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Dienstag, 28. Januar 2014

Asyl



von Osten und Westen wir flohen
laufen im Kreis wir bei Euch rum
verwundet an Seelen und Sohlen
gestrandet so arm hier und krumm

flohen wir von Süden und Norden
gestrandet hier fremd und so stumm
sind wir uns heimatlos geworden
dürfen nirgendwo klagen: Warum?


(c) bild philipp weltring + text jörn Laue-weltring lingen 2014

Montag, 15. April 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 8




„Auch Hilde gewöhnte sich sehr an den schriftlichen Verkehr mit ihrem Mann und entdeckte mit der Feder ungeahnte Möglichkeiten. Sie entdeckte die Sprache der Anweisungen, lernte mehr und mehr, wie sie es zu formulieren hatte, dass er genau das tat, fühlte, so reagierte, wie sie es wollte. Sie entdeckte den Chef in sich, den Kommandeur auf neue Weise, lernte, wie sich durch Abmilderungen, leichte Schlenker mehr erreichen lässt und weniger Widerstand. Natürlich spürte sie genau, dass er sich ihr entzog, seine eigenen Gedanken hatte und die ihr nie verraten würde. Aber es wurde ihr noch mehr egal, als sie bemerkte, dass seine Gedanken und Gefühle für einen reibungslosen Ablaufs ihres Alltags auch gar nich nötig waren. Sie begriff, dass sie mit diesem Trainingsfeld mehr anfangen könnte, das erreichen, was ihr bisher durch seine Laschheit verwehrt war. Manchmal in der Nacht, da kam es ihr vor, als könne sie sogar in des Führers Fußstapfen treten, hatte sie nicht herausgefunden wie man führt ganz ohne direkte mündliche Rede, einfach so, durch Zettel.

Hätte man ihr gesagt, sie führe ja nur eine Zettelwirtschaft, wäre sie empört gewesen. Ihr schien klar vor Augen, dass das Land sie brauchte, gerade jetzt, wo sein Reich in Trümmern lag und verraten war.

Also machte sie sich auf das Feld zu finden, das ihres sein konnte und musste.

Machte sich auf ohne Blick zurück, überzeugt, ihre Zeit sei gekommen und dieser Karl könnte dabei, zumindest zu Beginn eine hilfreiche Rolle spielen. Schließlich galt nur er, nicht sie, wirklich als unbelastet. Was scherten sie die Nachbarn, die sie nicht mehr grüßten nach der Niederlage, die diese Tragödie unverschämter Weise auch noch Befreiung nannten. Den Karl hatte sie auch hinbekommen. Also was solls. Auf zu neuen Taten.

Karls Rückzug, vor allem seine Null-Gegenwehr, vom Leiterposten zerstörte ihr sich etwas entspannendes Verhältnis nach ihren neuen Ambitionen sofort wieder. Sie sah sein Verhalten als persönlichen Affront gegen ihre Pläne und dachte nur, der „faule Sack“ wolle ihr damit auf der Tasche liegen, glaube, er hätte ein Recht auf diese so miese, gescheiterte Ehe, könne sich genauso bequem in der neuen Zeit einrichten wie in der alten. Der würde sich noch umgucken, weg schießen würde sie den, sobald sie nicht mehr auf ihn und sein Einkommen angewiesen wäre.

Ihre Zettel wurden wieder schärfer, gerieten zu scharfen Kommandos, was ihn nicht daran hinderte, das zu tun, was er in seinen Kräften und durchaus für angemessen hielt. Aber er horchte, sah genau hin, fühlte sich wie in einem neuen Film, wo alle irgendwas taten und nur er sah die Zusammenhänge, konnte abwarten, sich in Ruhe wappnen gegen die nächsten Explosionen, Vergewaltigungen und Zerstörungen.

Erbost trat sie ohne ihn zu informieren in die CDU ein und beschloss, noch mehr in ihrem Entschluss bestärkt, selber Karriere zu machen, informierte ihn über nichts und lachte offen, wenn er etwas zur Politik von sich gab, in seinem nie ablassenden Willen, wieder mit ihr ins Gespräch zu kommen, über seine offensichtliche Naivität und Verlangen, es möge endlich etwas anderes besseres heraus kommen aus der Politik, als in der Vergangenheit. Der „alte Dämelak“,  der war einfach zu dumm, zumindest aus ihrer Sicht der Dinge, die neue Zeit mit ihren Möglichkeiten zu begreifen.

Von da an saßen Karl und ihre Mutter immer häufiger abends allein zu Hause und Hans Albers musste sehr oft zu ihm kommen, da halfen auch nicht seine Gespräche mit den Hobbels. Hans Albers half ihm mehr, war so zu sagen sein Kompass, nicht für Luise, aber für die Schaukel auf der er sich befand und von der er nicht wusste, auch nicht durch die Hobbels, wie er von der mal runter kommen könnte.

Im Gegenteil, sogar der blonde Hans hielt ihn auf der Schaukel fest, erklärte sie zu seinem Schicksal und meinte nur in der ihm eigenartigen Art und Weise: „Dat is so wie et kömmt, Du mien Dschung und die Schaukel, dat bleevt, frog mie nie nach dem End!“

Eines Tages kam Post: "Hiermit geben sich die Ehre mitzuteilen ..."

Das Mädchen hatte geschrieben, die mit der warmen tiefen und so jungen Stimme, hatte ihm eine Einladung geschickt. Eigentlich unter Nachbarn hier eher normal als ungewöhnlich, die Post ging noch an den Haushaltsvorstand, was in der Regel der Mann war und insoweit nicht ungewöhnlich.

Das Mädchen heiratete halt. Mehr war dazu nicht zu sagen. Aber für Hilde, die immer noch gemieden, zu nichts eingeladen wurde in der Nachbarschaft, nicht gegrüßt und von nichts informiert, einfach wie Luft behandelt, war das ein Alarmsignal. Die Karte galt ihrem Karl und der hatte noch nie eine solche Karte erhalten und vor allem nicht mit so einer Widmung: „Meinem Retter, wir würden uns besonders freuen wenn Sie mit ihrer Gattin …“.

Hilde schrieb ihrem Mann einen Monat lang keinen Zettel mehr.

Was hatte der nur mit dieser Frau gehabt und zu schaffen, deren Eltern ihr wohlbekannt waren, stadtbekannte Querdenker, nach 45 und wahrscheinlich auch schon vorher heimlich, wie diese hinterlisten Leute ja üblicherweise
sind, Rudolf Steiner Anhänger, ausgerechnet von diesem Wirrkopf mit seinen Erziehungsideen und Schulen, die plötzlich wie die Pilze sich im Umland ausbreiteten und in aller Munde waren?

War ihr Karl etwa auch schon von dieser Seuche infiziert, plante gar den Absprung dorthin. Sie wusste, „stille Wasser sind tief“ und Wasser passte genau auf Karl, still sowieso, nur was die Tiefe anbelangte war sie sich nicht so sicher.

Karl war alles egal, fast alles wenn es nur nicht seine Ruhe störte oder ihn zu neuen, eventuell Ärger bringenden Schritten zwang

Mit großen Augen sah er, wie sein Land wieder aufstieg wie Phönix aus der Asche. Auch er verdiente langsam mehr, ohne selber darum kämpfen zu müssen. Das taten die Gewerkschaften und deren Leute für ihn, regelmäßig und zu seiner Verwunderung kamen sie damit durch. Sogar mit ihren Streiks und zum Teil, für ihn jedenfalls, utopischen Forderungen. Die Hobbels sahen das meist etwas anders und versuchten ihn auf zu klären, was er in der Regel meistens auch dankbar annahm. Überhaupt waren diese Treffen inzwischen für ihn fast ein Familienersatz. Hier konnte er sich aussprechen, und Hilfe erhalten für seine doch oft wirren Gedanken. Selbst die Studierten unter ihnen hatten Geduld mit ihm und er fühlte sich stets auf Wolke sieben, wenn er sah, wie die sich alle um ihn bemühten.

Bald schon konnte er sich einen Roller leisten. Mit dem fuhr er vergnügt durch die wieder aufgebauten Straßen zur Arbeit. Holte Hilde nachts auch schon mal von einer Parteisitzung ab, auch wenn sie nur unwillig dabei hinter ihm saß und meinte, dass ein richtiges Auto doch viel besser wäre, wie es irgend ein X oder Y doch auch schon sich hätte leisten können, und die wären nur einfache Malocher im Gegensatz zu ihm. Natürlich schrieb sie das nur, auf der Fahrt sprach sie nie ein Wort, nicht beim Betreten des Hauses, nicht beim Abschied in ihre jeweiligen Betten.

Er wählte dann auch CDU, nur Mitglied wollte er erst nicht werden.  Das mochte er seiner ersten Partei nicht antun, trotz seiner Kritik an ihr, „Einmal falsch verbunden, dann für immer“, so dachte er. Erst der sanfte Hinweis der Hobbels, dass er so wenig für seine, ihre Ziele erreichen könnte, brachte ihn zum Umdenken.

Die CDU fand er dann auch nicht spannender oder viel erträglicher als seine alte Partei, traten die gleichen Herrschertypen auf, nur mit mehr Gelaber, aber auch das „Wir sind die Besten, sind die Einzigen!“ hatten die völlig drauf. Auch wenn sie für den phantastischen Wirtschaftsaufschwung sorgte, jedenfalls nach seinem Eindruck, wurde er nicht mit ihr warm.“

EU-Kritik am Menschenhandel



 










leicht säuerlich:

die EU kritisiert
mein Land, die BRD, dass sie
nicht genug gegen
Menschenhandel vorgehe

wie geht das logisch zu?
sind wir doch allseits
anerkannte Weltmeister
in der Schaffung
von billigen Arbeitsplätzen

warum da noch
Unterschiede machen?
auch das Ficken ist halt
bei uns um Ecken billiger

als in Griechenland
warum sollten wir da
die Preise erhöhen

durch Erschwerungen
des Menschenhandels
wenn Griechen es sich dann

nicht mehr leisten könnten
den Rest ihres Geldes so
bei uns in bar ab zu liefern

Mittwoch, 10. April 2013

"Am Ende stehen wir da, wo wir angefangen haben." Fortsetzung 7


Wahrscheinlich musste man dem Herrn, denn das war er offensichtlich, irgendetwas anbieten. Und das tat ich. Wein fand er gut, ich auch und so saßen wir bald darauf uns gegenüber, stießen die Gläser an und schlürften genüsslich roten Wein. Anderen hatte ich nicht im Hause, den Weißen trank sie am liebsten aber ich auch und so harte stets nur der Rotwein seiner Zeiten bei uns.

„Sie haben ihr nicht geglaubt“, begann er den Anlass seines Besucher mir vor zu stellen. Fuhr fort, „was ja verständlich ist. Ich habe ihr gesagt, dass sie etwas zu schnell damit raus gekommen ist. Ich hatte ihr vorher geraten, behutsam vor zu gehen, aber auf jeden Fall es zu versuchen.“
„Was zu versuchen?“
„Sie endlich in Kenntnis zu setzen und unser Interesse an Ihnen, oder darf ich Du sagen, schließlich sind wir verwandt?!“

Das mit dem Du regelten wir wie unter Verwandten üblich mit Glas an Glas aber ohne Bruderkuss. Das wäre mir in der Situation wirklich zu viel gewesen.

„Sie, Entschuldigung, Du hast wahrscheinlich inzwischen recherchiert und nichts gefunden über die Gemeinschaft der Hobbels. Brauchst nur zu nicken. Schließlich haben wir nicht wenig Energie darauf verwendet, das es so ist und hoffentlich auch so bleibt.“

„Großonkel, ich nenne Sie, Du mal so: so etwas behaupten andere, die einem Mist verkaufen wollen auch gerne! Ist geradezu ihre Masche, auf die ich, entschuldige, wirklich keinen Bock habe! Es gibt keine Geheimorganisation Hobbels, schon gar nicht mit Vertretern meiner Familie, erst recht nicht mit den mir genannten Verwandten, Schluss, Punkt, Aus!“

Er sah mich ruhig an, nippte genüsslich am Wein, was mich ebenfalls nippen ließ, streckte sich auf dem Sessel in die Höhe beim Sitzen, sah mir direkt in die Augen und sagte, wie nicht anders zu erwarten: „Doch, es gibt sie, es gibt uns und ich bin hier um Dir mehr darüber zu erzählen, vielleicht verschwindet ja dann Deine, wie ich leider zu geben muss, berechtigte Skepsis.“

Er hatte mich, einfach so durch seine sanfte beharrliche, nette Art, hatte mich und ich fragte mich, ob ich denn wenigstens die Chance hatte, ihm zu sagen, dass ich auf einem anderen Suchweg war, ein wichtiger Weg, jedenfalls für mich, auch wenn ich noch immer nicht formulieren konnte, warum eigentlich und mit welchem konkreten Ziel, was sie beim letzten Gespräch regelrecht an die sprichwörtliche Decke gebracht hatte, mich aber nicht beirren konnte oder abbringen, konnte ich ihm das entgegenbringen und so von seinen Hobbels verschont bleiben?

Wahrscheinlich nicht. Er saß da, ruhig, lächelnd, bestimmend entsprechend seines Alters und unserer Schwäche dem gegenüber, saß da also und ich, ich schwieg von meinen Gedanken, Zielen, Fragen, hörte mir stattdessen an, was er meinte, mir erzählen zu müssen, auch um seine, meine liebe Roswitha zu entlasten, ihr und mir unser nächstes Gespräch zu erleichtern.

„Roswitha war vor allem verwundert, warum Du so intensiv nach ihrem jahrelangem Freund und Besucher Karl gefragt hast, der dich mehr zu interessieren schien als unsere Geschichte, die der Hobbels.

Warte, ich habe bereits mit ihr darüber gesprochen und ihr versucht zu erklären, was ich meine verstanden zu haben an deinem Interesse.  Aber Du wirst mit Deinen Fragen nicht wirklich weiter kommen, wenn Du Dich gegen diese also uns Hobbels sperrst.

Ich kann ja verstehen, dass es unglaubwürdig, mehr noch total überraschend und völlig anders klingt, als das, was Du eigentlich gesucht und vermutet hast. Ginge mir wahrscheinlich genau so und auch Karl hat damals zuerst so reagiert wie Du.“

Jetzt hatte er mich, mit Karl, mit der Möglichkeit, dass in Karl mehr steckte als alle in ihm gesehen hatten. Und das war es, was ich bis jetzt schon für mich vermutet hatte und warum mich der Kerl überhaupt so sehr interessierte. Also entspannte ich mich und hörte zu, nur unterbrochen von dem Nachfüllen in unsere Weingläser. Später, im Laufe des Abends brachte ich auch noch kleine Häppchen auf den Tisch und am Ende stießen wir mit Grappa an.

Er überzeugte mich und am nächsten Morgen sah ich mir die Bilder in meiner Wohnung frisch und mit neuen Augen an. Das Gefühl von irgendetwas ausgesperrt gewesen zu sein, verstärkte sich und hatte plötzlich eine Erklärung. Trotzdem blieb in mir ein Unbehagen und das Gefühl, dass auch diese immer noch für mich jedenfalls abstruse Story mehr steckte in ihrem Verhalten und den Folgen auf mich, die damit noch nicht wirklich erklärt waren.

Eines war mir aber klar, ihr würde ich davon nichts erzählen, brächte nur meine eigenen Zweifel nach oben und noch mehr Verwirrung.

Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, so waren diese Hobbels ungeachtet ihrer Gemeinschaft in allen möglichen Parteien und Organisationen aktiv. Karl brachte er bei, dass er sich nicht schämen müsse, da er offensichtlich eher pazifistisch eingestellt und dies wunderbar sei. Sein ganzes Verhalten, auch und gerade in seiner Familie, zeige das doch sehr offensichtlich. Karls Träume, auch gerade die mit Hans Albers, zeigten doch einen Menschen der mit dem ganzen Nazi-Scheiß nichts am Hute hätte. Er hätte Anerkennung gesucht, wie die meisten Menschen, auch Liebe, hätte sie nie aber mit Gewalt sich geholt. Was ihm vor allem gefehlt hätte wäre doch das was er in der Nazi-Partei vergeblich gesucht hätte, Orientierung, Hilfe für den Weg durch das Leben ohne Gewalt, ohne auf andere zu schießen oder sie zu vernichten, was ja das Gleiche wäre.

Er hätte Karl in den Gesprächen nie kritisiert für seinen Eintritt bei den Nazis und so hätten sie schnell eine gute Basis gefunden und am Ende wäre Karl überzeugt davon gewesen, das er immer schon ohne es zu wissen oder zu ahnen ein Hobbel gewesen sei,. Und er wäre auch sofort bereit gewesen den Weg mit seiner Frau in der Politik weiter zu gehen, jetzt aber vor allem um ihnen zu berichten und in ihrem Sinne vorsichtig gegen zu lenken.

Erst danach ließ er mich einiges über meine Familien erfahren. Und zum Schluss, es war nicht anders zu erwarten gewesen, fragte er mich direkt, ob ich es mir anbetracht dieser Vorgeschichte, nicht vorstellen könne, ein Mitglied der Hobbels zu werden. Er präsentierte mir auch gleich ein paar, zugegeben teils verlockende Angebote, dazu.

Dabei wurde er mir immer unheimlicher. Sein Lächeln, seine Augen, die nichts verrieten, nur Neugierde und Freundlichkeit, aber ich spürte dahinter etwas anderes, etwas, das er mir nicht verraten würde und dies mit gutem Grund: seine wirklichen Gedanken.

Ein Profi saß da vor mir, ein Menschenfänger, so in etwa stelle ich mir jedenfalls diese Gurus im Erstkontakt vor.

Und so war ich froh, als mich endlich verließ, freundlich, unverbindlich ein mögliches künftiges Wiedertreffen in meinen Räumen da lassend. Und eine merkwürdige Spannung, die sich auch durch mein sofortiges Lüften nicht verzog. Ich fühlte mich bedrückt, leicht verunsichert und zugleich wütend.

Überhaupt keine Lust verspürte ich, mich auf seine Bilder und Ideen weiter ein zu lassen. Fast hatte ich das Gefühl, sie sabotierten meinen Versuch mir Klarheit zu verschaffen über unsere Familien und mich und woher meine Gefühle und Schmerzen kamen. Was sollte ich nicht entdecken? Gab es ein Geheimnis, ein wirkliches, echtes neben diesem Hirngespinst der Hobbelei von Männern, die sich einerseits angeblich zu nichts zugehörig fühlten, nicht zu irgendwelchen Religionen noch zu irgendwelchen Ideologien und sich darin gefunden haben sollen, nur auf welcher Basis?

Alles sehr nebulös und wenn es ein tiefes schwarzes Loch verbarg in das ich nicht hinabsteigen sollte? Wovor könnten sie Angst haben, meine „leicht vertüdelte“ Stiefmutter, wie Hermiene immer sagte, und dieser freundliche alte Herr, ein bisschen zu freundlich, zu alt?

Was soll das helfen da draußen, wo nur die Zahnräder auf uns warten und wehe wir bewegen uns falsch zwischen ihnen, platsch, schon ist es aus und dieses Räderwerk verstehen, wie es dazu gekommen ist, bin ich nicht dafür ausgestiegen und losgezogen, zu erfahren wie es kommen konnte und kam, wie wir wurden was wir sind? Was braucht es da solche hohlen Geschichten über Leute die nichts sein wollten, nichts gut fanden im Angebot und doch bei allem mitmachten als angeblichem Sand im Getriebe. Wo hat es denn mal geknirscht, ist dadurch etwas stehen geblieben. Das hätte die Geschichte doch bestimmt nicht totgeschwiegen.

Ist es nicht wichtiger für mich zu erfahren, was mich an Karl, seiner Geschichte berührt, was mich zu ihm hinzieht, eventuell durch das, was er von mir enthält, wo wir uns berühren in unseren Ängsten und Sehnsüchten? Zum Beispiel wo ist Karl hängen geblieben, wo ich, wie können wir uns befreien?

Oder die Tatsache, die so spät auf meinen Tisch kam, nie Thema war und doch wahr und auf bösartige Weise schrecklich, weil auch ich bis dahin schon öfter diesem Volk gegenüber als Verräter und Verächter aufgetreten war, dass wir Polen sind, meine ganze Familie, zweite und dritte Generation, so wie die zweite und dritte Generation die wir immer noch als Türken, Araber, Afrikaner oder sonst was identifizieren, denunzieren, bloßstellen und ausgrenzen in meinem Land, in Häusern verbrennen lassen, an Haltstellen zu Tode prügeln?! Muss ich da jetzt nicht die Straßenseite wechseln, gehöre ich doch auf ihre Seite, unter die Schläge, in die brennenden Häuser? Warum haben wir nie darüber geredet, stattdessen Geschichten so wie die von Karl erzählt?

Wenn sie jetzt da wäre, könnte ich versuchen mit ihr darüber zu reden. Aber sie muss im Süden der Republik einen Job erledigen. Hätte es überhaupt Sinn? Wahrscheinlich nicht, sie fährt wohl mal mit, sieht sich mit um, sucht auch und hilft mir mit der einen oder anderen Idee, nur hören, hören will sie von all diesen Gedanken nichts, das sei meine Sache, wohl meine Art etwas auf zu arbeiten, aber nicht die ihre, früher hätten sie gesagt „Spökenkiekerei“. Hauptsache ich verlöre mich nicht ganz darin und die Realität völlig aus den Augen. Dabei ist es ja gerade sie, die ich suche, die Realität in und hinter uns, die, die wirklich uns antreibt oder runter zieht. Für sie eher eine Sache der Soziologen und Psychologen, vielleicht noch der Politologen obwohl sie die für „Vielquatscher und Wichtigtuer ohne echten wissenschaftlichen Hintergrund“ hält. Bei den Politologen ist sie konservativ, zumindest was den Begriff der Wissenschaft angeht. Gut, ihr Problem.

Ist es nicht merkwürdig, kaum bringen einem Leute fremde Ideen, schon hapert es mit den eigenen. Liegt das nun an mir oder diesen Leuten, vor allem diesen Hobbels? Kann mich kaum konzentrieren, möchte am liebsten raus laufen, wenn nicht der blöde Ostwind dort auf mich lauern würde, bereit in meine Hosenbeine zu kriechen und meinen Körper ein zu frieren. Da bleibe ich lieber hier, wüsste auch nicht, was mir jetzt das Laufen helfen könnte, ich würde doch nur meine Gedanken im Kreise drehen. Nein, muss mich auf Karl konzentrieren, ihm folgen, nicht dem feinen, alten Doktor mit seinen Hobbelspielchen. Unsere Geschichte ist mir sowieso schon lange mit zu viel konstruierten Geschichten angeblich erzählt, in Wirklichkeit vernebelt, verzuckert und zugeschmissen.

„Karl musste auf der Werft mit aufräumen, wie alle anderen Steine klopfen, Metall aufsuchen, säubern und biegen.

Der Besitzer und einst so stolze Chef kam erst nach einem Jahr etwas kleinlauter wieder in einem billigen grauen Trenchcoat wie eben Knastbrüder so wirken nach einem Jahr Zelle.

Da war Karl bereits Leiter des Büros geworden. Weil er nur einfaches Parteimitglied war, nie Soldat, nie groß in Erscheinung getreten, galt er von Anfang an als "Antifaschist" und einer der nie wirklich etwas mit „Denen“ zu tun gehabt hätte. Bestätigten ihm gerne alle Kollegen, vor allem die, die das Gegenteil getan und sich nun von ihm Vorteile versprachen.

Karl wehrte sich nicht dagegen.

Als der Chef den alten Horstmann mitbrachte und als Bürochef einsetzte, bedankte sich Karl für die Ehre, weiter sein Mitarbeiter sein zu dürfen, er wisse schon, mit diesem Arm, eigentlich sei er auch nicht der schnellste, und verzog sich froh zurück an seinen alten Arbeitsplatz.  Auch dass Horstmann aktiver Nazi, ein Goldfasan gewesen war, störte ihn nicht wirklich. Längst hatte er sich bezüglich deren Bestrafung einiges abgeschminkt, hörte er doch von allen Seiten dasselbe. Angeblich seien die „unverzichtbar“ beim Wiederaufbau und um den gehe es ja schließlich, wo so viele hungerten und der Winter fast den Rest der Bevölkerung hingerafft hätte wegen dem Mangel an Kohlen und Öfen Die Arbeiter buhten ihn dafür aus und streikten bis Horstmann freiwillig dem Chef seinen Ausstieg aus Firma anbot.  Karl wurde trotzdem nicht wieder ihr Leiter.