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Freitag, 4. April 2014

Familienbanden Anno Kautabak























ich hatte auch mal ne Tante
die jeden Tag mit mir rannte
und einen Onkel hatte ich mal
der machte aus allem ein Skandal
ein Opa wusch mir stets die Ohren
der andere schickte mich zu den Toren
eine der Cousinen zwickte mich
eine andere kam mir liederlich

ein Cousin wollte mit mir verreisen
ein anderer flog mit mir und den Meisen
ein Bruder schlug mich fürchterlich
ein anderer stets vergaß er mich
ein Vater hat mir alles nachgemessen
ein anderer 10 Jahre ohne mich gesessen
eine Mutter gab mir Brot mit Marmelade
einer anderen war ich für alles zu schade

so zog ich hin und zog daher
fiel vieles mir im Leben schwer
und vieles leicht wie Schaumgebäck
erfüllte alles bei mir seinen Zweck
ein Kuckuckskind im Rabennest
ein Flatterkind fürs bunte Lebensfest
ein Runnig Gag in illustren Runden
hat ein jeder was an mir gefunden

ja, auch hatte ich diese Schwester
bei der war ich ihr Bester
und auch ein junger Kaplan
hatte mit mir manch guten Plan
ein Lehrer schenkte mir seine guten Noten
schlug mir niemals nicht die Pfoten
ich durfte auch mal inne Kirche rein
da sollte ich sogar Vorsänger sein

egal, was solls, ihr hört es schon
mal gibt’s was, mal auch keinen Lohn
es lebt sich leicht mit Fremdgefieder
drum sing ich bass so munter Lieder
über Familienbanden Anno Kautabak
ist auch ab ihr Lack, ja, ab der Lack

(c) zeichnung + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Freitag, 20. September 2013

Im Schlaf dem Abend entgegen


Der Sommer hatte sich gut gefühlt dieses Jahr, wurde aber doch müder und würde wohl bald vom Herbst abgelöst werden. Philipp Baumen lag auf seinem Gartenstuhl, die Füße auf dem Hocker und ließ sich die Wärme der Nachmitagssonne zu seinem Nickerchen aufs Gesicht scheinen.
Nach einer Weile erwachte er, ging ins Haus, zog den Mantel an und fuhr wie gewohnt zur Spätschicht in die Kartoffelfabrik am Stadtrand. Dort stempelte er seine Karte ab und begab sich zum Aufgang zu den Maschinenhallen. An diesem Tag stand aber ein Tisch vor den Treppen und dahinter saß der Personalchef und hielt eine Liste in der Hand. Die Kollegen standen bereits an und gingen dann jeweils links hoch zu der Abteilung Knödel oder rechts zu der Abteilung Kartoffelpuffer und Kartoffelbrei. Als er an der Reihe war, wollte er wie gewohnt sich rechts zur Treppe wenden, wurde aber darauf hin hingewiesen, dass er aufgrund seiner Verdienste und ja, jahrelangem Einsatz für die Firma, zum Knödel aufgestiegen sei und daher die Ehre habe ein Knödel zu sein.
Das verstand unser Mann nicht ganz, nickte aber und ging brav nach links um dort, wie er nun dachte, einen neuen Arbeitsplatz zu besetzen, hörte noch, wie der Personaler hinter ihm her rief: „Oder wollten sie als Pulver enden?“
Philipp Baumen sagte nichts, stieg weiter hoch. Oben wurde er von einem Mann empfangen, den er noch nie hier gesehen hatte. Ganz entfernt kam ihm der vor wie ein Zwillingsbruder seines Mathelehrers auf der Volksschule, keine gute Erinnerung.
Der bat ihn zur Seite, führte ihn durch eine Tür in einen Raum, den er ebenfalls noch nie zuvor hier gesehen hatte und er kannte sich hier eigentlich gut aus, oft genug war er schließlich bei den Knödeln eingesprungen.
„Wenn Sie sich jetzt bitte ausziehen würden.“
„Ausziehen?“
„Ja!“
„Warum?“
„Darum! Oder meinen sie wir mischen Kleidungsreste unter die Knödel? Das würden sie doch auch nicht essen, oder?“
„Kleidungsreste unter die Knödel?!“

Egal, er zog sich aus, irgendwas würden die sich schon dabei denken. Wahrscheinlich schon wieder neue Hygienebestimmungen.
Nackt wurde er dann freundlich aber bestimmend von dem Typen eine Tür weiter geführt. Dort klebte man ihm ein Pflaster so auf den Mund dass er weder schreien noch reden konnte. Entsetzt sah er den Mann an:
„Nur aus Rücksicht gegenüber den Mitarbeitern. Diese Schreie, verstehen Sie, das ist auf Dauer nicht aus zu halten.“
Und schon wurde er hinter bereits dort liegenden anderen nackten Kollegen auf ein breites Fließband gelegt, während das langsam weiter lief. Nach wenigen Sekunden spürte er ein unregelmäßiges gliederzuckenartiges Vibrieren des Bandes, das immer stärker wurde. Als er sich umdrehte sah er etwas großes Dunkles sich niedersenken und die Körper nach unten drücken. Aber es blieb ihm kaum Zeit, da sah er es auch über sich und unter seinem Rücken fühlte er es schaben, spürte wie scharfe Kanten in sein Fleisch stießen, kleine Stücke heraus rissen, bis er sich selbst von oben sah, blutend, zuckend, auf einer langen, automatischen Kartoffelreibe, wie er sie auch zu Hause, allerdings für Kartoffelpuffer verwandte, und dachte: „Der sagte doch, ich sei nun ein Knödel!“. Und es fiel ihm ein, dass er nicht wusste, wie man eigentlich Knödelmasse aus Kartoffeln gewinnt, dachte trotz Blut und merkwürdig wenig spürbaren Schmerzen darüber nach, und da wachte er auf, wie man bei so einem Alptraum plötzlich wach wird, in kleinen Schritten, zögerlich, geistig arg verwirrt, das Herz bis zum Hals klopfend, kalten Schweiß auf stark pochender Stirn.
Noch länger dauerte es, bis er die Augen öffnen und in den mittlerweile mit kleinen weißen Wölkchen gefüllten Himmel schauen konnte.
„Was für ein Scheißtraum“, dachte er. „Bin doch in Rente!“

Dann aber erschrak er, setzte sich hoch und sah sich entgeistert um.
Er war allein, alle Liegestühle auf der Terrasse neben ihm waren leer.
„Wo seid ihr alle?“
Nur die Vögel in der Hecke gaben daraufhin in ihrer Art und Weise kurz laut.
„Vor allem: wo sind meine Eltern?“
Der eben noch vom Traum erschlagen sich und wie gerädert fühlende Sonnengenießer sprang hoch, ging nervös um die Stühle herum, sah durch die große Scheibe in das Wohnzimmer.
„Mein Gott, wann habe ich die beiden zuletzt gesehen?“
Er wusste es nicht mehr. So sehr er sich auch abmühte, es fielen ihm keine Bilder dazu ein. War es gestern gewesen, letzte Woche, letzten Monat oder gar schon letztes Jahr?
Großer Trauer kam über ihn und von innen stach ein gemeiner Schmerz dazu, wie von einem Messer mit geriffelter Klinge.
„Wann, wann, wann … ?!“
Es wurde nicht besser für ihn, als ihm die beiden Buben und das Mädel einfielen, seine, ihre Kinder, denn auch die waren einfach verschwunden ohne ein Abschiedsbild für ihn zu hinterlassen.
„Verfluchte Scheiße!!! Was ist hier los, verdammt!“
Er glaubte es zu schreien, sah sich selber wie er auf der Terrasse schreiend umher rannte, hörte aber nichts, keinen Laut, einfach nichts, nicht mal die Vögel aus der Hecke meldeten sich.
Ganz leise wurde er, ja stumm, kauerte sich, krümmte sich, war nur noch ein hockendes Stückchen Elend, als ihm seine Frau einfiel, aber kein Bild, auch nicht von ihr, wann und wie er sie zuletzt gesehen hatte, kein Ton, kein Wort, keine Geste, nichts.
Völlig erschüttert verließ er den Garten, schlich durch das Haus, dessen knarzende Stille, ging durch die Haustür auf die Straße, sah wie gewohnt die parkenden Neuzulassungen stehen, wie sie hier jedes Jahr frisch angerollt kamen, in den jeweiligen Jahresfarben, sah die späte Sonne sich im Lack amüsieren, ja, als würde sie ihm aufmuntern zublinzeln oder grinste sie?
Der Hausarzt, hier im Nachbarschaftshaus um die Ecke, Dr. Rauch, der Siggi, wie ihn der Vater nannte als alter Schulfreund, der musste es wissen, der musste ihm jetzt und hier helfen. Verdammt, er wollte seine Familie und seine Bilder zurück.
Philipp Baumen klingelte Sturm. Erst als ihm keiner öffnete, sah er auf das Schild:
„Dr. Höllental, Hals, Nasen-Ohrenarzt.“
Was sollte das jetzt? Er drehte sich um zur Straße. Sah von weitem die alte Betram her humpeln.
„Mein Gott, “ dachte er, „ist die nicht schon lange tot?!“
Er rannte los, von ihr weg, irgendwohin, rannte durch die Straßen, sah die Häuser bald an sich vorbeifliegen, die Vorgärten mit ihren letzten Blüten, spätsommergelb,
dann die Dächer, spürte, wie er rennend und mit den Armen gleich wie mit Flügeln schlagend, zu fliegen begann, über ging in das Gleiten wie er es bei den Schwalben gesehen hatte, hörte auf zu strampeln, verlor an Höhe, erst langsam, dann immer schneller, stürzte der Erde, den grauen Platten eines Gehweges immer näher und … natürlich wachte er auf, wieder in Schüben, verwirrt, mit pochendem Herz, Schweiß auf der Stirn, auf der er eine Hand spürte, ihre Hand, die Hand seiner Frau, in deren Gesicht er blickte nach dem vorsichtigen Öffnen der Augen.
„Was ist mit Dir, hast Du schlecht geträumt?“
„Gertrud, wann haben wir uns zuletzt gesehen? Bitte!“
Sie sah ihn an:
„Wovon hast Du geträumt, Philipp?“
„Bitte, Gertrud, wann haben wir uns zuletzt gesehen? Ich habe versucht mich zu erinnern und da war nichts, kein Bild, nichts. Und auch von meinen Eltern und den Kindern, nichts!“
„Philipp, Deine Eltern sind seit 5 Jahren tot und die Kinder leben mit ihren Familien in München, Osnabrück und …“
„Ja, ja, schon gut.“
Er konnte sich wieder erinnern. Ja, die waren fort, länger schon. Aber Gertrud, die war hier und er suchte verzweifelt ein Bild vor diesem hier, bevor er eingeschlafen war. Er fand es nicht.
Sie schüttelte den Kopf und holte sich ihren Liegestuhl, setzte sich hinein.
„Nun  wach mal erst richtig auf! Ich bin müde. „
„Gertrud, das kann doch nicht sein, dass ich kaum noch weiß was wir hier all die Monate treiben seit Beginn meiner Rente. Ich sehe alles Mögliche, aber nicht uns, nicht Dich.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht gibt es da nichts zu sehen, Peter. Wir leben einfach, verbringen die Tage wie man die Tage verbringt. Was willst Du denn da groß sehen?“
„Dich und mich Gertrud, wie wir leben, ob wir lachen oder weinen, Getrud, ob Du glücklich lächelst oder böse guckst, irgendwas, Gertrud, irgendwas muss ich doch sehen können.“
„Das kommt schon. Bist noch duhn vom Schlafen. Muss’n schlimmer Traum gewesen sein. Vielleicht war das Essen doch zu schwer.“
„Getrud, vielleicht müssen wir mehr miteinander reden. Verstehst Du, darüber, was wir treiben.“
„Warum denn? Ich wüsste auch gar nicht worüber.“
„Weil wir sonst ohne Erinnerung sind und dann auch kein Heute haben, keine Zukunft, nichts, weil alles weg ist, jeden Tag einfach weg wie nie dagewesen.“
„Ja, ja! Krieg‘ Dich man wieder ein. Erinnern? Ja, das kann ich Dich, wolltest Du nicht längst den Wasserhahn im Badezimmer reparieren?!“
„Aber Gertrud, das meine ich doch nicht. Erinnerung, Gertrud, an uns, unser Leben, das da was war, was auch Morgen zu Leben sich für uns lohnt!“
Aber es ging ihm wie den meisten Philosophen im Land, er wurde nicht erhört oder auch nur ansatzweise verstanden, eigentlich schlicht und ergreifend ignoriert.
Und da saß er nun mit zwei Alpträumen, wusste nichts rechtes mehr damit an zu fangen, besah den Himmel, das im Schlaf lächelnde Gesicht von Gertrud neben sich, beschloss, dieses Bild als erstes in die Sammlung auf zu nehmen, es morgen wieder hervor zu holen und an zu sehen wie früher als Schulbub seine Briefmarken. Ja, so würde es gehen. Wieder ruhiger schloss er die Augen und schlief, diesmal traumlos, neben ihr dem gemeinsamen Abend entgegen.

Mittwoch, 20. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 2 (Neubearbeitung und Integration von „Komm auf die Schaukel Luise“)








„Was musste sie sich, sie die stolze Hilde, ewiger Jungschwarm der Straße, „Mädel, warum hast Du keinen von uns genommen?!“, sportliches Idol der 7. Klasse, Tag für Tag hier ansehen? Diese milchigen Hände mit den dicken, blauen Adern, die wie Krallen das Brot packten, als könne hier jemand auf die nun wirklich unsinnige Idee kommen, ihm das Essen zu mopsen.  Ausgehungert hatten sie ja auch nichts von ihm, nur noch weniger zu erwarten. Nicht mal richtig am Tisch sitzen kann er, immer fielen ihm die Schultern fast in die Teetasse und dann diese schlappe, fahrige Geste, alle fünf Minuten, als wenn ihn ein Wecker auf die Sekunde genau antriebe, seine linke Hand langsam an die Stirn, die dünnen Haarsträhnen aus der Stirn streichend, über seinen kleinen Ansatz von Glatze nach hinten und dann Hand zurück vorsichtig auf den Tisch, als hätte er Angst vor der Berührung mit dem Holz, so war er, so ist er, so wird er wohl immer bleiben, dieser warum auch immer ihr Karl.

So war der ganze Kerl, wie diese sinnlose Geste, so sein Leben, nach dem noch nicht mal der Führer und seine Leute gerufen hatten, nicht die Wehrmacht, nicht der Volkssturm, auch nicht jetzt wo es wohl doch schief lief, mit dem ganzen großen Reich nicht mehr viel war. Und was machte er mitten in diesem Krieg, der Entscheidungsschlacht überhaupt wo alle anderen an den Fronten ihr Leben in die Waagschale werfen?  Rechnungen schreiben, mit zwei anderen Backpfeifen, unter dem Regiment eines invaliden Rentners, das mit seinen einunddreißig Jahren und Malocherkreuz. Im besten Mannesalter, in der größten Bedrohung in der der Führer und sein Volk jeden Mann brauchten.

„Was ist das für ein Schicksal, dass der Mann ein Mann ist und ich eine Frau?“ fragte sich Hilde wie schon so oft, wenn sie dieses zornige Grübeln überfiel. „ Ich hätte und würde sofort für den Führer alles geben. Und der da, der schafft es ja nicht einmal einem Kind das Leben in mir zu wecken. „ Dies war jedes Mal der Moment in ihrem abendlichen Gedankenspiel, an dem das Bild kam, dieses entsetzlich peinliche Bild, wie er sich tapsig, mit vorsichtigen, schlappen Händen an ihrem Leib zu schaffen machte, hier drückte, da entlang strich, als sei sie eine Mimose, ein Pflanzenblatt, wie sein Schweiß bald darauf auf sie tropfte, sein Gesicht sich so merkwürdig verzerrte, sein Atem röchelnd wurde, seine Hast, wie er kam und in ihr abließ, was sie noch gar nicht haben wollte, nicht so schnell, kaum , dass er in ihr ihr war, nachdem ssie resignierend die Beine geöffnet hatte. Und das ihr, die von starken Händen träumte, kräftigen Schenkeln und Stößen, von Kerlen, die sich trauen, wenn doch einmal nur einer irgendwo nachts, sie ganz heimlich ….! Warum nur hatte sie dieses Kind von Mann geheiratet, war ihrer Mutter und ihren Ratschlägen gefolgt, da wäre doch manch einer, den sie vorher, …. Nur nicht dran denken!  Ihr Karl hatte doch noch nicht mal gemerkt, dass sie ihre Jungfräulichkeit längst los war, sie verfluchte noch immer den leichtsinnigen Abend, auch von ihrer Mutter arrangiert, wo der Kerl sie in das Bett ihrer Mutter gezerrt hatte und sich ausgetobt, als wäre sie seine Mangelrolle. Der hatte sie hin und her geworfen, war Gewalt pur gewesen und lange brauchte es bis er endlich kam. Und dafür ließ er es auch noch auf ihren Bauch tropfen, der so von Folgen bewahrt blieb. Danach hatte sie immerhin den Freibrief gehabt es mit mehreren zu probieren, Häutchen war eh hin. Nur wollte keiner der Kerle bleiben, egal wie gut es ihnen geschmeckt hatte und ihr. Wollten alle was Solides. Und darum ging es ja auch ihrer Mutter. „Du musst Dich beeilen, sonst bleibst Du als alte Jungfer hängen. „  Das wollte sie natürlich auch nicht,. Hatte ja gehofft, auf ihre Art einen Kerl fester zu packen. Doch es kam halt so, diese Kundgebung, dieser Hinweis, den die Mutter verteufelt von wem erhalten hatte, und dieser Karl hatte doch glatt zugegriffen, war zu allem bereit. Na ja, das würde ihr heute nicht mehr geschehen. Aber was nützte ihr das. Führer kurz vor dem Scheitern, ein Kerl am Hals ohne Mumm. Was sollte, was konnte da noch kommen für sie. Warum hatte sie dieses große, tapsige Kind geheiratet und keinen richtigen Mann?!
Die Arschkriecher, die erst später eingetreten waren, was hatten die für Karieren gemacht?! Und Karl und sie?!  Natürlich hatten die nicht eine Sekunde Karl auf der Liste geführt, war er doch schon 1932, bei seinem Eintritt, den sie immer noch nicht richtig verstand, was hatte den ausgerechnet dazu geführt, war von Anfang an nur ein Mitläufer, einer mit Mühe und Not seinen Federhalter im Büro über die Akten führte.
Seinetwegen mussten sie in diesem viel zu kleinen, engen Haus wohnen bleiben, als wenn sie dem nachgetrauert hätte nur wegen dem alten Sack, dem Vater und ihrer Mutter, die sich noch nie sehr dafür stark gemacht hatte. Ein starker Typ ja, immer sofort zur Stelle und Kommandos ohne Ende, weiß der Teufel, wie der ihre Mutter im Bett behandelt hatte, vor allem nach seinen Heimkünften mit bärenmäßigen Räuschen.  Zu ihr, ja, der war meistens nett gewesen, mit Süßigkeiten und über das Haar streichen, immer mit Lob und gerne auf seinem Schoß gesessen hatte sie, irgendwie blöd von der Mutter dabei angesehen. Die hatte es sie spüren lassen, wenn er weg war! Und wie! Mache doch aus dir kein Turteltäubchen. Das Prinzeschen konnte sie sich abschmieren, dafür sorgte die Alte.
Aber später, als es darauf ankam, sie keine Ausbildung bekommen und nur diese Arbeiten an den Fließbändern bekommen hatte, ja, da war die da! Und als keiner der Kerle sie nehmen wollte als Braut mit Haus und Einkommen, da sprang sie ein. Verhalf ihr zur Karl, immerhin. Einkommen war gesichert, das Haus wurde weiter abgezahlt, sie konnte zu Hause bleiben, auf Hausfrau machen, sich die Zeit einteilen. Aber nie hatte es gereicht zu den großen Auftritten, Auszeichnungen, nicht dazu, ohne ihre Mutter zu leben. Wenigstens in einem größeren Haus mit ihr in der Dachwohnung wie andere es geschafft hatten.
Schon ihr Vater hatte diese kleine Bienenwabe, wie er es nannte, nur als „vorübergehendes Heim“ angesehen, nur war sein grandioses Geschäft zu früh pleite gegangen, aber was sollte er auch gegen diese wahnsinnige Inflation ausrichten, irgendwann hatte er mehr Papiere in Geldform als Waren. Wahrscheinlich hatte das ihn mehr hingerafft als der Suff, was die Leute auf der dann doch noch wirklich großen Beerdigung hinter ihrem Rücken getuschelt hatten.
„Oh Vater, gut, dass Du ihn nicht mehr kennen gelernt hast, sehen musstest, wie wir hier versauern!“
Der war ein Mann, und für Deutschland an der Front! Hatte dabei so einiges für seine Familie zu Hause bei der Versorgung schieben und schicken können.  Wer das Glück hat und es nicht anpackt, hat selber schuld! So war sein Spruch dazu gewesen. „Und gekämpft hast Du trotzdem, die Front nicht gemieden, wie meiner.“ Und so die Mutter gewonnen, war mit ihr glücklich verheiratet worden, und Vater, nicht wie sie, deren Kinder wohl im Himmel warteten, aber einfach nicht bei ihr eintreffen wollten. Ja, die beiden, da hatte jeder Respekt vor, auch nach der Pleite!
Sie hatte ihn nicht mehr sehen dürfen,  mit seinem Loch im Kopf im leeren Geschäft, an dem großen Schreibtisch mit den vielen Papieren, die zum Schluss immer weniger geworden waren, aber nicht, weil er besser aufgeräumt hätte. Das war ihrer Ansicht sowieso Sache der Frauen, also ihrer Mutter Sache.
Mutter hatte ihr selbstverständlich verboten zu weinen. „Wer sind wir denn!  Habe immer Respekt vor Deinem Vater, der hat auch nicht geheult! „  Aber sie war weder gehorsam noch in der Lage dazu gewesen, auf ihre Tränen Einfluss zu nehmen,. Er fehlte ihr so sehr.
„ Dein Vater tat immer seine Pflicht, hat immer mehr an uns als an sich selbst gedacht!  Er war tapfer, Dein Vater, bis zum Schluss!  Er tat immer seine Pflicht, hat uns gut ernährt und beschützt in schwierigsten Zeiten!
Er war immer tapfer, mein Mann, dein Vater! Wir können stolz auf ihn sein, für immer! Wenn er auch nur ein kleiner Krauter war, hatte er doch den gleichen Mut wie sie am Anfang jedenfalls Führer und seine Leute besaßen! Vergiss das nie!“  
Hilde hatte ihr das gerne geglaubt, wenn sie auch das Gefühl nicht verdrängen konnte, dass sie mehr um ihren Vater trauerte als ihre Mutter.
Und dann hatte sie auf Anraten und Initiative ihrer Mutter den schmächtigen Hungerlappen, kurzatmigen und dünngesichtigen Karl geheiratet. Warum nur?
Diese Frage trieb sie um und Schuldgefühle gegenüber ihrem Vater, der sich so viel von ihr versprochen hatte. Und so kam es, dass sie sich vor dem Bild ihres Vaters auf der kleinen Anrichte im Wohnzimmer schämte, dass ihr jeden Abend bei jedem Umdrehen in Richtung Tür neben dem Bild des Führers , nur etwas kleiner, in die Augen sah.

Ihre Mutter war mehr mit dem Essen beschäftigt, was überhaupt zu ihrem Hauptlebensinhalt geworden zu sein schien, außer ihrer Lust ihren Schwiegersohn zu malträtieren.  Sie kaute stets schnell und erfolgreich, war immer als erste fertig. Sobald sie alles verspeist hatte, was sie zu sich nehmen wollte, räumte sie ohne sich um ihre Tochter und den Schwiegersohn zu kümmern, sofort alle Brotteller und Auflage nebst Butter und Streichmesser weg.

Karls Messer war an der Spitze abgebrochen.  Ohne große sichtbare Regung gab er es hin und nahm die restliche Hälfte seiner Brotscheibe in die Hand, biss dabei bedächtig ab, Essen war für ihn nun mal eine wichtige Beschäftigung an diesem Tisch und bei ihrem Zusammenhocken, dem er nun mal nicht entkommen konnte.“

Wir haben uns ausgesprochen. Ab heute beginnt etwas Neues, von dem wir nicht wissen, worauf es hinausläuft. Sie war traurig und entsetzt. So etwas mit mir war unerwartet, passte überhaupt nicht in das Bild. Vorsichtig habe ich ihr meinen Plan erklärt. Solange kein Psychologe für mich Zeit hätte, keiner unter drei Monaten Wartezeit, würde ich weiter meiner Geschichte nach spüren, anhand der der vorhandenen Bilder und mit Textversuchen darüber.  Sie willigte unsicher sein.

Dienstag, 19. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 1 (Neubearbeitung und Integration von „Komm auf die Schaukel Luise“)



 
Ab und zu raffte ich mich auf, Roswitha, ehemaliges Kindermädchen für Onkel und Tante, nun rechtmäßige Witwe und Erbin meines Großvaters, in ihrem Elternhaus am Rande der Stadt zu besuchen. Vor allem nach dem verwässerten und nicht sehr erhellenden Trip nach Wilhelmshaven, der Suche nach Bildern und Gedanken von Diddi und Agatha, bekam ich das Bedürfnis, besser ein schlechtes Gewissen, auch mal die andere Seite betrachten zu müssen:



Die Kums, die zwar auch irgendwann aus Polen rüber kamen, lange vor Diddi  seiner Sippe, in Polen wohl aber nur zwei drei Generationen gesiedelt, gearbeitet, was weiß ich, hatten und nun quer über das heute angrenzende nordische Bundesland verteilt ihre Stammbäume unabhängig voneinander erweiterten. Der Nachname war ein Rätsel und ließ sich zwar finden, nicht aber schlüssig herleiten.  Alle zusammen hatten es laut Internet auf zurzeit knapp 100 lebende Kum gebracht, mit nur knapp dreißig, die ihr Telefon angemeldet hatten, dafür auf ein viertelhundert Städte und Landkreise verteilt.

Irritierend wie so vieles in dieser Seite meiner Herkunftsgeschichte, die Namen, die ich dort fand im Netz: Sung Bin, Cemile, Mustafa, Du-Nam, Zülfikar, Bülent oder Yadigar. Nur drei Namen erinnerten an meine Kum-Seite: Daniel, Patrizia und Stefanie. Wir aber hießen alle anders und waren nicht zu finden.

Auch die Übersetzungs- und Herleitungshinweise lassen mich eher ratlos zurück: „Abkürzung für Indian Ehrentitel Kumari für unverheiratete Frauen“ oder „chinesisches asiatisches Instrument“. Vielleicht kamen sie aber einfach und schlicht nur vom Berg Kum in Slowenien, aus der Stadt oder dem Dorf Qom im Iran und Aserbeidschan ist mit Ghom auch noch im Angebot. Als Kim wird es mir zu Chinesisch, da glaube ich eher an die beiden Orts- oder den Bergnamen.

Es ist eine stille, mit sanften Farben vor sich hin ruhende Straße, die mich empfängt und an deren Ende, links vor der Schleife für die Autobesitzer, die hier nicht wenden müssen sondern Halbkreis fahrend wieder aus der Straße raus finden, so hoffe ich, auch sie mich empfängt, vielleicht mit einem Kaffee und einem Stück selbstgebackenen Kuchen.

Aber ich habe Pech. Auf mein Klingeln öffnet niemand und vom Seitenweg aus kann ich über die Büsche schielend auch niemanden entdecken. Schade. Vielleicht sollte ich doch mal vorher anrufen. Zu gerne hätte ich mit ihr an dem Tisch gesessen, wo auch er zumeist geduldig saß und ihr beim Arbeiten in der Küche zu sah. Vielleicht hätte ich ihn innerlich spüren, riechen, noch mehr sehen können. Vielleicht.  So gehe ich fort von hier, nur diese Geschichte, die sie mir in Fragmenten einmal erzählt hatte, eben an jenem Tisch, im Kopf:

„Wie oft schon hatten sie so zusammengesessen, an diesem kleinen Tisch mit der durch die Tassen und Gläser arg in Mitleidenschaft gezogenen Farbe, nun bereit an einigen Stellen auf zu platzen und ab zu blättern, weil die Tischdecken geschont werden mussten, nur für besondere Anlässe da waren, in diesem trüben Licht einer einzigen nackten Glühbirne, die leicht zu schwingen begann in ihrer Fassung, wenn sie sich durch den Raum bewegten, bei Luftalarm sofort von einem Handtuch bedeckt?

Karl Feldmann fiel keine Zahl dazu ein, nur das Bild seiner Hochzeit mit Hilde in diesem Stadtteil, in dem er seither wohnte, fern seines Stadtteils, der alten Freunde und Nachbarn, der Eltern, die den Krieg nicht mehr erreicht hatten, verstorben in den Hundejahren der zwanziger, Tuberkulose, wie so mancher seiner Schulkameraden.

1932, das wäre eine Zahl gewesen.  Oder sein damaliges Alter: 18 Jahre.  Oder die Parteizugehörigkeit, seine Parteizugehörigkeit, nicht ihre: 1 Jahr vor ihrem erstem Zusammentreffen. 

Sie waren tatsächlich, wenn auch zufällig am gleichen Tag eingetreten, in verschiedenen Ortsgruppen.  Er in seiner am Bahndamm der Werkszüge für die Lagerhäuser und Werften, die Mühlen und Kaffeefabriken, in der vor allem die Krauter, die Bürohengste mit ihren Miezen und ein paar Arbeitslose die ersten Mitglieder stellten,  sie hier, wo die Häuser klein und schmächtig in erster Linie Arbeiter und kleinen Angestellteneinkommen gesicherten, warmen Unterschlupf, und vor allem für sie ohne größere Einschränkungen finanzierbar, bot, die Partei hier nur mühsam, so richtig eigentlich erst nach dem Sieg des Führers über die Weimarer Republik, nennenswert Mitglieder gewann. Auf dieser gemeinsamen Veranstaltung im Norden der Stadt, im Herzen der Stadtteile der Roten, mit dem späteren hiesigen Gauleiter, war es irgendwie mit ihnen geschehen, vielleicht begünstigt durch die Stimmung, dieser Euphorie über den Sieg, das Gefühl der Kraft und mit sicherer Zukunft in der Tasche, da es jetzt doch endlich aufwärts gehen sollte, keine haarsträubende Inflation mehr, deren Billionen-Scheine noch immer auf dem Dachboden in dem Pappkarton schmorten,  auch keine Straßenschlachten mehr, keine Streiks, keine Fluchten durch die hier so beliebten, notwendigen, lebensrettenden Schrebergärten und über die Dächer von Feuerleiter zu Feuerleiter. Ja, er Karl, Karl Feldmann hatte von alledem genug, die Schnauze voll, von diesen Roten, deren Arbeiterparadies, das ja doch nicht kommen würde, nur Krieg und Verfolgung auslösen konnte, er, Karl, wollte Sicherheit, jetzt und für immer, und seine Ruhe.

Sie jedenfalls war ihm um den Hals gefallen, einfach so, obwohl er sie gar nicht kannte, bis dahin auch nicht beachtet hatte, obwohl ihr Röschenkleid mit dem weit sich bauschenden Falten ab dem Po, ihre dunklen Haare, die in dichten Locken ihr Gesicht umrahmten, diese strahlenden, blauen Augen in diesem Moment, da sie sich förmlich in sein Leben hineinwarf, in seine nur zögernd sie aufnehmenden Arme, ihm sofort gefielen, in etwa seinem Bild einer möglichen, netten Braut entsprach und so fing er auf, was kam, hielt schüchtern fest, was da bei ihm blieb und laut rief „Wir, wir die wir von Anfang dazu gehört haben, hört ihr? Wir haben gesiegt! Wir sind Deutschlands Zukunft! Jetzt hält uns nicht mehr auf!“ Und Karl, der zwar ähnlich dachte, fühlte, sich aber nie getraut hätte in diesem Saal mit den hunderten von Leuten, so etwas laut von sich zu geben, drückte sie zur Bestätigung, sagte nichts, genoss, was an Leib er spüren konnte, riechen, drücken, den Grund des Widerstandes an bestimmten Stellen erahnen, wartete ab, wie lange sie so bei ihm bleiben würde, während vorne auf der Bühne der Redner das Mikrophon zerschrie und den Staub von den Bodenbrettern hochstampfte, dass er wie Nebel um seine braune Hosenbeine schwebte.“

Ab jetzt trage ich auch so einen kleinen, klappbaren Computer mit mir rum. Hat mir heute beim Arzt schon sehr geholfen, die Zeit zu überbrücken. Leider nicht beim Verdauen seiner Diagnose und, so habe ich es empfunden, seines Befehls: „Ich schreibe sie jetzt endgültig krank und stellen Sie sich auf ein paar Wochen, vielleicht sogar Monate ein. Vor allem meiden Sie Ihre Arbeit und alles, ich sage alles, Herr Kum, was damit zu tun hat!“
Ich sah ihn, fragte ob es das sei was …, er nickte und ich wusste, dass es eigentlich nicht neu für mich wahr, nicht wirklich, nur nicht akzeptiert, nicht für mich, schon gar nicht wo es zur Zeit überall Thema war. Und jetzt schleiche raus und frage mich, wie ich es anstellen soll, was er da von mir verlangte. „Wenn Ihnen ihr Leben noch lieb ist!“ Gut Reden hatte er, sah auch nicht besser aus hinter seinem Schreibtisch, viel zu dick für sein Alter, zu müde im Gesicht, zu blass die Haut und davor sah es auch nicht besser aus, nur nach viel Arbeit, wenig Ruhe, purer Stress!
Bringt mich auch nicht weiter. Vor drei Jahren hatte ich bereits gespürt, dass ich in meinem Leben etwas ändern, anders vorgehen muss mit mir und meiner Zeit. Durch einen Zufall kam ich auf die Idee als selbständiger „fliegender Wurstverkäufer“ die Innenstadt zu beglücken. Nach dem die Wogen der Entrüstung vorbei waren, akzeptierten alle in meiner Umgebung den Schritt, vor allem, als sie sahen, dass ich damit viel Erfolg und bereits nach kurzer Zeit 10 Angestellte hatte, die abwechselnd wie ich mit einem Grill vor dem Bauch Bratwurstspezialitäten aus dem Süden des Landes anboten.  Natürlich begann damit neuer Stress, durch Krankheitsausfälle, Unzuverlässigkeit mancher Mitarbeiter, Behördenkrieg, Ärger mit Imbissbetreibern, deren Umsatz ich offensichtlich zu sehr schmälerte, und und und!
Und jetzt alles zu Ende, Schluss, aus? Aber wie?
Gleich um die Ecke setze ich mich in eines meiner Lieblingscafés, von der Betreiberin liebevoll mit Mosaiken, witzigen Stühlen und Tischen selbst ausgestattet,  hervorragenden Kleinigkeiten zum Schnabulieren. Genau das richtige für mich jetzt und um mich erst mal ab zu lenken, lese ich, was ich bisher über ihn, Roswithas Besucher, formuliert hatte:

„Ja, so hatte es angefangen. Der erste von vielen späteren Abenden, an dem er nicht mit seinen Nachbarn und Kumpels weiter gezogen war, auch Bier hatte er sich nicht getraut in ihrer Gegenwart zu trinken und die Shag-Pfeife ließ er auch lieber in der Jackentasche, wegen dem Atem.  Sie hat ihm nie erklärt, wie es zu diesem Überfall, zu dieser Umarmung gekommen war, warum sie ihn ausgesucht hatte und keinen anderen. Genug Auswahl war schließlich dagewesen.  Sei es wie sei, gewesen ist gewesen, so oder so, Karl dachte nicht gerne darüber nach, sinnlos erschien es ihm schon lange mit den Gedanken in der Vergangenheit zu wühlen, auch  diesen schönsten, ja sicher mit Abstand schönsten Moment ihrer Beziehung suchte er nicht gerne auf, irgendwie schien es ihm als lauere auch dort etwas Dunkles dahinter, was er besser nicht antraf oder erfahren wollte. Heute ist heute, dachte Karl, „ändern kannste nix, musse so hinnehmen“.  Was konnte das Grübeln schon bewegen, sind andere schon dran verrückt geworden. Er kannte da welche.

Dicht an seinem Ohr plärrte der Volksempfänger auf dem Brett in der Ecke über dem Tischchen mit der Leselampe, warum er immer so dicht daran sitzen musste, wo Hildes Mutter doch schwerhörig war und er es nicht werden wollte, jedenfalls saß er so dicht dran und bekam wider ein leichtes Ziehen in den Ohren mit diesem Druck von ganz innen, bekam keine Erlaubnis das „Ding“, wie er es nur noch nannte, einfach aus zu stellen, andererseits war es das einzig noch intakte in dieser Küche, seitdem sie ihre Bomben über die Straßen hier warfen, angekündigt wurden in dem „Ding“ anstelle von Etappensiegen, Aufmärschen, Jubelfeiern, und diese Marika Röck und Zarah Leander mochte er aus dem „Ding“, diesem „Kasten“ auch nicht mehr hören. Er mochte keine starken Frauen mehr. Schon länger.. 

Vorsichtig hob er die Tasse aus dem Geschirr der Schwiegermutter an den Mund. Wie alle anderen aus dem Service, Alltagsservice, hatte auch diese ihren Henkel geben müssen bei irgendeiner hektischen Flucht raus zum Bunker. Der Teller vor ihm mit dem Brot hatte einen Sprung, würde sich vielleicht schon nach dem nächsten Abwasch zerteilen und in den Müll wandern. Hilde stellte ihm von Anfang an das kaputte Geschirr hin, als wollte sie ihm damit sagen: „Sieh her, was aus unserem schönen Geschirr geworden ist! Und, was tust Du dagegen?“

Wie jeden Abend vermied er es, seinen Blick hoch und gerade aus zu richten, ihren Anblick, ihr massiges, in schlaffen Falten vom Bluthochdruck geplagten Gesicht zu blicken, das Gesicht ihrer Mutter, die seine hatte werden wollen, sofort nach dem ersten Anstandsbesuch, wo er doch quasi Waise wäre, obwohl ihm das komisch vor kam so als arbeitender, erwachsener Mann Waise sein zu sollen, nur weil er keine Eltern mehr am Leben hatte, aber andere lebten doch auch ohne ihre Eltern. Waise. Er nahm es hin, wie er danach noch vieles hinnehmen sollte, war ihm doch das bisschen Familie, was er hier bekam, doch auch ein wenig was Gutes, was Beruhigendes, ein Ort, der leicht an zu laufen war und blieb, nicht verschwand wie die Eltern, manch guter Freund und Nachbar.

Hinter ihr war sowieso der Blick verstellt durch die Pappen für die Verdunkelung und so konnte er auch nicht an ihr vorbei zu dem Baum sehen, der ihm die Jahreszeiten vorlas und stets so ruhig ablenkte von dem was um ihn herum an Worten ausgestoßen wurde.  Wann hatte er den Baum, wann die vom Stadtdunst stets scheinbar leicht zitternden und blinkenden Sterne das letztemal ohne Angst betrachten können, froh und optimistisch, mit Lust auf die Nacht und den Tag?

Hilde saß wie von Anfang an, vielleicht schon seit ihren Kindheitstagen, am von ihm aus gesehen, rechten Tischende, saß, nein thronte, präsidierte, saß vor, gab vor, nahm nie etwas zurück, sah ihn an, sah zur Mutter, machte auf Gespräch, was ihm sinnlos vor kam, was sollten sie sich zu sagen haben nach den vielen Tagen der Angst, der ständigen Aufbrecherei in den Bunker, die Rückkehr, das nächste Warten, Hoffen, Bangen, was sollte man sich da noch wirklich zu sagen haben, worüber sprechen, wenn selbst die Namen der letzten Toten wie ein ewig gleicher Rosenkranz zwischen ihnen hin und her ging, bedeutungslos wurde, Alltag, mit nichts auf zu frischen, nicht einmal mit Tränen, Wut oder Abschiedsschmerz. Sie hatten sich abgefunden. Ja das war es und im Abfinden, da war Karl ja Meister, Großmeister.

Zwischen der Tür und ihm saß seine Hilde wie ein unüberwindlicher Fels. Nie hätte er es gewagt einfach an ihr vorbei auf zu stehen und die Tür an zu streben. Die Tür gehörte ihrer Mutter, wie die Küche, das Geschirr, das Handtuch für die Glühbirne, nur Brot und Wurst kamen von ihm, durch ihn, aber das verschwand jeden Tag hier an diesem Tisch, von den Frauen mit gespreizten Fingern zum Mund geführt und weggebissen, weggekaut,  runtergeschluckt, am nächsten Morgen, wenn es die Angriffe ermöglichten, auf seinem Klo, seiner Klobrille, sein Klodeckel im Rücken, von ihm so liebevoll selbst aus Holz angefertigt, gestrichen, dort nun das durch ihn verschaffte Essen ausgeschissen, bisweilen mehr hörbar, als er es vertragen konnte.

Hilde brauchte ihn nicht an zu sehen, schon seit Ewigkeiten nicht mehr, sie hatte ihn im Kopf, seinen, ihrer Meinung nach und auf der hielt sie was, war ja nicht von Dummsdorf, wenn sie auch mit ihm nicht den fang gemacht hatte auf der Versammlung, wie anfangs erhofft, also seinen immer nur teilnahmslosen, gelangweilten Blick, diese undurchschaubare Miene, obwohl sie sicher war, dass bei ihm nicht viel zu holen wäre mit dem Durchschauen, auch wenn ihre Mutter immer wieder warnte: „Pass auf! Stille Wasser sind tief. Man weiß ja nie, schon gar nicht bei den Kerlen!“
Hilde sah zur Mutter, dachte: „Was ist das nur für ein Waschlappen, kaum siegen wir mal eine Weile nicht, dreht der sein Gehirn aus und markiert toten Mann, den das alles jetzt nichts mehr angeht.“

Wenn sie das doch nur geahnt hätte, wie wenig in diesem stets bleichen, etwas kurzgeratenen Kerl steckte, gut solide war er ja, ließ sich auch viel gefallen, vor allem von ihrer Mutter, da war er ja ein guter Blitzableiter, vor der Ehe war sie dauernd bei ihr dran gewesen, die Kopfnüsse mochte sie gar nicht zählen, die sie von ihr bekommen hatte. Mutter war es ja auch gewesen die, aber das durfte der Kerl nie erfahren, nie! Trotzdem, ein bisschen mehr Ehrgeiz, die Größe, nun gut, aber der Führer war auch nicht groß gewachsen und trotzdem hatte der Deutschland, ja was, im Moment sah es wirklich nicht gut aus, aber der war … , natürlich Blödsinn ihren Kerl mit dem zu vergleichen, durfte sie nicht mal laut sagen, kam bestimmt nicht gut an, trotzdem, der Karl hätte mehr werden können und blieb einfach stur son kleiner Malochermann mit Lohntüte am Freitag, die, ja die er immer vollständig ablieferte. Was anderes hätte sie, vor allem Mutter ihm auch nicht raten mögen. Sollte der nur mal wagen. Ach was, tat der noch nie. Zu feige, erbärmlich, Bettelhund, Winselknabe. Sie hätte ihn am liebsten beschimpft und gerüttelt und die Bomber draußen wären weg gewesen wie ihre Angst am Nachthimmel verschwunden. Irgendwie, vom Gefühl her jedenfalls!“

Andere Zeiten, andere Sorgen. Ich werde mich mal bei einem der streitlustigen Imbissbetreiber melden. Vielleicht haben die ja Lust, meine Truppe samt Konzept zu übernehmen.  Und zu Hause Bescheid geben. Begeistert wird sie nicht sein, bin ich ja auch nicht. Andererseits hatte sie mich ja schon öfter angesprochen, was diese Spurensuche solle und diese Notizen und ich hatte es ihr nicht schlüssig erklären können, nicht mal mir selber. Es zog mich einfach zu all dem hin, jetzt, wo so viele mir keine Antworten mehr geben können, die Originalschauplätze längst gewichen, versenkt, umgestaltet, allen Versuchen trotzen, ihnen etwas von meiner Geschichte ab zu gewinnen.  War es das, die Sehnsucht nach einer wirklichen Auszeit, nach echten Ankern, Ankerplätzen? Hatte ich etwas verloren in all den Jahren, etwa was ich war, sein könnte, wollte, vielleicht ja auch nur alte Sehnsüchte, Träume, verschüttete Gefühle, Bilder, Verletzungen, Streicheleinheiten?  Wohin geht man, wenn man nicht wirklich geht? Was fragt man, wenn zu viele Antworten um einen her schwirren? Vielleicht halte ich mich seit geraumer Zeit auch nur einfach an etwas fest, wo andere Seile, Haken, Ösen oder Balken mich irgendwie nicht mehr tragen, nicht so richtig jedenfalls. Ich spüre einen komischen Riss in mir, schon länger, ein Tau reißt langsam, kommt mir jedenfalls so vor, und noch scheint ein Faden in der Mitte davon zu halten. Wie lange noch? Und wie flicken? Ich werde mir auf jeden Fall mal alle Bilder und Alben, inklusive der Nachlässe vor nehmen.

Sie wird fluchen, kennt sie das ja bereits bei mir, führt dazu, dass unser Wohnzimmer überquillt davon und man sich kaum noch irgendwo hinsetzen kann, ohne auf Bilder zu treten. Egal, dort fange ich an! Irgendwie kommt es mir so vor, als könnte das ein Schlüssel für mehr Ordnung in mir sein, keine abschließende Antwort, vielleicht jedoch durch das Säubern der Wege ein besseres Blick auf die Ziele und Gabelungen, auf das was links rechts stand, was es eben so gab.