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Donnerstag, 7. November 2013

Das Dichtertreffen im Spiegelsaal


Ein König, der sehr stolz darauf war, dass sein Reich das Land der Dichter genannt wurde, hatte eines Tages eine Idee, wie er die Dichtkunst noch mehr steigern könnte.
Er lud alle Autoren seines Landes zu sich auf das Schloss ein und wenn es zu Hofe geht, das kannte er bereits, traute sich keiner zu fehlen. Nicht mal die Aufmüpfigen, die Spötter und Untergangspropheten. Alle kamen sie, die einen zu Fuß, die anderen in Fahrzeugen, wenige konnten es sich leisten, sich vorfahren zu lassen.
Das Volk sah staunend dem Aufzug der Dichter zu und erhoffte sich ein großes Spektakel.
Der König begrüßte jeden und jede der Autoren mit Handschlag, bat sie dann alle in den großen Spiegelsaal zu kommen. Als alle eingetroffen und begrüßt waren, ließ er die Türen des Saales fest verschließen und postierte vor den großen Fenstern seine Soldaten.
Auf dem lang gestreckten Tisch in der Mitte des Saales aber hatte er einen Brief gut sichtbar positioniert. In dem stand, dass sie nun alle ein Textchen verfassen mögen und unter sich auf dieser schöpferischen Grundlage den besten Poeten oder die beste Poetin des Landes wählen. Diese dürften dann den Saal verlassen. So sollten sie es so lange weiter tun bis nur noch einer oder eine von ihnen übrig bliebe, die selbstverständlich dann auch frei käme. Dies alles solle geschehen zu Ehren der Literatur und dem Ruhme des Landes der Dichter.
Nachdem die Erregung sich bei fast allen wieder gelegt hatte, nicht unwesentlich unterstützt durch die Aussicht diesen Saal mit Spiegeln und ohne jedes Getränk oder gar Speise schnell wieder verlassen zu können, begannen sie zu texten, zu reimen, gegen zu reimen und zu monologisieren oder dialogisieren, vertieften sich in bildhafte Beschreibungen und bald schon war kein Laut mehr von ihnen zu hören als das hundertfache Kratzen der Stifte auf den großzügig überall verteilten  edlen Pergamenten.
Sie kannten alle den König als großzügigen Herrscher, zumindest seinen Dichtern gegenüber und so träumten sie beim Schreiben von herrlichen Weinen und erlesenen Gerichten, was sie nicht daran hindern konnte immer wieder sich selbst in den großen Spiegeln zu betrachten und sich selber wohlgefällig zu zunicken..
Bei der ersten Abstimmung gewann mit Abstand der älteste unter ihnen, ein längst schon preisgekrönter und mit Ehrungen überhäufter Dichter, von dem die wenigsten im Lande wussten, dass er noch am Leben war.
Der König sah ihn, umarmte den Alten und ging mit ihm zu Tische, wo der Alte traurig zu sah, wie der König zu sich nahm, was ihm dem Alten vom Arzt verboten worden war. Der König tröstete ihn mit einem weiteren Ehrentitel und als dessen Zugabe ein schönes Stück Land in den Bergen, was der Alte mit Freuden annahm.
Bei der zweiten Abstimmung dauerte es schon länger, bis die „First Lady“ unter ihnen gewann, eine Autorin vieler sprachgewaltiger Theaterstücke und wie der Alte schon lange berühmt und zur Verwunderung mancher noch immer lebend unter ihnen weilend.
Auch diese führte der König zufrieden mit seiner Idee zu Tische und die Dichterin aß und trank, wie er meinte, noch nie in seinem Leben eine Frau oder Künstlerin gegessen und getrunken gesehen zu haben. Nach dem Mahl überreichte er ihr ebenfalls einen Titel und ein großes  Gut, auf dem Schweine und Rinder gemästet wurden, dazu ein kleines Weingut in den Bergen. Sie bedankte sich artig und ließ sich davon tragen auf einer Sänfte, so hatte sie bei Tische zugelangt, dass sie nicht mehr selber zu gehen imstande sich sah.
Aber die dritte Wahl, die sollte dem König arg lang werden. Schließlich verlor er die Geduld und ließ einen weiteren Brief hinein bringen. Darin stand für die Dichterrunde in großen scharf geschnittenen Buchstaben zu lesen, dass ihr König sich außerstande sehe ihnen Getränke und Nahrung zu bringen, bevor nicht alle dichterischen Werke vollendet seien, da Speis und Trank bekanntlich keine gute Dichtung hervor brächten, nur sattes Gerülpste. Vor allem die letzten Worte erstaunte die Runde sehr, waren sie solch Töne von ihrem König bisher eher nicht gewöhnt. Und nach einigen hitzigen Wortgefechten einigten sie sich dann doch auf den Jüngsten unter ihnen, einem wild um sich blickenden Kerl mit krausen schwarzen Haaren. Der war bereits bekannt für seine sittenlosen Texte und heftig bösen Attacken gegen den König.
Als der König diesen nun heraus treten sah, war ihm der so recht wie die Anderen, lud ihn zur Tafel und siehe da, der junge Mann hatte Appetit und sagte auch bei dem Wein nicht nein.  Diesem Dichter schenkte er nach dem Mahl ein Gefängnis, in dem der fortan wohnen aber jederzeit raus und rein konnte, im Gegensatz zu den anderen Gefangenen. Der Dichter war begeistert und lobte fortan den König nur noch als mehr als weisen Mann.
Der König aber, wieder alleine und lange wartend, wusste sich ob seiner Dichter keinen Reim. Wieso wählten die nicht einfach einen nach dem anderen raus? Wo konnte da ein Problem für sie sein, was für ein Hindernis?
Er kannte seine Dichter eben doch nicht gut genug. Die Restlichen wählten alle nur sich selbst und wollten keinem anderen den Vortritt lassen. Sie wählten und wählten und jedes Mal bekam jeder und jede nur eine Stimme.
Wir normalen, nicht der Dichtkunst so fähigen Leute, hätten daraufhin, alleine des Hungers und des Durstes wegen, wohl unsere Strategie gewechselt. Nicht so aber diese Poeten.  Die wählten und wählten, schrieben, diskutierten, stritten und wählten.
Der König wurde darüber sehr zornig und rief in seiner Wut:  „Dann sollen sie eben alle verdursten und verhungern!“ Auch diese Botschaft ließ er auf Pergament groß und gestochen geschrieben zu ihnen bringen.
Nun kannte auch deren Empörung und Wut keine Grenzen mehr, sie schrien und schimpften, schrieben grimmige, böse, verletzende Theaterstücke, Gedichte und Romane gegen ihn.  Vergaßen darüber das Wählen und den Hunger, bis der Mangel an nahrhafter Stärkung sie erschöpft vor den Spiegeln niedergleiten ließ. Da konnten sie sich in Ruhe mit müden, sterbenden Augen betrachten. Ein jeder und eine jede versuchte noch ein stolzes Lächeln auf das bereits bleiche und bis auf die Knochen abgemagerte Gesicht zu zaubern und verschied.
Das Malheur für den König war dann doch sehr anders, als er es gewollt hatte. Traurig ließ er die Dichterrunde in ein gemeinsames Großgrab legen und schenkte ihnen ein riesiges Denkmal mit der Aufschrift „Hier ruht des Landes ganzer Stolz und Dichtung, möge sie in Frieden ruhen und nie vergessen sein.“
Kurz darauf verschieden auch der alte Dichter und die Dichterin. Nur der junge Dichter lebte noch eine Weile fröhlich in seinem Gefängnis vor sich hin, bis er eines Tages auf die verrückte Idee kam, einen Tag lang mit einem der Gefangenen des Königs tauschen zu dürfen. Der Gefangene war begeistert und verließ unverzüglich das Gefängnis, suchte keineswegs die Dichtung, nur das Weite. Als der König davon erfuhr und davon, dass die Wächter ohne Ersatzgefangenen den Dichter nicht freilassen mochte, war es zu spät. Der junge Dichter hatte sich mit einer Scherbe bereits die Kehle durchtrennt und mit seinem Blut mit letzter poetisch bereits stark geschwächter Kraft an die Wand geschrieben:
„Für Dich mein weiser König
opfere ich gern mein junges Leben
der Du hast dem Land und
uns Dichtern so viel gegeben“
Der König war daraufhin sehr traurig und sehnte sich seine Dichter zurück, mochte nicht länger nur in ihren alten Werken lesen.  Noch schlimmer aber erging es seinem Volk, dass nun an von niemandem mehr das Volk der Dichter geheißen. Man las wie anderswo nur noch in Briefen, das auch selten, Nachrichten in den Anzeigenblättern und schwer verständliche Fachbücher und Magazine, was einer halt so muss und braucht, der nicht dichtend ernähren kann sein Leben.
Eines Tages aber, nach mehr als vielen hundert Jahren, begann eine junge Bauerstochter auf ihrem Trecker Gedichte zu verfassen, die reinste Poesie, voll mit Blumen, Bäumen, Herz und Schmerz. Als das ihr Vater mitbekam, schlug er ihr den Apple-Ipod aus der Hand und verbat ihr, damit je zum König oder sonst wo hin zu gehen.
„Du weißt doch, wie der König damals seine ach so geliebten Dichter verhungern und verdursten ließ!“
„Aber unser Volk, das sehnt sich doch nach Literatur und Dichtern zurück.“
„Wie kommst Du auf diesen Schmarrn. Hier seht sich keiner nach Dichtung. Die füllt nur den Geist mit Schwachsinn und nicht den Magen. Achte lieber auf die Furchen, die Dein Trecker fährt.“
„Aber Vater, der König ist seit Jahrhunderten tot und außerdem haben wir längst die Demokratie hier im Land!“
„Umso schlimmer, weißt Du wie die Politiker sind, die jetzt die Macht haben? Also, vergiss es besser und vor allem schnell mein Kind!“
Und so kam es, dass in diesem Märchen keine junge Maid das Königreich oder die Dichtung dem Land rettete. Schade drum. Obwohl, das Volk ja, aber der König und die Politiker tun mir weniger leid. Hoffe inständig und sehr, dass sie diese Zeilen hier nicht als Zeugnis meines heimlichen Dichterseins auffassen und nach mir rufen lassen.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Barbara Naziri


Hommage an eine wunderbare Lyrikerin

die deutsch-iranische Autorin

Barbara Naziri

schwarzer Tulpen Donnerwolken
grüner Bänder Himmelsstürme
alles drin in Deinen Worten
bunter Schmetterlinge Friedenshoffen

stehst uns bei zwischen den Mauern
gegen die Fledermäuse aus dem Palast
lässt uns horchen ihren Fluggeräuschen
sehen was da lebt und was schon Leich

grünes Leuchten bringst Du Rose
noch im argen Wintertreiben
hältst uns hin den reichen Kelch
aus deiner Lyrik Frühlingsknospen

bist Du Deinem Land die Dornen
und der Rose ganze Pracht
bist Du uns auch hier geworden
treu und scheu Herz mit Verstand

https://www.facebook.com/BlackBary?ref=ts&fref=ts


Dienstag, 8. Oktober 2013

Eines Künstlers Fragen an seine Nutznießer



müssen ein Text, ein Bild, ein Lied
wirklich in bestimmten Formen
gestaltet daher geschwungen kommen
oder wäre es nicht besser vielleicht
sie löten anders rum gegen den Stachel
verwirren uns lassen den Rhythmus
mal aus den Takt geraten oder
mischen neu ganz andere Farben
aus Asphalt Stacheldraht Tablettengrau
brechen den Reim bringen so uns beim Lesen
völlig aus dem Takt uns stottern wie Greise
der Sprache völlig ungeübt auf neue Weise
angestoßen lesend betrachtend lauschend
statt in gewohnten Bahnen altbekanntes
abzufeiern nur zu schwelgen in dem
was jeder von uns schon viel zu lange
zu besitzen glaubt und wohin führe uns das
was davon ließe sich wirklich genießen?

müssen ein Text, ein Bild, ein Lied
wirklich eindeutig daher kommen
oder wäre es nicht besser vielleicht
sie kämen deutlich zu uns rüber
ausdrücklich und wahrhaftig
mit des Herzens
listigem Wimpernschlag
uns lustvoll einschenkend
die Freiheit des Entdeckens
Staunens Fragens Wunderns
auch Entsetzen einfach spüren lassen
uns auf zu schrecken ohne Antwort
uns überlassen den großen Strömen
des Nachdenkens und Nachfassens
statt eindeutig auf die eisglatten
knallharten Pisten verwiesen zu werden
was davon ließe sich wirklich verwenden
und wo würden wir damit enden?

Dienstag, 1. Oktober 2013

Sprachlos in der Kunsthalle



Ein Mann steht ruhig vor einem Bild, als ein Bekannter von ihm vorbei kommt. Sie begrüßen sich mit einem Handschlag und der Mann wendet sich wieder dem Bild zu.
„Gefällt ihnen das?“
„Was?“
„Das Bild?“
„Wieso?“
„Weil Sie davor stehen.“
„Ich stehe davor, weil ich es mir ansehe.“
„Ja, klar, und, gefällt es Ihnen?“
„Das ist doch keine Frage.“
„Nein? So gut finden sie es?“
„Nein.“
„Also gefällt es Ihnen doch nicht?“
„Vielleicht. Mal sehen.“
Der Bekannte lässt ihn eine kurze Weile in Ruhe das Bild weiter betrachten, sieht auch selber hin. Schließlich hält er es nicht mehr aus.
„Was sehen Sie? Ich meine, was kann man da erkennen?“
„Das was Sie sehen.“
„Mhh!“
Nach einer weiteren Weile des Betrachtens beginnt der Bekannte wieder zu fragen.
„Was denken Sie, ich meine, während Sie das Bild so intensiv betrachten. Was denken Sie?“
„Nichts.“
„Sie denken nichts, also sagt Ihnen das Bild auch nichts?“
„Doch.“
„Also denken Sie doch.“
„Nein, aber das Bild sagt mir etwas.“
„Mir aber nicht. Was will Ihrer Meinung nach, denn der Künstler uns damit sagen?“
„Würde ich es Ihnen sagen können, hätte der Künstler kein Bild geschaffen sondern einen Text geschrieben. Es sagt mir halt zu.“
„Aber Sie denken nicht dabei? Wie geht das denn? Wo es doch angeblich etwas zu Ihnen sagt?“
„Es ist ein Bild!“
„Ja, das sehe ich auch.“
„Da muss man nicht denken, sondern hinsehen, verstehen Sie, hinein sehen, es auf sich wirken lassen. Dann kommen einem die Bilder von allein.“
„Bilder? Ich sehe nur eins.“
„Weil sie denken und reden statt einfach nur still es sich an zu sehen.“
„Ich sehe aber nichts.“
„Wie auch. Hören Sie auf zu denken dabei.“
„Wie heißt es überhaupt?“
„Steht da auf dem Schildchen.“
„Sprachlos? Was soll das denn?“
Sie sahen sich stumm an, der Betrachter wütend, sein Bekannter empört.
„Der will uns wohl verarschen! Sprachlos! Ist doch jedes Bild, oder nicht?“
„Wir, er meint uns.“
„Wie?“
„Er meint, wir sind sprachlos, das heißt erst er, der Künstler und dann vielleicht auch wir. Ich jedenfalls bin es.“
„Warum?“
„Na, das sieht man doch.“
Der Bekannte will ganz nahe an das Bild heran. Sofort gehen die Alarmsirenen los. Zwei Museumswärter stürzen zu ihnen hin. Der Bekannte dreht sich erschrocken zu ihnen um. Im gleichen Moment schlägt der Bildbetrachter zu. Mehrmals, bis sein Bekannter auf dem Boden liegt. Daraufhin beginnt er ihn überall mit kräftigen Tritten zu malträtieren, bis es den Museumswärtern gelingt, ihn weg zu ziehen.
In der Gerichtsverhandlung, zu der es Dank seinem Bekannten kam, da der ihn wegen schwerer Körperverletzung angezeigt hatte, gab der in den Medien sofort als „Kunstschläger“ titulierte Mann an, das Bild sei der Auslöser gewesen, es habe ihn sprachlos und wütend gemacht, ja, er habe die ganze bittere Wut des Künstlers in sich gespürt und der dumme Bekannte sei Teil dieses Bild geworden und er habe einfach nur noch rot gesehen.
„Das ist eben Kunst,“ sagte er ruhig,“sie kann vieles anrichten, wenn sie gut ist. Und dies Bild erscheint mir mehr als gelungen.“
Er wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und ein Verbot auf fünf Jahre für sämtliche Kunstmuseen der Republik. Es wurde ihm zugute gehalten, dass das Opfer ihn durch seine Fragerei wahrscheinlich gereizt hätte.
Damit war aber das Thema nicht beendet. Die Medien ereiferten sich noch lange über Bild, Tat und die manchmal bedenkenswerten Folgen der Kunst und ob es dann nicht doch keine Kunst sei, eher eine gefährliche, dumme Provokation.
Der Mann nahm den ersten Teil des Urteils mit Gelassenheit, den zweiten Teil aber mit großer Trauer an.
Schon bald darauf verließ er das Land für immer. Aufgrund der hohen Medienresonanz wurde er aber auch im Ausland beim Besuch der Museen erkannt und zum Verlassen aufgefordert. Da sprang der Mann von einer hohen Brücke auf die Schienen, in der Hoffnung, wenn der Sturz nicht ausreichen würde, ihn ein Zug endgültig von diesem Leben befreien würde. Und so geschah es. Er musste noch die Räder spüren, wie sie ihn zerquetschten.
Auf der Beerdigung erschien auch der Schöpfer des Bildes, mit dem alles begonnen hatte. Nicht erschienen ist der Bekannte, das Opfer.
Der Künstler schuf unserem Manne zu Ehren ein grandioses Bild, dass aber bald schon von keinem Museum mehr aufgehängt wurde. Zu viele Betrachter des Bildes sprangen hinterher von hohen Brücken auf die Schienen.
Seitdem vermieden es die Kuratoren und Leiter der Museen Kunst zu präsentieren, die große Reaktionen nach sich zogen. Viele Künstler bedauerten das sehr, vor allem die, die deshalb kein Werk mehr abgenommen bekamen. Sie waren sich sicher auch der Mann hätte dies bedauert, trotz seines folgenschweren Todes.
Hatten sich nicht auch nach dem Erscheinen des „Werther“ damals viele Jugendliche selbst vom Leben zum Tode befördert und trotzdem stehen die Werke seines Schöpfers in jeder Buchhandlung, noch heute.
Was zur nächsten Debatte führte, warum Literatur etwas dürfe und bildende Kunst nicht, welches Naturgesetz den Worten Vorrechte einräume vor den Bildern?
Sprachlos? Vorsicht, oft fängt mit dem Einsetzen der Sprachlosigkeit bisweilen das Schreckliche erst so richtig an. Dafür aber verabschieden sich von uns nun ganz andere Leute in völlig anderen Geschichten.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Folgenreiche Lektüre



Als ich das Buch öffnete
sprang mir entgegen Günter Eich
hinter ihm die Heringe
dann die Matrosen, niedrige
höhere Ränge, Steuerleute, Kapitäne
immer noch um Feuer verlegen
für ihren schlechten Tabak
während die Heringe den Saft
ihres Kautabaks überall hin spuckten

versuchte sofort das Buch zu schließen
zu spät, nur Günter Eich schlüpfte
lachend hinein, mir zum Abschied zuwinkend
rief „viel Vergnügen mit denen, mir
haben sie lange genug das Wohnen vergällt“

in diesen Zeiten muss man
mit Vielem leben, nicht mit Allem
so fing ich die Heringe wie Schmetterlinge
setzte sie draußen auf die blühenden Apfel-
und Kirschbäume, zwei auf den Pflaumenbaum
führte die Seeleute zur Bar, reichte ihnen
Mentholzigaretten meinen stärksten Schnaps

als sie alle schliefen, schaffte ich sie
mit der Schubkarre drei Straßen weiter
dem Ortsvorsteher in den Garten, wo sie
auf dem Rasen ihren Rausch zum Besten gaben
verzog mich in ein Bistro, rief den Studentenservice
der reinigte meine Wohnung binnen 5 Stunden

nie wieder Günter Eich, ab jetzt
Vorsicht beim Öffnen aller Bücher und
für den Notfall habe ich mir große Fangnetze
montieren lassen, die auf Fußdruck
emporschießen ungebetene Gäste
gleich einfangen, eingewickelt zum Abtransport

seitdem wundert sich der Ortsvorsteher
über die vielen illustren Besucher in seinem Garten
aber der hatte von Literatur ja auch noch nie
was gehalten konnte jetzt viel nachholen
während ich es mir auf dem Sofa bequem mache
gespannt bei jedem Buch, was ich ihm diesmal
in den Garten werfen könnte, nur die
drei wunderschönen Feen habe ich behalten

ihre drei Wünsche in den Kühlschrank gelegt
da halten sie sich länger, während ihre Überbringerinnen
begeistert meinen Fernseher goutierten
mir dafür die Wohnung aufräumten und putzten
bis ich eines Tages ein Buch aufgeschlagen
auf dem Tisch liegen gelassen, da sind sie
hinein geflüchtet auf Nimmer Wiedersehen
seitdem lese ich auch wieder Günter Eich

*
Spielt auf das Gedicht „Wo ich wohne“ von Günter Eich an

Montag, 29. April 2013

Erklärung eines Übenden in Sachen Worte und Zeilen



bin ein Wanderer hier
durch Formen Arten
Gast nur in meinen Worten
eigener Zeilen Durchreisender
so zu erfahren ihre Natur

ein Lehrling ein Gesell
in Wandertagen
neugierig auf das
was ich kann zu erfahren
von unserer Zeit
es schafft
in diese Zeilen

ob da noch die Liebe stärkt
oder dunkle Wolken sie verjagen
mein Gemüt sich reckt
oder nur niedergeschlagen
von dem was Zeit
so in uns steckt
den Tränen nah
sich gibt geschlagen

bin ich ein Wanderer nun
in diesen Tagen
auf der Suche
was von mir geblieben
nach so vielen Jahren
aus was sich schöpfen lässt
fürs Weitertraben
durch Dickichts Geäst
und Schlangenwurzeln

Sonntag, 14. April 2013

Pierre Albert-Birot



Beim Aufräumen gefunden, zu lange nicht mehr gelesen 1: 

 

Pierre Albert-Birot

Der 1876 in Anggoulême geborene Pierre Albert-Birot, zunächst als Bildhauer, Maler und Stuckateur tätig, wurde erst spät, durch die Umstände des 1. Weltkrieges zum Schriftsteller Als wehruntauglich erklärt, konnte er sich ausschließlich seiner literarischen Selbstverwirklichung widmen. 1916 gründete er die literarische Zeitschrift „SIC“ in der sich die Avantgarde darstellte: Apollinaire, Aragon, Breton, Cocteau, Picabia, Radiguet, Soupault, Tzara, Matisse, Picasso und Satie waren unter den Mitarbeitern.  Zur gleichen zeit entstand das erste Buch von „Grabinoulor“, sein Hauptwerk, an dem er bis kurz vor seinem Tode arbeitete. Er gab es 1921 im Selbstverlag heraus.
Mit dem Ende des Krieges erschien die letzte Nummer von „SIC“. Danach arbeitete er als Restaurateur, um für den Unterhalt seiner Familie sorgen zu können. Zurückgezogen verfasste er Theaterstücke, Gedichte, Romane, Filmdrehbücher und Hörspiele. Er starb 1967, mit 91 Jahren, in Paris.
„Geht man vom Jahrgang aus, gehört Pierre Albert-Birot sicherlich nicht mehr zu den Autoren der Gegenwartsliteratur. Setzt man jedoch die literarische Schaffensperiode als Maßstab an, reiht sich Albert-Birot, der erst als knapp Vierzigjähriger zu schreiben begann, in die Generation der Surrealisten ein, von denen einige ihm übrigens ihre ersten Gedichtpublikationen zu verdanken haben.
Wenn es so etwas wie „verkannte Dichter“ gibt, ,Poètes à l'Ecart', dann ist dieser Autor einer von ihnen; denn obgleich in vielem ein Vorläufer, gehörte er zeit seines Lebens zu den Vergessenen, den unbeachtet Gebliebenen. Lange bevor es die Lettristen gab, stellte er in seiner Dichtung Experimente an, wie sie von dieser Gruppe später wieder aufgenommen wurden. Er schrieb typographische Gedichte, Simultangedichte, Plakatgedichte, Gedichtobjekte, und von seinen Gedichten „zum Schreien und Tanzen“ schreibt Maurice Nadeau, es seien „Innovationen, die die Surrealisten in Erstaunen und Bewunderung versetzen.“ Die französischen Konkreten sehen ihn als einen der ihren an, doch erst langsam dringt sein Name, wenigstens in Frankreich, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.“ (Aus KLfG siehe auch Munzinger Archiv.)













 




 




Pierre Albert-Birot, „Grabinoulor“: 5. Kapitel

Eines Tages begann Grabinoulor alle Stunden seines Lebens zu bereuen die er nicht gelebt hatte und er beschloss sogleich alle seine Sekunden zu leben doch nach sehr wenigen Minuten musste er aufhören zu leben denn er war so müde dass er den Tod neben sich spürte er war schon um einen Monat gealtert zum Glück schaukelte vor ihm gerade eine grünblaue Libelle gefällig auf der Spitze eines Haferhalms und als er sie betrachtete fand er mindestens vierzehn Tage des Monats wieder die er verloren hatte als er zu viel verdienen wollte und da er von da aufzubrechen gedachte um in die Liebe der Männer für die Frauen zu sehen versuchten kleine verkorkste Unannehmlichkeiten ihm an die Kehle zu springen Grabinoulor schnitt eine Grimasse und schüttelte sich kräftig wie ein von fliegen belästigtes Pferd worauf die kleinen Unannehmlichkeiten Angst bekamen und sich entfernten und zu sich sagten dass sie wiederkommen würden wenn sie größer wären doch es geschah diese außergewöhnliche Sache Grabinoulor hatte vollkommen den Tag das Datum und die Stunde der Zeit verloren die er an diesem Tag durchlebte und er hatte sich so sehr verirrt dass er fast in der Ewigkeit ankam  und als er anfing Dinge zu sehen wie er sie noch nie gesehen hatte fügten sich Zeichen zusammen und sagten ihm heute ist Mittwoch und fast augenblicklich fand er das Datum und die Stunde wieder und ihm schien als sei er ein Hund den man vor seiner Hütte anbindet und er setzte sich auf den Meeressand und fand ein großes Vergnügen dabei mit seiner Hand alle Formen seiner Füße kennenzulernen.