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Donnerstag, 21. Februar 2013

Der Streit

Es packte mich dereinst die böse Wut
Fraß ungefragt, ja gierig tief in mich hinein
Brachte laut arg Ungehobeltes hervor
ließ als Folge allein' mich steh’n in großer Kälte

als wär‘ mein armes Herz ein Feuerwerk
aus Pulver und Granaten, der Bombenschoß
einer Raketenabschussrampe nur
gegen jeden und alles hier auf Erden

bis Du kamst und streichelsanfte Worte
in mich gabst, beständig und auch händig
Deine Zärtlichkeit über mein Gewitter strich
Hinweg das ganze Kriegsgedröhn im Kopf

Und ich mich in Dir wiederfand als Lamm
Gebürstet und gestriegelt, sanft zuckend
In kleinen Liebesstößen nah am Schoß spürte
wie herrlich Liebe schlimmste Feuer löschen kann

Dienstag, 19. Februar 2013

Auszeit



Ich nahm das Brot den Stock den Stein
Nahm auf was lebt was übrig bleibt
Wollte dabei stets nur freundlich sein
Im Nebel nun mich Wahnsinn treibt

fort von den Freunden, Haus und Stadt
Hinein in die Kümmernis der Laken
Alleine nun mit meinem großen Rad
zu lange aufgesparter Gedanken

noch ist der Tod nicht mein Gesell
noch halt ich fest mich an’s Erwachen
genieß‘ den frühen Morgen ist er hell
pack‘ ich schleunigst meine Sachen

das Gestern mag im Hause bleiben
die Fron, die Müh‘ so‘n Mensch zu sein
trotz Normenzwang und Narrentreiben
kehr‘ ich gestärkt bei mir selber ein

Und nehm das Brot den Stock den Stein
Nehme auf was lebt was übrig bleibt
Werde weiter dabei oft freundlich sein
Genieße jetzt was da als Leben treibt

Gibt es doch allemal mehr auf Erden
Weit Besseres als Wahnsinn und Tod
Mit Deiner Liebe wird es schön werden
Die stärkt uns mehr als jedes Körnerbrot


Montag, 18. Februar 2013

Verzweiflung



Ich suche meine Schuhe. Ich suche meine Krawatte. Ich weiß, ich komme zu spät. Die Zahnpasta hängt mir noch im Gesicht. Der Kamm ist zu gut versteckt. Der Rasierer muss neu aufgeladen werden. Das Klopapier ist alle.
Verflucht, dies ist kein Computerspiel. Dies ist nackte Realität.
Wer hilft mir hier raus! Jetzt bin ich wirklich zu spät.
Das Auto startet zu langsam. Die Ampeln stehen alle auf Rot. Die Fußgängerin hat noch mal Glück gehabt. Mein Parkplatz ist besetzt. Mein Chef steht vor der Tür. Verflucht, warum gibt es jetzt keine Maus, keinen Neustart. Verfluchte Realität.
A new game please!

Die richtige Antwort



abwarten mahnt mein Verstand
wehre Dich drängt mein Gefühl

zu spät knurrt mein Magen
vergiss es flüstert die Liebe

man kann nicht
auf alles sofort
die richtige Antwort
parat haben


Sonntag, 17. Februar 2013

Sprachverlust

verlieren wir im Leben
nicht mit jedem Tag
ein paar Wörter mehr
die uns nichts mehr sagen

bis wir verloren und gefasst
nur noch die einfachen
Worte zur Verfügung haben
allesamt satzuntauglich

wie Glaube, Liebe, Hass
Schmerz, Trauer, Leidenschaft
sind wir was wir sind
gestrandete Sprachpiraten

ohne große Vorwürfe
an das Leben das uns
die Sprache nahm
mit dem Erkennen

auf dem Weg in das
große letzte Schweigen



Mittwoch, 23. November 2011

Die Geschichte, die sich vor mir aus dem Staub gemacht hat


Die Geschichte, die sich vor mir aus dem Staub gemacht hat

Ich bin gestorben in Auschwitz und Treblinka, bin gefallen vor Verdun und in den Dardanellen, bin verbrannt in Dresden und ertrunken in Indonesien. Die große Welle hat mich gefressen und doch bin ich noch immer nicht tot. Nicht so richtig.

Bin soweit am Leben, dass ich sogar meine jüngeren Geschwister begraben konnte und Jahre danach alle Eltern, Groß- und Klein und Tanten und Onkel bis auf eine, ausgerechnet die, die lange versteckt gehalten war vor der Familie und die zwei Halben, die nie dazu gezählt worden waren. Kein großer Bruder sollte das tun. Da bleibt dann nicht mehr viel zum Leben.

Oft tauchte meine Mutter ab in nächtlichen Fluten, die beiden zu suchen. Ihre Schreie drangen bis in das Kinderzimmer. Ich schwamm alleine vor mich hin. Meinen Vater hörte ich nicht rufen.

Einmal gab es die Chance zum Ersaufen, aber mein Fuß trat ihn, an dem er mich zurückzog an Strand und Leben. Meinen Namen hörte ich in seiner Stimme nicht.
Sie trieben danach an Land weit von mir weg. Ich habe vielleicht nach ihnen gerufen. Genau weiß ich das nicht. Sie sind plötzlich fort gewesen und ließen mir ihre Geschichten zurück.


Warum bin ich immer noch am Leben und all die anderen nicht?

Wenn du stirbst, wirst du leben. Und wenn du lebst, bist du tot. Moral all ihrer Geschichten, die vor mir gegangen sind.

Ein Untoter auf Erden, so schleppe ich mich heim. Wer mich grüßt, ist mir willkommen, der Rest hat mich erkannt. Kälte habe ich im Gepäck und Verwesung. Mein Geruch ist jahrhunderte alt.  Wovon soll ich dir erzählen? Deine Suppe wird davon nur kalt. Ja gerade die, die du selber am auslöffeln bist. Deine Brühe.


Ich tunke heute nur mein gutes Brot in den abgestandenen Rest und bewundere das Leben, das um mich herum sich durchfrisst und erbricht, bisweilen Liebe erschafft und echten Frohsinn, Häuser bunt anmalt und schöne Bücher über das Leben schreibt. Sehe die Falter sich laben an den Blumen der Gräber und die Birken sich schütteln im Wind über den Grabsteinen.


„Mitten im Leben vom Tod umfangen“, der das geschrieben hat, hat mich voll erwischt. Konnte er nicht wissen. Ich leb’ ja noch. Also kein Aufruhr, bitte. Jeder hat halt so seine Geschichte. Aber mich zog es zu denen, die vor mir gestorben sind,


in den KZ’s, Bergbaugruben, Fabrikhallen, Todesmärschen, Stellungskriegen.


Und jedes Mal, meinte ich, dort nicht zum Überleben den rettenden Weg, schon gar nicht den zu heldenhaftem Tun, gefunden zu haben. Dort hätte es mich erwischen müssen. So auch bei den Brandbomben in Bremen, denen meine Mutter entkam.


Mich hätten sie auf der Todesrampe in Auschwitz zur verkehrten Seite aussortiert. Da war ich mir sicher.


Man kann nicht immer soviel Glück haben, nicht so häufig ohne eigenes Verdienst überleben, so wie ich meine Geschwister. Dafür waren und sind zu viele Scharfschützen rund um uns herum in der jüngsten Geschichte unterwegs.


Und wenn heute die Tsunamis die Bildschirme überschwappen lassen, frage ich mich wieder: Warum nicht auch mich?

Warum mussten so viele Juden ihr Leben in den Gaskammern hingeben und ich soll lebendig sein? Warum erloschen so viele Liebesträume in den vergasten Schützengräben des ersten Weltkrieges und meines nicht?
Wer hat denen das Leben genommen und mich verschont. Und wofür?

Ich kann diese Welt nicht aus den Angeln heben, den Hunger abschaffen, den Frieden bringen. Tut mir leid, zum Messias hat es trotzdem nicht gereicht. Nur zum Knurren, Töpfe schlagen, Zeilen schreiben. Warum darf und kann ich nunmehr alter Sack in Deutschland den Leib verwöhnen mit mancher Köstlichkeit


und in Afrika erhalten die Kinder zum Leben weder Zeit noch Freud?


Ich frage Euch, die Ihr mit mir am Leben seid und fresst und sauft und teure Schlitten Euer eigen nennt wie die Häuser mit den vielen Zimmern und Edelküchen.


Ich frage Euch, die Ihr wie ich Euch ausprobieren könnt und Lebenswege wechseln. Ich frage mich, was ist die Pflicht und was die Kür, wenn man das Leben hier genießen darf?


Und frage rund herum: wer weiß noch, dass er nur Überlebender ist, Davongekommener, ein mit Zeit Beschenkter,

ohne wirklichen Verdienst es so gut zu haben, wie früher nur die Mächtigen und und Blutsauger der Völker?