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Dienstag, 4. Februar 2014

Eingesiedelt


unsere Straße ist friedlich
wir passen auf die Kinder auf
beim Ausparken
wir grüßen uns
nehmen die Pakete an
stecken Karten
zur Kommunion

unsere Schornsteine
sind harmlos
unsere Vorgärten
jahreszeitlich gepflegt
wie die Nachbarschaft

soweit alles in Ordnung
auch die Mülltonnen
werden zurückgestellt
Hundekot mit Schutzhandschuhen
aufgesammelt

insgesamt gut aufgestellt
kennen ein paar Namen
alle Gesichter
alle Automarken
immer mehr
das Schreien der Kinder
deren Häuser
das Rufen der Eltern
deren Hunde, deren Katzen

pendeln wir hier zufrieden
ein und aus
organisieren Straßenfeste
einmal im Jahr
stets in der Hoffnung
dass danach
keiner an unserer Haustüre klingelt

froh, wenn Krankenwagensirenen
vor den anderen Häusern ersterben

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Freitag, 15. November 2013

Weit weg von uns


Alle im Dorf nannten die beiden seit ewigen Zeiten Pat und Patachon, nach alten Stummfilmchen im Fernsehen. Wie sie richtig hießen wusste hier kein Mensch mehr, vielleicht noch der Pastor, der hier alle 14 Tage die Messe las.
Ihr Dorf war eigentlich gar kein Dorf, denn der einzige Bauernhof war der von Pat und Patachon und die und deren Eltern hatten den Leuten aus der Stadt die Felder verkauft für ihre hübschen Häuschen und Gärten. So war mit der Zeit eine Siedlung gewachsen, die heute sich Dorf nennen durfte mit Dorfbürgermeister, neuer Dorfkirche und Dorfkindergarten in dem alten Bauerngarten. Alle Straßen wurden abends großzügig beleuchtet, die Kanalisation war perfekt und sie hatten sogar schnellen Internetzugang. Das Dorf hatte den Namen „Heimlingen“ erhalten, womit auch alle recht zufrieden waren. Was ihnen nun noch fehlte war eine eigene Dorfschule.
Pat und Patachon hatten viel Geld für den Ausbau der Kirche und den Kindergarten gespendet, ansonsten aber mit dem vielen Geld von den Verkäufen nichts anfangen können. Dafür hatte der Filialleiter der Sparkasse ein paar Ideen gehabt. Nicht alle waren gut gewesen und so blieb den Beiden nicht viel von ihrem Vermögen. Ihnen war es recht, mussten sie sich so keine weiteren Gedanken über das Geld machen. Sie gingen viel lieber Arbeiten, da sie aber nichts gelernt hatten konnten sie nicht in der Stadt arbeiten an Arbeitsplätzen wie ihre Dorfbewohner. Dafür pflegten sie deren Gärten, führten in den Häusern kleinere Reparaturen aus und halfen auch bei den Neubauten als Handlanger.
Eines Tages aber, zur Mittagszeit, rannte ein kleines Mädchen schreiend durch das Dorf, lief die geraden Straßen kreuz und quer, fand nicht sein Elternhaus, da die Straßen doch recht ähnlich aussahen. Schließlich lief es Pat und Patachon in die Arme. Obwohl es noch mehr schrie, trugen diese das Mädchen in ihr Bauernhaus und bald schon war nichts mehr von dem Mädchen zu hören.
Die Dorfbewohner, die gerade frei hatten oder zu Hause geblieben waren, weil sie eine Krankheit hatten oder der Arzt sie einfach mal krankgeschrieben hatte, hörten das Schreien des Kindes zwar, dachten sich aber nichts dabei und sahen auch nicht auf der Straße nach. Kinder schrien nun mal.
Ein paar Wochen darauf lief ein anderes Kind schreiend durch die Straßen. Diesmal kamen einige Anwohner vor die Tür, weil sie sich in ihrem Mittagsschläfchen gestört fühlten. Zwei Männer hatten sogar ihre Luftgewehre aus dem Schützenverein unter dem Arm. Eine ältere Frau schließlich fing das Mädchen ein und nahm es zu sich nach Hause. Dort berichtete das Mädchen so Ungeheuerliches, dass die Alte vor Schreck es zuerst nicht glauben mochte. Dann aber handelte sie energisch. Sie rief die Polizei an und berichtete, was das Mädchen erzählt hatte. Die Polizei reagierte sofort, fuhr mit mehreren Polizeiwagen und dem SEK auf den Hof von Pat und Patachon und durchsuchte das Bauernhaus. Pat und Patachon verfrachteten sie in das Gefängnis der Stadt.
Den Polizisten gelang es zwölf kleine Kinder aus den alten Ställen zu befreien. Das Dorf erfuhr davon noch am gleichen Tag, da die Polizisten sich im Dorf auf die Suche nach möglichen Eltern machten. Zuerst waren sie nicht sehr hoffnungsvoll, da es keine Vermisstenanzeigen gab aus dem Dorf. Dann aber meldeten sich doch mehr und mehr verstörte Eltern, die ihre Kinder nicht in deren Kinderzimmer und vor den Computern gefunden hatten und nun sehr in Sorge waren. Mit der Zeit meldeten sich so viele Eltern, dass mehr Kinder vermisst wurden als die Polizisten gefunden hatten. Aufgrund von Hinweisen der Kinder begann daraufhin eine große Grabungsaktion rund um das Bauernhaus. Auf diese Weise fanden die Polizisten auch den Rest der Kinder und bald schon hatten sie alle zu den Eltern zugeordnet, was aber nicht einfach war. Die Eltern konnten sich nur ungenau an das Aussehen erinnern. Aber Dank Gen-Tests war das keine große Hürde für die Polizei.
Das Dorf war nun entsetzt über Pat und Patachon und deren Verbrechen und viele meinten, denen noch nie getraut zu haben, zwei Männern ganz ohne Frauen.
Die Polizei versuchte in den Vernehmungen der Eltern heraus zu finden, warum sie die Kinder nicht vermisst hatten. Aber alle fragten nur ihrerseits: „Wann denn? Warum denn? Die hatten doch alles, Zimmer, Essen im Kühlschrank, Mikrowelle, Spielsachen, Computer, Spielconsole, einfach alles und dazu jede Menge an Freiheit!“
Der Bürgermeister seinerseits verbrauchte viel Kraft um die Polizei dazu zu bewegen, die Fragen sein und sein Dorf wieder in Ruhe zu lassen. Es sei doch nicht viel passiert, die Täter gefasst, alle könnten wieder ruhig schlafen, also was wolle man noch.

Das Dorf liegt sehr weit entfernt von hier und nur so ist es mir erklärbar, was dort geschah. Bei uns unvorstellbar, so etwas. Als wenn unsere Eltern nicht mehr wüssten, was ihre Kinder treiben.
Was die beiden Täter zu den scheußlichen Verbrechen getrieben und was sie mit den Kindern angestellt haben? Besser, Sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, liebe Leser, glauben sie mir. Sie wollen das gar nicht wissen, es würde sie verfolgen bis an ihr Lebensende, jede Nacht.
Seien wir lieber froh, dass es so weit weg von uns geschah und kümmern wir uns lieber um unsere Kinder.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Neue Messer



Sein Fahrrad surrt, während er bedächtig in die Pedale tritt, mit ihm an den neuen, jedes für sich stehenden, Einfamilienhäusern in rot und weiß vorbeifährt bis zu der Abzweigung in die Sackgasse mit den blassrot verklinkerten Doppelhaushälften einer etwas älteren Generation. 
Dort steigt er ab, wie jedes Mal, schiebt die letzten Meter, macht es seit damals, weiß warum und auch wieder nicht, denkt schon lange nicht mehr darüber nach.
Das fünfte Haus lässt ihn stoppen, das Rad zwischen den Stauden für den Frühling zur Garagentür schieben, nimmt den kleinen Drücker aus der Tasche, lässt das Garagentor langsam mittels der Elektronik aufgleiten, schiebt sein Rad hinein, stellt es neben dem Rasenmäher ab. Bleibt einen Moment lang stehen. Sieht zu dem rot-grünen Gartenschlauch, der sich quer über den grauen Garagenboden schlängelt, bückt sich, wickelt ihn über seinem rechten Arm auf und hängt ihn zurück an die Schlauchhalterung neben dem Waschbecken. Bleibt wieder stehen, lauscht, atmet etwas kräftiger und langsamer, genießt den Moment, schließt sogar die Augen dafür, öffnet sie wieder und dreht sich um, zurück zum Tor. 
Er verlässt die Garage mit langsamen Schritten, nutzt wieder die Elektronik für das Schließen und geht zur Haustür. Dort, unter dem kleinen, weiß gestrichenen Holzvordach, sucht er den Schlüssel in seiner Jackentasche, der hier zur Zeit üblichen Jacke eines bekannten Herstellers von Outdoorbekleidung für Camper, Wanderer und Bergsteiger, findet den Schlüssel, steckt ihn ins Schloss, dreht ihn um, wird am Öffnen der Tür aber durch die Frau gehindert, die bereits die Tür aufreißt.
„Warum klingelst Du nicht einfach. Du weißt doch, dass ich zu Hause bin.“
„Warum, ich kann doch selber die Tür öffnen und wollte Dich nicht hochjagen.“
„Wieso hochjagen? Meinst Du ich liege faul auf der Couch, während Du an Deinem Schreibtisch sitzt?“
Er sagt nichts weiter, wartet bis sie ihm eine Lücke zum Vorbeigehen lässt, schließt hinter sich die Tür zu und zieht seine Jacke aus, hängt sie auf den Kleiderbügel neben die Jacke seiner Frau, vom gleichen Hersteller mit dem gleichen Logo am Kragen wie die seine.
„Kannst Du die Teller eindecken und was zu Trinken aus dem Vorratsraum holen!“
Er nickt obwohl sie es gar nicht sehen kann, denn sie ist bereits in der Küche, wendet sich vor der Garderobe zur Vorratskammer, holt eine Flasche Mineralwasser und eine kleine Flasche Vitaminsaft, geht damit zur Küche.
„Vitaminsaft steht hier noch. Mach nicht schon wieder eine auf. Ich hasse abgestandenen Vitaminsaft!“
Er nickt wieder, stellt beide Flaschen ab und bückt sich zu den Schranktüren unterhalb ihrer Arbeitsplatte, wie sie die Fläche stolz nennt.
„Ich brauche neue Messer! Die sind schon wieder alle stumpf!“
„Warum, die hast Du doch erst vor ein paar Wochen gekauft!“
„Trotzdem. Taugen nichts mehr. Alles billig, billig!“
„Warum nimmst Du dann nicht unsere Alten, lässt die schärfen? Nur fünf Häuser weiter wohnt doch Lohmann, der macht das für alle hier.“
„Wir sind nicht alle!“
Er öffnet den Unterschrank, nimmt zwei Teller heraus, schließt die Türen und stellt die Teller zu den Flaschen.
„Hast Du das Garagentor wieder geschlossen?“
„Ja!“
„Neulich hast Du es aber vergessen! Willst Du nicht lieber nochmal nachsehen!“
„Ja, neulich. Heute aber nicht.“
„Oder soll ich eben nachsehen?“
„Nein, mache ich schon.“
Er dreht sich zur Tür herum, geht durch den Flur zurück zur Haustür, öffnet sie, geht hinaus.
„Mach die Tür zu, es zieht, Herrgott!“
Er hört es nicht mehr, nicht genau genug jedenfalls, geht weiter, überprüft das Tor, geht zurück, durch die Haustür, schließt sie, kehrt zurück in die Küche.
„Hast Du die Haustür auch zu gemacht?“
„Ja, habe ich.“
Er tritt neben sie, die dort Tomaten mit einem kleinen weißstieligen Messer zu schneiden versucht, während er an den Besteckkasten will.
„Siehst Du, wie unscharf es ist?“
Sie hält es ihm vor das Gesicht. Er kann auf dem Plastikgriff die Spuren von den Reinigungsangriffen der Spülmaschine sehen und die fast hauchdünne Klinge, die sich bei kleinster Berührung biegen lässt.
„Billig“, sagt er und zieht den Besteckkasten auf. „Hier, “ sagt er, „hier sind doch noch jede Menge andere.“
„Ja, aber gleich stumpf.“
„Warum wirfst Du dann diese billigen Dinger nicht einfach weg? Schafft doch auch Platz!“
„Du willst doch nicht, dass wir dauernd alles wegwerfen! Deine Worte! Da traue ich mich schon gar nicht.“
„Ich will nicht, dass wir billigen Schrott kaufen und wegwerfen müssen.“
„Deine angeblich so guten Messer zu Weihnachten vor fünf Jahren sind aber genau so stumpf wie hier die Billigen.“
„Dafür kann man sie schärfen lassen. Bei Lohmann. Dann halten die Jahrzehnte.“
„Hauptsache, Du hast recht und das letzte Wort!“
Er holt langsam alle Schälmesser heraus, legt sie nebeneinander auf die Platte vor den Senseo-Automat.
„Zwölf Stück und alle stumpf?“
„Ja!“
Sie hat die Tomaten fertig geschnitten und stellt sie neben die Teller auf den Küchentisch.
„Ich dachte, Du würdest den Wohnzimmertisch eindecken!“
„Ich bin dabei, wie Du siehst.“
„Was hast Du mit den Messern vor?“
„Ich hänge sie zu den anderen Utensilien an das Gerippe im Garten.“
„Du mit Deinem angeblichen Kunstwerk. Man muss sich ja schon schämen, wenn Besuch kommt.“
„Kommt ja keiner.“
„Nein, Gott sei Dank!“
„Du lädst ja lieber immer in eine Gaststätte ein und ich muss es auch tun.“
„Wundert Dich das wirklich? Außerdem, Mal wird man sich doch noch was leisten können! Ich habe auch nicht ewig Lust hier in der Küche die Gastgeberin zu spielen mit Kochen, Putzen, hinterher abwaschen und euren Dreck wegräumen.“
„Wieso Euren Dreck?“
„Ja, Ihr macht doch immer Dreck, tretet vom Garten alles ins Haus, krümelt rum, kleckert mit dem Bier. Richtig unappetitlich sowas!“
„Manchmal denke ich, wir hätten nach ihrem Tod doch noch mal mit Kindern starten sollen, neu anfangen, ja, ich denke, das wäre gut für uns gewesen.“
„Wieso das jetzt wieder? Wir wollten beide nicht, damals, hörst Du, beide … wollten … wir … das nicht!“
„Ja.“
Er nimmt die Teller, die Flasche mit dem Mineralwasser und trägt alles in die Wohnstube.
„Du hast wieder das Besteck vergessen!“
„Hole ich gleich!“
Er stellt alles auf die Kommode, zieht eine Schublade auf, holt vier Tischsets heraus und legt sie auf den Tisch. Nimmt die Fernbedienung, die dort einsam liegt, in die Hand, drückt den Fernseher an, sucht ein Programm.
„Aber keinen Krimi!“
Er nickt und hält den Sendersuchlauf bei einer Dokumentation über die NS-Zeit an, „Hitlers Henker“, sieht amerikanische Aufnahmen nach der Befreiung von Auschwitz, holt die Teller und setzt sie behutsam auf die Sets, stellt die Mineralwasserflasche auf das dritte Set neben die Tomaten, geht zur Glasvitrine, holt zwei Gläser heraus und stellt sie neben die Teller.
„Du hast wieder die Untersetzer vergessen.“
Er will sich zur Kommode zurück drehen.
„Nein, ich mach schon. Hol Du den Rest aus der Küche.“
Er nickt und geht zur Küche, holt das Brotkörbchen, stellt die Joghurts zwischen die Brotscheiben, trägt es so und zwei Teller mit Auflage in das Wohnzimmer zum Esstisch.
Sie steht dort noch immer und sieht zum Fernseher.
„Gut, dass uns das wenigstens erspart geblieben ist.“
„Ja.“
„Wir haben nur unser Baby verloren.“
„Ja.“
Er deckt zu Ende und setzt sich auf seine Seite. Sie setzt sich ihm gegenüber.
„Eigentlich geht es uns doch richtig gut dagegen.“
„Wogegen?“
„Na gegen die damals, unsere Eltern und Großeltern.“
„Ja. Dagegen geht es uns gut.“
„Was Du immer gleich hast? Natürlich geht es uns gut. Und Kinder, das sage ich Dir, sind auch nicht immer nur Spaß!“
Er blickt nach unten, runter zu seinen Füßen, sagt leise, kaum hörbar:„Vielleicht gut, dass unser Kind gestorben ist.“
„Was hast Du gesagt?!“
„Nichts, nichts habe ich gesagt. Kam aus dem Fernseher.“
Skeptisch blickt sie zu dem Flachbildschirm mit dem Aufkleber „HD“.
„Du kannst jedenfalls sagen was Du willst, uns geht es gut!“
Er nickt und nimmt sich eine Scheibe Brot.
„Und: Morgen kaufe ich neue Messer.“
„Ja. Meinetwegen.“

Donnerstag, 25. April 2013

Vor Ort




Am Rande des Städtchens roch es nach den Tierkadavern aus der Fabrik gegenüber ihrer Neubausiedlung, als er wie jeden Dienstag am Morgen um die gleiche Zeit aus dem Haus trat, den Mülleimer an die Straße zu stellen und seine Leerung ab zu warten.

Mit seinen siebzig Jahren sah er sehr fit aus, hager und schlank, hoch aufgeschossen, immer gut gekleidet, so als habe er vor, an einer Feier teil zu nehmen. Das Bekleiden gefiel ihm und so zog er sich mehrmals am Tage um, lüftete auf Bügeln, aufgehängt am großen Kleiderschrank, legte alles ordentlich am Abend zurück auf einen Stuhl, zog es genau dreimal an, nie mehr, nie weniger.

Er sah kurz zum Himmel, auf dessen hellblauer Spiegelfläche der Wind die Wolken jagte, bisweilen kam es über ihnen zu regelrechten Formel-1-Rennen, mochte er, das, wie das Land, die Leute, die warme Klinkerwelt der Stadt. Zwar kam durch den Wind kaum mal etwas Ruhe und Stille auf, dafür ließen die Wolken meist woanders ihre Last ab, was im Winter wenig Schnee bedeutete, was er schade fand, vor allem wegen der Kinder.

Schräg gegenüber sah er das bläuliche Flackern eines Computers. Am Abend sah er vom Dachfenster aus viele solcher Lichter.  Er nahm an, dass da die Kinder vor saßen und spielten. 

Sein Nachbar in der anderen Doppelhaushälfte links war heute wohl mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, denn sein Wagen stand noch vor der Tür. Etwas später würde seine Frau damit den Jungen zur Schule fahren, die Tochter von der Mutter einer Mitschülerin abgeholt werden. Die Kinder hier hatten weite Wege, dafür war das Bauland damals billig.

Das junge Pärchen von gegenüber musste wohl sehr früh raus, beide Parkplätze stets verwaist, hatte sie noch nie wegfahren sehen, wer sich wohl um das Kleinkind kümmerte, tagsüber, bisher war ihm niemand diesbezüglich aufgefallen.

Auch der Lieferwagen vom neuen Nachbarn auf der rechten Seite war bereits verschwunden.

Ihn hatte er während des Hausbaus öfter mal kurz gesprochen, meist über den Gestank der Tierkadaver und dem weichem, breiigem Geruch vom Ölwerk an manchen Tagen, hatte ihm erklärt es läge am Wind, von wo der käme und an den Containern, wo die Reste, die sie nicht verwerten konnten, hineinkämen, wenn die nicht richtig geschlossen wären, dann wäre das so mit dem Geruch, hatte ihm gegen Abrechnung Wasser und Strom überlassen, tat man hier so, aber dessen Frau bekam er kaum mal zu Gesicht, sie grüßte aber jedes Mal überaus freundlich, wenn er sie denn mal hier antraf.

Traute sich wohl noch nicht so richtig raus mit dem Baby.

Weiß und kantig hatten sie ihr Haus zwischen die überwiegend mit rotem Klinker bekleideten Doppelhaushälften gesetzt, allein, mit hoher Mauer und schon am Tag runtergelassenen Jalousien.

Die ersten Bewohner der Strafvollzugsanstalt in der Parallelstraße kamen mit ihren Plastiktüten auf dem Rückweg vom Supermarkt an der Bundesstraße an, sah sie wild gestikulierend  auf der anderen Straßenseite vorbei gehen, ohne dass sie ihm Beachtung schenkten. Ein Umweg, nicht groß aber ein Umweg, dachten wohl, so hielte man sie nicht für Knackis, wenn sie diesen nehmen.

Der alte Mann vom Grundstück ihres Gartens gegenüber schlurfte wie seit Jahren jeden Tag um diese Stunde und dann noch einmal gegen Spätnachmittag seine Runde „um den Pudding“, wie sie hier sagten, ging still auf seinem Gehweg direkt an ihm vorbei. Ein Rußlanddeutscher aus dem Kaukasus, vor 10, oder waren es bereits 15 Jahre, hierher gezogen mit 2 Kindern und Frau, nun schon länger allein in dem großen Haus.

Wie immer grüßte der mit einem Kopfnicken und einem verhalten freundlichem Lächeln. Gesprochen hatten sie noch nie miteinander. Ob seine Frau gestorben war, die Kinder im Streit geflüchtet, oder die Frau auch oder alle bei einem Unfall getötet?
Er wusste es nicht. Was wusste man schon hier, nichts Genaues jedenfalls. Das war sicher.

Auf jeden Fall war das hier eher Tagesordnung als Ausnahme, geschah ja öfter auf dem Land, vor allem die Jungen unterschätzten die Kurven und ihr Fahrerkönnen. So war ihm seine Familie abhanden gekommen damals, vor Jahren, auf der Umgehungsstraße. Der Verursacher war gleichfalls gestorben, in seinem Auto verbrannt. So konnte er keinen Groll gegen ihn pflegen, hatte sogar eine Beileidskarte an dessen Familie geschickt, jedoch niemanden davon erzählt, fühlte, dass das wohl besser so wäre. Leben hat seine Zeit, Trauer die ihre, dachte er. Irgendwie geht alles Mal vorbei.

Wo der neue Nachbar gebaut hatte war das Grundstück der Bauersfamilie, denen einst das ganze Land der Siedlung gehört hatte. Das Geld für den Verkauf hatte sie nur reich, nicht glücklich gemacht. Drei Kinder und der Vater begingen Selbstmord, alle mit Strick an der Decke im Stall. Ihr großer Hund kläffte laut und andauernd in seinem Stall, sehr zu ihrem Ärger, damals lebten noch alle hier im Haus, kam dann weg nach dem letzten Selbstmord und das Grundstück vergammelte, wurde am Ende sogar versteigert und die alte Frau, einzige Überlebende, verließ bis zu ihrem zwangsweisen Auszug nie mehr das Haus. Das Geld soll durch Unerfahrenheit verloren gegangen sein mit Investmentpapieren. Auch nicht schön, dachte er.

Ihm konnte es heute egal sein. Der Müllwagen war pünktlich Von der Tür aus sah er zu, wie der seinen Eimer mit zwei Greifarmen kurz hochhob, ankippte, etwas rüttelte und wieder absetzte. Er ging zu seinem Eimer hin, sah nach, ob er auch wirklich leer war, war er immer, rollte ihn zurück an seinen Stammplatz.

Die anderen Mülleimer erhoben sich weiter wie schwarze Pestbeulen unregelmäßig angereiht aus den Bordsteinen, mussten so bis zum Feierabend ihrer Besitzer ausharren.

Jetzt brauchte auch er nur noch zu warten. Manchmal geschah es, dass etwas geschah. Solange tat er eben, was man hier tat, grüßte wen man grüßte, überlebte, das irgendwie, immerhin etwas.