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Dienstag, 4. Februar 2014

Politiker und die Demokratie

aus
Peter Silies
Politikkladde

Demokratien
sind auf Politiker
angewiesen

leider Politiker
nicht immer
auf die Demokratie


Montag, 23. Dezember 2013

politischer Rund- und Werdegang


zum Wohle des Volkes
im Namen des Volkes
auf Kosten des Volkes
im Arsch des Volkes
zum Wohle ...
im ……..

(c) bild + text jörn laue-weltring, lingen 2013

Donnerstag, 7. November 2013

Das Dichtertreffen im Spiegelsaal


Ein König, der sehr stolz darauf war, dass sein Reich das Land der Dichter genannt wurde, hatte eines Tages eine Idee, wie er die Dichtkunst noch mehr steigern könnte.
Er lud alle Autoren seines Landes zu sich auf das Schloss ein und wenn es zu Hofe geht, das kannte er bereits, traute sich keiner zu fehlen. Nicht mal die Aufmüpfigen, die Spötter und Untergangspropheten. Alle kamen sie, die einen zu Fuß, die anderen in Fahrzeugen, wenige konnten es sich leisten, sich vorfahren zu lassen.
Das Volk sah staunend dem Aufzug der Dichter zu und erhoffte sich ein großes Spektakel.
Der König begrüßte jeden und jede der Autoren mit Handschlag, bat sie dann alle in den großen Spiegelsaal zu kommen. Als alle eingetroffen und begrüßt waren, ließ er die Türen des Saales fest verschließen und postierte vor den großen Fenstern seine Soldaten.
Auf dem lang gestreckten Tisch in der Mitte des Saales aber hatte er einen Brief gut sichtbar positioniert. In dem stand, dass sie nun alle ein Textchen verfassen mögen und unter sich auf dieser schöpferischen Grundlage den besten Poeten oder die beste Poetin des Landes wählen. Diese dürften dann den Saal verlassen. So sollten sie es so lange weiter tun bis nur noch einer oder eine von ihnen übrig bliebe, die selbstverständlich dann auch frei käme. Dies alles solle geschehen zu Ehren der Literatur und dem Ruhme des Landes der Dichter.
Nachdem die Erregung sich bei fast allen wieder gelegt hatte, nicht unwesentlich unterstützt durch die Aussicht diesen Saal mit Spiegeln und ohne jedes Getränk oder gar Speise schnell wieder verlassen zu können, begannen sie zu texten, zu reimen, gegen zu reimen und zu monologisieren oder dialogisieren, vertieften sich in bildhafte Beschreibungen und bald schon war kein Laut mehr von ihnen zu hören als das hundertfache Kratzen der Stifte auf den großzügig überall verteilten  edlen Pergamenten.
Sie kannten alle den König als großzügigen Herrscher, zumindest seinen Dichtern gegenüber und so träumten sie beim Schreiben von herrlichen Weinen und erlesenen Gerichten, was sie nicht daran hindern konnte immer wieder sich selbst in den großen Spiegeln zu betrachten und sich selber wohlgefällig zu zunicken..
Bei der ersten Abstimmung gewann mit Abstand der älteste unter ihnen, ein längst schon preisgekrönter und mit Ehrungen überhäufter Dichter, von dem die wenigsten im Lande wussten, dass er noch am Leben war.
Der König sah ihn, umarmte den Alten und ging mit ihm zu Tische, wo der Alte traurig zu sah, wie der König zu sich nahm, was ihm dem Alten vom Arzt verboten worden war. Der König tröstete ihn mit einem weiteren Ehrentitel und als dessen Zugabe ein schönes Stück Land in den Bergen, was der Alte mit Freuden annahm.
Bei der zweiten Abstimmung dauerte es schon länger, bis die „First Lady“ unter ihnen gewann, eine Autorin vieler sprachgewaltiger Theaterstücke und wie der Alte schon lange berühmt und zur Verwunderung mancher noch immer lebend unter ihnen weilend.
Auch diese führte der König zufrieden mit seiner Idee zu Tische und die Dichterin aß und trank, wie er meinte, noch nie in seinem Leben eine Frau oder Künstlerin gegessen und getrunken gesehen zu haben. Nach dem Mahl überreichte er ihr ebenfalls einen Titel und ein großes  Gut, auf dem Schweine und Rinder gemästet wurden, dazu ein kleines Weingut in den Bergen. Sie bedankte sich artig und ließ sich davon tragen auf einer Sänfte, so hatte sie bei Tische zugelangt, dass sie nicht mehr selber zu gehen imstande sich sah.
Aber die dritte Wahl, die sollte dem König arg lang werden. Schließlich verlor er die Geduld und ließ einen weiteren Brief hinein bringen. Darin stand für die Dichterrunde in großen scharf geschnittenen Buchstaben zu lesen, dass ihr König sich außerstande sehe ihnen Getränke und Nahrung zu bringen, bevor nicht alle dichterischen Werke vollendet seien, da Speis und Trank bekanntlich keine gute Dichtung hervor brächten, nur sattes Gerülpste. Vor allem die letzten Worte erstaunte die Runde sehr, waren sie solch Töne von ihrem König bisher eher nicht gewöhnt. Und nach einigen hitzigen Wortgefechten einigten sie sich dann doch auf den Jüngsten unter ihnen, einem wild um sich blickenden Kerl mit krausen schwarzen Haaren. Der war bereits bekannt für seine sittenlosen Texte und heftig bösen Attacken gegen den König.
Als der König diesen nun heraus treten sah, war ihm der so recht wie die Anderen, lud ihn zur Tafel und siehe da, der junge Mann hatte Appetit und sagte auch bei dem Wein nicht nein.  Diesem Dichter schenkte er nach dem Mahl ein Gefängnis, in dem der fortan wohnen aber jederzeit raus und rein konnte, im Gegensatz zu den anderen Gefangenen. Der Dichter war begeistert und lobte fortan den König nur noch als mehr als weisen Mann.
Der König aber, wieder alleine und lange wartend, wusste sich ob seiner Dichter keinen Reim. Wieso wählten die nicht einfach einen nach dem anderen raus? Wo konnte da ein Problem für sie sein, was für ein Hindernis?
Er kannte seine Dichter eben doch nicht gut genug. Die Restlichen wählten alle nur sich selbst und wollten keinem anderen den Vortritt lassen. Sie wählten und wählten und jedes Mal bekam jeder und jede nur eine Stimme.
Wir normalen, nicht der Dichtkunst so fähigen Leute, hätten daraufhin, alleine des Hungers und des Durstes wegen, wohl unsere Strategie gewechselt. Nicht so aber diese Poeten.  Die wählten und wählten, schrieben, diskutierten, stritten und wählten.
Der König wurde darüber sehr zornig und rief in seiner Wut:  „Dann sollen sie eben alle verdursten und verhungern!“ Auch diese Botschaft ließ er auf Pergament groß und gestochen geschrieben zu ihnen bringen.
Nun kannte auch deren Empörung und Wut keine Grenzen mehr, sie schrien und schimpften, schrieben grimmige, böse, verletzende Theaterstücke, Gedichte und Romane gegen ihn.  Vergaßen darüber das Wählen und den Hunger, bis der Mangel an nahrhafter Stärkung sie erschöpft vor den Spiegeln niedergleiten ließ. Da konnten sie sich in Ruhe mit müden, sterbenden Augen betrachten. Ein jeder und eine jede versuchte noch ein stolzes Lächeln auf das bereits bleiche und bis auf die Knochen abgemagerte Gesicht zu zaubern und verschied.
Das Malheur für den König war dann doch sehr anders, als er es gewollt hatte. Traurig ließ er die Dichterrunde in ein gemeinsames Großgrab legen und schenkte ihnen ein riesiges Denkmal mit der Aufschrift „Hier ruht des Landes ganzer Stolz und Dichtung, möge sie in Frieden ruhen und nie vergessen sein.“
Kurz darauf verschieden auch der alte Dichter und die Dichterin. Nur der junge Dichter lebte noch eine Weile fröhlich in seinem Gefängnis vor sich hin, bis er eines Tages auf die verrückte Idee kam, einen Tag lang mit einem der Gefangenen des Königs tauschen zu dürfen. Der Gefangene war begeistert und verließ unverzüglich das Gefängnis, suchte keineswegs die Dichtung, nur das Weite. Als der König davon erfuhr und davon, dass die Wächter ohne Ersatzgefangenen den Dichter nicht freilassen mochte, war es zu spät. Der junge Dichter hatte sich mit einer Scherbe bereits die Kehle durchtrennt und mit seinem Blut mit letzter poetisch bereits stark geschwächter Kraft an die Wand geschrieben:
„Für Dich mein weiser König
opfere ich gern mein junges Leben
der Du hast dem Land und
uns Dichtern so viel gegeben“
Der König war daraufhin sehr traurig und sehnte sich seine Dichter zurück, mochte nicht länger nur in ihren alten Werken lesen.  Noch schlimmer aber erging es seinem Volk, dass nun an von niemandem mehr das Volk der Dichter geheißen. Man las wie anderswo nur noch in Briefen, das auch selten, Nachrichten in den Anzeigenblättern und schwer verständliche Fachbücher und Magazine, was einer halt so muss und braucht, der nicht dichtend ernähren kann sein Leben.
Eines Tages aber, nach mehr als vielen hundert Jahren, begann eine junge Bauerstochter auf ihrem Trecker Gedichte zu verfassen, die reinste Poesie, voll mit Blumen, Bäumen, Herz und Schmerz. Als das ihr Vater mitbekam, schlug er ihr den Apple-Ipod aus der Hand und verbat ihr, damit je zum König oder sonst wo hin zu gehen.
„Du weißt doch, wie der König damals seine ach so geliebten Dichter verhungern und verdursten ließ!“
„Aber unser Volk, das sehnt sich doch nach Literatur und Dichtern zurück.“
„Wie kommst Du auf diesen Schmarrn. Hier seht sich keiner nach Dichtung. Die füllt nur den Geist mit Schwachsinn und nicht den Magen. Achte lieber auf die Furchen, die Dein Trecker fährt.“
„Aber Vater, der König ist seit Jahrhunderten tot und außerdem haben wir längst die Demokratie hier im Land!“
„Umso schlimmer, weißt Du wie die Politiker sind, die jetzt die Macht haben? Also, vergiss es besser und vor allem schnell mein Kind!“
Und so kam es, dass in diesem Märchen keine junge Maid das Königreich oder die Dichtung dem Land rettete. Schade drum. Obwohl, das Volk ja, aber der König und die Politiker tun mir weniger leid. Hoffe inständig und sehr, dass sie diese Zeilen hier nicht als Zeugnis meines heimlichen Dichterseins auffassen und nach mir rufen lassen.

Dienstag, 19. März 2013



Peter Silie über Politik:

mächtiger
Versuch wild
Entschlossener

unsere Realität
zu ihren Gunsten
zu verändern

durch
Ausblenden und
Zerstückelung

in wohl dosierten
Häppchen
unserer Zukunft

ein zu verleiben
zurzeit wohl
alternativlos


Freitag, 15. März 2013

Ein Vortrag in spe




In Nairobi war es stickig. Professor N’quandi drückte nervös den Kopf der Fernbedienung, aber die Klimaanlage kam gegen die Luft der Metropole nicht an.

Erwartungsvoll hockte dagegen seine Studentengruppe vor den Bildschirmen. „Der Untergang einst großer Nationen“, die Semesterabschlußaufgabe, war fast abgehandelt. Und bis jetzt war ihr Professor mit den Arbeitsergebnissen über Rom, Ägypten oder die UdSSR sehr zufrieden gewesen. Die Semesterferien waren also fast erreicht und wahrscheinlich nutzte N’quandi diese für ein Buch über ihr Thema, in dem er ihre Ergebnisse ausschlachtete, vielleicht würden sie ausnahmsweise sogar namentlich erwähnt.

Dimitri Wassili, ein deutscher Gaststudent, dessen Stipendium vom „Fonds für verarmte Nationen“ finanziert wurde, war als letzter dran. Er sollte über den Niedergang seines Heimatlandes Deutschland von einem der reichsten zu einem der ärmsten Länder der Welt berichten. Um ihn herum waren alle neugierig auf seine Untersuchungsergebnisse, denn noch immer diskutierte die Fachwelt leidenschaftlich und äußerst kontrovers die Ursachen dieses in der neueren Geschichte wohl einmaligsten Fall eines tiefen Absturzes. Bisher hatte keine Erklärung dafür eine größere Resonanz oder Anerkennung finden können.

Entsprechend nervös begann Dimitri. Er hatte, da war er sich sicher, einige bisher unbeachtete, seiner Meinung nach exemplarische Phänomene aufgedeckt, die ihm schlußendlich eine Lösung geradezu aufgedrängt hatten. Würden sich aber die anderen davon überzeugen lassen, würden sie gleich ihm die Tragweite erahnen? Erschwerend für ihn war die deutschkritische Haltung N’quandis, wenn der auch Dimitri damit bisher verschonte, da Dimitri russischer Abstammung und somit Teil einer Gruppe war, die noch zu den intelligenteren und leistungswilligeren seines Volkes zählte. Ansonsten galten die Deutschen allgemein als ungebildet, roh und lethargisch.

Auf allen Bildschirmen leuchtete groß das Jahr „1999“ und darunter der Name eines Bundeslandes auf:

Der Fall Niedersachsen.
Vorbemerkungen von Dimitri Wassili.

Sie finden im Folgenden aufhellende Beispiele, nicht den einzigen wahren Anfang der deutschen Misere. Der Fall Niedersachsen ist vielleicht nur die erkennbare Spitze eines Eisberges, besonders einfach nachzuvollziehen, warum dieses einst für sein „Volk der Dichter und Denker“ gepriesene Land innerhalb weniger Jahrzehnte geistigen Konkurs anmelden mußte. Ich schreibe mußte, und hoffe dies anhand meiner Funde zumindest ansatzweise belegen zu können.

Alle schwiegen und lasen. Dimitri kam es so vor, als wenn eisige Lüftchen den stickigen Atem Nairobis im Raum durchschnitten. Wollte ihnen Dimitri allen Ernstes sagen, er hätte geschafft, was allen anderen bisher verwehrt blieb: eine Lösung zu finden? Auch Professor N’quandi starrte kalt auf Dimitris Sätze. Er kannte Dimitris Ehrgeiz. Er verstand auch, zumindest meinte er das, seine Motive. Vielleicht hätte er ihm doch lieber ein Thema geben sollen, das weniger mit ihm und seiner tragischen Situation als deutscher Gaststudent zu tun hatte. Er hoffte für Dimitri, daß der in seiner Betroffenheit nicht über seine studentischen Anfängerfähigkeiten hinausgeschossen war.

1999 fand ein von den damaligen Medien fast unbeachtetes Ereignis statt. Es war eine Schulreform. Sie betraf die Klassen 1 – 4 der 1800 Grundschulen des Landes. Viele, aber noch längst nicht alle, hatten sich bis zu dieser Reform in einem jahrelangen Prozeß zu Halbtagsschulen entwickelt, die auf eine neue Art auf die veränderten Umweltbedingungen der Kinder mehr Rücksicht nehmen sollten. Seit den 50er Jahren hatte die Bedeutung der Schulen als Lernort ständig abgenommen und betrug in den 90er Jahren gerade noch 10 %. Die technologische Aufrüstung in den Kinderzimmern mit einem Überangebot an Medien und die Dominanz derselben im Familienleben stattete die Kinder bereits vor Eintritt in das Schulleben mit Erfahrungen und Wissen aus, wie sie in den 50er Jahren vielleicht gerade mal nach 8 – 9 Schuljahren erreicht worden waren. Gleichzeitig gingen Erfahrungen im sozialen und handwerklichspielerischen Bereich drastisch zurück. Darauf hatte das Konzept der Halbtagsschulen mit AG-Angeboten, Spiel- und Lesemöglichkeiten reagiert. Gegenüber der schnellen Außenentwicklung stellte diese Schule den Kindern Kontinuität zur Verfügung. KlassenlehrerInnen wurden neben den Eltern zu wichtigen Bezugspersonen der Kinder. Phantasie, Kreativität und Lust auf eigenes Handeln wurden gestärkt oder überhaupt erst ermöglicht. Die Kinder erhielten so eine Chance zur Emanzipation von der alles und jeden Bereich bestimmenden Medienhoheit. Nicht zuletzt war es sogar gelungen, Eltern in diesen Prozeß als aktive, verständige Partner miteinzubeziehen.

Dieser Weg sollte nun plötzlich aufgegeben werden. Statt dessen begann die „verläßliche Grundschule“, ein Konzept, das im wesentlichen darauf basierte, daß die Eltern ihre Kinder verläßlich von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr mittags außer Haus hatten. Um dies zu finanzieren, wurden Lehrkräfte gestrichen und „pädagogisch nicht ausgebildete aber interessierte“ Teilzeitkräfte eingestellt. Diese sollten vor allem die soziale Betreuung der Kinder gewährleisten. Wurden Lehrer krank, so übernahmen diese interessierten Laien die Vertretungsstunden. Die Bevölkerung des Landes fühlte sich aber davon nicht negativ betroffen, da kaum jemand die Folgen erahnte, oder erahnen konnte ? Sie verstand nicht, was sich hinter diesem Umschwung verbarg.

„Ich auch nicht,“ tippte der Kommilitone aus Vietnam in den PC. Dimitri reagierte nicht, ließ den Bericht weiter ablaufen:

Hintergrund dieser Reform war die Finanzknappheit der Länder. In Wirklichkeit hatten die Landesregierungen, die in Deutschland für die Bildung zuständig waren, pädagogisch kapituliert. Nach dem Motto „rette sich, wer kann“, wurden überall Konzepte aus dem Boden gestampft, in hübschen Broschüren eilig unter das Volk gestreut, die nach außen Fortschritt, in Wirklichkeit aber weniger Ausgaben brachten. Das wäre vielleicht weniger tragisch ausgegangen, wäre das Land nicht so stark von seiner Bildung abhängig gewesen. Außer dieser nämlich besaß es so gut wie keine „Rohstoffe“. In Jahrhunderten gewachsene Bildungsstrukturen hatten dem Land sogar nach seiner bis dahin größten Katastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, schnell wieder zu Wettbewerbsvorteilen und einem raschen wirtschaftlichen Aufstieg verholfen. 1999 nun fand der Wechsel zum Primat der Ökonomie statt.

Jetzt schüttelte N’quandi doch den Kopf. Er sah sich in seinen Befürchtungen bestätigt. Dimitri schien dilettantischen Phantastereien aufgesessen zu sein. Eigentlich müßte er jetzt eingreifen, bevor Dimitri sich vor den anderen völlig bloßstellte. Aber als er Dimitri ganz entspannt dasitzen sah, ließ er ihn weitermachen.

Das Neue sah so aus: die Schulen bekamen eigene Mittel in die Hand, ungefähr 5% ihres Haushaltes, die sie selbst verwalten durften. Das sah nach mehr Autonomie und Handlungsfreiheit aus. In der Folge wurden aber nur weiter die Ausgaben für qualifiziertes Lehrpersonal reduziert und das mit einem steigendem, wenn auch nur leichten, Anstieg der „frei“ zu verwaltenden Gelder übertüncht. Die Schulleiter, zuerst begeistert über ihren größeren Handlungsfreiraum und die neuen Aufgaben, gerieten in die Rolle von mittelständischen Betriebsleitern, die statt hochqualitativer Menüs am Ende Fast-Food produzieren ließen. Sie dachten bald nur noch in Marktsegmenten und fanden heraus, daß ihre Schulen finanziell am besten überlebten, wenn sie wie Billigmärkte das Niedrigpreissegment bedienten. Hatten die Grundschulen, ihrem Namen gemäß, bis dahin die Grundlagen des Lernens und der Allgemeinbildung gelegt, gingen sie nun dazu über, die außerhalb aufgesammelten Wissens- und Erfahrungstrümmer, bzw. Splitter, der Kinder zu verwalten, sie sich also sich selbst und einer nur auf Ordnung bedachten Betreuung zu überlassen. Es kam in der Folge zu lautstarken Kämpfen in der Schule zwischen pädagogischem und anderem Personal. Die Betreuer warfen den Lehrern vor, nur noch Schreckgespenster für die Kinder mit ihrem Anspruch der Wissensvermittlung zu sein. Computer könnten ihre Aufgaben ebenso gut erfüllen. Es dauerte nicht lange und die Landesregierungen griffen diesen Vorschlag auf. Die Aus- und Weiterbildungseinrichtungen des Landes für Lehrer wurden alle geschlossen. Die Schulen erhielten elektronische Einrichtungen und als letzter Schritt wurde, offiziell wegen Ausgewogenheit, auch das Betreuerpersonal auf Null reduziert. Dafür wurden jetzt mehr Hausmeister beschäftigt, die gleichzeitig auch die Elektronik bedienen konnten. Diese kontrollierten in unregelmäßigen Abständen die Klassenräume, riefen bei zu lautstarken oder handfesten Erscheinungen die Polizei und wurden am Ende ebenfalls ersetzt, durch Fremdfirmen. Der Schulleiter blieb als letzte feste Kraft in der Schule zurück. Wach- und Schließgesellschaften patrouillierten, ein Service-Dienst kam für die Geräte. So blieb den Regierungen nur noch eine Sparmöglichkeit: die Schulen ganz abzuschaffen. Auch dieses geschah wieder durch eine Reform. Da die Arbeitslosigkeit inzwischen so groß geworden war, daß in den meisten Familien ein Elternteil den ganzen Tag zur Verfügung stand, nannte man die Reform: „die verläßliche Elternschule“. PCs standen in den Haushalten sowieso zur Verfügung, Unterrichtsinhalte konnten über das Internet abgerufen werden und Polizei und PC-Service erübrigten sich wieder. Der Schulleiter wurde ersetzt durch eine Bürokraft, die lediglich die Buchführung übernahm, welche Kinder offiziell in welchen Lernstufen zu sein hatten.

Professor N’quandi sprang auf. „Thesen, Behauptungen, wirres Zeug!“ Sein Ausbruch kam nur für Dimitri völlig überraschend. Einige Kommilitonen hatten bereits länger zu N’quandi gesehen, wie er wohl reagieren würde. „Fast-Food!" brüllte N’quandi zornig. "Und so etwas will Wissenschaftler werden. Ein Volk, das durch eine Schulreform planmäßig in den Untergang zieht! Ich sage Ihnen, lieber Dimitri, glauben Sie es oder nicht: kein Volk ist so dämlich, so völlig bescheuert, seine Kinder aus der öffentlichen Bildung herauszunehmen, nicht einmal die Deutschen!“ Alle nickten, nur Dimitri sah den Professor erstaunt an.
Ich kann es belegen, jeden Satz. Mit der Bildung ging es aber auch dadurch bergab, daß sich immer mehr der Eindruck verbreitete, Bildung lohne sich nicht, da ja immer mehr arbeitslos würden. Für die Anbieter von Software und Medien war es einige Jahre ein großartiges Geschäft. Warum sollte sich also großer Widerstand geregt haben?

N’quandi beruhigte sich. Wie kam er dazu sich über einen jungen Studenten so aufzuregen? Am Abend ging er noch einmal alleine Dimitris Arbeit durch. Je mehr er die Quellen studierte, um so unruhiger wurde er und er konnte sich nicht länger des Eindrucks erwehren, daß diese Deutschen vielleicht tatsächlich doch so ........!

Ps.:

Orginalunterschrift zum Bild:
„Bild 102-11038

Die Körperhaltung bei der Arbeit!
Die Erkenntnis, dass die richtige Körperhaltung bei der Arbeit eine wichtige Rolle spielt, hat zu einer einzigartigen Ausstellung im Arbeiterschutz-Museum in Berlin geführt. Da durch die Not die deutsche Wirtschaft immer mehr rationalisiert wird, setzt man alles daran, die Körperhaltung bei der Arbeit den Forderungen der Neuzeit anzupassen.
Richtiges und falsches Sitzen auf der Schulbank. Im Hintergrund falsches Sitzen. Der Ellbogen darf nicht auf die Bank gestützt werden. Bundesarchiv