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Dienstag, 10. Dezember 2013

Umzug in das 7te Lebensjahrzehnt


zu viele unserer frischen Gräber sind es
die bis an den Rand gefüllt in mir ruhen

als dass ich die vielen freundlichen Grabsteine
und den tausendfachen Firlefanz
einst glücklicher Momente in unserem Haus
so entsorgen könnte wie

die billigen Möbel aus den
Sonderangeboten der Republik

will ich aufgeräumt und erleichtert
in die letzten Jahre ziehen

Freitag, 20. September 2013

Kleine Erfolge



ja, durchkreuzt von Schmerzen
stolper ich hier rum
zwischen den Ruinen
karg die Neubauten, frisch
gepflanzt die Hecken
Kummer, Erinnerungen, Leid
da können wir so wenig richten
haben mich kleine Erfolge
doch befreit, immer wieder
zum Mut hin
zum Lächeln
zur bleibenden Freundlichkeit
über Gräben wie Gräbern hinweg
und Grenzen

weil was bleibt
das bleibt

Dienstag, 17. September 2013

Gesammeltes Schweigen



so viele gezimmerte Worte
mal mehr, mal weniger
geschnitzt, gemalt
mit und ohne Messer
oder Pinsel
was für ein Bildersturm
in unserem Schweigen

in all den Jahrzehnten
Ohr an Ohr, Mund an Mund
Geste für Geste, Berührung
auf Berührung, unsere Nähe
immer wieder diese Nähe

holen wir sie uns heute
wieder in stillen Stunden
alle herauf, sie ein zu rahmen
auf zu hängen, ja, auch mal
bloß zu stellen

Dir und mir, das ganz große Meer
unseres Schweigens
prall gefülltes Kunstmuseum
Erinnerungssymphonien
ein klangvolles Opern-
und Leierkastenhaus
alle Pinsel, Stichel, Schnitzmesser
und Musikinstrumente
dies alles nur für uns, für uns allein
unser gesammeltes Schweigen
wie die Münzen all der Sparschweine
unseres ge-/verliebten Lebens

Mittwoch, 7. August 2013

Ein Klodeckel mit Vergangenheit


Als meine Oma starb erbten meine Eltern ihr Häuschen. Während ich noch traurig war und meine Oma vermisste, böse in den Himmel sah, der sie mir genommen hatte, ließen meine Eltern das Häuschen „modernisieren“. Alles wurde raus gerissen und raus geschleppt. Ein großer Container auf dem Bürgersteig nahm Omas Sachen auf.
Mein Vater war voller Elan und freute sich obwohl die Oma doch seine Mutter gewesen war und auch er auf der Beerdigung geheult hatte, was sonst nur meine Mutter ab und zu tat.
„Oma war alt“, hieß es immer wieder: „Sie wurde erlöst.“
 „Das wird nun unser Heim“, sagten sie und „Freue Dich. Das wird schön!“
Die Erwachsenen erschienen mir plötzlich verlogen und herzlos. Wieso sollte jemand meine Oma „erlösen“ und von was und wozu? Nur um im Himmel auf einer Wolke Harfe zu spielen? Oma, das wusste ich genau, mochte weder Harfen noch klassische Musik. Sie mochte Küchenlieder wie „Ein Loch ist im Eimer“ oder „Mariechen saß weinend im Garten“.
Ich war für meine Eltern nur ein Kind und wurde darum nicht gefragt. Aber als sie den schönen alten Toilettendeckel aus dunklem, rötlich schimmerndem Holz, der meinen Hintern immer so schön warm und nicht hart getragen hatte beim „Geschäft“, als sie den entfernten und auch in den Container werfen wollten, da hielt ich mich an ihm fest und schrie sie an, dass der vom Opa, dem Vater meines Vaters selbst gemacht worden sei und ich nie, niemals mich auf einen anderen Klodeckel setzen würde und sie mich ja auch gleich mit in den Container werfen könnten.
Es war vergeblich, sie lösten meine Finger vom Deckel, trugen mich in mein Zimmer, sprachen lange auf mich ein und lasen Geschichten vor, bis ich leise weinend eingeschlafen war.
Kurz darauf kamen verschiedene Fahrzeuge und brachten neue Sachen, die meisten weiß, vieles aus Plastik und Metall, Holz mochten sie wohl nicht mehr, nicht dessen braune Farbe, nicht dessen Lack in dem ich mich spiegeln konnte.
„Modern!“ Das war ihr Ziel. Wir sollten „modern“ wohnen ab jetzt. „Ich konnte das alte Zeugs schon lange nicht mehr sehen“, meinte mein Vater und meine Mutter nickte dazu.
Auf die Toilette kam ein Deckel in Weiß und Plastik und mit weicher Federung, so dass der Deckel nur langsam runter ging und nicht mehr knallte. Sie fanden den ganz toll und „hygienisch“.
Mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Kram und nach ersten Anraunzern, wenn ich etwas beschmiert, verdreckt oder angestoßen hatte, kam ich mit dem neuen Outfit klar. Bis auf den Toilettendeckel. Ich fand ihn eklig am Po. Er wurde schnell glitschig wenn es warm war und ich schwitzte und im Winter war er blöd kalt. Auch rutschte er unter einem wenn man drückte. Und drücken musste man ja, sonst kam nichts raus und es wurde nichts mit dem „Geschäft“. Sogar Vater war grummelig darüber. Mit der Zeit hieß der Klodeckel nur noch das „Scheißding!“ und wurde schließlich durch einen einfachen von ALDI ohne Federung ausgetauscht. Der knallte wenigstens wieder, wenn ich ihn zufallen ließ.
Eines Tages kamen wir im Urlaub an einem Laden vorbei, der laut meinen Eltern „tolle Designersachen“ führte. Im Fenster lag ein Holzklodeckel, der sah aus, als wenn er vom Großvater gemacht worden sei, ja, ganz wie unser alter.
„Guckt mal, unser alter Klodeckel,“ rief ich.
Sie sahen mich nur verständnislos an, bis sie das Exemplar entdeckten. „Ja, wie der von Opa.“
Ich bat sie, den Deckel zu kaufen. Sie lächelten mich mitleidig an und schüttelten den Kopf.
„Der ist zu teuer, sowas können wir uns nicht leisten. Aber Du hast Recht: er sieht schön aus.“
Verstehen sie das? Wie blöd dürfen Erwachsene eigentlich sein? Schmeißen sowas ohne mit der Wimper zu zucken auf den Müll obwohl es so teuer ist, dass sie es sich nicht wieder kaufen können.
Immerhin konnte ich den Klodeckel noch fotografieren. Das Bild hängt heute noch in meiner Wohnung, auf dessen Klo er heute wieder liegt, warm am Hintern im Winter, kühl im Sommer, leicht rötlich schimmernd.
In letzter Zeit allerdings habe ich öfter Kämpfe mit meiner Frau, für die er „unhygienisch“ ist und „eklig warm“ am Hintern, sie meint sogar, sie hätte jedes Mal das Gefühl die Wärme des Hinterns vom Benutzer vorher zu spüren. Auch hätte sie lieber einen von den Modernen, die sich selbst reinigen und sanft zufallen. Aber diesmal bleibe ich hart, schließlich bin ich kein Kind mehr und als Erwachsener nicht verblödet.
Irgendetwas aus der Kindheit sollte und muss man sich schließlich bewahren können.

Donnerstag, 1. August 2013

Straßenkehraus



durchschreitend
meine alte Straße
frierend ihre Stille
hinter der sich Wände
und Gärten
eingehakt, verhakt
zu gepanzerten
Vorhängen verweben
nichts mehr preisgebend
vom Preis des Bleibens
wie auch immer
vor meinen Füßen
ein Maikäfer
der auch nicht mehr lebt
finde ich einen Ball
auf einer Treppe
ja, erinnere mich:
einst sind wir hier
Astronauten gewesen, der „Kaiser“
und der „Müller“
laut, lebendig, fröhlich
da sind Maikäfer
für uns
in die mächtigen Kronen
der Bäume geflogen

aber den Ball
in den Himmel schießen
das kann ich
immer noch
und: … Schuss!

Samstag, 6. Juli 2013

Ungenaue Erinnerungen und ihre Folgen



„Nicht bewegen. Und: Goschn halten, einmal die Goschn halten! Jetzt red i! Ihr habts lang genug geredet. Daran erinnere i mi!
I soll mich nich erinnern, das weiss i, aber ich tus, und zwar an alles. Auch wenn i net weiß, welche Erinnerung wirklich di meine is, welche von mein Mutter und was von die Bilder kommt.
Euer Alois, der hat scho recht, dass man sich nicht an alles erinnern möcht und sich selbst nur die allerbesten Erinnerungen behält.
An Euch beide aber erinnere i mi immer. Jeden Tog. Von früh bis spat. Jeden Tog.
Wie mei Mutter hat schuften müssen für Euch, Gott hab sie selig, immer, all die Tog und kei Zeit hat für mie. Nimmer. Und ich auch hab springen müssen, das erinner i mi und zwar recht fad.
De Alois hat recht, Euer Sohn, ihr seids a Greuel, Leuteschinder seids.
I erinner mich an wenig schöne Tog, ans Schuften allweil aber schon, mehr als gnug. I wüßt gern, was noch war, was i nit erinnern tu.“
„Was redest fürn Schmarrn!“
Der große Mann auf dem Teppich vor dem Sofa sah richtig wütend aus und ungeduldig. Die Frau neben ihm legte ihm ihre Hand auf den Arm, versuchte ihn zu beruhigen.
„Goschn. Halts Goschn! Kruzifix! Jetzt red i und zwar von meinen Erinnerungen, meinen, verstehts mi? Die, die ich selber hab und nicht die, die haben sollt, wie ihr es wollt. Mei Leben!
Nix das mit Dankbarkeit, das i hab bei Euch fressen dürfen und schlofen, wie mei Mutter, Gott hab sie selig. Jo freili, die Geschenke zweimal im Johr, an Christkindl und Namenstag, dass de Arzt immer kommen is, wenn’s muß. Schöne Gchichten, Eure nicht meine. Alles fad.
Aber immer mußt i schön Danke machen und Bitte, Bitte. Geschlagen habs mi nit, aber gequält, bös anschauen, wenn was war. Ja Du, mit Deinem dicken Bart, Du besonders, seitdem mog i kei Leut wie die Bart.
Euer Bub meint auch, dass man sich erinnern tut durch Wiederholung, sagt er, was immer und immer wieder passiert, das wird einem das Leben nachher, und was nit wieder auftaucht, is dann weg. Und da zeigts noch Fotografien daher, dass man am End ein anderes Leben glauben tut, aber nimmer mit mi!“
„Ich halte es nicht mehr aus! Wer hat Dir diesen Quatsch eingeblasen? Redest doch sonst nicht so gescheit daher? Ist es wegen der Mutter ihren Tod, Jung?“
„Loß mei Mutter weg, loß sie weg! Goschn!!!“
„Aber er hat doch recht, was redest Du?“
„Du a! Hochnäsig Zieg, allweil kalts Weib. Ni durft i mi normal fühlen, immer Deine Augen, dass i deppert bin und geduldet, wenn die Mann nicht gwesen wär, hättst mich doch allweil schon fortgejagt!“
„Aber Hans-Hermann!“
„Nix Hans-Hermann! Für euch nimmer.“
Der Mann wirkte jetzt entspannter, ruhiger, richtete sich halb auf.
„Was willst? Was sollen wir tun?“
„Nix, nix halt! Goschn! Will mei eigene Bilder zrück, mei Erinnerung! Mei Kindheit und nicht Euren Schmarrn!“
„Und die Ausflüge, der Urlaub damals in der Türkei?“
„Schmarrn! Nur wegen Eurem Bub, dem Alois, weil der nicht allein sein sollt und de Mutter als Euer Magd! Nix Urlaub, Ausflüge, i erinner mi an nix.“
„Und die schönen Dias, Hans-Hermann, weißt Du noch wie wir alle gelacht haben hinterher, an dem schönen Abend?“
„Nix gelacht! Schmarrn! Lustig gmacht habt ihr Euch. Sonst nix. Sagt der Alois auch.“
„Das soll unser Sohn gesagt haben?“
„Goschn! Jo! Kruzifix!“
Der Knall war leiser als Hans-Hermann erwartet hatte, der Rückschlag des Gewehres dafür heftig. Der große Mann zuckte nur einmal kurz und blieb dann bewegungslos liegen. Die Frau schrie auf und warf sich auf den Mann.
„Goschn! Du kommst auch noch dran. Wenn i fertig bin. Noch bin i net fertig.“
Die Frau sah ihn nicht an, weinte und begann das Gesicht des Toten zu küssen.
„Jetzt heulst! Gut! Heul i net, sondern endlich mal Du! Aber i geb di net son Tempo für die Tränen. Ja, das hast mir schnell gegeben, immer, damit i aufhör zu plärren, weils Dich nerven tut.“
Die Frau drehte ihren Kopf, sah Hans-Hermann direkt in die Augen.
„Was, was haben wir Dir je Böses getan? Sag mir was?“
Sie schrie es, laut, kreischend, dass sich ihre Stimme unangenehm überschlug.
„Du bist fad.“
Auch der zweite Schuss traf und die Frau starb sofort, brach über dem Leichnam ihres Mannes zusammen und rührte sich auch nicht mehr.
„Na endlich!“
Der junge Mann betrat die Stube und schritt um die beiden Toten herum.
„Alois!“
„Ja, das war sauber!“
Der mit Alois angesprochene brachte seine rechte Hand nach vorne, in der er eine Pistole hielt. Er drückte ohne eine Gesichtsregung sofort ab. Hans-Hermann ließ das Gewehr fallen und fiel auf die beiden Toten.
Der junge Mann nahm sein Handy heraus und rief die Gendarmerie an, die kurz darauf vor dem Wohnhaus eintraf. Ihre Wagen füllten rasch den großen Platz zwischen Hof und Sägerei.
Der junge Mann empfing sie weinend vor der Tür sitzend.
Drinnen fiel den Polizisten sofort der aufgebrochene Waffenschrank auf.
„Und sie haben nichts gehört vorher, keinen Knall, nicht den Krach von dem Aufbruch?“
Nein, er habe nichts gehört, habe geschlafen, erst als er müssen habe müssen und auf dem Weg zur Toilette, da habe er den Hans-Hermann gehört und vorsichtig durch den Türspalt geschaut und gleich angerufen. Als es aber geknallt habe, habe er die Pistole vom Vater geholt und sei in die Stube gekommen, aber leider zu spät. Viel zu spät.
Der Kommissar aus der Kreisstadt nickte. „Und, haben sie eine Erklärung, warum der das getan hat? Rache? Und wenn ja, wofür?“
„I glaub der war ganz wirr im Kopf wegen dem Tod seiner Mutter.“
„Die ist in die Maschine gekommen vom Sägewerk, sah fürchterlich aus, alles voller Blut und nichts mehr zu machen. Ihr Sohn hat sie gefunden.“
Der Wachtmeister Franz sagte es und sah misstrauisch zu dem Alois dabei.
„Gab es eine Untersuchung?“
„Ja, aber sie muss wohl irgendwie gestolpert sein beim Putzen der Maschine und versehentlich an den falschen Knopf gekommen. Es kam nicht mehr Gescheites raus bei der Untersuchung“.
Der alte Franz sah den Kommissar an und wartete. Ein Jahr noch, dann ging er in Pension. Und hatte nichts mehr mit diesen unerfreulichen Geschichten zu tun.
„So? Na ist ja auch egal. Hier ist die Sache wohl ziemlich eindeutig Notwehr.“
Der Wachtmeister Franz sah ihn kommentarlos an, dann zu dem jungen Neuerben. Er erinnerte sich mehr als genau an so manchen üblen Streich des Jungen, Streiche für die meist der Hans-Hermann oder andere Buben aus dem Dorf die Schuld bekamen. Was aber so nur geflüstert wurde. Dessen Eltern mochten dagegen alle hier im Dorf, um die tat es ihnen leid wegen dem missratenen Bengel. Konnten nichts dafür. „Ist halt böses Blut in ihm. Wer weiß, wo das herkommen mochte“. Und jetzt waren die tot.
Am nächsten Tag war der Mord natürlich Dorfgespräch, alle bemitleideten den Alois, fanden den nun nett und „das hätten der und seine lieben Eltern nun wirklich nicht verdient. Wo die alle drei doch stets so nett zu Hans-Hermann und seiner Mutter gewesen waren.“
Es sprach keiner mehr von den Gerüchten, dass die wahrscheinlich nur auf dem Hof sein durften, weil der Großvater der Erzeuger vom Hans-Hermann gewesen wäre und man einen Skandal hätte vermeiden wollen. Niemand erinnerte sich plötzlich an die tollen Streiche und Eskapaden des Alois, an seine Faulheit und Hinterhältigkeit. Nun war er nur noch der „leeve Bub“ und neue Sägewerksbesitzer samt großem Bauernhof.
Nur der alte Franz guckte scheel und machte sich seine Gedanken. Er fuhr in die große Stadt und erfuhr dort, dass der Alois schon länger nicht mehr in der Universität eingeschrieben sei, von der Zimmerwirtin, dass der „junge Kerl allweil Weiber ghabt hätt und Radau gmacht in die Nacht, weswegen sie ihn gekündigt hätt, aber der sich nicht gerühret hätt. Na, ja, jetzt sei er ja von allein gangen.„
Da schaute der alte Wachtmeister wieder zufriedener. Er fuhr in die Kreisstadt und erzählte dem Kommissar von seinen Gedanken. Der wollte erst nicht, musste dann aber zugeben, dass es nicht aus zu schließen war.
„Setzt aber ein gehöriges Maß an krimineller Energie voraus!“
Das gab der Franz zu.
„Erst die Mutter, nur um deren Bub …?!“
„Wahrscheinlich. Vielleicht hat er sie aber auch und wollts vertuschen!“
„Können sie sich das denn vorstellen?“
„Naja, fesch war die noch, ist ja erst 14 gewesen, als der Hans-Hermann kam.“
„14?!“
„Jo.“
„Aber, das wäre ja wirklich ein Skandal, wenn der Großvater das war.“
„Jo!“
„Und sie meinen …?“
„Jo!“
Daraufhin wurden alle Akten neu durchgesehen und alles überprüft. Es nützte nichts. Sie konnten weder beweisen, dass Alois selber den Waffenschrank aufgebrochen, noch dass er das Gewehr geladen und für Hans-Hermann parat gelegt hatte, noch war zu beweisen, dass er so lange gewartet hatte mit seinem Eingreifen, bis seine Eltern tod waren, und auch nicht den Mord an der Mutter.
Der Kommissar und der Franz resignierten schließlich, nicht zuletzt weil der Franz seine Pension antrat.
An einem Sonntag, zwei Stunden vor Kirchgang, betrat der alte Franz das Sägewerk. Er hatte keine Mühe gehabt hinein zu kommen.. Die Behälter, die er den Berg mit etwas mehr Mühe als ihm lieb, den Berg hochgetragen hatte, stellte er daneben ab und legte Schläuche von ihnen zur Maschine, danach stellte er die große Maschine an.
Binnen Minuten kam Alois in das Gebäude gerannt, mit vom Alkohol geröteten Augen und wütend.
„Wer ist da! Was soll das?“
„Erinnerst di net?“
Der alte Franz hatte sich vor dem Eintreffen vom Alois bereits hinter dem Gebäude versteckt und sprach nun durch ein Megaphon.
„Hast sie hier gevögelt oder im Haus? Hat sie geschrien Alois? Kannst di erinnern?“
„Komm raus, Du Hund! Ich geb Dir’s aufs Maul!“
Franz aber war bereits zum großen Tor geschlichen, schob es schnell zu, drehte den Schlüssel und ging kichernd vom Hof den Berg hinunter, ohne dass ihn jemand sah, schließlich bereite sich das Dorf auf den Kirchgang vor und dabei sieht man kaum mal zum Fenster raus.
Im Sägewerk explodierte es derweil dreimal kurz hintereinander und daraufhin schossen schon die ersten Flammen durch das Dach.
Der Kommissar stellte hinterher öffentlich fest, dass es wohl Selbstmord war und somit ein spätes Schuldeingeständnis.
Da kamen die alten, echten Erinnerungen wieder zurück ins Dorf. Wie der Alois so wirklich war, und jeder es hatte kommen sähen, dass das kein gutes Ende gäben würde mit dem.
Wochen danach, als schon kaum jemand mehr darüber sprach und die Gemeinde bereits einen neuen Eigentümer und Betreiber für Sägewerk und Hof gefunden hatte, besuchte der Kommissar aus der Kreisstadt noch einmal den alten Franz auf dessen kleinen Hof, wo der alleine wohnte, weil ihm die Frau schon lange verstorben war.
„Des geht nit, das weißt schon!“ sagte der Kommissar nach dem ersten Begrüßungsschnaps.
„Jo!“
„Muss ein End haben, Franz!“
„Jo!“
„Das darf mer nett! Ist kein Recht sowas!“
„Jo!“
Beim Abschied an der Tür hielt Franz den Kommissar am Ärmel fest.
„Ist der Krebs! Drei Monat noch, oder zwoa, oder viere! Dann wars!“
„Sowas in der Art dachte ich mir.“
„I wollt a bessere Erinnerung ham auf dem Sterbebette, woast. Damit i hinterher besser schlof.“
„Ist schon recht. Zwei oder drei Monate. Tut mir leid.“
„A Schmarrn is.“

P.S.:Mit Dank an Günter Landsberger, durch dessen Erinnerungsgedanken ich auf die Idee kam

Samstag, 22. Juni 2013

Als der Sommer endlos

Ich wusste nichts und doch alles, was ich zum Leben brauchte, wie ich andererseits noch keinen Menschen brauchte und sie mich auch nicht. Wann er begann, weiß ich eben so wenig wie von seinem Ende, ob langsam im Übergang zu etwas anderem oder schnell, plötzlich, von einem Tag zum anderen: keine Ahnung.
Auf jeden Fall war es so, dass ich und er noch keinen Frühling hatten, nur Winter, nur die Zeit ohne ihn, den Sommer, die wahre Lebenszeit, die große Freiheit, mein großes warmes Meer an Tagen und Stunden, an Zeit für mich, für mich ganz allein.

„Ein Schlüsselkind also,“ sagte mein Psychologe. Mag sein. Das Wort hörte ich auch, aber später, als diese Sommer für mich längst in fortgesetzter Schulkindzeit verschwunden waren. Ich hörte es zuerst, als ich es noch nicht hören sollte, als Getuschel älterer Erwachsener hinter meinem Rücken, später mit mitleidigem Ton, so eine Art Trösterwort, als könnte dies irgendetwas erklären, entschuldigen und zugleich war es stets gegen meine für dieses Schlüsseldasein verantwortlichen Eltern, eigentlich eher unverantwortlichen Eltern gerichtet, als hätte es mir an etwas wichtigem gefehlt.



Nein, mir fehlte nichts. Im Gegenteil, hatte ich doch die ganze Welt für mich, riesig, wunderschön, abwechslungsreich, abenteuerlich und eben wunderschön, für mich damals ohne Worte, aber die brauchte ich dafür ja auch noch nicht, da ich noch niemanden etwas mit zu teilen hatte und auch keiner da war, der gefragt hätte, mehr gefragt hätte als „Na, was hast Du heute so gemacht?“, ohne dass wirklich begierig oder juristisch ernsthaft eine Antwort erwartet worden wäre, die irgendwie eine Bedeutung hätte erreichen können, eine Wichtigkeit wie später. Auch spielten Wahrhaftigkeit oder Wahrheit des Geschehens um mich noch keine Rolle. Ich hätte ruhig ohne schlechtes Gewissen antworten können mit etwas, was ich vor drei Tagen oder vor fünf Wochen gemacht hatte und es wäre genau so gewesen, als hätte ich von dem Tag erzählt, an dem ich abends, meistens beim Abendbrot, wenn der Fernseher noch nicht lief, gefragt worden war.

Zeit existierte nur abends, morgens löste sie sich mit dem Weggang der Eltern zu ihren Arbeitsstätten sofort wieder auf, verschwand mit den Sonnenstrahlen, die ihre bunten Farbtupfer durch die Butzenscheiben im Treppenhaus auf die Bodendielen warfen, zittrig, sprunghaft, so wie ich, der über sie hinweg sprang, die Treppe hinunter, zur Tür hinaus.



Ganz anders der Winter. Da blickten die Butzenscheiben, im Übrigen das einzig Schöne in dem Haus, düsterfarben, der graue Hof, zu denen sie hinuntersahen, noch grauer und weniger einladend als sonst, wo den Katzen ein Sandkasten der mit dunkel gepunkteter Grauerde gefüllt war, das Klo gab und mir die Spielfläche nahm, also mehr Grau als sonst was, auch die Häuserwände, an denen blasse Farbstreifen der Fensterrahmen nur wenig dagegen aus zu richten vermochten.

Winter war öffentliche Reinigungsanstalt mit dem Vater, lauter heiße Gestänge mit Duschköpfen, denn man traute sich wieder unter Duschen, dachte fast schon nicht mehr an die andere Zeit, wusste es schon nicht mehr oder noch nie, was diese Vorrichtungen nur ein paar Jahre vorher für Millionen von Menschen gewesen waren, bedeuteten jetzt stattdessen harmlose Reinigung oder auch Erfrischung, denn viele Männer duschten kalt, wegen der Abhärtung und ihrem Mann sein, bedeuteten für mich beißende Seife, viel zu schwülheißer Dampf und Körperschweiß der nackten Männer um mich herum. Immerhin hatte es mein Vater nicht so mit dem Kaltduschen und so wurde ich ganz natürlich ein Warmduscher, bin es auch heute noch, stehe oft minutenlang nichts tuend oder denkend unter dem warmen , leicht schon heißen Strahl und mein Körper erinnert sich plötzlich an die Wärme der Sommer damals, nicht an die Winter und vielleicht gingen die Warmduscher unter den Männern ja auch gerne deshalb dorthin, ihre Erinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes auf zu wärmen. Da liebte ich aber doch eher das Abschruppen in der alten Zinkwanne in unserer großen Küche, die deswegen noch groß war, weil man sich zu Feierabend noch in der Küche aufhielt, nicht in der „guten Stube“, die bei uns schon Wohnzimmer hieß und sehr zum Stolz meines Vaters mit einem Fernseher ausgestattet war, so dass wir bereits unser Abendessen dort und nicht in der Küche einnahmen, in der Küche, deren Luft klar war und sich ohne große Probleme einatmen ließ.

Im Winter war ich Stubenhocker, behauptete auch mein Vater und der meinte das nicht nett, sondern wollte, dass ich aus der Stube raus ginge, an die Luft, in das Leben, was in der Stube offensichtlich nicht stattfand, obwohl wir gar keine Stube hatten, nur Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, Klo auf dem Flur, hocken brauchte ich dort auch nicht, konnte auf dem Sofa liegen und auf Sessel und Stühlen sitzen, kurz, das Gesagte des Vaters ergab für mich keinen Sinn, nur eine Aufforderung, der ich nur im Winter ungerne nachgab, konnte ich doch im Fernsehen da besser „Fury“, „Lassie“, „Fuzzy“ und „Texas Rangers“ bei ihrem Leben zu sehen oder mich mittels Klaus Havensteins sanfter, schöner Bassstimme durch seine Sendung „Sport, Spiel, Spannung“ führen lassen. Gut kann ich mich auch erinnern an den Brunnen des Südwestfunks, ein mehrstöckiger Brunnen dessen Wasser dampfend überquoll in stetem Rauschen, und danach kam zum Beispiel „Der kleine Muck“, dessen Leben ich aber traurig fand, wenn auch passend zum Winter.

Der Winter war also nichts für mich, schon gar kein Sommer. Frühling und Herbst nahm ich als eigene Jahreszeiten erst sehr viel später wahr, da waren wir längst von den Bergen fort in die große Stadt gezogen und freuten uns über jedes Blümchen im Vorgarten oder stöhnten über das Laub auf dem Gehweg, dass weggefegt werden musste.

Dafür aber kannte ich ihn, meinen Sommer. Da brauchte ich nie zu überlegen, was ich mit dem Tag anfange ohne Eltern und feste Mahlzeiten mit Stillsitzen, „Gerade sitzen“, ohne Putzgeräusche oder Spielanweisungen. Ich ging stets einfach drauf los, entschied erst auf der Straße, wohin mich meine Füße tragen sollten.
Wobei es mir auch noch völlig egal war, ob es wirklich mein Sommer oder der vom Friseur nebenan war, spielten Mein und Dein, Haben und Nichthaben sowieso keine Rolle, meinetwegen mochte der Sommer allen oder niemanden gehören. Ich genoss ihn einfach, wanderte den Fluss entlang oder zur einen Seite durch die kleinen, ängstlich an die Hänge gedrückten Bergdörfer zur Burgruine oder zur anderen Seite über die Rinderweiden hinauf, wo ich ab und zu kleine Wildblumensträuße für meine Mutter pflückte.

Für mich heute auffallend, damals in keinster Weise, dass sie nie besorgt reagierten, wenn sie doch mal von mir erfuhren, wo ich die Woche über herum strich.  Immerhin waren es einige Kilometer, die ich bisweilen so am Tag zurücklegte.

Sommer war entschieden die Zeit ohne Worte, nur mit Bildern und Tönen gefüllt. Die Worte dafür musste ich mir daher erst später und dann mein Leben lang mühsam suchen. Ich brauchte sie in den Sommern dort einfach nicht. Ich brauchte einen Schlüssel für die Heimkehr, meine blank gescheuerte Lederhose, Sandalen an den Füßen und das war es.



Meine Sommer waren übrigens nie zu heiß, nur warm. Wenn sie doch mal heiß wurden und man mich am Wochenende auch noch in das Schwimmbad schleppte, war mein Sommer gestorben, auf Eis gelegt, soweit sich das über einen Sommer behaupten lässt. Nein, diese Hitze war eklig, stank nach Sonnencreme und führte zu verbrannter Haut und mehreren Tagen in der abgedunkelten Wohnung, trennte mich von meinen Ausflügen, beraubte mich so meiner Freiheit, also wenig sommerlich.

Mein Sommer gestatte mir kurzärmelig oder ganz ohne Hemd auf die Berge zu wandern, klettern ergab sich nicht, an den Brunnen und Bächen Wasser aus der hohlen Hand zu trinken, startete damals spätestens Fronleichnam, wenn im Stadtpark ein paar Ecken mit Blumenblüten und Blättern zu Bildern geschmückt wurden, vor denen die Prozession der Katholiken betete und sang, wenn danach die ersten Handwerksgesellen auftauchten in ihren derben, schwarzen Cordkluften, auf dem Rand des Springbrunnens balancierten, betrunken Lieder grölten und gelegentlich auch in sein Wasser plumpsten.

Sommer war auch, wenn die Pfaue im Kurpark herumstolzierten und die Enten gefüttert werden konnten, dafür, und nur dafür, nahm ich auch mal Brot mit von zu Hause.

Es gab in mir noch nicht diese Gier nach Süßigkeiten, rauchen taten noch nur meine Eltern, allerhöchstens erstand ich mir mal ein Laugenbrötchen, dessen weichen Inhalt ich stets als erstes mit dem Finger raus puhlte und langsam auf der Zunge weich werden ließ, bis ich ihn genüsslich runterschluckte in der frohen Erwartung der leckeren röschen Außenkruste mit ihrem Gemisch von Salz und Hefe im Geschmack, die ich langsam, Stück für Stück abbiss. Ja, Laugenbrötchen waren auch Sommer.

Und meine erste Freundin war natürlich Sommer, wie wir Hand in Hand im Park umher stolzierten oder gemeinsam hoch zu den Weiden. Leider hatten ihre Eltern nur ein Gastspiel in der Stadt und so war sie ein kurzer Sommer.

Verwandte gehörten nicht zum Sommer, denn die hockten alle im finsteren Norden mit seinen Sturmfluten, dem „blanken Hans“ und den vielen Fabriken, deren Schornsteine jeden Sommer verdunkelten. Wir, das heißt meine Eltern und ich auch, hatten hier nur Freunde und die lachten im Sommer viel und so waren auch wir, fröhlich, jung, ja auch meine Eltern waren im Sommer noch jung, ohne Fragen an die Zukunft und ohne Vergangenheit.



Aber, so wie es meine Eltern im Sommer in dieses unselige Schwimmbad trieb, jagte es mich hinauf in die Berge. Wir hatten ja mehr als genug für mich um uns herum. Später zur Auffrischung der Erinnerung zurückgekehrt für ein paar Tage fand ich heraus, dass meine Berge eher Hügel waren, keine Mountains, nicht schroff und kahl knapp unter dem Himmel endend, eher sanft, noch in der höchsten Höhe grün durch Bäume und Gräser, angenehm für Wanderer, nichts für Bergsteiger.

Sommer war im Gras liegen und den Wolken bei ihren Wanderungen über unser langgestrecktes Flusstal zu zu sehen, in ihnen Gesichter zu finden und Gestalten, bisweilen Geschichten, die schneller als beim Fernsehen ihre Szenen wechselten.
Sommer war aber auch Regen, warmer Regen, der so herrlich einerseits erfrischend, andererseits nicht wirklich kalt die Haut liebkoste, Gefühle gab, Lust auf mehr. Im Regen wandern war nicht weniger schön als ohne Regen. Für Gewitter gab es unterwegs genügend Unterstände und so erlebte ich manches Spektakel draußen, wild, gefährlich, vor allem wenn Kugelblitze dabei sein sollten, denn vor denen hatte mich irgendwer mal besonders gewarnt, herrlich wenn der Sturm einen schüttelte und die großen Tropfen platschend den Schweiß von der Haut wuschen.

Ich hatte keine Angst, damals noch nicht, Sterben war weder Wort noch Tat noch Gegenstand. Vor allem nicht im Sommer. Auch Großvater sagte später bei einem Besuch aus irgendeinem Anlass heraus „im Sommer stirbt man nicht.“. Damals war das für mich ohne Frage. Sommer ist Leben, Winter ist Tod.

Unterwegs traf ich nur auf wenig Menschen und die, die ich traf, hatten zu tun, hielten Kunden die Ladentüren auf, fuhren Lieferwagen mit Ladungen von irgendwoher irgendwo hin, weiter oben sichelten sie die Hänge ab, säuberten die Höfe, kippten Mist auf die vor jedem Haus in den Dörfern auf sie wartenden großen gelbgrünen Haufen, aus denen sich langsam verabschiedend Halme heraus sahen, sich ein letztes Mal gen Sonne zu strecken schienen.

Die Menschen die ich sah, grüßte ich und sie grüßten knapp aber freundlich zurück. Wir fingen nichts weiter miteinander an, weder ein Gespräch noch sonst irgendwas, gehörten aber für mich trotzdem irgendwie zusammen hierhin. So wie die ersten Trecker, fast alle noch dunkelgrün, die ihre Stimmen in das Tal knatterten, meistens aber zogen noch stämmige Pferde das landwirtschaftliche Gerät, wieherten selten, kein Vergleich mit Fury und seiner Herde, wenn die zu Beginn der Filme mit donnernden Hufen durch eine Senke in die kleine Tallichtung galoppierten.

Zum Sommer gehörten auch die Gerüche aus den Ställen, das Quieken der Schweine, das Schnattern der Gänse und natürlich die herrische Kräherei der Hähne. Das alles bereicherte die Musik des Tals, zu der das ferne Summen der Autobahn hinzu kam, ein schwaches, fast stotterndes Summen, kein Vergleich mit heute, wo sie fast Stoßstange an Stoßstange über die Talbrücke brummen.
Tischler sägten dazu, in den Autowerkstätten hämmerte es und bisweilen vernahm  ich auch schlecht geölte Maschinen und das Hüpfen der Kisten auf den Lkws wenn die über das Kopfsteinpflaster röhrten.

Sommer war nie leise, aber auch nicht laut. Es war eine besondere Symphonie, die ich verstand und der ich stets zu lauschen mochte, komponiert von Geisterhand, ausgeführt von mir bekannten Räumen und ihren Geräten, Gestalten und Gesellen und als I-Tüpfelchen sang auch mal ein Mensch oder pfiff sich eine Melodie.
Auch höher hinauf wurde es nie still. Dann überwogen die Vögel mit ihren so unterschiedlichen Stimmen, das Rauschen der Zweige, das Knacken und Ächzen vom verspielten Wind in den Ästen, das Plätschern der Bäche.

Bei alledem lernte ich nie etwas, jedenfalls nicht in Worten, was mir später vielleicht sehr geholfen hätte. Niemand klärte mich auf über die Vögel, die Bäume und Blumen, niemand gab mir ihre Namen preis, und da ich nicht lesen konnte, erfuhr ich auch nicht die Namen der Dörfer. Ich lernte nicht, sammelte einfach nur Gerüche, Klänge und Bilder, sammelte sie wenn möglich täglich ohne Übersättigung, ohne Langeweile, fand sie immer neu und aufregend und wäre nicht auf die Idee gekommen, sie verlieren zu können, ihre Namen wissen zu müssen und dann auch noch zu schreiben.

Liegen im Gras, zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, durch die Gräser blinzeln, den Himmel betrachten, dann wieder weiter wandern, immer weiter, durch die Bäume, den Windungen der schmalen, noch nicht für die späteren Fahrzeugkolonnen ausgebauten Straßen, immer weiter folgend, bis ich auf der anderen Seite des Berges den Hang des nächsten Berges erblicken und bewundern konnte, meine Freiheit so genießen, mit der Luft zusammen, die hier oben mir immer etwas klarer und sauberer erschien, einatmen, frei verweilen oder gleich weiter ziehen, den nächsten Hang hinauf, zwischen Straßen, Wald und Weideflächen wechselnd wie ich gerade Lust bekam.

Sommer hatte kein Wetter, war eben warm, kalt, nass wie es so kam. Und ich war nur aus meiner heutigen Sicht reich, damals aber weder arm noch reich, noch sonst irgendetwas, einfach nur ich und alles war gut, so wie es war.

Schön war im Sommer auch die kleine Stadt, in der schon nichts mehr von dem schrecklichen Krieg verriet, von dem meine Mutter, nur die, noch manchmal sprach, eher weinte, schluchzte, sehr zum Verdruss meines Vaters, der davon nichts mehr hören wollte, auch nichts mehr von dem jungen U-Boot-Kadetten, der nun irgendwo auf dem Grunde eines weit entfernten Meeres lag, schließlich habe sie ja nun ihn, und er sei ja auch was. Solche Gespräche waren nie für mich, hörte ich nur, weiß auch nicht, warum was davon in mir hängen blieb. Vielleicht machte es die Wiederholung über die Jahre hinweg.

Die kleine Stadt jedenfalls, die sich auf der einen Seite des Flusses bemühte Arbeit und Leben zu sein, Gestalt und Bühne, blitzte und leuchtete in den Sommer, strahlte mich aus jedem ihrer frischen Schaufenster an, leuchtete mir von den Blumenkübeln farbenfroh entgegen, gab mir lächelnde Fußgänger, niemand, der mit Hektik hier vorwärts trieb, alles eher wie im Spiel, die Erwachsenen wie wir Kinder, alle ohne Auftrag, ohne Zwang, einfach nur Bummelanten, spielende Menschen zwischen Türen und Fenstern.

Autos gab es noch wenig und so gehörten die Straßen des Städtchens noch uns Menschen, wo die Kinderwagen in der Überzahl waren gegenüber den motorisierten Fahrexemplaren.

Natürlich trieb ich mich auch mit Freunden rum, Jungs aus der Straße, aber ebenso gerne war ich auch alleine unterwegs. Waren wir zusammen, balgten wir uns meist und die Wiesen wurden zu unseren Kampfplätzen. Oder wir durchwühlten Papierkörbe in der Hoffnung auf Flaschenpfand, dass wir dann in Brötchen verwandelten, wenn Wochenmarkt war sogar in Brezeln, die wir auseinander rissen und für das höchste Glück auf Erden hielten, neben einer Flasche Bluna, die es für uns nur gab bei Ausflügen mit den Eltern.

Zu Geld hatten wir noch gar keine Beziehung. Einmal wollte ich mit fünf Pfennig ein rotes Rad mit Stützrädern aus dem Schaufenster kaufen und war arg verwundert, dass das nicht möglich sei. Ich verkraftete es ohne große Blessuren und zog mit meinem Tretroller weiter durch die Gassen.



Es geschah nie wirklich etwas und doch alles, was mir genug aufregend für mich erschien, nichts aber, was sich hier spannend und als flüssige Geschichte erzählen ließe, überhaupt hatte der Sommer nur sich, wie ein Rad, ein Kreisel, nichts begann, nichts endete, alles geschah nur einfach so hinter einander weg. Alles geschah in der Endlosschleife. Und verschwand, wie meine Kindheit, meine Jugend, diese unglaublich ausreichende Kraft für alles verschwand, die Wärme im Meer der Sommerstunden und –tage verschwand, ich selbst mir verschwand über lange Jahre, warum mein Psychologe nun meint, es wäre an der Zeit mich wieder zu finden und auf zu suchen, leise zu befragen, wer das einst war, dieser kleine Steppke mit seiner heißgeliebten Lederhose in den warmen Sommern in den Bergen.

Und wieder merke ich das Verschwinden der Worte, je näher ich an diese, seine, meine Sommer gerate, und dass ich morgen meinem Psychologen wahrscheinlich wie schon meinen Eltern früher nichts von alledem erzählen kann.

Wäre ich Maler geworden, könnte ich ihm wahrscheinlich unzählige Bilder liefern oder Musiker, dann hätte ich für ihn viele Töne von damals. So aber stehe ich dank ihm und seinem Auftrag nur am Ende aller meiner Worte vor den Sommern, jener, die endlos waren.


Und vermisse die Lederhose, die Sandalen, die Füße und Beine, die mich damals so beschwerdefrei überall hin gebracht haben.