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Donnerstag, 6. Februar 2014

Im Wartestand



Vögel ziehen ein
über unseren Dächern
in dem frühlingshaften Himmel
bleiben die Laute hier unten
eher winterhart
nach Kindern wird gerufen
hörbar geskypt
Grüße mit der Hand
kribbelt in uns der Garten
in seinem Wartestand
vermissen wir sehr
was wir noch tun müssen
weniger
was wir getan

unser Alter
geht keinen hier was an
nicht was wir wählen
welche Nachrichten uns
im Schlafe quälen
warum wir welche
Abonnements bezahlen
was wir wissen
was nicht mehr wissen mögen

es heißt
es kommen neue Nachbarn
wir setzen
auf unser Bleiberecht
geschnitten die Büsche
gesägt die Bäume
füttern wir die Vögel
fegen letztes Laub

der Frühling hier
wird immer schön
bepflanzt

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014


Dienstag, 4. Februar 2014

Eingesiedelt


unsere Straße ist friedlich
wir passen auf die Kinder auf
beim Ausparken
wir grüßen uns
nehmen die Pakete an
stecken Karten
zur Kommunion

unsere Schornsteine
sind harmlos
unsere Vorgärten
jahreszeitlich gepflegt
wie die Nachbarschaft

soweit alles in Ordnung
auch die Mülltonnen
werden zurückgestellt
Hundekot mit Schutzhandschuhen
aufgesammelt

insgesamt gut aufgestellt
kennen ein paar Namen
alle Gesichter
alle Automarken
immer mehr
das Schreien der Kinder
deren Häuser
das Rufen der Eltern
deren Hunde, deren Katzen

pendeln wir hier zufrieden
ein und aus
organisieren Straßenfeste
einmal im Jahr
stets in der Hoffnung
dass danach
keiner an unserer Haustüre klingelt

froh, wenn Krankenwagensirenen
vor den anderen Häusern ersterben

(c) bild + text jörn laue-weltring lingen 2014

Donnerstag, 30. Januar 2014

Nachbarschaft 2014


wir halten heute
keine Zäune mehr
vor unserem Haus
dafür wird die Tür
stets abgeschlossen
schauen wir doch selten
auf Kissen aufgestützt
aus den Fenstern raus
nur im Schadensfall
bei Sirenen und Krankenwagen

nickend wir grüßen
erkennen wir jemanden
am Gesicht
als Nachbarn
mit Worten zurück
wenn einer von
denen uns grüßend
anspricht
die um uns herum
auch keine Zäune
mehr streichen lassen
im alten Jahresdurchschnitt

sind wir insgesamt
ganz zufrieden
in unserem Wohnumfeld
mit einmal im Jahr
Straßenfest und
Sylvesterumtrunk
stecken auch Karten
zur Konfirmation oder
Kommunion, da sind wir
ganz unvoreingenommen

haben wir so
in der Lindenstraße
gelernt, deren
Rollennamen wir leider
immer noch eher
dem Postboten nennen könnten
als die, nach denen er uns
bisweilen verlegen fragt
mit einem Paket
auf dem Arm

dafür sind hier
alle Zäune verschwunden
woran wir uns ja
auch beteiligt haben


Mittwoch, 15. Mai 2013

Abschied von der Straße



Als wir das erste Mal die Straße hinuntergingen hatte sie noch kein Licht, das heißt keine Straßenlaternen und nur wenig Glühbirnen beleuchteten innen den Abendbrottisch.

Auch waren ihre Reihen noch nicht geschlossen, wie das Gebiss eines Kindes, das die zweiten Zähne bekommt.

Und wie bei dem Kind fiel es uns kaum auf, wie die Lücken geschlossen wurden. Dann kam der Krieg und es wurde wieder dunkel, verdunkelt. Obwohl im Hafenbereich, fielen nur wenige Bomben hier auf die Häuser. Dafür umso mehr Brandbomben auf dem Kopfsteinpflaster und darin verbrannten Menschen, Nachbarn, Kollegen und Freunde. Wir trauerten zusammen, halfen uns, wo es ging, auch mit Licht.

Als wir endlich Frieden hatten und die Werften wieder aufbauen konnten, kam auch wieder Licht in die Straße. Nicht nur die Laternen brannten bis in die Nacht.

Alles wurde freundlicher, heller und neue Farben kamen an. Durch die Vorgärten, Zäune, Gardinen, Jalousien und Häuserwände, vor allem aber durch die Autos, die bald schon vor jedem Gartenzaun standen.

Über den Eingangstüren brannten Lichter und später, besonders im Advent, jede Menge Weihnachtsbeleuchtung. Hier wurde geliebt, gelebt, geboren und was unsere Generation anging, auch gestorben.

Als wir jetzt das letztemal die Straße hinuntergingen, da brannte kaum noch ein Licht und manche Häuser sahen aus, als wollten sie sich mit der Dunkelheit verkriechen. Wir waren die letzten der Alten, wie wir schon länger nur noch genannt wurden. Die Alten!

Und jetzt war auch das vorbei, die Jungen, wie wir sie nannten, waren längst in die Vororte und Dörfer der Umgebung geflüchtet. Die Werften, Lagerhäuser und Kaianlagen waren beschäftigungslos, wurden in phantasievollen Hochglanzbroschüren als Investitionsobjekte angeboten.

Dort wie hier waren die Lichter lange schon ausgegangen. Unsere Trauer sah und interessierte niemand mehr. Auch nicht das Schicksal von unseren Straßen, dies langgestreckte Stück Heimat mit ihrer intensiv gepflegten Nachbarschaft. Jetzt hieß das „Parkbuchten“, „Zufahrt“, „Nebenstraße“ und die in den einzeln stehenden Häusern der von hier Geflüchteten kannten sich so wenig wie ihre Vorgänger in den Hochhäusern der Neuen Heimat an der Autobahn.

Jetzt erinnerte die Straße uns an unser eigenes altes Gebiss. Zu oft repariert und gefüllt, der Beseitigung näher als einer neuen Füllung. Und so ließen wir unsere Straße hinter uns, Schritt für Schritt mehr in der Dunkelheit des Vergessens zurück.