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Freitag, 22. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 3








Aber sie nahm mich in den Arm, vorsichtig, als sei ich plötzlich mit dem Alter und der Erkrankung zerbrechlich geworden wie eine der Goldrandtassen ihrer Mutter bei uns im Wohnzimmerschrank.
Habe Roswita angerufen, wollte ihr nichts von meinem vergeblichen Besuch bei ihr sagen, da ich mir ihre Reaktion vorstellen konnte. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Nachbarn der stillen Straße gemacht, die hatten es ihr längst gesteckt, dass der „Hippie“ da war und um ihr Haus geschlichen sei, und natürlich entschuldigte sie sich traurig, dass sie nicht da gewesen wäre und wie sehr sie sich über meinen Besuch nach so langer Zeit gefreut hätte. Ich verabredete mit ihr eine Uhrzeit für Morgen und sagte, dass auch ich mich freuen würde, sie endlich mal wieder zu sehen, aber die viele Arbeit, sie wisse schon. Von meiner Krankschreibung sagte ich ihr lieber nichts. Ich mochte nicht darüber reden.
Im Haus habe ich es inzwischen mir gemütlich eingerichtet. Aus dem Wohnzimmer ist ein Bildermeer geworden, die Fotografien liegen in mehreren Bächen verstreut, jeder  eine Linie, eine Spur eines Familienzweiges in chronologischer Reihenfolge. Auf dem Esstisch steht der kleine Laptop für mich bereit und da sehe ich jetzt mal weiter nach Karl:

„ Für Karl gab es nicht viel Unterschiede, vor allem zwischen seiner Situation auf der Arbeit und im Haus seiner Schwiegermutter. Sie stellten dort U-Boote her, was ihm bisher einen Einberufungsbefehl erspart hatte und was ihm im Gegensatz zu Hilde mehr als recht war. Glaubte er doch schon länger nicht mehr an den vielbeschworenen Endsieg und diese Partei, in der er im Nachhinein betrachtet wie ein Idiot gelandet war, ohne wirkliche Ahnung über deren Programm und Ziele. Was hatte sie ihm gebracht: Hilde, na gut! Und was noch?  Jetzt guckten die ihn an, abgesehen von dem Neid, dass er hier statt an der Front war, als wäre er Schuld an den ganzen Bombardements und dem Niedergang des Reiches des Gröfaz, wie sie den Führer immer mehr unter nach wie vor vorgehaltener Hand nannten. Wenn er hier im Haus sein Brot abbiss, war es wie in der Arbeit eine Nebenbeschäftigung für ihn, irgendwie notwendig zwar, aber ohne großes Interesse seinerseits. Er bekam stets genug zu Essen. Warum also sich über so etwas wie das Brot oder die dauernden Eintöpfe der Schwiegermutter Gedanken machen. 
Auch auf der Arbeit aßen sie nebenbei, immer mehr jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es war, als klebe ihnen die Zeit zwischen den Zähnen und verstopfe den Rachen. Es war alles erzählt gesagt, kommentiert und jetzt blieb ihnen wohl nur das Warten, hoffen, bangen. Und jeden Tag rechneten sie damit, dass eine der Bomben auch ihr Gebäude treffen und es dann zu Ende wäre mit diesem Arbeitsplatz und wer Pechhatte, auch mit dem Leben.
Eigentlich mochte Karl sein Brot nicht. Noch nie, schon als kleiner Junge würgte es ihm vom Sauerteig und er musste kämpfen, dass die Pampe runter geschluckt in seinen Magen kam. Nur bei ganz frischem Brot geschah das nicht, das glitt sanft und ohne Gegenwehr in ihn hinein. Noch weniger mochte er fette Auflage, dicke Speck- oder Schinkenscheiben, irgendwelche Aufschnitte genannten Wurstsorten.
Karl sehnte sich. Er sehnte sich nach etwas ganz anderem. Vor seinen Augen sah er zu jeder Zeit, wenn er es wollte und die Umgebung es zu ließ, Segelschiffe, solche, wie sie vor dem Krieg hergestellt wurden, sah sich an Deck in der Sonne liegen, in der Südsee beim alten Siegesmund Rüstig, eines seiner Lieblingsbuchhelden, über sich die heiß strahlende Sonne, im mit Händen mühsam verschatteten Blick in der Ferne die Palmen auf kleinen Inseln, sah Strände in Buchten sich verwandeln, hörte tief in sich das leise Knattern der Segel und das heisere Schreien der Möwen.
Mit diesen Bildern erhob er sich, drückte sich entschuldigend an Hilde vorbei, streckte seine Gestalt bei den zwei Schritten bis  zur Tür, drückte die Klinke runter, hatte die klare Absicht, auf dem Klo ein wenig für sich zu sein, sah dabei nicht auf seine Hand, tat es nie,  betrachtete überhaupt nicht gerne seinen Körper.

Wenn sein Blick zufällig oder notwendigerweise darauf fiel, so wie auf dem Klo beim Herunterziehen der Hose auf die nackten Knie und Schenkel,  bekam er Angst vor der eigenen Blässe, der offensichtlichen fast fadenscheinig dünnen Haut, der geringen Ausbreitung seines Fleisches trotz seiner tapferen Selbstüberwindungen beim Brot. An Muskeln mochte er bei seinem Anblick ohnehin nie denken. Muskeln hatten die anderen. Was hatte er? Irgendwas, irgendwie anderes.

Muskeln gehörten sogar zu Hilde, zur Schwiegermutter, Fleisch ebenso, kräftiges Fleisch eben,  das mit dem leuchtenden Rot drängenden Blutes.
Ja, seine Hilde, das war Leben, Natur, Kraft dieser Welt, sie unerschütterlich am Steuer selbst mitten in der Zerstörung unendlichen Bahnfahrt.
Er, Karl, saß dagegen nur in einer zuckeligen, quietschenden Straßenbahn und fror vom Fahrtwind, der ihm durch die Ritzen in die Hosenbeine stach, konnte dabei das Pulsieren draußen, das Atmen, das Pumpen und Stemmen, das Vorwärtsgerenne nur ein wenig durch die beschlagene Scheibe betrachten.

Einmal, ein einziges Mal hatte er mitgespielt und gewonnen! Nein, nicht dieser Parteieintritt damals, da war für ihn nie etwas zu Gewinnen gewesen, am Anfang klangen die Ziele ja annehmbar, aber die Methoden waren zu laut, zu grell, zu tödlich und zu gemein, da musste es ja im Abgrund enden.  Er empfand das heute und hier als gerecht, auch ihm selbst nebst Hilde und Schwiegermutter gegenüber.  
So war doch das Leben, für die Höhen muss in der Tiefe bezahlt werden, wie bei diesem Faust schon von dem Goethe, dessen Balladen ihn in der Schule gequält hatten, weil er sich so viele Worte auf einmal weder merken konnte noch wollte. Und wie die Götter seiner Jugend, diesen Zeus, Apollo, Herkules, Achilles, Agamemnon und wie sie alle hießen, die trotz starkem Auftritt ab in den Hades mussten, selbst Wotan, Freya oder Thor .

Eines Tages verfinstert sich der Himmel über alles Große, Laute, Gewaltige und die Abgründe tun sich auf, die Abscheulichkeiten unserer Taten und Gedanken, lange unter uns lauernd, reißen ihren mächtig gewordenen Schlund auf, verschlingen Größe, Herrlichkeit, Pracht, Schönheit, einfach alles davon und nur das Niedrige, das Schwache bleibst bestehen, krebst fortan vor sich hin in Mühsal und Pein, bis wieder das Große zu neuem Leben erwacht.  Er hatte seine Art den Spengler zu verstehen, dessen „Untergang des Abendlandes“ und mit solchen Gedanken ließ es sich gut und leicht die steile Stiege hinuntergehen in das „Schafott“, so wie sie es nannten, das Plumpsklo, vom alten derb gezimmert als „Übergang“ und hatte doch dessen freiwilligen Abgang überlebt.

Karl mochte diesen Ort, fragte sich oft, ob der Alte hier vor ihm auch hierhin geflohen war vor den „Weibern“, so soll er sie genannt haben, seine „Weiber“, und deshalb hier eine Tapete angebracht hatte und einen guten Abzug für die Gerüche.

Oben saß derweil Hilde, nahm ihr Strickzeug, dass immer parat lag auf der hohen Rückenlehne des Sofas, während ihre Mutter den Abendabwasch hinter sich brachte, aus Vorsicht, die anderen beiden könnten noch mehr von ihrem Porzellan zerstören, nicht aus Hilfsbereitschaft also.  Sie strickte für die Winterhilfe und freute sich auf den nächsten Rundgang, bei dem sie wieder ein paar Märker für die tapferen Männer an der Front sammeln und sich etwas nützlich machen konnte für den Führer.

Warum ließ sie keiner in den großen Fabriken mit schuften, wo sie nun Gewehrkugeln oder Granaten herstellten? Warum nur musste sie mit ihrer unbändigen Kraft und Zuneigung für das reich zu sehen, wie die ewigen Feinde ihres Volkes, ihrer Ahnen und Urahnen, den großen Traum zerstören, zerbomben, während Feigheit, Schwäche, Faulheit und Betrug ihr Volk überfiel und mit in den Untergang zog?

Neben ihr brausten passend Geigen dazu auf und Getrommel, das, was sie von der Symphonie dieses großen deutschen Beethoven mitbekam. „Die Neunte“, hatte der Sprecher gesagt, als wenn sie das nicht wüsste, kannte sie doch, natürlich, vor allem diese erhebende Stelle darin: „Freude schöner Götterfunken …!“

Dabei stellte sie sich stets den Nürnberger Parteitag vor auf dem Reichsfeld, die tausenden von Fahnen, flatternd und schlagend im Wind wie große schwarze Adler mit ihren Schnäbeln in den Himmel stoßend, vorne, am großen Rednerpult dazu der Führer, windzerzaust, heroisch, blitzende Augen, die Fäuste geballt: „Wir Deutschen, ….!“ Und: “Sieg Heil!“ dann diese auf ihn zu rollende Brandung aus abertausenden von Kehlen:“Sieg Heil!“, das und Beethoven passten so herrlich schön zusammen, oder hier mit Kindern, die sie zwar nicht hatte, aber ein paar von denen aus der Nachbarschaft taten es auch, am Gartenzaun in der schönen Frühlingssonne stehen, deutsche Mädels und Buben, deutsche Frau, alle in farbenprächtigen Klamotten und der Führer fährt vorbei, steht in seiner Limousine, winkt ihnen, nein ihr besonders zu, lächelt sie an mit seinen dunklen Augen, lässt anhalten, nimmt eines der Mädchen hoch auf den Arm, küsst es auf die Wange, und jetzt kamen ihr wirklich die Tränen, ihre Brust bebte so stark, dass sie Angst vor den Schlägen ihres Herzens bekam, und so hätte sie beinahe die Durchsage überhörte: „Achtung – Achtung. Der gemeldete feindliche Verband nähert sich aus Richtung Süden kommend der Neustadt. Für das gesamte Stadtgebiet, vor allem für die Häfen, wird Alarm gegeben! Achtung – Achtung, ein feindlicher Verband hat das Stadtgebiet erreicht …!“

Jetzt hörte sie auch die Sirenen. Ohne weiter auf den Volksempfänger zu achten, stürzte Hilde mitsamt ihrem Strickzeug für die Winterhilfe zur  Flurtür. Von unten hörte sie die Klotüre quietschen, könnte der Dämmel auch mal schmieren, hörte Karl rufen: „Was ist passiert? Wie weit sind sie schon?“, aber bevor sie antworten konnte, zerrissen schon wieder die Sirenen, jetzt alle und völlig hysterisch die Geigenmusik aus dem Wohnzimmer, zerrten an den letzten heilen Gläsern im Schrank, zersichelten ihre Nerven, da sie Karl nicht hören konnte und ihr selbst Gebrülltes darin unterging.
Noch mehr aber, dass sie die Klinke zwar normal runter, die Tür aber nicht auf drücken konnte. Irgendetwas blockierte die Tür, und als sie stärker drückte, hatte sie den Eindruck, dass da etwas vor liegen musste.  Himmel, aber was und wieso jetzt? „Karl!!!!“ Ihre Stimme schlug durch das Haus gegen sein Ohr, dass er erschrocken mit dem Kopf zurückstieß und auf der Treppe wie festgenagelt stehen blieb. Erst das dritte „Karl!!!!“ brachte ihm die Bewegungsfreiheit zurück.
Hilde verzweifelte wie selten in ihrem Leben, wollte der Depp sie hier etwa einsperren und wo war ihre Mutter, was hatte der mit ihr gemacht, wollte dieser Giftpantoffel sie wirklich den Bomben der Tommys ausliefern? Das hätte sie ihm nie, …, nein eigentlich auch jetzt nicht. Sie wurde ruhiger, überlegte, womit und wie sie die Tür aufstemmen könnte. Es wurde Zeit.























über einen klassischen Konflikt

Sie: "Die kommen weg!"
Er: "Nein, bist Du wahnsinnig, das sind doch meine Lieblingsschuhe!"
Sie: "Egal, und der alten Fetzen da auch, gib schon her!"
Er:" Nein, nicht auch noch meinen Lieblingspullover!"
Sie: "Ich kann das alte Zeugs aber nicht mehr sehen. Die kommen weg!"
Er."Dann lasse ich mich scheiden!"
Sie: "Wo willst Du denn hin, ohne mich?"
Er:" Zu meinen alten Freunden!"
Sie: "Ach Liebling, die habe ich doch auch schon längst entsorgt! Erinnerst Du Dich nicht?!"



Mittwoch, 20. März 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 2 (Neubearbeitung und Integration von „Komm auf die Schaukel Luise“)








„Was musste sie sich, sie die stolze Hilde, ewiger Jungschwarm der Straße, „Mädel, warum hast Du keinen von uns genommen?!“, sportliches Idol der 7. Klasse, Tag für Tag hier ansehen? Diese milchigen Hände mit den dicken, blauen Adern, die wie Krallen das Brot packten, als könne hier jemand auf die nun wirklich unsinnige Idee kommen, ihm das Essen zu mopsen.  Ausgehungert hatten sie ja auch nichts von ihm, nur noch weniger zu erwarten. Nicht mal richtig am Tisch sitzen kann er, immer fielen ihm die Schultern fast in die Teetasse und dann diese schlappe, fahrige Geste, alle fünf Minuten, als wenn ihn ein Wecker auf die Sekunde genau antriebe, seine linke Hand langsam an die Stirn, die dünnen Haarsträhnen aus der Stirn streichend, über seinen kleinen Ansatz von Glatze nach hinten und dann Hand zurück vorsichtig auf den Tisch, als hätte er Angst vor der Berührung mit dem Holz, so war er, so ist er, so wird er wohl immer bleiben, dieser warum auch immer ihr Karl.

So war der ganze Kerl, wie diese sinnlose Geste, so sein Leben, nach dem noch nicht mal der Führer und seine Leute gerufen hatten, nicht die Wehrmacht, nicht der Volkssturm, auch nicht jetzt wo es wohl doch schief lief, mit dem ganzen großen Reich nicht mehr viel war. Und was machte er mitten in diesem Krieg, der Entscheidungsschlacht überhaupt wo alle anderen an den Fronten ihr Leben in die Waagschale werfen?  Rechnungen schreiben, mit zwei anderen Backpfeifen, unter dem Regiment eines invaliden Rentners, das mit seinen einunddreißig Jahren und Malocherkreuz. Im besten Mannesalter, in der größten Bedrohung in der der Führer und sein Volk jeden Mann brauchten.

„Was ist das für ein Schicksal, dass der Mann ein Mann ist und ich eine Frau?“ fragte sich Hilde wie schon so oft, wenn sie dieses zornige Grübeln überfiel. „ Ich hätte und würde sofort für den Führer alles geben. Und der da, der schafft es ja nicht einmal einem Kind das Leben in mir zu wecken. „ Dies war jedes Mal der Moment in ihrem abendlichen Gedankenspiel, an dem das Bild kam, dieses entsetzlich peinliche Bild, wie er sich tapsig, mit vorsichtigen, schlappen Händen an ihrem Leib zu schaffen machte, hier drückte, da entlang strich, als sei sie eine Mimose, ein Pflanzenblatt, wie sein Schweiß bald darauf auf sie tropfte, sein Gesicht sich so merkwürdig verzerrte, sein Atem röchelnd wurde, seine Hast, wie er kam und in ihr abließ, was sie noch gar nicht haben wollte, nicht so schnell, kaum , dass er in ihr ihr war, nachdem ssie resignierend die Beine geöffnet hatte. Und das ihr, die von starken Händen träumte, kräftigen Schenkeln und Stößen, von Kerlen, die sich trauen, wenn doch einmal nur einer irgendwo nachts, sie ganz heimlich ….! Warum nur hatte sie dieses Kind von Mann geheiratet, war ihrer Mutter und ihren Ratschlägen gefolgt, da wäre doch manch einer, den sie vorher, …. Nur nicht dran denken!  Ihr Karl hatte doch noch nicht mal gemerkt, dass sie ihre Jungfräulichkeit längst los war, sie verfluchte noch immer den leichtsinnigen Abend, auch von ihrer Mutter arrangiert, wo der Kerl sie in das Bett ihrer Mutter gezerrt hatte und sich ausgetobt, als wäre sie seine Mangelrolle. Der hatte sie hin und her geworfen, war Gewalt pur gewesen und lange brauchte es bis er endlich kam. Und dafür ließ er es auch noch auf ihren Bauch tropfen, der so von Folgen bewahrt blieb. Danach hatte sie immerhin den Freibrief gehabt es mit mehreren zu probieren, Häutchen war eh hin. Nur wollte keiner der Kerle bleiben, egal wie gut es ihnen geschmeckt hatte und ihr. Wollten alle was Solides. Und darum ging es ja auch ihrer Mutter. „Du musst Dich beeilen, sonst bleibst Du als alte Jungfer hängen. „  Das wollte sie natürlich auch nicht,. Hatte ja gehofft, auf ihre Art einen Kerl fester zu packen. Doch es kam halt so, diese Kundgebung, dieser Hinweis, den die Mutter verteufelt von wem erhalten hatte, und dieser Karl hatte doch glatt zugegriffen, war zu allem bereit. Na ja, das würde ihr heute nicht mehr geschehen. Aber was nützte ihr das. Führer kurz vor dem Scheitern, ein Kerl am Hals ohne Mumm. Was sollte, was konnte da noch kommen für sie. Warum hatte sie dieses große, tapsige Kind geheiratet und keinen richtigen Mann?!
Die Arschkriecher, die erst später eingetreten waren, was hatten die für Karieren gemacht?! Und Karl und sie?!  Natürlich hatten die nicht eine Sekunde Karl auf der Liste geführt, war er doch schon 1932, bei seinem Eintritt, den sie immer noch nicht richtig verstand, was hatte den ausgerechnet dazu geführt, war von Anfang an nur ein Mitläufer, einer mit Mühe und Not seinen Federhalter im Büro über die Akten führte.
Seinetwegen mussten sie in diesem viel zu kleinen, engen Haus wohnen bleiben, als wenn sie dem nachgetrauert hätte nur wegen dem alten Sack, dem Vater und ihrer Mutter, die sich noch nie sehr dafür stark gemacht hatte. Ein starker Typ ja, immer sofort zur Stelle und Kommandos ohne Ende, weiß der Teufel, wie der ihre Mutter im Bett behandelt hatte, vor allem nach seinen Heimkünften mit bärenmäßigen Räuschen.  Zu ihr, ja, der war meistens nett gewesen, mit Süßigkeiten und über das Haar streichen, immer mit Lob und gerne auf seinem Schoß gesessen hatte sie, irgendwie blöd von der Mutter dabei angesehen. Die hatte es sie spüren lassen, wenn er weg war! Und wie! Mache doch aus dir kein Turteltäubchen. Das Prinzeschen konnte sie sich abschmieren, dafür sorgte die Alte.
Aber später, als es darauf ankam, sie keine Ausbildung bekommen und nur diese Arbeiten an den Fließbändern bekommen hatte, ja, da war die da! Und als keiner der Kerle sie nehmen wollte als Braut mit Haus und Einkommen, da sprang sie ein. Verhalf ihr zur Karl, immerhin. Einkommen war gesichert, das Haus wurde weiter abgezahlt, sie konnte zu Hause bleiben, auf Hausfrau machen, sich die Zeit einteilen. Aber nie hatte es gereicht zu den großen Auftritten, Auszeichnungen, nicht dazu, ohne ihre Mutter zu leben. Wenigstens in einem größeren Haus mit ihr in der Dachwohnung wie andere es geschafft hatten.
Schon ihr Vater hatte diese kleine Bienenwabe, wie er es nannte, nur als „vorübergehendes Heim“ angesehen, nur war sein grandioses Geschäft zu früh pleite gegangen, aber was sollte er auch gegen diese wahnsinnige Inflation ausrichten, irgendwann hatte er mehr Papiere in Geldform als Waren. Wahrscheinlich hatte das ihn mehr hingerafft als der Suff, was die Leute auf der dann doch noch wirklich großen Beerdigung hinter ihrem Rücken getuschelt hatten.
„Oh Vater, gut, dass Du ihn nicht mehr kennen gelernt hast, sehen musstest, wie wir hier versauern!“
Der war ein Mann, und für Deutschland an der Front! Hatte dabei so einiges für seine Familie zu Hause bei der Versorgung schieben und schicken können.  Wer das Glück hat und es nicht anpackt, hat selber schuld! So war sein Spruch dazu gewesen. „Und gekämpft hast Du trotzdem, die Front nicht gemieden, wie meiner.“ Und so die Mutter gewonnen, war mit ihr glücklich verheiratet worden, und Vater, nicht wie sie, deren Kinder wohl im Himmel warteten, aber einfach nicht bei ihr eintreffen wollten. Ja, die beiden, da hatte jeder Respekt vor, auch nach der Pleite!
Sie hatte ihn nicht mehr sehen dürfen,  mit seinem Loch im Kopf im leeren Geschäft, an dem großen Schreibtisch mit den vielen Papieren, die zum Schluss immer weniger geworden waren, aber nicht, weil er besser aufgeräumt hätte. Das war ihrer Ansicht sowieso Sache der Frauen, also ihrer Mutter Sache.
Mutter hatte ihr selbstverständlich verboten zu weinen. „Wer sind wir denn!  Habe immer Respekt vor Deinem Vater, der hat auch nicht geheult! „  Aber sie war weder gehorsam noch in der Lage dazu gewesen, auf ihre Tränen Einfluss zu nehmen,. Er fehlte ihr so sehr.
„ Dein Vater tat immer seine Pflicht, hat immer mehr an uns als an sich selbst gedacht!  Er war tapfer, Dein Vater, bis zum Schluss!  Er tat immer seine Pflicht, hat uns gut ernährt und beschützt in schwierigsten Zeiten!
Er war immer tapfer, mein Mann, dein Vater! Wir können stolz auf ihn sein, für immer! Wenn er auch nur ein kleiner Krauter war, hatte er doch den gleichen Mut wie sie am Anfang jedenfalls Führer und seine Leute besaßen! Vergiss das nie!“  
Hilde hatte ihr das gerne geglaubt, wenn sie auch das Gefühl nicht verdrängen konnte, dass sie mehr um ihren Vater trauerte als ihre Mutter.
Und dann hatte sie auf Anraten und Initiative ihrer Mutter den schmächtigen Hungerlappen, kurzatmigen und dünngesichtigen Karl geheiratet. Warum nur?
Diese Frage trieb sie um und Schuldgefühle gegenüber ihrem Vater, der sich so viel von ihr versprochen hatte. Und so kam es, dass sie sich vor dem Bild ihres Vaters auf der kleinen Anrichte im Wohnzimmer schämte, dass ihr jeden Abend bei jedem Umdrehen in Richtung Tür neben dem Bild des Führers , nur etwas kleiner, in die Augen sah.

Ihre Mutter war mehr mit dem Essen beschäftigt, was überhaupt zu ihrem Hauptlebensinhalt geworden zu sein schien, außer ihrer Lust ihren Schwiegersohn zu malträtieren.  Sie kaute stets schnell und erfolgreich, war immer als erste fertig. Sobald sie alles verspeist hatte, was sie zu sich nehmen wollte, räumte sie ohne sich um ihre Tochter und den Schwiegersohn zu kümmern, sofort alle Brotteller und Auflage nebst Butter und Streichmesser weg.

Karls Messer war an der Spitze abgebrochen.  Ohne große sichtbare Regung gab er es hin und nahm die restliche Hälfte seiner Brotscheibe in die Hand, biss dabei bedächtig ab, Essen war für ihn nun mal eine wichtige Beschäftigung an diesem Tisch und bei ihrem Zusammenhocken, dem er nun mal nicht entkommen konnte.“

Wir haben uns ausgesprochen. Ab heute beginnt etwas Neues, von dem wir nicht wissen, worauf es hinausläuft. Sie war traurig und entsetzt. So etwas mit mir war unerwartet, passte überhaupt nicht in das Bild. Vorsichtig habe ich ihr meinen Plan erklärt. Solange kein Psychologe für mich Zeit hätte, keiner unter drei Monaten Wartezeit, würde ich weiter meiner Geschichte nach spüren, anhand der der vorhandenen Bilder und mit Textversuchen darüber.  Sie willigte unsicher sein.