche Gedanken und Bilder haben konnte und nickte und sagte laut und fest: „Ja, da hast Du wohl verdammt recht, mein Junge!“
Er blieb die Nacht über bei dem Jungen, brachte ihn erst am Morgen zu dessen zu Hause, das, wie sich herausstellte im Nachbardorf lag und so wurde ihm klar, warum er den Jungen bisher nie gesehen hatte, setzte sich zu dem Vater, sprach lange mit ihm, bis der zu weinen begann und so, unter Tränen, seinen Willi rief, den in den Arm nahm, und erst da stand der alte Wachtmeister Gerhard auf, brummelte leise einen Abschiedsgruß und ging.
Es war ein langer Weg nach Hause, aber er froh über die Zeit, hatte jetzt viel zu bedenken und war sich rasch klar, dass wenig zu tun war, die Welt lief und rannte wie sie halt lief und rannte, er aber etwas erlebt hatte, was ihm ab heute den Weg leichter machte und er mehr bei sich war, seinen Gefühlen und was sonst noch so alles verschüttet gewesen war durch die schrecklichen Zeiten und den Wiederaufbau.
Er traf Willi nie wieder, sah nur dessen Vater einmal von weitem im Baumarkt.
Jahre später kam es ihm bisweilen vor, dass er den Willi gar nicht getroffen hatte, sondern sich selbst, Anton Gerhard, klein und zutiefst verletzt, verlassen, überfordert von Krieg und Trümmerabbau, und das er selber dort gelegen hätte, tränenlos, mit dem großen Schmerz in der Brust ohne Worte und der Sehnsucht nach der Wiederkehr der Ruinen in der Plastik und Asphaltwelt der Neuzeit, ihrer hektischen Danachzeit.

Immerhin, er weinte jetzt leichter und schneller bei entsprechenden Anlässen und hatte gelernt den Schmerz mit Worten aus zu statten und so mit anderen zu teilen.

(c) Bild und Text: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013

Freitag, 5. Juli 2013

der Liebe Scherz


aus seiner
Gefühlslade:

ist Liebe Dir nur
ein übler Scherz
gefüllt mit Leid
und zu viel Schmerz

kann sie doch
an anderen Tagen
Dich in mehr als 
tausend Himmel tragen

Montag, 15. April 2013

Meeresrauschen



an mir perlt das Meer
ab
bricht der Stock der Zeit

aus den Tiefen allen Schmerzes
der Gezeiten
burlesker Jahrmarktchor

verspielt an dünigen Ufern
verschnauft im Gesträuch
ob Ebbe ob Flut in alle Ewigkeit

über den Wassern getragen wohin
warum auch
immer nur vorwärts im Gepäck

Tsunami geschwängert
das Tosen der Stürme
vergebliche Schreie der Opfer

an mir perlt das Meer
ab
bricht der Stock der Zeit