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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Lasst den Sommer ziehen

















Herbst

Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?


Joseph von Eichendorff

Lasst den Sommer ziehen

auch die schönste Sommerzeit
muss einmal ruhen
für des Herbstes
schönes Kleid
bis auch der der
Landschaft ihre Ruh verschafft
für des Winters prächtiges Gewand

so lasst ihn ziehen
den Sommer jetzt
gebt Ruh, sammelt
seine Früchte in deren Süße
noch seine Hitze Eure Zungen kitzelt
wie sein Aroma Eure Nasen

ja, wendet Euch dem Ernten zu
lasst Sturm und Regen Ihr Werk
verrichten nun
für ein neues Auferblühen
unter des nächsten Frühlings Rock

das dürft ihr dann sehen
das könnt ihr dann sehen
wen ihr nicht gar zu sehr
dann hinterm Ofen hockt

der Sommer, ja, war schön
aber er hat uns noch viel Schöneres
eingebrockt zum Staunen und
zum Weiterziehen

seht die Rose an dem Stock
sie will im nächsten Jahr uns größer noch
und gewaltiger erblühen, dafür aber lasst
jetzt den Sommer ziehen

(c) bild + text "lasst den Sommer ziehen" jörn laue-weltring lingen 2013

Sonntag, 22. September 2013

Eilfertig

aus
Peter Silies
Grummellade:

wer eilfertig gern
den Sommer lange
vor dem Herbst verlässt

findet nichts mehr
für sich am Jahresend

In der Zwischenzeit





in den hohen Bäumen der grauen Straßenendlichkeit
da wartet auf unsere Trauer das herbstliche Treiben
strahlen noch die Steine der Mauern, in der Zwischenzeit
trocknet auf den Balkonen das letzte Sommerkleid

erdröhnt zum Ausklang in der Ferne das Altstadtfest
gebe ich Dir die scharfe Schere, schneidest du die Rosen
den Kindern unsere großen Körbe, denn das Obst fällt
was für den Sommer war, verschwindet im Herbst im Keller

lass uns genießen in trauter Nachbarschaft die Plätze
hier auf den Straßen verweilen ein letztes Mal im Jahr
danach uns die Mauern, bereits winterfest, umschließen
erwarten dort gewärmt wir die Lichter im Weihnachtsfest

jetzt aber, zwischen nicht mehr und noch lange nicht
die Erinnerungen an unbeschwerte Sonnentage sich krallen
in unseren Bewegungen fest, während wir ahnungsbeladen
fliehenden Vogelschwärmen unsere Sehnsucht verraten

manch einem fällt jetzt das Sterben leicht, oder erwischt es
bei Regen, Nebel und glitschigem Straßenbelag, gefährlich
nun die Kurven, des Sommers rasende Geschwindigkeit
erzählen uns frische Gräber und Beete vom traurigen Rest

dabei warten Äpfel und Pflaumen auf ihren lockeren Teig
wie Kerzen und Backöfen bereit, den Duft zu verströmen
ein zu läuten unseres Landes viel gerühmte Gemütlichkeit
warten auf uns entspannte Stunden in bunter Herbstlichkeit

© Bild und Text: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013

Dienstag, 17. September 2013

Endzeit oder Neuanfang?








aus
Peter Silies
Grübellade:



Ist nicht bei jeder Endzeit
zugleich ein strahlender Neuanfang

so wie der Sommer
sich mit seinen Farben verkrümelt

dafür der Herbst
in seinen Baumkronen farbblühend aufgeht?

Sonntag, 8. September 2013

Jahreszeitenwechsel



während dicke Regentropfen
stürmisch
an unsere Fenster
klopfen
verdampft sich
der Sommer
im Morgennebel
auf glänzenden Straßen
prahlen zum Abschied
laut die Vögel
auf den Stromdrähten
eine riesige Vollversammlung
für ihren Abflug nach Süden
ertönen noch gewaltiger
die Gewitter in den Wolken
den Herbst zu wecken
bereiten zaghaft noch
und zitternd
die Bäume
sein Farbenfest vor
bleibt uns jetzt das Haus
viel Zeit zum Warten

wer jetzt bleibt
hat gute Gründe
wer jetzt aber flieht
kommt nirgendwo mehr an

Montag, 2. September 2013

Vor dem Herbst



noch auf Gräsern gebettet wir
ziehen Wolken über uns her
fällt erstes Obst uns zu
vom Sommerwind geschüttelt

streicheln wir unerschrocken
alte Türen, Mauerbrocken
kauend noch vom ersten Mahl
fröhlicher Morgenstunden

spannen wir die Schirme auf
zum Fliegen, nicht Verstecken
lassen den Regen in die Haare
bannen die Tage fest im Herzen

und stürmen zu den Hügeln
von oben ist da freie Bahn
feiern das Frühlingssommerfest
bevor uns fängt der Farbenherbst

bald das Laub, dann der Schnee
bald die Nässe, dann die Kälte
schöpfen wir mit vollen Händen
Kraft aus diesen Sommertagen

verflüchtigt manches sich auch ins End‘
fängt anderes doch neu hier an
reisen wir nun fort in großer Wärme
die nur Liebe Menschen geben kann

Dienstag, 30. Juli 2013

Hundstage*



Vom Himmel tropft
der Speichel des Sirius**
im Canis major***

zum Jubel der
Eisverkäufer auf
dem blauen Planeten

verbrennt uns
die eitel gewachste Haut
das gescheitelte Haar

flüchten wir uns
lieber wieder zu
den großen Schatten

der alten Bäume
in ihrer platzenden Rinde
unsere geritzten Liebeszeichen

unter dem Canis major
eingefärbt vom Speichel
des strahlenden Sirius

*vom 23. Juli bis zum 23.August
**sogenannter Hundsstern
***Sternbild Großer Hund

Montag, 29. Juli 2013

Aus Peter Silies Jahreszeitenfundus:

*
Ist der Sommer voller Gewitter
schmeckt der Herbst weniger bitter
*
Ist der Sommer voll mit heftigem Schein
wollen wir lieber im weißen Winter sein.
*
Küsst Du mich im Sommer besonders heiß
schließt sich im Frühling ein anderer Kreis
*
Ist das ganze Jahr besonders turbulent
ein jeder danach den Nachbarn plötzlich kennt

Samstag, 6. Juli 2013

Sonnentanz im Abend



geht der Tag nach
viel Sonnenschein
zur abendlichen Neige

trauen sich
die Schatten kaum
die Wände hoch

grüßt doch schon
der helle Mond
das Sternenheer

tanzen meine
alten Knochen wie
wie leichte Federn

auf Dich zu
den letzten Strahl
zu haschen

in Deinem Auge

Dienstag, 25. Juni 2013

Der bestellte Sommer

für Heiko Bauriedl der weiß warum



Lieber alter Freund, stelle Dir vor, ruft mich mein Lektor dieser Tage an und bestellt im Auftrag seiner Verlegerin eine aktuelle Sommergeschichte bei mir, auf keinen Fall aber solle ich wieder über die Vergangenheit schreiben, nein, auf jeden Fall müsse es etwas über Sommer heute sein, am besten über den aktuellen Sommer, denn sie plane eine Ausgabe mit Sommergeschichten ihrer Autoren.
Auf meinen Einwurf, dass das Buch doch wohl für diesen Sommer zu spät käme und ob sie denn meine, die Leute hätten im Herbst wirklich noch Lust über diesen Sommer zu lesen mit all seinen Überschwemmungen, Stürmen, Zerstörungen in den Städten und Häusern, getöteten Menschen und Tieren und die lange noch nachdauernden üblen Gerüche über Seen und Flüssen, die Badeverbote wegen Krankheitserregern und Giften, so etwas wolle doch keiner mehr lesen, auf all das antwortete der doch glatt, dass es ja positive Geschichten sein sollten, Sommergeschichten wie die von Tucholsky damals, und es solle erst im nächsten Frühjahr erscheinen und zwei Wochen hätte ich Zeit, alle anderen hätten bereits zugesagt, zumindest die Lebenden.
Und so, lieber Freund, sitze ich nun hier und quäle mich noch mehr mit diesem Sommer ab, der heuer, bisher jedenfalls, noch nicht einmal ein richtiger Sommer war, muss es, ja, kann, darf nicht fehlen in dieser bekloppten Anthologie, da bei den paar Autoren dieses Kleinverlages, der dankenswerter Weise mir beim Überleben hilft und das dank dieses famosen Lektors, der als erster und bisher einziger mein Geschreibe für den Buchmarkt fähig hielt und, auch dies gerne zugegeben, durch seine feine Lektorarbeit an meinen Zeilen tatsächlich auch mit Erfolg für den Verlag und mich verwirklicht hat, also bei den paar Autoren ich sofort auffiele, wenn ich fehle und wer weiß schon die Konsequenzen von so etwas und so richtig leisten kann ich sie mir auch eher nicht.
Andererseits, Du weißt es ja selbst, in unserem Alter freuen wir uns mehr über Frühling und Herbst, vertragen die Hitze von Sommer und die Kälte vom Winter nicht mehr so recht und sind jedes Mal froh und erleichtert, wenn wir sie gesund überstanden haben.
Natürlich, früher war das anders, ganz anders, da gingen die Träume des Frühlings im Sommer in Erfüllung, da gab es nichts schöneres als aus der Hitze ins Wasser zu springen, zwischen den hohen Halmen zu radeln, über Berge und Brücken zu wandern, vor den Cafés an Getränken zu nippen, leicht bekleideten Mädels hinter her zu gaffen mit der damals zumindest noch theoretischen Chance auf ein schönes Abenteuer. Aber über diese Sommer soll ich ja dieses mal nichts von mir geben.
Stattdessen über heute, jetzt, diese Wochen, und da erklärt mir gerade der Radiowitzbold auch noch, dass heute der Welttag des Stacheldrahtes sei, weil der heute vor mehr als hundert Jahren zum Patent angemeldet worden sei. Stacheldraht! Welttag! Als wenn der das Wasser aufhalten könnte oder den Sturm bändigen. Im Sonnenschein sieht er auch nicht gerade schön aus, obwohl er schon zum Sommer gehört, weißt Du noch, wie wir unsere Hose an ihm rissen und dafür Ärger zu Hause bekamen, obwohl das auch im Herbst geschah wegen der schönen Äpfel.
Also den Stacheldraht lasse ich besser auch weg.
Was fängst Du mit dem Sommer an? Verkriechst Du Dich wie ich in den Schatten, schaust grimmig das Thermometer an, fallen Dir auch alle Bewegungen schwer, weil die Knochen matt und schlapp sind von der Hitze, oder sind es die langsam sich mehr und mehr sperrenden Muskeln?
Sehnst Du auch den milden Abend herbei, fängst erst dann an zu aufzuleben, genießt auf der Terrasse den Abendschmaus bei einem kühlen Glas Weißwein oder angenehm temperierten Rotwein?
Ich jedenfalls kenne nichts was mir heute mehr gefiele als diese angenehm warmen Sommerabende auf der Terrasse oder auf dem Rad bei einer kleinen Abendtour zwischen den Feldern und Weiden. Nur hatten wir bisher dieses Jahr davon man gerade eine Handvoll, vor und nach den Wassermassen und Stürmen.
Aber weißt Du, was ich nach wie vor merkwürdig und phantastisch finde: kaum sitze ich wie beschrieben am Abend mit meiner Frau so angenehm in die Nacht hinein, sind Wasser und Sturm wie ausgelöscht, als gäbe es sie nicht, nur diese herrlich entspannenden Wohlfühlmomente. Diese Fähigkeit scheint der Sommer auch uns Älteren, Alte darf man ja nicht mehr sagen, geschweige denn schreiben und das Wort Senioren mag ich nicht, jedenfalls bleibt diese Fähigkeit auch uns erhalten und schafft es weiterhin, dass auch wir dem Sommer noch etwas abgewinnen können.
Früher haben wir im Sommer ja regelmäßig unseren Urlaub gemacht, möglichst dort, wo garantiert die Sonne scheint. Heute aber verreisen wir nur noch im Frühling und Herbst, jeweils für ein paar Tage, nicht mehr diese langen drei Wochen, wozu auch, haben wir es uns daheim doch auch recht kommod eingerichtet, ja ich liebe dieses Wort „kommod“, und so freuen wir uns schon nach kurzen Ausflügen fast mehr auf unser Zuhause als vorher auf die Urlaubsfahrt. Na ja, fast.
Und nun grübele ich, wie daraus mir eine Erzählung zu wachsen soll, so eine richtige mit Handlung, Start, spannendem Höhepunkt und möglichst Happy End. Auf unserer Terrasse geschieht ja nichts, was wir auch sehr begrüßen. Ruhe suchen wir dort, keine Abenteuer. Das Aufregendste sind dort ein Igel, der in den Abendstunden schmatzend um unsere Terrakotta Töpfe streicht und die Fledermäuse, deren Körper für kurze Momente als kleine Schatten über uns hinweg huschen.
Spannender geht es natürlich auch zu, wenn die Kinder mit den Enkeln uns besuchen und wir auch die Hitze mit ihnen unter der Jalousie verbringen, den Kleinsten zu sehen oder mit ihnen herumalbern und soweit es uns möglich ist herumspielen. Ja, das genießen wir natürlich sehr und es ist im Sommer allemal schöner, herrlicher und lenkt wunderbarer ab, als zu den anderen Jahreszeiten in denen wir nur Spaziergänge mit ihnen machen können und ansonsten uns in Räumen aufhalten, meist Gaststätten mit irgendwelchen angeblich sensationellen Gerichten, die wir unbedingt probieren wollen oder sollen, während die Enkel sich eher langweilen und mühsam bei Laune gehalten.
Wir freuen uns jetzt schon auf den nächsten Besuch, da mag der Stacheldraht ruhig heuer seinen Welttag haben, und hoffen dafür auf Sonne und klaren Himmel.
Überhaupt der Himmel, findest Du nicht auch, dass der im Sommer stets am schönsten und aufregendsten ist? Man kann ihn von der Liege oder der Terrasse aus betrachten und in seinem Blau versinken, den Wolken nachschauen, sich von deren Formen erheitern lassen und bezaubern. Sommerhimmel, ein Gottesgeschenk, ein Hinweis auf das himmlische Paradies von dem so viele Menschen hoffen, es möge sie nach ihrem Weggang von hier in Gnaden aufnehmen für alle Ewigkeit.
Ist das Paradies wirklich ewiger Sommer? Ich möchte im Paradies auf keine der Jahreszeiten verzichten, stört der Körper sich doch nicht mehr an ihren Auswüchsen und Extremen, kann man endlich wieder alles so genießen wie einst in Kindertagen. Also, wenn es den gütigen Herrn geben sollte und sein ewiges Himmelreich, dann bitte mit allen Jahreszeiten und auch auf keinen Fall nur tropisch, also nur mit Regen- und Sommerzeit und schon gar nicht nur mit Sommer.
Wo aber nehme ich jetzt bloß eine Geschichte her, eine so schön wie die von dem Tucholsky mit seinem Schloss Gripsholm, dass der ja angeblich auch aufgrund eines solchen dubiosen Verlangens seines Verlegers geschrieben haben soll.
Seit ich verheiratet bin und das mehr und mehr mit den Jahren, gelingt es mir kaum noch Liebesgeschichten zu erfinden und mich daran zumindest beim Schreiben zu vergeben, bis sie zu Ende geschrieben ist. Ich kann sie auch nur in Vergangenheitsform, als gegenwärtig erscheint es mir absurd. Und die Liebe, die ich heute so genieße, ist keine Geschichte, keine Handlung, mehr ein Zustand, ein Dasein, ein kühlender Fächer im Sommer, ein wärmender Kachelofen und Wärmflasche zugleich im Winter, ist ein Blick in die Augen, gemeinsames Schweigen und Ruhen, mit vier Augen durch die Welt sehen, mit dem Körper des Anderen als zutiefst erkundete Landschaft, bestens vertraut und immer wieder als herrlich empfunden nicht zuletzt aufgrund der alten Erlebnisse und neuen, jungen Begegnungen mit der Schönheit des Alters.
Hörst Du, lieber Freund, sie hier lachen, sie lacht, weil sie die letzten Zeilen mitgelesen hat und versucht meine Glatze zu küssen und fest zu halten. Jetzt verdreht sie mir doch glatt den Kopf, ja in echt, dreht ihn so, dass ich nur noch blind tippen kann und ich ihr in die Augen sehen muss.
Und da sehe ich ihn wieder, meinen alten Frühlingstraum, sie, in der engen, noch tatsächlich im Sinne des Wortes, Bluejeans mit dem rotbraunen Ledergürtel, darüber diese weiße Bluse, die um ihren schlanken Oberkörper in kleinen Wellen flattert, ihr kräftiges, braunes Haar über meinen Augen tanzen und schmecke ihre Lippen.
Und jetzt küsst sie mich auch noch, hält weiter meinen Kopf fest, als wolle ich es nicht ebenso, küsst und mir wird ganz warm und kuschelig.
Ihre Arme sind weicher geworden, ihre Berührungen zarter, Kleider und Röcke mag sie inzwischen lieber als Hosen, wegen der Figur, wie sie meint, aber Blusen kräuseln sich immer noch um ihren Oberkörper und flattern leicht im Wind. So auch jetzt, wie sie da vor mir steht, die nackten Füße in den modernen Gummilatschen, fest im Stand, als müsste sie mich halten, dass ich nicht umfalle. Und küsst mich schon wieder.
„Was ist los“, schaffe ich es nach einem Kuss sie zu fragen.
„Na was? Sommer ist!“ antwortet sie ironisch, nein auch zärtlich mich angrinsend.
Sie hat recht, bei mir gehen plötzlich alle Türen auf und ich empfange den Sommer, den schönsten wie immer, den, den wir brauchen für unsere Körper und unser Seelenheil und umarme sie fest, genieße den Gegendruck ihres Bauches, spüre an der Wange ihren Busen und rieche, ja was? Ja, ich rieche ihn, rieche den Sommer!
Ziehe sie mir herunter, auf den Schoß und zusammen tippen wir weiter, starten mit einem Ausflug zu den Flusswiesen, auf denen wir unsere Wolldecke ausbreiten, wo wir uns langsam gegenseitig die Kleidungsstücke entfernen und daraufhin der schwache Wind aus dem leisen Rascheln der Büsche über unsere noch wintermüde Haut streichelt.
„Geht doch,“ meint sie und zeigt auf die Schwäne, die langsam an uns vorbeigleiten, die Raubvögel über den Baumkronen der Flussaue auf der anderen Seite.
„Siehst Du, wie immer!“
Ich sage nichts, will nur noch genießen, sie sehen, die Sonne spüren, den Himmel sehen, vergessen, wie viel Tage, Wochen, ja Monate ohne ihn verstrichen sind. Will nur noch das hier, was wir uns jeden Sommer gönnen, vor allem wenn aus den Nachbargärten die Grillschwaden zu uns herüber ziehen.
Den Geruch mögen wir nicht so gerne, jedenfalls nicht so häufig. Er kratzt uns zu sehr an unserem Sommergenuss.
Und so fliehen wir an den Fluss, kennen diese Stelle, die sonst keiner zu kennen scheint, schon lange, haben hier früher mit den Kindern gezeltet, davor sie hier vielleicht gezeugt, zeitlich käme es hin, und streicheln uns jetzt, einfach so, aus purer Lust am Streicheln, nicht mehr so wie zu Beginn unseres Liebens hier mit Ziel und Drang nach Erlösung, nein, heute sind wir schon vorab erlöst, streicheln und lassen geschehen, geben unseren Händen freien Auslauf, genießen einfach, was unsere Körper zu erzählen haben, gleiten von einer Handlung in die nächste, treiben wie auf einem Floß dahin, haben auch keinen Picknickkorb wie früher dabei, lassen den Hunger daheim, hören alles was um uns herum zwitschert, kaum wahrnehmbar ächzt und stöhnt am Wiesenrand, was flattert in den Lüften, uns selbst, unseren Herzschlag, den Atem, bis wir wie jedes Mal nichts mehr hören außer uns selbst, nichts mehr sehen mit den Augen, nur noch von innen uns schauen, dieses klare phantastische Bild von uns beim sommerlichen Lieben.
Sanfte Ermattung und kicherndes, aufgeregtes Flüstern wechseln sich ab mit Schlingern und Tanzen der Körper, mit entspannten Liegen Bauch an Bauch, Gesicht an Gesicht, während ich wie immer das Gefühl habe, ihr Haar rieche im Sommer einfach am schönsten, irgendwie sommerlich.
Wir haben kein Alter mehr, sind wieder zeitlos und unsterblich, haben keine Verpflichtungen mehr, weder im Haus noch auf der Arbeit, müssen nicht gehorchen und nicht lernen, haben keinen Wunschzettel, der vergeblich auf die Geschenke wartet, sind beschenkt, sind im Heute, im Hier und Jetzt in der größten Weite, die Leben bieten kann, sind das ganze Leben, nicht mehr nur durchorganisiertes Kleinteil davon, tanzen leicht über die Gräser, schweben liegend zu den Wolken, alles ist Gefühl, Gefühl ist wieder alles, wirklich alles und alles ist Liebe.
Aber das hier kann ich den Lesern natürlich nicht erzählen, geht sie nichts an, auch Dich geht es nichts an, lieber Freund.
Dieser Sommer gehört nämlich uns, meiner Frau und mir, ganz allein und wenn wir uns etwas wünschen, dann das, dass unsere Kinder auch möglichst viele dieser Sommer erleben mögen mit ihren Liebsten.
Und wie so häufig fallen gegen Abend plötzlich diese kleinen warmen Sommertropfen auf unsere Haut, die sich darauf und darüber freut. Unsere Gesichter sehen aus, als weinten wir, und ein bisschen tun wir es auch, innerlich. Wir weinen vor Glück.

„Und deine Sommergeschichte?“
„Züchte ich mir einen Kaktus drauf! Wer braucht im Sommer angebliche Sommergeschichten? Die will man doch lieber selber erleben und nicht nur lesen.“


In diesem Sinne, mache es gut, lieber alter Freund, bis zum nächsten Mal und schenke Dir und Euch Beiden in unserem Namen auch einen herrlichen Sommer ein, mit allen euren Zutaten.


Samstag, 22. Juni 2013

Als der Sommer endlos

Ich wusste nichts und doch alles, was ich zum Leben brauchte, wie ich andererseits noch keinen Menschen brauchte und sie mich auch nicht. Wann er begann, weiß ich eben so wenig wie von seinem Ende, ob langsam im Übergang zu etwas anderem oder schnell, plötzlich, von einem Tag zum anderen: keine Ahnung.
Auf jeden Fall war es so, dass ich und er noch keinen Frühling hatten, nur Winter, nur die Zeit ohne ihn, den Sommer, die wahre Lebenszeit, die große Freiheit, mein großes warmes Meer an Tagen und Stunden, an Zeit für mich, für mich ganz allein.

„Ein Schlüsselkind also,“ sagte mein Psychologe. Mag sein. Das Wort hörte ich auch, aber später, als diese Sommer für mich längst in fortgesetzter Schulkindzeit verschwunden waren. Ich hörte es zuerst, als ich es noch nicht hören sollte, als Getuschel älterer Erwachsener hinter meinem Rücken, später mit mitleidigem Ton, so eine Art Trösterwort, als könnte dies irgendetwas erklären, entschuldigen und zugleich war es stets gegen meine für dieses Schlüsseldasein verantwortlichen Eltern, eigentlich eher unverantwortlichen Eltern gerichtet, als hätte es mir an etwas wichtigem gefehlt.



Nein, mir fehlte nichts. Im Gegenteil, hatte ich doch die ganze Welt für mich, riesig, wunderschön, abwechslungsreich, abenteuerlich und eben wunderschön, für mich damals ohne Worte, aber die brauchte ich dafür ja auch noch nicht, da ich noch niemanden etwas mit zu teilen hatte und auch keiner da war, der gefragt hätte, mehr gefragt hätte als „Na, was hast Du heute so gemacht?“, ohne dass wirklich begierig oder juristisch ernsthaft eine Antwort erwartet worden wäre, die irgendwie eine Bedeutung hätte erreichen können, eine Wichtigkeit wie später. Auch spielten Wahrhaftigkeit oder Wahrheit des Geschehens um mich noch keine Rolle. Ich hätte ruhig ohne schlechtes Gewissen antworten können mit etwas, was ich vor drei Tagen oder vor fünf Wochen gemacht hatte und es wäre genau so gewesen, als hätte ich von dem Tag erzählt, an dem ich abends, meistens beim Abendbrot, wenn der Fernseher noch nicht lief, gefragt worden war.

Zeit existierte nur abends, morgens löste sie sich mit dem Weggang der Eltern zu ihren Arbeitsstätten sofort wieder auf, verschwand mit den Sonnenstrahlen, die ihre bunten Farbtupfer durch die Butzenscheiben im Treppenhaus auf die Bodendielen warfen, zittrig, sprunghaft, so wie ich, der über sie hinweg sprang, die Treppe hinunter, zur Tür hinaus.



Ganz anders der Winter. Da blickten die Butzenscheiben, im Übrigen das einzig Schöne in dem Haus, düsterfarben, der graue Hof, zu denen sie hinuntersahen, noch grauer und weniger einladend als sonst, wo den Katzen ein Sandkasten der mit dunkel gepunkteter Grauerde gefüllt war, das Klo gab und mir die Spielfläche nahm, also mehr Grau als sonst was, auch die Häuserwände, an denen blasse Farbstreifen der Fensterrahmen nur wenig dagegen aus zu richten vermochten.

Winter war öffentliche Reinigungsanstalt mit dem Vater, lauter heiße Gestänge mit Duschköpfen, denn man traute sich wieder unter Duschen, dachte fast schon nicht mehr an die andere Zeit, wusste es schon nicht mehr oder noch nie, was diese Vorrichtungen nur ein paar Jahre vorher für Millionen von Menschen gewesen waren, bedeuteten jetzt stattdessen harmlose Reinigung oder auch Erfrischung, denn viele Männer duschten kalt, wegen der Abhärtung und ihrem Mann sein, bedeuteten für mich beißende Seife, viel zu schwülheißer Dampf und Körperschweiß der nackten Männer um mich herum. Immerhin hatte es mein Vater nicht so mit dem Kaltduschen und so wurde ich ganz natürlich ein Warmduscher, bin es auch heute noch, stehe oft minutenlang nichts tuend oder denkend unter dem warmen , leicht schon heißen Strahl und mein Körper erinnert sich plötzlich an die Wärme der Sommer damals, nicht an die Winter und vielleicht gingen die Warmduscher unter den Männern ja auch gerne deshalb dorthin, ihre Erinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes auf zu wärmen. Da liebte ich aber doch eher das Abschruppen in der alten Zinkwanne in unserer großen Küche, die deswegen noch groß war, weil man sich zu Feierabend noch in der Küche aufhielt, nicht in der „guten Stube“, die bei uns schon Wohnzimmer hieß und sehr zum Stolz meines Vaters mit einem Fernseher ausgestattet war, so dass wir bereits unser Abendessen dort und nicht in der Küche einnahmen, in der Küche, deren Luft klar war und sich ohne große Probleme einatmen ließ.

Im Winter war ich Stubenhocker, behauptete auch mein Vater und der meinte das nicht nett, sondern wollte, dass ich aus der Stube raus ginge, an die Luft, in das Leben, was in der Stube offensichtlich nicht stattfand, obwohl wir gar keine Stube hatten, nur Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, Klo auf dem Flur, hocken brauchte ich dort auch nicht, konnte auf dem Sofa liegen und auf Sessel und Stühlen sitzen, kurz, das Gesagte des Vaters ergab für mich keinen Sinn, nur eine Aufforderung, der ich nur im Winter ungerne nachgab, konnte ich doch im Fernsehen da besser „Fury“, „Lassie“, „Fuzzy“ und „Texas Rangers“ bei ihrem Leben zu sehen oder mich mittels Klaus Havensteins sanfter, schöner Bassstimme durch seine Sendung „Sport, Spiel, Spannung“ führen lassen. Gut kann ich mich auch erinnern an den Brunnen des Südwestfunks, ein mehrstöckiger Brunnen dessen Wasser dampfend überquoll in stetem Rauschen, und danach kam zum Beispiel „Der kleine Muck“, dessen Leben ich aber traurig fand, wenn auch passend zum Winter.

Der Winter war also nichts für mich, schon gar kein Sommer. Frühling und Herbst nahm ich als eigene Jahreszeiten erst sehr viel später wahr, da waren wir längst von den Bergen fort in die große Stadt gezogen und freuten uns über jedes Blümchen im Vorgarten oder stöhnten über das Laub auf dem Gehweg, dass weggefegt werden musste.

Dafür aber kannte ich ihn, meinen Sommer. Da brauchte ich nie zu überlegen, was ich mit dem Tag anfange ohne Eltern und feste Mahlzeiten mit Stillsitzen, „Gerade sitzen“, ohne Putzgeräusche oder Spielanweisungen. Ich ging stets einfach drauf los, entschied erst auf der Straße, wohin mich meine Füße tragen sollten.
Wobei es mir auch noch völlig egal war, ob es wirklich mein Sommer oder der vom Friseur nebenan war, spielten Mein und Dein, Haben und Nichthaben sowieso keine Rolle, meinetwegen mochte der Sommer allen oder niemanden gehören. Ich genoss ihn einfach, wanderte den Fluss entlang oder zur einen Seite durch die kleinen, ängstlich an die Hänge gedrückten Bergdörfer zur Burgruine oder zur anderen Seite über die Rinderweiden hinauf, wo ich ab und zu kleine Wildblumensträuße für meine Mutter pflückte.

Für mich heute auffallend, damals in keinster Weise, dass sie nie besorgt reagierten, wenn sie doch mal von mir erfuhren, wo ich die Woche über herum strich.  Immerhin waren es einige Kilometer, die ich bisweilen so am Tag zurücklegte.

Sommer war entschieden die Zeit ohne Worte, nur mit Bildern und Tönen gefüllt. Die Worte dafür musste ich mir daher erst später und dann mein Leben lang mühsam suchen. Ich brauchte sie in den Sommern dort einfach nicht. Ich brauchte einen Schlüssel für die Heimkehr, meine blank gescheuerte Lederhose, Sandalen an den Füßen und das war es.



Meine Sommer waren übrigens nie zu heiß, nur warm. Wenn sie doch mal heiß wurden und man mich am Wochenende auch noch in das Schwimmbad schleppte, war mein Sommer gestorben, auf Eis gelegt, soweit sich das über einen Sommer behaupten lässt. Nein, diese Hitze war eklig, stank nach Sonnencreme und führte zu verbrannter Haut und mehreren Tagen in der abgedunkelten Wohnung, trennte mich von meinen Ausflügen, beraubte mich so meiner Freiheit, also wenig sommerlich.

Mein Sommer gestatte mir kurzärmelig oder ganz ohne Hemd auf die Berge zu wandern, klettern ergab sich nicht, an den Brunnen und Bächen Wasser aus der hohlen Hand zu trinken, startete damals spätestens Fronleichnam, wenn im Stadtpark ein paar Ecken mit Blumenblüten und Blättern zu Bildern geschmückt wurden, vor denen die Prozession der Katholiken betete und sang, wenn danach die ersten Handwerksgesellen auftauchten in ihren derben, schwarzen Cordkluften, auf dem Rand des Springbrunnens balancierten, betrunken Lieder grölten und gelegentlich auch in sein Wasser plumpsten.

Sommer war auch, wenn die Pfaue im Kurpark herumstolzierten und die Enten gefüttert werden konnten, dafür, und nur dafür, nahm ich auch mal Brot mit von zu Hause.

Es gab in mir noch nicht diese Gier nach Süßigkeiten, rauchen taten noch nur meine Eltern, allerhöchstens erstand ich mir mal ein Laugenbrötchen, dessen weichen Inhalt ich stets als erstes mit dem Finger raus puhlte und langsam auf der Zunge weich werden ließ, bis ich ihn genüsslich runterschluckte in der frohen Erwartung der leckeren röschen Außenkruste mit ihrem Gemisch von Salz und Hefe im Geschmack, die ich langsam, Stück für Stück abbiss. Ja, Laugenbrötchen waren auch Sommer.

Und meine erste Freundin war natürlich Sommer, wie wir Hand in Hand im Park umher stolzierten oder gemeinsam hoch zu den Weiden. Leider hatten ihre Eltern nur ein Gastspiel in der Stadt und so war sie ein kurzer Sommer.

Verwandte gehörten nicht zum Sommer, denn die hockten alle im finsteren Norden mit seinen Sturmfluten, dem „blanken Hans“ und den vielen Fabriken, deren Schornsteine jeden Sommer verdunkelten. Wir, das heißt meine Eltern und ich auch, hatten hier nur Freunde und die lachten im Sommer viel und so waren auch wir, fröhlich, jung, ja auch meine Eltern waren im Sommer noch jung, ohne Fragen an die Zukunft und ohne Vergangenheit.



Aber, so wie es meine Eltern im Sommer in dieses unselige Schwimmbad trieb, jagte es mich hinauf in die Berge. Wir hatten ja mehr als genug für mich um uns herum. Später zur Auffrischung der Erinnerung zurückgekehrt für ein paar Tage fand ich heraus, dass meine Berge eher Hügel waren, keine Mountains, nicht schroff und kahl knapp unter dem Himmel endend, eher sanft, noch in der höchsten Höhe grün durch Bäume und Gräser, angenehm für Wanderer, nichts für Bergsteiger.

Sommer war im Gras liegen und den Wolken bei ihren Wanderungen über unser langgestrecktes Flusstal zu zu sehen, in ihnen Gesichter zu finden und Gestalten, bisweilen Geschichten, die schneller als beim Fernsehen ihre Szenen wechselten.
Sommer war aber auch Regen, warmer Regen, der so herrlich einerseits erfrischend, andererseits nicht wirklich kalt die Haut liebkoste, Gefühle gab, Lust auf mehr. Im Regen wandern war nicht weniger schön als ohne Regen. Für Gewitter gab es unterwegs genügend Unterstände und so erlebte ich manches Spektakel draußen, wild, gefährlich, vor allem wenn Kugelblitze dabei sein sollten, denn vor denen hatte mich irgendwer mal besonders gewarnt, herrlich wenn der Sturm einen schüttelte und die großen Tropfen platschend den Schweiß von der Haut wuschen.

Ich hatte keine Angst, damals noch nicht, Sterben war weder Wort noch Tat noch Gegenstand. Vor allem nicht im Sommer. Auch Großvater sagte später bei einem Besuch aus irgendeinem Anlass heraus „im Sommer stirbt man nicht.“. Damals war das für mich ohne Frage. Sommer ist Leben, Winter ist Tod.

Unterwegs traf ich nur auf wenig Menschen und die, die ich traf, hatten zu tun, hielten Kunden die Ladentüren auf, fuhren Lieferwagen mit Ladungen von irgendwoher irgendwo hin, weiter oben sichelten sie die Hänge ab, säuberten die Höfe, kippten Mist auf die vor jedem Haus in den Dörfern auf sie wartenden großen gelbgrünen Haufen, aus denen sich langsam verabschiedend Halme heraus sahen, sich ein letztes Mal gen Sonne zu strecken schienen.

Die Menschen die ich sah, grüßte ich und sie grüßten knapp aber freundlich zurück. Wir fingen nichts weiter miteinander an, weder ein Gespräch noch sonst irgendwas, gehörten aber für mich trotzdem irgendwie zusammen hierhin. So wie die ersten Trecker, fast alle noch dunkelgrün, die ihre Stimmen in das Tal knatterten, meistens aber zogen noch stämmige Pferde das landwirtschaftliche Gerät, wieherten selten, kein Vergleich mit Fury und seiner Herde, wenn die zu Beginn der Filme mit donnernden Hufen durch eine Senke in die kleine Tallichtung galoppierten.

Zum Sommer gehörten auch die Gerüche aus den Ställen, das Quieken der Schweine, das Schnattern der Gänse und natürlich die herrische Kräherei der Hähne. Das alles bereicherte die Musik des Tals, zu der das ferne Summen der Autobahn hinzu kam, ein schwaches, fast stotterndes Summen, kein Vergleich mit heute, wo sie fast Stoßstange an Stoßstange über die Talbrücke brummen.
Tischler sägten dazu, in den Autowerkstätten hämmerte es und bisweilen vernahm  ich auch schlecht geölte Maschinen und das Hüpfen der Kisten auf den Lkws wenn die über das Kopfsteinpflaster röhrten.

Sommer war nie leise, aber auch nicht laut. Es war eine besondere Symphonie, die ich verstand und der ich stets zu lauschen mochte, komponiert von Geisterhand, ausgeführt von mir bekannten Räumen und ihren Geräten, Gestalten und Gesellen und als I-Tüpfelchen sang auch mal ein Mensch oder pfiff sich eine Melodie.
Auch höher hinauf wurde es nie still. Dann überwogen die Vögel mit ihren so unterschiedlichen Stimmen, das Rauschen der Zweige, das Knacken und Ächzen vom verspielten Wind in den Ästen, das Plätschern der Bäche.

Bei alledem lernte ich nie etwas, jedenfalls nicht in Worten, was mir später vielleicht sehr geholfen hätte. Niemand klärte mich auf über die Vögel, die Bäume und Blumen, niemand gab mir ihre Namen preis, und da ich nicht lesen konnte, erfuhr ich auch nicht die Namen der Dörfer. Ich lernte nicht, sammelte einfach nur Gerüche, Klänge und Bilder, sammelte sie wenn möglich täglich ohne Übersättigung, ohne Langeweile, fand sie immer neu und aufregend und wäre nicht auf die Idee gekommen, sie verlieren zu können, ihre Namen wissen zu müssen und dann auch noch zu schreiben.

Liegen im Gras, zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, durch die Gräser blinzeln, den Himmel betrachten, dann wieder weiter wandern, immer weiter, durch die Bäume, den Windungen der schmalen, noch nicht für die späteren Fahrzeugkolonnen ausgebauten Straßen, immer weiter folgend, bis ich auf der anderen Seite des Berges den Hang des nächsten Berges erblicken und bewundern konnte, meine Freiheit so genießen, mit der Luft zusammen, die hier oben mir immer etwas klarer und sauberer erschien, einatmen, frei verweilen oder gleich weiter ziehen, den nächsten Hang hinauf, zwischen Straßen, Wald und Weideflächen wechselnd wie ich gerade Lust bekam.

Sommer hatte kein Wetter, war eben warm, kalt, nass wie es so kam. Und ich war nur aus meiner heutigen Sicht reich, damals aber weder arm noch reich, noch sonst irgendetwas, einfach nur ich und alles war gut, so wie es war.

Schön war im Sommer auch die kleine Stadt, in der schon nichts mehr von dem schrecklichen Krieg verriet, von dem meine Mutter, nur die, noch manchmal sprach, eher weinte, schluchzte, sehr zum Verdruss meines Vaters, der davon nichts mehr hören wollte, auch nichts mehr von dem jungen U-Boot-Kadetten, der nun irgendwo auf dem Grunde eines weit entfernten Meeres lag, schließlich habe sie ja nun ihn, und er sei ja auch was. Solche Gespräche waren nie für mich, hörte ich nur, weiß auch nicht, warum was davon in mir hängen blieb. Vielleicht machte es die Wiederholung über die Jahre hinweg.

Die kleine Stadt jedenfalls, die sich auf der einen Seite des Flusses bemühte Arbeit und Leben zu sein, Gestalt und Bühne, blitzte und leuchtete in den Sommer, strahlte mich aus jedem ihrer frischen Schaufenster an, leuchtete mir von den Blumenkübeln farbenfroh entgegen, gab mir lächelnde Fußgänger, niemand, der mit Hektik hier vorwärts trieb, alles eher wie im Spiel, die Erwachsenen wie wir Kinder, alle ohne Auftrag, ohne Zwang, einfach nur Bummelanten, spielende Menschen zwischen Türen und Fenstern.

Autos gab es noch wenig und so gehörten die Straßen des Städtchens noch uns Menschen, wo die Kinderwagen in der Überzahl waren gegenüber den motorisierten Fahrexemplaren.

Natürlich trieb ich mich auch mit Freunden rum, Jungs aus der Straße, aber ebenso gerne war ich auch alleine unterwegs. Waren wir zusammen, balgten wir uns meist und die Wiesen wurden zu unseren Kampfplätzen. Oder wir durchwühlten Papierkörbe in der Hoffnung auf Flaschenpfand, dass wir dann in Brötchen verwandelten, wenn Wochenmarkt war sogar in Brezeln, die wir auseinander rissen und für das höchste Glück auf Erden hielten, neben einer Flasche Bluna, die es für uns nur gab bei Ausflügen mit den Eltern.

Zu Geld hatten wir noch gar keine Beziehung. Einmal wollte ich mit fünf Pfennig ein rotes Rad mit Stützrädern aus dem Schaufenster kaufen und war arg verwundert, dass das nicht möglich sei. Ich verkraftete es ohne große Blessuren und zog mit meinem Tretroller weiter durch die Gassen.



Es geschah nie wirklich etwas und doch alles, was mir genug aufregend für mich erschien, nichts aber, was sich hier spannend und als flüssige Geschichte erzählen ließe, überhaupt hatte der Sommer nur sich, wie ein Rad, ein Kreisel, nichts begann, nichts endete, alles geschah nur einfach so hinter einander weg. Alles geschah in der Endlosschleife. Und verschwand, wie meine Kindheit, meine Jugend, diese unglaublich ausreichende Kraft für alles verschwand, die Wärme im Meer der Sommerstunden und –tage verschwand, ich selbst mir verschwand über lange Jahre, warum mein Psychologe nun meint, es wäre an der Zeit mich wieder zu finden und auf zu suchen, leise zu befragen, wer das einst war, dieser kleine Steppke mit seiner heißgeliebten Lederhose in den warmen Sommern in den Bergen.

Und wieder merke ich das Verschwinden der Worte, je näher ich an diese, seine, meine Sommer gerate, und dass ich morgen meinem Psychologen wahrscheinlich wie schon meinen Eltern früher nichts von alledem erzählen kann.

Wäre ich Maler geworden, könnte ich ihm wahrscheinlich unzählige Bilder liefern oder Musiker, dann hätte ich für ihn viele Töne von damals. So aber stehe ich dank ihm und seinem Auftrag nur am Ende aller meiner Worte vor den Sommern, jener, die endlos waren.


Und vermisse die Lederhose, die Sandalen, die Füße und Beine, die mich damals so beschwerdefrei überall hin gebracht haben.