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Mittwoch, 4. Dezember 2013

Ja das Vielleicht


vielleicht ist es der Tag
vielleicht die Nacht
die ihm nicht weichen mag
was über uns fest hängt
nebelstark und wolkenschwarz

vielleicht aber sind wir es nur
die unmutig den Tag beschreiten
als trüge unser Rücken schwere Last
gäbe es kein Entweichen vor den Blicken
den Gedanken der Anderen, der Angst
die von ihnen in uns kriecht wie die feuchtkalte
Luft dieses Winters armselige Tage

vielleicht, vielleicht aber sind wir nur nicht
bereit den Tag an zu fangen mit offenem Blick
uns ein zu lassen in das was uns bisher geglückt
lassen uns treiben von der Jahreszeiten Melancholie
vielleicht und vielleicht zu sehr und zu wenig bereit
sie einfach an zu schauen in ihrem Reiz
fremderer Zwischentöne und Geräusche, vielleicht

vielleicht sind wir so, du und ich
nur befangen in der Sehnsucht nach dem Sonnenschein
der für uns auszurichten alles, vor allem unser Herz
den Mut neu an zu fangen, zu übersteigen die Hürden
von denen jeder von uns genug weiß, sie zu nutzen
für den Tagessieg im Vorwärtsschreiten, vielleicht

vielleicht ist es doch der Tag
der an uns reißt, uns mit seinen Mühlensteinen
beschwert, uns aufstehen lässt, vielleicht
aber sind es auch nur unsere Gedanken
nach schlecht geschlafener Nacht, die uns so
Trübsal blasen lassen und uns beschweren über
seine unnötigen Qualen hinein zu finden
in das, was uns sonst so leicht gefallen

vielleicht, es sei denn unsere Liebe
hat sich mit der Sonne verflüchtigt
uns einsam werden lassen im Morgentau
nun die Füße zu spüren, das kalte Nass
das Licht vermissen, das bisher durch unsere
Liebe jeden Tag uns schien, Brett war und Steg
für des Tages Taten, wie sie von uns verlangt
Vielleicht und vielleicht auch nicht
nicht jede Antwort findet sich in einem Gedicht


Montag, 4. November 2013

stone washed



in meiner Jackentasche
trage ich Dein Bild
in Stein
gemeißelt
meinen Fingern
der mich beruhigende
Schmeichelstein
im Alltagsdrill

hänge ich die Jacke
samt Stein auf
an der Garderobe
zum Feierabend
das Festmahl
ein zu nehmen
das mir am Ende
des Tages noch fehlt
nicht ohne
mir zuvor die Hände
gründlich zu waschen

verblasst Dein Bild
vor mir am Tisch
zerfällt entlang
der Jahre
bis mein Stein
nur noch Erinnerung
enthält
vielleicht
hätte ich mir
meine Hände
doch nicht
jedes Mal
waschen sollen

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Montag, 28. Oktober 2013

Wir könnten



ich könnte
das Laken
jetzt von Dir
nehmen
Dich streicheln
zwischen Nachthemd
und Haut

könnte weiter
meine Finger
auf Dir
rum gleiten
lassen
das Nachthemd entfernen
wo es mich stört
Deinen Körper
besuchen
Wo er sich öffnet
mir entgegenstreckt
Wölbungen
mit Knospen
mir anbietet
könnte Dich
küssen dabei
auf Deinen Mund
die Zunge
tanzen lassen

das könnte ich
jetzt hier
neben Dir
im Bett unserer
Erholungsetage
zwischen den
Arbeitstagen
Heimputzversuchen
könnte vor allem
„Ich liebe Dich“
flüstern
in dein Ohr
und nach
eifrigen Bemühen
in Dich eindringen
hinein stoßen
Dich umarmen
wenn es
aus uns heraus
bricht
wir bebend

aneinander festklebend
uns hilflos
küssen
abwarten
erhoffend
das was war
ewig hält und
wahr ist
Liebe reinster Glut

So könnte ich
mich an Dich
schmiegen
den Gute-Nacht-Kuss
Dir geben hinter
Dein linkes Ohr
mich dann zurückziehen
in den erschöpften Schlaf
fallend wie Du

träumen wir jedoch
seit Monaten
nur von alledem
was uns abhält
uns zu lieben
zu berühren
den Liebesrausch
zu schenken
die Säfte
die nur unser Körper
an zu rühren vermag
träumen wir
unseren eigenen
Tod
unfähig
ihn auf zu halten
durch unserer
Liebe Fingerfertigkeit

Freitag, 25. Oktober 2013

Geistwandler























Geistwandler wir im gleichen Nebel
dürfen horchen
erwarten
uns im Vorfeld ärgern
unserer Wachsamkeit frönen
obwohl wir auf ganz anderes Lust

dennoch werden wir
wohl der Enttäuschung
immer wieder anheimfallen

wir haben gewählt
gewusst was
und das der Rest
in der Kompromisse
teuflischen Himmel
weht
wie arg zerlumpte Flaggen

gleich uns
bisweilen die Puste ausgeht
Geistwandler wir
im gleichen Nebel
der stets mit uns zieht

dahinter aber
horcht
ja, da ist uns befreiendes Lachen
wenn es mal wieder
nicht anders geht
hier zu bestehen
sind wir geistwandelnd zwar
aber immer doch zum Lächeln bereit
die Tage zu umarmen
in ihrem Nebelkleid

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Sonntag, 20. Oktober 2013

Alles nichts oder Alles alles



Heidi kannte die beiden Stammgäste in ihrem Scene-Lokal „Litfaß“ bestimmt schon seit zwanzig Jahren, gefühlt seit einer Ewigkeit. Beide verteidigten ihre Stammplätze an der Theke seit eben so langer Zeit durch dafür notwendiges frühes Erscheinen und nie gingen sie zusammen aufs Klo. Rauchen taten sie schon länger nicht, so dass sie weder in Heidis gemütlichen Raucherraum oben, noch vor die Türe gehen mussten. Dreimal in der Woche kamen sie. Auch dies seit Jahren.
Sie wusste dass Günter, der stets links sitzende, verheiratet war wie sein Kumpel Hans-Georg neben ihm aber im Gegensatz zu dem drei Kinder stattdessen zwei hatte. Günter war in der Stadt bekannt als erfolgreicher Web-Designer und Werbeprofi, sein Kumpel war Geologe und reiste für eine nach mehreren Übernahmen und Krisen mittlerweile französische Firma in der Welt herum auf der Suche nach fossilen Brennstoffen. Diese Abwesenheiten führten zu einsamen Sitzungen von Günter an der Theke. Er blieb dann nicht so lange.
Meist war es Günter der sprach. So auch an diesem Abend.
„Weißt Du, eigentlich ist ja alles nichts, fast nichts.“
„Ja!“
„Rein gar nichts, weißt Du. Andererseits ist aber auch Alles alles, fast alles, jedenfalls mehr als nichts.“
„Ja!“
„Wie in dem Moment beim Aufwachen nach einem Traum, weißt Du, irgendwie war gerade noch alles real, was im Traum war, dann aber ist das alles plötzlich genau so nichts und der Tag wird real, es sei denn Du wachst in der Nacht auf. Dann ist plötzlich nur noch diese scheiß Nacht real.“
„Ja!“
„Der Traum ist einerseits nur noch nichts. Aber im Traum ist alles genau so real und auf jeden Fall viel mehr als nichts. Weißt Du. Und vom Nichts, also vom Traum, geht nichts rüber und vom Tag alles, in den Traum geht alles. Rein, meine ich, weißt Du, alles, obwohl nichts davon bleibt. So wird Alles zum Nichts und das Nichts wird Alles. “
„Ja, trinken wir noch‘n Bier?“
„Ja. Das ist mehr als nichts.“
„Auf jeden …!“
In dem Moment rutschte Hans-Georg, als er sich am rechten Bein kratzen wollte, unglücklich vom Hocker und konnte sich im Fallen gerade noch rechtzeitig mit der rechten Hand auffangen.
Günter half ihm hoch.
„Ist was?“
„Nee, nichts. Es ist nichts.“
„Wie kam’s?“
„Einfach so. Irgendwie. Prost aufn Schost!“
„Jupp, Prost aufn Schost!“
Diesen Trinkspruch hatten sie vor Jahren für sich selbst kreiert, als sie noch Cognac dazu tranken und dabei vom Aufstieg träumten.
„Aber das hier eben war was, oder?“
„Nee, war nichts. Bin abgerutscht. Die Hocker sind auch zu glatt. Wahrscheinlich gebohnert.“
„Ja, es wird überhaupt zu viel gebohnert heut zu Tage.“
„Ja!“ Erst lachte Hans-Georg und dann auch Günter.
„Habt ihr einen guten Witz?“ Heidi war neugierig geworden. Lachen taten die beiden selten.
„Nee, nichts, nur so.“
„Ja, nur so, nichts, kein Witz.“
„Ach so, und warum lacht Ihr beiden?“
„Nur so. Warum nicht?“
„Ja, warum auch nicht.“
„Auf jeden ist oft alles alles und leider nichts nichts. Dazwischen hängen wir rum wie blöd, als wären auch wir mehr nichts als alles. Geht Dir doch auch so.“
 „Ja!“
Heidi sah ein, dass da nichts zu holen war und wendete sich wieder ihren anderen Gästen zu.
„Letzte Runde?“
„Letzte Runde!“
„Und bei Dir?“
„Ja, wie immer halt, nichts.“
„Du sagst es.“
Wenig später zahlten und gingen sie. Vor der Tür sahen beide in den schmalen Streifen Himmel hoch, den die Straßenschlucht ihren Blicken frei gab.
„Das da ist wirklich alles“
„Ja, absolut.“
„Und doch das große Nichts in dem alles verschwindet.“
„Ja, schwarze Löcher warten da auf uns.“
„Ja, bis dahin, Tschüss!“
„Tschüss“
Sie wohnten in entgegengesetzter Richtung und so trennten sie sich, während der Mond vorsichtig hinter einer Wolke hervorkam, als hätte er auf das Verschwinden der beiden gewartet.

Dienstag, 24. September 2013

Dessen Griesgrämigkeit























Da war ein Nachbar, der hatte jedes Jahr das aktuellste Modell der in dem Jahr am höchsten gelobten Automarke vor seinem Carport stehen.
Zu dem kam eines Tages im Frühling eine sehr hübsche und sehr junge Frau. Die hat ihm den Garten neu bepflanzt, die Büsche geschnitten, frischen Rasen gesät, das Herz rasiert und die Betten frisch bezogen.
Sie blieb auch bei ihm im Sommer, den Rasen zu mähen, die Blumen zu pflücken, die Gardinen frisch gewaschen auf zu hängen, ihm das Herz sorgfältig zu zerschneiden und die Betten frisch zu beziehen.
Im Herbst blieb sie ebenfalls, die Äpfel zu ernten, die Pflaumen, die Beeren, ihm die Stücke vom Herzen einzeln zu zertrampeln und, wir ahnen es schon, die Betten frisch zu beziehen.
Bevor sie nach dem folgenden Winter ihn verließ lackierte sie noch einen Rodelschlitten neu, schmückte den Tannenbaum, fror  Obst und Gemüse aus dem Herbst und seine Herzstücke ein und, nein nicht was wir denken, überließ die Betten Frau Holle.
Seitdem kam zu ihm eine Putzfrau, für den Garten ein „alles-ums-Haus-Dienst“, sein Herz reparierte ein Facharzt und in die Betten nahm er nun jahraus jahrein eine Frau mit, nicht so hübsch, nicht so jung aber stets im gebührendem Abstand zu seinem Herzen.
„Er wechselte weiter seine Autos wie wir unsere Hemden“, sagte Mutter. Und wunderte sich laut über dessen Griesgrämigkeit. „Wenn es uns so gut ginge wie dem, sähen wir aber anders aus“, meinte sie und wir nickten brav, aßen ihr Essen.

Und da er noch nicht gestorben ist, trotz geflicktem Herzen, wechselt er immer noch jedes Jahr sein Auto aus und schaut griesgrämig über den Gartenzaun oder in den Himmel nach den Sternen oder den Wolken. Bei Sonnenschein aber kommt er seit der jungen Frau nicht mehr aus seinem Haus.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Neue Messer



Sein Fahrrad surrt, während er bedächtig in die Pedale tritt, mit ihm an den neuen, jedes für sich stehenden, Einfamilienhäusern in rot und weiß vorbeifährt bis zu der Abzweigung in die Sackgasse mit den blassrot verklinkerten Doppelhaushälften einer etwas älteren Generation. 
Dort steigt er ab, wie jedes Mal, schiebt die letzten Meter, macht es seit damals, weiß warum und auch wieder nicht, denkt schon lange nicht mehr darüber nach.
Das fünfte Haus lässt ihn stoppen, das Rad zwischen den Stauden für den Frühling zur Garagentür schieben, nimmt den kleinen Drücker aus der Tasche, lässt das Garagentor langsam mittels der Elektronik aufgleiten, schiebt sein Rad hinein, stellt es neben dem Rasenmäher ab. Bleibt einen Moment lang stehen. Sieht zu dem rot-grünen Gartenschlauch, der sich quer über den grauen Garagenboden schlängelt, bückt sich, wickelt ihn über seinem rechten Arm auf und hängt ihn zurück an die Schlauchhalterung neben dem Waschbecken. Bleibt wieder stehen, lauscht, atmet etwas kräftiger und langsamer, genießt den Moment, schließt sogar die Augen dafür, öffnet sie wieder und dreht sich um, zurück zum Tor. 
Er verlässt die Garage mit langsamen Schritten, nutzt wieder die Elektronik für das Schließen und geht zur Haustür. Dort, unter dem kleinen, weiß gestrichenen Holzvordach, sucht er den Schlüssel in seiner Jackentasche, der hier zur Zeit üblichen Jacke eines bekannten Herstellers von Outdoorbekleidung für Camper, Wanderer und Bergsteiger, findet den Schlüssel, steckt ihn ins Schloss, dreht ihn um, wird am Öffnen der Tür aber durch die Frau gehindert, die bereits die Tür aufreißt.
„Warum klingelst Du nicht einfach. Du weißt doch, dass ich zu Hause bin.“
„Warum, ich kann doch selber die Tür öffnen und wollte Dich nicht hochjagen.“
„Wieso hochjagen? Meinst Du ich liege faul auf der Couch, während Du an Deinem Schreibtisch sitzt?“
Er sagt nichts weiter, wartet bis sie ihm eine Lücke zum Vorbeigehen lässt, schließt hinter sich die Tür zu und zieht seine Jacke aus, hängt sie auf den Kleiderbügel neben die Jacke seiner Frau, vom gleichen Hersteller mit dem gleichen Logo am Kragen wie die seine.
„Kannst Du die Teller eindecken und was zu Trinken aus dem Vorratsraum holen!“
Er nickt obwohl sie es gar nicht sehen kann, denn sie ist bereits in der Küche, wendet sich vor der Garderobe zur Vorratskammer, holt eine Flasche Mineralwasser und eine kleine Flasche Vitaminsaft, geht damit zur Küche.
„Vitaminsaft steht hier noch. Mach nicht schon wieder eine auf. Ich hasse abgestandenen Vitaminsaft!“
Er nickt wieder, stellt beide Flaschen ab und bückt sich zu den Schranktüren unterhalb ihrer Arbeitsplatte, wie sie die Fläche stolz nennt.
„Ich brauche neue Messer! Die sind schon wieder alle stumpf!“
„Warum, die hast Du doch erst vor ein paar Wochen gekauft!“
„Trotzdem. Taugen nichts mehr. Alles billig, billig!“
„Warum nimmst Du dann nicht unsere Alten, lässt die schärfen? Nur fünf Häuser weiter wohnt doch Lohmann, der macht das für alle hier.“
„Wir sind nicht alle!“
Er öffnet den Unterschrank, nimmt zwei Teller heraus, schließt die Türen und stellt die Teller zu den Flaschen.
„Hast Du das Garagentor wieder geschlossen?“
„Ja!“
„Neulich hast Du es aber vergessen! Willst Du nicht lieber nochmal nachsehen!“
„Ja, neulich. Heute aber nicht.“
„Oder soll ich eben nachsehen?“
„Nein, mache ich schon.“
Er dreht sich zur Tür herum, geht durch den Flur zurück zur Haustür, öffnet sie, geht hinaus.
„Mach die Tür zu, es zieht, Herrgott!“
Er hört es nicht mehr, nicht genau genug jedenfalls, geht weiter, überprüft das Tor, geht zurück, durch die Haustür, schließt sie, kehrt zurück in die Küche.
„Hast Du die Haustür auch zu gemacht?“
„Ja, habe ich.“
Er tritt neben sie, die dort Tomaten mit einem kleinen weißstieligen Messer zu schneiden versucht, während er an den Besteckkasten will.
„Siehst Du, wie unscharf es ist?“
Sie hält es ihm vor das Gesicht. Er kann auf dem Plastikgriff die Spuren von den Reinigungsangriffen der Spülmaschine sehen und die fast hauchdünne Klinge, die sich bei kleinster Berührung biegen lässt.
„Billig“, sagt er und zieht den Besteckkasten auf. „Hier, “ sagt er, „hier sind doch noch jede Menge andere.“
„Ja, aber gleich stumpf.“
„Warum wirfst Du dann diese billigen Dinger nicht einfach weg? Schafft doch auch Platz!“
„Du willst doch nicht, dass wir dauernd alles wegwerfen! Deine Worte! Da traue ich mich schon gar nicht.“
„Ich will nicht, dass wir billigen Schrott kaufen und wegwerfen müssen.“
„Deine angeblich so guten Messer zu Weihnachten vor fünf Jahren sind aber genau so stumpf wie hier die Billigen.“
„Dafür kann man sie schärfen lassen. Bei Lohmann. Dann halten die Jahrzehnte.“
„Hauptsache, Du hast recht und das letzte Wort!“
Er holt langsam alle Schälmesser heraus, legt sie nebeneinander auf die Platte vor den Senseo-Automat.
„Zwölf Stück und alle stumpf?“
„Ja!“
Sie hat die Tomaten fertig geschnitten und stellt sie neben die Teller auf den Küchentisch.
„Ich dachte, Du würdest den Wohnzimmertisch eindecken!“
„Ich bin dabei, wie Du siehst.“
„Was hast Du mit den Messern vor?“
„Ich hänge sie zu den anderen Utensilien an das Gerippe im Garten.“
„Du mit Deinem angeblichen Kunstwerk. Man muss sich ja schon schämen, wenn Besuch kommt.“
„Kommt ja keiner.“
„Nein, Gott sei Dank!“
„Du lädst ja lieber immer in eine Gaststätte ein und ich muss es auch tun.“
„Wundert Dich das wirklich? Außerdem, Mal wird man sich doch noch was leisten können! Ich habe auch nicht ewig Lust hier in der Küche die Gastgeberin zu spielen mit Kochen, Putzen, hinterher abwaschen und euren Dreck wegräumen.“
„Wieso Euren Dreck?“
„Ja, Ihr macht doch immer Dreck, tretet vom Garten alles ins Haus, krümelt rum, kleckert mit dem Bier. Richtig unappetitlich sowas!“
„Manchmal denke ich, wir hätten nach ihrem Tod doch noch mal mit Kindern starten sollen, neu anfangen, ja, ich denke, das wäre gut für uns gewesen.“
„Wieso das jetzt wieder? Wir wollten beide nicht, damals, hörst Du, beide … wollten … wir … das nicht!“
„Ja.“
Er nimmt die Teller, die Flasche mit dem Mineralwasser und trägt alles in die Wohnstube.
„Du hast wieder das Besteck vergessen!“
„Hole ich gleich!“
Er stellt alles auf die Kommode, zieht eine Schublade auf, holt vier Tischsets heraus und legt sie auf den Tisch. Nimmt die Fernbedienung, die dort einsam liegt, in die Hand, drückt den Fernseher an, sucht ein Programm.
„Aber keinen Krimi!“
Er nickt und hält den Sendersuchlauf bei einer Dokumentation über die NS-Zeit an, „Hitlers Henker“, sieht amerikanische Aufnahmen nach der Befreiung von Auschwitz, holt die Teller und setzt sie behutsam auf die Sets, stellt die Mineralwasserflasche auf das dritte Set neben die Tomaten, geht zur Glasvitrine, holt zwei Gläser heraus und stellt sie neben die Teller.
„Du hast wieder die Untersetzer vergessen.“
Er will sich zur Kommode zurück drehen.
„Nein, ich mach schon. Hol Du den Rest aus der Küche.“
Er nickt und geht zur Küche, holt das Brotkörbchen, stellt die Joghurts zwischen die Brotscheiben, trägt es so und zwei Teller mit Auflage in das Wohnzimmer zum Esstisch.
Sie steht dort noch immer und sieht zum Fernseher.
„Gut, dass uns das wenigstens erspart geblieben ist.“
„Ja.“
„Wir haben nur unser Baby verloren.“
„Ja.“
Er deckt zu Ende und setzt sich auf seine Seite. Sie setzt sich ihm gegenüber.
„Eigentlich geht es uns doch richtig gut dagegen.“
„Wogegen?“
„Na gegen die damals, unsere Eltern und Großeltern.“
„Ja. Dagegen geht es uns gut.“
„Was Du immer gleich hast? Natürlich geht es uns gut. Und Kinder, das sage ich Dir, sind auch nicht immer nur Spaß!“
Er blickt nach unten, runter zu seinen Füßen, sagt leise, kaum hörbar:„Vielleicht gut, dass unser Kind gestorben ist.“
„Was hast Du gesagt?!“
„Nichts, nichts habe ich gesagt. Kam aus dem Fernseher.“
Skeptisch blickt sie zu dem Flachbildschirm mit dem Aufkleber „HD“.
„Du kannst jedenfalls sagen was Du willst, uns geht es gut!“
Er nickt und nimmt sich eine Scheibe Brot.
„Und: Morgen kaufe ich neue Messer.“
„Ja. Meinetwegen.“

Donnerstag, 25. April 2013

Vor Ort




Am Rande des Städtchens roch es nach den Tierkadavern aus der Fabrik gegenüber ihrer Neubausiedlung, als er wie jeden Dienstag am Morgen um die gleiche Zeit aus dem Haus trat, den Mülleimer an die Straße zu stellen und seine Leerung ab zu warten.

Mit seinen siebzig Jahren sah er sehr fit aus, hager und schlank, hoch aufgeschossen, immer gut gekleidet, so als habe er vor, an einer Feier teil zu nehmen. Das Bekleiden gefiel ihm und so zog er sich mehrmals am Tage um, lüftete auf Bügeln, aufgehängt am großen Kleiderschrank, legte alles ordentlich am Abend zurück auf einen Stuhl, zog es genau dreimal an, nie mehr, nie weniger.

Er sah kurz zum Himmel, auf dessen hellblauer Spiegelfläche der Wind die Wolken jagte, bisweilen kam es über ihnen zu regelrechten Formel-1-Rennen, mochte er, das, wie das Land, die Leute, die warme Klinkerwelt der Stadt. Zwar kam durch den Wind kaum mal etwas Ruhe und Stille auf, dafür ließen die Wolken meist woanders ihre Last ab, was im Winter wenig Schnee bedeutete, was er schade fand, vor allem wegen der Kinder.

Schräg gegenüber sah er das bläuliche Flackern eines Computers. Am Abend sah er vom Dachfenster aus viele solcher Lichter.  Er nahm an, dass da die Kinder vor saßen und spielten. 

Sein Nachbar in der anderen Doppelhaushälfte links war heute wohl mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, denn sein Wagen stand noch vor der Tür. Etwas später würde seine Frau damit den Jungen zur Schule fahren, die Tochter von der Mutter einer Mitschülerin abgeholt werden. Die Kinder hier hatten weite Wege, dafür war das Bauland damals billig.

Das junge Pärchen von gegenüber musste wohl sehr früh raus, beide Parkplätze stets verwaist, hatte sie noch nie wegfahren sehen, wer sich wohl um das Kleinkind kümmerte, tagsüber, bisher war ihm niemand diesbezüglich aufgefallen.

Auch der Lieferwagen vom neuen Nachbarn auf der rechten Seite war bereits verschwunden.

Ihn hatte er während des Hausbaus öfter mal kurz gesprochen, meist über den Gestank der Tierkadaver und dem weichem, breiigem Geruch vom Ölwerk an manchen Tagen, hatte ihm erklärt es läge am Wind, von wo der käme und an den Containern, wo die Reste, die sie nicht verwerten konnten, hineinkämen, wenn die nicht richtig geschlossen wären, dann wäre das so mit dem Geruch, hatte ihm gegen Abrechnung Wasser und Strom überlassen, tat man hier so, aber dessen Frau bekam er kaum mal zu Gesicht, sie grüßte aber jedes Mal überaus freundlich, wenn er sie denn mal hier antraf.

Traute sich wohl noch nicht so richtig raus mit dem Baby.

Weiß und kantig hatten sie ihr Haus zwischen die überwiegend mit rotem Klinker bekleideten Doppelhaushälften gesetzt, allein, mit hoher Mauer und schon am Tag runtergelassenen Jalousien.

Die ersten Bewohner der Strafvollzugsanstalt in der Parallelstraße kamen mit ihren Plastiktüten auf dem Rückweg vom Supermarkt an der Bundesstraße an, sah sie wild gestikulierend  auf der anderen Straßenseite vorbei gehen, ohne dass sie ihm Beachtung schenkten. Ein Umweg, nicht groß aber ein Umweg, dachten wohl, so hielte man sie nicht für Knackis, wenn sie diesen nehmen.

Der alte Mann vom Grundstück ihres Gartens gegenüber schlurfte wie seit Jahren jeden Tag um diese Stunde und dann noch einmal gegen Spätnachmittag seine Runde „um den Pudding“, wie sie hier sagten, ging still auf seinem Gehweg direkt an ihm vorbei. Ein Rußlanddeutscher aus dem Kaukasus, vor 10, oder waren es bereits 15 Jahre, hierher gezogen mit 2 Kindern und Frau, nun schon länger allein in dem großen Haus.

Wie immer grüßte der mit einem Kopfnicken und einem verhalten freundlichem Lächeln. Gesprochen hatten sie noch nie miteinander. Ob seine Frau gestorben war, die Kinder im Streit geflüchtet, oder die Frau auch oder alle bei einem Unfall getötet?
Er wusste es nicht. Was wusste man schon hier, nichts Genaues jedenfalls. Das war sicher.

Auf jeden Fall war das hier eher Tagesordnung als Ausnahme, geschah ja öfter auf dem Land, vor allem die Jungen unterschätzten die Kurven und ihr Fahrerkönnen. So war ihm seine Familie abhanden gekommen damals, vor Jahren, auf der Umgehungsstraße. Der Verursacher war gleichfalls gestorben, in seinem Auto verbrannt. So konnte er keinen Groll gegen ihn pflegen, hatte sogar eine Beileidskarte an dessen Familie geschickt, jedoch niemanden davon erzählt, fühlte, dass das wohl besser so wäre. Leben hat seine Zeit, Trauer die ihre, dachte er. Irgendwie geht alles Mal vorbei.

Wo der neue Nachbar gebaut hatte war das Grundstück der Bauersfamilie, denen einst das ganze Land der Siedlung gehört hatte. Das Geld für den Verkauf hatte sie nur reich, nicht glücklich gemacht. Drei Kinder und der Vater begingen Selbstmord, alle mit Strick an der Decke im Stall. Ihr großer Hund kläffte laut und andauernd in seinem Stall, sehr zu ihrem Ärger, damals lebten noch alle hier im Haus, kam dann weg nach dem letzten Selbstmord und das Grundstück vergammelte, wurde am Ende sogar versteigert und die alte Frau, einzige Überlebende, verließ bis zu ihrem zwangsweisen Auszug nie mehr das Haus. Das Geld soll durch Unerfahrenheit verloren gegangen sein mit Investmentpapieren. Auch nicht schön, dachte er.

Ihm konnte es heute egal sein. Der Müllwagen war pünktlich Von der Tür aus sah er zu, wie der seinen Eimer mit zwei Greifarmen kurz hochhob, ankippte, etwas rüttelte und wieder absetzte. Er ging zu seinem Eimer hin, sah nach, ob er auch wirklich leer war, war er immer, rollte ihn zurück an seinen Stammplatz.

Die anderen Mülleimer erhoben sich weiter wie schwarze Pestbeulen unregelmäßig angereiht aus den Bordsteinen, mussten so bis zum Feierabend ihrer Besitzer ausharren.

Jetzt brauchte auch er nur noch zu warten. Manchmal geschah es, dass etwas geschah. Solange tat er eben, was man hier tat, grüßte wen man grüßte, überlebte, das irgendwie, immerhin etwas.