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Montag, 27. Januar 2014

Klopfer, Polen und das Fehlen der Adjektive



Damals, als wir noch sprachlos waren. Alte, Frauen und Kinder. Ferngeräusche. Küchengeklimper. „Darüber spricht man nicht!“ und „das geht Euch nichts an.“ Sätze wie am Rosenkranz, den hier kaum einer kennt. Fast alle evangelisch oder heimlich ungläubig.
Unser Viertel bestand aus Straßen, deren Häuser wie an Perlenketten nebeneinander hingen, dicht an dicht und längst nicht so schön, mochten sich unsere Nachbarn auch noch so viel Mühe mit den winzigen Vorgärten geben.
Piepenbloks, Brams, Hansen, Wührmann, Meyerdierks, Hinnerk, Petersen, Namen die wir alle kannten. Ja, vor allem die Namen zählten hier, bedeuteten irgendwas. Die Gesichter dazu, ihre Stimmen. Sie wurden betont gesprochen,  die Namen oder langsam wieder.
Wir wussten nicht viel, wir Kinder. Wir waren da. Zu mehr noch nicht.
Wir erfuhren nichts. Saßen brav am Tisch. Das war ihnen wichtig. Lärmten nicht in ihrer Gegenwart. Aßen mit Messer und Gabel. Wer eines davon fallen ließ, hörte auf zu essen.
Das Besteck wurde poliert, bevor es wieder in der Schublade verschwand. Ebenso das Sonntagsgeschirr mit dem Goldrand. In der Woche gab es das Blaue mit den abgestoßenen Rändern und merkwürdigen Schüsseln drauf. Immer aber musste alles aufgegessen werden, wegen dem Wetter.
Meistens waren sie nett zu uns, schweigend, sanft drängelnd, schupsten uns auch schon mal aus dem Weg, nach hierhin, nach dorthin, warum auch immer. Es fiel uns schwer ihre Beweggründe zu erraten.
Wenig Geschichten gab das Viertel uns preis. Ein bisschen Krieg, etwas Flucht und Vertreibung, mehr davon wer wie säuft oder aus der Art geschlagen. Letzteres ging gar nicht. Sollte man lassen.
Alte, Frauen und Kinder. Wenn überhaupt jemand draußen rumlief. Meistens sahen wir die Alten, Rentner, viele Witwen. Denen wichen wir nach Möglichkeit aus.
Wesen wie von einem anderen Stern. Oft mürrisch, giftig, manche müde, traurig. Gekrümmte Gestalten, dunkel gekleidet. Hießen alle mit Vornamen Witwe oder Opa. Oma hießen nur wenige, nur die, die noch einen Kerl hatten, so nannte man die Ehemänner meist. Manche hatten Glück und damit einen guten Kerl. Andere hatten das „Glück nicht gepachtet“, einen „schlechten Kerl“, meist „Stinkstiefel“ oder „faules Aas“.
Viele Männer waren Schweine, was wir nicht nachmachen sollten, wie auch immer. Wir kannten keine Schweine, nur deren Fleisch vom Sonntagsbraten.
Frauen mit dick vorgewölbten Bauch hatten was in der Röhre und nicht aufgepasst.
Die schon Kinder hatten „können wohl nicht lassen.“ Was auch immer.
Wenn wir in den kleinen Küchen hockten oder bei Festivitäten in den engen Wohnstuben war es meist friedlich, wurde es nur gelegentlich laut. Meist bei Schnaps und Bier.
Geschlafen wurde zur Straßenseite, die Untermieter unten, die stolzen Eigentümer im ersten Stock, die Kinder unter dem Dach. Die Küchen gingen zum Garten.
Das Viertel wurde von einer großen Chaussee durchtrennt. Die ließ angeblich ein kleiner Mann namens Napoleon bauen für seine Armee beim Durchmarsch. Auch so ein Krieg, noch länger her. Auf dieser drum auch Heerstraße genannten Straße fuhr in der Mitte die Straßenbahn. Zwei Linien hielten hier an. Die 2 und die 6. Mit beiden kam man in die „Stadt“, zu Karstadt, Dom und Bahnhof. Karstadt war unser Lieblingsziel. In der anderen Richtung endete es im Straßenbahndepot zwischen unserem Viertel und dem Norden der Stadt.
Einkaufen gingen wir auf der Heerstraße bei Woolworth, Rathausapotheke, Bäckerei Piepenblock, Drogerie Hansen. Die Federbetten wurden bei Betten-Wührmann gereinigt, die Wäsche bei Witwe Brams gemangelt, dabei mussten wir helfen, die Laken und Bezüge aus der mäßig nach Seifenlauge riechenden und warm ausdünstenden Maschine herausziehen. Blumen kauften wir wie das Gemüse, frische Hühner und Obst auf dem Wochenmarkt am Pastorenweg, der einfach so so hieß ohne das Pastoren sich dort blicken ließen. Er ging ab von der Lindenstraße, die unserem Viertel Mitte und Zentrum gab. Hier kauften wir Pferdefleisch und Pferdewurst, die Männer ihren Shag-Tabak für die kleinen Pfeifen, Dosen und Toilettenpapier bei Kaisers Kaffeegeschäft, Kaffee bei Arko als frisch geröstete Bohnen. Die kleinen Comic-Hefte mit Tarzan, Falk oder Sigurd gab es dort, wo wir auch das Umschlagspapier für unsere Schulbücher und Hefte kauften. In der Lindenhof, wie wir sagten, lag auch das Kino mit den Plakaten auf denen überwiegend Cowboys und Indianer auf Pferden sich vor Gebirgen tummelten, ritten oder starben.
Die kleinen Vorgärten fanden ihren Abschluss bei den jedes Jahr frisch lackierten Gittern und kleinen Pforten. Hier standen und stützten sich auf die Witwen und Omas und „tratschten“, was sich „nicht gehörte“ aber munter betrieben wurde. Wenn wir in ihre Nähe kamen, schwiegen sie nicht selten, nickten uns zu oder wendeten sich demonstrativ ab. „Warum,“ so oft hätten wir fragen können, „warum“, aber warum sollten wir das? Es war wie es war und wahrscheinlich eher gut und richtig so.
Sie tratschten und wir drückten uns vorbei. Gelegentlich gab es beim Abendbrot Auszüge dieser Geschichten. „Weißt Du, was Witwe Meyerdierks heute erzählt hat …?“ oder „Du glaubst es nicht, Oma Jansen hat gesagt, der …“ Nicht selten sollten wir dann weghören. Dabei war es meist nur „Tünkram“, was wir hörten, „Suff-Zeuch“, „Swienkram“ ohne das wir herausbekamen, warum.
Uns stand das Schweigen zu. Das gaben sie uns gleich bei der Geburt. Wer nicht schweigen wollte, musste sich melden und warten, ob jemand Interesse fand ihm zu lauschen.
Oft hatten wir ein schlechtes Gewissen. Warum? Egal, wir hatten es. Woher auch immer es in uns kroch. Natürlich trieben wir Streiche, zumindest versuchten wir es. Verstießen auch mal gegen das Schweigen. „Schlurrten“ mit unseren Hausaufgaben, hörten nicht richtig zu und was auch immer. Aber das war es nicht. Wir hatten ein schlechtes Gewissen weil wir eins zu haben hatten. Auch das seit Geburt, mitgeliefert mit dem Schweigen.
Wenn man von der Straßenbahnhaltestelle in unsere Straße ging, sah man bereits die Werft am Ende mit ihren Kränen und Helligen über den letzten Dächern. Da und dort arbeiteten die Männer. Vulkan, AG Weser, Neptun, diese Namen kannten wir. Die Großwerften. Wer dort landete war Handwerker und stolz. Andere „malochten“ bei Kaffee HAG oder Haake Beck, Kaffee und Bier. Die brachten Deputate am Monatsende in die Straße. Manch Nachbar bekam davon ab. Die von den Werften brachten nur „Geld nach Haus und nicht zu knapp“. Genauso die von Klöckner, die Stahlwerker. All diese Betriebe zogen sich längs des Hafens entlang, bildeten die Grenze unseres und anderer Viertel. Nicht immer kamen die Männer von dort zurück. Johannes Hinnerk von schräg gegenüber wurde von einem Kranhaken erschlagen, „hat nicht aufgepasst, der Döskopp“, Petersens Willy stürzte in das glühendheiße Stahlbad von Klöckner, „war wohl noch im Rausch“, Addi Petersen, Adolf sagte hier keiner mehr, Addi also stürzte zwischen Schiff und Spundwand, war ausgerutscht. „Dem hat wohl seine Olle ne Bananenschale hingelegt, so wie der sie vermöbelt hat“.
Alles hier, das Viertel, seine Straßen mit ihren Geschäften, diese Nachbarn mit ihren Untermietern und Familien war schon da, als wir Kinder hier hineinkamen. Wie lange schon, ob schon immer, war nicht klar. Wir bekamen nur am Rande mit, wenn einer verschwand. Viele Worte gab es nicht. Jedenfalls über vieles nicht. Welcher Marktstand die besten Geranien und wer mit wem was und was in der Röhre hat oder „dat Suppen“ hatte schon mehr.
Geschenke gab es zum Geburtstag und zu Weihnachten. Irgendwie mussten wir uns die Verdienen mit „artig sein“ und hilfsbereit. Oder So. Denn irgendwie bekamen wir alle zu diesen Tagen etwas geschenkt, egal wie artig wir gewesen waren.
Ja, wir verstanden diese Welt nur sehr wenig, fast gar nicht, fügten uns halt und passten auf. Wir passten ständig auf, bekamen so richtig gute, starke Antennen. Denn gesagt wurde uns ja fast nichts. Also aufpassen. Und Lauschen und möglichst so, dass sie es nicht merkten.
Zwischen der Lindenhof und unserer Straße lagen die Häuser und Gärten, die Kopf an Kopf aufeinander stießen. Obstbäume schmückten hier den Frühling und waren unsre Begier im Herbst, ebenso die Beerensträucher. Die Blumen interessierten uns weniger. Ärgerlich war die uns aufgetragene Jagd nach Unkraut.
An beider Straßenzüge Rückseite hingen Balkone verschiedenster Art und Größen wie Flecken an den grau gewordenen Anstrichen ihrer Putzwände. Diese dienten der nassen Wäsche zum Trocknen und im Winter den Eintöpfen zur Kühlung. Nur wenige trauten sich dort zu sitzen und den Sommer zu genießen. Meist nur, wenn Besuch da war.
Überhaupt Besuch. Der war wichtig. Nur dann gab es Ausflüge, in den Hafen oder in die Stadt. Dann musste man was zeigen. Wir Kinder wurden aufgeputzt und durften nur noch artig sein, uns nicht beschmutzen und die Kinder der Besucher anvertraut. „Spielt etwas“, hieß es oder „passt gut auf die auf.“
Das gelang nicht immer. Hansens Thomas hatte Pech mit seinem Cousin. Der blieb an einer spitzen Stange mit seinem Bauch hängen auf dem Schrottplatz um die Ecke neben Tante Emma die hier Witwe Meier hieß. Sie waren auf dem Haufen aus Stangen, Blechen und Karosserieteilen rum geklettert, wie wir es alle taten, so lange der „blöde Paul“ uns nicht davonjagte.
Und der Cousin war einfach „zu dämlich“, hatte plötzlich diese Stange im Bauch und schrie ganz fürchterlich. Der Paul war angerannt gekommen und hatte, „bescheuert wie der war“ die Stange einfach raus gezogen und der Cousin sein ganzes Blut dem Paul über die Lederschürze gespritzt. Dabei war der Cousin dann gestorben, noch bevor ein Arzt ihm helfen konnte. Thomas haben wir danach auch nicht mehr gesehen. Kam in die „Klapse“. Die Eltern zogen bald darauf aus unserem Viertel fort. Warum auch immer. „Weg mit Schaden“ hieß es am Gartenzaun.
Es hieß auch, die Zeiten früher wären „schauderhaft“ gewesen, mehr als die zur Zeit, „hoffentlich, dass die nicht wiederkommen.“ Schwer verständlich all das. Was für Zeiten? Was für Schauder? Krieg, nun ja, der war vor uns da. Uns erschien es klasse mit Pistolen und Gewehren zu schießen, taten unsere Helden, die Cowboys und Indianer doch auch.
Wenn sich die Nachtschatten um uns gruppierten unter den Dachschrägen mit den Klappfenstern hörten wir auch mal, was wir nicht hören sollten, gaben davon nie etwas preis, nicht mal unseren besten Freunden. Man schloss alle Fenster in der Nacht, öffnete sie am Tag zum Lüften. Wer tagsüber die Fenster zu hatte, verbarg etwas. Aber was?
Bei so viel Fragezeichen fiel uns das Fragen nicht leicht. Wir kuschelten uns lieber an die Antworten, die wir fanden.
Alles war hier heil, als wir dazu kamen. Nichts mehr „kaputt“. Der Krieg, von dem sie sprachen, klang uns fast wie eine Erfindung ihrer Phantasie. Alles war und wurde ständig sauber gehalten. Besonders wir. Irgendwie nutzten sie uns wie die Autos, die nach und nach unseren Spielraum auf den Straßen verengten. Wir waren vorzeigbar, jedenfalls taten sie das mit uns.
Tod war uns nichts schlimmes, kam der doch meist zu anderen, nicht zu uns und wenn er zu uns kam, dann sprachen wir nicht darüber oder wurden einfach einen weniger wie bei dem Thomas oder der Rita, dessen Vater sich aufgehängt hat, der Vater, der der einzige Witwer war in unserer Straße, weil seine Frau „den Krieg nich verknust hat“. Und dann kam Rita ins Heim, „dat arm Tüch“, und bald schon kam Maria zu uns dafür, die mit ihren Eltern in deren Haus zog.
Wir waren weder arm noch reich dran. Irgendwie waren wir nur irgendwie dran. Lag es daran, dass wir mit Adjektiven in der Schule unsere Mühe hatten? Worte wie schön, bunt oder grün und blau kamen nur schwer über unsere Lippen vor den Hauptwörtern. Meistens reichten uns die, die Hauptwörter oder wir machen die anderen zu Hauptwörtern, der „Blöde“, die „Schöne“ oder der „Piekfein“. Hauptworte gaben uns Sicherheit, entsprachen den Häusern unserer Straße zwischen denen sich auch keine Adjektive und Adverbien oder Artikel eingeschoben hatten. Haus an Haus. Familie an Familie. Zaun an Zaun. Hauptworte. Alles. Die Werft. Der Hafen. Der Tod. Was braucht es noch?
Die Liebe? Ja, die auch. Wir wurden geliebt, zumindest wurde es uns öfter gesagt. Es gab „Liebe zwischen Mann und Frau“ auch wenn wir uns das nicht genau erklären oder vorstellen konnten. Die Männer und Frauen unseres Viertels saßen, aßen, arbeiteten, sprachen das Nötigste und wo war da die Liebe zwischen Mann und Frau, was sollte die sein, wozu brauchte man das? Es wurde geflüstert es habe etwas mit den Schlafzimmern zu tun. Und damit, dass sie nachts die Fenster dort schlossen.
Liebe interessierte uns nicht. Wir fanden nichts von ihr, was uns hätte an ihr Gefallen oder auch nur Interesse finden lassen. Liebe war ein Wort wie Krieg. Irgendwie vergangen oder nicht wirklich da. Eine Erwachsenenmacke. Etwas, was vielleicht noch für uns kommt. Alles war und hieß wie es war. Der Winter war kalt. Der Sommer heiß. Das Eis glatt, der Schnee feucht. Mehr brauchten und wollten wir nicht. Wer zu viele Adjektive gebrauchte, den hielten wir für verrückt. „Hat se nich alle“, „nicht ganz gesund im Oberstübchen“ und das mit dem Denken sowieso, das „überlasst besser den Pferden, „die haben den größeren Kopf dazu“.
Drum schickten sie uns zum Spielen, was immer sie glaubten, was wir dann taten. Spielen und Kinder gehörte für sie zusammen wie artig und Kinder, oder brav und Kinder. Artig, brav, doof, bekloppt, klasse, schwer, hoch, tief, viel mehr Adjektive brauchten wir wirklich nicht. Und ob die klein oder groß geschrieben wurden war uns „schnuppe“. Wir setzten sie ein wie Hauptworte in unseren Sätzen, für die wir weder Kommas noch Semikolon brauchten. Alles „Tünkram“ für uns. Wort, Punkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Schluss. „Nix für Klabautermänner“. „Laberonkel“ wollte keiner sein.
Wir gebrauchten Schaufeln, Besen, Kehren, Räder, Eimer, Tische, Stühle, „unseren Verstand“, „gaben uns Mühe“ liefen „herum“, sangen Lieder.
Unser Viertel war ein Reich der Hauptworte, kein Paradies für Eigenschaften. Die bekamen wir erst mit der Zeit mit und dann sehr zögerlich, fast ängstlich, wussten wir doch, nur auf Hauptwörter trainiert, nicht wie mit ihnen umgehen und was uns durch sie geschieht.
Auch wir selber waren nur ein Wort. Der Thomas, der Hanz, der Bekloppte, die Schnarchnase, der Wildfang, wie die Erwachsenen um uns herum waren die Witwe, die Olle, der Suffkopp, der Malocher, der Schlappschwanz, die Knickrige, der Geizhals, das Faultier. In den Hauptworten lag das ganze Wissen über die Person von jetzt an und für alle Zeiten.
Überhaupt Veränderung. Gab es kaum. Wir wurden nur selten ein Jahr älter, viel zu selten nach unserem Geschmack. Ansonsten blieb vor allem alles gleich. Selbst wenn wir die Klasse wechseln durften blieb der Klassenlehrer gleich und die Klassenzimmer waren nicht zu unterscheiden. Die Schule musste auch schon Jahrhunderte hier stehen und Millionen gequält haben. Die Strafen blieben auch gleich, ob „hinter die Ohren“ oder „auf die Finger“.
Die Häuser wurden im Höchstfall neu angestrichen, wie die Zäune, aber stets in der gleichen alten farblosen Farbe. Nur in unseren Träumen veränderte sich das. Die Hauswände rissen auf, die Autos verbrannten im Phosphor, Menschen rannten, flohen die Straße hin und her, brennend ihre Haare, ihre Kleidung, Gesichter angstverschmerzt aber unbekannt, nur zu ahnen, wer was war im Traum. Dann begann die Straße auch mal zu tanzen wie ein wildes Pferd, rissen die Pflastersteine sich frei und flogen mit Funken und Bombensplittern umher. Dann hörten wir Schreie, Weinen, Gestöhne. In unseren Träumen veränderte sich hier was, aber schon beim Erwachen war uns klar, dass wir von der Vergangenheit geträumt hatten, spärlich erzählter Vergangenheit an Küchentischen zwischen dem Schweigen und Schlürfen und Kauen. Außerdem schien uns diese geträumte Veränderung zwar aufregend aber nicht wirklich schön, Veränderung damit nicht wirklich sinnvoll. Eine andere Veränderung als die in unseren Träumen war uns schwer vorstellbar. Blieb die Versetzung von einer Klasse in die andere und das Geburtstagsgefeiere, obwohl letzteres auch nicht wirklich Veränderung war, eher immer gleich, bei den Erwachsenen mit Alkohol, Lärm und nicht selten Streit, bei uns mit Süßigkeiten, Socken, Hemd oder Hose für den Sonntag und Kakao.
Uns war es gleich, wir kannten nichts anderes. Was wir auch nicht mochten war „fremd“. War jemand „fremd“, war das nicht gut. „Fremde“ sowieso. Meistens „Zigeuner“, „Habenichtse“, „Flüchtlingspack“ oder „Polen“. Polen sowieso, die „klauten wie die Raben“ und die „Zigeuner“. Unter „Flüchtlingspack“ sagte uns nur „Pack“ wirklich was. „Pack“ mit nichts davor war uns klar. „Pack“ waren die anderen, die man meiden sollte, die nichts „taugten“. Wir waren nicht Pack, niemals. Das war klar. Zum Pack zu gehören ging gar nicht, wäre uns auch nie in den sin gekommen, egal ob „Zigeuner“ oder „Polen“.
Von unserer Straße aus konnte man am Ende des Kirchwegs zu den Barracken sehen. Die „KZs“ hieß es, aber niemand vergast. Sowas verstanden wir gar nicht Eher schon, dass da die Zigeuner hineingehörten. Und das „Flüchtlingspack“ auch nichts Besseres verdient hätte. Selten sahen wir sie, die Leute dort. Die Zigeuner tatsächlich meistens mit schwarzen Haaren wie im Bilderbuch. Wir Kinder hatten zwei Möglichkeiten, Flucht oder Schreien. War es nur eine Person schrien wir Schimpfworte, waren es mehr, flohen wir.
Nicht ganz klar war uns unsere Sprache, wenn wir mit anpacken sollten. Auch sollten wir in der Schule es „packen“ und in der Adventszeit wurde Pakete für die Zone gepackt mit Süßigkeiten, die wir auch gerne selber geschlickert hätten. Dagegen „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“. Kein schönes Thema. Meistens machten wir daher einen großen Bogen rum.
Erna war kein Pack. Erna war das schönste Mädchen in der Straße. Erna war Erna und alle wollten mit ihr spielen. Bei Karl-Heinz wussten wir es manchmal nicht. Karl.-Heinz schlug uns bisweilen, einfach so, verkloppte uns hart und jähzornig. Er hatte immer seine Fingernägel dreckig, sogar am Sonntag. Seine Klamotten stanken nach Erde und Schweiß. Also, bei dem war uns nicht klar ob er Pack war. Ein bisschen bestimmt, auch wenn er ein Nachbarsjunge unserer Straße war.
Ilse war kein Pack. Ilse war scharf, zeigte uns, wenn wir wollten, wie sie pinkelt und ließ uns regelmäßig überprüfen, wie ihre Titten wuchsen. Das ging bei ihr fix, da sie fett war und viel Fleisch um ihre Knochen herum schwabbelten beim Laufen. Das war uns egal. Hauptsache Titten. Hauptsache Spalt. Nur die anderen Mädchen waren neidisch. Waren sie doch längst noch nicht soweit. Da half auch kein Streicheln, ziehen oder drauf pinkeln, was besonders Ilse öfter gerne tat.
Und irgendwie packten wir alles, was man uns aufgab. Wir wussten selber nicht warum, lag doch kaum Ehrgeiz in unseren widerspenstigen Bemühungen. Große Ziele verbanden wir damit nicht. Es war noch so, dass wir werden sollten, was die Väter und Mütter waren. Einige dachten eher an Polizist oder Lokomotivführer, wenn sie eine Spielzeugeisenbahn hatten. Ich eher nicht, hatte auch nur eine Dampfmaschine, die ich ab und zu laufen und dampfen ließ ohne recht zu wissen, was ich damit sonst noch spielen sollte.
Was wir gar nicht verstanden, war unsere Traurigkeit, waren diese Schatten, die besonders nachts über uns herfielen, diese Angst, die uns oft zum Schreien gebracht hätte, wenn wir uns denn getraut hätten. Angst zeigte man hier nicht. Das wussten wir von klein an. Es gab Stunden selbst im hellsten Sonnenschein, da wirkte unser Viertel düster, als gäbe es da ein großes Untier, was sich darunter verkrochen hatte. Es war unheimlich, war spürbar, immer wieder und wir konnten es doch nie sehen oder fassen. Es war mal in uns, mal in den Erwachsenen, dann wieder auf den Straßen und Dächern. Es war da und nicht. Es machte uns aber klar, dass wir später von hier fort müssten. Von uns Kindern wollte keiner in den Straßen wohnen bleiben. Auf keinen Fall. Diese Erwachsenen sahen so aus, wie wir nie aussehen wollten. Und sie taten so viele Dinge, die wir nicht mochten, rochen bisweilen so unangenehm, dass wir darum beteten nicht mehr zu lange ihre Kinder sein zu müssen. Wir wollten nur eins: Erwachsen werden und fort von hier. Auch die Enge in den Häusern, den Stuben, der ewige Wäsche- und Kohlgeruch trieb uns hinaus. Nur auf der Straße fühlten wir uns wohl und hätten wir das Wort schon gekannt und verstanden auch „frei“. Die Straßen führten alle woanders hin. Zum Hafen auf die Schiffe nach Übersee, auf die Heerstraße zur Stadt und anders zum Land hinaus. Mit der Straßenbahn konnte man sogar bis zum Flughafen kommen. Das hatten wir aufgeschnappt. Flughaufen, Flugzeuge, nach Afrika oder China fliegen. Soviel verstanden wir bereits. Alles Möglichkeiten, wollte man nicht hier bleiben. Die Straßen also. Unser Kinderhimmelreich, Paradies unsres Tobens und Treibens. Schwer nur ließen wir uns abends zurück in die Häuser treiben, hinter die Gartenzäune in die Küchen und Stuben an das blaue Geschirr mit dem sauren Brot.
Wolfgang vor allem, der blieb so lange, dass wir manchmal schon beim Zähneputzen waren und wir immer noch seine Mutter ihr „Woooooolfkang“ als Schrei durch die Straße hüpfen hören konnten.
Witwe Trine, seine Oma, konnte kreischen wie ein Raubvogel und so sah sie mit ihrer Nase auch aus. Aber er ließ sie einfach lange Schreien und Kreischen, kam als einziger von uns erst spät nach Hause. Nur wenn sein Vater, der Käpt’n da war, dann kam er wie wir sofort gelaufen. Der Käpt’n schimpfte nicht mit ihm sondern mit den „Weibern“ wie er sie lautstark nannte. Und „Weibervolk“. Sie würden seinen guten Wolfgang nur mästen und verfetten, den armen Jungen. Auch würde der total verweichlicht.
Dem Käpt’n war es egal, ob wir es hörten. Der kümmerte sich überhaupt wenig um die Nachbarn. „Das kommt von den Hottentotten, wo der immer rumfährt“, hieß es zu seiner Entschuldigung. Der Käpt’n wurde von allen dienerhaft gegrüßt, ganz besonders höflich und sobald man ihn sah. Der hatte es in den Augen aller ja auch am weitesten gebracht hier. Kapitän zur hohen See. Wir verstanden das nicht. Gab es auch ein anderes Meer, eine niedrige See? Der Käpt’n war uns unheimlich. Ein Studierter, der einzige der Sorte, den wir kennen lernten. Ein „Mathe-Ass“, betonte mein Alter immer wieder. Und natürlich „pass also auf beim Rechnen. Bist Du da gut, bist Du für alles gut!“ Der hatte leicht sprechen. War Optiker, geht auch nur mit Rechnen, sagte er jedenfalls. Ich hatte mit den Zahlen meine Probleme. Die meisten von uns. Das war fast noch schlimmer als das mit den Adjektiven. Außerdem war den Erwachsenen nicht zu trauen. Wer von denen war denn Kapitän oder wie meiner Optiker geworden? Und notfalls konnten wir ja als blinde Passagiere an Bord gehen. Ab nach Amerika. Da wurde man vom Tellerwäscher zum Millionär. Sagten hier alle. Millionär war uns eigentlich egal, Tellerwaschen nicht unbedingt unsere Wunschbeschäftigung, aber so wie es die Alten sagten, ganz bestimmt ein besseres Leben als hier im Viertel im Schatten des großen Schweigens und ungezähmter Hauptworte.
Einmal habe ich es sogar ausprobiert, das Weglaufen, nicht an Bord eines Schiffes, einfach nur so mit Bus und Bahn bis ans Ende der Stadt. Als ich mein Pausenbrot aufgegessen hatte, dachte ich mir, dass ich das mit dem weglaufen auch später noch machen könnte, mit mehr Taschengeld in der Tasche.
Hans, vom Ende der Straße kurz vor der Straßenbahnhaltestelle, ist weggelaufen. Kam nicht wieder. Später hieß es der sei „unter die Räder gekommen“. Einige behaupteten, den hätten seine Eltern wohl „an die Zigeuner verkauft“, trauten sich nur nicht das zuzugeben. Das mit dem Verkauf an die zigeuner drohte uns allen. Immer wieder. Wen wir „unartig“ waren oder schlechte Noten mitbrachten aus der Schule, schlimmer noch, wenn die Lehrer unsere Eltern sprechen wollten. Es gab irgendwie immer wieder Anlässe uns mit dem Verkauf an die Zigeuner zu drohen, meist mit dem Zusatz, wir wüssten es nicht zu schätzen, wie gut wir es hätten und wenn wir weiter so undankbar …!
Aber der Hans war nicht verkauft worden. Plötzlich hieß es, der Alte habe den im Suff totgeschlagen, „Unglücksfall, is mit dem Koppe an Herd kommen“, sagten entschuldigend unsere Leute. Das wars.
Auch Erna verschwand mal. Als sie wieder da war, sagte sie nix, sprach überhaupt nicht mehr mit uns und nicht mit anderen. Wir hörten nur, „De Onkel, dat Swien, dat Aaas!“ So richtig was zusammenreimen konnten wir uns daraus nicht.
Schwer etwas zu erzählen, wenn nichts erzählt wurde, nicht wirklich und doch etwas erzählt werden muss, weil da was war und ist, was heraus drängt, ans Licht will, auf die Straße, mitten in das Viertel. Warum wurde nur befohlen, nie zugehört, warum diese Gewalt in den Stimmen und Schlägen, die „Backpfeifen“ nicht mitgezählt. Warum unsere Träume? Warum dienten wir stumm, fragten nie, wussten den Sinn von Fragen nicht und nicht wie sie an zu wenden?
Warum blieb uns Zärtlichkeit verwehrt, mochten auch wir selber nicht zärtlich werden? Warum mieden wir jeden normalen Hautkontakt wenn wir uns nicht gerade „kloppten“. Warum schämten wir uns dauernd und warum für unsere Alten?
Liefen wir nicht recht munter herum, bekamen satt zu essen, konnten uns des öfteren vergnügen? Wir haben es gesucht oder gemieden. Sind raus aus dem Viertel, wenige nur sind geblieben oder zurückgekommen. Gesprochen darüber haben wir nie. Nicht darüber warum wir wirklich gegangen sind, noch über das was uns bedrückt hat.
Es ist ein Viertel, Teil eines Stadtteils wie wahrscheinlich tausend andere im Land. Unser Viertel, unser Start in das Leben, vollgestopft mit Erinnerung, die wir nicht zu fassen, zu benennen vermochten. Misstrauisch gegenüber Worten, hellhörig wenn Schweigen uns umgibt. Geborgen auf Straßen, ängstlich zwischen Wänden. Keine Jahreszeiten. Nur Zustände zwischen den Zäunen. Ein Jetzt nur, nie ein Vorher, nie ein Danach, letzteres höchstens mal als Drohung. „Wartet nur …“, „Das wird euch …“ oder „aus Euch wird nie ..“. Drohungen statt Blick in die Zukunft. Trauer statt Vergangenheit, stumme Trauer, Bitterkeit. Wenn es etwas aus der vergangenheit, dann waren es Vorwürfe gegen uns, sie nicht „mitgemacht“ zu haben. Danach musste es Vergangenheit im Viertel gegeben haben und die Alten hatten sie „mitgemacht“. Der wahre Kern dieses Wortes wurde uns erst Jahrzehnte später wirklich klar. Da wussten wir auch erst, was mit den Baracken wirklich los war, diesen „KZ’s ohne Vergasen“.
Aber was sollen wir diese armen Bewohner von heute aus damit belasten. Irgendwie schienen sie uns schon immer bestraft zu sein. Bestraft mit ihrem Leben, ihrem Aussehen, arm dran wie die ewigen Kittelschürzen der Frauen, die sie trugen von morgens früh bis zum Schlafen. Schürzen, auf denen sie ständig ihre Hände trocken und sauber strichen. Kittel wie ihr Leben. Schwarze und grau-schwarz e der Witwen, bunte, langsam verblassende der Mütter und Omas. Kittel und Schürzen, von morgens bis abends, dazwischen wir, wachsend mit aller Kraft und Sehnsucht, zuerst die Schürzen, dann die Kittel zu überragen.
Kittel statt Zärtlichkeit. War es das? Oder die schweren Hosenbeine der Männer, der strenge Tabakgeruch, diese Schritte, mit denen sie die Häuser leicht zum Zittern brachten, diese Hosen, dunkel, schwarz, dunkelblau, sonntags grau. Diese Hosen am Abend, und dann „Samstags gehört Papi uns“, und Sonntags, Hosen, Mief, strenge Bügelfalten, Hosenväter, Hosenmänner, immer wieder laut betont, ärgerlich, wütend, „noch habe ich hier die Hosen an!“, wir dagegen, die Kinder, sollten uns zu den „Röcken“ scheren, wenn wir ihnen nicht willkommen waren.
Kittel, Hosen, Tapeten. Damals wurden Tapeten verklebt. Tapeten mit Mustern. Ganz andere Muster als das Muster der Polstermöbel. Wieder andere Muster die Gardinen. Gardinen und Tapeten waren auch wichtig. Und das sauber halten der Polster.
Für Teppiche und Polster gab es Teppichklopfer. Auch gut geeignet für uns Kinder, „wenn sonst nichts hilft“, oder „ihr es nicht anders wollt“.
Es wurde jeden Tag geklopft. Sichtbar die Teppiche, die auf Stangen in den schmalen Gärten hinter den Häusern dafür hingen. Mit dem klopfen der Teppiche zeigten sie Stärke und Fähigkeit zur Sauberkeit. Wo die Männer klopfen mussten, „geiht dat nich lange mehr gut.“ Die Frauen starben dann wohl mal oder standen plötzlich wieder an der Stange, stolz und kräftig schlagend.
Alte, Frauen, Kinder, Kittel, Hosenbeine und der Tratsch, ein Viertel ohne Geigen oder trompeten, mit spärlichem Kirchgang obwohl die Kirche um die Ecke offen stand, meist benutzt, wenn, dann von den Frauen, leichter fiel den Männern der Kneipengang. Gab es an eine Straße weiter, backsteinig düster und drinnen wie der Kamin für Räucherware. Da drinnen nur schwach zu erkennen ihre Gesichter, gerötet, die Augen blank, silbrig im Licht der Thekenfunzeln.
Nix für „die Blagen“, riefen sie. „Ruut mit ju!“ und so umschifften wir stets weiträumig diese Kneipen. Holten höchstens mal mit den Müttern die Männer dort ab, wenn sie gestützt werden mussten. Auf allen vieren, das war allen klar, das war peinlich, das machten sie nicht, lieber Frauen und Kinder holen lassen und zwischen denen sich führen lassen. Vorsicht. Morgen ist wieder Tag. „Bildet Euch nichts ein! Vorsicht“. Wer nicht geholt wurde, kroch die Zäune entlang und entlang der Blicke hinter Gardinen. Auffällig wer alles dafür wach blieb oder wach war.
Butterkuchen gabs auch, mal Pudding, mal Eis, mal ein paar Groschen, „aber nich gleich allet verplempern“ und es gab uns. Es gab uns als eigenes reich, jeder hatte sein eigenes Weltall in sich, tobte es aus, spätestens seit dem wir lesen konnten. Wir träumten uns weit, wir träumten uns weg, wir träumten uns hoch und tief, flogen, schwammen, ritten, tanzten,. Warten so viel mehr und fähig, als es die hier, diese Alten je sich vorstellen konnten. Keine Ahnung hatten sie von uns. Von unserer Flucht, unserem Verrat an ihren versuchen es uns „besser gehen zu lassen“. Bücher, Comics, egal, Hauptsache was zu lesen. In den Büchereien war es warm im winter und besser als zu Hause. Viel saßen wir auch auf den Klos mit Spülbecken und lasen, immer wieder an den Ketten ziehend, damit sie dächten, wir kackten oder so.
„Lesen ist für Stubenhocker“, hieß es. Und die sähen blass aus so wie der Müller Friedhelm, der nur auf dem Büro rum hockt und „sein Frau schon lang kein Mann mehr ist“, überhaupt ein „Wunder und wer weiß ob dat Blach überhaupt von dem is“. Sie nannten Leser auch Bücherwürmer und die wurden hier so verachtet wie die Maulwürfe, die die kleinen Beete untergruben und mit dunklen Haufen zerstörten.
Es war ihnen nicht vor zu werfen. Sie hatten irgendetwas sehr Schreckliches überlebt. Andere nicht. Und so hatten und behielten sie für den Rest ihres Lebens recht, unschlagbar ja der Beweis ihres Überlebens. Sie mochten uns, bestimmt, irgendwie, aber sie brauchten auch ihre Haut, diesen Panzer aus Rissen, Rot und Blau, dieses Fett darunter gegen die Kälte. Sie waren nicht besonders schön aus den Trümmern hervorgekommen, aber dafür arbeitsam, sauber, akkurat, willensstark, bewegliche und niemals schaffensmüde Säulen ihrer Stadt, ihres Landes. Und wir hingen daran wie Eichhörnchen an den Zweigen uralter Kastanien oder Eichen.
Manchmal wünschten wir in unseren Träumen unter den schrägen Dächern dem Viertel einen neuen Krieg, den Einsturz der Häuser, sehnten uns nach den „Tommys mit ihrem Fußballspiel“ und Phosphorbomben. Wünschten uns das, um ihnen endlich zu begegnen, den Erbauern und Bewohnern unseres Viertels, hofften ihnen so endlich mal näher zu kommen, sie zu erleben wie richtige Menschen mit Gefühlen und Seelen, ja vielleicht sogar „in Liebe vereint“ was immer das sei.
Träumten wir das. Schämten wir uns. Träumten wir das. Immer froh am Morgen, den Tag davon frei zu haben. Damals, als wir noch sprachlos waren.

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Mein Bremen


eine Stadt
zwei Türme kupfergrün groß ihre Schatten über dem Land
dort den Bauern war ihr Preis stets zu hoch
schon früh von den Bürgern
gegen den Dom
ein Rathaus gepflanzt
ohne Türme
Rathaus und Dom
davor der steinerne Roland
ihm gegenüber
in der Börse noch immer mit Getreide gezockt
schön aber ihre Renaissancefassaden
im Fadenkreuz von Napoleons Heerstraßen
ist die Welt für uns nicht weit

*
vergattert in den Gesang von Werkssirenen
warteten wir auf die Ferien
unsere Ohren tief in die Kopfkissen versenkt
unser Horizont
die Helligen von AG Weser von Vulkan
die Schiffe aus Übersee
beladen entladen
weiter unten
wo die Stadt spitz zum Meer hinzeigt
der flüssige Stahl
sind einige hineingesprungen gefallen
wie es hieß
wurde viel erzählt
am Kiosk beim Bier fiel für uns das Pfandgeld ab

*
oft auf der anderen Seite vom Fluss
wo sie die Zigarren drehten
fand mein Onkel kein Glück
zwei Zimmer einer Familie Wohnung grau das Haus grau die Zeit
zum Liebe machen kam er auf unsere Seite der Stadt
zu den Glühlampengirlanden frisch lackierte Baracken am Hafen
wo schon Großvater sich hingetragen
nackte Weiber satt
nichts gegen ihre Frauen dick angezogen im Kittel den ganzen Tag
kam von der See ein anderer Onkel
zurück mit wilder Braut
aus seiner Kneipe dort wuchs der letzte alte Lindenbaum
deren Geschlecht unserer Straße den Namen gab
hingen wir Kinder vor seiner Theke
kickten die Murmeln auf nackter Erde bis vor die Nacht

*
nie zu sehen für uns
der Stadt Bürgerbarone Kaufmannes Macht
Schätze versteckt hinter blätternden Fassaden
munkelte man hinter verschlossenen Türen
aus England mitgebracht bezahlt
aus Waffenhandel plus geröstetem Kaffee für die ganze Welt
vom Kaffee wurde geprahlt
Waffen verlassen den Hafen noch immer diskret
freuten wir uns über neue Knallpatronen
aus Tante Emmas Schreibwarenladen
für die Trommeln unserer Plastikcolts
Wyatt Earp war das Vorbild
Gandhi hatte bei uns noch keinen Schlag

*
In dieser Stadt
wurden wir dies wurden wir das
schnell kamen die Kinder nur im Suff
wie verschwiegen es aus unseren Häusern kroch
legten wir stolz unsere mühsam geschnorrten Groschen
auf die Ladentheke für Sigurd Heftchen im Querformat
Mecki auf Reisen in Din A 4 mit Hardcover Umschlag
Hör Zu zum Lesen in kargen Zeiten der Kirchenbote
unsere Diaspora polnisch sprachen wir Polen
seit Großvater hier nicht mehr

*
haben wir uns oft geschlagen
mit Stangen vom Schrottplatz den Ritter gemacht
auf Trümmergrundstücken kein Fußballplatz
bis die Farben auf die Wände kamen
„ihr sollt es mal besser haben“
von uns wörtlich genommen
verstanden wir
was man uns angetan
haben wir die Fassaden zerschlagen hervor gezerrt
aus den Kellern von den Böden die Fundstücke
unserer Scham saure Muttermilch

in unserer Väter Stadt

Sonntag, 1. September 2013

Schmerz, Trauer, Wut



Ja, es hat sich etwas geändert über die Generationen hin, von unseren Eltern und Großeltern zu den Urenkeln, unseren Kindern. Etwas hat sich geändert.
Als mein Lieblingsonkel tödlich verunglückte, mit seinem Motorrad auf den Wagen eines alten Bauern prallte, der einfach von einem Feldweg auf die Straße gebogen war, an einem wunderbaren Frühlingstag mit strahlender Sonne und erster Wärme, Vorboten eines heißen Sommers, der in dem Jahr auch tatsächlich folgte, da hatte ich nur leise geweint, immerhin schon geweint, und das als Mann, mein kleiner Sohn aber, der hatte geschrien, hatte es nicht ausgehalten in der Wohnung und war auf den Balkon hinausgestürzt und hatte geschrien, die ganze Nachbarschaft zusammen geschrien, so sehr, dass allen, die es hörten, plötzlich ein wahnsinniger Schmerz in die Brust kam, als hätte sein Schrei Pfeile losgeschickt und sie damit tief getroffen.
Als ich in seinem Alter war und  meine Geschwister starben habe ich nicht geschrien und nur wenig Tränen für sie übrig gehabt und die Erwachsenen um mich herum hatten nur düster geguckt, die Frauen leise geschluchzt, und beim Butterkuchen in der Gaststätte danach war es schon wieder normal, man redete, lachte, prahlte. Niemand veränderte sich durch den Tod eines anderen. Nur die Frauen, die trugen nach dem Ableben ihrer Männer bis zu ihrem eigenen Tod schwarz. Die Männer hingegen hielten sich selten an das Trauerjahr, was aber kaum auffiel, da die vorherrschende Farbe zu jener Zeit in ihren Anzügen und Hosen sowieso dunkel- oder schmutziggrau war und schwarz. Nur die Hemden stachen hervor, bei denen, die ins Büro gingen mit waschmittelweiß und bei denen, die von ihrer Hände Arbeit lebten, matt bunt, kariert und gestreift, meist dumpfes Blau, bräunliches Orange oder gelbliches Rot.
Auf jeden Fall wurde nicht geweint, schon gar nicht vor uns Kindern. Zum Weinen ging man ins Kino, vor allem die Frauen, was den Männern einerseits peinlich war, andererseits ihnen das Gefühl gab, überlegen zu sein ihren Frauen, zumindest beim Filmgucken.
Mit der Zeit kam es mir so vor, als trauerten die Witwen nicht wirklich mit ihren schwarzen Klamotten, es sei denn, sie hatten ein Kind verloren, dann bekamen sie sich nicht wieder ein, schauten über Jahre hinweg traurig aus bei den Familienfeiern, schluchzten plötzlich einfach so vor sich hin, schluchzten vor allem jeden Heiligabend, dass es allen anderen peinlich war und niemand Bock auf das Fest mehr hatte.
So ging es auch meiner Mutter. Sie trug zwar nicht lange schwarz, heulte aber jeden Heiligabend, so dass ich irgendwann es aufgab mit ihr zu feiern.
War ein Traueranlass über uns hereingebrochen, begann vor allem das Schweigen sich bei uns stärker noch als sonst breit zu machen. Man schwieg, lachte weniger, erzählte nur langsam, fast stockend und wir Kinder mühten uns auf Zehenspitzen zu gehen.
Nur selten brach einmal hervor, dass sie ja schon zu viele beerdigt hatten, verloren geben oder auf dem Schlachtfeld lassen mussten, der Tod also wohl ein häufiger Gast gewesen war, bevor ich dazu kam in ihre Beerdigungen.
Und so taten sie alles für das Leben und nichts für den Tod, die Trauer und den Schmerz. Sie liebten, in meinen Augen jedenfalls, die Steine, denn die ließen sich gut übereinander stapeln, verfugen, zu dicken Wänden hochziehen, hinter denen sie dann ihr Schweigen leben konnten, was uns Kindern schwer fiel, ewig dies ruhig sein sollen, ruhig sitzen, nicht krakeelen, erst reden wenn man gefragt wird, schweigen, wenn Erwachsene reden, und statt die Gelegenheit zu nutzen, ihnen zu zuhören, hörten wir bald weg, wenig zu, versanken in unseren Gedanken und Tagträumen, wo wir reden konnten und schreien, bis sie uns herausrissen mit:“Träumst Du schon wieder, iss!“
Denn das Essen war ihnen wichtig und das Trinken, alles musste leer werden, die Teller, die Gläser, nichts durfte übrig bleiben, sonst „scheint morgen die Sonne nicht!“ Und wenn es regnete oder stürmte fragte ich mich zu Beginn wirklich, ob ich schuld sei, weil ich mal wieder das Brot nicht hatte schlucken können und der Braten mir quer hing im Hals.
Auf jeden Fall trauerten die Witwen bestimmt nicht wirklich, im Gegenteil, sie schienen mir froh zu sein, das Kapitel Mann hinter sich zu haben und oft hörte ich den Satz: „Mir kommt kein Kerl mehr ins Haus.“ Überhaupt schienen wir Männer unangenehm zu sein, zumindest für Frauen. Sie wurden selten berührt oder umarmt. Das taten die Männer eher mit ihren Frauen, während die Frauen uns Kinder immer mal wieder, bisweilen fast heimlich berührten und umarmten, manchmal leise seufzend und viel zu fest und wir wussten meist nicht warum eigentlich und ob sie wirklich uns und nicht sich selbst umarmten und drückten.
Schmerz war nie ein Thema, war tabu und hatten wir uns einmal weh getan, dann galt es schnell mit dem Heulen auf zu hören, denn das war irgendwie nicht gut, ja gefährlich für unsere Entwicklung, gehörte sich außerdem nicht.
Kurz ja, lang nein.
Die Männer schienen die Schmerzen im Gegensatz zu uns Kindern geradezu zu suchen, den Schmerz kalten Frostes auf der Jagd oder beim Bau ihrer Häuser, den Schmerz der Hitze auf der Haut im Sommer auf den Feldern, den Schmerz bei der Arbeit, beim Sport durch hartes zu packen, alles wurde getan, damit Muskeln und Rücken schmerzten und je weher es tat umso mehr wurden wir Mann, taugten wir was, bekamen Hoffnung für unser Leben, dass aus uns was werden könnte.
Es war ein fremder Schmerz, der von außen kam und den Schmerz in uns weg schob  zermalmte, irgendwohin schoss, wo wir ihn manchmal auch nie mehr wieder fanden, nur spüren taten wir ihn, in der Stille, dem Schweigen und so waren wir froh, dass der Fernseher erfunden worden war, in unsere Wohnzimmer kam und wir alle zusammen schweigen konnten ohne, dass es weh tat, wir uns und die anderen noch spürten und nur bei Liebesfilmen und solchen aus dem Krieg heulten mal wieder die Frauen und die Männer tranken ihr Bier, sahen resigniert zu ihnen hin und zwinkerten uns zu, die wir gierig von den Chips naschten.
Nicht geschwiegen wurde bei Kameradschaftsabenden oder im Verein. Da ging es stattdessen laut zu, wurde sich berührt, heftig, durch Schulterklopfen und Anrempeln.
Gerne gingen die Männer zur Jagd und zum Militär. Die noch auf Übung durften, waren die Helden und Beneideten. Das Wort Kameradschaft hing sehr hoch über allen Dächern der Zeit, vor allem in den Eckkneipen und Bierzelten. Da schwappte sie hoch, über und nur der Alkohol konnte sie zerstäuben. Dann prügelten sich die Männer, die Frauen mühten sich zu schlichten und am nächsten Morgen trugen die Männer stolz ihre Pflaster durch die Gegend.
Als meine Frau und ich heirateten, weinte eine Nachbarin plötzlich los, wir waren gerade beim Schleiertanz angekommen und alle waren fröhlich, alkoholisiert und genossen das Fest. Nur sie saß da und weinte. Und als wir sie fragten, was denn wäre, da antwortete sie schluchzend, dass das Fest so schön sei, wie sie es noch nie erlebt hätte, keiner würde sich streiten, keiner sich prügeln, das hätte sie noch bei keinem Fest so erlebt und das mit ihren 80 Jahren.
Wir sahen sie verwundert an und manch einer konnte sich das gar nicht vorstellen. Aber ich wusste, sie hatte Recht, es gab genügend Feiern die auch in meinem Leben so ausgegangen waren. Ich fand es außerdem toll, dass sie den Mut gehabt hatte so etwas uns hier zu erzählen.
Ein anderes Wort gehörte auch zu der Zeit: die Selbstbeherrschung. Selbstbeherrschung war ihnen wichtig. Für sich selbst und uns. Auch bei Wut, denn die überkam uns oft. Es reichten Kleinigkeiten und wir wären am liebsten ausgeflippt. Aber wer das tat, dem ging es schlecht, bisweilen setzte es dann Hiebe oder man musste in die Ecke oder ins Bett. Und das, wo die Erwachsenen ständig über irgendwelchen Mist wütend waren, sofort losbrüllten oder schlugen. Wobei es noch schlimmer uns traf, wenn nichts davon geschah bei den Frauen, die einen nur traurig ansahen, seufzten, uns nicht umarmten, sich abwandten und auch mal zu weinen begannen, dann hatten wir das Gefühl Verbrecher geworden zu sein, unser ganzes Leben zerstört zu haben und ihres gleich mit. Wir waren zu nichts nütze, wie es auch oft hieß und sollten froh sein, dass wir heute lebten und nicht damals.
Bis dann wieder das laute Schweigen begann, das Treiben des Tages, die Beschaffung von Wohlstand, das, was uns helfen sollte „es einmal besser zu haben“ wofür wir gefälligst dankbar beitragen sollten und vor allem schweigen, die Wut verschweigen, die Trauer und auch die Freude. Denn die zeigte man auch nur sehr verhalten. Zu laute Freude brächte Unglück hieß es.
Mein Sohn kümmert sich um so etwas nicht, lacht, weint, freut sich, trauert und wir können daran teilhaben. Das hat sich geändert von uns zu ihm. Er zeichnet und malt gerne, nicht selten sind seine Themen auch Schmerz, Trauer oder Wut. Wir wissen inzwischen, dass wir uns deswegen keine Sorgen um ihn machen müssen, denn er lässt ja nur raus was auch in uns sitzt und gelegentlich mal frei sein möchte. Die Freude fällt ihm schwerer. Auch ihm gerät sie eher zu einem Witz, einem Gag als zu echter dargestellter Freude.
Vielleicht schaffen das die nächsten Generationen, sich einfach frei und losgelöst zu freuen, nicht schadenfroh oder glücklich über Siege, nein einfach so Freude, weil das Leben bisweilen schön ist und ein Wunder, dass wir in der meist toten Unendlichkeit des Universums auf unserem Planeten erleben dürfen. Vielleicht.
Bis dahin bleiben uns Schmerz, Trauer, Wut. Ein Leben lang. Davon zu schweigen ist Betrug am Leben, an uns, bringt uns auf die Dauer um, streicht uns aus den Möglichkeiten des Lebens und der Liebe. Das Schweigen zerstörte uns damals die Nähe, denn das Schweigen ließ Nähe nicht zu, machte sie schmerzhaft, war eine Kraft, die uns von einander abstieß.
Warum machten wir das mit, wie schafften sie es und sich? Ich glaube es war der Gehorsam, den sie von den Schlachtfeldern und aus den Fabriken in ihre Wohnungen mitbrachten und dem sie sich verpflichtet fühlten wie der Kameradschaft und ihrem Bild vom Leben, von Mann und Frau, Gehorsam war stets die Basis.
Der Gehorsam war es, wenn die Frauen nachts die Männer an sich ran und hinein ließen, Gehorsam waren so auch wir Kinder, als Schüler, als Lehrlinge, bei der Arbeit und bei Tisch, selbst bei den Vergnügungen wie den seltenen Ausflügen, ersten Urlaubsfahrten oder im Schwimmbad. Immer war genügend Raum für den Gehorsam und wenig Raum für uns, unsere Bedürfnisse, für Schmerz, Trauer und Wut, ja auch die Freude hatte zu gehorchen, war ein fest zu schnürendes Paket und kein echtes Lebenszeichen.
Weniger typisch schien mir mein Großvater für das alles zu sein, anders und altersmilder, hatte ja auch nur kurz gedient, war nicht in den Kriegen an den unzähligen Fronten dabei gewesen.
Er trank zwar gerne, passte aber auf, dass er nicht dem Alkohol zu sehr auf den Leim ging. Und so ging er nach dem Tod seiner Frau nicht in die Kneipe sondern regelmäßig in den Puff. Das war wohl seine Art, den Schmerz und die Einsamkeit zu überstehen. Er war kein lauter aber sehr wohl auch ein Schweiger und kam meist nur richtig aus sich heraus nach ein paar Gläschen Schnaps. Dennoch gelang bei ihm Nähe und es entstand auch Geborgenheit. Ihm gehorchten wir ohne großes Tamtam seinerseits. Dennoch, auch er gehorchte und gab stumm weiter, was wir nicht ahnten, wie so viele, was nie besprochen wurde, dass sie nämlich Fremde waren, „Pollacken“ wie sie geschimpft wurden, arme Leute die auf der Suche nach Lohn, Brot und Dach über dem Kopf in unser Land gezogen waren, mein Großvater und seine Geschwister noch als Kinder. Aber als ich sie kennenlernte waren sie alle Deutsche geworden, ohne Spuren ihrer wahren Herkunft.
Es wurde wie so vieles verschwiegen und mit dem Schweigen übergaben sie uns schweigend und stumm all die Gräuel, die sie erfahren hatten und von denen sie wussten und manchmal des Nachts in ihren Träumen heimgesucht wurden.
Und wir liefen damit los, ahnten es nicht, wussten nichts damit an zu fangen, begannen, als wir es später in uns zu spüren bekamen, Gründe zu suchen, begannen davon angetrieben zu schreien, zu demonstrieren, brachen jede Menge Streit vom Zaun mit ihnen und füllten Bücher und Filme damit, trafen selten den wahren Kern, begriffen die wirkliche Ursache nicht.
Der Schrei meines Sohnes an jenem Frühlingstag ließ mich hoffen, dass vielleicht die Zeit langsam kommt, dass die Gefühle zu ihren wahren Ursachen zurückkehren und sich endlich frei bewegen können. Und darum verschwiegen wir ihm nichts.
Er kennt unser Gepäck und malt und zeichnet es, ohne daran zu ersticken oder über den Moment hinaus daran zu leiden: Schmerz, Trauer, Wut. Die Begleiter jeden erfüllten Lebens. Es bewegt sich in diesem Land.

Der Gehorsam verschwand aus den Räumen und liegt nicht mehr über den Dächern. Leider kam in letzter Zeit die Resignation an und nistete sich, wohl für längere Zeit, in vielen Hütten ein. Aber das ist ein anderes Thema, eine andere Zeit.

Samstag, 31. August 2013

Vom Verlust der Ruinen



20 Jahre nach dem letzten großen Krieg im letzten Jahrhundert gab es noch Polizisten, die nachts nach dem Rechten sahen und die Leute sagten „Wachtmeister“ und niemand „Bulle“ zu ihnen.
Eine besonders schöne Tour, so meinte der alte Wachtmeister Gerhard, hatte er in seinem Dorf, nachdem er seinen Rundgang um Kirche, Rathaus, Tankstelle und dem Laden der alten Müllerin beendet hatte, denn nun ging es zur kleinen Burgruine derer von Schlechtern, die hier im Mittelalter ihren ersten Stammsitz hatten, ihn aber schon in der zweiten Generation aufgaben, da sie es durch Heirat geschafft hatten, noblere Beherbergungen zu beziehen. Seitdem verfiel die Burg.
In diesen Tagen kamen schon wieder Touristen nur wegen der romantischen Gemäuer, ließen ihre Kinder zwischen den Wänden herumtoben und machten Picknick, wo einst der Burghof war. Da die Mauern immer noch gefährlich waren, weil einsturzgefährdet, patrouillierte er hier regelmäßig. Vor allem erwischte er schon mal Pärchen, die hier die Nacht fern ihrer Erziehungsberechtigten im Liebesspiel zu verbringen suchten.
Da die Burg auf einer leichten Anhöhe lag, hatte er von hier einen guten Blick über das Dorf, konnte sehen, wo die Kamine rauchten, die Öfen also schon oder noch an waren und wo nicht, wer schon Geld für neue Dachziegel hatte und wer nicht, konnte den Stolz der Männer im Wirtschaftswunderland als Farbtupfer zwischen den Häuserreihen ausmachen und an den Bäumen, in welcher Jahreszeit er sich befand.
Er war mit dem Anblick zufrieden, alle Spuren dieses Unseligen mit seinem 3. Reich waren getilgt und ihm kam es so vor, als wäre das Dorf heute schöner als in den Jahren vor dem Kerl und seiner Meute.
Seine beiden Söhne konnten darin nicht mehr mitwirken und sich erfreuen, sie waren beide in Russland gefallen. Auch seine Frau konnte er nicht mehr nach hier oben mitnehmen, sie lag seit Kriegsende auf dem Friedhof, hatte den Frieden nicht mehr lebend erreicht. Der Verlust der Söhne hatte ihre angeschlagene Gesundheit zu sehr gequält. Er und auch die Medizin in Persona des guten alten Doktor Markward waren dagegen machtlos gewesen.
Und jetzt befand sich Wachtmeister Gerhard in so etwas, was sie nach dem Krieg „Bratkartoffelverhältnis“ nannten, bei einer Kriegerwitwe, wovon es immer noch genug hier gab. Er war zufrieden, sie war es und sie freuten sich auf seine Pension. Ihr Garten war groß genug, ihn für den Rest seines Lebens zu beschäftigen.
In dieser Nacht schien der Vollmond über die Kanten und Zacken des Gemäuers und verwandelte die Ruine in eine bizarre Landschaft, was ihn jedes Mal wieder zum Staunen und Rätseln brachte. Wo kam der Schatten her, woher der?
Vor dem Wehrturm, der als einziges noch völlig erhalten war, machte er kurz halt, bevor er vorsichtig hineintrat. Er wollte so einem möglichen Pärchen Gelegenheit geben, sich schnell etwas an zu ziehen. Aber als er hineinsah, lag dort kein Pärchen sondern ein kleiner Steppke. Er erschrak, war er doch Kinder in der Nacht an einem solchen Platz nicht gewohnt und musste daher erst überlegen, wie er richtig reagieren könnte.
Er trat vorsichtig näher, sah eine Milchflasche, einen Schulranzen und eine Pfeife neben dem Jungen liegen, der sich wohl eine Wolldecke von zu Hause mitgebracht, und die bis zum Kinn hochgezogen hatte. Er lag auf Gras, dass er sich dafür vom Vorplatz genommen haben musste und hier zu einer Lagerstatt zusammengebaut hatte. Dorfwachtmeister Gerhard hatte die Stellen gesehen bei seinem Rundgang, sich aber nichts weiter dabei gedacht.
Erst dachte er, der Junge schliefe, bis er sah, dass der ihn mit halboffenen Augen ängstlich ansah.
„Na Du, was machst Du denn hier in der Nacht?“
Er bekam keine Antwort, nur dass die Augen des Jungen, wohl vor Schreck, erst ganz zu gingen, dann aber weit geöffnet wurden und ihn anstarrten.
Wachtmeister Gerhard ging im gebührenden Abstand vorsichtig vor dem Jungen in die Hocke.
„Keine Angst, ich muss hier nur nachgucken und aufpassen, dass nichts passiert. Ich tue Dir nichts, ist ja auch nicht verboten, dass Du hier liegst.“
Das sagte er, obwohl er sich da nicht sicher war, denn Wildcampen war verboten, andererseits hatte der Junge ja kein Zelt mit und so war es doch auch kein Campen.
Der Junge schien, zumindest dem Gesicht nach, gut genährt und genügend an der frischen Luft zu sein. Auf die Haare allerdings wartete bestimmt schon der Friseur.  Die Decke sah eher nach einem gut bürgerlichem Elternhaus und nicht nach Bauern oder Arbeiter aus.
Er musste etwas tun, nur was? Minderjährige gehörten nach Hause, zu ihren Eltern, das war klar. Irgendwie musste er den Jungen dazu bringen, sich zu öffnen und zu erzählen, bis er bereit war mit ihm zu gehen.
Gerhard befürchtete, dass der Junge vielleicht einen schlimmen Grund hatte, von zu Hause weg zu laufen. Oder kam er aus einem Heim? Wenn ja, musste er von weit her hierhin gekommen sein, aus der Kreisstadt, die hatten ein Heim. Andererseits sahen er und Decke nicht danach aus.
Der Krieg hatte vieles durcheinander gebracht in den Familien und das war noch immer spürbar und sichtbar in den Straßen und Stuben. Von ihren verbitterten Vätern geschlagene Kinder, Kriegswaisen, Schlüsselkinder, die niemanden zu Hause hatten, Streuner, für die noch immer Schwarzmarktzeit war, Frauen, verzweifelt auf der Suche nach einem Ernährer oder  Spaß und Wärme in der Nacht, Männer die gleiches suchten oder gar nichts mehr, ihren Kummer jeden Tag im Alkohol ertränkten. Was draußen gelungen war, äußerlich an Straßen, Häusern und Gärten, war innen drin noch längst nicht repariert und ausgebessert.
Vielleicht verlieren wir den Schmerz nie, vielleicht haben wir ihn auch schon weiter gereicht an die Kinder? Dieser große, bohrende Schmerz, der auf jeden Fall nachts zu ihnen kam, immer wieder, diese Alpträume schuf und so manchen schreiend aufwachen ließ.
Es dauert lang, bis sich die Wunden wieder schließen im Land, dachte Gerhard und wartete stumm auf eine Reaktion des Jungen.
Der richtete sich langsam auf, wobei die Decke etwas nach unten rutschte und Gerhard sah, dass der Junge einen dicken Pullover an hatte, so einen, wie ihn  die Frauen am Abend vor dem Radio die wenigsten hier hatten schon Fernseher, aus den Mustervorlagen der Modeillustrierten abschauten.
Reden wollte der Bub schein‘s immer noch nicht. Sah nur weiter zu Wachtmeister Gerhard und wartete, dass der wieder zu ihm sprach.
Gerhard tat ihm den Gefallen.
„Ich sehe, Du hast eine Pfeife mit. Hast Du denn auch Tabak?“
Der Junge reagierte endlich, nickte immerhin.
„Wollen wir zusammen eine smöken?“
Wieder nickte der Junge. Gerhard griff sich dessen Pfeife, holte aus seiner Uniformhose den Lederbeutel mit Kurzschnitttabak aus Virginia. Er stopfte damit die Pfeife und reichte sie dem Jungen.
„Probier mal, das ist mein Lieblingstabak. Kommt aus Amerika, Virginia. Da würde ich gerne mal hin. Du auch? Ich meine, würdest Du auch gerne mal nach Amerika gehen?“
Der Junge schüttelte den Kopf und sah zu wie Gerhard sich selbst eine Pfeife stopfte, den Tabakbeutel wieder einsteckte, ein Sturmfeuerzeug, blank geputzt, so dass sich der Mond mit seinen blauen Strahlen darauf spielen konnte, aus der Hosentasche zog.
„Ich dachte, weil, Deine Pfeife erinnert mich an Huck Finn, dem Freund von Tom Sawyer. Von denen hast Du doch gelesen?“
Der Junge nickte und Gerhard hielt ihm das Feuerzeug hin. Der Junge klappte den Deckel auf und zog gierig und hastig an der Pfeife, so dass die Flamme rauf und runter tanzte, zwischendurch fast ganz im Tabak verschwand.
„Langsam Junge, mit Genuss, sonst werden Tabak und Pfeife zu heiß und das brennt Dir dann auf der Zunge. Langsam und kräftig musst Du ziehen.“
Er machte es ihm vor und tatsächlich wurde der Junge ruhiger und tat ihm nach. Dann reichte er ihm das Feuerzeug, noch brennend, zurück. Gerhard setzte seine Pfeife ebenfalls in Gang und klappte den Deckel zu, sah das Feuerzeug einen Moment an, legte es dann zu den Utensilien des Jungen.
„Kannst Du haben, wenn Du willst.“
Der Junge sah es einen Moment an. Mehr nicht. Kein Nicken. Kein Dank.
„Magst Du mir denn Deinen Namen verraten? Ich bin der Anton Gerhard, ja, Du hörst richtig. Ich bin aus zwei Vornamen geschnitzt.“
„Willi,“ kam es ganz leise von dem Jungen.
„Habe ich richtig gehört: Willi heißt Du?“
Der Junge nickte, griff immerhin nun doch zu dem Feuerzeug, nahm es in beide Hände, betrachte das Spiel der Mondlichter darauf, drehte es und schwieg.
„Kannst Du nicht nach Hause?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Bist Du weggelaufen?“
Da nickte er und Gerhard sah, wie dem Jungen kleine Tränen auf die Wangen liefen.
„Haben sie Dich geschlagen?“
Wieder schüttelte der Junge den Kopf, besann sich aber nach ein paar Sekunden und beschloss zu reden:
„Nein, es ist, weil, nun ist auch mein Bruder tot, und davor der Opa, die Oma, und ja, der Jürgen, der mein Freund war und die Mama und keiner weint, alle halten den Mund, sitzen da, schweigen und das geht doch nicht, und Onkel Paul hat einen Witz erzählt, da haben die gelacht und Papa hat nur gefragt, wer was zu trinken will. Und da bin ich weg, und draußen hat die Sonne geschienen, und alles war so bunt und mir war doch zum Heulen zu Mut, und ich konnte doch mit niemanden reden, weil ich doch dann geweint hätte und geheult wie ein Schoßhund, wie Papa immer schimpft und da bin ich hierher getürmt und hab‘ die Ruinen gefunden und das ist gut, dass das hier kaputt ist, denn im Dorf ist doch auch alles kaputt und Du siehst es nicht, alles so heil und in Ordnung, darf ich nichts schmutzig machen und hier ist es wie es ist, kaputt und dreckig und ich dachte, da wohnt der Tod, der sie alle geholt hat, und vielleicht holt der mich hier auch und ich bin nicht mehr allein und kann endlich reden und weinen und dann bin ich eingeschlafen und als Sie kamen, Onkel, da dachte ich erst Sie wären der Tod, aber der Tod hat doch bestimmt keine Uniform und der raucht auch nicht Pfeife.“
Gerhard war baff, staunte den Jungen an, hörte andächtig zu, verstand höchstens die Hälfte und hatte doch das Gefühl, dass der Bub etwas ganz wichtiges gesagt haben musste. Etwas darüber, was möglicherweise schief lief, nicht nur in ihrem Dorf.
„Und jetzt? Was machen wir jetzt?“ fragte er ihn nach einer weiteren Weile des Schweigens.
„Weiß nicht.“
Gerhard hörte sich antworten: „na, das ist doch schon immerhin etwas.“, verstand selber nicht, was er damit sagen wollte, denn natürlich war das noch nichts und irgendwie wusste er selber nicht, was tun, dabei war ihm schon klar, dass er den Knaben zurück zu seinen Eltern zu bringen hatte. Aber er tat es nicht, dachte nicht daran, dachte kaum etwas, wartete, saß und sah dem Jungen bei seinem Spiel mit dem Feuerzeug zu. Und dann geschah es ihm, kam von ganz tief unten, der Schmerz schuf Wasser in ihm, Unmengen an Wasser und das wollte aus ihm raus und er glitt von der Hocke in den Schneidersitz, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, wusste, er brauchte jetzt viel und starken Halt wenn das Wasser kam und schon begannen die Krämpfe, traten die Tränen aus den Augen heraus, strömten ihm über das Gesicht und er sah nichts mehr, wehrte sich nicht, ließ es geschehen, genoss es sogar, hatte ein Gefühl, als wenn das Wasser ihm eine große Last von Brust und Schultern spülte und das Zucken seines Körpers kam ihm fast vor wie ein Tanz, ein Tanz der Befreiung von all seinem Kummer und all den Sorgen, all der Trauer, die er wie so viele hier ganz tief mit sich trug und nie besprach, nie mit Worten umgab, alles das schwemmte jetzt aus ihm fort und als es weniger wurde, blinzelte er durch den Wassernebel auf seinen Augen zu dem Jungen hin und sah, dass auch der zuckte und laut weinte, von eben solchen Krämpfen geschüttelt.
So ging es eine Weile und nur langsam ließen Zucken und Wasser nach. Der Junge war es, der zuerst sprach.
„Trümmer alle weg, nur hier noch, geht doch nicht, wo Leben ist, muss auch der Tod sein, sonst ist alles tod“.
Gerhard fragte sich, woher der Junge nur solche Gedanken und Bilder haben konnte und nickte und sagte laut und fest: „Ja, da hast Du wohl verdammt recht, mein Junge!“
Er blieb die Nacht über bei dem Jungen, brachte ihn erst am Morgen zu dessen zu Hause, das, wie sich herausstellte im Nachbardorf lag und so wurde ihm klar, warum er den Jungen bisher nie gesehen hatte, setzte sich zu dem Vater, sprach lange mit ihm, bis der zu weinen begann und so, unter Tränen, seinen Willi rief, den in den Arm nahm, und erst da stand der alte Wachtmeister Gerhard auf, brummelte leise einen Abschiedsgruß und ging.
Es war ein langer Weg nach Hause, aber er froh über die Zeit, hatte jetzt viel zu bedenken und war sich rasch klar, dass wenig zu tun war, die Welt lief und rannte wie sie halt lief und rannte, er aber etwas erlebt hatte, was ihm ab heute den Weg leichter machte und er mehr bei sich war, seinen Gefühlen und was sonst noch so alles verschüttet gewesen war durch die schrecklichen Zeiten und den Wiederaufbau.
Er traf Willi nie wieder, sah nur dessen Vater einmal von weitem im Baumarkt.
Jahre später kam es ihm bisweilen vor, dass er den Willi gar nicht getroffen hatte, sondern sich selbst, Anton Gerhard, klein und zutiefst verletzt, verlassen, überfordert von Krieg und Trümmerabbau, und das er selber dort gelegen hätte, tränenlos, mit dem großen Schmerz in der Brust ohne Worte und der Sehnsucht nach der Wiederkehr der Ruinen in der Plastik und Asphaltwelt der Neuzeit, ihrer hektischen Danachzeit.

Immerhin, er weinte jetzt leichter und schneller bei entsprechenden Anlässen und hatte gelernt den Schmerz mit Worten aus zu statten und so mit anderen zu teilen.

(c) Bild und Text: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013

Montag, 15. April 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 9



Ich würde sie aufsuchen müssen, versprochen ist versprochen. Aber den Rest der Karlgeschichte liebe ich nicht. Mit der Hobbelei darin, hat sie sich verschoben. Eigentlich ging es doch um das Schweigen der Frau, ihre Hartnäckigkeit, ihre Rachsucht und Unfähigkeit zu verzeihen und es ging um seine Unfähigkeit sich zu befreien, selbst da, wo es für ihn doch nur noch gemachtes Essen, eine gewisse Ordnung und einen Stand zu holen gab, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keinen Rückenwind. Wie hatten die beiden das nur ausgehalten.

Während ich noch so am Überlegen war, klingelte es. Komisch, sonst besucht mich niemand und jetzt das zweite Mal in einer Woche. Ich ließ mir Zeit beim Hingehen und Öffnen. Vor mir stand ein junger Mann mit modischer Lederjacke, weißem Hemd ohne Krawatte in Jeans mit breitem Ledergürtel und einem freundlichen Gesicht, das mich strahlend lächelnd ansah. Hinter ihm standen zwei ältere Polizisten, wirkten müde und leicht griesgrämig. Vielleicht mochten sie ihn und seine Freundlichkeit nicht. Warum ich das alles so genau wahrnahm, weiß ich nicht.
„Sie sind …?“
„Ja, ja! Bin ich!“

Erwartungsvoll standen wir voreinander. Er erlöste uns: „Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen. Und wir bräuchten auch Ihren Wohnungsschlüssel. Wenn Sie vielleicht ein paar Toilettenartikel und etwas Wäsche mit nehmen wollen?!“ Das sagte er so, als würde er mich zum Essen in einem Erste-Klasse-Hotel einladen und so war ich einfach nur sprachlos, drehte mich um, ließ die Tür offen, sie folgen, verschwand im Badezimmer, packte mir dort brav etwas zusammen, verließ es und ging zum Kleiderschrank, suchte ein paar Sachen zusammen, fand im Flur die Sporttasche, die ich eigentlich nie brauchte, weil ich kein Sport betrieb, und füllte sie mit den Utensilien. Der junge Mann nickte zufrieden. „Dann können wir?“ und schob mich zum Flur hinaus. Die beiden Polizisten folgten uns und schlossen mit meinem Schlüssel hinter uns ab.

Es stand tatsächlich eines dieser neuerdings blauen Polizeifahrzeuge da draußen und wartete anscheinend auf mich. Immerhin ohne Martinshorn fuhren wir ab, nicht ohne ein paar Gaffer, die sich natürlich zu diesem Zeitpunkt auf der Straße und in den Fenstern befinden mussten. Bisher war mir gar nicht aufgefallen, wie viel hier tagsüber Zeit haben, jedem Pfurz hinter her zu starren. Mir konnte es egal sein. Ich kannte sie nicht und würde sie auch künftig nicht kennen.
„Hauptkommissar“ hatte der junge Mann neben mir gesagt, sei er, Und stumm blieb er, während der ganzen Fahrt, stumm und freundlich lächelnd. So langsam verstand ich die Polizisten vor mir im Wagen. Konnte einem mit der Zeit die Nerven rauben, dieses Lächeln. Ich lächelte doch auch nicht.

Bisher hatte ich mir in meinem Leben den Kontakt mit der Polizei ziemlich erspart. Nur einmal fassten sie mich, als ich in meinen vorletzten Sommerferien von einer frisch aus der Entziehung heimgekehrten und dies mit ihren Nachbarn kräftig feiernden älteren Alkoholikerin hatte abfüllen lassen mit Schnaps, einem meinem Magen bis dahin völlig unbekanntes Getränk, und so wohl zu sehr torkelnd vor dem Haus meinen Heimweg suchte und ihn nicht richtig finden konnte. Die Polizisten luden mich damals auch in ihr Fahrzeug ein und fanden für mich den Weg, nach dem ich irgendwie meine Adresse in Worte gefasst hatte. Meine Mutter war nicht zu Hause und so konnte ich mich ohne irgendwelche Auseinandersetzung in das Bett verziehen und schlafen. Zwar wunderte sie sich, als sie nach der Arbeit nach Hause kam über den Gestank und ihren Sohn beim Schlafen, sagte aber nichts. Auch nicht am nächsten Tag. Dafür meldeten sich Polizei und Jugendamt, als ich schon gar nicht mehr an die Sache gedacht hatte. Natürlich war ich etwas erschrocken über diese Geschichte als ich am nächsten Tag wieder Kontakt zu mir selber bekam, wenn auch mit dem klassischen Brummschädel. Auch war sie mir peinlich, nur mit Schrecken dachte ich an diese saufende, lallende, herbe Gesellschaft in Unterhemden, Morgenmänteln und einem Fuselgeruch, der für 5 Kneipen ausgereicht hätte. Bin danach auch nie wieder in der Siedlung mit irgendjemand hoch gegangen. Es war ja auch nur dazu gekommen, weil das Mädchen, dass ich gerade am Anbaggern war, ihre Tante hatte besuchen wollen, eben diese Spritdrossel, und mich dann wegen einem Babysittern-Einsatz dort zurück gelassen hatte.

Meine Mutter wurde natürlich sauer, als die Schreiben kamen und drückte sich wie gewohnt nach solchen Anlässen mit stark kummervollen Gesicht durch die Wohnung, signalisierte aber gleichzeit dauernd, wie sehr sie hinter mir stände und was sie nicht alles und son Zeugs, also, was ich noch weniger brauchen konnte als den Besuch im Polizeipräsidium der Stadt. Dort landete ich bei einem auch damals freundlich lächelnden Beamten, Polizeirang weiß ich nicht mehr, in der Abteilung für Drogen, Prostitution und ähnliches, konnte ich an den Ordnern an der Wand feststellen, unsere Strichstraße kannte ich natürlich schon, wenn auch nur außen und dem Namen nach. Hier erwartete mich ein gemütlicher Mann, knapp jünger als mein Vater, erklärte mir den Grund der Einladung und  so erfuhr ich, dass Erwachsene mir Minderjährigen nicht einfach Alkohol einflößen dürften, auch nicht bei sich zu Hause und es demnach nicht gegen mich ginge, obwohl er dennoch fragen müßte, ob ich den schon öfter so viel getrunken habe, überhaupt bereits regelmäßig Alkohol zu mir nehme und ob meine eltern, die erziehungsberechten, mich nicht kontrollieren würden, was ich dann doch wieder eher als Verdächtigung und Verfolgung meiner Person betrachtete. Ich durfte vor ihm sitzen, auf Augenhöhe sozusagen, schielte bisweilen zu den Ordnern mit den Prostituierten, die aber nicht mehr verrieten als Buchstaben des Alphabets, das ich mittlerweile ja auswendig kannte und bereits an zu wenden wußte. Der blieb nett, ich antwortete nett auf alle Fragen mit „Nein!“, erklärte, wie es zu dem einmaligen erlebnis gekommen war und war noch so jung und verstört, dass ich ein schlechtes Wissen bekam, weil ich beim Besuch meines Vaters bereits einmal abgestürzt war, wenn auch durch zu viel Bier und schlechter schokolade und ein Babyzimmer anschließend versaut hatte, wo mein Vater die ganze Nacht das erbrochene zu beseitigen versuchte, vor allem den geruch, da das Baby am nächsten Tag mit der jungen Mutter aus dem Krankenhaus kommen sollte. Das verschwieg ich also, durfte aber gehen und „Nein, das war es, es kommt nichts mehr nach“, kam aber doch, nämlich eine Frau vom Jugendamt und ein Anschiß vom Scvhulleiter obwoghl ich doch versprochen hatte, „es“ also das Saufen, nie wieder zu tun, was ich wohl ein Jahr eingehalten habe, warum auch immer.

Mehr Erfahrung besaß ich also nicht mit Polizeigewahrsam und trotzdem saß ich in dem Auto, wurde irgendwo hingefahren mit meiner Sporttasche auf den Knien und schwieg wie alle in dem Wagen. In dem Moment konnte ich Karl gut verstehen, mit seiner Sehnsucht nach Hans Albers und seinem Ruf, ihm in die Südsee zu folgen. Als wir hielten, war es nicht vor unserem mächtigen Klinkerbau der vorletzten Jahrhundertwende, unser Polizeipräsidium am „Hintern“, wie wir in der Stadt sagten, der Gerichtsgebäude,  sondern ein Wischi-Waschi-Bau der 60er Jahre des letzten jahrhunderts mit den üblichen gelben Streifen unter hohen Glasfenstern ohne Schmuck und Stil.

„Unsere Forensik“, bekam ich mitgeteilt, was mich weder beruhigte noch schlauer werden ließ. Wir gingen durch in unsderer  Zeit immer noch normale Behördengänge mit Namensschildern an jeder Tür, obwohkl sie doch uns Bürger neuerdings als Kundenb betrachten und behandeln wollen, bis zu einer dicken, gelblich grauen, nur Schatten durchlassenden Schwingtür. Die Polizisten waren freundlich, einer stieß sie für mich und dem Komissar auf, der andere fing ihren Schwung hinter uns ab und so kamen wir von ihr unbeschädigt in eine verkachelte Welt, vollgestellt mit fahrbaren Liegen, an den Wänden die üblichen, jedem Krimizuschauer bekannten Gerätschaften.

Vielleicht sollte Hans Albers auch mir jetzt mal helfend beiseite springen, denn das kam mir nun wirklich nur noch wie ein Film vor, in dem ich irgendwie mitspielte, aber völlig ohne Textbuch und Rollenvorgabe. Und das, das gefiel mir ganz und gar nicht. Aber es gelang mir einfach nicht, daraus zu erwachen und zu einer rettenden Tasse Kaffee zu eilen.

Sie schlugen, wie nicht anders zu erwartzen, ein Tuch zur Seite um ein Gesicht frei zu geben, natürlich tod und mir tatsächlich bekannt. Hatte ich jemand anderes erwartet, überhaupt jemand erwartet? Nein, konnte ja nur ein Alptraum sein und entsprechend egal war mir, was da vor mir rum lag. Jedenfalls bis ihn sah, sofort wieder erkannte und gar nichts mehr verstand. Es war der Großonkel Arzt und Hobbelberichter, bleich, etwas eingefallen, seinem tatsächlichen Alter hier in dem Kunstlicht sehr viel näher, ja eigentlich, mehr drüber als wie bei seinem Besuch in meiner Wohnung.

Schließlich spürte ich sie, ihr Warten auf mich, darauf, dass ich wohl etwas sagte, den Toten für sie identifizierte, warum auch immer, hatte den Mann nur einmal in meinem Leben gesehen und wer konnte das überhaupt wissen und wenn, wieso die hier?
Aber sie sahen mich nur an, als ich es sagte. Und ich spürte, wie ein Bild, irgend etwas in mir auftauchen wollte, ein heißes Gefühl, etwas, was ich hier besser nicht losließ und auch gar nicht wissen wollte. Zu Hause, da beschäftigte ich mich mit dem was von da unten hochkam, den turbulenzenzen, deswegen war ich ja unter anderem auf der Suche. Aber nicht hier, jetzt, in diesem irgendwie geschlechtsneutralem Licht, angesichts der Männer und des TV-Krimi-Ambientes.