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Freitag, 4. April 2014

Marianne



Warum schreibe ich? Ich weiß es nicht – nicht so genau – habe die Frage nach dem Warum nie recht begriffen. Ich tue und tat es schon als kleines Kind. Ich wollte es, träumte davon, mal mehr hingetrieben, mal bedächtig herangetreten und es angesehen nach und vor neuen Schreibtaten.
Warum schreibe ich? Nun ja, vielleicht wegen Marianne, die eines Tages oben aus dem Hause ihrer Familie trat, das letzte Haus der Dorfstraße, das kleinste Haus, das Haus mit den meisten Schadstellen, wo der Wind bereits durchpfeift und die Streitereien und Schläge verrät, das erschrockene Winseln des Hundes und höllentonmäßige Fiepen der Katze auch.
Marianne mit jungen Jahren in Haar und Gesicht, auf den schmalen Beckenknochen und der von Fett und Fleisch noch verschonten Brust, Jahre 13 an der Zahl, frisch vollendet, wenig gepflegt, was kommt kann nur schöner werden, für Gestern ist ihr alles zu spät.
Sie ging, ja hüpfte wie so oft, froh dem Haus entkommen zu sein, für dieses Mal, kam so den Abhang hinunter ein kleines Stück, sah die Kirchtürme an der Kreuzung vor sich, irgendwo das Ziel ihres Ausfluges, sah hin oder auch nicht, beeilte sich oder auch nicht.
Der Wind, diese Bö im Gepäck, aus dem Hinterhalt, erst hinter feinstem Säuseln und leisem Klappern an den Schindeln des alten Fachwerks versteckt, dann einfach da, laut, heftig, stark, kam so über den Berg gebraust, packte Marianne, packte sie ganz, mit Leib und viel zu dünnem, viel zu durchscheinendem Flatterkleid, verschluckte die Schuhe, riss an den Haaren, trug sie schneller und höher davon, als es das neue Coupe des Brauereibesitzers hätte tun können, ein Jagdflieger vielleicht, einer von denen, die in der Nähe ihre Blindbomben mit ähnlich lautem Getöse zu Übungszwecken abwarfen.
Dennoch näherte sich ihr das Tal, sank sie tiefer, hing nach vorn übergebeugt wie ein Skispringer, ließ sich tragen, genoss das Luftpolster, sank und sank, unter ihr die Dorfstrasse, näher kommend die alte Kastanie, die Kreuz- und Dorfmittelpunkt zugleich war, Schattenspender für Generationen von Dörflern, auf deren Rundbank die Jugend am Abend saß, auf bessere Zeiten und Orte hoffend, sank so immer näher der Erde, bis ein Aufflammen der Bö sie packte und in die Krone der Kastanie warf, zu ihrem Glück so, dass sie auf einem kräftigem Ast zum Sitzen kam.
Dort überließ der Sturm sie ihrem Schicksal, schüttelte noch ein wenig die Äste und damit auch sie kräftig durch und verschwand wie er gekommen war. Schon bald weder zu hören, noch zu spüren.
Nachdem sich die Marianne auf ihrem Ast von Schreck und Flug benommen, etwas erholt hatte, betrachtete sie staunend den Himmel, der ihr auf so ungewöhnliche Art  und Weise näher gekommen war. Angst hatte sie keine, nur Gottvertrauen, noch mehr Vertrauen gab sie der Maria, wie die meisten Mädchen und Frauen im Dorf. Der Maria hinten rechts in der Ecke der klobigen Kirche gegenüber der Kastanie, dieser uralten Schnitzkunst, kindhoch, Farben verlierend neben dem Altarraum.
Da die Kastanie auf der Kreuzung stand, die seit kurzem zum Kreisverkehr geworden war um die Ampeln zu sparen, von deren Rotmännchen die wenigsten sich hatten aufhalten lassen, wurde Marianne schnell von Treckern, Fahrrädern und Autos umfahren,  Trecker, Fahrräder, Autos die sich nicht mehr in eine der abgehenden Alleen flüchteten, sondern immer weiter im Kreis fuhren, alls hätten sie ihren Weg verloren.
Aus dem „Kolonialwarenladen Hergans“ kamen Leute, aus der Kirche ein paar der ganz Alten, aus der Schule die zwei Lehrer mit ihren Schülern und alle sahen zu Marianne hoch, zu ihrem Ast, ihrem Haar, dass leicht wehte als wäre es Vorbote der Blätter, die hier sonst vom Wind zum Tänzchen gebeten wurden.
Die Männer feixten und schielten unter ihr Kleidchen, wo kein Unterhöschen ihren Blicken verwehrte was ihnen weder gehörte noch schicklich war.
Die Stimmen, gefüllt mit den Augenblicken von Mariannes kurzem Höhenflug mit Landung auf dem Baum, schwollen auf und ab, ohne dass Marianne auf sie hörte oder gar einzelne Worte verstand. Sie sah und spürte, zu ihrem Glück,  auch nicht die gierigen Blicke an ihren fast formlosen, dünnen Beinen entlang. Sie sah den Himmel, befand sich im Himmel, fühlte sich leicht und warm und die Stimmen um sie herum waren ihr wie Wolken, die sie einluden, auf ihnen weiter zu ziehen, dorthin, wo wohl die Engel wohnen, von Maria beaufsichtigt.
So ging es eine ganze Weile bis die Burschen das Feuerwehrauto herausbrachten, dessen Leiter ausfuhren und Marianne, trotz deren verzweifelter Gegenwehr, hinunter holten, weil sie um sich schlug und biss, unsanft auf die Erde fallen ließen, viel unsanfter als des Sturmes Bö es mit ihr getan.
Da saß sie nun, zwischen all den Beinen, bis der Pfarrer kam, ihre Hand ergriff und sie hochzog.
„Danke dem Herrn, mein Kind!“
„Und der Maria!“ hauchte Marianne.
„Ja, der wohl auch, denn Du musst wirklich starke Schutzengel heute bei Dir gehabt haben. Aber bevor Du in die Kirche gehst, gehe bitte nach Hause und ziehe Dich vollständig an. „
Ja, auch der Pfarrer hatte hingesehen wo er besser nicht hingesehen hätte, nutzte oft die Gelegenheiten für Einblicke, ohne aber je dafür einer Person Gewalt an zu tun, nahm nur mit, was sich ergab, das aber konsequent, wenn auch heimlich.
Marianne nun, die hörte ihn, nickte, obwohl sie ihn nicht verstand.
Sie rannte nach Hause, zog sich einen Mantel über, obwohl es ihr warm war, rannte so wieder hinunter, wo noch immer viele Leute standen, nur die Männer, da es für die nichts mehr zusehen gab, nicht das, was sie im Stillen immer noch genossen, hatten sich verzogen.
Marianne ging durch die Menschen hindurch, die sie zu berühren versuchten, „so ein Glück“ murmelten oder „fast wie’n Heilige“, ging in die Kirche, wo der Pfarrer die kleinen Kerzen vor der Maria auffüllte, da gewiss jetzt viele hineinkämen und sie anzünden wollten, um so auch an dem Wunder der Marianne teil zu haben. Sie ging zur Maria, warf eine Mark in die hölzerne Spendenbox an der Wand, nahm wie dadurch gestattet zwei Kerzen und zündete sie auf dem schwarzen Eisenständer an, der einen Rosenstock symbolisieren sollte.
Der Pfarrer nickte ihr aufmunternd zu und stellte sich neben ihr beim Beten. Er war sicher, dass sie jetzt mit Unterhose bewaffnet war, auch wenn ihm die Wahrscheinlichkeit, dass sie bald wieder solch schamlosen Blicken ausgesetzt sein könnte, recht unwahrscheinlich vorkam.
Und bald schon waren alle Leute von der Kreuzung in die Kirche gekommen und dem Pfarrer fiel ein, was ihm noch nie eingefallen war. Er ging zum Altar und begann eine Messe, eine Messe für Marianne und ihr Wunder. Alle ließen es sich gefallen, gingen zu ihren Plätzen, sangen, hörten, sprachen, sangen, wie sie es gelernt hatten seit ewigen Zeiten in dieser Kirche, die einst mehr Burg und Schutz vor Überfällen war als Gotteshaus.
Und Marianne bekam kaum mit, hätte es wohl nicht glauben mögen, dass diese Messe ihr galt. Marianne betete und sang, wusste hinterher kaum wie sie zurück in ihr Heim gekommen war, wie alles wieder normal zu weden begann, die stimmen verschwanden, „Mariannes Wunder“ verblasste, mit ihm Ehrfurcht, respekt und Toleranz, wusste nicht, dass es ihr größter Tag gewesen sein sollte, einziger ohne Sorgen, dem Himmel nah wie nie, dass sie noch 60 Jahre später an den Krankenhausapparaten gebunden, dem Tode nah, daran denken sollte, wie zuvor in vielen schweren Stunden, die das Leben in seiner bisweilen echt hartherzigen und ungerechten Weise in Fülle ihr aufgetragen hatte. Unbeeindruckt hielt sie auch in den letzten Augenblicken ihres Daseins den Rosenkranz in ihren Händen, überzeugt davon, dass all ihr Beten ihr geholfen, Maria sie wunderbar getragen und gerettet habe. Die würde, so sah sie das Geschehnis als ihr Zeichen, gewiss alles angenehm für die Marianne im Himmel vorbereiten. Warum sonst hatte sie schon einmal dem so nah sein dürfen?
Aber auch für das Dorf geschah lange nichts mehr, was sich so erzählen ließe. Kriege und Herrscher kamen, trieben ihren Wahnsinn und verschwanden, wie auch alte Häuser und Betriebe verschwanden und neue kamen. Und als Marianne starb, war kaum noch einer Bauer, die meisten Familien fortgezogen oder kurz vor dem Aussterben.
Nur die Kirche und die Kastanie erinnerten mit gleichem Antlitz an die Zeit als Marianne auf den Baum flog.

Ja, vielleicht schreibe ich deswegen, wegen Mariannes einzigem Moment, der himmelsgleich ihr war und all denen, die so anders von den Stürmen der Zeit davon getragen werden. Und nicht alle landen so weich, wie die Marianne. Ja, weil sie nie darüber schreiben werden, nur die anderen sich die Münder wetzen, manche mit gierigem Blick, lüsterner Zunge über den Lippen. Ja, ich glaube, auch deswegen schreibe ich, dass auch die anderen Geschichten erzählt werden, die, die nicht ganz so lustig sind und wie der Barde Troubadix in den Asterixcomics ferngehalten werden, wenn es in den Gaststätten hoch und das Erzählen losgeht.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Donnerstag, 6. Februar 2014

Tages Wundertüte


Wochen neigen sich
Monate, Jahre
wir neigen uns mit

aber verneigen
wir uns
vor dem Tag

der uns da
mit sich nimmt
verrinnt.

oder explodiert
mit allen Facetten
wie wir

hier alle
das Leben so
gerne hätten

verneigen wir uns
verschmähen nie
seine Wundertüte


(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Montag, 3. Februar 2014

eine zu lange Suche


da wo er herkommt
ist er lang nicht mehr
da wo er jetzt ist
kommt er nicht her

das was er sein wollte
fand ohne ihn statt
wie er geworden ist
ein gar zu loses Blatt

sah er viel vom Leben
vorbeiziehen ohne sich
musst er es ihm vergeben
fand er es auch widerlich

hängt er so im Trüben
wird ihm öfter schlecht
immer noch am Üben
fragt, was will er in echt

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Samstag, 11. Januar 2014

Abschied: Heiko Bauriedl zum Gedächtnis

Ein ganz besonderer Mensch hat von uns gehen müssen: 
Heiko Bauriedl!



Darum hier jetzt nur für ihn zu Ehren noch einmal ein paar Zeilen, die ich ihm schrieb zu seinem letzten Geburtstag, entsprechend abgewandelt:

Für Heiko, nun leider in Memoriam

Es haben uns die Jahre, Heiko
in die Füße gepickt, in das Genick
geschlagen, gewürgt den Hals
mit Freude ertränkt, in Liebe verstrickt
mit Sehnsucht gefüttert, den Ball uns
weggeschlagen vorbei am Tor

und doch haben wir
oft gut geschlafen, lächelnd begrüßt
so manchen Morgen, die Kraft verspürt
für schöne Taten, Menschen gespürt, auch
hautnah, zu Tränen gerührt, im Glück geprüft
wie all das Leben ist und wunderbar

… Du Freund im wahrsten
besten Sinne für uns und unser Leben Mangelware
mit großem Dank dafür, dass es Dich für uns so
gegeben hat, Du so bei uns warst
in unseren Herzen weiter wohnen wirst

als einer der friedlich war, ein Menschenfreund

Dienstag, 10. Dezember 2013

im Noch


noch sind wir
aber vielleicht nicht
nicht so jedenfalls
wie wir sein

sind wir nicht mehr
was waren wir
dennoch wollten
immer noch nicht

sind wir noch
oder wieder
auf jeden Fall
aber: sind wir

noch

Freitag, 6. Dezember 2013

Lust am Leben


aus
Peter Silies
Medienlade:

in jeder Trauer steckt mehr Lust am Leben

als in den Lachsalven aller Comedyshows

Samstag, 30. November 2013

Vergehen und Verstehen


traurig nun die dunklen Äste ragen
über unseren bunten Regenschirmen
ist Rutschgefahr jetzt durch die Blätter
die an den Bäumen uns Freunde waren

suchen wir die Stille unter ihnen
einen Weg zu uns, der nicht verstellt
spüren an den Händen unsere Wärme
die nicht durch Verbrennungen erzeugt

treibt des Mondes kalte Sichel
uns in wärmere Gefilde
zu Haus, so scheints, ist alles
nur noch eingebildet

was uns in Schrecken dort versetzt
wo alles wächst und doch verblüht
der Wind sich sein Festmahl nimmt
zu brechen was zu brechen ist

reiben wir uns unsere kalten Hände
vergessen nicht was wir gesehen
dass es auch mit uns so wohl endet

war unser Leben auch noch so schön

Donnerstag, 28. November 2013

Wenn nur dann


wenn nur Trauer uns bleibt
an den Fersen und im Sinn

wenn nur Sehnsucht uns treibt
von hier nach irgendwo hin

wenn nur schwer sich heben
unsere Schritte vom glatten Asphalt

wenn nicht mal kurze Glücksmomente
uns stärken und liefern neuen Halt

wenn, ja wenn es so nur vorwärts geht
sollten wir stehen bleiben, nicht weiter gehen

der Trauer Zeit geben zum Heilen
der Seele Raum, sich ganz zu sehen

uns endlich die Chance, unsere Luftwege
frei zu atmen, uns einlassen zu träumen

so lasst uns innehalten, das Geschenk
des Lebens nicht länger zu versäumen

wenn nur Trauer uns geblieben
an den Fersen und im Sinn

wenn nur Sehnsucht uns getrieben
von hier nach irgendwo hin

Freitag, 22. November 2013

In des Lebens Liebe Teich


kurz
ist wohl das Leben
verdoppelt aber
wenn wir uns
dies kurze Leben
lang lieben
bis zum Schluss
uns
dieser Liebe
ergeben
gemäß unserem
Kurzentschluss
vor Jahren
uns zu lieben
als Doppel
ein unendlicher
Genuss
heftig wenn auch
leider stets zu kurz
bis zum Schluss
unser letzter Kuss
besiegelt
den Anfang
unseren Entschluss
auf unsere Liebe
zu setzen
für unser Leben
das zwar zu kurz
doch großer an Wellen reicher
Teich war und noch ist
ein volles Leben

eben

Freitag, 15. November 2013

Zum Leben gern bereit



wo meine vielen Worte bleiben
mit dem bunten Laub verweht
wie meine Lippen schweigen
wenn dies Jahr vorübergeht

wir dieses Schweigen lispeln
sobald einer von uns schläft
wie unsere Körper kräftig zittern
ist es wohl noch nicht zu spät

klopfen wir doch knochenstark
an die Seelenfenster dieser Nacht
reichen uns im Schlaf die Wärme
am Morgen frisch davon erwacht

für der Tage Miesepetrigkeiten
schaufeln wir uns die Wege frei
vom Gestern lassen wir uns leiten
genug der Liebe für uns dabei

wo unsere vielen Worte bleiben
wie buntes Laub davon getragen
unsere Lippen düster schweigen
die Augen trotzdem „Ja“ uns sagen

sind zum Leben so wir weiterhin bereit
egal in welcher und was für einer Zeit

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Werkstattbericht Film



alle Filme
sind so
entstanden
ungeschnitten
nichts wiederholt
aufgepeppt
Zeugen
meiner Zeit
der Flüchtigkeit
der Worte
Gedanken
was geschah
von Gelegenheit
zu Gelegenheit
mit Kamera und Ton
zum Sprechen
bereit
wie zum Schauen
der Plätze
dem Lauschen des Windes
der durch
das Mikrophon pfeift
Worte entreißt
vorbei gehuschte Zeichen
aller Vergänglichkeit

(c) all rights reserved by jörn laue-weltring lingen 2013

Montag, 21. Oktober 2013

Was zählt für uns







aus 
Peter Silies
Morgenlade:



wenn die Jahre nicht mehr zählen
zählen die Monate und Wochen

wenn die auch nicht mehr zählen
zählen die Stunden und Minuten

weil, wenn wir es so wollen
immer etwas für uns zählt


Samstag, 12. Oktober 2013

Leben im Flug


schnell sind wir geworden
wovor uns die Alten gewarnt
mit Haut und Haaren

um später so zu werden
wie wir es schon immer
vermeiden wollten zu sein

fangen wir heute die Fliegen
über dem Küchentisch
beichten letzten Stunden

sehnsüchtig
unsere längst
verblichenen Sünden

nicht an jedem Tag


nein
ich bin noch nicht

aber schon
weiter

ja
bisweilen
trotzdem

nichts weggeschenkt
kein Sperrmüll

jedenfalls
nicht


an jedem tag

Sonntag, 6. Oktober 2013

Scherben Leid und Glück


in Scherben
immer wieder
das Leben die
Träume die Liebe
immer wieder
zerschlagen uns
zu Scherben
hastig eingefügt
in schillernde
Mosaiken
unseres Lebens
Kathedralen
auf den Böden
zwischen Bänken
vor den Altären
zu bestaunen
begehbar jederzeit
wir die Scherben
von was war und
was hätte werden
was sein können


Mittwoch, 2. Oktober 2013

Schwimmen statt Laufen?

aus
Peter Silies
Grummellade:

wer einen Schwimmkurs
absolviert
hat deswegen
noch lange nicht

mit dem Laufen
abgeschlossen

Dienstag, 1. Oktober 2013

Eines Leben langer Tod



Und da war da noch das Mädchen, das auf einer hohen Klippe stand und laut rief:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie, wie sie meinte in den schnelleren Tod. Aber die Strömung trug sie zurück und die tanzenden Wellen warfen sie auf den warmen Strand.
Da marschierte sie los bis sie zu einer hohen Eisenbahnbrücke kam, kletterte auf das Geländer und rief wieder:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie, erneut in dem Glauben, gleich alles hinter sich zu haben. Aber in diesem Moment fuhr gerade ein Waggon mit Matratzen unter der Brücke hindurch und fing sie mit seiner Ladung weich auf.
Da weinte das Mädchen und ging traurig zurück in seine Stadt, kam dort an eine stark befahrene Kreuzung. Sie sah eine Weile zu, lächelte wieder, ja lachte und rief begeistert:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Und so sprang sie mitten zwischen die Wagen und erwartete den Bumms mit einem Auto, dass ihr das Genick brechen und sie so ins Jenseits befördern würde.
Nun sahen aber alle Fahrer das Mädchen, versuchten sie zu retten und fuhren so alle ineinander, aufeinander, wobei auch mancher von ihnen sein Leben ließ. Das Mädchen aber musste aufstehen und weiter ziehen.
Das wollten aber einige der Fahrer nicht, die hinter ihr herliefen und es festhielten, bis die Polizei kam.
Am Ende des Tages fand sie sich statt im Sarg im Gefängnis wieder und musste dort lange auf ihren Prozess warten, denn es war gerade ein Umsturz und die neuen Machthaber brauchten Zeit, alles wieder zum Laufen zu bringen. Schließlich kam sie aber doch vor Gericht und das Mädchen sagte nur einen Satz bis zum Ende der Verhandlung:
„Ich habe keinen Bock darauf ein Leben lang zu sterben!“
Auf diese Weise hoffte sie, das in ihrem Land noch praktizierte Todesurteil zu erhalten.
Die Richter sprachen es ihr auch zu, wegen der vielen Toten und der darüber und ihrem Spruch sehr aufgebrachten Angehörigen.
Das Mädchen dachte, dauert es halt ein wenig länger aber nicht so lang wie ein ganzes Leben.
Zu ihrem Pech führten die neuen Machthaber die Demokratie ein und schon kam es zu dem ersten Volksbegehren, in dem die Abschaffung der Todesstrafe gefordert wurde. In der Zwischenzeit durften ab sofort keine Todesurteile vollstreckt werden. War also wieder nichts mit dem Sterben für sie.
Weil die Menschen in dem Land das erste Mal Demokratie erlebten und daher erst noch am Üben waren, wurde das Ergebnis der Volksbefragung im neuen Parlament gleich hinterfragt und wurden außerdem neue Gesetze verlangt. Das aber zog sich und zog sich.
Kurz, dem Mädchen wurde die Zeit im Gefängnis sehr lang.
Schließlich hatte das Militär mal wieder keine Geduld mehr mit der Demokratie und putschte sie wieder weg.
Sie beließen es bei der Todesstrafe, weil sie die nun bei den überhand nehmenden Demokraten reichlich brauchten. Auch interessierte sie nicht das Mädchen sondern ihre eigenen erbitterten Gegner sehr viel mehr und so starben die in Scharen und das Mädchen war wieder nicht dran.
Und wieder änderte sich die Lage im Land, zu viele im Volk, ja fast alle, hatten dieses Militär mit seinen Morden satt und wollten ihre Demokratie zurück.
Da befahl das Militär alle verbliebenen Todeskandidaten sofort zu töten.
So kam nun, wenn auch erst nach vielen Jahren, für das Mädchen ihre lang ersehnte Stunde.
Sie ging tapfer zu dem Galgen hoch, sah die Soldaten, die Richter, den Pastor, die Mitdelinquenten und dachte zum ersten Mal:
„Vielleicht hätte ich mir doch besser ein anderes Sterben ausgesucht oder noch besser, ein anderes Leben. In diesem ist mir das Sterben jedenfalls arg lang und sauer geworden.“
Als hätte das jemand ganz oben vernommen, wurde die Hinrichtung abgebrochen, das Militär zurück in die Kasernen verbannt und die Demokratie abermals eingesetzt.
Nicht genug damit, verwirrt sehen wir das Mädchen hinaus in das Leben schleichen, heraus komplementiert aus dem Gefängnis von einer Generalamnestie.
Das Mädchen brauchte danach wirklich sehr lange, bis es einen Weg zum Leben hin für sich fand, denn viel hatte es gelernt über das Sterben, nur über das Leben wusste es immer noch nicht viel.
Und wenn sie heute noch lebt, hat sie wohl das eine oder andere gefunden, vielleicht sogar mit Vergnügen daran und ist wohl noch immer nicht gestorben.

Samstag, 21. September 2013

Das Vergessen

aus
Peter Silies
Grübellade:

das Vergessen:
ein großes Lasso
für Fehler und Schwächen
uns wieder und wieder
einzufangen ohne Aussicht
auf Besserung

Samstag, 14. September 2013

Des Lebens Licht



in unseren Herzen
hoch brennt ein Licht
im Miteinander
geliebter Stunden
wie auf Adlerschwingen
züngelt es
durch unsere Träume
Tag und Nacht
taucht uns die Welt
in herrlichere Farben
als das Dunkel
zur Verfügung hat
brennt und doch
verbrennt da nichts
bleibt es
flackernd zwar
auch mal wild
stets anmutig
die schönste Tänzerin
unseres Lebens Licht



Freitag, 13. September 2013

Christos: „Big Air Package“ im Gasometer Oberhausen



beim Betreten
klar der
der Petersdom
als Raum
voll mit Licht
und nicht so
dunkel und
erdrückend
wie er ist

dieser hier
dagegen
ganz in Weiß
die Kathedrale
als uns
wärmender Schutz
marmorweiß
umhüllen uns
die Wände




zuerst einfach
rund
hoch
einfach
kolossal
ein Gewölbe
wie in Florenz
das Weiß
wie in Assisi
der Stadt
des heiligen Franziskus
voller Licht




aber dann
liegend in der Mitte
auf Kissen
sehen wir das
Weiß wandern
von einem
Weiß zum
anderem Weiß
sehen die
Unterschiede
sehen was gerade
uns schien
wohl geordnet
uns in seine
asymmetrischen
Umlaufbahnen zieht

jede Linie
uns entführt
zu einer neuen Fläche
taucht wieder ein
wo andere sich
aufmachen
uns abermals
zu entführen




Bergmassive entstehen
verspielte
Zeichen eines Kindes
kein Barock
hat hier Platz
das ist Leben pur
in Weißtönen
gerundet
eckig in
den Treffpunkten
der Linien
kaum schafft
unser Auge es
still zu stehen
aus zu ruhen
und doch entspannt
sich unser Geist




verlieren wir
die Alltagshektik
ein Sciencefiction Illusionist
hat uns eingefangen
während von weither
Stimmengemurmel
gedämpft
vom Marmorstoff
uns wie Musik
sanft begleitet
in eine neue
friedliche
Weltlichkeit




(c) Bilder und Text: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013