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Samstag, 23. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 4



Karl riss sich zusammen, sprang die Stiege hoch, wobei er eine Stufe leicht mit seinem linken Knie touchierte. Irgendwie war es ihm, dass er, noch genüsslich vor sich hin Traumstrände malend, einen dumpfen Knall gehört hätte, ein Aufschlag irgendwie, den er den Geräuschen des Hauses nicht recht zu ordnen konnte und er hatte auch das Gefühl, dass es nicht aus den beiden Nachbarhäusern gekommen war und so bekam er zunehmend von Stufe zu Stufe mehr ein ungutes Gefühl.

Mit dem Fliegeralarm konnte das nicht zusammen hängen, der war später gekommen, auf das wieder einsetzende Karl-Gerufe seiner Frau mochte er schon gar nicht hinhören, da drohte irgendwo anders Ungemach. Was den Alarm anging wusste er doch auch ohne ihr Gekreische, was er zu tun hatte, wusste, dass er wieder die Kassette mit den wichtigen Papieren aus dem Schlafzimmer holen musste, Hilde ihr Strickzeug packen, die Schwiegermutter was zum Essen und das große Fotoalbum  unter den Arm, ganz vorne im Album: ein Bild des Führers, „So sind wir nie ohne ihn,“ hatte sie einer Nachbarin einmal im Bunker erzählt, war damit aber nicht auf großes Interesse gestoßen, seither jedenfalls setzte die sich immer weit weg von ihnen. Die Schlafzimmertür, die er hastig anstrebte lag genau gegenüber der Wohnzimmertür.

Und genau dort, zwischen beiden Türen, lag etwas Dunkles, etwas Großes, was hier noch nie lag und ganz sicher zur unpassendsten Zeit dorthin geraten war. Karl konnte den Schwung seiner Bewegungen nicht mehr rechtzeitig abstoppen und trat von der Stiege aus direkt in diese Masse hinein. Erst spürte er etwas Weiches, traf dann auf einen etwas festeren Widerstand. Erschrocken zog er den unglückseligen Fuß zurück, rechts von ihm hatte Hilde die Tür etwas bewegen können nach vielem vergeblichen Anstürmen und Drücken, konnte sogar mit ihren Kopf hindurch sehen und erschien ihm so als dunkles Gesicht vor dem matt gelbem Schein der Glühbirne im Wohnzimmer: „Was soll das Karl, spinnst Du jetzt komplett? Räum das weg da, sofort!“

Karl stand verwirrt auf der letzten Stufe der stiege, auf die er sich zurückgezogen hatte, starrte jetzt leicht verwirrt von dem schwarzen Kopf zu der Masse vor seinen Füßen. In der ersten Sekunde des Zusammentreffens seines Fußes mit dieser großen Weichheit in dem engen dunklen Flur war es ihm klar geworden, das Geräusch eines Falls und dieser Körper hier gehörten zusammen, es war die Schwiegermutter, in die er hineingetreten war.

Ekel beschlich ihn, merkwürdige Gedanken tauchten in ihm auf. Wie lange dauerte es wohl noch bis Hilde diese kolossalen Gebirgsausmaße erreicht haben würde? Lange bestimmt nicht mehr.  Und: Schade, dass nie ein Kind ihren Bauch zuvor gewölbt hat, bestimmt hätte es riesig ausgesehen, wie eine wahre Wiedergeburt der Freya, groß, rund, stattlich, ja, göttlich wie diese runde Erde, gewalttätig wie deren Vulkane und genau so überraschend und plötzlich in ihren Ausbrüchen. Ja, gewiss, mehrmals war von ihr auch geschlagen worden, vor allem nachts, wenn er zu sehr an hier rumtapste und es nicht geklappt hatte. Hatte ihn dann zuerst geschlagen und dann geheult.

„Karl!!!!“ Ihre Stimme kippte jetzt wirklich fast in den Schlund zurück und eine gewaltige Angst kam dabei hervor. „Du Drömelarsch!  Was machst Du denn da? Räum das endlich weg!“
„Es ist Mutter“, antwortete er ihr, plötzlich ganz ruhig, als hätte er ausgerechnet jetzt seinen Frieden mit allem wieder gefunden.  Es geschah ihm von einer Sekunde zur anderen. Er erkannte seine eigene Stimme kaum, klang fast wie eine der angenehm männlichen Stimmen in den UFA-Filmen, die ihn hier nur als Klangkörper missbrauchte.
Ein Film der UFA, genau, Karl Feldmann als gescheiterter und wehmütiger Ehemann: “Hier ist die Leiche die sie suchen, Herr Kommissar!“
Es wurde dunkel im Flur, weil Hilde es inzwischen geschaffte hatte sich mit ihrem ganzen Körper in den Türspalt zu quetschen. Karl bückte sich, versuchte die Schwiegermutter dort zu berühren, wo er meinte, eine Schulter erkannt zu haben.  Die Stimme über ihm war kaum noch als die von seiner Hilde erkennbar, sie flatterte, krächzte schwach: „Mutter! Mama, was ist mit Dir? Mama, das darfst Du nicht, Mama, nicht jetzt, Bitte, lass mich nicht mit dem hier allein, hörst Du die Flieger, Mama! Komm hoch! Mein Gott, Karl so tu doch endlich was!“ Der Rest schon fast wieder in der ihm bekannten wenig melodiösen Färbung.

Aber er hörte es nur noch wie aus weiter Ferne, obwohl sie hier fast berührten, alle drei, fühlte sich weiter wie in einem Film, der ihn von hier fort zog, alles gehörte zum Drehbuch, war nicht wirklich schlimm, :“Nehmen Sie mich jetzt fest, Herr Kommissar?“ Aber wo blieb die Stimme von Hans  Albers, das Leuchten von dessen Augen im Dunkeln, das Knistern seiner Pfeife beim Inhalieren, , „Mal sehen, mien Dschung, so hastich mokt die das nich, die Pappenheimer hier, nee, bleev man ruhig, so schnell geht dat nich mit dem Verhaften!“

Stattdessen war da irgendwo ein Wimmern, ein paar Worte „Hör mit dem Drücken auf. Sag lieber Deinem Idioten, er soll mich hochziehen und nicht zu Tode trampeln!“
Karl drehte sich um. „Kann ich also gehen, Herr Kommissar?“
„Klar mien Dschung, Geh nur!  Wie find di wohl, wenn wi dik brouken! Aber: Lot di Tied!“
„Danke, Herr Kommissar! Sie müssen aber wissen, ich habe sie gehasst, meine Schwiegermutter!“
„Kloar, dat is keen Krom! Wer hasst nich sein Swiegermouder?! Nah, siehst!“
Das Leuchten der Augen von Hans Albers, da war es, sein süffisantes, gönnerhaftes Grinsen. Nur der übliche Schulterklopfer blieb aus. Dann verschwand der Hans und er sah plötzlich vor sich an der Wand das Verdienstkreutz, dass der tote Schwiegervater aus dem ersten Weltkrieg mit gebracht hatte. Karl drehte sich schnell weg, stieg langsam die Stiege runter, hielt sich dabei am Geländer fest, sah und hörte nicht zurück.
Karl spürte nur noch die pure Erleichterung.  

Hilde dagegen oben wurde immer verzweifelter.  Sie spürte, jetzt gegen eine Macht an kämpfen zu müssen, wie sie sie noch nie in ihrem Leben getroffen hatte. Sogar die weiter heulenden Sirenen machten ihr weniger Angst. Auch nicht der vor ihr verschwindende Karl. Irgendetwas anders schnürte ihr die Kehle zu, während sie verzweifelt versuchte sich von der Tür zu befreien, um ihrer Mutter endlich auf zu helfen.  Hatte sie Angst vor dem Sterben, war es das, hier fest zu sitzen, nur noch auf den Einschlag einer Bombe warten zu können, das Krachen, den Feuersturm, die Druckwelle, die Steine, die sie treffen würden beim Zusammensturz des Hauses.

Oder war es tatsächlich die Angst einer erwachsenen Tochter die Mutter verlieren, ab jetzt ohne sie leben  zu müssen,  nun allein mit diesem ja ganz offensichtlich schwachsinnig gewordenen Mann?  War es der endgültige Abschied von Kindheit, Jugend und Eltern, was ihr die Brust einquetschte und fast den Atem raubte?

Sie riss sich zusammen, solche Gedanken waren jetzt tödlich, sie mussten weg hier, schleunigst. „Hilf mir Mama, versuche Dich auf die andere Seite zu rollen, damit ich aus dem Zimmer kommen kann!“

Es klappte, sie hörte wie ihre Mutter sich ächzend umdrehte und es mehr Platz für die Tür gab. Aber von draußen hörten sie entsetzt die ersten Einschläge, das dafür typische Krachen und Bersten von Häusern und Dächern.  Kurz darauf zuckte und schüttelte sich ihr Haus. Von irgendwoher kam Brandgeruch. Vielleicht hatten sie unten ein Fenster abgekippt gelassen. Hatte Karl natürlich wieder übersehen.
„Feuer, Phosphor“, dachte Hilde. „Sie haben schon wieder Phosphorbomben geworfen.“ Damit war der Ausweg aus dem Haus zum Bunker abgeschnitten. Keine Chance. Sie hatte ihre beste Klassenkameradin durch Phosphor verbrennen sehen. Niemand hatte der noch helfen können und ihre Schreie klangen lange in ihr nach. Nein, auf weitere Phosphorabenteuer konnte sie gut verzichten.

Hilde schob sich ganz in den Flur, hing nun zwischen Stiege und Mutter, ließ sich nach unten gleiten und versuchte unter den Körper ihrer Mutter zu gelangen.
„Wir müssen in den Keller“, flüsterte sie, als könne das die Jäger abhalten, gerade jetzt auf sie die nächste Bombe ab zu werfen. Ihre Mutter wimmerte, sagte nichts, Hilde drückte von unten, versuchte die alte Frau an der Wand hoch zu drücken. Sollte sie die tragen müssen, gab es keine Möglichkeit mit ihr in den Keller zu kommen. Das wurde ihr langsam klar.

„Was ist denn passiert, Mama? Hat er Dich …?“ Sie ließ die Frage in der immer stärker nach Rauch stinkenden Luft hängen.  Sie wusste nicht, warum sie das jetzt fragte, wo sie nun wirklich andere Sorgen hatte. Sie traute es ihm ja auch gar nicht richtig zu, auch wenn er irgendwie plötzlich ganz sein Oberstübchen verloren zu haben schien.

„Ich weiß es nicht, Hilde! Ich weiß es nicht! Ich kam aus der Küche und wollte schon mal das Album holen, plötzlich wurde alles dunkel. Ich glaube, es geht mit mir zu Ende!“

„Unsinn, Mama! Das war bestimmt nur ein Schwächeanfall. Frau Jacobs gegenüber hat den vorige Woche auch gehabt. Das geht vorbei. Glaub mir!“

„Frau Jaacoobs!!!“ Vorwurfsvoll zirpte die Stimme von unten und wollte wohl sagen: „Mit der also vergleichst Du mich schon, der blöden Riesenkuh!“ So nannte sie die Jacobs immer.

Mit Karl, bereits etliche Meter weit weg vom Haus, ging es weiter wie im Film zu. Aber, nach dem Verlassen der Haustür und bei den ersten Schritten außerhalb hatte er dann doch noch ganz kurz fast normal gedacht: „Ich habe sie im Stich gelassen. Ich habe sie einfach da liegen lassen!“

Und doch wurde ihm sofort wieder warm bei dem Denken, neugierig hatte er zum Himmel hoch gesehen, wo viele hell blinkende Sterne schnell über ihn hinweg sausten, einige andere sich seinem Himmel über der Straße näherten.

Links und rechts von ihm schienen Häuser getroffen zu werden. Er hörte es Krachen, Knallen, Zischen und plötzlich warf ihn eine Druckwelle zu Boden. Er lächelte noch im Fallen still vor sich hin, rappelte sich etwas benommen wieder hoch und klopfte mechanisch seine Hosenbeine sauber. Das wollte Hilde immer. Sie mochte keinen Dreck an Hosen.

Normal brauchten sie 10 Minuten zu Fuß bis zum Bunker.  Dass er in diesen Minuten leicht getroffen, von Phosphor versengt, dadurch sterben könnte, auf diesen Gedanken kam er nicht. Stand nicht im Drehbuch seines Films. Ansonsten hätte Hans Albers ihn doch bestimmt gewarnt und nicht ermutigt los zu marschieren.  

Karl Feldmann fühlte sich einfach frei, drehte hier seine Rolle ab in dem Film, freute sich bereits auf dessen Ende und das Kino, dort würde er Hilde und ihrer Mutter den Streifen zeigen und sie könnten sehen, wie er mit dem Hans zusammen gespielt hatte.

Die Geräusche um sich herum hielt er für gelungene, irgendwie zugehörige Knalleffekte, damit der Film Dramatik gewinnt. Machten die ja immer so.

Dann tauchte ein altbekanntes Gesicht vor ihm auf, freundlich und Verständnis im Blick, unter dem auf der weiß bekittelten Brust ein Teleskop baumelte: „Tut mir leid, Feldmann! Mit dem Dienst am Vaterland wird es für sie nichts werden! Nicht an der Front und nicht hier beim Volkssturm!  Sie verstehen mich?!“

Auch Hilde tauchte jetzt auf, schob sich zwischen ihn und dem Arzt. Er hörte ihn weiter sprechen: „ Hat es mit Haltung genommen, Ihr Mann! Nicht mit der kleinsten Wimper gezuckt. Wäre bestimmt ein guter und tapferer Soldat gewesen! Schade drum!“ Karl sah Hildes skeptischen Blick sich ihm zu wenden. Da schloss er lieber schnell die Augen. Das wollte er jetzt nicht hier sehen, gehörte ganz bestimmt nicht in das Drehbuch.

 Weil er auch mit den Füßen nicht auf den Weg achtete, kam was mit geschlossenen Augen beim Gehen nun Mal häufig geschieht, Karl stolperte völlig ohne jede fremde Einwirkung, schlug mit seinem blanken Kopf, die Mütze hing noch im Flur, auf der Bordsteinkante auf. Dabei hatte er noch Glück, denn er landete mit dem Rest seines Körpers auf einem anderen, den er im Fallen mit sich gerissen hatte, und dieser schüttelte an seiner Schulter und irgendwoher kam eine Stimme bei ihm an.

"Sind Sie nicht Herr Feldmann?"

Er nickte, glaubte es jedenfalls, versuchte sich wieder aufzurichten, öffnete vorsichtig die Augen, noch etwas beseelt von der Angst, Hilde könnte ihn wieder kritisch anblicken, sah stattdessen  am Himmel die mörderischen  "Tannenbäume" zurückkehren, wollte sagen: "Wir müssen weg hier.  Sie kommen zurück." bekam aber nur ein heiseres Krächzen heraus.

Das junge Mädchen, dass ihn wieder erkannt und er mit sich ins Fallen gebracht hatte, fasste ihn unter, zog ihn hoch und hastig und kräftig die letzten Meter bis zum Bunker vorwärts.  Auf allen Vieren kroch er dort die Treppe mit ihr hinunter.“

So, jetzt war die Geschichte dort, wo sie mit meiner zusammenstieß, an jenem Abend war es geschehen, so hatte ich es von Roswita, soweit wollte ich ihr folgen und dann lieber erst mit der Stiefoma, hieß das wirklich so, über das Ganze reden.

Gespannt und neugierig stand ich am nächsten Morgen auf. Ich freute mich auf den Besuch, die nun auch ältere Frau wieder zu sehen, mich ein wenig wie üblich verwöhnen zu lassen.

Freitag, 22. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 3








Aber sie nahm mich in den Arm, vorsichtig, als sei ich plötzlich mit dem Alter und der Erkrankung zerbrechlich geworden wie eine der Goldrandtassen ihrer Mutter bei uns im Wohnzimmerschrank.
Habe Roswita angerufen, wollte ihr nichts von meinem vergeblichen Besuch bei ihr sagen, da ich mir ihre Reaktion vorstellen konnte. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Nachbarn der stillen Straße gemacht, die hatten es ihr längst gesteckt, dass der „Hippie“ da war und um ihr Haus geschlichen sei, und natürlich entschuldigte sie sich traurig, dass sie nicht da gewesen wäre und wie sehr sie sich über meinen Besuch nach so langer Zeit gefreut hätte. Ich verabredete mit ihr eine Uhrzeit für Morgen und sagte, dass auch ich mich freuen würde, sie endlich mal wieder zu sehen, aber die viele Arbeit, sie wisse schon. Von meiner Krankschreibung sagte ich ihr lieber nichts. Ich mochte nicht darüber reden.
Im Haus habe ich es inzwischen mir gemütlich eingerichtet. Aus dem Wohnzimmer ist ein Bildermeer geworden, die Fotografien liegen in mehreren Bächen verstreut, jeder  eine Linie, eine Spur eines Familienzweiges in chronologischer Reihenfolge. Auf dem Esstisch steht der kleine Laptop für mich bereit und da sehe ich jetzt mal weiter nach Karl:

„ Für Karl gab es nicht viel Unterschiede, vor allem zwischen seiner Situation auf der Arbeit und im Haus seiner Schwiegermutter. Sie stellten dort U-Boote her, was ihm bisher einen Einberufungsbefehl erspart hatte und was ihm im Gegensatz zu Hilde mehr als recht war. Glaubte er doch schon länger nicht mehr an den vielbeschworenen Endsieg und diese Partei, in der er im Nachhinein betrachtet wie ein Idiot gelandet war, ohne wirkliche Ahnung über deren Programm und Ziele. Was hatte sie ihm gebracht: Hilde, na gut! Und was noch?  Jetzt guckten die ihn an, abgesehen von dem Neid, dass er hier statt an der Front war, als wäre er Schuld an den ganzen Bombardements und dem Niedergang des Reiches des Gröfaz, wie sie den Führer immer mehr unter nach wie vor vorgehaltener Hand nannten. Wenn er hier im Haus sein Brot abbiss, war es wie in der Arbeit eine Nebenbeschäftigung für ihn, irgendwie notwendig zwar, aber ohne großes Interesse seinerseits. Er bekam stets genug zu Essen. Warum also sich über so etwas wie das Brot oder die dauernden Eintöpfe der Schwiegermutter Gedanken machen. 
Auch auf der Arbeit aßen sie nebenbei, immer mehr jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es war, als klebe ihnen die Zeit zwischen den Zähnen und verstopfe den Rachen. Es war alles erzählt gesagt, kommentiert und jetzt blieb ihnen wohl nur das Warten, hoffen, bangen. Und jeden Tag rechneten sie damit, dass eine der Bomben auch ihr Gebäude treffen und es dann zu Ende wäre mit diesem Arbeitsplatz und wer Pechhatte, auch mit dem Leben.
Eigentlich mochte Karl sein Brot nicht. Noch nie, schon als kleiner Junge würgte es ihm vom Sauerteig und er musste kämpfen, dass die Pampe runter geschluckt in seinen Magen kam. Nur bei ganz frischem Brot geschah das nicht, das glitt sanft und ohne Gegenwehr in ihn hinein. Noch weniger mochte er fette Auflage, dicke Speck- oder Schinkenscheiben, irgendwelche Aufschnitte genannten Wurstsorten.
Karl sehnte sich. Er sehnte sich nach etwas ganz anderem. Vor seinen Augen sah er zu jeder Zeit, wenn er es wollte und die Umgebung es zu ließ, Segelschiffe, solche, wie sie vor dem Krieg hergestellt wurden, sah sich an Deck in der Sonne liegen, in der Südsee beim alten Siegesmund Rüstig, eines seiner Lieblingsbuchhelden, über sich die heiß strahlende Sonne, im mit Händen mühsam verschatteten Blick in der Ferne die Palmen auf kleinen Inseln, sah Strände in Buchten sich verwandeln, hörte tief in sich das leise Knattern der Segel und das heisere Schreien der Möwen.
Mit diesen Bildern erhob er sich, drückte sich entschuldigend an Hilde vorbei, streckte seine Gestalt bei den zwei Schritten bis  zur Tür, drückte die Klinke runter, hatte die klare Absicht, auf dem Klo ein wenig für sich zu sein, sah dabei nicht auf seine Hand, tat es nie,  betrachtete überhaupt nicht gerne seinen Körper.

Wenn sein Blick zufällig oder notwendigerweise darauf fiel, so wie auf dem Klo beim Herunterziehen der Hose auf die nackten Knie und Schenkel,  bekam er Angst vor der eigenen Blässe, der offensichtlichen fast fadenscheinig dünnen Haut, der geringen Ausbreitung seines Fleisches trotz seiner tapferen Selbstüberwindungen beim Brot. An Muskeln mochte er bei seinem Anblick ohnehin nie denken. Muskeln hatten die anderen. Was hatte er? Irgendwas, irgendwie anderes.

Muskeln gehörten sogar zu Hilde, zur Schwiegermutter, Fleisch ebenso, kräftiges Fleisch eben,  das mit dem leuchtenden Rot drängenden Blutes.
Ja, seine Hilde, das war Leben, Natur, Kraft dieser Welt, sie unerschütterlich am Steuer selbst mitten in der Zerstörung unendlichen Bahnfahrt.
Er, Karl, saß dagegen nur in einer zuckeligen, quietschenden Straßenbahn und fror vom Fahrtwind, der ihm durch die Ritzen in die Hosenbeine stach, konnte dabei das Pulsieren draußen, das Atmen, das Pumpen und Stemmen, das Vorwärtsgerenne nur ein wenig durch die beschlagene Scheibe betrachten.

Einmal, ein einziges Mal hatte er mitgespielt und gewonnen! Nein, nicht dieser Parteieintritt damals, da war für ihn nie etwas zu Gewinnen gewesen, am Anfang klangen die Ziele ja annehmbar, aber die Methoden waren zu laut, zu grell, zu tödlich und zu gemein, da musste es ja im Abgrund enden.  Er empfand das heute und hier als gerecht, auch ihm selbst nebst Hilde und Schwiegermutter gegenüber.  
So war doch das Leben, für die Höhen muss in der Tiefe bezahlt werden, wie bei diesem Faust schon von dem Goethe, dessen Balladen ihn in der Schule gequält hatten, weil er sich so viele Worte auf einmal weder merken konnte noch wollte. Und wie die Götter seiner Jugend, diesen Zeus, Apollo, Herkules, Achilles, Agamemnon und wie sie alle hießen, die trotz starkem Auftritt ab in den Hades mussten, selbst Wotan, Freya oder Thor .

Eines Tages verfinstert sich der Himmel über alles Große, Laute, Gewaltige und die Abgründe tun sich auf, die Abscheulichkeiten unserer Taten und Gedanken, lange unter uns lauernd, reißen ihren mächtig gewordenen Schlund auf, verschlingen Größe, Herrlichkeit, Pracht, Schönheit, einfach alles davon und nur das Niedrige, das Schwache bleibst bestehen, krebst fortan vor sich hin in Mühsal und Pein, bis wieder das Große zu neuem Leben erwacht.  Er hatte seine Art den Spengler zu verstehen, dessen „Untergang des Abendlandes“ und mit solchen Gedanken ließ es sich gut und leicht die steile Stiege hinuntergehen in das „Schafott“, so wie sie es nannten, das Plumpsklo, vom alten derb gezimmert als „Übergang“ und hatte doch dessen freiwilligen Abgang überlebt.

Karl mochte diesen Ort, fragte sich oft, ob der Alte hier vor ihm auch hierhin geflohen war vor den „Weibern“, so soll er sie genannt haben, seine „Weiber“, und deshalb hier eine Tapete angebracht hatte und einen guten Abzug für die Gerüche.

Oben saß derweil Hilde, nahm ihr Strickzeug, dass immer parat lag auf der hohen Rückenlehne des Sofas, während ihre Mutter den Abendabwasch hinter sich brachte, aus Vorsicht, die anderen beiden könnten noch mehr von ihrem Porzellan zerstören, nicht aus Hilfsbereitschaft also.  Sie strickte für die Winterhilfe und freute sich auf den nächsten Rundgang, bei dem sie wieder ein paar Märker für die tapferen Männer an der Front sammeln und sich etwas nützlich machen konnte für den Führer.

Warum ließ sie keiner in den großen Fabriken mit schuften, wo sie nun Gewehrkugeln oder Granaten herstellten? Warum nur musste sie mit ihrer unbändigen Kraft und Zuneigung für das reich zu sehen, wie die ewigen Feinde ihres Volkes, ihrer Ahnen und Urahnen, den großen Traum zerstören, zerbomben, während Feigheit, Schwäche, Faulheit und Betrug ihr Volk überfiel und mit in den Untergang zog?

Neben ihr brausten passend Geigen dazu auf und Getrommel, das, was sie von der Symphonie dieses großen deutschen Beethoven mitbekam. „Die Neunte“, hatte der Sprecher gesagt, als wenn sie das nicht wüsste, kannte sie doch, natürlich, vor allem diese erhebende Stelle darin: „Freude schöner Götterfunken …!“

Dabei stellte sie sich stets den Nürnberger Parteitag vor auf dem Reichsfeld, die tausenden von Fahnen, flatternd und schlagend im Wind wie große schwarze Adler mit ihren Schnäbeln in den Himmel stoßend, vorne, am großen Rednerpult dazu der Führer, windzerzaust, heroisch, blitzende Augen, die Fäuste geballt: „Wir Deutschen, ….!“ Und: “Sieg Heil!“ dann diese auf ihn zu rollende Brandung aus abertausenden von Kehlen:“Sieg Heil!“, das und Beethoven passten so herrlich schön zusammen, oder hier mit Kindern, die sie zwar nicht hatte, aber ein paar von denen aus der Nachbarschaft taten es auch, am Gartenzaun in der schönen Frühlingssonne stehen, deutsche Mädels und Buben, deutsche Frau, alle in farbenprächtigen Klamotten und der Führer fährt vorbei, steht in seiner Limousine, winkt ihnen, nein ihr besonders zu, lächelt sie an mit seinen dunklen Augen, lässt anhalten, nimmt eines der Mädchen hoch auf den Arm, küsst es auf die Wange, und jetzt kamen ihr wirklich die Tränen, ihre Brust bebte so stark, dass sie Angst vor den Schlägen ihres Herzens bekam, und so hätte sie beinahe die Durchsage überhörte: „Achtung – Achtung. Der gemeldete feindliche Verband nähert sich aus Richtung Süden kommend der Neustadt. Für das gesamte Stadtgebiet, vor allem für die Häfen, wird Alarm gegeben! Achtung – Achtung, ein feindlicher Verband hat das Stadtgebiet erreicht …!“

Jetzt hörte sie auch die Sirenen. Ohne weiter auf den Volksempfänger zu achten, stürzte Hilde mitsamt ihrem Strickzeug für die Winterhilfe zur  Flurtür. Von unten hörte sie die Klotüre quietschen, könnte der Dämmel auch mal schmieren, hörte Karl rufen: „Was ist passiert? Wie weit sind sie schon?“, aber bevor sie antworten konnte, zerrissen schon wieder die Sirenen, jetzt alle und völlig hysterisch die Geigenmusik aus dem Wohnzimmer, zerrten an den letzten heilen Gläsern im Schrank, zersichelten ihre Nerven, da sie Karl nicht hören konnte und ihr selbst Gebrülltes darin unterging.
Noch mehr aber, dass sie die Klinke zwar normal runter, die Tür aber nicht auf drücken konnte. Irgendetwas blockierte die Tür, und als sie stärker drückte, hatte sie den Eindruck, dass da etwas vor liegen musste.  Himmel, aber was und wieso jetzt? „Karl!!!!“ Ihre Stimme schlug durch das Haus gegen sein Ohr, dass er erschrocken mit dem Kopf zurückstieß und auf der Treppe wie festgenagelt stehen blieb. Erst das dritte „Karl!!!!“ brachte ihm die Bewegungsfreiheit zurück.
Hilde verzweifelte wie selten in ihrem Leben, wollte der Depp sie hier etwa einsperren und wo war ihre Mutter, was hatte der mit ihr gemacht, wollte dieser Giftpantoffel sie wirklich den Bomben der Tommys ausliefern? Das hätte sie ihm nie, …, nein eigentlich auch jetzt nicht. Sie wurde ruhiger, überlegte, womit und wie sie die Tür aufstemmen könnte. Es wurde Zeit.