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Samstag, 2. November 2013
Video: Lasst den Sommer ziehen
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Sommer
Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
Donnerstag, 17. Oktober 2013
Lasst den Sommer ziehen
Herbst
Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?
Joseph von Eichendorff
Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?
Joseph von Eichendorff
Lasst den Sommer ziehen
auch die schönste Sommerzeit
muss einmal ruhen
für des Herbstes
schönes Kleid
bis auch der der
Landschaft ihre Ruh verschafft
für des Winters prächtiges Gewand
so lasst ihn ziehen
den Sommer jetzt
gebt Ruh, sammelt
seine Früchte in deren Süße
noch seine Hitze Eure Zungen kitzelt
wie sein Aroma Eure Nasen
ja, wendet Euch dem Ernten zu
lasst Sturm und Regen Ihr Werk
verrichten nun
für ein neues Auferblühen
unter des nächsten Frühlings Rock
das dürft ihr dann sehen
das könnt ihr dann sehen
wen ihr nicht gar zu sehr
dann hinterm Ofen hockt
der Sommer, ja, war schön
aber er hat uns noch viel Schöneres
eingebrockt zum Staunen und
zum Weiterziehen
seht die Rose an dem Stock
sie will im nächsten Jahr uns größer noch
und gewaltiger erblühen, dafür aber lasst
jetzt den Sommer ziehen(c) bild + text "lasst den Sommer ziehen" jörn laue-weltring lingen 2013
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Winter
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Lingen (Ems), Deutschland
Sonntag, 22. September 2013
Eilfertig
aus
Peter Silies
Grummellade:
wer
eilfertig gern
den Sommer lange
vor dem Herbst verlässt
findet nichts mehr
für sich am Jahresend
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Übereifrig
Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
In der Zwischenzeit
in
den hohen Bäumen der grauen Straßenendlichkeit
da
wartet auf unsere Trauer das herbstliche Treiben
strahlen
noch die Steine der Mauern, in der Zwischenzeit
trocknet
auf den Balkonen das letzte Sommerkleid
erdröhnt
zum Ausklang in der Ferne das Altstadtfest
gebe
ich Dir die scharfe Schere, schneidest du die Rosen
den
Kindern unsere großen Körbe, denn das Obst fällt
was für den Sommer war, verschwindet im Herbst im Keller
lass
uns genießen in trauter Nachbarschaft die Plätze
hier
auf den Straßen verweilen ein letztes Mal im Jahr
danach
uns die Mauern, bereits winterfest, umschließen
erwarten
dort gewärmt wir die Lichter im Weihnachtsfest
jetzt
aber, zwischen nicht mehr und noch lange nicht
die
Erinnerungen an unbeschwerte Sonnentage sich krallen
in
unseren Bewegungen fest, während wir ahnungsbeladen
fliehenden
Vogelschwärmen unsere Sehnsucht verraten
manch
einem fällt jetzt das Sterben leicht, oder erwischt es
bei
Regen, Nebel und glitschigem Straßenbelag, gefährlich
nun
die Kurven, des Sommers rasende Geschwindigkeit
erzählen
uns frische Gräber und Beete vom traurigen Rest
dabei
warten Äpfel und Pflaumen auf ihren lockeren Teig
wie
Kerzen und Backöfen bereit, den Duft zu verströmen
ein
zu läuten unseres Landes viel gerühmte Gemütlichkeit
warten auf uns entspannte Stunden in bunter Herbstlichkeit
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Lingen (Ems), Deutschland
Dienstag, 17. September 2013
Endzeit oder Neuanfang?
aus
Peter Silies
Grübellade:
Ist nicht bei jeder Endzeit
zugleich ein strahlender Neuanfang
so wie der Sommer
sich mit seinen Farben verkrümelt
dafür der Herbst
in seinen Baumkronen farbblühend aufgeht?
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Lingen (Ems), Deutschland
Sonntag, 8. September 2013
Jahreszeitenwechsel
während
dicke Regentropfen
stürmisch
an
unsere Fenster
klopfen
verdampft
sich
der
Sommer
im
Morgennebel
auf
glänzenden Straßen
prahlen
zum Abschied
laut
die Vögel
auf
den Stromdrähten
eine
riesige Vollversammlung
für ihren
Abflug nach Süden
ertönen
noch gewaltiger
die
Gewitter in den Wolken
den
Herbst zu wecken
bereiten
zaghaft noch
und
zitternd
die
Bäume
sein
Farbenfest vor
bleibt
uns jetzt das Haus
viel
Zeit zum Warten
wer
jetzt bleibt
hat
gute Gründe
wer
jetzt aber flieht
kommt
nirgendwo mehr an
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Wechsel
Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
Montag, 2. September 2013
Vor dem Herbst
noch auf
Gräsern gebettet wir
ziehen Wolken
über uns her
fällt erstes
Obst uns zu
vom Sommerwind
geschüttelt
streicheln
wir unerschrocken
alte Türen,
Mauerbrocken
kauend noch vom
ersten Mahl
fröhlicher
Morgenstunden
spannen wir
die Schirme auf
zum Fliegen,
nicht Verstecken
lassen den Regen
in die Haare
bannen die
Tage fest im Herzen
und stürmen
zu den Hügeln
von oben ist
da freie Bahn
feiern das
Frühlingssommerfest
bevor uns fängt
der Farbenherbst
bald das
Laub, dann der Schnee
bald die
Nässe, dann die Kälte
schöpfen wir
mit vollen Händen
Kraft aus
diesen Sommertagen
verflüchtigt manches
sich auch ins End‘
fängt anderes
doch neu hier an
reisen wir nun
fort in großer Wärme
die nur Liebe Menschen geben kann
Standort:
Oberaudorf, Deutschland
Dienstag, 30. Juli 2013
Hundstage*
Vom
Himmel tropft
der
Speichel des Sirius**
im
Canis major***
zum
Jubel der
Eisverkäufer
auf
dem
blauen Planeten
verbrennt
uns
die
eitel gewachste Haut
das
gescheitelte Haar
flüchten
wir uns
lieber
wieder zu
den
großen Schatten
der
alten Bäume
in
ihrer platzenden Rinde
unsere
geritzten Liebeszeichen
unter
dem Canis major
eingefärbt
vom Speichel
des
strahlenden Sirius
*vom
23. Juli bis zum 23.August
**sogenannter
Hundsstern
***Sternbild
Großer Hund
Standort:
Oberaudorf, Deutschland
Montag, 29. Juli 2013
Aus Peter Silies Jahreszeitenfundus:
*
Ist
der Sommer voller Gewitter
schmeckt
der Herbst weniger bitter
*
Ist
der Sommer voll mit heftigem Schein
wollen
wir lieber im weißen Winter sein.
*
Küsst
Du mich im Sommer besonders heiß
schließt
sich im Frühling ein anderer Kreis
*
Ist
das ganze Jahr besonders turbulent
ein jeder danach den Nachbarn plötzlich kennt
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Standort:
Lingen (Ems), Deutschland
Samstag, 6. Juli 2013
Sonnentanz im Abend
geht
der Tag nach
viel
Sonnenschein
zur
abendlichen Neige
trauen
sich
die
Schatten kaum
die
Wände hoch
grüßt
doch schon
der
helle Mond
das
Sternenheer
tanzen
meine
alten Knochen wie
wie
leichte Federn
auf
Dich zu
den
letzten Strahl
zu
haschen
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Sonnenschein
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Lingen (Ems), Deutschland
Dienstag, 25. Juni 2013
Der bestellte Sommer
für Heiko
Bauriedl der weiß warum
Lieber
alter Freund, stelle Dir vor, ruft mich mein Lektor dieser Tage an und bestellt
im Auftrag seiner Verlegerin eine aktuelle Sommergeschichte bei mir, auf keinen
Fall aber solle ich wieder über die Vergangenheit schreiben, nein, auf jeden
Fall müsse es etwas über Sommer heute sein, am besten über den aktuellen
Sommer, denn sie plane eine Ausgabe mit Sommergeschichten ihrer Autoren.
Auf
meinen Einwurf, dass das Buch doch wohl für diesen Sommer zu spät käme und ob
sie denn meine, die Leute hätten im Herbst wirklich noch Lust über diesen
Sommer zu lesen mit all seinen Überschwemmungen, Stürmen, Zerstörungen in den Städten
und Häusern, getöteten Menschen und Tieren und die lange noch nachdauernden üblen
Gerüche über Seen und Flüssen, die Badeverbote wegen Krankheitserregern und
Giften, so etwas wolle doch keiner mehr lesen, auf all das antwortete der doch
glatt, dass es ja positive Geschichten sein sollten, Sommergeschichten wie die
von Tucholsky damals, und es solle erst im nächsten Frühjahr erscheinen und
zwei Wochen hätte ich Zeit, alle anderen hätten bereits zugesagt, zumindest die
Lebenden.
Und
so, lieber Freund, sitze ich nun hier und quäle mich noch mehr mit diesem
Sommer ab, der heuer, bisher jedenfalls, noch nicht einmal ein richtiger Sommer
war, muss es, ja, kann, darf nicht fehlen in dieser bekloppten Anthologie, da
bei den paar Autoren dieses Kleinverlages, der dankenswerter Weise mir beim
Überleben hilft und das dank dieses famosen Lektors, der als erster und bisher
einziger mein Geschreibe für den Buchmarkt fähig hielt und, auch dies gerne
zugegeben, durch seine feine Lektorarbeit an meinen Zeilen tatsächlich auch mit
Erfolg für den Verlag und mich verwirklicht hat, also bei den paar Autoren ich
sofort auffiele, wenn ich fehle und wer weiß schon die Konsequenzen von so
etwas und so richtig leisten kann ich sie mir auch eher nicht.
Andererseits,
Du weißt es ja selbst, in unserem Alter freuen wir uns mehr über Frühling und
Herbst, vertragen die Hitze von Sommer und die Kälte vom Winter nicht mehr so
recht und sind jedes Mal froh und erleichtert, wenn wir sie gesund überstanden
haben.
Natürlich,
früher war das anders, ganz anders, da gingen die Träume des Frühlings im
Sommer in Erfüllung, da gab es nichts schöneres als aus der Hitze ins Wasser zu
springen, zwischen den hohen Halmen zu radeln, über Berge und Brücken zu wandern,
vor den Cafés an Getränken zu nippen, leicht bekleideten Mädels hinter her zu
gaffen mit der damals zumindest noch theoretischen Chance auf ein schönes
Abenteuer. Aber über diese Sommer soll ich ja dieses mal nichts von mir geben.
Stattdessen
über heute, jetzt, diese Wochen, und da erklärt mir gerade der Radiowitzbold
auch noch, dass heute der Welttag des Stacheldrahtes sei, weil der heute vor
mehr als hundert Jahren zum Patent angemeldet worden sei. Stacheldraht!
Welttag! Als wenn der das Wasser aufhalten könnte oder den Sturm bändigen. Im
Sonnenschein sieht er auch nicht gerade schön aus, obwohl er schon zum Sommer
gehört, weißt Du noch, wie wir unsere Hose an ihm rissen und dafür Ärger zu Hause
bekamen, obwohl das auch im Herbst geschah wegen der schönen Äpfel.
Also
den Stacheldraht lasse ich besser auch weg.
Was
fängst Du mit dem Sommer an? Verkriechst Du Dich wie ich in den Schatten,
schaust grimmig das Thermometer an, fallen Dir auch alle Bewegungen schwer,
weil die Knochen matt und schlapp sind von der Hitze, oder sind es die langsam
sich mehr und mehr sperrenden Muskeln?
Sehnst
Du auch den milden Abend herbei, fängst erst dann an zu aufzuleben, genießt auf
der Terrasse den Abendschmaus bei einem kühlen Glas Weißwein oder angenehm temperierten
Rotwein?
Ich
jedenfalls kenne nichts was mir heute mehr gefiele als diese angenehm warmen
Sommerabende auf der Terrasse oder auf dem Rad bei einer kleinen Abendtour zwischen
den Feldern und Weiden. Nur hatten wir bisher dieses Jahr davon man gerade eine
Handvoll, vor und nach den Wassermassen und Stürmen.
Aber
weißt Du, was ich nach wie vor merkwürdig und phantastisch finde: kaum sitze
ich wie beschrieben am Abend mit meiner Frau so angenehm in die Nacht hinein,
sind Wasser und Sturm wie ausgelöscht, als gäbe es sie nicht, nur diese
herrlich entspannenden Wohlfühlmomente. Diese Fähigkeit scheint der Sommer auch
uns Älteren, Alte darf man ja nicht mehr sagen, geschweige denn schreiben und
das Wort Senioren mag ich nicht, jedenfalls bleibt diese Fähigkeit auch uns
erhalten und schafft es weiterhin, dass auch wir dem Sommer noch etwas
abgewinnen können.
Früher
haben wir im Sommer ja regelmäßig unseren Urlaub gemacht, möglichst dort, wo
garantiert die Sonne scheint. Heute aber verreisen wir nur noch im Frühling und
Herbst, jeweils für ein paar Tage, nicht mehr diese langen drei Wochen, wozu
auch, haben wir es uns daheim doch auch recht kommod eingerichtet, ja ich liebe
dieses Wort „kommod“, und so freuen wir uns schon nach kurzen Ausflügen fast
mehr auf unser Zuhause als vorher auf die Urlaubsfahrt. Na ja, fast.
Und
nun grübele ich, wie daraus mir eine Erzählung zu wachsen soll, so eine
richtige mit Handlung, Start, spannendem Höhepunkt und möglichst Happy End. Auf
unserer Terrasse geschieht ja nichts, was wir auch sehr begrüßen. Ruhe suchen
wir dort, keine Abenteuer. Das Aufregendste sind dort ein Igel, der in den
Abendstunden schmatzend um unsere Terrakotta Töpfe streicht und die Fledermäuse,
deren Körper für kurze Momente als kleine Schatten über uns hinweg huschen.
Spannender
geht es natürlich auch zu, wenn die Kinder mit den Enkeln uns besuchen und wir
auch die Hitze mit ihnen unter der Jalousie verbringen, den Kleinsten zu sehen
oder mit ihnen herumalbern und soweit es uns möglich ist herumspielen. Ja, das
genießen wir natürlich sehr und es ist im Sommer allemal schöner, herrlicher
und lenkt wunderbarer ab, als zu den anderen Jahreszeiten in denen wir nur
Spaziergänge mit ihnen machen können und ansonsten uns in Räumen aufhalten,
meist Gaststätten mit irgendwelchen angeblich sensationellen Gerichten, die wir
unbedingt probieren wollen oder sollen, während die Enkel sich eher langweilen
und mühsam bei Laune gehalten.
Wir
freuen uns jetzt schon auf den nächsten Besuch, da mag der Stacheldraht ruhig
heuer seinen Welttag haben, und hoffen dafür auf Sonne und klaren Himmel.
Überhaupt
der Himmel, findest Du nicht auch, dass der im Sommer stets am schönsten und aufregendsten
ist? Man kann ihn von der Liege oder der Terrasse aus betrachten und in seinem
Blau versinken, den Wolken nachschauen, sich von deren Formen erheitern lassen
und bezaubern. Sommerhimmel, ein Gottesgeschenk, ein Hinweis auf das himmlische
Paradies von dem so viele Menschen hoffen, es möge sie nach ihrem Weggang von
hier in Gnaden aufnehmen für alle Ewigkeit.
Ist
das Paradies wirklich ewiger Sommer? Ich möchte im Paradies auf keine der
Jahreszeiten verzichten, stört der Körper sich doch nicht mehr an ihren
Auswüchsen und Extremen, kann man endlich wieder alles so genießen wie einst in
Kindertagen. Also, wenn es den gütigen Herrn geben sollte und sein ewiges
Himmelreich, dann bitte mit allen Jahreszeiten und auch auf keinen Fall nur tropisch,
also nur mit Regen- und Sommerzeit und schon gar nicht nur mit Sommer.
Wo
aber nehme ich jetzt bloß eine Geschichte her, eine so schön wie die von dem
Tucholsky mit seinem Schloss Gripsholm, dass der ja angeblich auch aufgrund
eines solchen dubiosen Verlangens seines Verlegers geschrieben haben soll.
Seit
ich verheiratet bin und das mehr und mehr mit den Jahren, gelingt es mir kaum
noch Liebesgeschichten zu erfinden und mich daran zumindest beim Schreiben zu
vergeben, bis sie zu Ende geschrieben ist. Ich kann sie auch nur in
Vergangenheitsform, als gegenwärtig erscheint es mir absurd. Und die Liebe, die
ich heute so genieße, ist keine Geschichte, keine Handlung, mehr ein Zustand,
ein Dasein, ein kühlender Fächer im Sommer, ein wärmender Kachelofen und
Wärmflasche zugleich im Winter, ist ein Blick in die Augen, gemeinsames
Schweigen und Ruhen, mit vier Augen durch die Welt sehen, mit dem Körper des Anderen
als zutiefst erkundete Landschaft, bestens vertraut und immer wieder als
herrlich empfunden nicht zuletzt aufgrund der alten Erlebnisse und neuen,
jungen Begegnungen mit der Schönheit des Alters.
Hörst
Du, lieber Freund, sie hier lachen, sie lacht, weil sie die letzten Zeilen
mitgelesen hat und versucht meine Glatze zu küssen und fest zu halten. Jetzt
verdreht sie mir doch glatt den Kopf, ja in echt, dreht ihn so, dass ich nur
noch blind tippen kann und ich ihr in die Augen sehen muss.
Und
da sehe ich ihn wieder, meinen alten Frühlingstraum, sie, in der engen, noch
tatsächlich im Sinne des Wortes, Bluejeans mit dem rotbraunen Ledergürtel,
darüber diese weiße Bluse, die um ihren schlanken Oberkörper in kleinen Wellen
flattert, ihr kräftiges, braunes Haar über meinen Augen tanzen und schmecke
ihre Lippen.
Und
jetzt küsst sie mich auch noch, hält weiter meinen Kopf fest, als wolle ich es
nicht ebenso, küsst und mir wird ganz warm und kuschelig.
Ihre
Arme sind weicher geworden, ihre Berührungen zarter, Kleider und Röcke mag sie
inzwischen lieber als Hosen, wegen der Figur, wie sie meint, aber Blusen
kräuseln sich immer noch um ihren Oberkörper und flattern leicht im Wind. So
auch jetzt, wie sie da vor mir steht, die nackten Füße in den modernen
Gummilatschen, fest im Stand, als müsste sie mich halten, dass ich nicht
umfalle. Und küsst mich schon wieder.
„Was
ist los“, schaffe ich es nach einem Kuss sie zu fragen.
„Na
was? Sommer ist!“ antwortet sie ironisch, nein auch zärtlich mich angrinsend.
Sie
hat recht, bei mir gehen plötzlich alle Türen auf und ich empfange den Sommer,
den schönsten wie immer, den, den wir brauchen für unsere Körper und unser
Seelenheil und umarme sie fest, genieße den Gegendruck ihres Bauches, spüre an
der Wange ihren Busen und rieche, ja was? Ja, ich rieche ihn, rieche den
Sommer!
Ziehe
sie mir herunter, auf den Schoß und zusammen tippen wir weiter, starten mit
einem Ausflug zu den Flusswiesen, auf denen wir unsere Wolldecke ausbreiten, wo
wir uns langsam gegenseitig die Kleidungsstücke entfernen und daraufhin der
schwache Wind aus dem leisen Rascheln der Büsche über unsere noch wintermüde
Haut streichelt.
„Geht
doch,“ meint sie und zeigt auf die Schwäne, die langsam an uns vorbeigleiten,
die Raubvögel über den Baumkronen der Flussaue auf der anderen Seite.
„Siehst
Du, wie immer!“
Ich
sage nichts, will nur noch genießen, sie sehen, die Sonne spüren, den Himmel
sehen, vergessen, wie viel Tage, Wochen, ja Monate ohne ihn verstrichen sind.
Will nur noch das hier, was wir uns jeden Sommer gönnen, vor allem wenn aus den
Nachbargärten die Grillschwaden zu uns herüber ziehen.
Den
Geruch mögen wir nicht so gerne, jedenfalls nicht so häufig. Er kratzt uns zu
sehr an unserem Sommergenuss.
Und
so fliehen wir an den Fluss, kennen diese Stelle, die sonst keiner zu kennen
scheint, schon lange, haben hier früher mit den Kindern gezeltet, davor sie
hier vielleicht gezeugt, zeitlich käme es hin, und streicheln uns jetzt,
einfach so, aus purer Lust am Streicheln, nicht mehr so wie zu Beginn unseres
Liebens hier mit Ziel und Drang nach Erlösung, nein, heute sind wir schon vorab
erlöst, streicheln und lassen geschehen, geben unseren Händen freien Auslauf,
genießen einfach, was unsere Körper zu erzählen haben, gleiten von einer
Handlung in die nächste, treiben wie auf einem Floß dahin, haben auch keinen Picknickkorb
wie früher dabei, lassen den Hunger daheim, hören alles was um uns herum zwitschert,
kaum wahrnehmbar ächzt und stöhnt am Wiesenrand, was flattert in den Lüften,
uns selbst, unseren Herzschlag, den Atem, bis wir wie jedes Mal nichts mehr
hören außer uns selbst, nichts mehr sehen mit den Augen, nur noch von innen uns
schauen, dieses klare phantastische Bild von uns beim sommerlichen Lieben.
Sanfte
Ermattung und kicherndes, aufgeregtes Flüstern wechseln sich ab mit Schlingern
und Tanzen der Körper, mit entspannten Liegen Bauch an Bauch, Gesicht an
Gesicht, während ich wie immer das Gefühl habe, ihr Haar rieche im Sommer
einfach am schönsten, irgendwie sommerlich.
Wir
haben kein Alter mehr, sind wieder zeitlos und unsterblich, haben keine
Verpflichtungen mehr, weder im Haus noch auf der Arbeit, müssen nicht gehorchen
und nicht lernen, haben keinen Wunschzettel, der vergeblich auf die Geschenke
wartet, sind beschenkt, sind im Heute, im Hier und Jetzt in der größten Weite,
die Leben bieten kann, sind das ganze Leben, nicht mehr nur durchorganisiertes
Kleinteil davon, tanzen leicht über die Gräser, schweben liegend zu den Wolken,
alles ist Gefühl, Gefühl ist wieder alles, wirklich alles und alles ist Liebe.
Aber
das hier kann ich den Lesern natürlich nicht erzählen, geht sie nichts an, auch
Dich geht es nichts an, lieber Freund.
Dieser
Sommer gehört nämlich uns, meiner Frau und mir, ganz allein und wenn wir uns
etwas wünschen, dann das, dass unsere Kinder auch möglichst viele dieser Sommer
erleben mögen mit ihren Liebsten.
Und
wie so häufig fallen gegen Abend plötzlich diese kleinen warmen Sommertropfen
auf unsere Haut, die sich darauf und darüber freut. Unsere Gesichter sehen aus,
als weinten wir, und ein bisschen tun wir es auch, innerlich. Wir weinen vor
Glück.
„Und
deine Sommergeschichte?“
„Züchte
ich mir einen Kaktus drauf! Wer braucht im Sommer angebliche Sommergeschichten?
Die will man doch lieber selber erleben und nicht nur lesen.“
In
diesem Sinne, mache es gut, lieber alter Freund, bis zum nächsten Mal und
schenke Dir und Euch Beiden in unserem Namen auch einen herrlichen Sommer ein,
mit allen euren Zutaten.
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Liebe im Alter,
Liebe im Sommer,
novell,
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Sommer,
Sommerliebe
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Lingen (Ems), Deutschland
Samstag, 22. Juni 2013
Als der Sommer endlos
Ich
wusste nichts und doch alles, was ich zum Leben brauchte, wie ich andererseits
noch keinen Menschen brauchte und sie mich auch nicht. Wann er begann, weiß ich
eben so wenig wie von seinem Ende, ob langsam im Übergang zu etwas anderem oder
schnell, plötzlich, von einem Tag zum anderen: keine Ahnung.
Auf
jeden Fall war es so, dass ich und er noch keinen Frühling hatten, nur Winter,
nur die Zeit ohne ihn, den Sommer, die wahre Lebenszeit, die große Freiheit,
mein großes warmes Meer an Tagen und Stunden, an Zeit für mich, für mich ganz
allein.
„Ein
Schlüsselkind also,“ sagte mein Psychologe. Mag sein. Das Wort hörte ich auch,
aber später, als diese Sommer für mich längst in fortgesetzter Schulkindzeit
verschwunden waren. Ich hörte es zuerst, als ich es noch nicht hören sollte, als
Getuschel älterer Erwachsener hinter meinem Rücken, später mit mitleidigem Ton,
so eine Art Trösterwort, als könnte dies irgendetwas erklären, entschuldigen
und zugleich war es stets gegen meine für dieses Schlüsseldasein
verantwortlichen Eltern, eigentlich eher unverantwortlichen Eltern gerichtet,
als hätte es mir an etwas wichtigem gefehlt.
Nein,
mir fehlte nichts. Im Gegenteil, hatte ich doch die ganze Welt für mich,
riesig, wunderschön, abwechslungsreich, abenteuerlich und eben wunderschön, für
mich damals ohne Worte, aber die brauchte ich dafür ja auch noch nicht, da ich
noch niemanden etwas mit zu teilen hatte und auch keiner da war, der gefragt
hätte, mehr gefragt hätte als „Na, was hast Du heute so gemacht?“, ohne dass
wirklich begierig oder juristisch ernsthaft eine Antwort erwartet worden wäre,
die irgendwie eine Bedeutung hätte erreichen können, eine Wichtigkeit wie
später. Auch spielten Wahrhaftigkeit oder Wahrheit des Geschehens um mich noch
keine Rolle. Ich hätte ruhig ohne schlechtes Gewissen antworten können mit
etwas, was ich vor drei Tagen oder vor fünf Wochen gemacht hatte und es wäre
genau so gewesen, als hätte ich von dem Tag erzählt, an dem ich abends,
meistens beim Abendbrot, wenn der Fernseher noch nicht lief, gefragt worden
war.
Zeit
existierte nur abends, morgens löste sie sich mit dem Weggang der Eltern zu
ihren Arbeitsstätten sofort wieder auf, verschwand mit den Sonnenstrahlen, die
ihre bunten Farbtupfer durch die Butzenscheiben im Treppenhaus auf die
Bodendielen warfen, zittrig, sprunghaft, so wie ich, der über sie hinweg
sprang, die Treppe hinunter, zur Tür hinaus.
Ganz
anders der Winter. Da blickten die Butzenscheiben, im Übrigen das einzig Schöne
in dem Haus, düsterfarben, der graue Hof, zu denen sie hinuntersahen, noch
grauer und weniger einladend als sonst, wo den Katzen ein Sandkasten der mit dunkel gepunkteter
Grauerde gefüllt war, das Klo gab und mir die Spielfläche nahm, also mehr Grau
als sonst was, auch die Häuserwände, an denen blasse Farbstreifen der
Fensterrahmen nur wenig dagegen aus zu richten vermochten.
Winter
war öffentliche Reinigungsanstalt mit dem Vater, lauter heiße Gestänge mit
Duschköpfen, denn man traute sich wieder unter Duschen, dachte fast schon nicht
mehr an die andere Zeit, wusste es schon nicht mehr oder noch nie, was diese
Vorrichtungen nur ein paar Jahre vorher für Millionen von Menschen gewesen waren, bedeuteten
jetzt stattdessen harmlose Reinigung oder auch Erfrischung, denn viele Männer
duschten kalt, wegen der Abhärtung und ihrem Mann sein, bedeuteten für mich beißende
Seife, viel zu schwülheißer Dampf und Körperschweiß der nackten Männer um mich
herum. Immerhin hatte es mein Vater nicht so mit dem Kaltduschen und so wurde
ich ganz natürlich ein Warmduscher, bin es auch heute noch, stehe oft
minutenlang nichts tuend oder denkend unter dem warmen , leicht schon heißen
Strahl und mein Körper erinnert sich plötzlich an die Wärme der Sommer damals,
nicht an die Winter und vielleicht gingen die Warmduscher unter den Männern ja
auch gerne deshalb dorthin, ihre Erinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes auf
zu wärmen. Da liebte ich aber doch eher das Abschruppen in der alten Zinkwanne
in unserer großen Küche, die deswegen noch groß war, weil man sich zu
Feierabend noch in der Küche aufhielt, nicht in der „guten Stube“, die bei uns
schon Wohnzimmer hieß und sehr zum Stolz meines Vaters mit einem Fernseher
ausgestattet war, so dass wir bereits unser Abendessen dort und nicht in der
Küche einnahmen, in der Küche, deren Luft klar war und sich ohne große Probleme
einatmen ließ.
Im
Winter war ich Stubenhocker, behauptete auch mein Vater und der meinte das
nicht nett, sondern wollte, dass ich aus der Stube raus ginge, an die Luft, in
das Leben, was in der Stube offensichtlich nicht stattfand, obwohl wir gar
keine Stube hatten, nur Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, Klo auf dem Flur, hocken
brauchte ich dort auch nicht, konnte auf dem Sofa liegen und auf Sessel und
Stühlen sitzen, kurz, das Gesagte des Vaters ergab für mich keinen Sinn, nur
eine Aufforderung, der ich nur im Winter ungerne nachgab, konnte ich doch im
Fernsehen da besser „Fury“, „Lassie“, „Fuzzy“ und „Texas Rangers“ bei ihrem
Leben zu sehen oder mich mittels Klaus Havensteins sanfter, schöner Bassstimme
durch seine Sendung „Sport, Spiel, Spannung“ führen lassen. Gut kann ich mich
auch erinnern an den Brunnen des Südwestfunks, ein mehrstöckiger Brunnen dessen
Wasser dampfend überquoll in stetem Rauschen, und danach kam zum Beispiel „Der
kleine Muck“, dessen Leben ich aber traurig fand, wenn auch passend zum Winter.
Der
Winter war also nichts für mich, schon gar kein Sommer. Frühling und Herbst
nahm ich als eigene Jahreszeiten erst sehr viel später wahr, da waren wir
längst von den Bergen fort in die große Stadt gezogen und freuten uns über
jedes Blümchen im Vorgarten oder stöhnten über das Laub auf dem Gehweg, dass
weggefegt werden musste.
Dafür
aber kannte ich ihn, meinen Sommer. Da brauchte ich nie zu überlegen, was ich
mit dem Tag anfange ohne Eltern und feste Mahlzeiten mit Stillsitzen, „Gerade sitzen“,
ohne Putzgeräusche oder Spielanweisungen. Ich ging stets einfach drauf los,
entschied erst auf der Straße, wohin mich meine Füße tragen sollten.
Wobei
es mir auch noch völlig egal war, ob es wirklich mein Sommer oder der vom Friseur
nebenan war, spielten Mein und Dein, Haben und Nichthaben sowieso keine Rolle,
meinetwegen mochte der Sommer allen oder niemanden gehören. Ich genoss ihn
einfach, wanderte den Fluss entlang oder zur einen Seite durch die kleinen,
ängstlich an die Hänge gedrückten Bergdörfer zur Burgruine oder zur anderen
Seite über die Rinderweiden hinauf, wo ich ab und zu kleine Wildblumensträuße
für meine Mutter pflückte.
Für
mich heute auffallend, damals in keinster Weise, dass sie nie besorgt
reagierten, wenn sie doch mal von mir erfuhren, wo ich die Woche über herum strich. Immerhin waren es einige Kilometer, die ich bisweilen so am Tag
zurücklegte.
Sommer
war entschieden die Zeit ohne Worte, nur mit Bildern und Tönen gefüllt. Die
Worte dafür musste ich mir daher erst später und dann mein Leben lang mühsam suchen.
Ich brauchte sie in den Sommern dort einfach nicht. Ich brauchte einen
Schlüssel für die Heimkehr, meine blank gescheuerte Lederhose, Sandalen an den
Füßen und das war es.
Meine
Sommer waren übrigens nie zu heiß, nur warm. Wenn sie doch mal heiß wurden und
man mich am Wochenende auch noch in das Schwimmbad schleppte, war mein Sommer
gestorben, auf Eis gelegt, soweit sich das über einen Sommer behaupten lässt.
Nein, diese Hitze war eklig, stank nach Sonnencreme und führte zu verbrannter
Haut und mehreren Tagen in der abgedunkelten Wohnung, trennte mich von meinen
Ausflügen, beraubte mich so meiner Freiheit, also wenig sommerlich.
Mein
Sommer gestatte mir kurzärmelig oder ganz ohne Hemd auf die Berge zu wandern,
klettern ergab sich nicht, an den Brunnen und Bächen Wasser aus der hohlen Hand
zu trinken, startete damals spätestens Fronleichnam, wenn im Stadtpark ein paar
Ecken mit Blumenblüten und Blättern zu Bildern geschmückt wurden, vor denen die
Prozession der Katholiken betete und sang, wenn danach die ersten
Handwerksgesellen auftauchten in ihren derben, schwarzen Cordkluften, auf dem
Rand des Springbrunnens balancierten, betrunken Lieder grölten und gelegentlich
auch in sein Wasser plumpsten.
Sommer
war auch, wenn die Pfaue im Kurpark herumstolzierten und die Enten gefüttert
werden konnten, dafür, und nur dafür, nahm ich auch mal Brot mit von zu Hause.
Es
gab in mir noch nicht diese Gier nach Süßigkeiten, rauchen taten noch nur meine
Eltern, allerhöchstens erstand ich mir mal ein Laugenbrötchen, dessen weichen
Inhalt ich stets als erstes mit dem Finger raus puhlte und langsam auf der Zunge
weich werden ließ, bis ich ihn genüsslich runterschluckte in der frohen Erwartung
der leckeren röschen Außenkruste mit ihrem Gemisch von Salz und Hefe im
Geschmack, die ich langsam, Stück für Stück abbiss. Ja, Laugenbrötchen waren
auch Sommer.
Und
meine erste Freundin war natürlich Sommer, wie wir Hand in Hand im Park umher
stolzierten oder gemeinsam hoch zu den Weiden. Leider hatten ihre Eltern nur
ein Gastspiel in der Stadt und so war sie ein kurzer Sommer.
Verwandte
gehörten nicht zum Sommer, denn die hockten alle im finsteren Norden mit seinen
Sturmfluten, dem „blanken Hans“ und den vielen Fabriken, deren Schornsteine
jeden Sommer verdunkelten. Wir, das heißt meine Eltern und ich auch, hatten
hier nur Freunde und die lachten im Sommer viel und so waren auch wir,
fröhlich, jung, ja auch meine Eltern waren im Sommer noch jung, ohne Fragen an
die Zukunft und ohne Vergangenheit.
Aber,
so wie es meine Eltern im Sommer in dieses unselige Schwimmbad trieb, jagte es
mich hinauf in die Berge. Wir hatten ja mehr als genug für mich um uns herum. Später
zur Auffrischung der Erinnerung zurückgekehrt für ein paar Tage fand ich
heraus, dass meine Berge eher Hügel waren, keine Mountains, nicht schroff und
kahl knapp unter dem Himmel endend, eher sanft, noch in der höchsten Höhe grün
durch Bäume und Gräser, angenehm für Wanderer, nichts für Bergsteiger.
Sommer
war im Gras liegen und den Wolken bei ihren Wanderungen über unser langgestrecktes
Flusstal zu zu sehen, in ihnen Gesichter zu finden und Gestalten, bisweilen
Geschichten, die schneller als beim Fernsehen ihre Szenen wechselten.
Sommer
war aber auch Regen, warmer Regen, der so herrlich einerseits erfrischend,
andererseits nicht wirklich kalt die Haut liebkoste, Gefühle gab, Lust auf
mehr. Im Regen wandern war nicht weniger schön als ohne Regen. Für Gewitter gab
es unterwegs genügend Unterstände und so erlebte ich manches Spektakel draußen,
wild, gefährlich, vor allem wenn Kugelblitze dabei sein sollten, denn vor denen
hatte mich irgendwer mal besonders gewarnt, herrlich wenn der Sturm einen
schüttelte und die großen Tropfen platschend den Schweiß von der Haut wuschen.
Ich
hatte keine Angst, damals noch nicht, Sterben war weder Wort noch Tat noch
Gegenstand. Vor allem nicht im Sommer. Auch Großvater sagte später bei einem
Besuch aus irgendeinem Anlass heraus „im Sommer stirbt man nicht.“. Damals war
das für mich ohne Frage. Sommer ist Leben, Winter ist Tod.
Unterwegs
traf ich nur auf wenig Menschen und die, die ich traf, hatten zu tun, hielten Kunden
die Ladentüren auf, fuhren Lieferwagen mit Ladungen von irgendwoher irgendwo
hin, weiter oben sichelten sie die Hänge ab, säuberten die Höfe, kippten Mist
auf die vor jedem Haus in den Dörfern auf sie wartenden großen gelbgrünen
Haufen, aus denen sich langsam verabschiedend Halme heraus sahen, sich ein
letztes Mal gen Sonne zu strecken schienen.
Die
Menschen die ich sah, grüßte ich und sie grüßten knapp aber freundlich zurück.
Wir fingen nichts weiter miteinander an, weder ein Gespräch noch sonst
irgendwas, gehörten aber für mich trotzdem irgendwie zusammen hierhin. So wie die
ersten Trecker, fast alle noch dunkelgrün, die ihre Stimmen in das Tal knatterten,
meistens aber zogen noch stämmige Pferde das landwirtschaftliche Gerät,
wieherten selten, kein Vergleich mit Fury und seiner Herde, wenn die zu Beginn
der Filme mit donnernden Hufen durch eine Senke in die kleine Tallichtung
galoppierten.
Zum
Sommer gehörten auch die Gerüche aus den Ställen, das Quieken der Schweine, das
Schnattern der Gänse und natürlich die herrische Kräherei der Hähne. Das alles
bereicherte die Musik des Tals, zu der das ferne Summen der Autobahn hinzu kam,
ein schwaches, fast stotterndes Summen, kein Vergleich mit heute, wo sie fast
Stoßstange an Stoßstange über die Talbrücke brummen.
Tischler
sägten dazu, in den Autowerkstätten hämmerte es und bisweilen vernahm ich auch schlecht geölte Maschinen und das
Hüpfen der Kisten auf den Lkws wenn die über das Kopfsteinpflaster röhrten.
Sommer
war nie leise, aber auch nicht laut. Es war eine besondere Symphonie, die ich
verstand und der ich stets zu lauschen mochte, komponiert von Geisterhand,
ausgeführt von mir bekannten Räumen und ihren Geräten, Gestalten und Gesellen
und als I-Tüpfelchen sang auch mal ein Mensch oder pfiff sich eine Melodie.
Auch
höher hinauf wurde es nie still. Dann überwogen die Vögel mit ihren so
unterschiedlichen Stimmen, das Rauschen der Zweige, das Knacken und Ächzen vom
verspielten Wind in den Ästen, das Plätschern der Bäche.
Bei
alledem lernte ich nie etwas, jedenfalls nicht in Worten, was mir später
vielleicht sehr geholfen hätte. Niemand klärte mich auf über die Vögel, die
Bäume und Blumen, niemand gab mir ihre Namen preis, und da ich nicht lesen konnte,
erfuhr ich auch nicht die Namen der Dörfer. Ich lernte nicht, sammelte einfach
nur Gerüche, Klänge und Bilder, sammelte sie wenn möglich täglich ohne
Übersättigung, ohne Langeweile, fand sie immer neu und aufregend und wäre nicht
auf die Idee gekommen, sie verlieren zu können, ihre Namen wissen zu müssen und
dann auch noch zu schreiben.
Liegen
im Gras, zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, durch die Gräser blinzeln,
den Himmel betrachten, dann wieder weiter wandern, immer weiter, durch die
Bäume, den Windungen der schmalen, noch nicht für die späteren Fahrzeugkolonnen
ausgebauten Straßen, immer weiter folgend, bis ich auf der anderen Seite des
Berges den Hang des nächsten Berges erblicken und bewundern konnte, meine Freiheit
so genießen, mit der Luft zusammen, die hier oben mir immer etwas klarer und
sauberer erschien, einatmen, frei verweilen oder gleich weiter ziehen, den
nächsten Hang hinauf, zwischen Straßen, Wald und Weideflächen wechselnd wie ich
gerade Lust bekam.
Sommer
hatte kein Wetter, war eben warm, kalt, nass wie es so kam. Und ich war nur aus
meiner heutigen Sicht reich, damals aber weder arm noch reich, noch sonst irgendetwas,
einfach nur ich und alles war gut, so wie es war.
Schön
war im Sommer auch die kleine Stadt, in der schon nichts mehr von dem schrecklichen
Krieg verriet, von dem meine Mutter, nur die, noch manchmal sprach, eher
weinte, schluchzte, sehr zum Verdruss meines Vaters, der davon nichts mehr
hören wollte, auch nichts mehr von dem jungen U-Boot-Kadetten, der nun irgendwo
auf dem Grunde eines weit entfernten Meeres lag, schließlich habe sie ja nun
ihn, und er sei ja auch was. Solche Gespräche waren nie für mich, hörte ich
nur, weiß auch nicht, warum was davon in mir hängen blieb. Vielleicht machte es
die Wiederholung über die Jahre hinweg.
Die
kleine Stadt jedenfalls, die sich auf der einen Seite des Flusses bemühte
Arbeit und Leben zu sein, Gestalt und Bühne, blitzte und leuchtete in den
Sommer, strahlte mich aus jedem ihrer frischen Schaufenster an, leuchtete mir
von den Blumenkübeln farbenfroh entgegen, gab mir lächelnde Fußgänger, niemand,
der mit Hektik hier vorwärts trieb, alles eher wie im Spiel, die Erwachsenen
wie wir Kinder, alle ohne Auftrag, ohne Zwang, einfach nur Bummelanten,
spielende Menschen zwischen Türen und Fenstern.
Autos
gab es noch wenig und so gehörten die Straßen des Städtchens noch uns Menschen,
wo die Kinderwagen in der Überzahl waren gegenüber den motorisierten
Fahrexemplaren.
Natürlich
trieb ich mich auch mit Freunden rum, Jungs aus der Straße, aber ebenso gerne
war ich auch alleine unterwegs. Waren wir zusammen, balgten wir uns meist und
die Wiesen wurden zu unseren Kampfplätzen. Oder wir durchwühlten Papierkörbe in
der Hoffnung auf Flaschenpfand, dass wir dann in Brötchen verwandelten, wenn
Wochenmarkt war sogar in Brezeln, die wir auseinander rissen und für das höchste
Glück auf Erden hielten, neben einer Flasche Bluna, die es für uns nur gab bei Ausflügen
mit den Eltern.
Zu
Geld hatten wir noch gar keine Beziehung. Einmal wollte ich mit fünf Pfennig
ein rotes Rad mit Stützrädern aus dem Schaufenster kaufen und war arg
verwundert, dass das nicht möglich sei. Ich verkraftete es ohne große Blessuren
und zog mit meinem Tretroller weiter durch die Gassen.
Es
geschah nie wirklich etwas und doch alles, was mir genug aufregend für mich
erschien, nichts aber, was sich hier spannend und als flüssige Geschichte
erzählen ließe, überhaupt hatte der Sommer nur sich, wie ein Rad, ein Kreisel,
nichts begann, nichts endete, alles geschah nur einfach so hinter einander weg.
Alles geschah in der Endlosschleife. Und verschwand, wie meine Kindheit, meine
Jugend, diese unglaublich ausreichende Kraft für alles verschwand, die Wärme im
Meer der Sommerstunden und –tage verschwand, ich selbst mir verschwand über
lange Jahre, warum mein Psychologe nun meint, es wäre an der Zeit mich wieder
zu finden und auf zu suchen, leise zu befragen, wer das einst war, dieser
kleine Steppke mit seiner heißgeliebten Lederhose in den warmen Sommern in den
Bergen.
Und
wieder merke ich das Verschwinden der Worte, je näher ich an diese, seine,
meine Sommer gerate, und dass ich morgen meinem Psychologen wahrscheinlich wie
schon meinen Eltern früher nichts von alledem erzählen kann.
Wäre
ich Maler geworden, könnte ich ihm wahrscheinlich unzählige Bilder liefern oder
Musiker, dann hätte ich für ihn viele Töne von damals. So aber stehe ich dank
ihm und seinem Auftrag nur am Ende aller meiner Worte vor den Sommern, jener,
die endlos waren.
Und
vermisse die Lederhose, die Sandalen, die Füße und Beine, die mich damals so
beschwerdefrei überall hin gebracht haben.
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