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Samstag, 6. Juli 2013

Ungenaue Erinnerungen und ihre Folgen



„Nicht bewegen. Und: Goschn halten, einmal die Goschn halten! Jetzt red i! Ihr habts lang genug geredet. Daran erinnere i mi!
I soll mich nich erinnern, das weiss i, aber ich tus, und zwar an alles. Auch wenn i net weiß, welche Erinnerung wirklich di meine is, welche von mein Mutter und was von die Bilder kommt.
Euer Alois, der hat scho recht, dass man sich nicht an alles erinnern möcht und sich selbst nur die allerbesten Erinnerungen behält.
An Euch beide aber erinnere i mi immer. Jeden Tog. Von früh bis spat. Jeden Tog.
Wie mei Mutter hat schuften müssen für Euch, Gott hab sie selig, immer, all die Tog und kei Zeit hat für mie. Nimmer. Und ich auch hab springen müssen, das erinner i mi und zwar recht fad.
De Alois hat recht, Euer Sohn, ihr seids a Greuel, Leuteschinder seids.
I erinner mich an wenig schöne Tog, ans Schuften allweil aber schon, mehr als gnug. I wüßt gern, was noch war, was i nit erinnern tu.“
„Was redest fürn Schmarrn!“
Der große Mann auf dem Teppich vor dem Sofa sah richtig wütend aus und ungeduldig. Die Frau neben ihm legte ihm ihre Hand auf den Arm, versuchte ihn zu beruhigen.
„Goschn. Halts Goschn! Kruzifix! Jetzt red i und zwar von meinen Erinnerungen, meinen, verstehts mi? Die, die ich selber hab und nicht die, die haben sollt, wie ihr es wollt. Mei Leben!
Nix das mit Dankbarkeit, das i hab bei Euch fressen dürfen und schlofen, wie mei Mutter, Gott hab sie selig. Jo freili, die Geschenke zweimal im Johr, an Christkindl und Namenstag, dass de Arzt immer kommen is, wenn’s muß. Schöne Gchichten, Eure nicht meine. Alles fad.
Aber immer mußt i schön Danke machen und Bitte, Bitte. Geschlagen habs mi nit, aber gequält, bös anschauen, wenn was war. Ja Du, mit Deinem dicken Bart, Du besonders, seitdem mog i kei Leut wie die Bart.
Euer Bub meint auch, dass man sich erinnern tut durch Wiederholung, sagt er, was immer und immer wieder passiert, das wird einem das Leben nachher, und was nit wieder auftaucht, is dann weg. Und da zeigts noch Fotografien daher, dass man am End ein anderes Leben glauben tut, aber nimmer mit mi!“
„Ich halte es nicht mehr aus! Wer hat Dir diesen Quatsch eingeblasen? Redest doch sonst nicht so gescheit daher? Ist es wegen der Mutter ihren Tod, Jung?“
„Loß mei Mutter weg, loß sie weg! Goschn!!!“
„Aber er hat doch recht, was redest Du?“
„Du a! Hochnäsig Zieg, allweil kalts Weib. Ni durft i mi normal fühlen, immer Deine Augen, dass i deppert bin und geduldet, wenn die Mann nicht gwesen wär, hättst mich doch allweil schon fortgejagt!“
„Aber Hans-Hermann!“
„Nix Hans-Hermann! Für euch nimmer.“
Der Mann wirkte jetzt entspannter, ruhiger, richtete sich halb auf.
„Was willst? Was sollen wir tun?“
„Nix, nix halt! Goschn! Will mei eigene Bilder zrück, mei Erinnerung! Mei Kindheit und nicht Euren Schmarrn!“
„Und die Ausflüge, der Urlaub damals in der Türkei?“
„Schmarrn! Nur wegen Eurem Bub, dem Alois, weil der nicht allein sein sollt und de Mutter als Euer Magd! Nix Urlaub, Ausflüge, i erinner mi an nix.“
„Und die schönen Dias, Hans-Hermann, weißt Du noch wie wir alle gelacht haben hinterher, an dem schönen Abend?“
„Nix gelacht! Schmarrn! Lustig gmacht habt ihr Euch. Sonst nix. Sagt der Alois auch.“
„Das soll unser Sohn gesagt haben?“
„Goschn! Jo! Kruzifix!“
Der Knall war leiser als Hans-Hermann erwartet hatte, der Rückschlag des Gewehres dafür heftig. Der große Mann zuckte nur einmal kurz und blieb dann bewegungslos liegen. Die Frau schrie auf und warf sich auf den Mann.
„Goschn! Du kommst auch noch dran. Wenn i fertig bin. Noch bin i net fertig.“
Die Frau sah ihn nicht an, weinte und begann das Gesicht des Toten zu küssen.
„Jetzt heulst! Gut! Heul i net, sondern endlich mal Du! Aber i geb di net son Tempo für die Tränen. Ja, das hast mir schnell gegeben, immer, damit i aufhör zu plärren, weils Dich nerven tut.“
Die Frau drehte ihren Kopf, sah Hans-Hermann direkt in die Augen.
„Was, was haben wir Dir je Böses getan? Sag mir was?“
Sie schrie es, laut, kreischend, dass sich ihre Stimme unangenehm überschlug.
„Du bist fad.“
Auch der zweite Schuss traf und die Frau starb sofort, brach über dem Leichnam ihres Mannes zusammen und rührte sich auch nicht mehr.
„Na endlich!“
Der junge Mann betrat die Stube und schritt um die beiden Toten herum.
„Alois!“
„Ja, das war sauber!“
Der mit Alois angesprochene brachte seine rechte Hand nach vorne, in der er eine Pistole hielt. Er drückte ohne eine Gesichtsregung sofort ab. Hans-Hermann ließ das Gewehr fallen und fiel auf die beiden Toten.
Der junge Mann nahm sein Handy heraus und rief die Gendarmerie an, die kurz darauf vor dem Wohnhaus eintraf. Ihre Wagen füllten rasch den großen Platz zwischen Hof und Sägerei.
Der junge Mann empfing sie weinend vor der Tür sitzend.
Drinnen fiel den Polizisten sofort der aufgebrochene Waffenschrank auf.
„Und sie haben nichts gehört vorher, keinen Knall, nicht den Krach von dem Aufbruch?“
Nein, er habe nichts gehört, habe geschlafen, erst als er müssen habe müssen und auf dem Weg zur Toilette, da habe er den Hans-Hermann gehört und vorsichtig durch den Türspalt geschaut und gleich angerufen. Als es aber geknallt habe, habe er die Pistole vom Vater geholt und sei in die Stube gekommen, aber leider zu spät. Viel zu spät.
Der Kommissar aus der Kreisstadt nickte. „Und, haben sie eine Erklärung, warum der das getan hat? Rache? Und wenn ja, wofür?“
„I glaub der war ganz wirr im Kopf wegen dem Tod seiner Mutter.“
„Die ist in die Maschine gekommen vom Sägewerk, sah fürchterlich aus, alles voller Blut und nichts mehr zu machen. Ihr Sohn hat sie gefunden.“
Der Wachtmeister Franz sagte es und sah misstrauisch zu dem Alois dabei.
„Gab es eine Untersuchung?“
„Ja, aber sie muss wohl irgendwie gestolpert sein beim Putzen der Maschine und versehentlich an den falschen Knopf gekommen. Es kam nicht mehr Gescheites raus bei der Untersuchung“.
Der alte Franz sah den Kommissar an und wartete. Ein Jahr noch, dann ging er in Pension. Und hatte nichts mehr mit diesen unerfreulichen Geschichten zu tun.
„So? Na ist ja auch egal. Hier ist die Sache wohl ziemlich eindeutig Notwehr.“
Der Wachtmeister Franz sah ihn kommentarlos an, dann zu dem jungen Neuerben. Er erinnerte sich mehr als genau an so manchen üblen Streich des Jungen, Streiche für die meist der Hans-Hermann oder andere Buben aus dem Dorf die Schuld bekamen. Was aber so nur geflüstert wurde. Dessen Eltern mochten dagegen alle hier im Dorf, um die tat es ihnen leid wegen dem missratenen Bengel. Konnten nichts dafür. „Ist halt böses Blut in ihm. Wer weiß, wo das herkommen mochte“. Und jetzt waren die tot.
Am nächsten Tag war der Mord natürlich Dorfgespräch, alle bemitleideten den Alois, fanden den nun nett und „das hätten der und seine lieben Eltern nun wirklich nicht verdient. Wo die alle drei doch stets so nett zu Hans-Hermann und seiner Mutter gewesen waren.“
Es sprach keiner mehr von den Gerüchten, dass die wahrscheinlich nur auf dem Hof sein durften, weil der Großvater der Erzeuger vom Hans-Hermann gewesen wäre und man einen Skandal hätte vermeiden wollen. Niemand erinnerte sich plötzlich an die tollen Streiche und Eskapaden des Alois, an seine Faulheit und Hinterhältigkeit. Nun war er nur noch der „leeve Bub“ und neue Sägewerksbesitzer samt großem Bauernhof.
Nur der alte Franz guckte scheel und machte sich seine Gedanken. Er fuhr in die große Stadt und erfuhr dort, dass der Alois schon länger nicht mehr in der Universität eingeschrieben sei, von der Zimmerwirtin, dass der „junge Kerl allweil Weiber ghabt hätt und Radau gmacht in die Nacht, weswegen sie ihn gekündigt hätt, aber der sich nicht gerühret hätt. Na, ja, jetzt sei er ja von allein gangen.„
Da schaute der alte Wachtmeister wieder zufriedener. Er fuhr in die Kreisstadt und erzählte dem Kommissar von seinen Gedanken. Der wollte erst nicht, musste dann aber zugeben, dass es nicht aus zu schließen war.
„Setzt aber ein gehöriges Maß an krimineller Energie voraus!“
Das gab der Franz zu.
„Erst die Mutter, nur um deren Bub …?!“
„Wahrscheinlich. Vielleicht hat er sie aber auch und wollts vertuschen!“
„Können sie sich das denn vorstellen?“
„Naja, fesch war die noch, ist ja erst 14 gewesen, als der Hans-Hermann kam.“
„14?!“
„Jo.“
„Aber, das wäre ja wirklich ein Skandal, wenn der Großvater das war.“
„Jo!“
„Und sie meinen …?“
„Jo!“
Daraufhin wurden alle Akten neu durchgesehen und alles überprüft. Es nützte nichts. Sie konnten weder beweisen, dass Alois selber den Waffenschrank aufgebrochen, noch dass er das Gewehr geladen und für Hans-Hermann parat gelegt hatte, noch war zu beweisen, dass er so lange gewartet hatte mit seinem Eingreifen, bis seine Eltern tod waren, und auch nicht den Mord an der Mutter.
Der Kommissar und der Franz resignierten schließlich, nicht zuletzt weil der Franz seine Pension antrat.
An einem Sonntag, zwei Stunden vor Kirchgang, betrat der alte Franz das Sägewerk. Er hatte keine Mühe gehabt hinein zu kommen.. Die Behälter, die er den Berg mit etwas mehr Mühe als ihm lieb, den Berg hochgetragen hatte, stellte er daneben ab und legte Schläuche von ihnen zur Maschine, danach stellte er die große Maschine an.
Binnen Minuten kam Alois in das Gebäude gerannt, mit vom Alkohol geröteten Augen und wütend.
„Wer ist da! Was soll das?“
„Erinnerst di net?“
Der alte Franz hatte sich vor dem Eintreffen vom Alois bereits hinter dem Gebäude versteckt und sprach nun durch ein Megaphon.
„Hast sie hier gevögelt oder im Haus? Hat sie geschrien Alois? Kannst di erinnern?“
„Komm raus, Du Hund! Ich geb Dir’s aufs Maul!“
Franz aber war bereits zum großen Tor geschlichen, schob es schnell zu, drehte den Schlüssel und ging kichernd vom Hof den Berg hinunter, ohne dass ihn jemand sah, schließlich bereite sich das Dorf auf den Kirchgang vor und dabei sieht man kaum mal zum Fenster raus.
Im Sägewerk explodierte es derweil dreimal kurz hintereinander und daraufhin schossen schon die ersten Flammen durch das Dach.
Der Kommissar stellte hinterher öffentlich fest, dass es wohl Selbstmord war und somit ein spätes Schuldeingeständnis.
Da kamen die alten, echten Erinnerungen wieder zurück ins Dorf. Wie der Alois so wirklich war, und jeder es hatte kommen sähen, dass das kein gutes Ende gäben würde mit dem.
Wochen danach, als schon kaum jemand mehr darüber sprach und die Gemeinde bereits einen neuen Eigentümer und Betreiber für Sägewerk und Hof gefunden hatte, besuchte der Kommissar aus der Kreisstadt noch einmal den alten Franz auf dessen kleinen Hof, wo der alleine wohnte, weil ihm die Frau schon lange verstorben war.
„Des geht nit, das weißt schon!“ sagte der Kommissar nach dem ersten Begrüßungsschnaps.
„Jo!“
„Muss ein End haben, Franz!“
„Jo!“
„Das darf mer nett! Ist kein Recht sowas!“
„Jo!“
Beim Abschied an der Tür hielt Franz den Kommissar am Ärmel fest.
„Ist der Krebs! Drei Monat noch, oder zwoa, oder viere! Dann wars!“
„Sowas in der Art dachte ich mir.“
„I wollt a bessere Erinnerung ham auf dem Sterbebette, woast. Damit i hinterher besser schlof.“
„Ist schon recht. Zwei oder drei Monate. Tut mir leid.“
„A Schmarrn is.“

P.S.:Mit Dank an Günter Landsberger, durch dessen Erinnerungsgedanken ich auf die Idee kam

Donnerstag, 27. Juni 2013

Ein Krimidesaster



Kennen Sie Simenon? Kennen Sie Maigret? Bevor ich sie kennen lernte, so richtig kennen lernte, war ich eine ganz normal scheiternde literarische Existenz inmitten ganz normal gescheiterter und halbwegs erfolgreicher Schreiber von allem, was sich formal absondern lässt, lebte spätpupertierend genusssüchtig in dem dazu passenden Viertel halbwegs genährt und finanziell auf wenn auch niedrigem Niveau mit dem Nötigsten versorgt, soweit ganz glücklich von Tag zu Tag, hockte mit den anderen im eigenen Künstlerhaus zusammen mit denen von der bildenden Kunst die Tage schwatzend, kochend, trinkend angenehm weg und las alles unbesorgt möglicher Folgen.
Bis ich auf sie traf: auf Simenon und seinen Maigret.
Hatte ich bis dahin immerhin fast jeden dritten Tag einen Einfall und nach einer Woche mindestens ein Textchen mir abgequält oder im Rausch runter gerotzt, so sollte sich das und noch mehr jetzt ändern, nicht sofort ganz, langsamer, aber von Tag zu Tag mehr.
Dabei kannte ich zumindest Maigret schon länger, als beleibten Pfeifenraucher in schwarz-weiß, an Samstagen kam er, glaube ich, im Fernsehen als Krimiserie mit Rubert Davies als Darsteller. Jean Gabin und Heinz Rühmann haben mir in der Rolle nie so gefallen. Auf jeden Fall ein spießiger, alles sofort und besser wissender autoritärer Mann, immerhin dabei ruhig aber auch alle einschüchternd durch Blicke und Gesten.
Die Bücher kamen zu meinem späteren Unglück in einer neuen Übersetzung ausgerechnet bei meinem damals frisch gefundenen, neuen Lieblingsverlag aus der Schweiz, dem Diogenes Verlag, heraus. Ja Diogenes, der Name war hier glatte Schizophrenie, zumindest ein Widerspruch. Hatte der nicht gesagt: „Störe meine Kreise nicht.“ Das war Archimedes, na gut. Und das hätte ich tun sollen oder sagen wie Diogenes, das hat er gesagt, da bin ich mir sicher, zu Simenon und Maigret: „Geht mir ein wenig aus der Sonne.“ Hätte mir viel Leid erspart.
Stattdessen las ich, jeden Tag mehr, kaufte ein Buch nach dem anderen, gab ja genügend, ging nicht mehr vor die Tür, las und las. Kroch mit Maigret in die Atmosphäre von Opfer und Täter, roch bald alles so wie er und begann wie er jeweils ein passendes Getränk beim Lesen mir ein zu flößen. Ich stieg in die Gefühle und Gedanken mit ein, machte mich so sehend und hörend wie er, ohne einen einzigen Fall lösen zu können vor ihm.
Zu Beginn war es noch die große Freude, gelungene Geschichten lesen zu können, wo kein Wort zu viel oder falsch gesetzt war, hautnah an der Wirklichkeit und doch pure Fiction, literarische Magie. Auch waren wir damals alle noch mehr frankophil als „Toskana-Fraktion“, hörten Chansons und sahen Filme von Godard, Truffaut, Ophüls, Malle oder Chabrol.
Ich merkte bald, dass mir selber keine Freude mehr kam bei meinen eigenen Sätzen und Zeilen. Nichts genügte mir mehr bei dem Vergleich. Ließ ich es also und dachte, pausiere ich halt. Aber es kam noch schlimmer.
Simenon und Maigret saugten mich gerade zu in diese bürgerlich miefige Welt Maigrets, in das Paris der Heuchler, Versager, Bürokraten und Diener, ein Paris ohne Charme, Chic oder gar fröhlicher Erotik. Es war ein Paris und auch Frankreich auf dem Lande voller alter Mauern, geschlossener Fenster und Misstrauen mit verbitterten Existenzen, verkrampfter Glückssuche im Kleinen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung, echtes freies Glück und wer es doch mal bekam, verlor es meist binnen Stunden samt Leben.
Es ist zu erahnen: ich wurde schwermütig, regelrecht depressiv, träumte nur noch schlecht, bekam den großen Druck auf Hals und Brust und mein Herz schien nur noch mit Mühe zu schlagen. Nichts schmeckte mir noch und jede Bewegung erschien mir überflüssig und zu qualvoll. Bis ich eines Tages davon und von mir selbst genug hatte, alle Bücher von Simenon mit Maigret in einen großen Karton warf und drei Straßen weiter zu einem gescheiten Kollegen brachte, der gerade dabei war die Literaturbühne zu betreten.
Ich schenkte ihm die Bücher, lobte Simenon, lobte Maigret, aber nicht ohne ihn zu warnen, nicht zu viel auf einmal davon zu lesen. Gefahr der Depression.
Danach gelang es mir trotzdem lange nicht wieder zu schreiben. Jedes Mal standen mir die Texte von Simenon dagegen. So ließ ich das und wendete mich anderen und ertragreicheren Beschäftigungen zu, sehr zur Freude meiner Familie.
Ab und zu erkundigte ich mich nach dem Befinden des Kollegen, traute mich nach ein paar Monaten und beruhigenden Nachrichten auch mal wieder hin zu ihm, wo ich ihn unverändert und auch noch dankbar antraf. Ja, wären wirklich hervorragend, Simenon und sein Maigret.

Ich selber las danach die Krimis von Chandler und Hammet, dies mit viel Vergnügen an ihrer Sprache und Erzählkunst, ebenfalls von so hervorragender literarischer Qualität, dass ich weiterhin nicht mehr selber schreiben mochte, las dankbar alles von ihnen, vor allem, weil ich durch sie nicht depressiv wurde, nur sanft melancholisch und damit lässt sich gut am Leben bleiben.

Freitag, 14. Juni 2013

Ein passender Geldkoffer

Er hatte vor allem diese Anblicke satt, tote Fixer nach einer Überdosis in vermüllten Räumen. So wie der hier, der vor ihm in der Küche auf dem Boden lag, verkrümmt, gelblichen Schaum vor dem Mund, das Übliche halt.
Sein Bruder war dank seines Arbeitgebers, einer Großbank, bereits im Vorruhestand. Zwei Jahre noch, dann würde er auch gehen und gleich ihm den Ruhestand genießen können. Martin Hegels sah zu den Kollegen, die ihr Ritual abspulten, als ginge sie das hier alles nichts an. Draußen bewies starkes Vogelgezwitscher wie früh am Morgen es noch war. Die Vögel mussten ihre Nester auf dem Trümmergrundstück der alten Druckerei gebaut haben. Ein wenig naturnaher Anblick dort draußen. Darüber konnte auch ihr Gezwitscher nicht hinweg täuschen.
Er zog sich in den Schlaf- und Wohnraum zurück, eine kleine billige Bleibe für eine Person oder ein junges Pärchen, dachte er. Eine Kapitalanlage aus der Nachkriegszeit, billig hochgezogen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gewerbegelände, ein Bauunternehmer, der seine Firma mit den Mieteinnahmen gegenüber der Bank absicherte. Er hatte ihn noch gekannt, jetzt aber gehörte der Kasten dem Enkel, der statt Bau lieber auf Internet machte.
„Hat jemand den Eigentümer informiert?“
Irgendjemand rief „Ja!“ und damit war auch das geklärt. Martin Hegels setzte sich auf das kleine Ikea-Sofa und sah sich um. In Gedanken formulierte er den Bericht und griff, warum auch immer, nach einem roten Lederkoffer, der unter dem Sofa hervor sah. Er zog, bekam ihn frei und legte ihn mangels Platz auf dem Tisch, auf das Sofa, öffnete ihn.
Dann wachte er auf, alle Routine fiel von ihm ab, denn so viel Geld hatte noch nie vor sich gesehen. Er war schließlich nur zuständig für Tötungsdelikte, also Tote, deren Ableben auf Fremdeinwirkung von ihm überprüft werden mussten. In dieser Stadt kam es aber selten vor, die meisten Todesfälle hatten natürliche Ursachen, und dazu zählte die Überdosis hier inzwischen auch.
Geld fanden sie eher weniger vor, eher Schulden ihnen sichtbar durch ungeöffnete Briefe mit Mahnungen.
Und jetzt das hier, unvorstellbar viele große Euro-Scheine die ihn frisch und farbenprächtig ansahen. Da er keine Erfahrung mit solchen Geldmengen hatte, konnte er auch nur schwer die Höhe des Betrages schätzen.
Martin Hegels sah sich um. Er war allein im Raum, die anderen waren entweder in der Küche oder auf dem Flur beschäftigt. Keiner hatte den Koffer bisher erwähnt und, da er ja unter dem Sofa gelegen hatte, wohl auch nicht bemerkt. Wie leicht wäre es den jetzt …!
Er schüttelte spontan den Kopf. Klar, eine Aufbesserung der Pensionsbezüge käme nicht schlecht und vielleicht gelänge es ihm unbemerkt ein paar Stapel Geldscheine in seine Taschen zu verfrachten. Aber er hatte noch nie gerne etwas riskiert und würde sich mit üblen Gedanken und sowieso jetzt schon schlecht durchschlafenden Nächten für den Rest seines Lebens damit abquälen müssen. Das war es ihm nicht wert.
Philipp Knurr riss ihn aus diesen Gedanken und Möglichkeiten.
„Wir sind fertig, hast Du noch etwas Auffälliges?“
Martin klappte den Koffer zu, stellte ihn neben das Sofa, erhob sich und ging zur Tür.
„Nein, Du?“
„Nein, die Anderen sind schon weg und die Kollegin vom Rauschgift wusste auch nicht viel über den Verstorbenen.“
„Dann sieh Dich nochmal hier um. Ich fahre schon zurück und bereite den Bericht vor.“
Damit ging er schnell an seinem Kollegen und wahrscheinlichen Nachfolger vorbei, bevor der protestieren konnte wie üblich, ging zur Tür und zur Wohnung hinaus.
Er wusste nicht, warum er so gehandelt hatte. Natürlich hätte er Philipp auf den Inhalt des Koffers hinweisen müssen und der hatte ja auch gesehen, wie er ihn zugeklappt und neben das Sofa gestellt hatte.
Bei der schön restaurierten Gründerzeitvilla, ihrem alten Hauptgebäude, am Rande der sogenannten City mit ihren drei Einkaufsstraßen angekommen, ging er angewidert weiter zu dem Neubau dahinter, wo er nun für die kurze Restzeit noch ein sogenanntes modernes Büro hatte beziehen müssen. Er rief alte Berichte über ähnliche Fälle auf und kopierte Textpassagen, die ihm hier auch zu passen schienen und wartete gespannt auf die Rückkehr des Kollegen.
Kein ihm sehr angenehmer Kollege. Dreist, oft unbeherrscht, jedenfalls ihm gegenüber, aber immer freundlich , höflich zu anderen, vor allem Vorgesetzten, ein übler Besserwisser noch dazu, der überall seinen Senf dazu geben musste und in jeder Gesprächsrunde es irgendwie schaffte das Gespräch an sich zu ziehen für seine Kommentare zur Welt und allen Dingen des Lebens. Man konnte kaum etwas sagen, ohne dass er es nicht als Stichwort nutzte für sein bisschen Erlebtes und Wissen.
Seitdem der da war, mochte Martin Hegels nicht mehr an ihren Pausenrunden teilnehmen. Er wusste, dass er sich damit im Kollegenkreis isolierte, wobei er stets ein wenig für sich geblieben war. Er galt als nett, ein wenig langweilig, aber kompetent und zuverlässig in der Arbeit, nicht über korrekt aber auch kein Schlamper. Er wusste das, kannte die Meinung der Anderen über sich, die ihn weder störte noch verwunderte. Er war, wie er war und insgesamt recht zufrieden mit dem Verlauf seines Lebens und der Arbeit.
Bis dieser Kollege kam und er ihn einarbeiten sollte für die Zukunft. Er hatte es zu Beginn gerne getan, versprach es ihm doch das Ende seiner Totenaufsucherei und Tatortbegegnungen, ein Entkommen aus dem Milieu, dessen Geruch und Atmosphäre ihm immer mehr am Leib blieben und in der Nase hingen, sogar zu Hause in seinem Garten noch präsent waren, in dieser so völlig anderen Welt der Jahreszeiten und kleinstädtischen Wohlstandslandschaft und Architektur.
Mit der Zeit hatte er immer weniger Lust auf diese Einarbeitung gehabt, da Philipp Knurr sich als illoyal herausstellte, schnell die Führung übernahm und immer wieder ausgebremst werden musste, was den aber nicht davon abhielt, weiter sich auf zu spielen. In letzter Zeit tat der fast so, als wenn Martin Hegels bereits nicht mehr da und in anderen Situationen, als wenn er nicht mehr arbeitsfähig wäre.
„Das nehme ich Dir ab!“ und „Kann ich doch machen!“ oder „Lass mal!“ waren die dazu gehörigen Sätze.
Ja, Martin Hegels war es leid, mochte seinen Kollegen und Nachfolger nicht, mochte ihn so wenig wie dieses kalkweiße Büro mit den neuen Möbeln ohne Geruch und Wärme, wie es die alte Ausstattung in der Villa noch gehabt hatte, zwar schon lange nicht mehr modern, eher fast noch kaiserzeitlich, aber aus Holz, war Natur, mit gelebtem Leben, Spuren von Besuchern, freiwilligen wie unfreiwilligen, und seiner Arbeit.
Und sein Kollege ließ auf sich warten. Bis zum Feierabend tauchte er nicht wieder auf. Martin Hegels schwieg darüber gegenüber den anderen, verabschiedete sich nach Hause und ging zufrieden aus dem Gebäude.
Nein, er hatte es nicht wirklich so geplant oder fest gewollt. Er hatte es geschehen lassen und was ihm jetzt Befriedigung verschaffte, dass er mit seinem Negativgefühl gegenüber dem Kollegen richtig gelegen hatte. Wie so oft bei manchem Täter. Nicht zufällig hatte er schließlich 98% der Fälle aufgeklärt zu den Akten legen können.
Woher das Geld stammte? Er hatte da seine Vorstellungen. Es gab nicht wenige arbeitslose junge Männer oder eben auch Süchtige, die von einer russischen Mafiabande Geld bekam um es hier in Deutschland zu waschen. In der Regel viel weniger, gerade genug dafür Autos von privat zu kaufen und anschließend nach Russland zu überführen. Sie waren im ganzen Stadtgebiet präsent mit ihren kleinen, am PC selbst gefertigten billigen Visitenkarten, die sie allen Fahrzeugen meist in die Fenster der Fahrerseite steckten. Gut, nicht alle bekamen Geld von der Mafia, aber viele.
Damit zu tun hatten andere Kollegen. Auch kein leichter oder guter Job. Eher frustrierend, da kaum mal von Erfolg gekrönt. Da hatten es die vom Rauschgift sogar besser.
Auch am nächsten Tag tauchte Philipp Knurr nicht auf. Martin Hegels ging ausnahmsweise mal wieder in die Frühstücksrunde in der Kantine und genoss es, wie das Gespräch zwischen allen hin und her schwappte, ohne dass einer alles an sich zog. Sorgen über den Kollegen Philipp machte sich keiner von ihnen. Wahrscheinlich krank, wurde nur kurz vermutet. Kein Thema also.
Martin erzählte auch nicht, dass der Kollege bereits gestern nicht wieder aufgetaucht war nach dem Einsatz in der Wohnung. Er erzählte auch sonst nichts. Saß einfach nur dabei und lauschte zufrieden den anderen. Im Büro zurück dachte er, dass kein Mensch auf die Idee käme, so einem Fixer so viel Geld an zu vertrauen, was sich ja auch als richtig herausgestellte hatte, da der sich sofort mit Stoff eingedeckt und so ins Jenseits befördert hatte. Andererseits mochten die Mafiosos genau dies gedacht haben, dass niemand auf solche eine Idee kommen würde und hatten gerade deshalb den Knaben für ihr Geschäft nutzen wollen, nur dass sie sich bei ihm dann wohl doch reichlich verschätzt hatten. Ansonsten ging der Tag ihm flott wie lange nicht von der Hand bis dann der Anruf kam.
Philipp Knurr war auf der IC-Strecke kurz vor der Stadt auf den Schienen gefunden worden. Gefesselt und so vom Zug überfahren, der dabei aber nicht weiter zu Schaden kam. Nur der Lokführer musste wegen Schock ins Krankenhaus.
„Das ging ja schnell“, dachte Martin Hegels. „Wahrscheinlich ist die Wohnung beobachtet worden und der Depp ist ihnen mit dem Koffer in die Falle gelaufen.“
Auf dem Revier entstand große Aufregung. Keiner konnte sich dieses Ende von Philipp Knurr erklären. Wer hatte den gefesselt und auf die Schienen gelegt und vor allem warum?
Eine Sondereinheit wurde gebildet, schließlich handelte es sich um die Ermordung eines Kollegen, das LKA schickte Leute, die Presse stürzte sich auf den Fall und jeden von ihnen, in der Hoffnung etwas mehr zu erfahren, sogar überregional und in der Bild-Zeitung kam Philipp Knurr zu postumen Ruhm.
„Hoffentlich meine letzte Soko“, dachte Martin Hegels und leitete den Trupp so gut es eben ging. Vom Koffer sagte er kein Wort, zu niemand. Ermittelt wurde vor allem in der Rauschgift-Szene, in deren Kreisen so eine Tötungsart durchaus als Bestrafung schon vorgekommen war. Er hatte vor Philipp Knurr bereits 5 junge Leute in ähnlicher Situation auf den Schienen betrachten müssen.
Der Erfolg ihrer Unternehmungen war ein auffälliger Rückgang der Drogenkriminalitätsdelikte, die Szene schien sich fast ganz aus der Stadt zu verziehen.
Es gab immer wieder Tatverdächtige, es gab auch Festnahmen von bereits länger beobachteten Verdächtigen und in der Folge davon auch Verurteilungen. Aber keine Aufklärung im Fall Philipp Knurr. Martin Hegels verwunderte das kein bisschen und er trieb die Leute unbeirrt davon weiter an, hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, gaben ihm die Randerfolge doch trotzdem ein gewisses Gefühl der Befriedigung.
Mit der Zeit erlahmte das Ermittlungsinteresse trotzdem und die Zeit seiner Pensionierung rückte immer näher. Offiziell würde er mit einem Misserfolg und einer etwas niedrigeren Aufklärungsquote seinen Berufsweg abschließen, und das bei dem Mord an einem Kollegen und möglichen Nachfolger, der durch eine junge Frau ersetzt worden war, mit der Martin gerne und gut zusammen arbeitete. Sie bedankte sich sogar öffentlich bei seiner Verabschiedung mit vielen lobenden Worten für seine Kollegialität und gute Einarbeitung. Ja, die mochte er und sie ihn wohl auch. Vor allem aber hatte er von ihr viel Respekt zu spüren bekommen, was ihm auf die letzten Tage mehr als gut tat.
Offiziell, im Stillen aber wusste er ja, meinte zu wissen, wer den Mord verübt hatte, wenn auch nicht mit Namen oder konkreten Personen, war sich über das Motiv ebenso sicher und dachte zugleich, dass der eigentliche Täter er selber gewesen war, er, der den Koffer gut sichtbar dort abgestellt hatte, ahnungsvoll bezüglich der hinterhältigen Neugier des Kollegen, der ihn bestimmt sofort nach seinem Weggang geöffnet und dann an sich genommen hatte und wohl damit fliehen wollte in ein neues süßes Leben.
Nur zwei Fragen blieben ihm dennoch:
„Wie viel Geld war es wohl wirklich gewesen? Eine Millionen, oder gar 10 und mehr Millionen?“
Und die ihm viel unangenehmere:
hatte Philipp Knurr den Koffer gar nicht für sich genommen, sondern den einfach nur ordnungsgemäß zur Polizeidienststelle bringen wollen und ihn, Martin Hegels, womöglich anschwärzen, der nichts über den Fund gesagt hatte?
Manchmal, wenn er als Pensionär alleine auf seiner Terrasse im Liegestuhl lag dachte er auch darüber nach, dass er ja eigentlich, wenn auch nur für Sekunden, einmal in seinem Leben Millionär gewesen war. Den Kollegen Philipp Knurr bedauerte nicht und nie, dafür waren zu viele beklagenswerte Tote in seinem Leben eingetreten und wieder verschwunden gewesen.
Und er war klammheimlich ein wenig stolz darauf, dass ihm zum Schluss auch noch irgendwie der perfekte Mord gelungen war, was doch auch viel über seine Qualität als Kommissar für Tötungsdelikte aussagte.