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Mittwoch, 2. April 2014

Danach



nun, da meine Melancholie
kein grober Fels mehr in der Brandung

genieße ich
ihr sanftes Segelflattern

meine leichten Flügelschläge
über dem lauten Taubenhaus

gleite ich so mit ihr zurück
zu Dir ins Leben

(c) bild + text jörn laue-weltring bad wildungen 2014

Freitag, 6. Dezember 2013

Auf der Brücke zwischen Leben und Springen


Ich könnte mich jetzt einfach umbringen. Ich könnte von unserer Fußgängerbrücke hier vor mir auf die Schienen springen, die unter ihr kaum merklich zittern von der gerade durchgefahrenen Regionalbahn.
Aufhängen dagegen liegt mir nicht. Weiß nicht warum. Vielleicht weil sich Bekannte von mir und Freunde dafür entschieden. Gute Freunde, gute Bekannte, die uns traurig und vor allem hilflos hinter sich gelassen haben. Immer wieder geschah es in all den Jahrzehnten.
Immer wieder Fragen ohne Antworten, nur Mutmaßungen, ärztliche Hinweise, nichts für unser gewohntes Weiterleben.
Andererseits ist die Fußgängerbrücke zwar schön, weniger schön aber, dass ich nicht weit vom Bahnhof landen würde. Wer weiß, wer das dann alles mitbekäme.
Der Wirt vom Bahnhof hatte sich für das Aufhängen im Flur zu den Toiletten neben seinem Gastraum entschieden. Seine Witwe habe ich gestern noch gesprochen. Nach 5 Jahren gibt sie nun auf, verlässt den Bahnhof, ihre Wohnung dort, die Gaststätte, den Kiosk. Es hat sie zu sehr an ihn erinnert, an ihren zerbrochenen Lebenstraum in dem Bahnhof zusammen alt zu werden.
So verschwindet, was gut war und alle Reisenden erfreute. Und so möchte ich lieber nicht in Erinnerung bleiben, so als Gespenst zwischen liebgewordenen Mauern.
Aber die Brücke reizt mich. Vor Jahren bin ich fast jede Nacht auf sie rauf und wieder runter gefahren. Immer wieder. Es war nach der OP, als sie mit einen Nerv im rechten Fuß eingeklemmt haben und das bei ihren Untersuchungen nicht heraus fanden. Und so schmerzte der Fuß, ließ mich nicht schlafen. Erst wenn ich ihn auf der Brücke genug nieder getreten, schwieg der Schmerz, lange genug für mich, endlich ein zu schlafen.
Oder es ist dieser alte Traum vom Fliegen. Ich sehe gerne den Ski-Springern zu, ihrem Flug von den Schanzen. Zu fliegen wie ein Vogel, oft habe ich es geträumt. Immer wieder in den unruhigen Nächten, wenn der Stress mich nicht aus seinen Klauen lässt. Fliegen, einfach abheben, davon gleiten. Fliegen, ja. Das könnte es sein.
Vielleicht ist es auch nur das Springen, das mich hier anlockt, die Sehnsucht schneller vorwärts und raus aus der Tretmühle zu kommen. Im Springen war ich nie gut, weder weit noch hoch, schon in der Schule nicht, schon gar nicht im Sportunterricht auf dem Sportplatz. Springen statt Stehen, Gehen, ja Kriechen. Springen, nicht schleichen, aufrecht, nicht geduckt und verhockt, die Augen nach oben statt nach unten.
Bisweilen wäre es mir auch ganz lieb ohne eigenen Aufwand in ein Grab getragen zu werden, beerdigt mit leisen Reden und stillen Schluchzern, in Erinnerung bleibend durch die Publizierung meiner Werke durch den Sohn, der das schon länger möchte. Aber ich befürchte, der kommt auch nach meinem Dahinscheiden nicht dazu. Ihm kommt immer etwas dazwischen. Vielleicht ist es ja auch besser so.
Meine Werke? Nun, das sind kleine Texte über die Herkunft und den Sinn von Wörtern, vor allem den neuen Wörtern, die wie Schnee im Winter auf uns kommen in den Medien, den Gesprächen und Liedern. Worte wie „anbaggern“, „relativ“, „shitstorm“, „tapen“, „freisetzen“ oder „Kollateralschäden“. Worte, die sich eingeschlichen haben, ohne dass wir ihre wahre Herkunft oder Bedeutung noch erahnen. Tausende von wunderschönen kleinen Texten habe ich darüber fabuliert, mal bissig, mal zärtlich oder traurig, auch mal wütend und hitzig. In ihnen kann ich heute die Achterbahn unserer und meiner Geschichte ablesen, nach empfinden, wie ich meine Zeit jeweils empfunden habe. Ab und zu habe ich mal ein paar öffentlich vorgetragen, stieß auf Wohlwollen, selten auf Begeisterung. Vielleicht lese ich auch nicht gut genug, zu verklemmt, zu leise, vor allem weil es mir nicht gelingen will das Nuscheln mir ab zu gewöhnen.
In meinen Grabträumen aber sehe ich herrlich gestaltete kleine Bücher, leinengebunden mit Dünndruckpapier und Goldschnitt. Alle haben ein seidenes Lesebändchen. Und ich sehe sie auf Büchertischen liegen, unsere Buchhändlerin höre ich sie empfehlen.
Dann aber, am Ende dieser Träume, fällt mir auf, dass ich als Toter all das ja nicht erleben kann. Es gelingt mir nicht, mich auf eine Wolke zu retten und von dort das Geschehen genüsslich wohlwollend zu genießen. Auch kann ich mir das Dasein auf so einer Wolke nur kalt und zugig vorstellen.
Bin ich endlich aus dem Traum befreit, bleibt mir nur, fest zu stellen, dass es besser ist lebend berühmt zu werden als nach dem Sterben. Denn da ist man einfach tot und kriegt davon nichts mit.
Berühmt? Wenn ich meine kleinen Werke so betrachte, fällt es mir schwer sie in eine einem Buch angemessene Ordnung zu bringen. Es fehlt mir einfach jedes Gefühl für Reih und Glied. Kann mich nicht entscheiden, was davon wohin oder gar nicht hinein kommen sollte. Kann sie nur schreiben, in ihnen den Moment leben und das sehr intensiv. Ein Buch würde sie verändern, sie mir fortnehmen. Es gäbe Anfang und Ende bei ihnen, der Fluss wäre gestoppt. Übrig bliebe ein langweiliges Staubecken, dass nichts mehr mit mir zu tun hätte.
Und so schreibe ich weiter Text nach Text, ohne Rücksicht auf die überbordende Menge an Material für meinen so bemüht denkendem Sohn und seiner Absicht, sie für schöne Buchdeckel zu bändigen.
Irgendwie hält mich das am Leben. Jeder Fluchtversuch in den Tod wird von ihnen abgelenkt in den Genuss des Schreibens, Findens und auch Suchens, denn nicht immer weiß ich den Hintergrund eines Wortes oder seines Ursprungs sofort. Aber ich weiß wie viele Worte es noch gibt, über die ich bisher keine einzige kleine Zeile geschrieben habe.
Das also hindert mich am Springen, ist diese Fußgängerbrücke auch noch so schön und wenn ich sie aussuchen müsste unter unzähligen anderen, es nur sie sein dürfte, mir den Flug zu ermöglichen, diese fliegenden Sekunden vor dem Aufprall auf den Schienen.
Unter anderem hindert es mich.
Ein paar Kilometer weiter von hier in Richtung Süden befindet sich eine Schienenkurve, die leicht dort und sanft in Richtung unseres Städtchens sich biegt. Dort werfen sich fast schon traditionell die Selbstmörder unsers Landkreises vor die Züge, was des Öfteren zu unvorgesehenen Verspätungen führt und die Begeisterung über die Strecke bei den Lokomotivführern, falls die heute noch so heißen, in Grenzen hält. Wenn ich an die armen Männer denke, vergeht mir sogar die Lust auf das Fliegen. Die meisten müssen danach ins Krankenhaus und manche müssen ihren Beruf aufgeben. Das will ich nicht bewirken.
Also kein Sprung von der Brücke, wobei ich ehrlich auch nicht wirklich glaube, dass ich springen könnte. Genauso wie beim Autofahren.
Im Auto auf meinem täglichen Weg zu unserem Nachbarstädtchen und zurück zu meiner Familie zweigeschossigen Bleibe sind mir das erste Mal solche Gedanken gekommen. Was wäre wenn ich jetzt einfach gegen einen Baum rase oder gegen den großen LKW, der da vom Wind geschüttelt mir entgegen kommt?
Absichtlich ausscheren wie der Türsteher unserer Discothek, der mit seinen kaputten Knochen als ehemaliger Sportler nicht mehr weiter Teens und Twens ein- und auslassen mochte. Der hatte einen Freund als Beifahrer mitgenommen in den Tod, war einfach auf die Gegenfahrbahn gebogen, hatte dort einen PKW voll erwischt. Überlebt hat keiner von ihnen.
Dabei war der immer ein netter Kerl gewesen. Und dann sowas.
Nein, nicht abbiegen, andere mitnehmen in den Tod. Vielleicht, ja wahrscheinlich wollen die das in dem Moment gar nicht, vielleicht viel später einmal. Wer weiß. Wie soll ich das hinter meiner Windschutzscheibe entscheiden. Herr über Leben und Tod, nein, das war noch nie mein Bestreben.
Trotzdem waren da diese kleinen grauen Gedanken, wie Schatten meiner kleinen Texte, Fußabdrücken gleich, hartnäckig bohrend, wie Fliegen, die sich nicht fangen und vertreiben lassen. Wie wäre es, wenn ich nur in Gedanken von der Fahrbahn, meiner Spur, abkomme und dann …? Im Ergebnis gleich. Nicht ganz, ich würde zutiefst erschrocken aufschrecken, für den Bruchteil einer Sekunde vielleicht und dann wäre es schon vorbei.
Zu gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer. Aber die Brücke ist ja auch nicht ideal. Hängen mag ich nicht. Gift ist mir zu rational, würde von mir verlangen kalt und berechnend vor zu gehen. Aber darum geht es mir ja nicht. Es geht um das halb bewusste Schweben, meine Sehnsucht, sanft zu entschlafen, einfach davon zu gleiten.
Und weiß doch nicht, warum eigentlich so eine Sehnsucht in mir herum schwirrt und mich bisweilen ansticht. Ist das bei allen so, haben auch andere bisweilen solche Gedanken? Ist es Sehnsucht oder doch nur Angst vor Tod und Sterben, Angst davor, dass es über Demenz, langes Siechtum oder tagelange böse Schmerzen auf uns zukommt?
Meine Textarbeiten helfen mir da nicht. Sie antworten nicht auf Menschen, nur auf ihre Sprache. „Suizid“ neutralisiert alles, enthebt es von der Dramatik der Betroffenen. Bei den Spaniern dagegen klingt ihr „suicidio“ fast heiter. Das nur auf Deutsch zusätzlich und eigenständig benutzte „Selbstmord“ kommt dagegen juristisch daher und verurteilt im zweiten Teil des Wortes eine Handlung, die vor Gericht eventuell noch als „Tötung im Affekt“ davon käme.
Was sagt das über mein Volk, wenn es als einziges ein solches Wort benutzt? Oder ist es nur ein Zeichen unserer Angewohnheit alles bürokratisch exakt zu bezeichnen, juristisch geprüft und staubtrocken genug für möglicherweise sich daraus ergebender und anzumeldender Ansprüche, von welcher Seite auch immer?
Zeigt sich hier, wie wenig unser staatliches und sprachliches Leben die Trennung von der Kirche im öffentlich-rechtlichen Leben durchzusetzen vermochte?
Selbstmörder sind in der christlichen Religion nicht vorgesehen und Selbstmord gleichgesetzt mit der Abtreibung, auch so ein merkwürdig typisches Deutsch. Selbstmörder dürfen nicht zwischen den ansonsten, egal ob dahin gemordet, verunglückt oder durch Krankheit Dahingeschieden, mit Stein und Kränzen Beerdigten ihren Platz einnehmen.
Für Abtreibung benutzen andere in Europa vor allem den Stamm „Abort“, was dann doch viel anders klingt. Über „Abtreibung“ wurde mein Text vor Jahren schon sehr viel länger als sonst, da es mir wie ein „No-Go-Wort“ daher kam, eines, das keiner Nachfrage stand hält.
Abtreiben ist schließlich eher ein Vorgang auf dem Wasser, von Wellen, Strömung und Wind begünstigt. Was die aber bei einem „Schwangerschaftsabbruch“, wiederum ein wunderbar bürokratischer Begriff, zu suchen haben, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.
Also, ich springe nicht. Heute nicht und wahrscheinlich auch nicht morgen. Meinen eingeklemmten Nerv haben sie nach zwei Jahren ja auch endlich gefunden und befreit. Seitdem kann ich ohne Brückentraining schlafen, setze zwar dadurch mehr an und werde wieder kurzatmiger. Aber das liegt auch am Rauchen, meiner Form des bequemen „sucidio“, dessen Folgen vielleicht, laut Statistik eher wahrscheinlich, unangenehm sein dürften, mich aber nicht heute treffen. Also lieber rauchen als abfliegen von der Brücke. So bin ich eben. Damit muss ich, will ich leben. Ja, will! Doch.
In diesem Moment jedenfalls, mich jucken da noch so ein paar Worte und meine kleine Familie hängt auch noch an mir, trotz meiner Anhäufung von kleinen, von niemand nachgefragten Textchen. Und wie könnte ich denen Kummer bereiten.
Ihre Tränen möchte ich nicht „provozieren“, auch so ein Wort für das sich eine Betrachtung meinerseits lohnt.
In diesem Sinne mit mir und der Brücke zufrieden gehe ich nun weiter gestaltend meine Stunden die Brücke hinauf, den Zügen hinterher zu schauen in der Hoffnung, dass heute sich keiner ihnen vor die Lok werfen möchte. Es glitzern mir hier die Schienen wunderbar hinauf. Irgendwo müssen auch sie enden, ist Schluss mit der Weiterfahrt der Züge. Irgendwo, jeden Tag, in dieser Stunde, dieser Minute endet eine Strecke. Meine aber, so hoffe ich, noch länger nicht. Beim Verlassen der Brücke, mit jedem Schritt nach unten, spüre ich Erleichterung, sogar meine Lunge scheint sich vom Teer befreien zu können und unten, ja unten angekommen bei der letzten Stufe, fühle ich mich so leicht, als würde ich fliegen und nicht länger angepresst von der Erdanziehung auf dem verkiesten Weg bis zur Kreuzung meine bis hierhin dahin gelebten Jahrzehnte vorwärts quälen.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Herbstdepression



es krabbeln
des Regens
kalte Tropfen
mir ins Genick
über mir hasten
die bleichen
dämmervollen
Schattenriesen
auf der Flucht
vor greller Sichel
eines Mondes

schließe ich
meine Augen
müde ob des
was war was nicht
vollbracht
was
noch kommt aus
verlorener Schlacht

bette ich mich
ganz dicht
an Deinem Leib
zur kahlen Nacht
froh dem Morgen
bald gegenüber
zu stehen
ausgeruht
mit frischer Kraft
träume ich mich fort
mit Dir
an ferner Horizonte Strände
in unseren
geheimen Fluchten
dieses Meer täglich
neu zu erkunden

noch
ist unser Schiff
nicht völlig
leck geschlagen


Mittwoch, 4. September 2013

Strapazierte Liebesmüh



sie möchte nicht mehr weinen
den Panzer um ihre Brust
sprengen und nie wieder spüren
die Nächte endlich frei von Sorgen
von ihrer großen Traurigkeit
gespicktes Leben, dass ihr Herz
so sehr entzweit und zerreißt

meidet sie alle Orte, Straßen
Wege und Begegnungen
ist sich völlig sicher
die würden ihr nur schaden
überall Giftpfeile aus Hinterhalten
noch mehr Trauer, noch mehr Leid
sie will es einfach nicht mehr erfahren

steht sie vor dem Fenster still
den Fernseher für immer ausgeschaltet
unser Klopfen, Klingeln ignorierend
im Papiercontainer unsere Briefe
ungeöffnet, horcht sie nach innen
sieht sich ihre eigenen Bilder malen, die Musik
dazu komponieren und Worte schöpfen

begießt sie so die Erinnerung, genießt
was alles aus ihr sprießt und koboldhaft
die Leviten liest, Streicheleinheiten inklusive
alles für den Moment der Stille, des Wartens
bevor die Hölle losbricht auf dem Laken, wieder
Angst ihr die Bude einrennt, der große Schmerz
sie mitnimmt in seine Folterkammer auf Raten

so geht sie von uns, bevor wir noch sie sahen
spüren konnten, lieben, mit ihr raten
was uns das Leben schönt, wo Pflaster liegen
bisweilen auch Heilung, was uns
zusammen schmiegt und ruhen lässt
in diesem Garten der Dornen und Rosenblüten
würden wir ihr so gerne das Leben beziehen

doch, sie öffnet nicht, was werden wir finden
wenn es so mit ihr weiter geht, wen
können wir rufen, um Hilfe für sie angehen
wer hilft, wenn sie es doch nicht will
wer findet die Worte, die Schlüssel
zu ihrem Wesen hin, knackt den Tresor
für sie die Chance zum Ausbruch,
zu geben, uns, sie wieder zu sehen
zu lieben, ihr Kraft zu schenken

nicht alles was sich in Häusern abspielt
ist schön, so vieles lässt sich nicht aufhalten
geschweige denn reparieren und einer
Restauration unterziehen, so schläft sie
unruhig panisch uns davon, bis vielleicht
sie selbst die Schlüssel findet, zum Ausritt
wieder bereit, wir können sie nicht zwingen
tut sie uns auch noch so leid

Donnerstag, 27. Juni 2013

Ein Krimidesaster



Kennen Sie Simenon? Kennen Sie Maigret? Bevor ich sie kennen lernte, so richtig kennen lernte, war ich eine ganz normal scheiternde literarische Existenz inmitten ganz normal gescheiterter und halbwegs erfolgreicher Schreiber von allem, was sich formal absondern lässt, lebte spätpupertierend genusssüchtig in dem dazu passenden Viertel halbwegs genährt und finanziell auf wenn auch niedrigem Niveau mit dem Nötigsten versorgt, soweit ganz glücklich von Tag zu Tag, hockte mit den anderen im eigenen Künstlerhaus zusammen mit denen von der bildenden Kunst die Tage schwatzend, kochend, trinkend angenehm weg und las alles unbesorgt möglicher Folgen.
Bis ich auf sie traf: auf Simenon und seinen Maigret.
Hatte ich bis dahin immerhin fast jeden dritten Tag einen Einfall und nach einer Woche mindestens ein Textchen mir abgequält oder im Rausch runter gerotzt, so sollte sich das und noch mehr jetzt ändern, nicht sofort ganz, langsamer, aber von Tag zu Tag mehr.
Dabei kannte ich zumindest Maigret schon länger, als beleibten Pfeifenraucher in schwarz-weiß, an Samstagen kam er, glaube ich, im Fernsehen als Krimiserie mit Rubert Davies als Darsteller. Jean Gabin und Heinz Rühmann haben mir in der Rolle nie so gefallen. Auf jeden Fall ein spießiger, alles sofort und besser wissender autoritärer Mann, immerhin dabei ruhig aber auch alle einschüchternd durch Blicke und Gesten.
Die Bücher kamen zu meinem späteren Unglück in einer neuen Übersetzung ausgerechnet bei meinem damals frisch gefundenen, neuen Lieblingsverlag aus der Schweiz, dem Diogenes Verlag, heraus. Ja Diogenes, der Name war hier glatte Schizophrenie, zumindest ein Widerspruch. Hatte der nicht gesagt: „Störe meine Kreise nicht.“ Das war Archimedes, na gut. Und das hätte ich tun sollen oder sagen wie Diogenes, das hat er gesagt, da bin ich mir sicher, zu Simenon und Maigret: „Geht mir ein wenig aus der Sonne.“ Hätte mir viel Leid erspart.
Stattdessen las ich, jeden Tag mehr, kaufte ein Buch nach dem anderen, gab ja genügend, ging nicht mehr vor die Tür, las und las. Kroch mit Maigret in die Atmosphäre von Opfer und Täter, roch bald alles so wie er und begann wie er jeweils ein passendes Getränk beim Lesen mir ein zu flößen. Ich stieg in die Gefühle und Gedanken mit ein, machte mich so sehend und hörend wie er, ohne einen einzigen Fall lösen zu können vor ihm.
Zu Beginn war es noch die große Freude, gelungene Geschichten lesen zu können, wo kein Wort zu viel oder falsch gesetzt war, hautnah an der Wirklichkeit und doch pure Fiction, literarische Magie. Auch waren wir damals alle noch mehr frankophil als „Toskana-Fraktion“, hörten Chansons und sahen Filme von Godard, Truffaut, Ophüls, Malle oder Chabrol.
Ich merkte bald, dass mir selber keine Freude mehr kam bei meinen eigenen Sätzen und Zeilen. Nichts genügte mir mehr bei dem Vergleich. Ließ ich es also und dachte, pausiere ich halt. Aber es kam noch schlimmer.
Simenon und Maigret saugten mich gerade zu in diese bürgerlich miefige Welt Maigrets, in das Paris der Heuchler, Versager, Bürokraten und Diener, ein Paris ohne Charme, Chic oder gar fröhlicher Erotik. Es war ein Paris und auch Frankreich auf dem Lande voller alter Mauern, geschlossener Fenster und Misstrauen mit verbitterten Existenzen, verkrampfter Glückssuche im Kleinen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung, echtes freies Glück und wer es doch mal bekam, verlor es meist binnen Stunden samt Leben.
Es ist zu erahnen: ich wurde schwermütig, regelrecht depressiv, träumte nur noch schlecht, bekam den großen Druck auf Hals und Brust und mein Herz schien nur noch mit Mühe zu schlagen. Nichts schmeckte mir noch und jede Bewegung erschien mir überflüssig und zu qualvoll. Bis ich eines Tages davon und von mir selbst genug hatte, alle Bücher von Simenon mit Maigret in einen großen Karton warf und drei Straßen weiter zu einem gescheiten Kollegen brachte, der gerade dabei war die Literaturbühne zu betreten.
Ich schenkte ihm die Bücher, lobte Simenon, lobte Maigret, aber nicht ohne ihn zu warnen, nicht zu viel auf einmal davon zu lesen. Gefahr der Depression.
Danach gelang es mir trotzdem lange nicht wieder zu schreiben. Jedes Mal standen mir die Texte von Simenon dagegen. So ließ ich das und wendete mich anderen und ertragreicheren Beschäftigungen zu, sehr zur Freude meiner Familie.
Ab und zu erkundigte ich mich nach dem Befinden des Kollegen, traute mich nach ein paar Monaten und beruhigenden Nachrichten auch mal wieder hin zu ihm, wo ich ihn unverändert und auch noch dankbar antraf. Ja, wären wirklich hervorragend, Simenon und sein Maigret.

Ich selber las danach die Krimis von Chandler und Hammet, dies mit viel Vergnügen an ihrer Sprache und Erzählkunst, ebenfalls von so hervorragender literarischer Qualität, dass ich weiterhin nicht mehr selber schreiben mochte, las dankbar alles von ihnen, vor allem, weil ich durch sie nicht depressiv wurde, nur sanft melancholisch und damit lässt sich gut am Leben bleiben.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Arbeitsstress











wer zu viel des Guten tut
erntet dabei oft Verdruss
heftige Kritik findet schnell
Forderungen vor
nach noch viel mehr

gehen dabei auch
Familienleben, Freunde
Seele und Gesundheit drauf

wem aber nur einmal
etwas gut gelingt vor aller Welt
fällt sofort positiv auf
findet rasch größte
Aufmerksamkeit
und Lob

Moral von Geschicht‘
Ich find sie nicht

Dienstag, 19. Februar 2013

Auszeit



Ich nahm das Brot den Stock den Stein
Nahm auf was lebt was übrig bleibt
Wollte dabei stets nur freundlich sein
Im Nebel nun mich Wahnsinn treibt

fort von den Freunden, Haus und Stadt
Hinein in die Kümmernis der Laken
Alleine nun mit meinem großen Rad
zu lange aufgesparter Gedanken

noch ist der Tod nicht mein Gesell
noch halt ich fest mich an’s Erwachen
genieß‘ den frühen Morgen ist er hell
pack‘ ich schleunigst meine Sachen

das Gestern mag im Hause bleiben
die Fron, die Müh‘ so‘n Mensch zu sein
trotz Normenzwang und Narrentreiben
kehr‘ ich gestärkt bei mir selber ein

Und nehm das Brot den Stock den Stein
Nehme auf was lebt was übrig bleibt
Werde weiter dabei oft freundlich sein
Genieße jetzt was da als Leben treibt

Gibt es doch allemal mehr auf Erden
Weit Besseres als Wahnsinn und Tod
Mit Deiner Liebe wird es schön werden
Die stärkt uns mehr als jedes Körnerbrot


Sonntag, 17. Februar 2013

Sprachverlust

verlieren wir im Leben
nicht mit jedem Tag
ein paar Wörter mehr
die uns nichts mehr sagen

bis wir verloren und gefasst
nur noch die einfachen
Worte zur Verfügung haben
allesamt satzuntauglich

wie Glaube, Liebe, Hass
Schmerz, Trauer, Leidenschaft
sind wir was wir sind
gestrandete Sprachpiraten

ohne große Vorwürfe
an das Leben das uns
die Sprache nahm
mit dem Erkennen

auf dem Weg in das
große letzte Schweigen



Samstag, 16. Februar 2013

Lebenselixier



Im Winterzauber vernebelt  latschen wir
durch ein Netzwerk von Nachrichtenpfützen
Allerlei Gewürm Gestank hohle Birnen auf dem
Schafott der Gemeinheiten heftet sich an die Klamotten

Viele Türen öffnen sich zwar gewaltig lautlos
Freiwillig selten aber zur frischen Luft hin
Der Tag mit seinen Zombies zerrt am Leib
in den Ohren bis wir uns davon frieren nach Haus

In der Hoffnung auf besseres den Wein des Tages
ausschütten obwohl die Klospülung immer
Noch nicht repariert ist das Lager begrenzt
bei unserem Wiedersehen in Dunkelheit und Frost

Genießen wir uns zusammen gesunken unserer Worte
Stille zapfen uns an nippen den eigenen Zaubertrank
Der Gedanken unserer Liebe unseres Jahrganges bewusst
Mit Elan gut gekeltert und gereift außerhalb der genormter Fässer

Trotzen wir dem Winter im Genuss vereint mit den Jahreszeiten
So gewappnet gegen die gierigen Blindflüge vor unseren Fenstern
der Karneval der Zeit die bleibt ein Winterzauber zum Frühling bereit
zum Wachsen im Sommer zur Ernte im Herbst das stärkt

dank der unmanipulierbaren Jahreszyklen
im hoffnungsfernen Hamsterrad jedweder Dinglichkeit
unser aller Lebenselixier das schrille Kaleidoskop
der uns wofür auch immer geschenkten Zeit