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Donnerstag, 31. Oktober 2013

Alte Kanalpläne

unschuldig gelb und grün
zwischen den Stadtteilen
ein breites Band

unserer Dächer rot
wie darunter die Hauswände
vom vergossenen Blut
flüstert hier keiner mehr
seit Jahrzehnten frei

unbebaut
diese Fläche
für den Adolf-Hitler-Kanal
samt großzügigen Yachthafen

ist man hier schon immer vorsichtig
umgegangen mit Plänen
wer weiß denn
im Landkreis der „Moorsoldaten“
wohin der nächste Spaten durch wen sticht

*in Lingen ist heute noch eine Fläche quer durch die Stadt frei aufgrund von Planungen in der Nazi-Zeit für einen Adolf-Hitler-Kanal

© bild + text jörn laue-weltring lingen 2013

Freitag, 25. Oktober 2013

Unterschiedliche Werte


Als der alte Mann zurück in das große Haus kam, hörte er schon auf der Terrasse das Weinen seines Enkels im Salon. Sofort ging er dort hinein, nach dem Rechten zu sehen. Er fand seinen Enkel auf den Knien vor den Scherben der großen Vase, die das Hochzeitsgeschenk für die im letzten Jahr verstorbene Ehefrau gewesen war. Eine teure Vase, ein wertvolles Geschenk, das sie immer sehr gerne angesehen und mit schönen Blumen aus ihrem Garten befüllt hatte.
Der alte Mann setzte sich neben seinen Enkel auf den Boden, achtete nicht auf die Pfütze, die ihm die Hose durchnässte, nahm seinen Enkel in den Arm und fragte ihn leise, was denn geschehen sei.
Nur stockend und immer wieder von kräftigen Schluchzern unterbrochen gelang es dem Kleinen das Malheur zu berichten, wie er hinter der Katze hergelaufen und dabei mit dem Ellbogen an die Vase gestoßen sei und sie viel zu groß und viel zu schwer gewesen für ihn sie in ihrem Flug auf zu fangen und dann sei sie zerbrochen auf den Fliesen und er schäme sich so.
Der Alte hörte kaum richtig zu, sah zu dem Fenster hinaus und streichelte dem weinenden Knaben sanft über das Haar, drückte ihn zärtlich an sich, wenn das Schluchzen zu stark und der ganze kleine Körper davon durchgeschüttelt wurde.
Schließlich beruhigte sich das Kind etwas und der alte Mann begann zu sprechen.
„Weißt Du, diese Vase hier, die hat jetzt keinen Wert mehr. So ist das mit den Dingen. Irgendwann verlieren wir sie und sie verlieren ihren Wert für uns, mal durch Zerstörung, mal ganz einfach durch die Zeit. Verstehst Du?“
Der Junge in seinem Arm nickte tapfer, wusste aber wohl kaum etwas mit diesen Worten an zu fangen außer, dass der Opa ihm nicht böse zu sein schien wegen des Unglücks.
„Aber, mein lieber, lieber Enkel, wir Menschen, wir verlieren nie unseren Wert, hörst Du, mag man uns auch noch so treten, zerbrechen oder verletzten. Sie mögen uns klein machen, einsperren, isolieren von anderen, verhöhnen, auslachen. Wir behalten unseren Wert und der ist unbezahlbar viel höher, als der Wert einer solchen Vase je sein kann.“
Das verstand der Junge und er nickte, sah seinen Großvater dankbar an. So saßen sie eine Weile zusammen inmitten der Scherben, die in der Nachmittagssonne glänzten und ein letztes Mal die Farbenkunst ihrer Schöpfer zeigten.
Und da war es, dass der Junge sein von Tränen verschmiertes Gesicht zu dem alten Mann wandte und sich das erste Mal traute zu fragen, was das für eine merkwürdige Tätowierung auf dem Arm sei, die der Großvater da habe.
Der alte Mann sah ruhig in die Augen seines Enkels, die ihn erwartungsvoll ansahen. Und er erzählte von den Lagern dieses anderen Landes, in dem er aufgewachsen war, wie er und seine Familie dorthin mit Viehwaggons gebracht worden waren, die Eltern in Duschräume gehen mussten und nie wieder kamen, da dort kein Wasser aus den Duschköpfen gekommen war sondern Gas und wie er selber mit den letzten, fast verhungerten Überlebenden befreit worden war nach langer Zeit und er als Waise zum Onkel geflogen wurde, der rechtzeitig das Land verlassen hatte.
Der alte Mann erzählte es ruhig und ohne Bitterkeit und sein Enkel vergaß die Vase, sah seinen Großvater traurig an, spürte einen ganz anderen Schmerz, einen, der viel tiefer saß und die ganze Brust füllte, ein Schmerz von dem er ahnte, dass der ihn nicht wieder verlassen würde, sein ganzes Leben lang.
Der Alte aber sah sich wieder als verzweifelten Jungen in Auschwitz den Kopf zum Himmel richten, mit seinen müden Augen den Kranichen folgen, die dort gen Süden flogen, dorthin wo wohl noch die Sonne schien.

Freitag, 10. Mai 2013

Wo die Emslandlager standen





Butterblumen
auf grünem Feld
getrocknetem Blut
und Schweiß
der Moorsoldaten
hat die Natur
mit sich selbst
Frieden gefunden

Carl von Ossietzky*
ist hier keine
schützenswerte
Pflanze das Lied
der Moorsoldaten*
summt nur noch
in den Birkenzweigen
für den der
im Moormuseum
vergeblich
danach sucht

Nur wir
streifen
hier ratlos
zwischen
Sonntagskindern
umher

auf der
Suche
nach dem
was war
ungewiss
was davon
noch Wurzeln hat
unter unseren
Schritten
auf seinen
nächsten Frühling
lauernd

angesichts
blühenden
Vergessens 
ringsum
was wird da
aus uns
*


Die "Emslandlager" waren Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager im Landkreis Emsland und der Grafschaft Bentheim der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945. Carl von Ossietzky war das prominteste Opfer dort und starb an den Folgen seiner Inhaftierung. Das „Lied der Moorsoldaten“ von den Gefangenen schildert ihre tägliche Zwangsarbeit im Moor. Es gab insgesamt 15 Lager an der Grenze zu den Niederlanden.