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Donnerstag, 10. April 2014

Fragment der Vergangenheit



Hätten wir wohl weniger gestritten zwischen den Generationen, nach diesem Krieg, nach diesen Teufelsjahren, hätten wir die Bilder geahnt, die Worte gefunden, wie sie so tief in uns lagen, dank ihrer unbewussten Übertragungs- und Verdrängungskünste, die uns quälten bei Nacht, uns quälten bei Tag, die qualvoll uns antrieben in der Nähe der anderen?
Hätten wir verstanden, wie Leid verbinden und Schuld teilbar sein kann oder wären wir uns erst recht an die Gurgeln gefahren, hätten wir gar zugedrückt?
Was trieb uns an und in dieser Weise?
Die Sehnsucht nach Schweigen im lauten Wortgeschacher, die Sehnsucht nach Sprache im Bunker des Schweigens?
Was trieb uns? Und was auseinander? Wie viel und was wäre uns und anderen erspart geblieben ohne diesen unbewussten Kampf?
Und was wäre auf der Strecke geblieben, könnte heute leuchten ohne diesen Widerstand, diesen Protest, diese Überschwemmung, die mehr hinweg spülte, als wir uns je hätten vorstellen oder vornehmen können?
Hätten wir einen Weg finden können, über all die Verbrechen und das Schweigen hinweg?
Und wer hätte das uns zumuten dürfen? Auf welchem Tablett wäre das gelandet, von wem serviert worden?
Wir waren wie wir geworden, gebracht worden sind, in auswegloser Lage schreiend, ohne äußeren Anlass wütend, Gefährten des Sturms, wenig zu packen mit Säuseleien und Schäfchenwolken als Erklärung für des Himmels blutrotem Schrei.

Wir, die angeblich glasklaren „68er“, als solche benennbar und einfassbare Generation, hätten wir weniger um uns geschlagen, zerbrochen, davon geblasen, hätten wir unseren Eigenanteil, das tiefe schwarze Loch in uns, das heimlich, unbewusst ererbte Loch der Vorfahren, das unserer lieben Verwandten und Bekannten, Eltern und Großeltern besser gekannt, erkannt, zerpflückt und ausgewertet?
Oder war es tatsächlich an uns, unausweichlich, ein Höllen- wie Himmelsdienst, den großen Schrei zu starten, das große Zerwürfnis, das ewige Generationsgemetzel mit Worten wie Gemeinheiten, so ungerecht wie möglich, so zynisch wie nötig, ein munteres, geistig anspruchsvolles Spiel vor der Schlacht, vor den Friedhöfen draußen, vor der Unabwendigkeit gewählter, genutzter Zeiten?
Waren wir getrieben oder trieb man uns? Welche Worte waren außen vor und warum wir? Die Erben, die Kinder, die Nutznießer, Frage: wovon?
Was für Zeiten, das steht fest mittlerweile fest, in denen Füße unter Tischen gleichbedeutend mit Gefangenschaft und Meinungsabgabe waren, mit Inzucht und Inzest, mit grabbelnden und drückenden, sich abreibenden Körperbehauptungen, mit Einvernahme und Drohungen, diesen Zeiten in denen Tische überhaupt hochgeschwungen wurden über Leben, diverse Schweinigeleien sowie Tod und Freiheit. Wie viele haben geschwiegen. Wie vielen hängt nach ihr Leid nach der Kapitulation, die auch Befreiung hätte heißen können?
Was für Zeiten? Was für Menschen? Was für eine versemmelte Kommunikation!
Und dies so viele Jahrzehnte lang!

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Mittwoch, 9. April 2014

Barsicht



Mir gegenüber sitzt ein Mann, an der anderen Seite der Theke. Der schreibt wie ich, irgendetwas, so etwas vielleicht wie diese Worte hier oder etwas ganz anderes.
Er lehnt sich wie ich zurück. Er raucht wie ich von Zeit zu Zeit eine Zigarette, denn das darf man hier noch in dieser Hotelbar des Maritim im Waldecker Land.
Er trägt ein dunkel gestreiftes Hemd, darüber einen schwarzen Pullunder, der so heißt obwohl auch der Mann ihn wie ich über dem Hemd trägt.
Er hat graue Haare im Übergang zum Weiß der letzten Jahre so wie ich. Scheint, zumindest im Sitzen, ungefähr gleicher Körpergröße zu sein, vielleicht auch fünf Zentimeter kleiner.
Er knabbert zwischendurch wie ich die Nüsse, aus dem Glas in die linke Hand gekippt, nimmt sie mit rechts einzeln heraus und steckt sie sich in den Mund, Kopf und Rücken dabei leicht zurückgelehnt, die Augen auf dem Geschriebenen.
Er trägt wie ich eine Brille aus dünnem schwarzen Material, so dass es von mir aus aussieht, als hätte jemand mit dünnem Bleistift ihm diese in das Gesicht gezeichnet.
Aber er ist nicht ich. Es gibt keinen Spiegel vor mir, auch wenn es für mich so wirkt, als mache er meine Bewegungen nach. Er schreibt auch noch mit rechts, wie ich, und ich ihn lieber mit links schreiben sehen würde.
Er schweigt wie ich, blickt aber immer öfter zu dem Barmädchen auf und umher, als erwarte er etwas oder suche jemanden. Ich will nicht, dass er mich sucht. Ich will nicht mit ihm reden, nur wissen, was er schreibt. Im Zweifel aber verzichte ich lieber auf seine Schreibe für den Genuss hier weiter schweigend sitzen zu können und zu schreiben.
Er blickt jedes Mal nur kurz, als wolle er diese Blicke verbergen, mit ihnen nicht entdeckt werden.
Weil er weniger schreibt und mehr Nüsse knabbert, raucht er auch weniger als ich. Er wirkt jetzt sprungbereit. Aber wozu oder zu wem?
Ich sehe nur noch kurz auf, so wie er, hoffe er entdeckt meine Augen nicht, übersieht meine Gegenwart.
Ich esse keine Nüsse im Moment, während er knabbert und Kurzblicke verschießt, rauche auch nicht, da ich parallel schreibe zu ihm und seinen Blicken.
Er trinkt Bier, ich Wein. Es ist ein guter Tropfen. Den hat mir der Junge, nicht das Mädchen ausgesucht und vorgeschlagen. Der ist der Profi, sie die Azubine.
Das Bier des Gegenüber verschafft mir die Sicherheit, dass ich nicht vor meinem Spiegelbild sitze, es sei denn der Spiegel zeigt mich lieber mit Bier statt mit Wein. Aber warum sollte ein Spiegel das tun, selbst dann, wenn er in einer Hotelbar hängt?
Also, er ist nicht ich. Zweifelsfrei. Zumindest heute nicht. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn mein Haarweiß so weit fortgeschritten ist wie bei ihm, mein Gesicht wie seins in müden Falten hängt.
Ja, er ist älter, nicht weil ich das unbedingt will, auf die Erdnüsse und Zigarette verzichte, damit ich schreiben kann, während er zur Abwechslung wieder Nüsse einzeln seiner linken Hand entnimmt und im Mund verschwinden lässt, um sie dort langsam zu zerkauen. Nein, er ist älter weil er es ist, so wie er nicht ich ist.
Er ist zumindest älter als ich mich fühle oder sehe hier im Barlicht und dem Spiegel zu meiner rechten, der mich von der Seite zeigt, wie ich schreibe, während der drüben weiter Nüsse isst.
Dann ist plötzlich alles anders. Er bricht alle Spielregeln, spricht mit der Azubine, dem blonden Barmädchen, während ihr Kollege mein Glas betrachtet. Ich nicke und er bringt ein neues Glas, gefüllt, nimmt das leere Glas mir weg, leert den Aschenbecher, dies alles wortlos. Wir lächeln uns nur kurz an, wissen von einander was wir wissen müssen, was wir wissen wollen, quatschen nicht.
Der Mann mir gegenüber dagegen quatscht, schreibt nicht mehr, hat den Stift dafür verschwinden lassen, vielleicht sogar sein Geschriebenes, zumindest kann ich es nicht mehr sehen.
Nein, der ist nicht wie ich. Ich quatsche keine Barmädels an, schon gar nicht wenn sie so jung und noch Azubinen sind.
Ich schreibe. Bin wütend, irgendwie, obwohl der mir ja eigentlich egal sein könnte, wenn er nicht ich ist und mir auch gar nicht mehr ähnlich, jetzt.
Die spricht natürlich auch mit ihm, wieso auch nicht, wenn er sie anspricht. Ist er doch ein Kunde und der darf sie ansprechen.
Sie steht dabei steif mit ihrem Rücken an den Kassentisch gelehnt und wirft ihren blonden Zopf beim Sprechen ab und zu zur Seite, mal nach links, mal nach rechts.
Hübsch sieht sie aus, jung, hat spürbar ein Leben vor sich, ein Leben dass er und ich so ziemlich hinter uns gebracht haben, wie auch immer.
Die unterhalten sich und ich beende mein Schreiben. Werde zahlen und gehen. Bis der Barmann soweit ist sehe ich im Spiegel, was da sich zum Verlassen der Bar vorbereitet, sehe meine müden Anziehversuche, den Ansatz von Buckel, silbern schimmerndes Bürstenhaar vom Gläsergefunkel über mir.
Ich erkenne mich nicht.
Der da drüben quatscht und ich suche mich und erkenne mich nicht. Weiß nicht, wer sich da hölzern anzieht und vom Barhocker schiebt.
Der Preis ist genannt. Ich zahle, könnte jetzt eigentlich gehen. Aber ich bestelle noch einen „Absacker“, einen Grappa und sehe zu dem da drüben hin, der zu mir hinsieht, wieder nur kurz, weiter mit ihr quatscht, dann lachen sie.
Ich kippe meinen Grappa und verziehe mich. Vielleicht lachen sie über mich oder ich bin doch er und lache mit ihr über mich selber, dieses trottelige Spiegelbild eines alten Mannes, der sich am Schreiben festhält statt zu quatschen, dafür sogar sein Rauchen und die Erdnüsse verschmäht und flieht, wenn man lacht. Vielleicht. Genaueres weiß auch der kalte Februarwind nicht, der mich draußen in Empfang nimmt. Vielleicht sollte ich demnächst über den schreiben. Im Alter spürt man ihn mehr, den Wind.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Dienstag, 8. April 2014

Reha-listische Impressionen II unvollständige Gedanken



Ankunft 
Ein „Gütesiegel“ auf der Eingangstür:
„Unsere Kompetenz
Richtig Essen“,
gutes Kochen wäre mir lieber.


„Alle Besucher werden gebeten sich beim Empfang zu melden!
Besuche auf den Patientenzimmern sind nicht gestattet!“
Na prima, geht gleich weiter. Dieses Schild ist das Größte hier, unübersehbar, formlos, lieblos an die linke Seite des Glaskastens vom Empfang gehängt, dafür riesig, unübersehbar.
Natürlich ist kein Mensch da im Empfang um mich zu empfangen. Dafür ein Schild „Bin gleich zurück. Ich bitte um Verständnis.“
Bin gespannt wie lange hier „gleich“ ist. Es stellt sich als sehr lang heraus, auf jeden Fall länger als kurz aber da steht ja auch nicht kurz sondern gleich. Dafür soll ich mein Verständnis hervorholen, was ich auch sogleich versuche, schließlich bin ich nicht hier, um mich auf zu regen oder meinem Zeitstress erneut zu verfallen.
Bin ich in diesem Moment eigentlich noch Besucher oder schon mehr, Patient zum Beispiel,  mit der Zimmer-betreten-Erlaubnis? Sind Besucher die, die Aufenthalter wie mich hier oder aus anderen Gründen das Haus besuchen oder alle, einfach alle die hier nicht arbeiten, beziehungsweise aufgrund eines Arbeitsvertrages ihre Aufenthaltsberechtigung für hier nachweisen können? Dürfen Letztere alle die Zimmer besuchen oder nur in bestimmten Fällen, genau deklarierten Ausnahmen oder sogar niemand, einfach niemand? Darf ich, wenn ich denn mal ein Zimmer hier erhalte, dann alleine das Zimmer betreten und nur so lange ich hier sein darf oder muss, nur ich alleine und sonst niemand? Wie ist es mit der Reinigung der Zimmer? Gibt es dafür Personal und dürfen die …?
Es gelang mir also die Wartezeit vor dem Empfang, bei dem sich alle … zu melden“ hatten, einigermaßen gedankenverspielt zu überbrücken. Natürlich reichte das nicht. Die Zeit des Wartens dehnte sich darüber hinaus.  Schließlich kam eine Frau, eifrig mit einem Papier beschäftigt, dies auch noch, nachdem sie sich den Empfang aufgeschlossen und sich hinter den PC gesetzt hatte. Da wusste ich, warum mir alles an diesem Tage geschehen war: Geduld. Ich sollte mich in Geduld üben. Vielleicht, dass ich so nicht wieder im „burn-out“ lande. Also Geduld. Mein Koffer steht ja auch ruhig da und hält es sicherlich noch ein paar Stunden vor dem Empfang aus.
Zugegeben, danach waren alle freundlich zu mir und so startete ich in meine Zeit des Wartens und Geschehens, mehr warten als geschehen, aber in einem Wechsel, der mich auf neue Art mit mir selber umzugehen ermöglichte.
Natürlich, das fiel mir weder leicht noch zu. Natürlich.


Meine Therapeutin hält mich für hochbegabt und zu schnell im Denken, Lesen und Verstehen. Das bringe mich in Konflikt mit anderen, die langsamer bei diesen Verben vorgingen. Vielleicht hätte ich damals doch Alice Miller, „Drama des begabten Kindes“ lesen sollen. Aber dann schockt mich die Therapeutin wirklich:
Was ich hier suche könnte ich nur in einer Privatklinik bekommen. Mein Verweis auf die lange Liste der Angebote der Klinik kontert sie mit dem Hinweis, was ich meine, warum das so klein geschrieben sei. Am nächsten Morgen bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich so gesprochen wurde oder ich nur einer meiner wirren Träume vor mir habe.


Die Unterbringung von uns „Meisen“, also die mit den Macken, die Psychos, erfolgt in den oberen Etagen (darunter kommen die „Stockenten“, früher „Körperversehrte“ genannt, die froh vor uns flüchten, wenn wir mit ihnen im Fahrstuhl hängen und in unser „Meisenheim“ weiter fahren). Gerüchteweise geschieht dies, damit die Burn-Outs nicht so starke Entzugserscheinungen bekommen, können sie auf diese Weise doch mehrmals am Tag, überwiegend mit dem Fahrstuhl, wie gewohnt „hochfahren“ und zu ihren Anwendungen, die sie ja runterbringen sollen, wieder „runterfahren“.
(Ich zumindest habe es in dieser Weise an manchem Tag für mich genutzt.)


Die einen lachen immer, vor allem nach jedem zweiten Satz, wohl als Hinweis, dass die zwei Sätze lustig, vielleicht sogar witzig bis zum Witz sind, dagegen andere knurren, murren, stumpf und grau ihr Leid im Gesicht wie eine zu dick aufgetragene Nachtcreme. Hauptsache Aufmerksamkeit, Zustimmung, Applaus.
Nichts von Zauberberg, keine geistig bemühten Verhakeleien, kein Weltuntergang, zumindest nicht philosophisch oder zynisch wohlwollend aufgenommen für ein Gespräch über das Verschwinden von X, Y, Z.
Ich durchschreite die verwirrend vielen Gänge und Stockwerke hier unter einer Glocke aus Trauer, Müdigkeit, ohne eigenes Ziel, eine gläserne Glocke, die offensichtlich auch verhindert, dass andere sich mir neugierig nähern oder zu sehr versuchen im Raucherpavillon mich in ihre Zwei-Satz-Lustigkeit mit einzubeziehen.
Ich fühle mich wohl, sowohl in meiner Trauer als auch in meiner Müdigkeit. Sie ummanteln und wärmen mich wie eine Kuscheldecke, nicht zu warm, nicht zu kalt, habe sie so als meine Begleiter angenommen, widme mich mit ihnen ganz der „Entschleunigung“, renne nicht mehr gegen sie an, nehme sie mit und lasse mich von ihnen tragen. An der Zeit war es schon lange, sich näher mit ihnen an zu freunden, weniger, sich dem Treiben strahlender oder grollender Augen allzu sehr auszusetzen oder gar in sie ein zu tauchen.
Ich kenne ihre Welten, ihre Rollen, seit Jahrzehnten habe ich in ihrem Theater mitgewirkt, als Regisseur, als tragischer Held oder Harlekin. Ich bin diese Bretter leid, die nicht die Welt bedeuten sondern Welt sind, Welt im Sturzflug, auf aberwitzigem Karussell trotz all unserer Bemühungen ungerecht, brutal, gierig, hemmungslos, verlogen, und so bezaubernd wie Bösewichte bisweilen auf uns wirken mit ihrem Charme und dem Reiz des Verbotenen.
Nun also zwischen Wald, Hügel, Schlachtfeldern europäischer Geister und Herrscher,  eingesprengelten angeblichen Märchenplätzen der sammelnden Brüder mit ihrer Ahnung, dass die „Aufklärung“ Kants uns Menschen nicht nur befreit sondern auch den Weg nach Auschwitz vorbereitet hat. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, ja, ja. Nein, nein. Die Vernunft gebiert Ungeheuer, ist selber ein Monster, heute auf der ganzen Welt verstreut sichtbar und erschreckend. Alles ist vernünftig, kennt gute Gründe und ist doch nur ein Moloch, zerstörend, verschlingend, seine Spuren Glas- und Beton gewordene mathematische Rezepte, blanker physikalischer Übermut.
Hier in der Reha-Klinik nicht. Hier hat der Prosaist Kafka gewirkt, ist sein „Schloss“ und ich bin der „Fremde“ in diesem Aquarium aus schwül dünstender Luft und Geräuschen einer Beschäftigkeit, deren Sinn sich mir entzieht und der ich mich mit Handtuch bewaffnet verschiedentlich andocken soll, zu mehr körperlicher und geistiger Frische führend, heißt es, mit Plan aus Papier, noch, demnächst wohl mit Clip am Ohr, der genau registriert inwieweit wir hier die Anweisungen befolgen..
Bald schon werde ich wohl hineingleiten in den Strom der Hin- und Hergeschickten, Angeleiteten, sich auf Matten und auf Geräten bewegenden Bewohner, nur noch meine Termine wahrnehmen und die daraus resultierenden Muskelkater und Müdigkeiten, werde mich entweder in die Zwei-Satz-Lach-Technik flüchten oder die dicke Creme auftragen aus Überforderung und Frust.
Ameisen zu Ameisen, Rindviecher zu Rindviechern. Wer hierher kommt ist Opfer und darum selber schuld. Die Täter sind Täter, bleiben unschuldig und kommen nicht hierher. Bisweilen bezahlen sie. Aber wofür?
Wir Opfer hier, Opfer unserer Unfähigkeit „nicht-Opfer-zu-sein“, zum größten Teil gescheiterte Täter, gefallene Engel wie einst Luzifer verstoßen aus dem Himmel der Erzengel, trotzdem wenn auch mit Kraft raubenden Aufwand, die Masken unserer Täterdaseins oder geträumten Täter-seins vor uns hintragend, den anderen antragend, in der Angst, man könnte uns auch diese Masken rauben und was bliebe dann noch für uns, wo wir dann nur noch Opfer wären und das doch nicht sein sollen, uns davon zu befreien haben, als gäbe es etwas zu werden, was weder Opfer noch Täter ist, als wäre da etwas, was wir verbrochen weil übersehen, nicht aufgenommen, nicht beachtet oder sonst was haben.
Schuld. Schuld. Schuld.
Und morgens Kaffee mit Zigarette im Raucherpavillon, Nachtcreme unter Zwei-Sätzen, irgend etwas an diesem Tag sollte doch uns gehören, so wie dieser Pavillon außerhalb der Gänge und Stockwerke wie ein hölzernes Fossil vergeblich gedachter Pläne da steht, angenehm warm und hölzern aus Handwerk, im Gegensatz zu den Sanftfarben der Betonfassaden drumherum.
Schuld. Schuld. Schuld.
So treten wir vorsichtig munter weiter. Schuld gewohnt. Schuld entlastet. Wir Opfer-Täter und auch andersrum.
Immerhin: alle hier wollen weiterleben, zumindest solange sie hier sind, und wenn auch nur in Zwei-Sätzen im Raucherpavillon.


Auf meinem ersten Erkundungsgang in den Ort zur Kirche geflüchtet, vorbei an der hessischen Mischung aus unproportionalem Fachwerk mit spröden Farben und deren Abblätterung, zum Teil versteckt hinter wetterverschmierten Schiefertafeln.
Evangelisch, daher verschlossen, hält die Kirche aber meinen eindringlichen Blicken stand, bis eine kleine Frau, ganz älter, ganz Dame, mir eröffnet, nachdem sie ihren Kleinwagen ordentlich geparkt und verschlossen hat, mir die Kirche auf zu schließen, da gleich Bet-Kreis sei und es somit ihr möglich, mich hereinzulassen, was sie in ruhigem Schritt dann auch geschehen lässt.
200 Jahre wurde seit 1300 an dieser Stadtkirche gebaut, entsprechend der Zeit gotisch, also als himmelwärts aufstrebende Halle. Die Steine geben sich keine große Mühe vor uns ihr Alter und die Zeiten, die sie hier miterleben mussten, zu verbergen. Der ganze Bau scheint mir im Laufe der Jahre etwas in sich zusammen gesunken auf der Spitze des Hügels, von wo er eintürmig in die Landschaft ragt.  Imposant wie alle Kirchen im gotischen Geist, äußerlich zerkratzt, zerbröselnd, geschunden, weckt sie doch das Interesse in mir, der alten Dame in das Innere zu folgen. Ich weiß schon, dass mich dort der berühmte Flügelaltar von Konrad von Soest erwartet mit der angeblich ersten Darstellung einer Brille im europäischen Mittelalter, genauer aus dem Jahre 1403. Der Altar, gespannter Stoff völlig mit Gold überzogen, darauf figürlich bemalt, hält, was ich mir gar nicht von ihm versprochen hatte.
Ganz im Gegensatz zu dem „hochbarocken“ Grabmal des Grafen, der als Diener Venedigs, oder Söldner, auf Kreta durch die wohl bessere Kriegskunst oder Übermacht der Muselmanen zu Tode kam.  Das Ding vor mir ist riesig, so künstlerisch wie ein Comic vom alten Walt Disney, dafür weniger anarchisch, eher grau in grau wie der emsig behauene Stein hier an der Wand hängt mit seinen fast lebensgroßen Figuren und den angeblichen Tugenden des gefallenen Grafen: Hoffnung, Frömmigkeit, Standhaftigkeit und Klugheit.  Sein Ende erzählt mir etwas anderes. Meine Kirchenaufschließerin nähert sich und erklärt mir die Kunstwerke. Sie tut es mit angenehm unaufdringlicher Stimme.  Sie weiß nette Anekdoten zu dem Flügelaltar. Gemeinsam bewundern wir den flotten Erzählstil des Malers, seine munteren Figuren, sicher ungewöhnlich für seine Zeitgenossen, vielleicht auch frech und mutig. Schwebten vor seinem ersten Pinselstrich die Figuren noch über der Erde, Gesichter wie im Nebel, Gewänder ohne Bekleidungsabsicht, alles Allegorie und heilig, dem Betrachter sich entziehend, der zu ihnen aufschauen soll und heilige Ehrfurcht verspüren. So ganz anders der eifrige Conrad.  Seine Gesichter scheinen aus den gotischen Gässchen zu uns zu kommen, ihre Kleidung verrät Stand und Vermögen, die textilen Abenteuer seiner Zeit. Ihnen fühle ich mich nahe mit meinem Reha-Dasein, mit Mühsal und Plag beladen wie sie einst, ängstlich, fragend, bisweilen hoffend und auch Hosianna blasend. Wir kommen uns nah und ich fühle mich nicht mehr fremd. Die Frau fragt, ob ich beim Bet-Kreis mitmachen wolle, sie würden sich gegenseitig Psalmen vorlesen und beten. Sie nimmt meine vorsichtige Weigerung gelassen, dafür verspreche ich zum Gottesdienst am Sonntag zu erscheinen. So habe ich ein Ziel und die Möglichkeit, Conrads Erzählungen zu lauschen. Ich bedanke mich ehrlich bei ihr, fühle mich, als habe der Tag durch sie und ihre mir zu Teil gewordene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft plötzlich eine unerwartete Wendung genommen, eine positive, die mir die Schritte zurück, wieder vorbei an den  traurigen Überbleibseln städtebaulicher Bemühungen durch die Jahrhunderte, vor allem der letzten Jahrzehnte seit dem Krieg, leichter werden lässt und auch noch am Berg, hoch zur Klinik, mich nicht verlässt.
Am nächsten Tag mutiger geworden und optimistischer, mache ich mich wieder runter vom Berg in die Stadt. Diesmal besehe ich mir die in meinem Land überall zu findenden Trümmer architektonischer „Schulen“ und ratsherrlicher Nachahmerei in der Hoffnung auf Anschluss an die Moderne und deren betonhaftem Wohlstand.
„Der neue Kind Nulltarif“ versperrt mir schildrig den Weg. „ICH HAB EIN KIND IM OHR … weil ich nichts dafür bezahlt habe.“ Irgendwie stelle ich mir Kinder noch immer anders vor und außerdem muss ich sofort an den Bundestagsabgeordneten denken, der sich über Jahre Bilder von nackten Kindern bestellt hatte im Internet. Was geschieht mit unserer Sprache? Was mit unseren Kindern, im Ohr oder nicht, mit Nulltarif oder Bafög? „DER NEUE KIND NULLTARIF … jetzt kostenlos testen.“ Nein, ich gehe weiter. Blöde Schilder. Kinder testen. Kind testen. Egal. Blöd.


Ich mache Fortschritte. Zwar fallen mir in der Ruhe immer noch die Augen zu, aber ich schlafe nicht mehr dabei ein, kann hören, riechen, schmecken, meine Gedanken laufen lassen und bin jedes Mal ausgeruhter beim Öffnen der Augen. Und so bewege ich mich in diesem Gebäude hin und her, rauf und runter, wo es geht mit geschlossenen Augen, lehne mich zurück an Flur- und Fahrstuhlwände, im Stehen und im Sitzen, mit geschlossenen Augen, stehe auch draußen im Wind so, rauche meine Zigarette mit geschlossenen Augen und keine Unruhe überfällt mich, mein Herz bleibt ruhig und die Gedanken fließen statt zu hüpfen und zu springen. Ein echter Fortschritt.


Meine Lieblingsfigur bei Karl May war sofort und bis heute „Pepe der Schläfer“ im „Waldläufer“, der Roman eines Franzosen, von Karl May nur bearbeitet. Dieser Pepe ist ein Wachsoldat, der im Gegensatz zu seiner Berufsbezeichnung meistens auf der Erde vor seinem Bewachungsobjekt mit lang ausgestreckten Beinen sitzt, den Sombrero tief ins Gesicht geschoben, die Augen dahinter geschlossen, schlafend.
Er hätte auch geschlafen ohne den Sombrero vor dem Gesicht. Hatte es doch Vorteile, dass alle ihn schlafend vorfanden. Zwar wurde er bisweilen dafür getadelt, insgeheim aber von seinen Vorgesetzten für diese Fähigkeit überall und immer schlafen zu können, sehr geschätzt. So setzten sie ihn immer dort ein, wo ein echter Wachhabender mit offenen Augen ihnen eher gefährlich erschien und schlecht für ihre Unternehmungen.
Nun schlief Pepe nicht wirklich. Er döste, ergab sich seinen Gedanken und Geräuschen um ihn herum, dachte nicht viel, nur ab und zu, wenn er mitbekam was sie taten, dachte, dass er bei guter Gelegenheit davon Vorteil beziehen würde. Ein Schlauer war er nämlich, ein von seiner Umgebung sträflich Unterschätzter. Auch hatte Pepe nie ein schlechtes Gewissen. „Wenn sie mir schon so wenig bezahlen, hole ich mir den Lohn eben anders zurück.“ So dachte er und bekam alles mit in seiner Umgebung, verstand alles hinter seinen geschlossenen Augen, konnte sich auf alles einen Reim machen. Vor allem aber war Pepe froh, dass das niemand mitbekam und jeder ihn für einen dummen Faulpelz und eine Schlafmütze hielt.
Der gefällt mir also bis heute und jetzt, in dieser Reha, komme ich mir bisweilen selber wie dieser Pepe vor, vor allem wenn ich im Räucherhäuschen oder im Fahrstuhl meinen Kopf an die Wand lege, die Kapuze der Joggingjacke tief ins Gesicht gezogen, mit geschlossenen Augen meiner Umgebung lausche, völlig entspannt, ohne jeden Reflex mich einzumischen oder gar mit offenen Augen in ihre Gesichter zu sehen. Ich kannte sie genug. Kann mir schnell Gesichter einprägen, ganz im Gegensatz zu ihren Namen. Also, warum sie ansehen?
So peperisiere ich mich durch diese Tage und fühle mich wohl und in Sicherheit, wie ein kleines Kind, das beim Versteckspielen die Augen schließt und meint, so könnte es von keinem gesehen werden.


Der Zeiten gelassenerer Gefährte sein

In Freude und Schmerz nicht übertreiben
In Maß und Mitte bleiben

Dafür setze ich auf Lese- und Bücherdiät, Informations- und Nachrichtendiät, Fernseh- und Radiodiät. Nicht zu vergessen die Rauchdiät.
Bei Wikipedia finde ich: Die Bezeichnung Diät kommt von griechisch δίαιτα (díaita) und wurde ursprünglich im Sinne von „Lebensführung“/„Lebensweise“ verwendet. Die Diätetik beschäftigt sich auch heute noch wissenschaftlich mit der „richtigen“ Ernährungs- und Lebensweise. Diäten werden hauptsächlich aus zwei Gründen angewendet: erstens zur Gewichtsab- oder -zunahme, zweitens zur Behandlung von Krankheiten (englisch „diet“ = auf die Bedürfnisse des Patienten abgestellte Nahrung, Krankenkost). Umgangssprachlich wird der Begriff zumeist gleichgesetzt mit einer Reduktionsdiät (Reduktionskost) zur Gewichtsabnahme und bildet somit ein Synonym zur Schlankheitskur. Seit Hippokrates wird als Diät eine spezielle Ernährung des Menschen bezeichnet, bei der längerfristig oder dauerhaft eine spezielle Auswahl von Nahrungsmitteln verzehrt wird.

Nach zwei Wochen habe 5 Kilo zugenommen, dies trotz Vollwertkost und Reduktionsdiät. Halte ich mich lieber an meine eigenen Diäten, Hippokrates zum Trotz.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Montag, 7. April 2014

Reha-listische Impressionen, unvollständige Gedanken



An-fahrt Februar 2014

Rheine bis Hannover

Kein gleichmäßiges Rattern des Zuges mehr auf den Schienen, dafür schleifende Singstimmen durchbrochen von Stößen ohne Gefühl für Rhythmus und Jamben.

Umsteigen. Hannover:

Natürlich war der Fahrstuhl auf dem Bahnsteig defekt.  Natürlich fuhr die Rolltreppe nur rauf, nicht runter, auf beiden Seiten.  Natürlich ist mein Koffer viel zu schwer für die Treppe, natürlich ist sie zu hoch mit viel zu vielen Stufen. . Natürlich schleppe ich mich mit ihm hinunter, statt mich vergeblich auf die Suche nach einer uniformierten Hilfe des Bahnpersonals zu begeben.  Natürlich beschweren sich Beine, Gelenke und Rücken. 

Auf dem Bahnhofsvorplatz einer der letzten Asylplätze für Raucher vor hohen Türen aus der Glastürenzeit, die geduldig auf und zu gleiten.  Ob Eingang oder Ausgang entscheiden hier die, die kommen und die, die gehen.  Auf jeden Fall für mich ein lohnenswertes Zwischenziel. Zwei Zigaretten schaffe ich.


Auf dem Vorplatz im Angesicht des Pferdearsches unter dem Abbild des einstigen Königs von Hannover und England eine Schulklasse, plötzlich Kurzgebell: „Auf geht’s! Alles folgt mir! Zusammenbleiben!“
So ein Tonfall hätten den König da oben und seine Offiziere und Schulmeister wohl erfreut.

Wild gestikulierend oder die Handys eifrig weiter mit Lauten und Zeichen bestückend und wie das Kurzschwert eines Römers vor sich hinhaltend zerteilt der Klassenverband ohne auf unseren Protest und Unwillen zu achten uns Raucher vor der Tür.

Ihr Lehrer läuft nicht einfach vor ihnen her, mir scheint eher, er läuft vor ihnen weg, als hätten seine markigen Kommandos ihn seine letzte Kraft gekostet im Kampf gegen ihre Handys, permanente Unlust einerseits, und Lust auf Chaos andererseits.


Natürlich bin ich pünktlich, dieses Mal mildtätig beglückt vom Bahnhof und einer mich und meinen Koffer nach oben fahrenden Rolltreppe.  Natürlich ist der Zug laut Anzeige „5 Minuten später“, was eine weibliche Stimme über Lautsprecher bestätigt.

Etwas aufgebrachter bin ich dann schon, als die gleiche Stimme plötzlich verkündet, der Zug fahre heute auf einem anderen Gleis ein. Und schon schimpfen wir alle über die deutsche Bundesbahn, als hätten wir nur darauf gewartet. Ungelogen, bei mir und den anderen Klang Befriedigung mit und endlich befreites Knurren, Murren und Gejammere. So waren wir uns doch sicher uns in Deutschland zu befinden, seinen unpünktlichen Zügen und unmöglichen Bahnsteigen, nur gebaut und so geplant, damit der Wind uns dort mal so richtig durchblasen kann und dem Gefrierpunkt näher bringen. So genossen wir es uns als Deutsche aufzuführen.
Natürlich kommen wir alle rechtzeitig, wenn auch knapp, am anderen Bahnsteig an, erschöpft vom Schimpfen und Hasten.


Aber der Sitzplatz, den ich danach im Abteil für mich einfordere, erbost auf meine Sitzplatzkarte zeigend, der steht mir wirklich nicht zu. Da hatte ich mich vertan bei den Karten und aus Versehen die für die Rückreise gezückt.


Bis ich mich wieder beruhigt hatte, erreichten wir schon das Leinetal, das behäbig in seiner Breite und seinen Hügeln neben uns her glitt, als traue es sich nicht Ecken und Kanten zu zeigen, als wäre ihm die Erde sicherer als der Himmel, das karge Leben näher als irgendein Paradies, Mut oder Phantasie.


Wie das Tal so die Menschen? Ich weiß es nicht. Aber es heißt so, man sagt es. Es hätten die frühen Reisekaiser, die Ottonen und Heinrichs,  sie zu sehr zu Diensten gezwungen und die Köpfe geduckt, als dass sich die nächsten Jahrtausende noch viel hätte erheben könnten. Und so hätten sie vergessen, dass sie Mensch geworden waren, als sie die Köpfe über die hohen Gräser gehoben und mutig hierhin vorgestoßen waren mit ihrem Feuersteinutensilien für Jagd, Feuer und Fischzubereitung.

Das näher kommende Göttingen sei keine Ausnahme, es ducke sich mit seinen Überresten  aus Mittelalter und Nachkriegsbaracken dicht in das Leinetal, ärgerlich über die Kirchturmspitzen die die Frömmlichen hier hochgezogen hatten, duckt es sich nah an das Plätscherchen von Flüsschen, das weder hier, noch vor- oder nachher sich selbst als Wässerchen darüber zu trüben scheint.


Dann sehe ich es, an den Hängen über Göttingen, das uralte Geismar, erkenne es an seinen verzweifelten in Beton gegossenen Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen, mit seinen Bettenburgen noch immer bitter klagend, dass dieses Fachwerkgerümpel im Tal zum Namen geworden war, obwohl viel jünger und unreifer, und nicht die Siedlung, in die sich die Bewohner einst aus dem Tal geflüchtet hatten vor den Raubrittern und Vagabunden, vorchristlich, aber nicht unchristlich, keineswegs das Geismar mit der gefällten Eiche des Iren Boni, nicht Irren, anderswie zum Kreuz gekommen und doch darunter geraten, eingevogtet vom fernen Kaiser und in Knechtschaft eines Vasallen, der als Fürst alle so drangsalierte, dass selbst die Göttinger die Nase voll bekamen und seine Burg schleiften. Ein unzuverlässiges Gesindel in den Augen der Geismararaner, zwar später Mitglied der Hanse und doch nur auf Händel und Streit aus mit allen, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machten. Und dies bis heute, betonen einige Altgeismaraner. Heinrich Heine und die Märchenbrüder wussten bereits ihr jeweiliges Lied davon zu singen.


Mich verbindet mit Geismar das Endgültige, der so rasch mögliche Wechsel vom Spiel in den Ernst des Lebens in seiner härtesten, klarsten Form: dem Tod.
Es war in unserem ersten Semester, in dem wir noch alle kulturellen und politischen Ereignisse in unsere Biographien reinzwängen wollten.
Der Tod kam auf die Bühne in Geismar, in ein Antikriegsstück des Trotztheaters. Er kam mit schnellerem Atem mitten im Kriegsgetöse vom Tonband hinter der Bühne. Dann atmete er schwer. Wir sahen im Fastdunkel nur noch schemenhafte Schatten hin und herlaufen, fallen, sich krümmen, darunter der Schauspieler Uwe Voth.  Sahen wenig, hörten trotz des Lärms ihre Bewegungen und diesen Atem, der immer heftiger kam, kaum noch durch die Brust zu kommen schien, ja, fast gar nicht mehr. Dann rief eine Stimme um Hilfe, um einen Arzt.
Wir saßen fasziniert ob der Echtheit der Szene stocksteif, betroffen einerseits und erwartungsfroh auf den Fortgang andererseits, dachten alle nur: „Ja, so ist Krieg!“ Und waren mit dem Theater mehr als zufrieden, schließlich versprachen wir uns von ihnen ja etwas Packendes, Gelungenes gegen den Krieg, für den Frieden, für den wir damals besonders waren unter der Bedrohung von Pershings, Cruise Missiles und weit von uns entfernter Präsidenten Stare-Wars-Phrasen-tasien.
Alles war gut, alles prima und anschließend bräuchten wir nur noch eine Pizzeria mit Preisen für Baföghaushaltskassen finden und der Abend würde mehr als gelungen für uns sein.
Aber das Licht ging an, Uwe Voth atmete wirklich nicht mehr, es wurde wirklich ein Arzt gebraucht, weniger um ihn zu retten als die Todesursache festzustellen.
Schweigend saßen wir noch eine Weile da, erschüttert, einige weinten, andere starrten nur ungläubig auf die Bühne. Das am nächsten Tag der Schauspieler Uwe Voth auf der ersten Seite der Bildzeitung landete, machte die Sache für ihn und uns auch nicht besser.
An Pizza, schönen Vino oder kühles Bier war auch nicht mehr zu denken.
Wie wir aus dem kleinen Theater herausgingen, Geismar verließen um in unsere Studentenbuzzen zu gelangen, wusste wohl keiner von uns hinterher.
Uns blieben für den Rest unseres Lebens Uwe Voths letzte verzweifelte Atemzüge auf dem Weg in seinen Tod auf einer Theaterbühne in Geismar.


Auf meinem Weg in die Reha-Klinik, in der auch Traumata-Patienten behandelt werden, frage ich mich nun, hier im Zug, während Geismar langsam hinter mir verschwindet, ob dies eines meiner Traumata sein könnte, eines dieser Ereignisse, die mir die schwarze Seele füllten, dieses schwarze Loch ohne fassbare Ecken und Kanten, ohne Gesichter und mögliche Verortungen, ohne genaue Erinnerung?
Haben wir es verarbeitet? Wie lange war sein Tod, unser Dabei-Sein noch Bestandteil unserer Gespräche, unseres Denkens?
Ach, wir waren so jung und so herrlich vergesslich, so wahnsinnig nach vorne orientiert. Wie sollten wir uns damit lange aufhalten, was hätte es ändern können? Ja, was? Vielleicht uns?


In Göttingen wurde uns der Sohn geboren, ungeplant, fast nicht mehr auf unserer Lebensplanliste, Nicht für das Kreuz, für das Leben haben wir ihn dort die ersten Jahre unterstützt beim Wachsen und Erwachen. Das Kreuz hatte seinen Sohn. Wir brauchen von unserem keine Vergebung, nur die für uns so spannende Teilhabe an einem Leben, dass zwar durch uns in Gang gebracht wurde, aber doch nicht das unsere ist.


Während Friedland mit seiner Glocke vorbeifliegt, ebenso die längst abgeklungene Euphorie über die dort Ankommenden, frage ich mich, warum auch immer, was es bewirkt haben mag im Leinetal, dass weder Geismar noch Göttingen je Kaiserpfalz waren, stattdessen dieses zum verrandeten Dorf mit neuzeitlichem Pendersiedlungscharakter Grone, Pfalz Grona, und schon gar nicht dieses Grone zwischen Autobahn und Bahnstrecke, nein, es war dieses bisschen Ge-Steine oben auf dem Kamm des Hügels entlang der Leine, längst geschliffen, abgetragen, woanders verbaut, was einst des Kaisers war.
Ja, was? Was Grona war, wurde verschart, was Nichts war weltberühmt, zumindest die hier begonnenen Grimmsmärchen, geräucherten Würste und wissenschaftlichen Ergebnisse (ja, siehe Heine, noch immer unschlagbar, nicht nur in Bezug auf Göttingen).


Das Große wird klein nur, was Klein ist zu groß, oder wie?


Rosdorf ist vorbei. Dort war unsere Bronzezeit, unsere Steinzeit. Dort fingen unsere Urahnen Fische, entwickelten die Angeln und vor allem die Netze. Und ich rutsche mehr, denn dass dieser Zug mich rollend fährt, an ihren Wirkstätten vorbei, nur ihre Faustkeile im Kopf und ihren Muschelschmuck.


Soll ich ihn verraten? Ja, ich verrate ihn, wenn auch nicht mit Namen, den kenne ich auch gar nicht. Auch nicht seine Herkunft. Sein Alter aber kann ich schätzen. Seine in die Jahre gekommene Bürgerlichkeit zwischen gut versorgt und Altersarmut im Pflegefall. Zur Zeit noch in der Auslaufzone, gerade um die 60 geworden.
Er sitzt zwischen mir und dem Gang des ICEs, das rechte Bein über das Linke geschlagen. Seine Kleidung habe ich schon vor 50 Jahren an Männern seines Alters und Standes gesehen: dicke Cordhose, dicke Tweedjacke, Typ englisches Fabrikat, Rolli, dunkelbraunes Schuhleder in Frachtkähneformat, auf keinen Fall italienisch, dafür mit dicken Sohlen und Streifensocken, wahrscheinlich an der Ferse frisch gestopft.
Ich liebe meine Vorurteile, je älter ich werde umso mehr und da er in ein paar von diesen Vorurteilen passt, liebe ich auch ihn, in diesen leider mit ICE-Trasse viel zu stark verkürzten und vertunnelten Minuten zwischen Hannover und Kassel.
Er wirkt müde, aber bemüht konzentriert. In seiner rechten Hand führt er einen noch länger tauglichen Bleistift, in der linken Hand eine Kladde, wie ich sie, ebenfalls in meinen Kinderjahren, oft bei Lehrern sah, aufgeschlagen bei einem wohl mit diesem Bleistift geschriebenen Gedicht in erkennbaren Strophen und wahrscheinlich Reimen.
Er dreht den Bleistift ständig um, da dieser am Ende ein Radiergummi festhält.
Er beginnt damit ein Wort auszuradieren, dreht den Bleistift, schreibt ein neues Wort. Findet ein anderes Wort, radiert es aus, schreibt ein neues. So radiert und schreibt er, schreibt er und radiert bis wir kurz vor Kassel sind. 
Natürlich bin ich neugierig, was für einen Text er so umgräbt und umgräbt wie der Maulwurf letztes Jahr unseren Garten.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er den Text, vielleicht ein Gedicht, vor allem genießt und braucht für das Wegradieren und neu Einsetzen von Worten, denke, dass er enttäuscht sein wird, wenn ihm kein Wort mehr radierfähig erscheint und Platz machen kann für ein neues.
Er liest seinen Text nicht. Er sucht darin. Tut dies so ruhig und entspannt wie die Frau zwei Sitze weiter vor uns ihren Schal weiter strickt.

….

Paco Lucia ist tot. Leider keine CD von ihm zur Hand. Nur auf Youtube. Aber das stottert hier und das will ich ihm zu Ehren und mir zum Genuss nicht antun. Bleibt die Erinnerung seines Spiels in meinem Kopf und damit nicke ich kurz ein.

 

Was würde Heine heute schreiben? Zum Beispiel über diese Landschaft mit ihren Asphaltbändern, Betonklecksen und fassadengrauen Flecken mal gewürfelt, mal vereinzelt, die nicht nur hier das Land „bestücken“?
Haben sie deswegen so viele Tunnel in die Kasseler Berge gegraben für die Züge, damit wir das gesprenkelte Elend draußen nicht mehr sehen?
Vielleicht schießen sie uns ja morgen nur noch durch solche Röhren? Konzepte dafür gibt es bereits. Als Alternative zum Autofahren!
Vorher gibt es dann beim Fahrkartenkauf „Happy-Trial-Pillen“, mit denen wir uns während der Schussfahrt fortträumen in die Züge der Vergangenheit, ihr Rattern zu hören, am Fenster vorbeiziehen, nicht fliegen, eine Landschaft wie sie nur noch die Kinderbuchillustratoren zeichnen, damit die Kinder nicht schon am Anfang nur noch bebaute Ungeheuerlichkeiten als Natur ansehen. Und dann träumen wir auch Kühe auf Weiden, goldgelbes Getreide statt grünen Mais, träumen Schweine und Hühner im Freigehege, träumen Weidenhügel und Eichen-, Birken- und Buchenwälder, träumen Weiden an Bächen die wie schlangen sich durch die Täler winden, richtige Weiden träumen wir, die noch Himmel anbieten für die Verliebten. Aber es ist zu befürchten, dass es diese Kapseln nur als Sonderzuschlag mit entsprechendem Zuschlagspreis gibt und der Rest, dem das zu teuer ist, darf sich während seines Schussfluges in „Flugmeditation“ üben.


Natürlich gibt es ab Kassel keinen Zug mehr für mich. Umsteigen in einen Bus oder zwei Stunden warten, heißt es. Der Bus sei aber mit der Fahrkarte nutzbar.

Also Bus. Der erste, der uns bis Fritzlar mitnimmt, sieht die Sache so wie die Bahn. Der zweite, der uns nach Bad Wildungen bringen soll, natürlich nicht. Sein Bus gehöre nicht zur Bahn und darum müssten wir zahlen. Ihn interessiere nicht was die Bahn sage und seine Firma rufe er deswegen auch nicht an. Wir müssten  ja nicht mit ihm fahren, könnten doch auch zum Bahnhof gehen und dort den nächsten zug abwarten. Alle meckern, schimpfen, protestieren. Es hilft nichts. Wir müssen abdrücken. Eine ältere Türkin neben mir lächelt und sagt: „Ist doch auch schön, so merken wir dass wir in Deutschland sind.“ Daraufhin wäre ich am liebsten sofort der Deutsch-Türkischen Freundschaft beigetreten. Genau dieser Gedanke war mir heute doch schon mal begegnet. In diesem Sinne: es lebe die deutsche Engstirnigkeit und Bürokratie.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Donnerstag, 3. April 2014

Das letzte Glas



Das Haus war festlich erleuchtet und die ausgelassene Stimmung bis zu dem großen Garten, eher ein Park, hin zu spüren. Über allem waren bereits in die hoch kriechende Schwärze Sterne aufgezogen und ein schmaler Sichelmond,
als der alte Mönch am Ende des mit Essensresten, Weinflaschen und Gläsern überfüllten Tisches sich erhob und auf seine leise Weise begann sich zu verabschieden von der munter plaudernden und dem Alkohol nicht wenig zusprechende Runde.
Da unterbrach ihn die Gastgeberin, stand auf wie er, schaute sich beim Sprechen mit glänzenden Augen unter mächtig onduliertem Haar zu ihren Gästen um. Sie verwies auf das ja erst halbleere Glas des Mönches und dass der gute Wein darin doch eine Verschwendung wäre, die dieser und sein Winzer nicht verdient hätten. Er solle es daher doch als guter Christ und Freund der Weinberge des Herrn in Ruhe zur Gänze leeren und genießen.
Da schüttelte der so Ausgebremste seinen Kopf, sah die Rednerin dabei voll der Milde an und sagte:
„Entschuldigen Sie mich, bitte! Verehrte Gastgeberin, bitte und wirklich ganz herzlichen Dank für Ihre Bewirtung. Aber dieser Wein dort in meinem Glas, der würde tatsächlich ein Opfer der Verschwendung und Missachtung, tränke ich ihn jetzt aus und schüttete ihn zu den anderen Tropfen, die ich bereits, und das sehr, liebe Gastgeberin, dank Ihnen hier genießen durfte.
Möge er besser in ihrer Runde noch ein wenig ruhen und sich setzen und dann ohne Umweg über meine eifrig arbeitende Magensäure seine letzte Reise antreten zurück in das Wasser, aus dem wir alle laut den Wissenschaftlern ja dereinst an Land gekrochen, nicht wir, doch aber das, was sich genetisch auffinden lässt. Denn wie sprach doch der Herr, Wasser werde zu Wein und Wein zu Wasser und meinem letzten Schluck hier gönne ich gerne dieses Werden von Einem zum Anderen.
So sollten wir es immer und alle halten, dem letzten Schluck gönnen, was ihm gebührt, wie viel mehr an Genuss bliebe uns in Erinnerung, an wie viel mehr von der Köstlichkeit seiner Aromen und Würze könnte uns den Tag versüßen und den Geist stärken in wohliger Zufriedenheit.
Trinken wir aber alles stets aus bis zum letzten Tropfen, erweckt uns am Morgen nur die Sehnsucht nach weniger Schmerzen, Durst und Nebel im Geist, wünschen wir uns nur noch, nicht erinnert und schnell wieder klar zu werden.
Ich für meinen Teil danke Ihnen sehr für die guten Tropfen und wünsche auch Ihnen den rechten Genuss derselben.“

Sprach es und ging.

Verdutzt und schweigend sahen alle hinter ihm her, manch einer zaghaft den Kopf schüttelnd, saßen so eine Weile, ohne dass einer zum Glas griff, weder zum Wein noch zum Wasser. 

Schließlich erhob die Gastgeberin wieder das Wort, diesmal aber sitzend.
„Was meinen Sie, liebe Freunde und Verwandte, war unserem Mönch nun sein Glas halbvoll oder halbleer?“
Niemand antwortete, einige zuckten mit den Schultern, die meisten machten eher ein ratloses Gesicht.
Die Gastgeberin gab sich mit dieser Art Antwort zufrieden und begann mit ihren Tischnachbarn das Gespräch fortzusetzen, das sie wegen des Aufbruchs des Mönches unterbrochen hatte. Auch die anderen gaben sich den bei solchen Festlichkeiten üblichen Beschäftigungen hin und bald schon musste neuer Wein herbeigeschafft werden.


Erst der Verlauf des nächsten Morgens und die Art der Begegnung mit dem neuen Tag rief den meisten der Festteilnehmer die Worte des alten Mönches in Erinnerung und einige beneideten ihn jetzt ob seiner Entscheidung es gut sein zu lassen mit dem Wein und dem letzten Schluck.

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Dienstag, 3. Dezember 2013

Das Märchen von der Alm


Es war einmal in einem Land des kalten Nordens ein sehr armer Mann und eine ebenso arme Frau. Sie hatten im Krieg ihre Kindheit verbraucht und im Frieden ihre Kraft.
Die Frau war fünf Tage in der Woche, bisweilen auch sechs, in die Fabrik gegangen an ein Fließband und hatte dort schlechte von guten Corn Flakes getrennt.
Der Mann stand jeden Arbeitstag 10 Plätze weiter und klebte die Cartons mit den Corn-Flakes-Schachteln zu und fuhr Palette um Palette in das Lager.
So taten sie es jeden Tag, zu Beginn 10 bis 12 Stunden am Tag, später 8 bis 10 Stunden und von einem Tag zum anderen gar nicht mehr.
Der Fabrikbesitzer hatte eine neue Fabrik bauen lassen in einem anderen Land und seitdem gingen sie jeden Sonntag zu ihrer alten Fabrik. so wie andere Leute, zum Beispiel ihre Nachbarn, auf den Friedhof.
Verlassen stand die Fabrik vor sich hin, von Unkraut bewachsen und kam ihnen mehr und mehr vor wie ein Dornröschenschloss.
Diese beiden nun hatten 3 Jungen aber nur ein Mädchen. Die liebten sie über alles und opferten ihr ganzes Geld und ihre ganze Kraft, damit die es einmal besser haben können.
Es war die Zeit, in der solche Wünsche noch in Erfüllung gingen und so zogen die vier aus, ihr Glück in anderen Städten zu suchen.
Der erste Sohn machte eine Lehre in einer Bank, studierte danach BWL, was immer das heißen mochte, und bekam einen  besser bezahlten Job bei seiner Bank.
Er stieg rasch auf und wurde fast zu einem Kronprinzen unter einem Kronprinzen der fast ein Kronprinz unter einem Kronprinz geworden war, also eigentlich alle schon richtige Prinzen.
Der zweite Sohn machte eine KFZ-Lehre, fand einen Arbeitsplatz bei einer Fabrik die Autos baute, machte abends noch seinen Meister, dann den Ingenieur und stieg auf zu einem Kronprinzen unter einem Kronprinzen, na den Rest kennen Sie ja schon. Also auch fast schon prinzenmäßig, seine Kariere.
Das Mädchen aber konnte sich lange nicht recht entscheiden. Schließlich war ihr Geld alle und da sie nicht so naiv wie das Mädchen im Sterntalermärchen war, stellte sie sich an die Straße und verkaufte vorbeifahrenden Männern ihre Liebe. Das tat sie so gut und so oft, dass sie von dem damit verdienten Geld ein großes Haus kaufen konnte. Dann suchte sie andere Mädchen, die ihre Liebe an Männer verkaufen wollten und brauchte nicht mehr selber das zu tun. Sie behielt ihre Liebe von da an für sich selbst und wurde trotzdem reicher und reicher und konnte sogar da ihre teuren Kleider einkaufen, wo sonst nur echte Prinzessinnen einkaufen gehen. Nur für ihre Liebe fand sie niemanden, der sie umsonst, ja geschenkt genommen hätte, oder sie fand niemanden, dem sie ihrerseits ihre Liebe gerne geschenkt hätte.
Insoweit hängt dieses Märchen noch ein wenig dürr in der Luft.
Aber da fehlt ja auch noch ein Junge! Genau. Der Dritte! Der wanderte nicht weit in die weite Welt hinaus, trampte lieber, wenn es ihm zu Fuß zu weit war, und lernte so eher ausversehen fast die halbe Welt kennen. Mit der Zeit ging auch ihm das Geld aus. Er verkaufte nichts, nicht mal seine Liebe, sondern begann auf einem Bauernhof zu arbeiten als Knecht.
Eines Tages befahl ihn die Bäuerin in die gute Stube, die eigentlich nur an Festtagen und nach Beerdigungen genutzt wurde.
Ihr Knecht war daher sehr verwundert und etwas aufgeregt, als er die gute Stube betrat.
Die Bäuerin saß im großen Ohrensessel und ließ ihn auf einem Stuhl am Tisch Platz nehmen. Sie hatte sogar die Plastikdecken entfernen lassen, die ansonsten das Mobiliar vor zu viel Licht bewahren sollten.
„Hugo,“ begann sie. „Du hast vielleicht schon von meinem Bruder gehört, der einen Almhof in den Bergen besitzt?“
Er verneinte. Er hörte nie viel, arbeitete lieber vor sich hin ohne auf seine Umgebung zu achten.
„Macht nix. Der arme Kerl jedenfalls fühlt sich alt und sucht nun einen tatkräftigen Schwiegersohn. Ich habe ihm mitgeteilt, dass Du der Richtige dafür bist.“
Hugo, der dritte Sohn eines armes Mannes und nun Knecht war sprachlos.
„Und wenn ich lieber hierbleibe?“
„Das, lieber Hugo, wäre Unsinn. In diesem Märchen geht es gesittet zu und da macht der dritte Sohn stets sein Glück für ein gelungenes Happy End“
Und damit wies sie ihn aus der guten Stube, seine Sachen zu packen und fort zu ziehen.
Was sie ihm nicht gesagt hatte war, dass er ihr Angst gemacht hatte mit seiner bescheidenen Art. Nie hatte dieser Hugo es versucht Fast-Prinz bei ihr als Fast-Königin eines großen Hofes zu werden, was doch alle Kerle hier auf dem Hof ständig versuchten. Immer hatte der arme Hugo nur stumm seine Arbeit verrichtet, nicht schnell und nicht langsam, nicht besonders fröhlich und nie verärgert oder übellaunig. So jemand musste ihr unheimlich sein.
Hugo fand schnell heraus, dass es unmöglich ist zu einem Almhof hoch zu trampen und so machte er sich auf den längsten Fußmarsch seines Lebens.
Schließlich kam er zu einer jungen Frau, die trotz der heißen Sonne emsig Kräuter am Wegrand herausriss.
„Warum tust Du das, liebe Maid?“
„Bin keine Maid, lieb schon gar nicht. Siehst Du nicht, dass das Unkraut ist. Das muss weg, muss weg! Dummkopf, mach besser, dass Du weiter kommst.“
Hugo schüttelte den Kopf, verabschiedete sich höflich und ging weiter bis er zu einem groß gewachsenem Mann kam, der mit einer Säge Bäume fällte am Straßenrand.
„Warum tust Du das, hochverehrter Herr?“
„Bin kein Herr, hochverehrt schon gar nicht. Siehst Du nicht, wie gefährlich die Bäume für die Autos sind? Dummkopf, mach besser, dass Du weiter kommst.“
Etwas weiter oben traf Hugo eine alte Frau, die pflanzte kleine Bäumchen am Straßenrand.
„Warum liebe Frau, tut Ihr das?“
„Wegen der Schönheit, netter Knabe. Wegen der Schönheit der Natur.“
Bei der Frau blieb Hugo, half ihr eine Weile und durfte dafür bei ihr sein Nachtlager nehmen. Am nächsten Morgen trug sie einen schweren Sack mit Kräutersamen auf die Wiese. Er nahm ihn ihr sofort ab und half ihr beim Aussäen.
Er fragte sie erst gar nicht, warum sie das tat, dachte sich gleich, dass sie es für die Kühe tat, die um sie herum auf den Weiden ihr Futter suchten.
Aber als wenn sie seine Gedanken erraten hätte, nickte sie und sagte: „Richtig, lieber Knabe. Aber nun mache Dich auf zu dem alten Bauern. Er lebt wohl nicht mehr lange. Zum Dank für Deine Hilfe will ich Dir aber noch einen Rat mit auf den Weg geben:
„Seine böse Schwester hat Dir nicht gesagt, dass der Bauer jemanden für seine ungehorsame Tochter als Bräutigam sucht, eine sehr hübsche und kluge Tochter, wenn Du mich fragst. Bisher hat sie jeden Knecht wieder vom Hof verjagt, denn keiner konnte es ihr Recht machen. Der Alte hat nämlich jedem die Aufgabe gestellt den Hof größer und reicher zu machen, damit er sicher sein kann, dass seine Tochter auch künftig gut leben kann. Nun mein Rat für Dich, und höre gut zu und vergiss ihn nicht:
Nicht alles was mehr ist, ist auch mehr.
Nicht alles was größer ist, ist auch größer.
Nicht alles, was mehr Gewinn verspricht, ist auch mehr Gewinn!
Kannst Du Dir das merken.“
Hugo nickte, wenn er den Sinn auch nicht recht verstehen konnte. Trotzdem bedankte er sich artig und zog weiter seines Weges bis hinauf zu dem Almhof. Da rannte ihm laut fluchend ein kräftiger Kerl entgegen. Hugo hielt ihn an und fragte, warum der so wütend sei.
„Was soll ich nicht wütend sein, Du Narr, “ schrie der. „Habe ich doch seine Milchproduktion um das Doppelte gesteigert. Und was macht dessen verblödete Tochter. Sagt: „Nicht genug. Längst nicht genug!“ Die hat sie doch nicht mehr alle, die blöde Kuh. Und dann haben sie mich ohne einen Euro von ihrem Hof gejagt.“
Kurze Zeit später fand er einen jungen Mann heulend im Gras sitzen und der hatte Mastställe für tausende von Hühnern angelegt und war trotzdem davon gejagt worden. Er traf noch einen, der hatte eine Schweinemast aufgebaut, ein anderer wiederum eine Biogas-Anlage auf- und jede Menge Mais dafür angebaut und der letzte den er traf, der hatte Windanlagen auf die höchsten Erhebungen gebaut.
Hugo merkte sich all diese Versuche und sagte sich, dass die Tochter vielleicht etwas ganz anderes sich wünschen könnte, wenn die Alte Recht behalten sollte mit ihrem Spruch.
Auf dem Almhof angekommen fand er alle möglichen Ställe und Maschinen vor, nichts aber was ihn an einen Almhof erinnerte.
Er ging in das Bauernhaus und traf die Tochter in der Küche sitzen beim Schnippeln von Bohnen.
Sie begrüßten sich und er trug die Grüße und den Vorschlag seiner Bäuerin vor.
„Ach die! Die hat es bestimmt nicht gut mit Dir gemeint. Und mit uns sowieso nicht. Sie besucht uns nie und hält uns für arme Schlucker und Hinterwäldler.“
„Und, seid ihr das?“ fragte Hugo, ohne groß nach zu denken.
„Du gefällst mir. Mut hast Du anscheinend. Ja, lieber Herr Knecht, sind wir und das sogar gerne.“
Damit führte sie ihn zu den Stallungen zu ihrem Vater. Der begrüßte den neuen Kandidaten unwirsch und befahl ihm keine weitere Zeit zu verschwenden und los zu legen.
Das ließ sich Hugo nicht zweimal sagen. Er begann mit dem Abriss der Schweinestallungen seiner Vorgänger, die Tiere aber ließ er hinaus ins Freie, sich dort unbeschwert zu suhlen. Danach baute er den Schweinen größere Ställe, in denen sie Platz hatten und sich bewegen konnten.
Damit war er so beschäftigt, dass er Tochter und Vater ganz vergaß. Schließlich hielt es die Tochter nicht länger aus und kam zu ihm, zu fragen ob er fertig und dies sein Plan sei für ihre gemeinsame Zukunft. Mit großer Verwunderung sah sie dabei seine Arbeit an.
„Sag an, wie soll das jetzt mehr bringen?“
„Weniger ist mehr,“ antwortete ihr Hugo ruhig, ohne von seiner Arbeit auf zu blicken.
„Außerdem bin ich noch längst nicht fertig!“
Da er sich nicht weiter um sie kümmerte ging sie zurück zu ihrem Vater, dem zu berichten. Der hörte nur verwundert zu und nickte.
Hugo dagegen tat alles weiter genau so mit den Ställen für die Kühe und die Hühner. Auch von den Windanlagen ließ er nur drei stehen. Er verfütterte die großen Haufen an gekauftem Futter, allerdings jeden Tag etwas weniger, bis kein Körnchen mehr auf der Erde lag. Er begann wie die Alte Kräuter zu säen, an den Enden der Weiden neue Büsche und Bäume zu pflanzen, führte die Tiere jeden Tag dorthin, wo sie auf den Weiden genug Futter fanden. Die Biogas-Anlage fütterte er nur mit Abfällen und ließ aus den Maisflächen wieder wunderschöne Bergwiesen werden.
Mit der Zeit kamen immer mehr Wanderer, lobten alles und baten um Nahrung und Getränke. Diese brachte ihnen die Tochter gerne, froh auch etwas tun zu können. Die Besucher zahlten ihr gern auch die Preise, die sie auf einer alten Schiefertafel geschrieben hatte, ist doch umsonst nur der Tod.
Nach jeder seiner Aktionen aber kam die immer ungeduldiger werdende Tochter zu Hugo und stellte stets die gleiche Frage und erhielt von ihm stets die gleiche Antwort. Ganz zum Schluss baute er auch noch den alten Bauernhof zurück, entfernte alle Betonanbauten und gab den alten Balken und Dielen neuen Glanz.
Als danach die Tochter wieder kam, sagte er ihr:
„Hört, was eine alte Frau mir mitgab auf meinen Weg zu Euch:
Nicht alles was mehr ist, ist auch mehr.
Nicht alles was größer ist, ist auch größer.
Nicht alles was mehr Gewinn verspricht, ist auch mehr Gewinn!“
Da lachte die Tochter laut auf und rief: „So eine kleine, gemeine Verräterin, diese Alte! Ach, ich danke ihr dafür! Willst Du, lieber Hugo, mein Mann werden?“
„Nichts lieber als das“, antwortete Hugo und hob sie hoch und trug sie zu ihrem Vater in das Haus. Auch der gab erleichtert und mehr als froh seinen Segen dazu. Fühlte er sich doch endlich wieder wie zu Hause und jeden Tag lachten ihm die Tiere mehr zu, die so glücklich über Hugos Veränderungen schienen wie er.
Nur wenig später machten sie sich auf den Weg zu Hugos Vater, dem die schöne Nachricht und die Einladung zur Hochzeit zu überbringen.
Es hatte sich aber in der Zeit zugetragen, dass der älteste Bruder sich an der Börse verspekuliert hatte, einen Schlaganfall bekommen und nun verarmt in der kleinen Hochhauswohnung seiner immer noch armen Eltern hauste.
Auch der zweite war zurückgekommen. Der hatte zu viel und zu lange gearbeitet, bis er keinen Finger mehr rühren konnte und nachts nicht mehr schlafen. Man nannte seine Krankheit burn-out und er galt nicht länger als belastungs- und fast-prinzenfähig.
Ihre Schwester aber hatte ihr Haus an eine Räuberbande verloren, die nun ihre Mädchen Liebe verkaufen ließen, gegen noch mehr Geld als sie. Die Schwester hatte vor Zorn einen Herzinfarkt nach dem anderen bekommen und lag seitdem regungslos auf dem Sofa ihrer Eltern.
Diese Truppe trafen Hugo und seine Liebste bei ihrem Besuch an. Was gab es da für ein Staunen, das er als einziges Kind noch gesund und munter und offensichtlich auch bestens versorgt war. Sie herzten sich lange und konnten noch länger nicht aufhören einander zu erzählen, was ein jeder von ihnen erlebt hatte.
Am nächsten Morgen aber nahm Hugo seinen Vater zur Seite.
„Ich sehe nur eine Lösung, Vater. Ihr kommt alle mit auf unseren Hof, vielleicht, dass meine Geschwister dort wieder gesund werden.“
Und so geschah es ohne viel Protest von Seiten der anderen. Über dem Eingang des Almhofes aber ließ Hugo ein großes Schild anbringen mit dem Spruch der Alten.
Kaum hing es dort kam diese den Berg hoch und gratulierte dem Brautpaar.
„Na ja, Dank haste wohl genug, lieber Knabe, aber hier habe ich doch ein Brautgeschenk für Euch. Es sind die besten Kräuter, die ich finden konnte. Sie halten und machen Euch gesund, solange es nur im Leben möglich.“ Und verschwand am Morgen nach der von allen freudig und fröhlich gefeierten Hochzeit für alle Zeit.
Auf dem Almhof aber ging bald ein ganz anderes und fröhlicheres Leben los, so gut, dass der Vater der Braut auch länger leben wollte und auch alle Geschwister, nicht zuletzt dank der Kräuter, gesund wurden und munter.

Und weil Märchen so enden müssen, freuen sie sich und pflegen die Kräuter noch heute, wenn sie nicht doch längst gestorben sind, wie so manche Hoffnung, die in ihrem Märchen mitschwingt. Aber das wäre ja nicht märchenhaft. Und wem das nicht schmeckt, der sei verhext, wer dagegen etwas unternimmt, dem sein Leben nicht märchenlos verrinnt. Nun gebt ruh, dieses Märchenbuch ist jetzt zu.