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Dienstag, 29. Oktober 2013

Ein Bankenbesuch mit Folgen


Meine Frau und ich waren zeitlebens sehr vorsichtig, nicht ängstlich, aber vorsichtig. Auch waren wir nicht geizig, wenn auch sparsam, stets auf das Wohl unserer Familie bedacht und ihr Spielraum zu ermöglichen und zu erhalten.
Wir haben stets gegeben, was zu geben war und uns eingebracht in der Gemeinde und für das Land. Als es zum Beispiel hieß, unser Volk sterbe aus, haben wir uns das dritte Kind zugelegt, so dass nun, wenn wir mal nicht mehr sein sollten, immerhin ein Mensch mehr da ist wo wir zu zweit gewesen sind.
Unsere Rente haben wir privat zusätzlich abgesichert, als es hieß das wir das müssten, wollten wir im Alter nicht dem Staat zur Last fallen oder unseren drei Kindern.
Und jetzt war es soweit, dass wir in Rente gehen konnten, mit Abzügen zwar, aber unsere Firmen drängten schon länger auf unser Ausscheiden und schließlich brauchen auch die Jungen vernünftige Arbeitsplätze.
Also stimmten wir dem frühzeitigen Rentenbeginn inklusive der Abschläge auf den Rentenbetrag zu und gingen zur Bank. Der Angestellte dort hatte uns einst beraten bei der Geldanlage und so begrüßten wir uns wie nette alte Bekannte. Er bot uns Kaffee an. „Frisch gemahlen, wir haben jetzt auch eine Maschine für Kaffee mit Creme.“
Er tippte ein paar Mal auf seiner schwarzen Tastatur herum und sah etwas, was wir nicht sehen konnten, da wir auf die Rückseite seines Bildschirms blicken mussten. Das was er sah, schien ihm nicht zu gefallen. Er sah uns mit betrübten Augen an.
„Wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt etwas für Ihre Rente dazu haben wollen, ja, dann, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, sollten Sie noch einmal die gleiche Summe investieren.“
Wir sahen ihn etwas irritiert, aber noch nicht sehr beunruhigt an. Der Mann war schließlich sportlich aber nicht übertrieben bänkerisch gekleidet, so in unseren Augen sehr vertrauenswürdig, war ja außerdem im gleichen Schützen- und Sportverein wie wir und unsere Kinder.
„Das heißt?“
„Ja, ich sagte schon, es tut mir wirklich leid, aber von Ihrer Einlage ist nur noch ein Zehntel da. Sie wissen schon, der Börsencrash, die Finanzkrise, dazu die niedrigen Zinsen zurzeit.“
„Ein Zehntel?“
„Ja, und da haben sie noch Glück gehabt, dass durch unsere konservative Anlageform überhaupt noch etwas da ist.“
„Aber sie haben uns doch gesagt, wir bekämen 15% Rendite jedes Jahr?!“
„Das stimmt, bei Vertragsabschluss war es ja auch so. Aber die Zeiten! Wer hätte all das vorsehen wollen?“
„Das heißt, wir haben keinen nennenswerten Betrag, der unsere Rente ergänzt?“
„So sieht es aus, ja. Aber wenn Sie die gleiche Summe, ich meine, wir, das heißt die Bank, würden Ihnen auch entgegenkommen mit einem sehr zinsgünstigem Kredit.“
„Kredit?“
„Ja, ich meine, falls Sie diese Summe nicht zur Verfügung haben sollten.“
„Damit das Geld auch verschwindet? Halten Sie uns für verrückt?“
„Nein, natürlich nicht, ich meine, so habe ich das nicht gemeint. Haben Sie denn noch Reserven, die Sie uns zur Verfügung stellen könnten.“
Meine Frau und ich sahen uns an und verstanden nur Bahnhof.
„Ja, etwas haben wir noch, weil wir lieber zweigleisig fahren wollten. Auf unserem Sparbuch.“
„Oh, ja, ich sehe es. Aber das ist nicht klug gewesen von Ihnen, da hat sich Ihr Geld ja kaum vermehrt bei dem kleinen Zinsbetrag.“
„Wie bitte? Es ist immerhin noch da!“
„Ja, aber bedenken sie, was sich bei den Konditionen von unseren Fonds an Gewinn ergeben hätte.“
„Gewinn? Verlust meinen Sie wohl.“
„Oh, ich sehe gerade, Ihre Hypothek, die ist nicht mehr bei uns.“
Jetzt hatte er uns. Wir begriffen gar nichts mehr.
„Unsere Hypothek, die ist doch fast getilgt.“
„Ja, das schon, deswegen gilt sie ja auch als gute Hypothek und ein paar davon müssen wir mit rein geben, wenn wir unsere schlechten Kredite loswerden wollen.“
Wir baten ihn mit leiser Stimme uns das, bitte, zu erklären, was mit unserer Hypothek sei.
„Die haben wir verkauft im Paket mit anderen. Da müsste eigentlich schon Post gekommen sein. Wenn nicht, keine Sorge, die melden sich schon.“
„Warum sollten die sich melden bei uns?“
„Na wegen der Tilgung. Das Geld geht ja nun an die, nicht mehr an uns und, na ja, wegen den Konditionen, die wollen natürlich einen neuen Vertrag mit Ihnen machen, soll sich ja lohnen, der Kauf Ihrer Hypothek.“
Das Ende vom Lied: er gab sich wirklich Mühe uns begreiflich zu machen, dass wir die Restsumme auf einen Schlag zahlen müssten und die Zinsen höher seien und wir im Irrtum wären hinsichtlich der Summe, schließlich hätten wir den Hypothekbetrag nicht korrigieren lassen und so wäre der alte Betrag fällig, schließlich stände uns das ja als Hypothek zu. Wir könnten das Geld dann ja anlegen und kräftig Zinsen kassieren, immerhin 2%, was im Moment sehr hoch sei.
„Das ist ja weniger als die Inflation! Da verlieren wir ja die Zinsen für die Hypothek und mindestens 1,5% durch die Inflation, wenn sich das Geld nicht wieder verdünnisiert wie unsere Anlage.“
Von Inflation wollte er nichts hören. Er sei Betriebswirt und Inflation, das wäre Volkswirtschaft.
Wir verabschiedeten uns reichlich aufgewühlt und verwirrt von ihm, vergaßen, zugegeben, ihm zu danken und fuhren nach Hause, um dort in Ruhe in unseren sicheren vier Wänden uns das alles durch den Kopf gehen zu lassen.
Tatsächlich fanden wir im Briefkasten das angekündigte Schreiben von einem Inkassounternehmen. Uns wurde im barschen Ton mitgeteilt, dass wir den vollen Betrag innerhalb von 14 Tagen zu zahlen hätten, ansonsten würden sie unser Haus versteigern.
Der Tag war noch nicht zu Ende und so kam per Fahrradkurier auch noch Post von der Ortsverwaltung, die uns umständlich darauf hinwies, dass unsere Straße neu gebaut und die Kanalisation erneuert werden müsse, daher ergäbe sich für uns ein Betrag in Höhe von, der anteilig sei und zu berücksichtigen, dass die Hälfte der Anlieger nicht herangezogen werden könnten, da diese ja städtisch seien und so weiter.
Am Abend dieses Tages waren wir pleite, tendenziell obdachlos und auch unsere erste Idee mittels Selbstmord das alles zu einem guten Ende zu bringen, zumindest für unsere Kinder, stellte sich rasch als Trugschluss heraus, da unsere Kinder dann das Erbe ablehnen müssten, also gar nichts bekämen und davor schreckten wir dann doch zurück. Schließlich stirbt bekanntlich die Hoffnung zuletzt.
Ob wir nicht sofort einen Anwalt eingeschaltet hätten? Natürlich. Für 550 Euro hat der uns bestätigt, dass alles rechtens sei. Wir haben dann doch eine Lösung selber gefunden. Ich habe den Bankangestellten erschossen, meine Frau hat die Inkassofirma in die Luft gesprengt. Seitdem haben wir die wohltuende Sicherheit von Verpflegung und Kost bis zum Ende unserer Tage. Leider wohnen wir seitdem nicht mehr zusammen. Aber wir schreiben uns SMS und skypen jeden Tag. Unsere Rente verrechnet die Justiz mit unserem Daueraufenthalt. Es scheint, dass sich dadurch keine weiteren Schulden anhäufen. Unsere Kinder leben jetzt von Hartz IV, da sich durch unsere Schulden Arbeiten für sie nicht mehr so gut rechnet, genießen dafür das Leben in unserem Haus, vor dem schon dreimal der Gerichtsvollzieher stand um sie zu vertreiben. Bis jetzt aber ist es nicht gelungen, weil sie viele Kinder haben und die Kommune in Sorge ist, für die eine Unterkunft bezahlen zu müssen. Wir sind jedenfalls sehr gespannt, wie es weiter geht.

Donnerstag, 29. August 2013

Das Unwort



Der junge Mann konnte kaum schlafen. Die ganze Nacht rang er mit sich und dem Wort. Er hatte es in der Zeitung gelesen und auch im Fernsehen hörte er es. Es steckte in ihm und fraß ihn auf, verdeckte seine Gedanken und Gefühle wie eine klebrige, zu dick geratene Soße und schmecken tat es auch nicht.
Er kannte wie alle das Wort sein Kindertagen, ein Unwort, eines, das man nicht am Kragen haben sollte und nicht auf der Stirn oder in den Augen. Aussätzig war es schlimmer als die Aussätzigen. Verpönt war es, schlimmer als Pfurzen und Rülpsen am Tische. Und jetzt hielt man es ihm und seinesgleichen vor, bewarf sie geradezu damit.
„Neid, nur purer Neid!“ So schrieben sie, so redeten sie. Und er sah seinesgleichen dazu im Hintergrund, als Bild daneben oder im Text unüberlesbar genannt.
Und doch, es musste sich etwas ändern, war das alles ungerecht, musste etwas geschehen!
Und er wollte für sich jetzt damit anfangen, aussteigen aus dem Schweigen, dem Abnicken, dem Hinnehmen.
Trotzdem hatte er einen schweren Stand gegen das Wort und so dauerte es bis zum frühen Morgen, bis er sich zu einer Entscheidung und einer darauf aufbauenden Handlung durchringen konnte.
Er hatte zum Schluss für sich klar, dass sie das Wort als Waffe gegen ihn und die anderen einsetzten, damit ablenken wollten von dem Skandal und sie am Widerstand hindern, vor allem sollte es helfen, die, die noch nicht aufstanden, davon abzuhalten sich dem Widerstand an zu schließen.
Nach dem Aufstehen und einem schnellen Frühstück verkleidete er sich als Batmann und fuhr so mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle. Dort lehnte er das Fahrrad an den Werkzaun und schlich geduckt zum Firmenparkplatz. Bei dem Porsche seines Chefs angekommen, holte er die Sprayerfarbe raus und sprühte auf den silbrig glänzenden Lack:
„Es ist kein Neid, wenn ich hier ihren Porsche bemale! Es ist Not! Sie können sich viele Autos wie diesen leisten und wir müssen noch zum Amt, um dort Geld zu erbitten, weil ihr Lohn für unser Leben nicht reicht. Sie beschimpfen uns täglich als zu faul und zu habgierig, machen  auf unsere Kosten den dicken Matze! Weil sie uns nicht den Lohn zahlen, der uns zusteht, sind sie ein echter Sozialschmarotzer, der auf Kosten von uns Steuerzahlern im Luxus lebt. Und darum ist das hier kein Neid, das was ich geschrieben habe.“
Als er fertig war, fotografierte er das Auto mit dem Text, schlich zurück zu seinem Rad und fuhr nach Hause. Dort stellte er das Bild sofort in das Internet und wartete. Schon bald gab es viele Klicks, Likes und Kommentare. Fast alle positiv.
Es war sein freier Tag und er hatte zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, dass er wirklich frei war an diesem Tag.

(c) Bild und Text: Jörn Laue-Weltring, Lingen 2013

Aufstehen, was sonst, und das mit Gebrüll



Auf zu neuen Trompetenstößen
Fanfarengequäk und Schallmeiengebrülle
Es warten Frauen und Männer in Arbeit
Millionenfach auf gerechten Lohn, wie andere
Auf den Einstieg in Arbeit, echte Arbeit, gute Arbeit,
Die Vermieter stunden ihnen nichts mehr, denn
Das Anschreiben in Läden ist aus der Mode geraten

Auf ihr Muskeln, Kaubacken, Spruchpiraten
Es ist an der Zeit wieder Flagge zu zeigen
Worauf wollt ihr hier noch weiter warten
Lasst uns die alte Widerstandsmelodie geigen

Den Protest werft frisch verpackt auf die Tische
Sammelt alles Schweigen ein, übergebt es dem Sperrmüll
Erinnert Euch wie es einst war und wie es schmeckte
NEIN zu sagen und zum Aufstand dieses genussvolle JA
Hebt Eure Kinder wieder auf die Schultern, lest laut
Ihnen unsere Spruchbänder vor, erklärt die Parolen

Auf ihr Muskeln, Kaubacken, Spruchpiraten
Es ist an der Zeit wieder Flagge zu zeigen
Worauf wollt ihr hier noch weiter warten
Lasst uns ihnen die alte Widerstandsmelodie geigen

Nicht mehr auf Ämtern Schlange stehen, betteln
Vor die“ Tafeln“ hängt lieber Eure besten Transparente
Macht die Kreuze bei der Wahl dort, wo es sie gewaltig
Und nicht wieder Euch ins Kreuze trifft und schmerzt
Wer arbeitet, soll und muss davon leben können
Wer keine Arbeit hat, eine erhalten, keiner soll noch warten

Auf ihr Muskeln, Kaubacken, Spruchpiraten
Es ist an der Zeit wieder Flagge zu zeigen
Worauf wollt ihr hier noch weiter warten
Lasst uns die alte Widerstandsmelodie geigen

Lasst es uns ihnen mit Spaß, Witz und klarem Geist besorgen
Den Kindern als Vorbild, ihrer Zukunft die Sicherheit
Besser als jedes räuberische Bankschließfach, lasst uns
Die Zukunft in Angriff nehmen, zu unserer Zukunft
Sie machen und nicht wieder hergeben, es wird danken
Uns auch dieser Planet und alles, was durch sie schlecht lebt.

Auf ihr Muskeln, Kaubacken, Spruchpiraten
Es ist an der Zeit wieder Flagge zu zeigen
Worauf wollt ihr hier noch weiter warten
Lasst uns die alte Widerstandsmelodie geigen

Aufstehen, was sonst, und das mit Gebrüll

Sonntag, 12. Mai 2013

Bilanzierung mit Hartz-IV



wenn sich Betriebe
einen Teil der Löhne
für ihre Beschäftigten

vom Arbeitsamt oder
dem Staat bezahlen
lassen

müssten diese das nicht
in ihren Bilanzen aufführen
als Investitionen

diesen Anteil als Fremdkapital
von Arbeitsamt und
Staat ausweisen

somit anteilig auch
den Gewinn an diese
ausschütten oder sind

diese Betriebe eigentlich pleite
am Tropf gehalten vom Geld
ihrer Beschäftigten?

Mittwoch, 15. August 2007

Trauriger Fund im Netz

Stilles Entsetzen: ein ehemaliges "Vorbild" im Netz gefunden als Hartz-IV-Empfänger, samt Frau. Was ist da geschehen, den Bach runtergegangen? Immerhin: sie leben noch zusammen. Nur woanders als damals. Sie kämpfen gegen Hartz-IV, die Folgen, die Äußerungen der Politiker und Behördenvertreter. Sie kämpfen öffentlich. Unterschreiben Aufrufe und Strafanzeigen. Ist das schon Hartz-IV-mildernd? Mehr aus- oder mehr eingerichtet?
Leider kein Bild in Google gefunden. Aber warum könnte ein Bild mir helfen? Dafür ein anderes von einem, der mehr Erfolg hatte. Das Gesicht verkniffen, hart, unnahbar. Mehr Erfolg?
Aber tröstet nicht wirklich. Und wenn ich die anderen beiden gefunden hätte, lachend, freundlich, dem Betrachter mit offenen Augen zugewandt?
Da sitze ich in meinem Job, dem normalen Wahnsinn von Streß und Zukunftsangst, und würde gerne zu ihnen hinfahren, sie besuchen und betrachten. Nicht ihretwegen. Es ist zu lange her und die Beziehung zu sporadisch und oberflächlich. Nein, meinetwegen. Und wegen der Zukunft, möglicher Entscheidungen, anderer Apelle.
Stilles Entsetzen, dann Trauer. Um sie. Um uns. Um den Fehlschlag eines humanen, angstfreien Lebens. Mit Arbeit, Zielen und Lohn. Da hatten wir mit der Gesellschaft einst anderes vor. Und mit uns in ihr.
Gut sie gefunden zu haben. Dafür liebe ich das Internet. Traurig sie so gefunden zu haben. Aber vielleicht lachen sie ja doch. Kraft zum Kämpfen haben sie ja.