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Sonntag, 2. Februar 2014

Lilienzeiten, Rosenzeiten



keine Schwertlilien mehr
nur noch Weißlilien
die neuesten Rosen
auch Tulpen
Narzissen und immer wieder
überall
vielblättrig
der gelbe Löwenzahn

warum aber barsten die Steine
in den Wänden der Häuser
brannte mancher Dachstuhl himmelhoch
flohen die Menschen in Scharen
durch Bombennächte und Kugelgewitter
wann und wie lange wurden
die Worte Ofen und Dusche zum Schandmal
eines ganzen Volkes

auf den Friedhöfen
was war kaum noch zu finden
was nicht hätte sein dürfen
die ungeheuer große Zahl
selbstvergessen in Akten
Ruhe und Frieden
Geschichten ja, aber ohne Geschichte
wer auf den „Gottesacker“ hier durfte
hat so manches andere überlebt

keine Schwertlilien mehr, nur in Weiß
eingebunden und als Gesteck
noch immer aber
erblühen an unseren Häusern
die Rosen an spitzen Dornen hoch
wie die Fragezeichen
um unsere Stirn gewunden
so vieler Leben lang

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Sonntag, 3. November 2013

Nach dem Herbststurm



die Stadt verhagelt
Straßen voll mit kleinen Seen
glitzernd in der kalten Sonne
darin der Wolken Spiegelbild

betreten wir den Tag
erschöpft vom Toben
des Sturmes in der Nacht
seinen gewaltigen Pranken
an Fenstern und Türen
von seinem krachledernen Orchester
unsere Ohren taub
vom ängstlichen Horchen danach
zählen besorgt wir
die Äste im Garten
fegen das Laub
zu leuchtendem Haufen
als hätte diese Nacht
Edelsteine zu uns gebracht
in allen Farben des Lebens

Ist es uns
als wären wir wieder
nur knapp davongekommen
müde Überlebende
einer fürchterlichen Schlacht
dabei leuchten uns
die letzten Rosen
von der Wand mit ihrer Kraft
lächeln die stolzen Sonnenblumen
gelb strahlende Riesen
auf ihrem Feld
unbeirrt vor sich her
als hätte dieser Herbst
für sie niemals genug Kraft
sie zu brechen

schmilzen die Hagelkörner
zu kleinen Tautropfen
unter unseren Schritten
während uns die Sonne lacht
küssen wir uns aufgeregt
wie nach einer Liebesnacht
beim unserem Aufbruch
in diesen Novembertag
nach dem großen Sturm




(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Dienstag, 25. Juni 2013

Dornenliebe

Für Barbara Naziri






















was wir lieben
lieben wir
ob mit
oder ohne Dornen
lieben wir
weil wir es
dank unserer Liebe
wissen
was zu lieben ist
und warum

ob die Dornen
auch
oder sie nicht
lieben wir
unser Leben
unser Land
gewisse Menschen
uns wohl auch
mal um den Verstand
mit Blut an der Hand

lieben wir mit den Dornen
wie das Risiko
des Verlustes
der Enttäuschung
lieben wir es
wie die Rose
deren Blüte
uns verlässt
und lässt
die Dornen

wissen wir doch
in unserer Liebe
vom Blühen der Rosen
ihren Farben
ihren Gestalten
jedes Mal und
für immer
zum Verlieben schön
sind wir
in unserer Liebe sicher
sie wieder zu sehen

Dienstag, 2. April 2013

Aqua Tinta für vier Hände



Vielleicht ist wirklich noch nicht alles zu spät
Vielleicht habe ich dich doch nie im Regen stehen sehn
Vielleicht war der Mond wirklich nur für uns so schön
Vielleicht singen wir alles doch noch tausendmal
Vielleicht haben wir doch nichts erreicht, was zu Ende war
Vielleicht sind wir gar nicht da und nichts war
Und vielleicht schneiden wir noch morgen rote Rosen ab

Nimm mich mit, zähle mit mir die Gitterstäbe in diesem Winterfreudenpalast
Komm, sei mein Frosch, küsse mich nicht wach, spiele
mit dem goldenen Ball unserer Gefühle bis ins kühlende Gras
Morgen, ja morgen, da werden wir kleine Elfen sein
und uns mit den Mistkäfern über den Regen freuen

Vielleicht ist auch alles gar nicht wahr
und wir stehen immer noch im Regen, ohne Bus
und zählen Tropfen auf den Hüten und frieren uns gen Süden
Vielleicht sterben wir gar nicht so schnell und erben viel Geld
Vielleicht bezahlen wir dann endlich den Spinnen ihre Netze
Vielleicht zählen wir auch nicht die Tage bis zur Rente
Vielleicht können wir doch noch mal nach Hause gehen

Nimm meine Schuhe, kipp aus den Stein
wir wollen geschieden sein
vom Sand unserer Vorfahren
Nimm meinen Hut
gieße Öl darauf
lauf
nach Hause, wo die Steine warten
das Dach unter dem zerfallenden Mond
ohne Schatten die Fenster
ohne Gas das Licht
Flieh, wenn du hörst
wie die Kellerasseln
unsere Bücher verbrennen
Flieh, im Brunnen liegt
der goldene Ball bereit
den Frosch zu verdammen
zum Märchenprinzen

Sie brennt und schreit es raus
Sie weint und löst sich auf
Sie läuft und nicht nach Haus
Sie steht und fällt ins Loch
Sie lacht und bricht entzwei
Sie verkauft und wird zu Brei
Sie reist und trifft dich dabei
Sie stirbt und lässt dich leben
Sie war und ist nun der Tod
in deinem Grab, das Leben scheißt

Wir haben die Gitarren genossen, den Wein
unseren Penis im heißen Sand
haben uns geliebt in Phon und Grad
waren mundgerecht aufgeblasen und verbleit
träumten als Stalins Mundschänke
von der Revolution hier, zwischen den hundert Jahren der Heckenrosen
waren stets bereit in der Schlucht tausend guter Taten
am Volk vorbei, wir Sprach- und Spruchbänderpiraten
Störtebeckers Pappkameraden

Vielleicht aber sind wir doch nicht wahr
Vielleicht kocht uns doch nur kalter, matter Regen gar
Vielleicht lebt sie doch noch für dich und tanzt
mit uns weiter ins Neandertal für den gestreiften Sonnengott
Vielleicht sind wir beide, du und ich, doch weit mehr
als uns Sonne und Himmel jemals erzählen können
Vielleicht reisen wir morgen schon zu zweit fernab
all dieser Geschichten, die wir doch nicht verstehen
Vielleicht ist es wirklich ganz einfach nur so: du lebst, ich lebe
ohne Traum grüßt ein dicker Häuptling unser Funkenmariechen
während ein blauer Planet mit Farben laut um sich schmeißt, vielleicht

vielleicht ist wirklich noch nicht alles zu spät
Vielleicht haben wir doch nichts erreicht, was zu Ende war
Und vielleicht schneiden wir noch morgen rote Rosen ab
Vielleicht bezahlen wir dann endlich den Spinnen ihre Netze