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Dienstag, 22. Oktober 2013
Video: ein Besuch mit Folgen
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Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
Samstag, 6. Juli 2013
Ungenaue Erinnerungen und ihre Folgen
„Nicht
bewegen. Und: Goschn halten, einmal die Goschn halten! Jetzt red i! Ihr habts
lang genug geredet. Daran erinnere i mi!
I soll mich
nich erinnern, das weiss i, aber ich tus, und zwar an alles. Auch wenn i net
weiß, welche Erinnerung wirklich di meine is, welche von mein Mutter und was
von die Bilder kommt.
Euer Alois,
der hat scho recht, dass man sich nicht an alles erinnern möcht und sich selbst
nur die allerbesten Erinnerungen behält.
An Euch beide
aber erinnere i mi immer. Jeden Tog. Von früh bis spat. Jeden Tog.
Wie mei Mutter
hat schuften müssen für Euch, Gott hab sie selig, immer, all die Tog und kei
Zeit hat für mie. Nimmer. Und ich auch hab springen müssen, das erinner i mi
und zwar recht fad.
De Alois hat
recht, Euer Sohn, ihr seids a Greuel, Leuteschinder seids.
I erinner
mich an wenig schöne Tog, ans Schuften allweil aber schon, mehr als gnug. I
wüßt gern, was noch war, was i nit erinnern tu.“
„Was redest
fürn Schmarrn!“
Der große
Mann auf dem Teppich vor dem Sofa sah richtig wütend aus und ungeduldig. Die
Frau neben ihm legte ihm ihre Hand auf den Arm, versuchte ihn zu beruhigen.
„Goschn.
Halts Goschn! Kruzifix! Jetzt red i und zwar von meinen Erinnerungen, meinen,
verstehts mi? Die, die ich selber hab und nicht die, die haben sollt, wie ihr
es wollt. Mei Leben!
Nix das mit
Dankbarkeit, das i hab bei Euch fressen dürfen und schlofen, wie mei Mutter,
Gott hab sie selig. Jo freili, die Geschenke zweimal im Johr, an Christkindl
und Namenstag, dass de Arzt immer kommen is, wenn’s muß. Schöne Gchichten, Eure
nicht meine. Alles fad.
Aber immer
mußt i schön Danke machen und Bitte, Bitte. Geschlagen habs mi nit, aber
gequält, bös anschauen, wenn was war. Ja Du, mit Deinem dicken Bart, Du
besonders, seitdem mog i kei Leut wie die Bart.
Euer Bub
meint auch, dass man sich erinnern tut durch Wiederholung, sagt er, was immer
und immer wieder passiert, das wird einem das Leben nachher, und was nit wieder
auftaucht, is dann weg. Und da zeigts noch Fotografien daher, dass man am End
ein anderes Leben glauben tut, aber nimmer mit mi!“
„Ich halte es
nicht mehr aus! Wer hat Dir diesen Quatsch eingeblasen? Redest doch sonst nicht
so gescheit daher? Ist es wegen der Mutter ihren Tod, Jung?“
„Loß mei
Mutter weg, loß sie weg! Goschn!!!“
„Aber er hat
doch recht, was redest Du?“
„Du a! Hochnäsig
Zieg, allweil kalts Weib. Ni durft i mi normal fühlen, immer Deine Augen, dass
i deppert bin und geduldet, wenn die Mann nicht gwesen wär, hättst mich doch
allweil schon fortgejagt!“
„Aber
Hans-Hermann!“
„Nix
Hans-Hermann! Für euch nimmer.“
Der Mann
wirkte jetzt entspannter, ruhiger, richtete sich halb auf.
„Was willst?
Was sollen wir tun?“
„Nix, nix
halt! Goschn! Will mei eigene Bilder zrück, mei Erinnerung! Mei Kindheit und
nicht Euren Schmarrn!“
„Und die
Ausflüge, der Urlaub damals in der Türkei?“
„Schmarrn!
Nur wegen Eurem Bub, dem Alois, weil der nicht allein sein sollt und de Mutter
als Euer Magd! Nix Urlaub, Ausflüge, i erinner mi an nix.“
„Und die
schönen Dias, Hans-Hermann, weißt Du noch wie wir alle gelacht haben hinterher,
an dem schönen Abend?“
„Nix gelacht!
Schmarrn! Lustig gmacht habt ihr Euch. Sonst nix. Sagt der Alois auch.“
„Das soll
unser Sohn gesagt haben?“
„Goschn! Jo!
Kruzifix!“
Der Knall war
leiser als Hans-Hermann erwartet hatte, der Rückschlag des Gewehres dafür
heftig. Der große Mann zuckte nur einmal kurz und blieb dann bewegungslos
liegen. Die Frau schrie auf und warf sich auf den Mann.
„Goschn! Du
kommst auch noch dran. Wenn i fertig bin. Noch bin i net fertig.“
Die Frau sah
ihn nicht an, weinte und begann das Gesicht des Toten zu küssen.
„Jetzt
heulst! Gut! Heul i net, sondern endlich mal Du! Aber i geb di net son Tempo
für die Tränen. Ja, das hast mir schnell gegeben, immer, damit i aufhör zu plärren,
weils Dich nerven tut.“
Die Frau
drehte ihren Kopf, sah Hans-Hermann direkt in die Augen.
„Was, was haben
wir Dir je Böses getan? Sag mir was?“
Sie schrie
es, laut, kreischend, dass sich ihre Stimme unangenehm überschlug.
„Du bist fad.“
Auch der
zweite Schuss traf und die Frau starb sofort, brach über dem Leichnam ihres
Mannes zusammen und rührte sich auch nicht mehr.
„Na endlich!“
Der junge
Mann betrat die Stube und schritt um die beiden Toten herum.
„Alois!“
„Ja, das war
sauber!“
Der mit Alois
angesprochene brachte seine rechte Hand nach vorne, in der er eine Pistole
hielt. Er drückte ohne eine Gesichtsregung sofort ab. Hans-Hermann ließ das
Gewehr fallen und fiel auf die beiden Toten.
Der junge
Mann nahm sein Handy heraus und rief die Gendarmerie an, die kurz darauf vor
dem Wohnhaus eintraf. Ihre Wagen füllten rasch den großen Platz zwischen Hof
und Sägerei.
Der junge
Mann empfing sie weinend vor der Tür sitzend.
Drinnen fiel
den Polizisten sofort der aufgebrochene Waffenschrank auf.
„Und sie
haben nichts gehört vorher, keinen Knall, nicht den Krach von dem Aufbruch?“
Nein, er habe
nichts gehört, habe geschlafen, erst als er müssen habe müssen und auf dem Weg
zur Toilette, da habe er den Hans-Hermann gehört und vorsichtig durch den
Türspalt geschaut und gleich angerufen. Als es aber geknallt habe, habe er die
Pistole vom Vater geholt und sei in die Stube gekommen, aber leider zu spät.
Viel zu spät.
Der Kommissar
aus der Kreisstadt nickte. „Und, haben sie eine Erklärung, warum der das getan
hat? Rache? Und wenn ja, wofür?“
„I glaub der
war ganz wirr im Kopf wegen dem Tod seiner Mutter.“
„Die ist in
die Maschine gekommen vom Sägewerk, sah fürchterlich aus, alles voller Blut und
nichts mehr zu machen. Ihr Sohn hat sie gefunden.“
Der
Wachtmeister Franz sagte es und sah misstrauisch zu dem Alois dabei.
„Gab es eine
Untersuchung?“
„Ja, aber sie
muss wohl irgendwie gestolpert sein beim Putzen der Maschine und versehentlich
an den falschen Knopf gekommen. Es kam nicht mehr Gescheites raus bei der Untersuchung“.
Der alte
Franz sah den Kommissar an und wartete. Ein Jahr noch, dann ging er in Pension.
Und hatte nichts mehr mit diesen unerfreulichen Geschichten zu tun.
„So? Na ist
ja auch egal. Hier ist die Sache wohl ziemlich eindeutig Notwehr.“
Der
Wachtmeister Franz sah ihn kommentarlos an, dann zu dem jungen Neuerben. Er
erinnerte sich mehr als genau an so manchen üblen Streich des Jungen, Streiche
für die meist der Hans-Hermann oder andere Buben aus dem Dorf die Schuld
bekamen. Was aber so nur geflüstert wurde. Dessen Eltern mochten dagegen alle
hier im Dorf, um die tat es ihnen leid wegen dem missratenen Bengel. Konnten
nichts dafür. „Ist halt böses Blut in ihm. Wer weiß, wo das herkommen mochte“.
Und jetzt waren die tot.
Am nächsten
Tag war der Mord natürlich Dorfgespräch, alle bemitleideten den Alois, fanden
den nun nett und „das hätten der und seine lieben Eltern nun wirklich nicht
verdient. Wo die alle drei doch stets so nett zu Hans-Hermann und seiner Mutter
gewesen waren.“
Es sprach keiner
mehr von den Gerüchten, dass die wahrscheinlich nur auf dem Hof sein durften,
weil der Großvater der Erzeuger vom Hans-Hermann gewesen wäre und man einen
Skandal hätte vermeiden wollen. Niemand erinnerte sich plötzlich an die tollen
Streiche und Eskapaden des Alois, an seine Faulheit und Hinterhältigkeit. Nun
war er nur noch der „leeve Bub“ und neue Sägewerksbesitzer samt großem
Bauernhof.
Nur der alte
Franz guckte scheel und machte sich seine Gedanken. Er fuhr in die große Stadt
und erfuhr dort, dass der Alois schon länger nicht mehr in der Universität
eingeschrieben sei, von der Zimmerwirtin, dass der „junge Kerl allweil Weiber
ghabt hätt und Radau gmacht in die Nacht, weswegen sie ihn gekündigt hätt, aber
der sich nicht gerühret hätt. Na, ja, jetzt sei er ja von allein gangen.„
Da schaute
der alte Wachtmeister wieder zufriedener. Er fuhr in die Kreisstadt und
erzählte dem Kommissar von seinen Gedanken. Der wollte erst nicht, musste dann
aber zugeben, dass es nicht aus zu schließen war.
„Setzt aber
ein gehöriges Maß an krimineller Energie voraus!“
Das gab der Franz
zu.
„Erst die
Mutter, nur um deren Bub …?!“
„Wahrscheinlich.
Vielleicht hat er sie aber auch und wollts vertuschen!“
„Können sie
sich das denn vorstellen?“
„Naja, fesch
war die noch, ist ja erst 14 gewesen, als der Hans-Hermann kam.“
„14?!“
„Jo.“
„Aber, das
wäre ja wirklich ein Skandal, wenn der Großvater das war.“
„Jo!“
„Und sie
meinen …?“
„Jo!“
Daraufhin
wurden alle Akten neu durchgesehen und alles überprüft. Es nützte nichts. Sie
konnten weder beweisen, dass Alois selber den Waffenschrank aufgebrochen, noch
dass er das Gewehr geladen und für Hans-Hermann parat gelegt hatte, noch war zu
beweisen, dass er so lange gewartet hatte mit seinem Eingreifen, bis seine
Eltern tod waren, und auch nicht den Mord an der Mutter.
Der Kommissar
und der Franz resignierten schließlich, nicht zuletzt weil der Franz seine
Pension antrat.
An einem
Sonntag, zwei Stunden vor Kirchgang, betrat der alte Franz das Sägewerk. Er
hatte keine Mühe gehabt hinein zu kommen.. Die Behälter, die er den Berg mit
etwas mehr Mühe als ihm lieb, den Berg hochgetragen hatte, stellte er daneben
ab und legte Schläuche von ihnen zur Maschine, danach stellte er die große
Maschine an.
Binnen
Minuten kam Alois in das Gebäude gerannt, mit vom Alkohol geröteten Augen und
wütend.
„Wer ist da!
Was soll das?“
„Erinnerst di
net?“
Der alte
Franz hatte sich vor dem Eintreffen vom Alois bereits hinter dem Gebäude
versteckt und sprach nun durch ein Megaphon.
„Hast sie
hier gevögelt oder im Haus? Hat sie geschrien Alois? Kannst di erinnern?“
„Komm raus,
Du Hund! Ich geb Dir’s aufs Maul!“
Franz aber
war bereits zum großen Tor geschlichen, schob es schnell zu, drehte den
Schlüssel und ging kichernd vom Hof den Berg hinunter, ohne dass ihn jemand sah,
schließlich bereite sich das Dorf auf den Kirchgang vor und dabei sieht man
kaum mal zum Fenster raus.
Im Sägewerk
explodierte es derweil dreimal kurz hintereinander und daraufhin schossen schon
die ersten Flammen durch das Dach.
Der Kommissar
stellte hinterher öffentlich fest, dass es wohl Selbstmord war und somit ein
spätes Schuldeingeständnis.
Da kamen die
alten, echten Erinnerungen wieder zurück ins Dorf. Wie der Alois so wirklich
war, und jeder es hatte kommen sähen, dass das kein gutes Ende gäben würde mit
dem.
Wochen
danach, als schon kaum jemand mehr darüber sprach und die Gemeinde bereits
einen neuen Eigentümer und Betreiber für Sägewerk und Hof gefunden hatte,
besuchte der Kommissar aus der Kreisstadt noch einmal den alten Franz auf
dessen kleinen Hof, wo der alleine wohnte, weil ihm die Frau schon lange
verstorben war.
„Des geht
nit, das weißt schon!“ sagte der Kommissar nach dem ersten Begrüßungsschnaps.
„Jo!“
„Muss ein End
haben, Franz!“
„Jo!“
„Das darf mer
nett! Ist kein Recht sowas!“
„Jo!“
Beim Abschied
an der Tür hielt Franz den Kommissar am Ärmel fest.
„Ist der
Krebs! Drei Monat noch, oder zwoa, oder viere! Dann wars!“
„Sowas in der
Art dachte ich mir.“
„I wollt a
bessere Erinnerung ham auf dem Sterbebette, woast. Damit i hinterher besser
schlof.“
„Ist schon
recht. Zwei oder drei Monate. Tut mir leid.“
„A
Schmarrn is.“
P.S.:Mit
Dank an Günter Landsberger, durch dessen Erinnerungsgedanken ich auf die Idee
kam
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Donnerstag, 27. Juni 2013
Ein Krimidesaster
Kennen
Sie Simenon? Kennen Sie Maigret? Bevor ich sie kennen lernte, so richtig kennen
lernte, war ich eine ganz normal scheiternde literarische Existenz inmitten ganz
normal gescheiterter und halbwegs erfolgreicher Schreiber von allem, was sich
formal absondern lässt, lebte spätpupertierend genusssüchtig in dem dazu
passenden Viertel halbwegs genährt und finanziell auf wenn auch niedrigem
Niveau mit dem Nötigsten versorgt, soweit ganz glücklich von Tag zu Tag, hockte
mit den anderen im eigenen Künstlerhaus zusammen mit denen von der bildenden
Kunst die Tage schwatzend, kochend, trinkend angenehm weg und las alles
unbesorgt möglicher Folgen.
Bis
ich auf sie traf: auf Simenon und seinen Maigret.
Hatte
ich bis dahin immerhin fast jeden dritten Tag einen Einfall und nach einer
Woche mindestens ein Textchen mir abgequält oder im Rausch runter gerotzt, so
sollte sich das und noch mehr jetzt ändern, nicht sofort ganz, langsamer, aber
von Tag zu Tag mehr.
Dabei
kannte ich zumindest Maigret schon länger, als beleibten Pfeifenraucher in
schwarz-weiß, an Samstagen kam er, glaube ich, im Fernsehen als Krimiserie mit Rubert Davies als Darsteller. Jean Gabin und Heinz Rühmann haben mir in der Rolle nie so gefallen. Auf jeden Fall ein
spießiger, alles sofort und besser wissender autoritärer Mann, immerhin dabei
ruhig aber auch alle einschüchternd durch Blicke und Gesten.
Die
Bücher kamen zu meinem späteren Unglück in einer neuen Übersetzung ausgerechnet
bei meinem damals frisch gefundenen, neuen Lieblingsverlag aus der Schweiz, dem
Diogenes Verlag, heraus. Ja Diogenes, der Name war hier glatte Schizophrenie,
zumindest ein Widerspruch. Hatte der nicht gesagt: „Störe meine Kreise nicht.“
Das war Archimedes, na gut. Und das hätte ich tun sollen oder sagen wie
Diogenes, das hat er gesagt, da bin ich mir sicher, zu Simenon und Maigret:
„Geht mir ein wenig aus der Sonne.“ Hätte mir viel Leid erspart.
Stattdessen
las ich, jeden Tag mehr, kaufte ein Buch nach dem anderen, gab ja genügend,
ging nicht mehr vor die Tür, las und las. Kroch mit Maigret in die Atmosphäre von Opfer und Täter, roch bald alles so wie er und begann wie er jeweils ein passendes Getränk beim Lesen mir ein zu flößen. Ich stieg in die Gefühle und Gedanken mit ein, machte mich so sehend und hörend wie er, ohne einen einzigen Fall lösen zu können vor ihm.
Zu
Beginn war es noch die große Freude, gelungene Geschichten lesen zu können, wo
kein Wort zu viel oder falsch gesetzt war, hautnah an der Wirklichkeit und doch
pure Fiction, literarische Magie. Auch waren wir damals alle noch mehr frankophil
als „Toskana-Fraktion“, hörten Chansons und sahen Filme von Godard, Truffaut, Ophüls, Malle
oder Chabrol.
Ich
merkte bald, dass mir selber keine Freude mehr kam bei meinen eigenen Sätzen
und Zeilen. Nichts genügte mir mehr bei dem Vergleich. Ließ ich es also und
dachte, pausiere ich halt. Aber es kam noch schlimmer.
Simenon
und Maigret saugten mich gerade zu in diese bürgerlich miefige Welt Maigrets,
in das Paris der Heuchler, Versager, Bürokraten und Diener, ein Paris ohne
Charme, Chic oder gar fröhlicher Erotik. Es war ein Paris und auch Frankreich
auf dem Lande voller alter Mauern, geschlossener Fenster und Misstrauen mit
verbitterten Existenzen, verkrampfter Glückssuche im Kleinen, ohne jede Hoffnung
auf Befreiung, echtes freies Glück und wer es doch mal bekam, verlor es meist binnen
Stunden samt Leben.
Es
ist zu erahnen: ich wurde schwermütig, regelrecht depressiv, träumte nur noch
schlecht, bekam den großen Druck auf Hals und Brust und mein Herz schien nur
noch mit Mühe zu schlagen. Nichts schmeckte mir noch und jede Bewegung erschien
mir überflüssig und zu qualvoll. Bis ich eines Tages davon und von mir selbst
genug hatte, alle Bücher von Simenon mit Maigret in einen großen Karton warf
und drei Straßen weiter zu einem gescheiten Kollegen brachte, der gerade dabei
war die Literaturbühne zu betreten.
Ich
schenkte ihm die Bücher, lobte Simenon, lobte Maigret, aber nicht ohne ihn zu
warnen, nicht zu viel auf einmal davon zu lesen. Gefahr der Depression.
Danach
gelang es mir trotzdem lange nicht wieder zu schreiben. Jedes Mal standen mir
die Texte von Simenon dagegen. So ließ ich das und wendete mich anderen und
ertragreicheren Beschäftigungen zu, sehr zur Freude meiner Familie.
Ab
und zu erkundigte ich mich nach dem Befinden des Kollegen, traute mich nach ein
paar Monaten und beruhigenden Nachrichten auch mal wieder hin zu ihm, wo ich
ihn unverändert und auch noch dankbar antraf. Ja, wären wirklich hervorragend,
Simenon und sein Maigret.
Ich
selber las danach die Krimis von Chandler und Hammet, dies mit viel Vergnügen
an ihrer Sprache und Erzählkunst, ebenfalls von so hervorragender literarischer
Qualität, dass ich weiterhin nicht mehr selber schreiben mochte, las dankbar
alles von ihnen, vor allem, weil ich durch sie nicht depressiv wurde, nur sanft
melancholisch und damit lässt sich gut am Leben bleiben.
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Lingen (Ems), Deutschland
Freitag, 14. Juni 2013
Ein passender Geldkoffer
Er
hatte vor allem diese Anblicke satt, tote Fixer nach einer Überdosis in
vermüllten Räumen. So wie der hier, der vor ihm in der Küche auf dem Boden lag,
verkrümmt, gelblichen Schaum vor dem Mund, das Übliche halt.
Sein
Bruder war dank seines Arbeitgebers, einer Großbank, bereits im Vorruhestand.
Zwei Jahre noch, dann würde er auch gehen und gleich ihm den Ruhestand genießen
können. Martin Hegels sah zu den Kollegen, die ihr Ritual abspulten, als ginge
sie das hier alles nichts an. Draußen bewies starkes Vogelgezwitscher wie früh
am Morgen es noch war. Die Vögel mussten ihre Nester auf dem Trümmergrundstück
der alten Druckerei gebaut haben. Ein wenig naturnaher Anblick dort draußen.
Darüber konnte auch ihr Gezwitscher nicht hinweg täuschen.
Er
zog sich in den Schlaf- und Wohnraum zurück, eine kleine billige Bleibe für
eine Person oder ein junges Pärchen, dachte er. Eine Kapitalanlage aus der
Nachkriegszeit, billig hochgezogen in unmittelbarer Nachbarschaft zum
Gewerbegelände, ein Bauunternehmer, der seine Firma mit den Mieteinnahmen
gegenüber der Bank absicherte. Er hatte ihn noch gekannt, jetzt aber gehörte
der Kasten dem Enkel, der statt Bau lieber auf Internet machte.
„Hat
jemand den Eigentümer informiert?“
Irgendjemand
rief „Ja!“ und damit war auch das geklärt. Martin Hegels setzte sich auf das
kleine Ikea-Sofa und sah sich um. In Gedanken formulierte er den Bericht und
griff, warum auch immer, nach einem roten Lederkoffer, der unter dem Sofa hervor
sah. Er zog, bekam ihn frei und legte ihn mangels Platz auf dem Tisch, auf das
Sofa, öffnete ihn.
Dann
wachte er auf, alle Routine fiel von ihm ab, denn so viel Geld hatte noch nie
vor sich gesehen. Er war schließlich nur zuständig für Tötungsdelikte, also
Tote, deren Ableben auf Fremdeinwirkung von ihm überprüft werden mussten. In
dieser Stadt kam es aber selten vor, die meisten Todesfälle hatten natürliche
Ursachen, und dazu zählte die Überdosis hier inzwischen auch.
Geld
fanden sie eher weniger vor, eher Schulden ihnen sichtbar durch ungeöffnete
Briefe mit Mahnungen.
Und
jetzt das hier, unvorstellbar viele große Euro-Scheine die ihn frisch und
farbenprächtig ansahen. Da er keine Erfahrung mit solchen Geldmengen hatte,
konnte er auch nur schwer die Höhe des Betrages schätzen.
Martin
Hegels sah sich um. Er war allein im Raum, die anderen waren entweder in der
Küche oder auf dem Flur beschäftigt. Keiner hatte den Koffer bisher erwähnt
und, da er ja unter dem Sofa gelegen hatte, wohl auch nicht bemerkt. Wie leicht
wäre es den jetzt …!
Er
schüttelte spontan den Kopf. Klar, eine Aufbesserung der Pensionsbezüge käme
nicht schlecht und vielleicht gelänge es ihm unbemerkt ein paar Stapel
Geldscheine in seine Taschen zu verfrachten. Aber er hatte noch nie gerne etwas
riskiert und würde sich mit üblen Gedanken und sowieso jetzt schon schlecht
durchschlafenden Nächten für den Rest seines Lebens damit abquälen müssen. Das
war es ihm nicht wert.
Philipp
Knurr riss ihn aus diesen Gedanken und Möglichkeiten.
„Wir
sind fertig, hast Du noch etwas Auffälliges?“
Martin
klappte den Koffer zu, stellte ihn neben das Sofa, erhob sich und ging zur Tür.
„Nein,
Du?“
„Nein,
die Anderen sind schon weg und die Kollegin vom Rauschgift wusste auch nicht
viel über den Verstorbenen.“
„Dann
sieh Dich nochmal hier um. Ich fahre schon zurück und bereite den Bericht vor.“
Damit
ging er schnell an seinem Kollegen und wahrscheinlichen Nachfolger vorbei,
bevor der protestieren konnte wie üblich, ging zur Tür und zur Wohnung hinaus.
Er
wusste nicht, warum er so gehandelt hatte. Natürlich hätte er Philipp auf den
Inhalt des Koffers hinweisen müssen und der hatte ja auch gesehen, wie er ihn zugeklappt
und neben das Sofa gestellt hatte.
Bei
der schön restaurierten Gründerzeitvilla, ihrem alten Hauptgebäude, am Rande
der sogenannten City mit ihren drei Einkaufsstraßen angekommen, ging er angewidert
weiter zu dem Neubau dahinter, wo er nun für die kurze Restzeit noch ein
sogenanntes modernes Büro hatte beziehen müssen. Er rief alte Berichte über
ähnliche Fälle auf und kopierte Textpassagen, die ihm hier auch zu passen
schienen und wartete gespannt auf die Rückkehr des Kollegen.
Kein
ihm sehr angenehmer Kollege. Dreist, oft unbeherrscht, jedenfalls ihm
gegenüber, aber immer freundlich , höflich zu anderen, vor allem Vorgesetzten,
ein übler Besserwisser noch dazu, der überall seinen Senf dazu geben musste und
in jeder Gesprächsrunde es irgendwie schaffte das Gespräch an sich zu ziehen
für seine Kommentare zur Welt und allen Dingen des Lebens. Man konnte kaum
etwas sagen, ohne dass er es nicht als Stichwort nutzte für sein bisschen Erlebtes
und Wissen.
Seitdem
der da war, mochte Martin Hegels nicht mehr an ihren Pausenrunden teilnehmen.
Er wusste, dass er sich damit im Kollegenkreis isolierte, wobei er stets ein
wenig für sich geblieben war. Er galt als nett, ein wenig langweilig, aber
kompetent und zuverlässig in der Arbeit, nicht über korrekt aber auch kein
Schlamper. Er wusste das, kannte die Meinung der Anderen über sich, die ihn
weder störte noch verwunderte. Er war, wie er war und insgesamt recht zufrieden
mit dem Verlauf seines Lebens und der Arbeit.
Bis
dieser Kollege kam und er ihn einarbeiten sollte für die Zukunft. Er hatte es
zu Beginn gerne getan, versprach es ihm doch das Ende seiner Totenaufsucherei
und Tatortbegegnungen, ein Entkommen aus dem Milieu, dessen Geruch und
Atmosphäre ihm immer mehr am Leib blieben und in der Nase hingen, sogar zu
Hause in seinem Garten noch präsent waren, in dieser so völlig anderen Welt der
Jahreszeiten und kleinstädtischen Wohlstandslandschaft und Architektur.
Mit
der Zeit hatte er immer weniger Lust auf diese Einarbeitung gehabt, da Philipp
Knurr sich als illoyal herausstellte, schnell die Führung übernahm und immer
wieder ausgebremst werden musste, was den aber nicht davon abhielt, weiter sich
auf zu spielen. In letzter Zeit tat der fast so, als wenn Martin Hegels bereits
nicht mehr da und in anderen Situationen, als wenn er nicht mehr arbeitsfähig
wäre.
„Das
nehme ich Dir ab!“ und „Kann ich doch machen!“ oder „Lass mal!“ waren die dazu
gehörigen Sätze.
Ja,
Martin Hegels war es leid, mochte seinen Kollegen und Nachfolger nicht, mochte
ihn so wenig wie dieses kalkweiße Büro mit den neuen Möbeln ohne Geruch und
Wärme, wie es die alte Ausstattung in der Villa noch gehabt hatte, zwar schon
lange nicht mehr modern, eher fast noch kaiserzeitlich, aber aus Holz, war Natur,
mit gelebtem Leben, Spuren von Besuchern, freiwilligen wie unfreiwilligen, und
seiner Arbeit.
Und
sein Kollege ließ auf sich warten. Bis zum Feierabend tauchte er nicht wieder
auf. Martin Hegels schwieg darüber gegenüber den anderen, verabschiedete sich
nach Hause und ging zufrieden aus dem Gebäude.
Nein,
er hatte es nicht wirklich so geplant oder fest gewollt. Er hatte es geschehen
lassen und was ihm jetzt Befriedigung verschaffte, dass er mit seinem
Negativgefühl gegenüber dem Kollegen richtig gelegen hatte. Wie so oft bei
manchem Täter. Nicht zufällig hatte er schließlich 98% der Fälle aufgeklärt zu
den Akten legen können.
Woher
das Geld stammte? Er hatte da seine Vorstellungen. Es gab nicht wenige
arbeitslose junge Männer oder eben auch Süchtige, die von einer russischen
Mafiabande Geld bekam um es hier in Deutschland zu waschen. In der Regel viel
weniger, gerade genug dafür Autos von privat zu kaufen und anschließend nach Russland
zu überführen. Sie waren im ganzen Stadtgebiet präsent mit ihren kleinen, am PC
selbst gefertigten billigen Visitenkarten, die sie allen Fahrzeugen meist in
die Fenster der Fahrerseite steckten. Gut, nicht alle bekamen Geld von der
Mafia, aber viele.
Damit
zu tun hatten andere Kollegen. Auch kein leichter oder guter Job. Eher frustrierend,
da kaum mal von Erfolg gekrönt. Da hatten es die vom Rauschgift sogar besser.
Auch
am nächsten Tag tauchte Philipp Knurr nicht auf. Martin Hegels ging
ausnahmsweise mal wieder in die Frühstücksrunde in der Kantine und genoss es,
wie das Gespräch zwischen allen hin und her schwappte, ohne dass einer alles an
sich zog. Sorgen über den Kollegen Philipp machte sich keiner von ihnen.
Wahrscheinlich krank, wurde nur kurz vermutet. Kein Thema also.
Martin
erzählte auch nicht, dass der Kollege bereits gestern nicht wieder aufgetaucht
war nach dem Einsatz in der Wohnung. Er erzählte auch sonst nichts. Saß einfach
nur dabei und lauschte zufrieden den anderen. Im Büro zurück dachte er, dass
kein Mensch auf die Idee käme, so einem Fixer so viel Geld an zu vertrauen, was
sich ja auch als richtig herausgestellte hatte, da der sich sofort mit Stoff
eingedeckt und so ins Jenseits befördert hatte. Andererseits mochten die Mafiosos
genau dies gedacht haben, dass niemand auf solche eine Idee kommen würde und
hatten gerade deshalb den Knaben für ihr Geschäft nutzen wollen, nur dass sie
sich bei ihm dann wohl doch reichlich verschätzt hatten. Ansonsten ging der Tag
ihm flott wie lange nicht von der Hand bis dann der Anruf kam.
Philipp
Knurr war auf der IC-Strecke kurz vor der Stadt auf den Schienen gefunden
worden. Gefesselt und so vom Zug überfahren, der dabei aber nicht weiter zu
Schaden kam. Nur der Lokführer musste wegen Schock ins Krankenhaus.
„Das
ging ja schnell“, dachte Martin Hegels. „Wahrscheinlich ist die Wohnung
beobachtet worden und der Depp ist ihnen mit dem Koffer in die Falle gelaufen.“
Auf
dem Revier entstand große Aufregung. Keiner konnte sich dieses Ende von Philipp
Knurr erklären. Wer hatte den gefesselt und auf die Schienen gelegt und vor
allem warum?
Eine
Sondereinheit wurde gebildet, schließlich handelte es sich um die Ermordung
eines Kollegen, das LKA schickte Leute, die Presse stürzte sich auf den Fall
und jeden von ihnen, in der Hoffnung etwas mehr zu erfahren, sogar überregional
und in der Bild-Zeitung kam Philipp Knurr zu postumen Ruhm.
„Hoffentlich
meine letzte Soko“, dachte Martin Hegels und leitete den Trupp so gut es eben
ging. Vom Koffer sagte er kein Wort, zu niemand. Ermittelt wurde vor allem in
der Rauschgift-Szene, in deren Kreisen so eine Tötungsart durchaus als
Bestrafung schon vorgekommen war. Er hatte vor Philipp Knurr bereits 5 junge
Leute in ähnlicher Situation auf den Schienen betrachten müssen.
Der
Erfolg ihrer Unternehmungen war ein auffälliger Rückgang der Drogenkriminalitätsdelikte,
die Szene schien sich fast ganz aus der Stadt zu verziehen.
Es
gab immer wieder Tatverdächtige, es gab auch Festnahmen von bereits länger
beobachteten Verdächtigen und in der Folge davon auch Verurteilungen. Aber
keine Aufklärung im Fall Philipp Knurr. Martin Hegels verwunderte das kein bisschen und er trieb die Leute unbeirrt davon weiter an, hatte nicht einmal ein
schlechtes Gewissen dabei, gaben ihm die Randerfolge doch trotzdem ein gewisses
Gefühl der Befriedigung.
Mit
der Zeit erlahmte das Ermittlungsinteresse trotzdem und die Zeit seiner Pensionierung
rückte immer näher. Offiziell würde er mit einem Misserfolg und einer etwas
niedrigeren Aufklärungsquote seinen Berufsweg abschließen, und das bei dem Mord
an einem Kollegen und möglichen Nachfolger, der durch eine junge Frau ersetzt
worden war, mit der Martin gerne und gut zusammen arbeitete. Sie bedankte sich
sogar öffentlich bei seiner Verabschiedung mit vielen lobenden Worten für seine
Kollegialität und gute Einarbeitung. Ja, die mochte er und sie ihn wohl auch.
Vor allem aber hatte er von ihr viel Respekt zu spüren bekommen, was ihm auf
die letzten Tage mehr als gut tat.
Offiziell,
im Stillen aber wusste er ja, meinte zu wissen, wer den Mord verübt hatte, wenn
auch nicht mit Namen oder konkreten Personen, war sich über das Motiv ebenso sicher
und dachte zugleich, dass der eigentliche Täter er selber gewesen war, er, der
den Koffer gut sichtbar dort abgestellt hatte, ahnungsvoll bezüglich der
hinterhältigen Neugier des Kollegen, der ihn bestimmt sofort nach seinem
Weggang geöffnet und dann an sich genommen hatte und wohl damit fliehen wollte
in ein neues süßes Leben.
Nur
zwei Fragen blieben ihm dennoch:
„Wie
viel Geld war es wohl wirklich gewesen? Eine Millionen, oder gar 10 und mehr
Millionen?“
Und
die ihm viel unangenehmere:
hatte
Philipp Knurr den Koffer gar nicht für sich genommen, sondern den einfach nur ordnungsgemäß
zur Polizeidienststelle bringen wollen und ihn, Martin Hegels, womöglich
anschwärzen, der nichts über den Fund gesagt hatte?
Manchmal,
wenn er als Pensionär alleine auf seiner Terrasse im Liegestuhl lag dachte er
auch darüber nach, dass er ja eigentlich, wenn auch nur für Sekunden, einmal in
seinem Leben Millionär gewesen war. Den Kollegen Philipp Knurr bedauerte nicht
und nie, dafür waren zu viele beklagenswerte Tote in seinem Leben eingetreten und
wieder verschwunden gewesen.
Und
er war klammheimlich ein wenig stolz darauf, dass ihm zum Schluss auch noch irgendwie
der perfekte Mord gelungen war, was doch auch viel über seine Qualität als
Kommissar für Tötungsdelikte aussagte.
Labels:
crime,
Erzählung,
Krimi,
Laue-Weltring,
novell,
Short Story
Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
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