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Sonntag, 2. Februar 2014

Lilienzeiten, Rosenzeiten



keine Schwertlilien mehr
nur noch Weißlilien
die neuesten Rosen
auch Tulpen
Narzissen und immer wieder
überall
vielblättrig
der gelbe Löwenzahn

warum aber barsten die Steine
in den Wänden der Häuser
brannte mancher Dachstuhl himmelhoch
flohen die Menschen in Scharen
durch Bombennächte und Kugelgewitter
wann und wie lange wurden
die Worte Ofen und Dusche zum Schandmal
eines ganzen Volkes

auf den Friedhöfen
was war kaum noch zu finden
was nicht hätte sein dürfen
die ungeheuer große Zahl
selbstvergessen in Akten
Ruhe und Frieden
Geschichten ja, aber ohne Geschichte
wer auf den „Gottesacker“ hier durfte
hat so manches andere überlebt

keine Schwertlilien mehr, nur in Weiß
eingebunden und als Gesteck
noch immer aber
erblühen an unseren Häusern
die Rosen an spitzen Dornen hoch
wie die Fragezeichen
um unsere Stirn gewunden
so vieler Leben lang

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Dienstag, 10. Dezember 2013

Welche Worte


Es geschah nicht lange nach dem großen Krieg in einer kleinen Stadt der Mittelgebirge. Ein junges Ehepaar, immer noch frisch verliebt und noch frischer verheiratet, wenn auch nur standesamtlich, stand in ihrer kleinen, frisch renovierten Wohnstube vor dem Adventskranz.
Draußen stürmte es mächtig. Immer wieder rüttelten Orkanböen an den hölzernen Fensterklappen und an den Dachpfannen. Dazu schlugen kleine Hagelkörner mit schepperndem Klang gegen alles was aus Blech oder Kupfer am und rund um das Haus war.
Es war zu der Zeit, da die Männer noch dachten, sie wären Haushaltsvorstand, hätten alles zu entscheiden und die wichtigsten Dinge alleine in die Hand zu nehmen.
Uns so stand der junge Mann mit seinem vom Vater geerbten Benzinfeuerzeug vor dem Adventskranz und zündete mit seiner Hilfe langsam und vorsichtig die erste von den vier großen, kugelrunden leuchtend roten Kerzen an. Den kräftigen Kranz aus edlen Tannenzweigen hatten sie gemeinsam ausgesucht. Da waren sie modern. Er wollte einen großen Kranz. Den hatte er bekommen. Sie wollte keinen Schmuck daran, keine Schleifchen und Glitzerbändchen oder gar Lametta wie bei ihren beiden älteren und schon lange mit Kindern gesegneten Schwestern. Und so war es geschehen.
Jetzt beherrschte ein dicker, von den Tannenzweigen kräftig grün leuchtender Kranz, der von der Decke über ihrem Esstisch hing und matt leuchtete vom flackernden Licht der weißen Flamme, den Raum.
Und weil er ja jetzt Ehemann war und ihr Vorstand und überhaupt ein Mann, frisch examinierter Jurist und sie seit Jahren bereits eine fleißig akribische Bankbeamtin mit Weihnachtsgeld und Firmenrente, beide also am Beginn eines danach zu beurteilenden angenehmen Lebens in Sicherheit und Wohlstand, beide sich dessen im Kerzenlicht wohl auch bewusst waren, begann er die, wie er meinte, ihm nun zustehende und wohl auch abverlangte kleine Ermahnungsrede zu halten, aber mehr nachdenklich und besinnlich als ermahnend. In dieser Beziehung zeigte er sich wiederum modern.
„Sieh diese Kerze, Schatz. Sie flackert vor uns her im Dunkeln, bedarf keiner Worte, unserer Worte jedenfalls nicht und doch schwirren uns Bilder und Worte durch Kopf und Herz. Ich zum Beispiel sehe mich wieder als kleinen Bub vor eben diesem Kranze stehen und staunen und fühle mich wieder so angenehm wohl und geborgen, ja sorgenfrei, verstehst? Kein Gedanke mehr an die Mathe-Arbeit und das verflixte Diktat oder an Nachbars Paul und seine Hänseleien auf dem Schulweg. Ich sehe, wie wir im Krieg so wie jetzt dagestanden, einen Moment die Angst vergessen und gesungen haben, die Fenster verdunkelt wegen den Kampffliegern. Und ich sehe dieses Jahr, unser Jahr, wie uns alles so schön gelungen ist und ich sehe uns in ein paar Jahren, in einem wunderschönen Haus mit vielen Kindern vor eben solch einem Kranze andächtig stehen. Ja, diese Adventskerze erleuchtet uns und hilft uns aus der Zeit, schenkt uns Bilder aus Zukunft und Vergangenheit. Hast Du gehört, Schatz. Jetzt habe ich sogar gereimt. Schatz?“
„Ja Liebster?“
„Hörst Du überhaupt zu. Da gebe ich mir so viel Mühe mit meinen Worten und Du!“
„Worte? Was für Worte, Liebling?“
Erschüttert in seiner Männlichkeit sah er sie an, begann aber dessen ungeachtet wie sie schweigend in das Kerzenlicht zu sehen. Nach einer für ihn mehr als langen Zeit des Schweigens und ohne große Gedanken vor sich hin Starrens, dachte er, nicht ohne einen zärtlichen Blick in ihr schein’s träumendes Gesicht zu werfen: „Ja, Worte! Was für Worte?!“
Und so ändert sich bisweilen etwas auf der Welt, einfach so, fast kaum zu merken und doch ist etwas anders geworden. So hat er nie wieder versucht gewichtige und erhabene Worte für seine danach rasch wachsende Familie zu finden. Schaffte es mit der Zeit sogar umgekehrt deren Worte zu erhören. Auch das Anzünden der Kerzen überließ er forthin ihr. Und wenn sie nicht gestorben sind, stehen sie vielleicht tatsächlich in einem schönen Haus, bekommt er noch immer seinen großen Wunschadventskranz und sie den Verzicht auf jegliche Schmückung, stehen sie mit ihren Kindern im Advent stumm und staunend vor ihren flackernden Kerzen und denken gemeinsam an nichts und lassen die Bilder kommen. Ja,
diese Adventskerzen erleuchten sie
helfen ihnen aus der Zeit
schenken ihnen stumm die Bilder
aus Zukunft und Vergangenheit
sind ihnen in des Winters dunkler Nacht

heller Traum, wärmende Gegenwart.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Werkstattbericht Film



alle Filme
sind so
entstanden
ungeschnitten
nichts wiederholt
aufgepeppt
Zeugen
meiner Zeit
der Flüchtigkeit
der Worte
Gedanken
was geschah
von Gelegenheit
zu Gelegenheit
mit Kamera und Ton
zum Sprechen
bereit
wie zum Schauen
der Plätze
dem Lauschen des Windes
der durch
das Mikrophon pfeift
Worte entreißt
vorbei gehuschte Zeichen
aller Vergänglichkeit

(c) all rights reserved by jörn laue-weltring lingen 2013

Montag, 23. September 2013

Bleibend aber was



manch bleibende Stadt ich fand
die eine kaum mit Vergangenheit
die andere wenig Zukunft in sich hat

nur der Zustand ihrer Mauern
was gut gefugt wohl bleibt
was schlecht gemörtelt bricht
hier und da erstes Glas der Fenster splittert
trügerisch manch Dach im Sonnenlicht
geborstene Stufen im Treppenaufgang
bleibt doch allemal mehr hier
als nach dem endgültigen Abgang von mir
hier, wo nichts ruht, Zeit rast
mit harten Reifen hastig um die Ecken
ohne Rücksicht auf den Gegenverkehr

fand ich geblieben wie
bleibend manche Stadt
für mich ein Leben
mit Mauern satt
auf ihren Bahnhöfen meine Freunde
die Züge in ein anderes Land
fand ich stets die Gassen
die meine Spuren nicht verraten
ein paar Wesen
für Abendklatsch und Widerstand
viel Wärme Leib an Leib
trotz der kalten Winde
über dem Asphalt

ja, hier bleiben
aber was, mit wem, wohin
manch bleibende Stadt ich fand
die eine kaum mit Vergangenheit
die andere wenig Zukunft in sich hat

Freitag, 30. August 2013

Das bunte Grauen



es war nicht grau
es war bunt
und fröhlich
was uns
Wunden schlug

es war nicht heftig
eher still und leise
ganz ohne
Geruch
kaum zu sehen

aber es war da
und mehr
stärker, giftiger
als wir
es ahnen wollten
oder konnten:

das Grauen
in unserer
Vergangenheit
für unsere Zeit
still bereit
im neuen Kleid

Donnerstag, 29. August 2013

Kleine Zwischenbilanz




das war’s
noch nicht
ganz
immerhin
aber auch
vor allem
schon gar
wenn nicht
dann doch
na ja
mehr als
viel mehr
wirklich
das war’s
wert

bisher
ja
wie
lange noch
kann das
wird wohl
ist ja
bis hier
von da
also
auf
weiter
mit
Karacho
Dschung
-fidel
-bumm
nee
doch
immer
warum
auch nicht

Dienstag, 2. Juli 2013

Unglück am Felsen



am Felsen
der Eiszeit
zerrinnt
uns der
frische
Wein
bis auf
den Grund

ist nun
vergebens
des Winzers
Weinkunst
hinterlässt
neuzeitlich
rote Flecken
wie Blut



jetzt
lauern
noch
Splitter
unseres
edlen
mund-
geblasenen
Glases
in den
Gräsern

auf uns
und die
die nach uns
hierher
kommen
für traute
Stunden
ihrer Ver-
gangenheit




© Bild und Text: Jörn Laue-Weltring Lingen 2013

Samstag, 20. April 2013

Jemals mehr



Du warst
Wir waren
werden

jemals Wir
mehr sein
als Wir waren

und wenn
warum sollten Wir
dort hin

was war
verraten
Wir die Wir waren

auf dem Weg
auf jeden Fall
bis hier hin

Dienstag, 16. April 2013

16. April 2013 Abend vor dem 60ten



nun, da ich erreiche
das Alter in dem
Vater und Großvater
sich vom Leben
trennen mussten

beginnen bei mir
die Tage im Wert
zu steigen und das
große Schade über
vergangene Tage
einfach so dahin
gelebt, verplempert

bis mir die Bilder
in der Wohnung
verstreut ausgebreitet
verraten: es war
nicht jeden Tag
so, manch Moment
sogar wunderschön
intensiv gelebt
und das nicht nur
einmal oder bisweilen

hebe ich das Glas
so gestärkt frohgemuter
seid mir willkommen
meine vielleicht
letzten Jahre hier
und Du Abschnitt
neuer Erfahrungen
wie das so mit dem
Alter sich gestaltet
was bleibt, was geht
wie sich das Lieben
so gestalten lässt
die Bequemlichkeit
hinüber wächst
der Mut zu leben
einen nicht verlässt

und Du an meiner Seite
Jahrzehnte nun
einfach nur traumhaft
Dich lieben zu dürfen
Deine Liebe so
wunderbar zu
erfahren auch noch
als alter Sack!

Dienstag, 9. April 2013

Scham



nicht schäme ich mich
meiner Scham
angesichts meines Landes
düsterer Vergangenheit
auch lähmt sie
mich nie wie auch
müsste ich mich doch eher
wirklich schämen hätte ich
diese Scham nicht

aber es lähmt mich
der schamlose Leichtsinn
meiner Landsleute
ohne diese Scham
wieder mit ihrem Land
vor aller Welt
prahlen zu wollen

es lähmt mich auch
wie gut gemästet wir dabei
durch das Leben schreiten
ungerührt der Leiber die dafür
woanders ihre Gesundheit
und Leben uns geben

es lähmte mich nie
die Vergangenheit
es entsetzt mich
die Gegenwart dieser
Vergangenheit
wie wir mit ihr und uns
umgehen ohne Scham
in der Vergeblichkeit
unseres gelegentlichen
Bemühens der Welt
ein besseres Dasein
zu schenken